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Erinnerungskultur zwanzig Jahre nach dem Mauerfall


by Matthias Klein | Datum: 21.01.2012

Matthias Klein
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2009 war das Erinnerungsjahr schlechthin. Zum zwanzigsten Mal jährte sich der Fall der Berliner Mauer – ein Ereignis, das letztlich den Weg zur Wiedervereinigung Deutschlands freigemacht hat und aufgrund seiner historischen Bedeutung in vielerlei Hinsicht gewichtige Gründe zur Erinnerung lieferte. So war die “friedliche Revolution 2009“ in aller Munde und so aktuell wie nie zuvor. Und das, obwohl bis dato dem Begriff der “Wende“ eindeutig der Vorzug gegeben worden war. Ich betrachte die Erinnerungskultur nach dem Mauerfall aus tiefenpsychologischer Perspektive.

Die Angebote anlässlich des 20. Jubiläums der Wiedervereinigung in 2009 entwickelten eine so große Bandbreite, insbesondere in der Hauptstadt Berlin, dass der Interessierte seine Mühe hatte, Schritt zu halten, geschweige denn, das vielfältige Veranstaltungsprogramm auch nur ansatzweise umfassend in Anspruch zu nehmen. Weder Tageszeitungen, noch Magazine ließen sich die Gelegenheit entgehen, um entsprechende Artikel oder gleich ganze Sonderausgaben mit historischem Charakter zu veröffentlichen, vom seriösen Traditionsblatt bis zur Boulevardpresse. Sonderausstellungen, allen voran die frei zugängliche Ausstellung zur friedlichen Revolution auf dem Alexanderplatz in Berlin, wurden eigens installiert, letztere  wegen der großen Resonanz sogar bis 2010 verlängert. Podiumsdiskussionen zu den Themenbereichen Mauerfall und friedliche Revolution nahmen in der Regel deutlich kontroverse Züge an und auch der Büchermarkt wurde 2009 von einer Flut an Neuerscheinungen regelrecht überschwemmt: Unter anderem durch ein Werk von Harald Jäger, dem Grenzbeamten, der am Grenzübergang Bornholmer Straße nach eigenem Ermessen den Befehl gegeben hatte, den Schlagbaum zu öffnen – höchstpersönlich. Nicht wenige der damaligen Akteure traten verstärkt öffentlich in Erscheinung und so mancher hätte sich rückblickend wohl gerne als Initiator eines der wichtigsten Ereignisse in der deutschen Geschichte hochstilisieren lassen.

Die Feierlichkeiten fanden schließlich im Fest der Freiheit am Brandenburger Tor mit zahlreichen internationalen Staatsoberhäuptern und Tausenden von Besuchern ihren Höhepunkt. Doch nicht alle teilen die, in den offiziellen Reden schon zum Teil ins Pathetische ausufernden Darstellungen einer erkämpften Freiheit, die zum wiedervereinten Deutschland führte. Nicht jeder ist mit der deutschen Einheit einverstanden. Nicht alle sind darüber erfreut und erleichtert, dass die DDR als totalitäres System überwunden worden ist. Ja manch einer hat gar seine Probleme damit, wenn der ehemalige Arbeiter- und Bauernstaat als “Unrechtsstaat“ bezeichnet wird. So tauchten z.B. Anfang November 2009 in Berliner Wohnvierteln Plakate mit dem Text auf: “Wir sind ein Volk und ihr seid ein anderes – Ostberlin, 9. November 2009“. Angesichts dieser politischen Agitation drängt sich verständlicherweise die Frage auf, wer der Initiator dieser Plakate wohl sein mag bzw. welche Motivationsmuster hierbei zugrunde liegen. Wer differenziert nach zwanzig Jahren Mauerfall immer noch so deutlich zwischen Ost und West und warum ist es dem- bzw. denjenigen so wichtig, diese Sichtweise nach außen zu tragen und dafür Zeit und Geld in qualitativ hochwertige Plakate zu investieren? Weshalb gibt es nach zwanzig Jahren noch nicht einmal einen Konsens darüber, als was die ehemalige DDR zu verstehen ist? Warum finden zwischen Historikern und Interessenverbänden polarisierte Streitigkeiten über Deutungshoheiten statt, wenn es um die Interpretation der ehemaligen DDR und deren Zerfall geht? Wie ist das Phänomen der sogenannten “Ostalgie“ zu verstehen? Wie kommt es, dass im vereinten Deutschland in Bezug auf dieses vierzigjährige Kapitel der deutschen Geschichte noch immer eine solche Uneinigkeit vorherrscht? Fest steht, dass die Ereignisse von 1989, die zum Ende der DDR und im weiteren Verlauf zur Wiedervereinigung führten, sowohl in Fachkreisen als auch in der Öffentlichkeit sehr unterschiedlich interpretiert und kontrovers diskutiert werden.

Ebenso kontrovers wird die Auseinandersetzung darüber geführt, als was die DDR rückblickend angesehen werden kann oder angesehen werden sollte. Diesbezüglich finden unter anderem Begriffe wie “Unrechtsstaat“, “Fürsorgediktatur“ oder gar “Ohnrechtsstaat“ Verwendung, während einige Diskutanten wiederum darauf beharren, dass es sich bei der DDR um einen souveränen und international anerkannten Rechtsstaat gehandelt habe.1 Nach Martin Sabrow ist die Erinnerung an den Umbruch von 1989 in der Tat in starkem Maße fragmentiert und weist auf ein mehrfach gespaltenes Milieugedächtnis hin, in dem voneinander abgeschottete Bilder der DDR-Vergangenheit weitgehend unverbunden nebeneinanderstehen. Während die politische Diskussion im öffentlichen Diskurs von einer “Revolutionserinnerung“ dominiert wird, in welcher die DDR als einen mutig überwundenen Unrechtsstaat konturiert wird, existiert dazu parallel ein in Netzwerken organisiertes Milieugedächtnis mit sowohl politischer als auch fachlicher Natur früherer DDR-Eliten, das eine vereinigungskritische Anschlusserinnerung pflegt, die die DDR zum einen als Normalstaat und zum anderen die Wiedervereinigung als eine Form von kolonialer Unterwerfung mit Zustimmung der Kolonisierten in gezielter Analogie zum Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich 1938 darstellt.2

(Foto by Matthias Klein)

Die Art und Weise, wie in der Öffentlichkeit reagiert wird, sobald in Bezug auf die DDR Stellung bezogen wird, zeigt überdeutlich, um was für einen sensiblen Bereich es sich handeln muss, wenn es um die Erinnerung an die DDR geht, der durchaus für Zündstoff sorgen kann. So geriet der Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern Erwin Sellering (SPD) im Gedenkjahr 2009 mit relativierenden Äußerungen gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Bedrängnis. Wörtlich sagte er: „Ich verwahre mich dagegen, die DDR als totalen Unrechtsstaat zu verdammen, in dem es nicht das kleinste bisschen Gutes gab. Die alte Bundesrepublik hatte auch Schwächen, die DDR auch Stärken.” Sellering räumte in dem Interview zwar ein, dass es keine Kontrolle durch unabhängige Gerichte gegeben habe, weshalb zur DDR auch immer ein Schuss Willkür und Abhängigkeit gehörten, er habe aber Bedenken gegen eine Diskussion, die sich nur auf die DDR beschränkten. Es sei nicht ein idealer Staat auf einen verdammenswerten Unrechtsstaat gestoßen. Diese Äußerungen sorgten in politischen Kreisen, insbesondere bei der CDU für Empörung. So warf der Vorsitzende der CDU-Landtagsfraktion, Harry Glawe, Sellering eine “gefährliche Relativierung des Unrechtsstaates DDR” vor. Die Aussagen Sellerings bezeichnete er als “unerträglich“. Die DDR sei auf einem Lügen-System aufgebaut gewesen. Für persönliches Vorankommen sei staatskonformes Denken die wichtigste Voraussetzung gewesen. Der Landesvorsitzende der Jungen Union, Marc Reinhardt, sagte diesbezüglich: “Als Ministerpräsident eines neuen Bundeslandes und gebürtiger Nordrhein-Westfale ist es anmaßend, sich über eine nicht erlebte Vergangenheit derartig zu äußern”.

Das Unrecht in der DDR 20 Jahre nach der Wiedervereinigung öffentlich infrage zu stellen, zeuge nicht nur von einem verklärten Geschichtsbild, sondern stelle gleichzeitig eine Ohrfeige für alle Opfer und ihre Angehörigen dar. Und der FDP-Fraktionschef im Schweriner Landtag, Michael Roolf, empfahl Sellering einen Besuch der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, wo politisch Verfolgte ohne Anklageerhebung und Prozess eingesessen hätten und psychisch wie physisch gefoltert worden seien. Das System der DDR sei praktisch und rechtlich auf Kontrolle und Unterdrückung Andersdenkender ausgerichtet gewesen.3 Einen Besuch der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen empfiehlt unterdessen auch deren Leiter Hubertus Knabe jedem, der behauptet, dass die DDR kein Unrechtsstaat gewesen ist, und zieht öffentlich unverblümt Parallelen zum Nationalsozialismus, wodurch dieser durchaus Kritik auf sich zieht und sich entsprechend streitbar macht. Hans-Joachim Veen problematisiert, dass aus der “Prädominanz der NS-Vergangenheit im Geschichtsbewußtsein der Deutschen” heraus der Auseinandersetzung mit der kommunistischen Diktatur bis heute nur unzureichend Geltung verschafft werden würde. Bei der Aufarbeitung der DDR könne es nicht um eine, aus seiner Sicht fragwürdige Gleichsetzung beider Diktaturen gehen. Stattdessen müsse sich die Erinnerung an die kommunistische Diktatur vielmehr von allen Analogieversuchen emanzipieren und die Besonderheiten der Herrschaftsausübung in der DDR, sowohl in Bezug auf deren Widersacher als auch deren Opfer, herausstellen.4

Die Gesellschaft zum Schutz von Bürgerrecht und Menschenwürde e.V. (GBM) rief ein Kolloquium zum Thema “60 Jahre Gründung der DDR“ ins Leben. In dessen Rahmen hielt der Vorsitzende der Gesellschaft zur Rechtlichen und Humanitären Unterstützung e.V. (GRH), Hans Bauer, eine Rede, in der sich dieser in aller Deutlichkeit dagegen aussprach, die DDR als einen Unrechtsstaat zu bezeichnen. Der Begriff “Unrechtsstaat“, der aus rechtswissenschaftlicher Sicht nicht existiere, stelle einen zentralen Bestandteil dar, um die DDR zu delegitimieren und die Erinnerung an die DDR zu verzerren sowie positive Erinnerungen nach Möglichkeit zu tilgen. Durch die Verwendung des Begriffs “Unrechtsstaat“ soll, seiner Ansicht nach, vermittelt werden, dass die DDR von Anfang bis Ende unrecht gewesen wäre, was einer Geschichtsfälschung gleichkäme. Dies habe zu einer massenhaften politischen Strafverfolgung nach der Wiedervereinigung geführt, wodurch die Biografien von Millionen Menschen bis zur Unkenntlichkeit verfälscht worden wären. Der Begriff “Unrechtsstaat“ sei sachlich grob unangemessen und würde möglicherweise sogar die Menschenwürde verletzen.5 Solche Gegensätze zeigen auf, dass ein regelrechter Kampf um die entsprechende Deutungshoheit geführt wird, der schon längst über die fachliche Diskussion hinaus zu einem regelrechten Politikum geworden ist.

Ähnlich kontroverse Züge nimmt die öffentliche Wahrnehmung an, wenn es um das Phänomen der “Ostalgie“ geht. Während Symbole und Konsumgüter der DDR nach dem Fall der Mauer in den neuen Bundesländern aus dem öffentlichen Raum recht schnell verschwanden und stattdessen ein museales Nischendasein führten, ist seit einigen Jahren diesbezüglich eine regelrechte Renaissance zu beobachten, durch welche sich nicht nur Lebensmittel der ehemaligen DDR, wie beispielsweise “Club-Cola“, zunehmender Beliebtheit erfreuen, sondern auch politische Symbole aus der DDR wieder salonfähig werden. Das Angebot reicht von sogenannten “Ostalgie-Partys“, auf welchen Trägern von FDJ-Hemden ermäßigten Eintritt erhalten, über themenbezogene Fernsehshows, bis hin zum “Ostel“, ein Design-Hotel in Berlin mit originalgetreuem ostdeutschen Interieur. In diesem Zuge mehren sich die Stimmen, die rückblickend die Meinung vertreten, es sei ja schließlich nicht alles  schlecht an der DDR gewesen, was als durchaus kritisch angesehen wird, da insbesondere vonseiten der Jugendlichen ein verklärter Blick auf die DDR und damit die Verharmlosung einer Diktatur befürchtet wird. Während man dem ironischen Spiel mit Requisiten aus der DDR-Zeit im Allgemeinen weitgehend tolerant gegenübersteht, wird es als durchaus problematisch angesehen, wenn mit dem Kult um Ost-Produkte die Haltung verbunden sein sollte, dass eine, als unreflektiert angesehene, gute, alte, glückliche Zeit durch die Wende ein abruptes Ende gefunden habe. Die Junge Union sah sich aus diesem Grunde sogar dazu veranlasst, mit dem Motto “Ostalgie – Nein Danke!“ unter dem Leitspruch “Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ eine Kampagne gegen den Wunsch, die politischen Verhältnisse der DDR-Zeit wiederherzustellen, zu initiieren. Aber auch der DDR-Bürgerrechtler Ehrhart Neubert stellt fest, dass ein Trend der Verharmlosung bzw.  einer nostalgischen Verklärung der DDR zu beobachten ist. Seiner Ansicht nach verflüchtigt sich das “gewalttätige Gesicht der SED-Diktatur“ mehr und mehr in fürsorgliche, friedliebende, antifaschistische und sozial gerechte Beschönigungen. Dieser Trend sei nicht nur ärgerlich, sondern “tendenziell antidemokratisch”, weil dadurch die jüngere Generation gegenüber ideologischen und populistischen Gefährdungen, denen die freiheitliche Demokratie ausgesetzt ist, desensibilisiert anstatt immunisiert werden würde.6

In Anbetracht dieser unterschiedlichen Sichtweisen, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnten, stellt sich die Frage, welche Form der Erinnerung den einzelnen Meinungsbildern zugrunde liegt bzw. inwiefern individuelle Erlebnisse und psychologische Verhaltensmuster Einfluss auf die jeweiligen Meinungsträger nehmen. Neubert beschreibt in Bezug auf die Erinnerungskultur, je nach Umgang mit der DDR-Vergangenheit, vier verschiedene ostdeutsche Erinnerungstypen: “die Lebenslänglichen“, “die Gezeichneten“, “die Wendigen“ und “die Wächter“.7 Die Lebenslänglichen sind seiner Ansicht nach diejenigen, die behaupten, es sei nicht alles schlecht gewesen. Sie wollen die DDR zwar nicht zurückhaben, trauern aber um sie. Über die Haltung, die BRD sei schließlich auch nicht besser gewesen, wird über eine Abgrenzung im Heute eine bestimmte DDR-Identität geschaffen, was sich unter anderem in einer “postsozialistischen Trotzliteratur“ zeigt. Zu dieser Gruppe zählt er beispielsweise Peter Sodann und Daniela Dahn sowie bestimmte ehemalige Oppositionelle, die den Untergang der DDR zwar begrüßen, sich aber innerlich nicht von der Erfahrung in und mit diesem Staatsgebilde lösen könnten. Für die Gezeichneten wird durch die Vergangenheit die Gegenwart überlagert und die Zukunft entsprechend blockiert. Diese Gruppe gerät wegen “unfruchtbarer Erkenntnis“ in eine lähmende Unfähigkeit, die neuen Freiheiten als Chance wahrzunehmen“. Das “nicht vergessen können” schlägt in Wut, Besessenheit und Wahn um, und zwar sowohl bei Opfern als auch bei Tätern, z.B. bei “Stasi-Jägern“ oder in Form von Geschichtsrevisionismus. Die Wendigen erfinden ihre eigene Biografie aus pragmatischen Gründen neu. Über die Erinnerung werden Bausteine neu zusammengefügt. Man war beispielsweise angeblich schon immer eher katholisch oder liberal. Die DDR-Zeit wird entweder ausgeblendet oder neu erfunden.

Bei den sogenannten Wächtern handelt es sich um Bürgerrechtler, die über die Erinnerungen wachen. Die Erinnerung als Schicksal wird zur Wahrheitssuche, um die Revolution zu vollenden. Das “richtige“ Geschichtsbild soll sich durchsetzen. Diese Vertreter findet man sowohl im Lager engagierter Verteidiger der DDR als auch bei deren Widersacher. Interessant wird diese Typologisierung, wenn man die einzelnen Typen aus tiefenpsychologischer Sicht heraus betrachtet. Fest steht, dass das Ende der DDR für jeden einzelnen ehemaligen DDR-Bürger ein gravierendes, einschneidendes Erlebnis darstellt, das, je nach individuellen Umständen und eigenem Erleben heraus, als traumatisch angesehen werden kann oder zumindest traumatische Züge aufweist. Man muss sich diesbezüglich vergegenwärtigen, dass, quasi über Nacht, für jeden einzelnen DDR-Bürger, eine Welt zusammengebrochen ist, ganz gleich welche Stellung dieser innerhalb des Arbeiter- und Bauernstaates einnahm. Ob Arbeiter, Lehrer, Schriftsteller, Grenzbeamter oder Parteifunktionär, für ausnahmslos alle ergab sich eine völlig neue Situation, mit grundlegenden, massiven, unmittelbar spürbaren Veränderungen ihres Lebens. Ganz gleich, wie die Umwelt auch gestaltet sein mag, der Mensch hat nicht nur das Bedürfnis, sondern auch die Fähigkeit, sich seiner Umwelt anzupassen. Er benötigt als Orientierung feste Strukturen, um sich sicher zu fühlen, wobei dies nicht bedeuten muss, dass diese wirklich sicher sind. Entscheidend ist, mit den Rahmenbedingungen vertraut zu sein. Das heißt, auch wenn das Risiko besteht, dass ein bestimmtes Handeln zu Repressalien führen kann, aber klar ist, was als gefährlich einzustufen ist und was nicht, ist die Situation berechenbar – dadurch vertraut und damit letztlich sicherheitsspendend. Der Mensch neigt sogar dazu, eher in einer Situation zu verharren, unter der er leidet, als den Schritt zu wagen, diese Situation aktiv zu verändern, auch wenn ein Wechsel der Umstände ein Ende des Leids in Aussicht stellt, weil jede neue Situation als fremd und damit als nicht einschätzbar empfunden wird. Ob ein Individuum den Mut aufbringt, einen solchen Schritt zu wagen, hängt von seinem persönlichen Leidensdruck ab. Solange die Angst vor dem Neuen, Fremden und Unsicheren größer ist, als das subjektiv empfundene Leid, neigt man dazu, in der vertrauten Situation zu verharren. Dieser Umstand führt beispielsweise auch dazu, dass innerhalb von Gruppen auf Individuen Druck ausgeübt wird, sobald diese in ihrem Handeln zu sehr vom Gewohnten abweichen. Selbst wenn dadurch ein Impuls gesetzt wird, der die gesamte Gruppe weiter bringen könnte, weil diese dadurch den vertrauten Rahmen, mit dem sich die Gruppenmitglieder arrangiert haben, zu sehr stören und damit deren Gefühl von Sicherheit in Gefahr bringen.8 9 10 11 Das Ende der DDR löste in allen Bevölkerungsschichten in erster Linie Verunsicherung und damit Ängste aus, denn Verunsicherung erzeugt in der Regel Angst und Angst führt wiederum zur Abwehr.12

Niemand konnte abschätzen, was ihn erwartet, wie es weiter gehen wird, ob es noch eine Zukunft für die DDR geben oder wie das Leben in einem vereinten Deutschland aussehen würde. Rund ein Jahr nach dem Mauerfall fanden sich alle DDR-Bürger in einer anderen Staatsform wieder, ganz gleich, ob man sich dies gewünscht hatte oder nicht, ob man sich mit der DDR arrangiert, von ihr profitiert oder gegen das SED-Regime aufbegehrt hatte.13 Man stelle sich z.B. jemanden vor, der eine Professur an der Humboldt-Universität für Marxismus innehatte. Von einem zum anderen Moment löst sich die erarbeitete berufliche Stellung mit sicherer Zukunft und hohem gesellschaftlichem Ansehen in Luft auf und damit die gesamte akademische Karriere, weil klar ist, dass niemals mehr ein Bedarf eines entsprechenden Lehrstuhls bestehen wird. Oder ein Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit, der nicht nur über Nacht seine berufliche Sicherheit einbüßt, sondern damit auch seine Privilegien, und, subjektiv noch viel gravierender: seine persönliche Machtposition innerhalb der Gesellschaft. Doch auch für jeden anderen bedeutete das unabänderliche Ende der DDR gezwungenermaßen einen Neubeginn in der BRD, die man in der Regel lediglich aus dem illegal empfangenen Westfernsehen kannte – und zwar sowohl für denjenigen, der noch kurz vor dem Mauerfall ernsthaft seine Flucht geplant hatte als auch für den Bürgerrechtler, der sich für einen reformierten Sozialismus eingesetzt hatte und die DDR als Staat erhalten wollte.

Je nach persönlicher Biographie und Position innerhalb der DDR-Gesellschaft entstand durch den Umbruch für jeden Einzelnen eine ganz eigene subjektive Betroffenheit mit entsprechend individuellen Konsequenzen. Es ist leicht nachvollziehbar, dass vor diesem Hintergrund jeder Einzelne mit dieser neuen Situation ganz individuell umging und insbesondere heute, zwanzig Jahre später, aus dem Abstand heraus rückblickend individuell umgeht. Die Bandbreite reicht von Opfern des SED-Regimes, die über den Rechtsweg um Rehabilitation kämpfen, über Stimmen, die von sich behaupten, ihnen wäre es in der DDR im Großen und Ganzen gut gegangen, bis hin zu ehemaligen Mitgliedern des Politbüros, die sich in Form von Publikationen mit autobiografischem Charakter darum bemühen, ihr Handeln ohne Einschränkung zu rechtfertigen, um nur einige Beispiele zu nennen. Insbesondere in Bezug auf letztere Personengruppe ist es geradezu auffällig, dass von den 25 Mitgliedern des Politbüros im Jahr 1989 zehn der ehemaligen Mitglieder ihre Lebensgeschichte publiziert haben, im Falle Krenz und Modrow sogar gleich mehrfach. Einzige Ausnahme hierbei stellt Günter Schabowski dar, der, im Gegensatz zu seinen früheren Parteigenossen, ein erstaunlich hohes Maß an Selbstreflektiertheit an den Tag legt und schonungslose Selbstkritik übt. Angesichts dieser gesteigerten Mitteilungsbereitschaft drängt sich der Eindruck auf, dass das Bemühen nach öffentlicher Rechtfertigung dieser Personengruppe geradezu zwanghafte Züge aufweist, was bei genauerem Hinsehen ja auch durchaus nachvollziehbar ist. Denn immerhin geht es hierbei um die Verteidigung ihres persönlichen Lebenswerkes. Wer lässt schon gerne das, wofür er, samt Ausbildung, gearbeitet und die Ziele, für die er gekämpft hat, von welchen man vollauf überzeugt war, im Nachhinein gerne madig machen, geschweige denn in eine kriminelle Ecke drängen? Statt wohlverdientem Ruhestand mit sozialistischen Staatsehren, ein Gerichtsverfahren beim Klassenfeind nach BRD-Gesetzgebung. Aus subjektiver Sicht sicherlich eine schier unerträgliche Schmach.14

Wie soll man eine solche Niederlage, eine derartige Demütigung wortlos auf sich sitzen lassen? Vor einem solchen Hintergrund muss man wohl sein Handeln rechtfertigen, vor anderen, vor allem aber sich selbst gegenüber, um sein Gesicht zu wahren. Wie kann alles, von dem man völlig überzeugt war und für das man zeit seines Lebens gearbeitet hatte, falsch gewesen sein? Immerhin hatte man doch die einzigartige Chance erhalten, zumindest für einen Teil der deutschen Bevölkerung den Sozialismus zu verwirklichen und den Faschismus restlos zu überwinden, auch wenn hierfür zum Teil drastische Maßnahmen vonnöten gewesen sein sollten, um diese Ziele zu erreichen. Und so wird die eigene subjektive Sicht auf die Dinge, die eigene Erinnerung so, wie man sich erinnern will, niedergeschrieben, um diese für alle Zeiten unabänderlich zu verfestigen, um sich selbst zu beruhigen und in sich sicher fühlen zu können. Es muss klargestellt werden, dass man nichts falsch gemacht hat und jedem Zweifler kann man in Zukunft sein Buch vor die Nase halten mit der Aufforderung: „Lies nach, da steht schwarz auf weiß, wie es damals wirklich war in der Deutschen Demokratischen Republik, denn ich war schließlich hautnah dabei!“, so als könne das gedruckte Wort einen Anspruch auf die eigene Unfehlbarkeit garantieren. Oder nehmen wir die Bürgerrechtler, die seinerzeit den Mut aufgebracht hatten, unter extrem hohen Risiken auf die Straße zu gehen und sich öffentlich zu Wort zu melden, wobei diese sowohl ihre Freiheit als auch ihre Gesundheit aufs Spiel setzten. Was dazu notwendig gewesen ist und was dies für die Beteiligten konkret bedeutet hatte, kann wohl niemand wirklich nachvollziehen, der sich nicht in genau jener Situation befunden hat und am eigenen Leib die Gefahren, Ängste und Repressalien erfahren hatte, insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass zu jenem Zeitpunkt niemand abschätzen konnte, wie es um die DDR stand und welchen Verlauf die Bürgerrechtsbewegung wohl nehmen würde.

Statt am 9. November Freude taumelnd auf der Berliner Mauer zu stehen, hätte man genauso gut auch auf der Pritsche einer fensterlosen, engen Zelle mit ungewisser Zukunft landen können. Und dann wird man von dem Lauf der Dinge regelrecht überrollt und findet sich kurze Zeit später in einem vereinten Deutschland, anstatt, wie erhofft, in einem reformierten, weiterhin real gelebten Sozialismus wieder – ja noch nicht einmal die Partei, die man eigens gegründet hatte, um diese Ziele zu verwirklichen, findet bei den ersten freien gesamtdeutschen Wahlen nennenswerte Beachtung. Wie übergangen und enttäuscht muss man sich angesichts dessen wohl fühlen? War den eigenen Landsleuten, für die man seinen Kopf hingehalten hatte, denn nicht bewusst, um was es ging, für was man auf die Straße gegangen war, für was man sich auch und gerade in ihrem Interesse eingesetzt hatte? In Anbetracht dessen sollte es mehr als verständlich sein, wenn entsprechende Aktivisten vor diesem Hintergrund auch Jahre später nicht müde werden, die Erinnerung an eine friedliche Revolution wach zu halten und darauf hinzuweisen, um was es dabei eigentlich gegangen war und zu was diese ursprünglich hätte führen sollen.

Als denkbar dramatisch ist wohl vor allem die Situation derer anzusehen, die unter den Repressalien des SED-Regimes gelitten haben, die unter massiven psychischen Druck gesetzt wurden, deren Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten empfindlich eingeschränkt oder die gar unter menschenrechtsverletzenden Bedingungen inhaftiert wurden. Abgesehen von den seelischen Verletzungen, die niemals rückgängig gemacht werden können und die die Betroffenen zeit ihres Lebens begleiten werden, ist ihnen vor allem ein Teil ihrer kostbaren, unwiederbringlichen Lebenszeit gestohlen worden. Zeit, die man in Freiheit beileibe anders hätte gestalten können und sich darüber eine völlig andere Form von Lebensqualität hätte verschaffen können. Vielleicht war gerade dieser Aspekt mit die am stärksten treibende Kraft derer gewesen, die bereit waren, unter Lebensgefahr eine Flucht in den Westen zu wagen, weil sie nicht nur ihre persönliche Freiheit erlangen, sondern vielmehr keine weitere wertvolle Lebenszeit verlieren und Lebensqualität einbüßen wollten. Diejenigen müssen entsprechende Entbehrungen und Verletzungen verarbeiten, was nicht nur einen notwendigen therapeutischen Prozess erforderlich macht, sondern insbesondere Trauerarbeit. Der Verlust muss betrauert werden, der verhinderte Berufswunsch, die nicht erlebten Reiseerfahrungen, die Freiheitsberaubung, die Zeit in Haft, materielle Einschränkungen, die verwehrte Meinungsfreiheit, die Jugendzeit, um die man sich betrogen fühlt, das Unrecht, das man über sich ergehen lassen musste, die Ohnmacht, der man hilflos ausgesetzt war, die Enttäuschung, die man früher oder später erleben musste. Der Psychotherapeut Hans-Joachim Maaz aus Halle, Autor mehrerer Bücher, die sich aus fachlicher Sicht kritisch mit der Situation im wiedervereinigten Deutschland und deren Folgen auf die Psyche auseinandersetzen, spricht diesbezüglich von einem weitverbreitetem “Verlust-Syndrom“.15 Als Beispiel für die Reaktion in der Bevölkerung auf  Enthüllungen über Amtsmissbrauch und Existenzprivilegien der alten Eliten sei an dieser Stelle ein Augenzeuge zitiert:

„Also ich muß sagen, für mich ist da im nachhinein, als dann so alle Schweinereien aufgedeckt wurden, irgendwo eine Welt zusammengebrochen. Und ich habe lange gebraucht, lange gebraucht, bis ich das verdaut hatte, weil ich mich derart auch benutzt und mißbraucht gefühlt hatte.“16

Demnach geht es sogar um eine Form von empfundenem Missbrauch, um eine tiefe Verletzung der Psyche und es ist absolut nachvollziehbar, dass diese traumatischen Erlebnisse in Wut und Zorn umschlagen und nicht vergessen werden können und Betroffene nach wie vor um Rehabilitation und Entschädigung kämpfen.  Nach Melanie Klein gehören Wut und Zorn zu den Merkmalen eines Trauerprozesses, der in verschiedenen Phasen durchlaufen wird. Es bedarf, je nach individuellen Eigenschaften und persönlicher Disposition spezifischer Zeitspannen, um diesen zu durchlaufen. Ziel dabei ist eine Reorganisation, eine allmähliche Neudefinition des Selbst, um die Akzeptanz des Verlustes und eine Anpassung an die entsprechenden aktuellen Lebensumstände zu erreichen.17 Ich stelle die These auf, dass dem Großteil der beobachtbaren unterschiedlichen Erinnerungsstrukturen letztlich spezifische Abwehrmechanismen zugrunde liegen.18 19 Der ehemalige Parteifunktionär beispielsweise will und kann nicht zugeben, dass sein Handeln in politischer Verantwortung in irgendeiner Form verwerflich gewesen sein könnte. Er muss den Glauben daran, dass er recht gehandelt und sich für eine gute Sache eingesetzt hat, aufrechterhalten, sonst müsste er schließlich sein gesamtes Lebenswerk und damit sich selbst infrage stellen oder sich selbst gegenüber womöglich gar eingestehen, dass er sich in moralischer Hinsicht verfehlt hat und das, obwohl er immer fest an das Gute der Sache geglaubt hat. Er kann nicht zulassen, sich selbst zu diskreditieren und muss sein Selbst vor Demontage schützen. Er kann sich und anderen gegenüber nicht eingestehen, dass er Fehler gemacht haben könnte, dass er psychische oder physische Schädigungen von Personen mit verursacht haben könnte, für die er politische Verantwortung trug. Stattdessen muss er in die Abwehr gehen, indem verleugnet wird, da die Wirklichkeit nicht verkraftet werden kann, wodurch eine Art “emotionaler Airbag“ geschaffen wird, der das Selbst schützt.20

Wesentlich einfacher ist es hierbei, in die Projektion zu gehen, und die eigenen Anteile, die man an sich selbst nicht sehen will, nach außen zu verlagern.21 Nicht man selbst ist fehlbar, sondern die Rechtsprechung der BRD, von der man sich ungerecht behandelt fühlt. Nicht der eigene Blick auf die Dinge ist verklärt, sondern die Darstellung in der (westlichen) Presse. Die eigenen negativen Anteile werden verdrängt und stattdessen im Nachhinein Gründe gesucht, die das eigene Handeln rechtfertigen. Insgesamt weist eine solche Verhaltensweise im Grunde psychotische Züge auf, gemessen an dem Bezug zur Realität.22 Aber auch der Arbeiter, der sich stets darum bemüht hat, die Arbeitsnorm zu erfüllen und sich rückblickend dazu veranlasst sieht, zu betonen, es sei ja schließlich nicht alles schlecht gewesen, neigt zur Verdrängung, indem er sich sein Leben in der DDR im Nachhinein schön redet. Obwohl auch er unter dem SED-Regime gelitten hat und Sehnsüchte nach westlichen Konsumgütern verspürt hatte, ist all dies 20 Jahre später nicht mehr wirklich präsent. Stattdessen erinnert er sich in Form von selektiver Wahrnehmung auf positive Weise an das, was zu dieser Zeit zur Verfügung stand und an dessen Vorzüge. Die Tempolinsen waren ja so praktisch, die Spreegurken schmeckten doch unvergleichlich gut, der Arbeitsplatz war noch sicher und in der Datsche konnte man schließlich auch ungestört seine persönlichen Freiheiten leben. Demnach werden die negativen Anteile ausgeblendet, während die subjektiv als positiv empfundenen nachträglich idealisiert werden. Auf diese Weise findet im Nachhinein eine Art innere Korrektur statt. Man schafft sich über die eigene Erinnerung eine andere Realität, eine andere Wahrheit, mit der man besser umgehen kann und die leichter zu ertragen ist. Darüber wird ebenfalls eine Art Schutz für das Selbst erzeugt, um sich nicht selbst gegenüber eingestehen zu müssen, dass ein Großteil des eigenen Lebens in Wirklichkeit begrenzt war, dass man sich angepasst hatte, dass man so vieles über sich ergehen ließ, ergehen lassen musste und weswegen man sich rückblickend aus der subjektiven Wahrnehmung heraus im Grunde vielleicht schämt. Man kann nicht zulassen, dass die eigene Biografie als minderwertig angesehen wird, dass man etwa ein Deutscher “zweiter Klasse“ gewesen sein könnte, vom überheblichen “Wessi“ belächelt, in seiner beruflichen Arbeitsleistung nicht ernst genommen und seinen eigenen Wurzeln letztlich beraubt. Ein solches Bild von sich selbst kann nicht zugelassen werden, sonst müsste man ja sich selbst gegenüber eine Art “Armutszeugnis“ ausstellen, wobei es wohl weniger darum geht, dass man in der DDR eventuell weniger wert war als in der BRD, sondern vielmehr, dass jemand aus dem Westen denken könnte, die eigene Vergangenheit wäre im Vergleich weniger wert gewesen.23

Statt Malediven FKK an der Ostsee, statt Golf einen Trabant, statt Coca-Cola eine Club-Cola. War die DDR im Vergleich zur Bundesrepublik denn ein einziger Discounter? Nein! Die DDR-Produkte haben schließlich auch geschmeckt und man will sie wieder haben, schließlich ist man mit ihnen aufgewachsen, genauso wie der Westdeutsche mit Kinderschokolade und Ahoi-Brause! Wenn das alles wirklich nicht lecker gewesen sein sollte, dann wäre ja die gesamte Kindheit fade gewesen und wer will das schon? Schließlich hat man nur eine Kindheit verlebt, ganz gleich, ob im Osten oder im Westen oder wo auch immer, und die ist und bleibt eben nun mal einzigartig – unersetzlich! Davon abgesehen war der Sozialismus auch nicht auf solche Oberflächlichkeiten fixiert, sondern hatte hehre Ziele! Es ging schließlich um etwas grundlegend anderes – um die ideale Gesellschaft schlechthin! Wenn man zulassen würde, dass die Lebensmittel, die man über Jahrzehnte hinweg verzehrt hat, minderwertig gewesen sein sollten, würde dies ja bedeuten, dass ein Teil des eigenen Lebens minderwertig gewesen ist und das ist ein denkbar kostbares Gut, immerhin geht es um die eigene Identität! Die “Wendigen“ nehmen es diesbezüglich nicht so genau und erfinden ganze Passagen ihrer Existenz gleich ganz neu und stellen damit ein gewisses Maß an Kreativität unter Beweis: Wenn meine persönliche Vergangenheit nicht gerne genommen ist, oder mir zum Nachteil gereicht, dann erfinde ich eben im Nachhinein einfach eine neue. Flexibilität wird in der modernen Leistungsgesellschaft schließlich auch eingefordert! In gewisser Weise könnte eine solche Strategie sogar als eine konsequente Anpassungsleistung an die neu entstandenen gesellschaftlichen Anforderungen interpretiert werden.24 Oder das subjektiv empfundene Minderwertigkeitsgefühl schlägt gleich ganz in ein übertriebenes Geltungsbedürfnis um, indem die negativen Seiten der BRD betont hervorgehoben werden, um die Vorzüge der DDR gleichsam aufzuwerten, was als Überlebensstrategie der Psyche ebenfalls nicht unbekannt ist. Ich gehe davon aus, dass bei ausnahmslos allen von Neubert herauskristallisierten Typologien letztlich das gleiche Grundmuster vorliegt: die Abwehr eines Identitätsverlustes. Die persönliche Biographie muss in irgendeiner Weise geschützt werden, um die eigene Identität zu bewahren, denn durch die eigene Vergangenheit wird man zu dem, der man heute ist, und dieses reale Selbstbild muss nach Carl Rogers mit dem persönlichen Idealselbst als kongruent erlebt werden, denn je weiter diese auseinanderklaffen, desto unzufriedener, angespannter und zerrissener fühlt sich die entsprechende Person.25

Demnach könnte man die verschiedenen beobachtbaren Erinnerungskulturen in Bezug auf die DDR durchaus auch als unterschiedliche Bewältigungsstrategien interpretieren, um mit dem eigenen Erlebten umzugehen. Nach Maaz rief die Wende bei den Bürgern der ehemaligen DDR sowohl einen Orientierungsverlust als auch eine existenzielle Verunsicherung hervor, begleitet von Enttäuschung, Verbitterung und einer neuen Form von Demütigung. Seiner Ansicht nach reagierten die Betroffenen auf diese allgemeine Labilisierung grundlegend mit zwei verschiedenen Verhaltensweisen: Die Expansion und die Kontraktion, d.h. die Flucht nach vorn oder den resignierten Rückzug. Die Expansiven sind demnach die wenigen, die schnell die Zeichen der Zeit verstanden und es geschafft haben, die Wende auch in ihrem Verhalten umzusetzen, um sich den Erfordernissen der neuen Gegebenheiten erfolgreich anzupassen. Zu dieser Gruppe zählt Maaz nicht nur ehemalige Parteifunktionäre in neuen einflussreichen Positionen oder clevere Unternehmer, sondern auch diejenigen, die in ihrer eigenen Betroffenheit im Konsum und einem “hysterisch-expansiven Ausagieren“ der neuen Möglichkeiten Ablenkung und Trost suchen.26 Bei den sogenannten Kontrahierten, sozusagen den “Gehemmten“, führen hingegen die enttäuschten Hoffnungen, der erlebte Orientierungsverlust, der Werteverfall, die reale Existenzbedrohung, der Identitätsverlust, die Unsicherheit und die Unerfahrenheit gegenüber der westlichen Lebensart dazu, dass bereits vorhandene, tiefsitzende Erfahrungen von Abhängigkeit, Ohnmacht und Minderwertigkeit bis zurück in die frühe Kindheit erneut angesprochen werden, wodurch wiederum auf alte Widerstands- und Abwehrformen zurückgegriffen wird, die sich durch Passivität, Resignation, Anpassung, Unzufriedenheit oder stiller Verweigerung bemerkbar machen.27 28

Maaz umschreibt die hervorgerufene Verzweiflung folgendermaßen:

 „Die Orientierungspunkte sind verloren, die Werte entehrt – nicht nur die sozialistischen Ideale oder Parteidogmen, nein ganz allgemeine Verhaltensnormen, die Ausbildung, die beruflichen Erfahrungen, die Umgangsart, unsere beziehungsstiftende Notgemeinschaft und der Tauschhandel, ja selbst die Feindbilder sind verloren – die >>abgesteckten<< Reviere sind in einem heillosen Durcheinander, die erprobten Beziehungen sinnentleert, und zu allem kommt eine permanente existenzielle Verunsicherung und Ungewissheit vor der Zukunft. Kaum einer ist mehr seines Arbeitsplatzes sicher, und viele haben keine Vorstellung mehr, wo sie sich morgen oder gar im Alter befinden werden, wie sie ihre Existenz sichern können, von Geltung, Einfluss, Bedeutung und gesicherter sozialer Rolle ganz zu schweigen.“29

Er macht deutlich, wie weitreichend und umfassend, vor allem aber wie gravierend und tiefgreifend die Folgen sind, die durch den Zusammensturz der Deutschen Demokratischen Republik hervorgerufen wurden, die auch 20 Jahre nach dem Mauerfall noch deutlich spürbar sind und sich auch und gerade in der Auseinandersetzung um die Deutungshoheit niederschlagen. Doch Maaz diagnostiziert affektiv besetzte Verhaltensweisen nicht nur im Osten, sondern auch im Westen. Bei “Westdeutschen“ identifiziert er diesbezüglich eine Haltung, die der eigenen Selbstgerechtigkeit und Selbstbestätigung dient, indem durch die gescheiterte sozialistische Staatsform das Gefühl der eigenen Überlegenheit verstärkt wird. Der Lauf der Geschichte hat quasi unter Beweis gestellt, dass man in der besseren Staatsform gelebt hat, dass man tüchtiger und erfolgreicher ist und nun verdienterweise auf der Siegerseite steht. Insbesondere in Hinblick auf die bekannt gewordenen weitverbreiteten ehemaligen Verstrickungen mit der Stasi sieht man sich als moralisch überlegen an. Indem mit diesem moralischen Zeigefinger verächtlich auf die Mitläufer und Verräter gezeigt wird, kann eine Stabilisierung der eigenen Psyche erzeugt werden. Die vermeintlichen Schwächen der Ostdeutschen verhelfen somit dem Westdeutschen, sich selbst großartig und bestätigt zu fühlen, ohne sich mit seinen eigenen negativen Anteilen auseinandersetzen zu müssen. Demnach dient der Zusammenbruch der DDR im Sinne eines Kompensationsmechanismus dem Westdeutschen, um seine eigene innere Not abzuwehren, indem er diese in den Ostdeutschen projiziert und somit nicht mehr an sich selbst wahrnehmen muss.30 Dies wäre auch eine Möglichkeit, um zu erklären, weshalb sich ausgerechnet westlich sozialisierte Vertreter in der Diskussion um die Deutungshoheit der DDR so auffallend ereifern. Vielleicht hat die Erinnerungskultur im Umgang mit der DDR-Vergangenheit in Wirklichkeit weitaus weniger mit politischen Motiven, sondern letztlich vielmehr mit tiefenpsychologischen Verhaltensmustern zu tun – sogar mehr, als der ein oder andere im Nachhinein wahrhaben möchte. Wenn dem so ist, und einige Indizien sprechen deutlich dafür, würde die Geschichtswissenschaft konsequenterweise in ihrem Erkenntnisgewinn sicherlich davon profitieren, wenn sie neben politischen, wirtschaftlichen und sozialwissenschaftlichen Aspekten auch verstärkt tiefenpsychologische Ansätze mit einbeziehen würde.

Literatur

Hobmair, H. (Hrg.): Psychologie. Köln 1997.

Jarausch, K.: Realer Sozialismus als Fürsorgediktatur. Zur begrifflichen Einordnung der DDR, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 20 (1998) S. 33 – 46.

Klein, M.: Die Trauer und ihre Beziehungen zu manisch-depressiven Zuständen, in: Das Seelenleben des Kleinkindes. Stuttgart 1983, S. 95 – 130.

Maaz, H-J.: Das gestürzte Volk. Die verunglückte Einheit. Berlin 1991.

März, P. /H-J. Veen (Hrg): Woran erinnern? Der Kommunismus in der deutschen Erinnerungskultur. Köln 2006.

Peters, U.H.: Lexikon Psychiatrie, Psychotherapie, Medizinische Psychologie. München 2007.

Sader, M.: Psychologie der Gruppe. München 1994.

Wiedemann, W.: Schnellkurs Psychologie. Köln 2005.

 

Vorträge

Angelow, J.: Thesen zu „Aufarbeitung und Versöhnung – passt das zusammen?“. Veranstaltung der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung am 22.04.09 um 18:00.

Einführungsvortrag Plenum Kommunismus als Erzählung Geschichtsforum Berlin 1989 / 2009. 29.5.2009.

Froese, M.: Thesen zu „Aufarbeitung und Versöhnung – passt das zusammen?“.

Veranstaltung der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung am 22.04.09.

Müller-Enbergs, H.: Thesen zu „Aufarbeitung und Versöhnung – passt das zusammen?“. Veranstaltung der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung am 22.04.09.

Sabrow, M.: Der ostdeutsche Herbst 1989 – Wende oder Revolution?

Festkolloquium zu Ehren von Hans-Ulrich Thamer, LWL-Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte, Domplatz 10, 48143 Münster, 11.10.2008, 11.00-11.30.

Sabrow, M.: „Wende“ oder „Revolution“? Der Herbstumbruch 1989 und die Geschichtswissenschaft. Vortrag in der Reihe “Umbruch 1989-1991. Zentrum und Peripherie”, Forum Neuer Markt, 2.4.2009, 19.00.

Wagner, T.: Weshalb “Ostalgiker” an Boden gewinnen. Deutschlandfunk – Studiozeit. Aus Kultur- und Sozialwissenschaften – Erinnerungskultur und Verdrängung 28.06.09, 17:49.

Wüstenberg, R.: Thesen zu „Aufarbeitung und Versöhnung – passt das zusammen?“. Veranstaltung der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung am 22.04.09.

 

Internet

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,614790,00.html – [Letzter Zugriff: 02.05.2010, 21:13 Uhr]

http://www.gbmev.de/archv/Die_DDR_war_kein_Unrechtsstaat_GBM_Kolloquium_60_Jahre_DDR.htm – [Letzter Zugriff: 02.05.2010, 22:13 Uhr]

http://www.zeitzuleben.de/artikel/persoenlichkeit/veraenderungen-2.html – [Letzter Zugriff: 13.06.2010, 20:59 Uhr]

http://www.umsetzungsberatung.de/psychologie/leidensdruck.php – [Letzter Zugriff: 13.06.2010, 21:01 Uhr]

http://www.lebenshilfe-abc.de/leidensdruck.html – [Letzter Zugriff: 13.06.2010, 21:02 Uhr]

  1. vgl.: Sabrow, M.: Der ostdeutsche Herbst 1989 – Wende oder Revolution? Festkolloquium zu Ehren von Hans-Ulrich Thamer, LWL-Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte, 11.10.2008, 11.00-11.30.
  2. vgl.: Sabrow, M.: Der ostdeutsche Herbst 1989 – Wende oder Revolution? Festkolloquium zu Ehren von Hans-Ulrich Thamer, LWL-Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte, 11.10.2008, 11.00-11.30.
  3. vgl.: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,614790,00.html – (Letzter Zugriff: 02.05.2010, 21:13 Uhr).
  4. vgl.: Veen in: März, P. /H-J. Veen (Hg): Woran erinnern? Der Kommunismus in der deutschen Erinnerungskultur. Köln 2006, S. 8f.
  5. vgl.: http://www.gbmev.de/archv/Die_DDR_war_kein_Unrechtsstaat_GBM_Kolloquium_60_Jahre_DDR.htm – (Letzter Zugriff: 02.05.2010, 22:13 Uhr).
  6. vgl.: Neubert, E. in: März, P. /H-J. Veen (Hg): Woran erinnern? Der Kommunismus in der deutschen Erinnerungskultur. Köln 2006, S.177 f.
  7. vgl.: Neubert, E. in: März, P. /H-J. Veen (Hg): Woran erinnern? Der Kommunismus in der deutschen Erinnerungskultur. Köln 2006, S. 177 ff.
  8. vgl.:  Sader, M.: Psychologie der Gruppe. München 1994.
  9. vgl.:  http://www.zeitzuleben.de/artikel/persoenlichkeit/veraenderungen-2.html – (Letzter Zugriff: 13.06.2010, 20:59 Uhr).
  10. vgl.:  http://www.umsetzungsberatung.de/psychologie/leidensdruck.php – (Letzter Zugriff: 13.06.2010, 21:01 Uhr).
  11. vgl.:  http://www.lebenshilfe-abc.de/leidensdruck.html – (Letzter Zugriff: 13.06.2010, 21:02 Uhr).
  12. vgl.: Wiedermann, W.: Schnellkurs Psychologie. Köln 2005, S. 136 – 143.
  13. vgl.: Maaz, H-J.: Das gestürzte Volk. Die verunglückte Einheit. Berlin 1991, S. 34 – 37.
  14. vgl.: Maaz, H-J.: Das gestürzte Volk. Die verunglückte Einheit. Berlin 1991, S. 39 – 40.
  15. vgl.: Maaz, H-J.: Das gestürzte Volk. Die verunglückte Einheit. Berlin 1991, S. 39; 56.
  16. vgl.: Sabrow, M.: Der ostdeutsche Herbst 1989 – Wende oder Revolution?. Festkolloquium zu Ehren von Hans-Ulrich Thamer, LWL-Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte,11.10.2008, 11.00-11.30.
  17. vgl.: Klein, M.: Die Trauer und ihre Beziehungen zu manisch-depressiven Zuständen, in: Das Seelenleben des Kleinkindes. Stuttgart 1983, S. 95 – 130.
  18. vgl.: Hobmair, H. (Hrg.): Psychologie. Köln 1997.
  19. vgl.: Wiedemann, W.: Schnellkurs Psychologie. Köln 2005, S. 137 – 143.
  20. vgl.: Wiedemann, W.: Schnellkurs Psychologie. Köln 2005, S. 141.
  21. vgl.: Wiedemann, W.: Schnellkurs Psychologie. Köln 2005, S. 141.
  22. vgl.: Wiedemann, W.: Schnellkurs Psychologie. Köln 2005, S. 140.
  23. vgl.: Maaz, H-J.: Das gestürzte Volk. Die verunglückte Einheit. Berlin 1991, S. 65-76.
  24. vgl.: Maaz, H-J.: Das gestürzte Volk. Die verunglückte Einheit. Berlin 1991, S. 57-59; 89.
  25. vgl. Wiedermann 2005, S. 118 – 122.
  26. vgl.: Maaz, H-J.: Das gestürzte Volk. Die verunglückte Einheit. Berlin 1991, S. 57-59.
  27. vgl.: Maaz, H-J.: Das gestürzte Volk. Die verunglückte Einheit. Berlin 1991, S. 59-62.
  28. vgl.: Maaz, H-J.: Das gestürzte Volk. Die verunglückte Einheit. Berlin 1991, S. 39.
  29. vgl.: Maaz, H-J.: Das gestürzte Volk. Die verunglückte Einheit. Berlin 1991, S. 44.
  30. vgl.: Maaz, H-J.: Das gestürzte Volk. Die verunglückte Einheit. Berlin 1991, S. 65-68.

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4 Kommentare über “Erinnerungskultur zwanzig Jahre nach dem Mauerfall”

  1. Matthias Klein schreibt:

    Liebe Frau Breinl,

    herzlichen Dank für diese überaus positive Rückmeldung!

    Das gibt mir Bestätigung dafür, dass es tatsächlich gelungen ist, meine beiden Studienfächer Rehabilitationswissenschaften und Geschichte auf diese Art und Weise zu verknüpfen, was für mich persönlich ein sehr spannendes Experiment darstellte.

    Der Text ist als Seminararbeit im Rahmen eines Projekttutoriums zur Erinnerungskultur in Bezug auf den Mauerfall entstanden und es reizte mich in Anbetracht der äußerst kontrovers geführten Diskussion einen tiefenpsychologischen Blick auf die einzelnen Verhaltensmuster zu werfen.
    Mir war vor diesem Seminar nicht bewußt welche regelrechten Grabenkämpfe um die Deutungshoheit geführt werden, wenn es rückblickend um die DDR geht.

    Zudem war ich sehr überrascht, als ich erfahren habe, wie lange innerhalb der Geschichtswissenschaft ein personenzentrierter Ansatz praktiziert worden ist und erst seit wenigen Jahrzehnten Ansätze z.B. aus der Wirtschaftslehre, der Politikwissenschaft oder der Soziologie hinzugezogen werden, um historische Ereignisse zu erforschen und zu deuten.
    Mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass ein psychologischer Ansatz innnerhalb der Geschichtswissenschaften generell ebenfalls sehr hilfreich und gewinnbringend sein könnte.

    Viele Grüße zurück,
    Matthias Klein

  2. Matthias Klein schreibt:

    Guten Tag Herr Kley-Olsen,

    ich freue mich sehr über ihr Interesse an dem Text!
    Danke auch für den Link zu der ebenfalls sehr interessanten Webseite.

    Matthias Klein

  3. Breinl, Juliane schreibt:

    Lieber Matthias Klein,
    vielen Dank für diese Ausführungen zum Thema Erinnerungskultur in Bezug auf die DDR, deren analytischen Ansatz man sicher auch auf andere Erinnerungskulturen anwenden könnte. Für mich stellt sich auch diese Frage, weshalb es diese unglaublichen Diskrepanzen in der Wahrnehmung und Erinnerung an den DDR-Alltag, das damals herrschende politische System gibt. Ihr Ansatz dazu ist in seiner objektiven und eben analysierenden Weise sehr erhellend und gibt meinen eigenen Gedanken dazu endlich einen festen Untergrund. Viele Grüße, Juliane Breinl

  4. Hinrich Kley-Olsen schreibt:

    Danke für den interessanten Ansatz der Rückschau auf 20 Jahre Mauerfall. Werde ihn mit Interesse lesen.
    Mehr von mir zum Mauerfall u.a. bei
    http://www.mauerfall-berlin.de

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