BruttonationalglĂŒck statt Bruttosozialprodukt?


Alexander Bringmann

by Alexander Bringmann | Datum: 14.01.2012
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Wirtschaftliche LeistungsfĂ€higkeit und Wirtschaftswachstum gelten in vielen LĂ€ndern als wichtigste Grundlage fĂŒr einen erfolgreichen Staat. Auch die Entwicklungshilfe verstand sich lange Zeit fast ausschließlich als Wirtschaftshilfe, andere Faktoren galten als zweitrangig. Als wichtigster Indikator fĂŒr die unternehmerische LeistungsfĂ€higkeit eines Landes wird die Summe der erwirtschafteten GĂŒter und Dienstleistungen herangezogen: das Bruttosozialprodukt. Viele Staaten streben danach, auf diesem Gebiet besonders gut und leistungsfĂ€hig zu sein. Gerade in vielen EntwicklungslĂ€ndern geht das Streben nach Wirtschaftswachstum oft ĂŒber alles. Entwicklungshilfe ist ja fast immer Entwicklungshilfe fĂŒr die eigene Wirtschaft, die auf der Suche nach neuen MĂ€rkten ist.

Als der König von Bhutan einmal gefragt wurde, welches Bruttosozialprodukt sein Land habe, erklĂ€rte dieser, in seinem Staat sei das Ziel das BruttonationalglĂŒck. TatsĂ€chlich wurde seit diesem Zeitpunkt in Bhutan das BruttonationalglĂŒck als Staatsziel definiert. Eine vom König ins Leben gerufene Kommission arbeitete die Grundlagen aus. Die Idee, sich nicht mehr nur am Wirtschaftswachstum zu orientieren, klingt hervorragend. DafĂŒr sprechen einige Fakten: So landeten beispielsweise die USA bei einer Untersuchung ĂŒber die Zufriedenheit der Bevölkerung und das GlĂŒcksempfinden auf dem 150. Platz (Deutschland = Platz 81). Die zufriedenste Bevölkerung lebt danach auf dem kleinen Inselstaat Vanuatu.

Morten Sondergaard erklĂ€rt das BruttonationalglĂŒck

Wirtschaftswachstum macht also noch lange nicht glĂŒcklich. Doch ist das BruttonationalglĂŒck wirklich eine Lösung, oder nur ein ideologischer Versuch, die eigene wirtschaftliche SchwĂ€che zu kaschieren? Schauen wir uns genauer an, wie in Bhutan das BruttonationalglĂŒck erreicht werden soll. Und zwar durch

  • eine sozial gerechte Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung
  • die Erhaltung und Förderung kultureller Werte
  • Umweltschutz
  • gute und effiziente Regierung- und Verwaltungsstrukturen.

Die Kriterien sind nicht nur unter idealistischen Aspekten gut gewĂ€hlt. Damit lĂ€sst sich ein Staat machen. Gerade EntwicklungslĂ€nder können von solchen Schwerpunkten profitieren. Das PrimĂ€rziel Wirtschaftswachstum ist in vieler Hinsicht zu kurz gedacht. Auch andere Staaten gehen mittlerweile einen solchen Weg. AuffĂ€llig ist dabei, dass es sich mit Ecuador und Bolivien um zwei Staaten handelt, die eine relativ starke indigene Bevölkerung haben. Die Gesellschaftsstrukturen sind dort traditionell an anderen WertmaßstĂ€ben ausgerichtet als in westlichen Gesellschaften (siehe auch die Entwicklung des Jesuitenstaates, wo sich der Jesuitenorden bei der Organisation des Gemeinwesens stark an der indianischen MentalitĂ€t orientierte).

Unterdessen gibt es auch hierzulande Bestrebungen, das BruttonationalglĂŒck als Bewertungsmaßstab zu nehmen. Dabei muss man natĂŒrlich genau hinsehen, denn nichts ist ohne Risiko. Die Gefahr bei der ErklĂ€rung eines solchen Begriffes ist der idealistische Hintergrund. GlĂŒck ist nicht ĂŒberall gleich. Leicht kann sich hier eine Wertungs- und Deutungshoheit entwickeln, in dem eine Ideologie die MaßstĂ€be setzt. Hier ist es wichtig, universelle und ĂŒberprĂŒfbare Kriterien als Grundlage zu nehmen, die nicht zu stark in persönliche Bereiche hineingehen. Bhutan hat mit seinem BruttonationalglĂŒck einen wichtigen Diskussionsbeitrag geliefert. Doch hier zeigen sich auch bereits die Gefahren. Die Bewahrung kultureller Traditionen wird hier auch als Mittel zur UnterdrĂŒckung der starken nepalesischen Minderheit benutzt. Das BruttonationalglĂŒck bleibt aber eine interessante Diskussionsgrundlage. Die aktuellen Krisen solltem jeden Ansporn sein, nach neuen Wegen zu suchen.

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