Die Philosophie von Ausgleich und VerÀnderung


Alexander Bringmann

by Alexander Bringmann | Datum: 16.06.2012
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Vorwort

Die folgenden Ausarbeitungen sind Teil eines grĂ¶ĂŸeren Entwurfes. Sie werden nach und nach ĂŒberarbeitet und erweitert. Ich freue mich jederzeit ĂŒber Anregungen und Kritik. Die Mechanismen von Ausgleich und VerĂ€nderung sind in fast allen relevanten Prozessen vorhanden (siehe z.B. Evolution). Mein Interesse bezieht sich vor allem auf den gesellschaftlichen und politischen Bereich und wie sich die grundlegenden Naturprozesse dort auswirken. Um den Begriff des Ausgleichs von Ă€hnlichen Begriffen abzugrenzen, möchte ich von einem druidischen Gleichgewicht* sprechen, oder anders ausgedrĂŒckt: einem dynamischen Gleichgewicht. Dieses Modell unterscheidet sich in wesentlichen Punkten von einem statisch stabilen System, das nur ein zeitlich eng begrenztes Gleichgewicht darstellt. Nichts war gefĂ€hrlicher im Laufe der Geschichte, als der Anspruch, die absolute Wahrheit gefunden zu haben. Viele unterschiedliche Auffassungen zu einem Thema sind aber meist wichtige Aspekte eines weiterfĂŒhrenden Erkenntnissprozesses. Ein wichtiges Ziel sollte es daher sein, verschiedene DenkansĂ€tze aufzunehmen und einen friedlichen Ausgleich zu schaffen. NatĂŒrlich werden auch die besten Kompromisse keinen dauerhaften Idealzustand erreichen, denn alles in der Natur verĂ€ndert sich stĂ€ndig!

* Da Druiden in Literatur, Film und anderen Medien oft
als Vertreter eines natĂŒrlichen Gleichgewichts gelten.

Der Weg des Gleichgewichts – Äquilibritas

Zwei KrÀfte

GrundsĂ€tzlich sind in der Natur zwei grundlegende KrĂ€fte immer wieder zu beobachten: Das Streben nach StabilitĂ€t, Gleichgewicht und Harmonie auf der einen Seite, die permanente VerĂ€nderung auf der anderen. Diese zwei KrĂ€fte stehen in einem natĂŒrlichen Widerspruch zueinander. Nach dem druidischen VerstĂ€ndnis (in meiner Definition) muss man hier einwirken. Der Mensch neigt dazu, sich stabile Strukturen aufzubauen, die möglichst lange halten sollen. Wenn diese Strukturen aber zu stabil sind, um auf VerĂ€nderungen zu reagieren, kommt es regelmĂ€ĂŸig zu Katastrophen (wie z.B. Kriege und Revolutionen). Doch dazu spĂ€ter mehr. Erst Mal gilt es, sich die beiden GrundkrĂ€fte etwas genauer anzusehen.

Das Gleichgewicht

Das Gleichgewicht ist eine natĂŒrliche Ordnung. Die verschiedenen Interessen haben die Möglichkeit sich zu positionieren und sind in einem (zeitlich begrenzten) StabilitĂ€tszustand. Es ist auch ein Zustand der Harmonie. Dabei handelt es sich aber um eine idealtypische Konstruktion. Ein perfektes Gleichgewicht wird es wohl kaum je geben. Dennoch ist es von einer wichtigen Bedeutung, denn die Natur versucht stĂ€ndig einen solchen Zustand herzustellen. Dabei verĂ€ndert sich das ideale Gleichgewicht stĂ€ndig und damit auch das angestrebte Ziel. Doch dazu spĂ€ter mehr beim zweiten großen Aspekt – der stĂ€ndigen VerĂ€nderung. Wenn ich sage, dass die Natur einen imaginĂ€ren Idealzustand anstrebt, dann ist es natĂŒrlich kein bewusster Handlungsakt wie bei den religiösen Vorstellungen eines lenkenden Gottes.

Beim Anstreben eines natĂŒrlichen Gleichgewichtes handelt es sich um einfache Naturprozesse. Gibt es zu viele Raubtiere, wird es schwieriger zu jagen, die JĂ€ger bekommen weniger Junge (weniger Raubtiere). Der Mensch ist diesen Prozessen genauso unterworfen wie alles andere auch. Er kann die Regeln zwar nicht brechen (ohne unterzugehen), aber teilweise verĂ€ndern. So strebt auch der Mensch nach Gleichgewicht und Harmonie. Dennoch ist er aber oft genug dazu bereit, auch falsche Entscheidungen zu treffen. Oft kommt ein Diktator an die Macht, weil er scheinbar Ordnung und Sicherheit verspricht. Meist ist es eine Reaktion auf unruhige Zeiten und nach grĂ¶ĂŸeren MachtkĂ€mpfen. Doch dieser Weg fĂŒhrt fast immer in die Krise. Das System erstarrt, verweigert VerĂ€nderung und muss mit einem immer massiveren Repressionsapparat arbeiten, um an der Macht zu bleiben.

Eine VerĂ€nderung ist kaum noch möglich, wodurch der Druck immer grĂ¶ĂŸer wird. Es kommt zum Zusammenbruch. Darum ist es wichtig, sich mit den Strukturen auseinanderzusetzen. Das Streben nach Ausgleich und StabilitĂ€t lĂ€sst sich nicht verhindern. Aber der Prozess, um dieses Ziel zu erreichen, ist von entscheidender Bedeutung fĂŒr das Ergebnis. Eine freie Demokratie ist eine Möglichkeit, diese natĂŒrliche Ordnung zu erreichen. Doch auch in einer Demokratie wird ein bewusster Ausgleich von druidisch denkenden Menschen immer nötig sein. Eine Organisation, die prinzipiell einen solchen Ausgleich verfolgt, ist z.B. das Kartellamt. Eine zu große Machtkonzentration einzelner Konzerne soll verhindert werden, um das wirtschaftliche Gleichgewicht nicht zu gefĂ€hrden. Wie hier deutlich wird, ist ein Druide* nicht grundsĂ€tzlich gegen staatliche Eingriffe. Ein zu mĂ€chtiger Staat ist jedoch eine ebenso große, wenn nicht sogar grĂ¶ĂŸere Bedrohung als ein wirtschaftlicher Monopolist.

* also jemand, der im Sinne des dynamischen Gleichgewichts denkt und handelt

VerÀnderung

Der imaginĂ€re Idealzustand, der von der Natur angestrebt wird, kann nicht erreicht werden, da sich die Voraussetzungen stĂ€ndig verĂ€ndern. Heraklit hat es als Panta rhei bezeichnet (= alles fließt) – die Erkenntnis, dass sich alles verĂ€ndert. „Wer in den selben Fluss steigt, dem fließt anderes und anderes Wasser zu.“ Alles ist stĂ€ndig in Bewegung und verĂ€ndert sich, nichts kann bleiben wie es ist. Gleichzeitig strebt alles nach einem harmonischen Gleichgewicht. Die VerĂ€nderung in jedem Augenblick Ă€ndert somit auch das Ziel stĂ€ndig (wenn auch meist nur in kleinen Schritten). BestĂ€ndigkeit ist nur eine Illusion. Alles ist stĂ€ndig im Fluss, ist in VerĂ€nderung. Diese Erkenntnis spielt auch im Buddhismus eine wichtige Rolle. Siehe dazu auch den philosophischen Beitrag „UnverĂ€nderliches Ich = bloße Illusion?“ von Charlie, der darin zwar der Frage nachgeht, ob es ein substanzielles bzw. festes Ich gibt, jedoch auch die frĂŒhbuddhistische Erkenntnis einer steten VerĂ€nderung der uns umgebenden Welt anspricht: „In einer Welt, die so vergĂ€nglich wie der in ihr existierende menschliche Körper ist, werden wir jedoch niemals eine endgĂŒltige ErfĂŒllung oder Befriedigung im Zusammenhang mit den Dingen finden, an die wir uns klammern, da deren VergĂ€nglichkeit vorprogrammiert ist und dazu fĂŒhrt, dass wir sie frĂŒher oder spĂ€ter wieder verlieren oder zumindest ihre stete VerĂ€nderung erfahren mĂŒssen.“

Wer nun aber dennoch behauptet, dass es etwas UnverĂ€nderliches in der Welt gebe, unterliegt einem Trugschluss. Man kann nur die Art der VerĂ€nderung, den Prozess des Übergangs beeinflussen, aber keinen endgĂŒltigen Ausweg aus der VerĂ€nderung finden. Doch in einer Welt, die sich mit dem (flexiblen) Ausgleich arrangiert hat, kann man gut leben. Der Wandel verliert darin einen Teil seines zerstörerischen Charakters, ohne dabei den Fortschritt zu verhindern. Eine Macht ist zu stark, wenn sie in der Lage ist, den notwendigen Ausgleich stark zu behindern. VerĂ€nderungen werden spĂ€testens dann notwendig, wenn sich die Grundvoraussetzungen fĂŒr das aktuelle Gleichgewicht Ă€ndern. Deswegen scheitern auch alle Utopien frĂŒher oder spĂ€ter, da sie von einem festen Idealzustand ausgehen. Wie stark eine Macht sein kann, ohne automatisch zu einer Bedrohung fĂŒr den Ausgleich zu werden, hĂ€ngt stark vom jeweiligen System ab. Eine Kanzlerin Merkel ist kein Problem. Eine CDU-Regierung mit einer 2/3-Mehrheit wĂ€re eine Gefahr (dies gilt selbstverstĂ€ndlich auch fĂŒr jede andere Partei), da die Gefahr besteht, dass sich die Herrschaft so stark verfestigt, dass die KrĂ€fte der VerĂ€nderung nicht mehr ausreichend arbeiten können.

Das dynamische Gleichgewicht

PrÀmissen

Simple aus der Natur abgeleitete Grundlagen der Theorie.

1) Alles in der Natur strebt zum Gleichgewicht (hier im Sinne von StabilitÀt: Suche nach möglichst reibungslosen Strukturen bzw. Harmonie)

2) Alles verĂ€ndert sich. (Chaos, aber auch Fortschritt; Heraklit: Panta rhei – alles fließt; Buddhismus: Dinge können bestenfalls den Anschein von BestĂ€ndigkeit erwecken, aber in Wirklichkeit verĂ€ndert sich alles.)

Wir haben die zwei unterschiedlichen NaturkrĂ€fte gesehen – Suche nach StabilitĂ€t und stĂ€ndige VerĂ€nderung. Diese zwei unterschiedlichen KrĂ€fte gilt es miteinander zu versöhnen. Das druidische Ziel ist ein dynamisches Gleichgewicht (!!), das sich einer Änderung ohne große Schwankungen/Chaos anpassen kann. Ein nur statisches Gleichgewicht ist scheinbar stabil, bricht aber ab einem bestimmten Druck in sich zusammen (Ă€hnlich dem ZerdrĂŒcken eines Erdnussflips oder dem Ende einer Diktatur). Eine Aktion kann nur bis zu einem bestimmten Punkt ausgefĂŒhrt werden, bevor das Pendel wieder zurĂŒckschlĂ€gt. Je stĂ€rker man ein Pendel in eine Richtung drĂŒckt, umso stĂ€rker ist die spĂ€tere Ausgleichsreaktion, die dazu fĂŒhrt, dass es jetzt oft zum anderen Extrem ĂŒbergeht. Nach einer großen Störung des Gleichgewichts kommt es oft zu einem Pendeln zwischen den Extremen, mit teils zerstörerischen Folgen. Genau diese starken AusschlĂ€ge versucht der Druide zu verhindern, um eine möglichst harmonische Entwicklung zu sichern (kleinere AusschlĂ€ge gehören aber zur normalen Weiterentwicklung und sind wichtig, um das Problem der Statik zu lösen).

Der Mensch muss sich weiterentwickeln und darf nicht stehenbleiben. Dabei muss er jedoch auf das (sich Ă€ndernde) Gleichgewicht achten, damit sich der Wandel harmonisch und ohne grĂ¶ĂŸere Katastrophen vollzieht. Ein Druide muss deshalb auch flexibel sein (kein statischer StabilitĂ€tszustand). Keine Macht, auch wenn sie noch so stark und unĂŒberwindlich scheint, kann sich dauerhaft dem natĂŒrlichen Streben nach Ausgleich entgegenstellen. Es handelt sich dabei um einen Naturprozess, der verlangsamt und beeinflusst werden kann, jedoch nicht zu stoppen ist. Doch wenn sich das Gleichgewicht irgendwann von selber wiederherstellt, warum sollte man in diesen Prozess eingreifen? Je grĂ¶ĂŸer die Verletzung des Gleichgewichts, umso heftiger stellt es sich wieder her. Krisen, Kriege und ökologische Katastrophen können die Folge sein. Ziel muss es aber sein, die Krisen, die mit der Verletzung der natĂŒrlichen Ordnung einhergehen, zu vermeiden bzw. abzuschwĂ€chen.

Ein typisches Beispiel sind Revolutionen. Die alte Ordnung (meist starr, unflexibel, ungerecht) wird beseitigt. Je fester die alten Strukturen sind, umso blutiger fĂ€llt meist die Revolution aus. Im (seltenen, aber anzustrebenden) Idealfall entsteht eine Gesellschaft, in der sich die unterschiedlichen Interessengruppen friedlich ausgleichen können. Doch oft setzt sich eine Gruppe an die Spitze und errichtet eine neue Diktatur. Im Moment ihrer Entstehung herrscht dabei oft ein strukturelles Gleichgewicht (zumindest stĂ€rker als bei der alten Ordnung; z.B. kubanische Revolution, in deren Verlauf die Benachteiligung der Bevölkerung zunĂ€chst stark verringert wurde, bis die starre Ideologie eine Anpassung des Gleichgewichts verhinderte). Doch die neue Herrschaft ist zu starr, um auf VerĂ€nderungen ausreichend zu reagieren. Der Druck der VerĂ€nderung nimmt immer weiter zu, was meist zu einer noch stĂ€rkeren VerhĂ€rtung der Strukturen fĂŒhrt.

Der Zusammenbruch ist dann meist vollstĂ€ndig. Ein flexibleres System ermöglicht immer den Ausgleich in kleineren Dosen. Der Mensch neigt dazu, sich aus einem SicherheitsbedĂŒrfnis heraus unterzuordnen. Im Namen der Ordnung ist er oft dazu bereit, der Machtkonzentration einer einzelnen Organisation zuzustimmen. Doch in Wahrheit wird dadurch die Ordnung nur gefĂ€hrdet. Die Gesellschaft wird durch das Streben interessengeleiteter Organisationen weiterentwickelt. Sie sind es, die durch das Streben nach Verbesserungen und durch die Konkurrenz untereinander den Fortschritt schaffen. Außerdem muss eine Gesellschaft flexibel auf VerĂ€nderungen und neue Herausforderungen reagieren. Druiden sorgen fĂŒr eine gleichmĂ€ĂŸige Entwicklung und versuchen ein durch den (stĂ€ndigen) Wandel bedingtes Ungleichgewicht zu verhindern. Der entscheidende Punkt ist, dass es nicht darum geht, wer eine große Machtstellung erreicht. Auch stellt sich bestenfalls am Rande die Frage, welche Positionen er vertritt. Er wird immer zu einer Bedrohung fĂŒr Freiheit und Ordnung werden, außer er gĂ€be seine MachtfĂŒlle freiwillig wieder ab. Doch dies ist wohl nur in sehr seltenen EinzelfĂ€llen wirklich der Fall.

Grundlegende Feststellungen

1) Je stÀrker das Gleichgewicht gestört ist, umso schlimmer die Folgen.

Man kann es gut bei Diktaturen beobachten. Eine Diktatur hat das Problem, dass sie innere Konflikte nur unzureichend bewĂ€ltigen kann. In der Diktatur gibt es zwei Möglichkeiten: man lĂ€sst eine wie auch immer geartete Opposition zu (z.B. ein paar regierungskritische Medien). Das kann dazu fĂŒhren, dass die Diktatur irgendwann weitgehend friedlich zu Ende geht. Das Gleichgewicht stellt sich wieder her. Manche Diktaturen, gerade wenn sie schon lĂ€nger Bestand haben, unterdrĂŒcken radikal jede Opposition. Das Gleichgewicht kann sich dann im Regelfall nicht mehr friedlich herstellen. Die Probleme werden unterdrĂŒckt, das System wird immer starrer und der Druck immer grĂ¶ĂŸer, bis es zu einer, meist sehr blutigen, Revolution kommt. Die Revolution fĂŒhrt jedoch nicht immer zum Gleichgewicht, gerade nach einer langen Diktatur wird oft nur das eine Extrem von dem anderen abgelöst. Hier kann es wichtig sein, die KrĂ€fte der alten Diktatur zu bewahren, um ein Gegengewicht zu den Siegern der Revolution zu bilden. Dies ist umso schwieriger je lĂ€nger die alte Diktatur Bestand hatte.

2) Niemand darf zu stark werden!

Jede Organisation, Partei, Firma oder Gruppierung, die zu viel Macht anhĂ€uft, ist gefĂ€hrlich. Dabei ist es fast völlig egal, welche Ideologie oder Überzeugung sie vertritt. Das Problem in Ungarn beispielsweise ist nicht nur, dass die Fideszpartei die Sozialisten abgelöst hat. Das Problem ist, dass ihnen die WĂ€hler eine 2/3-Mehrheit gegeben haben und außerparlamentarische GegenkrĂ€fte zu schwach sind, um das MachtĂŒbergewicht zu kompensieren. Eine fiktive Druidenpartei mit 2/3 der Sitze in einem Parlament wĂ€re ebenfalls abzulehnen!

Damit ist auch die Unterordnung unter eine Parteidisziplin prinzipiell nicht möglich. NatĂŒrlich kann man Parteien unterstĂŒtzen, deren Werte und Positionen einem gefallen, solange diese fĂŒrs Gleichgewicht nicht zur Gefahr werden. Doch Ziel sollte im Regelfall eine Dezentralisierung der Macht sein. Je grĂ¶ĂŸer eine einzelne Macht wird, umso gefĂ€hrlicher ist sie fĂŒr das Gleichgewicht. Es stellt sich dabei nicht die Frage, ob diese Macht nun in Form einer Person, Partei oder anderen Organisation auftritt.

Auf der Wirtschaftsebene ist das bereits zuvor angesprochene Kartellamt eine Organisation im druidischen Geist. Sie soll das MarktĂŒbergewicht einzelner Firmen verhindern, sobald es den freien Handel behindert. Das Gleichgewicht der KrĂ€fte muss vor zu starken Marktteilnehmern geschĂŒtzt werden.

Lange Regierungszeiten einzelner Personen, aber auch Parteien selbst sind in einer Demokratie eine Gefahr. Die Gesellschaft stellt sich zu stark auf die FĂŒhrenden ein. Es kommt zu einer Verfestigung der Strukturen, das freie Spiel der KrĂ€fte wird gestört – mit negativen Folgen. VerĂ€nderungen können nicht mehr rechtzeitig ausgeglichen werden, um die Harmonie zu wahren.

2a) Was lokal gelöst werden kann, soll lokal gelöst werden!

Lokale Lösungen sind schneller, weniger bĂŒrokratisch und lassen dem Spiel des Gleichgewichts mehr Raum. Unterschiedliche LösungsansĂ€tze können in Wettbewerb treten. Ein natĂŒrliches Gleichgewicht stellt sich besser ein.

2b) Je grĂ¶ĂŸer eine Organisation oder Struktur wird, umso transparenter, einfacher und demokratischer muss der Aufbau sein (modernere Kommunikationsformen ermöglichen grĂ¶ĂŸere demokratische Strukturen).

Als Beispiel: Im Kleinen (ein paar tausend Einwohner) kann auch eine Monarchie eine praktische Herrschaftsform sein. Der Herrscher ist abhĂ€ngig von seinen Untertanen und muss richtige Entscheidungen treffen, da er sonst schnell seine Macht verliert. Er regiert tendenziell im Sinne des Volkes. Bei einem grĂ¶ĂŸeren Staatsgebilde kann selbst eine theoretische Demokratie dazu benutzt werden, um eine Herrschaft gegen das Volk durchzusetzen, wenn die Entscheidungsstrukturen zu undurchsichtig und komplex werden, um vom Volk erfasst zu werden.

3) Es gibt keinen Idealzustand!

Eine ideale bzw. utopische Gesellschaft kann es aus druidischer Sicht nicht geben. Vielmehr lebt alles von dem Spiel mindestens zweier KrĂ€fte und stĂ€ndigen Wandlungen. Ein Utopia wĂ€re erstarrt und daher nicht mehr in der Lage, einen Ausgleich herbeizufĂŒhren. Langfristig ist damit jede Utopie zum Scheitern verurteilt. Allerdings kann das Streben nach einem Idealzustand durchaus zu Fortschritt und Verbesserung fĂŒhren (Dialektik – These, Antithese, Synthese).

4) Handeln im Sinne des Gleichgewichts?

Wichtig ist es, die Erkenntnis zu erlangen, dass es keine absoluten Wahrheiten gibt. Unterschiedliche Weltanschauungen können wahre Aspekte eines grĂ¶ĂŸeren Ganzen umfassen. Zwei gegensĂ€tzliche Positionen zu einem Thema können Teile einer Wahrheit sein. Wenn man druidisch an ein Problem herangeht, sollte man nicht vorschnell einer Seite einen Vorzug geben, sondern versuchen, einen Ausgleich zwischen beiden zu schaffen. Das heißt nicht, dass sich ein druidisch denkender Mensch nicht auch fĂŒr eine extreme Position einsetzen kann. Er tut dies jedoch aus einem Grund: das Gleichgewicht zu stĂ€rken. Dies erreicht er oft, indem er einen Gegenpol zu einer anderen stĂ€rkeren Position unterstĂŒtzt bzw. Strukturen stĂ€rkt, die einen leichteren Ausgleich ermöglichen. GrundsĂ€tzlich wird die FĂŒhrung einer einzelnen Fraktion oder Partei abgelehnt. Konsequent gedacht bedeutet es auch, dass es oft gĂŒnstig ist, eine wie auch immer gearteten Opposition zu unterstĂŒtzen. (Wobei natĂŒrlich auch deren Ziele wichtig sind.) Nicht unbedingt, weil man etwas gegen die Politik der gerade Herrschenden hat, sondern aus der Erkenntnis des notwendigen Gleichgewichts der KrĂ€fte heraus.

Faktoren der TrÀgheit

Probleme entstehen durch die TrĂ€gheit. Die meisten Menschen wollen, dass alles so bleibt wie es ist. Dabei sind es natĂŒrlich besonders die Menschen, die Macht und Einfluss haben. Der Herrscher möchte seine Macht erhalten, die Kirche den Glauben sichern. Hieraus resultiert die Tendenz des Druiden, auf der Seite der SchwĂ€cheren zu stehen. Dabei stehen Religionen und Ideologien oft einem dynamischen Gleichgewicht entgegen. Im Bewusstsein, eine absolute Wahrheit zu vertreten, treten sie oft VerĂ€nderungen entgegen. Das kann im Sinne von StabilitĂ€t nĂŒtzlich sein, ist im Sinne der Dynamik und VerĂ€nderung jedoch problematisch.

Religion ist die Suche nach dem UnverĂ€nderbaren. Sie hat ihre Wurzeln in der Angst vor der stĂ€ndigen VerĂ€nderung (wie Tod und Verfall). In allen großen Religionen wird irgendwann ein endgĂŒltiger Zustand erreicht (beispielsweise Himmel, Hölle etc.). Da sich aber alles verĂ€ndert, wirkt Religion als Kraft der TrĂ€gheit. Religion kann im Sinne eines Gegengewichts manchmal hilfreich sein, wird durch den dogmatischen Ansatz aber oft zur Gefahr fĂŒr einen friedlichen Ausgleich.

Ideologien sind Teil des Ausgleichs und stehen ihm gleichzeitig im Weg. Sie entstehen meist in Zeiten eines großen Ungleichgewichtes. So entstand beispielsweise der Kommunismus aus der UnterdrĂŒckung der Arbeiterklasse heraus, die aber gleichzeitig an Bedeutung immer weiter zunahm. Doch die starre Ideologie des „real existierenden Sozialismus“ konnte nicht genug auf VerĂ€nderungen reagieren und ging an der eigenen UnflexibilitĂ€t zugrunde. Der Anspruch, die absolute Wahrheit gefunden zu haben, war bereits der Kern des Untergangs.

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1 Kommentar ĂŒber “Die Philosophie von Ausgleich und VerĂ€nderung”

  1. mesi schreibt:

    Tja, leider ist der Kapitalismus so schlau, daß er den Menschen einreden kann:“wir haben eine Demokratie“, aber die sogenannten einfachen Menschen, das Volk also, die können die ĂŒbergroße Macht der Banken, die oft zu ĂŒberhebliche Art der Behörden nicht gewollt haben. Demokratie besagt das nicht: Macht geht vom Volke aus? Dann sollte das Volk diese Macht behutsam ausĂŒben, aber das Volk ist auch fĂŒr die da oben nicht dazu da, sich ewig was vorerzĂ€hlen zu lassen. Man vermisst hierzulande richtige Volksentscheide und sicher wĂŒrde man da die billige Ausrede finden:“zu zeitaufwendig, zu teuer usw..“ Marx, Engels usw. wĂŒrden sich im Grabe herumdrehen, was aus deM deutschen LAND geworden ist und ich meine nicht die Einwanderung von außerhalb.Kritik darf aber auch keinesfalls so aussehen: mit Waffengewalt bei der ARGE irgendwas erreichen zu wollen, ARGE Mitarbeiter sind auch nur Diener des Staates, das vergisst man zu oft, sollte aber nie vergessen werden!

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