Hannah Arendt und der politische Zionismus
Erstellt amInhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hauptteil
__2.1 Kurze Charakterisierung von Hannah Arendt
__2.2 Der politische Zionismus
__2.3 Hannah Arendts Positionierung zum Zionismus
3. Schlussbemerkung
4. Quellen- und Literaturverzeichnis
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Im folgenden Beitrag werde ich mich mit der Positionierung der jüdischen Philosophin Hannah Arendt zum politischen Zionismus beschäftigen. Der Fokus meiner Betrachtungen wird insbesondere auf ihrer deutlichen Kritik an der Politik der Mehrheit der zionistischen Organisationen hinsichtlich der Gründung eines jüdischen Staates in Palästina liegen, womit sie damals für viel Zündstoff und großes Aufsehen sorgte. Als Untersuchungszeitraum für die Behandlung der Thematik wählte ich die Zeit zwischen 1926 – wo Hannah Arendt den Kopf der zionistischen Bewegung in Deutschland, Kurt Blumenfeld, kennenlernte und sich ihr politisches Denken mehr und mehr entfaltete – und dem Oktober 1944, als in Atlantic City bei einer Versammlung amerikanischer Zionisten eine Resolution gefasst wurde, die von Arendt als das „Endergebnis von 50 Jahren zionistischer Politik“[1] betrachtet wurde. Dabei interessiert mich vor allem, warum Hannah Arendt eine zunehmend ablehnende Haltung gegenüber der offiziellen zionistischen Politik einnahm, was für Alternativen sie zu dieser sah und wo die Bedeutung ihrer Kritik liegt. Bei dem Versuch der Beantwortung dieser Fragestellung stütze ich mich insbesondere auf das von Eike Geisel und Klaus Bittermann herausgegebene Buch „Die Krise des Zionismus“ – darin zu finden sind vor allem Hannah Arendts Beiträge für den Aufbau, die in New York publizierte Zeitung des German Jewish Club für deutsch-jüdische Emigranten, die sie als wache Zeitzeugin und engagierte Vertreterin des jüdischen Freiheitskampfes zeigen. Als aktuelle Forschungsliteratur dienen mir u. a. die Dissertation von Andreas Tassilo Klotz mit dem Titel „Juden und Judentum bei Hannah Arendt unter besonderer Berücksichtigung des Briefwechsels mit Karl Jaspers“ – in der auf Arendts Kritik an zionistischer Politik und zionistischen Politikern eingegangen wird – sowie eine Schriftenreihe des Hannah Arendt-Zentrums der Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg mit dem Titel „Totalitäre Herrschaft und republikanische Demokratie“, die Antonia Grunenberg herausgab. Im Hauptteil der Arbeit werde ich zunächst Hannah Arendt kurz zu charakterisieren versuchen und erläutern, was unter dem politischen Zionismus zu verstehen ist. Schließlich arbeite ich die Positionierung Arendts zu der offiziellen zionistischen Politik zwischen 1926 und 1944 heraus.
2.1 Kurze Charakterisierung von Hannah Arendt
Die in Hannover geborene und in Königsberg aufgewachsene Hannah Arendt (14.10.1906 – 4.12.1975) erfuhr von ihrer Mutter eine Maxime, die sie ihr Leben lang begleiten sollte: „Man darf sich nicht ducken! Man muß sich wehren!“[2] Ganz in diesem Sinne fiel die Schriftstellerin, Politikwissenschaftlerin und Philosophin in ihrem weltlichen Wirken durch ein entschiedenes Auftreten auf. Nach einer Aussage des Historikers Joachim Fest in seinem Erinnerungsbuch Begegnungen. Über nahe und ferne Freunde ist sie „jeweils die ganze Wegstrecke zu Ende gegangen, die ein Gedanke verlangte, und oftmals in provokantem Mutwillen über das Ziel hinaus.“[3] Sie folgte der strikten Devise: „Denken muß man mit Haut und Haaren. [...] Oder man läßt es bleiben“.[4] Arendt hielt überhaupt nichts von geistigen Lagern – in denen, so meinte sie, herrsche meistens der Ungeist! Auch sei sie „weder links noch rechts, weder liberal noch prinzipienstreng und glaube nicht einmal an irgendeinen Fortschritt – sei es in der Moral, sei es im Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse.“[5] Die Entwicklung irgendwelcher Theorien war ihr fremd: diese seien „pompöse Masken für dürre Köpfe, die auf dem intellektuellen Karneval herumspringen.“[6] Einzig und allein im Verstehen der Welt und der Menschen sah sie ihre Aufgabe. Damit verbunden war sie nicht bereit, „den Gedanken irgendeiner taktischen Überlegung anzupassen oder gar zu unterwerfen.“[7] Sie wollte ihr Denken nicht in ein geistiges Korsett eingezwängt wissen, sondern frei von ideologischem Gedankengut urteilen. Hannah Arendt vermochte nicht aus irgendeiner Grauen Theorie, sondern aus der Beurteilung der Taten, die ein Mensch im Laufe seines Lebens vollbrachte, wichtige Einsichten zu schöpfen: „Noch in den finstersten Zeiten haben wir ein Recht, eine gewisse Erleuchtung zu erwarten. Sie kommt wahrscheinlich weniger von Theorien und Begriffen als von dem ungewissen, flackernden und oft schwachen Licht, das einige Männer und Frauen durch ihr Leben und Werk unter fast allen Umständen entzünden und auf die Zeitspanne werfen, die ihnen auf Erden gegeben ist.“[8]
Mit dem Aufblühen nationalstaatlichen Denkens bildete sich in Europa auch eine jüdische nationale Bewegung heraus, die durch die traditionelle glaubensmäßige Beziehung zu Palästina, dem Land der Verheißung, teilweise religiös geprägt, aber in dem Streben nach einem Judenstaat ebenso mit politischen Zielvorstellungen verbunden war. Von immanenter Bedeutung für die Entwicklung des politischen Zionismus sind wohl die leidvollen Erfahrungen gewesen, die die Juden im Zusammenhang mit dem Antisemitismus machten. Der aus Odessa stammende jüdische Arzt Leon Pinsker (1821 – 1891), der unter dem Eindruck des immer größeren Antisemitismus in Deutschland und der Judenpogrome von 1881 in Russland seine für den späteren politischen Zionismus bedeutende Schrift Autoemanzipation (1882) erscheinen ließ, in der er eine Heimat für das bedrängte Judentum forderte, das vor allem wieder eine Nation werden müsse, gilt als erster politischer Zionist. Die Begründung der zionistischen Bewegung wird jedoch dem österreichischen Schriftsteller und Politiker Theodor Herzl (2.5.1860 – 3.7.1904) mit seiner Schrift Der Judenstaat (1896) zugeschrieben. Für ihn war die Judenfrage eine nationale, von den Juden selbst zu lösende Aufgabe. Er organisierte den Zionismus als politische Kraft und gab ihm durch die ab 1897 durchgeführten Zionistischen Weltkongresse eine Plattform, die von großer Bedeutung für die zionistische Bewegung – der die Stadt Wien als Dreh- und Angelpunkt ihres Wirkens galt – zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele werden sollte. Auf Initiative Herzls hin wurde beim ersten Zionistischen Weltkongress die Zionistische Weltorganisation gegründet, deren Hauptziel die Errichtung eines rechtlich abgesicherten, international anerkannten jüdischen Staates im Land Israel war. Bis zum Ersten Weltkrieg gehörte nur eine Minderheit des europäischen Judentums der zionistischen Bewegung an. Insbesondere die westeuropäischen Juden, die formal emanzipiert waren, versagten in überwiegender Zahl dem Zionismus ihre Unterstützung – sie strebten nach einer Assimilation und sahen durch die zionistische Politik ihre Integration gefährdet. Erst in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts, als die Briten mit der Balfour Declaration ihre Unterstützung für den Aufbau jüdischer Siedlungen in Palästina zusicherten, kam es zu einer größeren Einwanderung von Juden nach Palästina. Schließlich sollte sich mit der Gründung des Staates Israel am 14. Mai 1948 die Forderung der Baseler Erklärung des ersten Zionistenkongresses von 1897 nach einer öffentlich-rechtlichen gesicherten Heimstätte in Palästina erfüllen.
2.3 Hannah Arendts Positionierung zum Zionismus
Nachdem ich kurz Hannah Arendt charakterisiert und die Entwicklung des politischen Zionismus bis zur Gründung des Staates Israel grob umrissen habe, versuche ich nun die Hauptfragestellung dieses Beitrages zu beantworten: Wie positionierte sich Hannah Arendt zum politischen Zionismus? Im Jahre 1926 lernte Hannah Arendt einen Mann kennen, „dessen Kenntnis und Wertschätzung der deutschen Kultur bemerkenswert, aber nicht nationalistisch war [...] und der ihr Gefühl für ihre jüdische Identität ansprach und förderte und sie in die Erneuerung des jüdischen Bewußtseins einführte, welche die Zionisten vollzogen hatten.“[9] Die Rede ist von Kurt Blumenfeld (29.5.1884 – 21.5.1963), „einer der einflußreichsten Verfechter des Zionismus in Deutschland”[10], der von 1911 bis 1914 Generalsekretär des zionistischen Weltverbandes und von 1924 bis 1933 Präsident der zionistischen Vereinigung für Deutschland war. Mit ihm traf Hannah Arendt das erste Mal zusammen, als ihr damaliger Freund, Hans Jonas, Blumenfeld einlud, um bei einer Versammlung des zionistischen Studentenvereins von Heidelberg zu sprechen. Als dieser seine Rede beendet hatte, luden Arendt und Jonas ihn zu einem Abendessen ein, „und als sie aßen, kräftig tranken und dann durch die Straßen Heidelbergs zu dem schönen Philosophenweg schlenderten, der sich über den Hügel gegenüber der Stadt zieht, verhielt sie sich sowohl kokett als auch töchterlich. Blumenfeld und Arendt sangen – Arm in Arm – Lieder, rezitierten Gedichte und lachten ungestüm – während Jonas hinterhertrottete.“[11] Fortan sollte Blumenfeld für Arendt, die dessen „geistige Beweglichkeit, seine Vitalität und seinen unsentimentalen, ironischen Humor bewunderte“[12], in Sachen Politik so etwas wie ihr Mentor sein. So wie Blumenfeld interessierte sich auch Hannah Arendt für die Erforschung der Judenfrage und kam durch ihn immer mehr mit dem politischen Zionismus in Berührung. Ihr Denken wurde in den Jahren 1931 und 1932 merklich politischer und historischer, wobei sie „die meiste Zeit mit Kurt Blumenfeld und dessen zionistischen Freunden“[13] verbrachte und sich „mit mehreren der jüdischen Professoren von der Hochschule für Politik, einem der unabhängigsten, kreativsten Zentren in Deutschland und einer der wenigen Institutionen, die Studenten ohne Abitur zuließen“[14], traf. Im Laufe ihrer politischen Freundschaft kristallisierten sich nach und nach Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der Bewertung des Zionismus zwischen Arendt und Blumenfeld heraus: Entgegen der Auffassung von Arendt sah Blumenfeld „den Zionismus [...] als Ideologie der Emigration nach Palästina an, welche er 1939 durch seine Auswanderung dorthin in die Tat umsetzt.“[15] Zwar stimmte sie ihm „hinsichtlich des nationalen Selbstverständnisses und der Notwendigkeit zu handeln“[16] zu, jedoch beabsichtigte sie nie eine Auswanderung nach Palästina. Andererseits war sie wie er, „der befürchtet, die Juden könnten sich nicht nur anpassen, sondern auch ihre Sensibilität für etwaige Repressionen verlieren“[17], ein Gegner der Assimilation.
Im gleichen Atemzuge des Aufflammens ihres politischen Bewusstseins erfasste Hannah Arendt, die von „ihren zionistischen Kollegen und Universitätsfreunden [...] wegen ihrer geistigen Fähigkeiten sehr bewundert“[18] und mit dem Spitznamen Pallas Athene geehrt wurde, eine große Unruhe: die anschwellende Flut des Antisemitismus und der rasante politische Aufstieg der Nazis veranlasste sie dazu, erstmals über eine Emigration nachzudenken. Spätestens im Jahre 1933, dem Ende der Weimarer Republik und der Machtergreifung der Nazis, war sie „als Jüdin zu ihrem politischen Erwachen und zu ihrem Widerstand gekommen“[19] – ihre „Handlungsweise als Jüdin war durch die Zionisten geprägt.“[20] Auf Bitten von Kurt Blumenfeld übernahm sie im Frühjahr 1933 einige illegale Aufträge, indem sie in der „Preußischen Staatsbibliothek eine Sammlung aller antisemitischen Äußerungen auf unterer Ebene“[21] anlegte. Blumenfeld wählte sie für diese Aufgabe aus, da sie offiziell nicht mit den Zionisten verbunden war und daher der Organisation bei einer möglichen Verhaftung von Arendt weniger Gefahr drohte als bei der Festnahme eines Mitglieds. Das gesammelte Material sollte dazu verwendet werden, „um die Forderung zu untermauern, welche die Zionisten auf dem 18. Zionistenkongreß, der für den Sommer 1933 in Prag geplant war, stellen wollten.“[22] Diese spiegelte sich in der Kongress-Resolution wider, die wie folgt lautete:
„Nie zuvor in der Geschichte des Zionismus hat sich die absolute Genauigkeit der zionistischen Analyse der allgemeinen Judenfrage auf so tragische und überzeugende Weise manifestiert. Die Ereignisse in Deutschland haben den endgültigen Zusammenbruch aller Illusionen besiegelt, die eine Lösung der Judenfrage allein durch bürgerliche Emanzipation oder gar durch freiwillige Assimilation darstellten – den Zusammenbruch aller Versuche, die Solidarität und das gemeinsame Schicksal des jüdischen Volkes zu leugnen.“[23]
Nachdem Hannah Arendt einige Wochen das entsprechende Material für die Zionisten zusammengestellt hatte, wurde sie eines Tages beim Frühstück mit ihrer Mutter verhaftet und im Polizeipräsidium am Alexanderplatz einem Verhör unterzogen. Glücklicherweise wurde sie von einem „reizenden Kerl verhaftet, der erst vor kurzem in die politische Abteilung befördert worden war und seine Befugnisse noch nicht so genau kannte.“[24] Der Polizist, der offenbar Sympathien zu Hannah Arendt entwickelt hatte, setzte sich dafür ein, dass sie alsbald wieder auf freien Fuß gesetzt wurde. Nicht lange nach diesem einschneidenden Erlebnis flüchtete sie aus Deutschland über die Tschechoslowakei nach Paris, wo sie von 1934 – 1938 als Generalsekretärin der Jugend-Aliyah und von 1938 – 1939 für die Jewish Agency arbeitete, bis sie nach ihrer Heirat mit Heinrich Blücher im Jahre 1940 kurzzeitig im Konzentrationslager Gurs in Südfrankreich interniert wurde. Während ihrer Gefangenschaft überlegte sie ernsthaft, ob sie sich wegen der schrecklichen Weltlage das Leben nehmen sollte. Als aber einige Wochen später Frankreich von Deutschland geschlagen und die Kommunikation im Lande vollständig zusammengebrochen war, gelang es ihr, wegen des allgemeinen Chaos Entlassungspapiere zu erhalten und bei Freunden, die nicht weit vom Lager entfernt ein Haus gemietet hatten, eine Bleibe zu finden. Unter abenteuerlichen Umständen erreichte sie es schließlich, zusammen mit ihrem Ehemann und ihrer Mutter Visa zu erhalten, mit deren Hilfe sie in die USA emigrieren konnten.
Trotz der Tatsache, dass sie mit der „zionistischen Führung der Jewish Agency unzufrieden war, wollte Hannah Arendt mit zionistischen Kreisen von Emigranten oder Einheimischen in Amerika zusammenarbeiten.“[25] Eine Gelegenheit, „das ohne Wiederaufnahme der ermüdenden Sozialarbeit, die sie in Paris geleistet hatte, zu tun, bot sich ihr im November 1941, als sie eine Stelle beim Feuilleton der deutschsprachigen Zeitung Aufbau bekam.“[26] Unter der Leitung des 1937 eingestellten hauptamtlichen Redakteurs Manfred George hatte sich der Aufbau in kurzer Zeit „in ein bemerkenswertes Wochenmagazin, das sich an alle deutschsprachigen Flüchtlinge in der ganzen Welt richtete und den intellektuellen deutsch-jüdischen Emigranten ein Forum für ihre politischen Auffassungen eröffnete“[27], verwandelt. Die Kontakte von Arendt zu der Zeitschrift waren im September 1941 entstanden, „als sie einen Vortrag Kurt Blumenfelds zu dem Thema besuchte, das während des gesamten Folgejahres ihre Aufmerksamkeit weitgehend in Anspruch nahm: Sollten die Juden eine eigene Armee haben?“[28] Doch nicht nur die Briten, „die fürchteten, daß eine Armee mit palästinensischen Juden schließlich ihre Waffen gegen die palästinensischen Araber oder gegen die britische Armee in Palästina kehren würde“[29], sondern auch die amerikanische Regierung unterstützten dieses Vorhaben nicht. In ihrem Essay Die jüdische Armee. Der Beginn einer jüdischen Politik? vom 14. November 1941 sprach sich Hannah Arendt deutlich für den Aufbau einer jüdischen Armee aus: „Was heute noch die isolierte Forderung der palästinensischen Judenheit und ihrer Vertretung im Ausland ist, muß morgen der lebendige Wille großer Teile des Volkes werden, als Juden, in jüdischen Formationen, unter jüdischer Flagge den Kampf gegen Hitler aufzunehmen.“
Da auch die „zionistischen Organisationen Amerikas [...] anläßlich des Gedenktages der Balfour-Deklaration in aller Öffentlichkeit die Forderung einer jüdischen Armee zur Verteidigung Palästinas erhoben“[30] haben, ist Arendt umso mehr enttäuscht darüber, „daß eine jüdische Armee nur eine Sache auf dem Papier bleibt, und charakterisiert die Arbeit der vier in den USA tätigen jüdischen Institute mit den negativen Attributen unpolitisch und der Realität in keinem Maße entsprechend.“[31] Dieser Unmut über die Politik der öffentlichen jüdischen Institutionen in den Vereinigten Staaten lässt sich aus ihren für den Aufbau im Jahre 1942 verfassten Kommentaren herauslesen. Sie spricht hinsichtlich des Ergebnisses der im Frühjahr 1942 in Biltmore stattgefundenen Zionistischen Konferenz von einem offiziellen Begräbnis der Jüdischen Armee. Die dort getroffene Resolution wurde einerseits von der „Idee einer Verständigungserklärung zwischen den in Palästina ansässigen Juden und den vom Hitler-Regime unterstützten Arabern“[32] getragen und hatte andererseits „den Gedanken zum Inhalt, daß die neue Weltordnung nicht auf Frieden, Gerechtigkeit und Gleichheit beruhen kann, solange das Problem der jüdischen Heimatlosigkeit noch existiere“[33], blendet aber „die Frage nach den Verteidigungsmöglichkeiten der in Palästina befindlichen Juden völlig aus“[34]. Dies widersprach in radikaler Weise den Vorstellungen Hannah Arendts – genauso wie die Forderung nach der Einbettung eines Zweivölkerstaates Palästina in einer arabischen Föderation. Gleichzeitig stellte sie fest, „daß es für die Palästina-Problematik wie für die Judenfrage eine Lösung in einem anderen Land nicht geben kann.“[35]
Zwar bezeichnete Arendt die Zionistische Organisation als „einzigen wirklichen politischen Organismus“[36] der Juden, kritisierte aber in scharfer Form, dass diese so bürokratisch, kompromisssüchtig und von der Realität entfremdet wie alle anderen politischen Apparate dieser Zeit sei. Aufgrund dieser Tatsache und als Konsequenz aus den Biltmore-Beschlüssen beendete sie 1943 ihre Mitgliedschaft in der World Zionist Organization. In ihrem 1943 im Aufbau erschienenen Essay Kann die jüdisch-arabische Frage gelöst werden? kommt sie zu der Feststellung, „daß Palästina als nationale Heimstätte für die Juden nur gerettet werden kann (wie andere kleine Länder und andere kleine Nationen auch), wenn es in eine Föderation integriert wird“[37], einem System, das die nationalen Interessen von Juden und Arabern als gleichberechtigte Mitglieder absichert. Darüber hinaus machte Arendt einen weiteren Vorschlag hinsichtlich einer Lösung der Palästinafrage: er sah die Schaffung einer Art Mittelmeerföderation vor. Ihres Erachtens wären die Araber in solch einem Modell „stark repräsentiert, jedoch nicht in einer Position, daß sie alle anderen dominieren könnten.“[38] Bei alledem verlangte Arendt die „faktisch existierende Gleichberechtigung für die Juden“[39]. Doch diese Vorstellungen Hannah Arendts fanden in der Politik der Zionistischen Weltorganisation keinen Widerhall. In einem Beschluss auf „ihrer letzten Jahresversammlung, die im Oktober 1944 in Atlantic City stattfand, erhoben die amerikanischen Zionisten von der Linken bis zur Rechten einmütig die Forderung nach einem freien und demokratischen jüdischen Gemeinwesen … (das) ganz Palästina ungeteilt und ungeschmälert umfassen soll.“[40] Arendt kritisierte daraufhin, dass die Araber nunmehr gänzlich unerwähnt blieben, „so daß ihnen offenkundig nichts anderes bleibt, als zwischen freiwilliger Emigration und einer Existenz als Bürger zweiter Klasse zu wählen.“[41] Nach Auffassung Arendts versetzte diese Entschließung „den jüdischen Parteien in Palästina, die unermüdlich die Notwendigkeit einer Verständigung zwischen Arabern und Juden gepredigt haben, einen tödlichen Hieb.“[42] Denn sie sah „durch die Mehrheit der arabischen Staaten eine Überlegenheit gegenüber Palästina“[43] als gegeben an, womit „ihrer Ansicht nach ein sich stark national gerierender Staat vom Wohlwollen der anderen arabischen Staaten abhängig“[44] wäre.
Für Arendt war die Beschließung von Atlantic City ein Wendepunkt in der Geschichte des Zionismus – in ihren Augen war ein jüdischer Nationalismus keine Antwort auf die Palästina-Frage. Sie bestand auf der „praktischen Notwendigkeit jüdischer Koexistenz zusammen mit Arabern und anderen Mittelmeervölkern“[45] und verwies darauf, dass „in einer Situation verständlicher Ressentiments gegen Eingriffe der Großmächte, von deren Anwesenheit Juden dem Anschein nach profitierten, und für deren Konsequenzen sie dann verantwortlich gemacht werden könnten“[46], der Antisemitismus gefördert werden würde. Hannah Arendt vermisste seitens der zionistischen Politik insbesondere eine tiefgehende Analyse der Palästina-Frage und kam zu dem Schluss, dass ein jüdischer Staat, „gegründet auf dem Erinnerungsdiskurs des Holocaust mit Hilfe des politischen und ökonomischen Einflusses amerikanischer Juden gegen den Willen der Araber und ohne Unterstützung der benachbarten Mittelmeerländer“[47], eine schwierige Zukunft haben würde – was sich dann später ja auch bestätigen sollte.
Nachdem Hannah Arendt insbesondere durch ihre persönliche Begegnung mit Kurt Blumenfeld im Jahre 1926 und die weitere freundschaftliche Beziehung zu ihm mit dem politischen Zionismus in Berührung gekommen war, unterstützte sie diesen aufgrund der Tatsache, dass er die jüdischen Interessen mit politischen Mitteln zu vertreten versuchte. Das gilt vor allem hinsichtlich ihres Engagements für die vom Nationalsozialismus und Antisemitismus direkt betroffenen Juden. So nahm sie beispielsweise illegale und gefährliche Aufträge für die Zionisten in Deutschland an. Dazu gehörte die Beschaffung von Material aus der Preußischen Staatsbibliothek, mit dem antisemitische Äußerungen, z. B. aus Fachzeitschriften, die im Ausland nicht bekannt waren, international publik gemacht werden sollten. Allerdings lehnte sie von Anfang an das Hauptziel des Zionismus, also die Errichtung eines jüdischen Staates in Israel, kategorisch ab. Vielmehr forderte sie Anfang der 40er Jahre des 20. Jahrhunderts in ihren Artikeln für die in New York erschienene deutsch-jüdische Zeitschrift Aufbau die Schaffung einer jüdischen Armee und setzte sich für die Neuformulierung der Ziele des Zionismus ein. So forderte sie u. a. die Errichtung eines föderierten Staates Palästina, in dem Juden und Araber gleichberechtigt leben sollten. Da man ihren Ratschlägen seitens der zionistischen Organisationen jedoch keinerlei Beachtung schenkte und sie deren Bürokratismus, Realitätsferne sowie zunehmend nationalistischen Charakter kritisierte, wandte sie sich verbittert im Jahre 1943 endgültig vom Zionismus ab – was sie mit dem Austritt aus der World Zionist Organization besiegelte. Aus heutiger Sicht ist festzustellen, dass Arendt mit ihrer Kritik an der zionistischen Bewegung und Entwicklung in Palästina in vielerlei Hinsicht Recht behalten sollte. Denn nach dem Zweiten Weltkrieg und der Staatsgründung Israels verwandelten die Zionisten „die arabischen Palästinenser, die zur Mandatszeit die gleiche palästinensische Staatsbürgerschaft besaßen, in Bürger zweiter Klasse.“[48] Zudem gibt es bis heute keinen sicheren Frieden mit den arabischen Nachbarstaaten. Unabhängig davon, wie idealistisch die praktischen Vorschläge Arendts zur Palästina-Frage auch gewesen sein mögen und ob Zwangslagen der politischen Wirklichkeit deren Umsetzung verhindert haben, so lassen die Entwicklungen der letzten 60 Jahre ihre Kritik als absolut berechtigt erscheinen.
4. Quellen- und Literaturverzeichnis
Quellen:
Arendt, Hannah: Die Krise des Zionismus. Essays & Kommentare 2, hrsg. v. Eike Geisel und Klaus Bittermann, Berlin 1989.
Arendt, Hannah / Blumenfeld, Kurt: „… in keinem Besitz verwurzelt“, hrsg. v. Ingeborg Nordmann und Iris Pilling, Hamburg 1995.
Arendt, Hannah: Vor Antisemitismus ist man nur noch auf dem Monde sicher. Beiträge für die deutsch-jüdische Emigrantenzeitung „Aufbau“ 1941 – 1945, hrsg. v. Marie Luise Knott, München / Zürich 2004.
Literatur:
Brunkhorst, Hauke: Hannah Arendt, München 1999.
Fest, Joachim: Begegnungen. Über nahe und ferne Freunde, Reinbek bei Hamburg 2004.
Grunenberg, Antonia: Totalitäre Herrschaft und republikanische Demokratie: fünfzig Jahre The origins of totalitarianism von Hannah Arendt, Frankfurt am Main 2003.
Klotz, Andreas Tassilo: Juden und Judentum bei Hannah Arendt unter besonderer Berücksichtigung des Briefwechsels mit Karl Jaspers, Frankfurt am Main 2001.
Young-Bruehl, Elisabeth: Hannah Arendt. Leben, Werk und Zeit, Frankfurt am Main 1986.
Fußnoten
- Arendt, Hannah: Die Krise des Zionismus. Essays & Kommentare 2, hrsg. v. Eike Geisel und Klaus Bittermann, Berlin 1989, S. 7.
- Brunkhorst, Hauke: Hannah Arendt, München 1999, S. 13.
- Fest, Joachim: Begegnungen. Über nahe und ferne Freunde, Reinbek bei Hamburg 2004, S. 178.
- Ebd. S. 178.
- Ebd. S. 179.
- Ebd. S. 179.
- Ebd. S. 179.
- Arendt, Hannah: Vorwort zu Men in Dark Times, S. IX, in: Young-Bruehl, Elisabeth: Hannah Arendt. Leben, Werk und Zeit, Frankfurt am Main 1986, S. 12.
- Young-Bruehl, Elisabeth: Hannah Arendt. Leben, Werk und Zeit, Frankfurt a. M. 1986, S. 119.
- Ebd. S. 120.
- Ebd. S. 120.
- Ebd. S. 120.
- Ebd. S. 148.
- Ebd. S. 148.
- Klotz, Andreas Tassilo: Juden und Judentum bei Hannah Arendt unter besonderer Berücksichtigung des Briefwechsels mit Karl Jaspers, Frankfurt am Main 2001, S. 68.
- Ebd. S. 68.
- Ebd. S. 68.
- Young-Bruehl, S. 157.
- Ebd. S. 163.
- Ebd. S. 163.
- Ebd. S. 163.
- Ebd. S. 163.
- Central Office of the Zionist Organisation, Resolutions of the 18th Zionist Congress (London1934), S. 11, British Museum, London, in: Young-Bruehl, Elisabeth: Hannah Arendt. Leben, Werk und Zeit, Frankfurt a. M. 1986, S. 163 – 164.
- Young-Bruehl, S. 164.
- Ebd. S. 245.
- Ebd. S. 245.
- Ebd. S. 245.
- Ebd. S. 245.
- Ebd. S. 250.
- Arendt, S. 167.
- Klotz, S. 71.
- Ebd. S. 71.
- Ebd. S. 72.
- Ebd. S. 72.
- Ebd. S. 73.
- Arendt, S. 173.
- Ebd. S. 201.
- Ebd. S. 204.
- Klotz, S. 74.
- Ebd. S. 74.
- Arendt, S. 7.
- Ebd. S. 8.
- Klotz, S. 75.
- Ebd. S. 75.
- Grunenberg, Antonia: Totalitäre Herrschaft und republikanische Demokratie: fünfzig Jahre The origins of totalitarianism von Hannah Arendt, Frankfurt am Main 2003, S. 203.
- Ebd. S. 203.
- Ebd. S. 205.
- Arendt, Hannah: Vor Antisemitismus ist man nur noch auf dem Monde sicher. Beiträge für die deutsch-jüdische Emigrantenzeitung „Aufbau“ 1941 – 1945, hrsg. v. Marie Luise Knott, München / Zürich 2004, S. 219.
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