Post Privacy vs. PrivatsphÀre


Charlie Rutz

by Charlie Rutz | Datum: 09.01.2012
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Gehören private Daten im Internet der Vergangenheit an? Ja, meinen die Vertreter der Post Privacy-Bewegung. Wie Sebastian Westermayer, der PrivatsphĂ€re im Netz fĂŒr eine Illusion hĂ€lt. Der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar widerspricht vehement: Auch in Zeiten von WikiLeaks sei eine Vielzahl von Informationen schĂŒtzenswert.

Nach EinschĂ€tzung von Christian Heller von der datenschutzkritischen Spackeria, einer Gruppe von Post Privacy-Vertretern, ist PrivatsphĂ€re ein Auslaufmodell und Datenschutz ein Kampf gegen WindmĂŒhlen. Warum das so sei, legt er in seinem kĂŒrzlich veröffentlichten Buch „Post Privacy – Prima leben ohne PrivatsphĂ€re“ dar, das gestern bei dradio.de vorgestellt wurde. Prominente Vertreter der Spackeria wie Julia Schramm zeigen sich davon ĂŒberzeugt, dass PrivatsphĂ€re und Datenschutz in unserer vernetzten Welt nicht mehr zu schĂŒtzen sind. DatenschĂŒtzer sind ihnen ein Dorn im Auge: Sie halten sie schlicht fĂŒr ĂŒberflĂŒssig. Sebastian Westermayer von der Spackeria liefert einen Einblick in diese Gedankenwelt der Datenexhibitionisten. FĂŒr das Mitglied der Piratenpartei ermöglichen freie Daten die Beleuchtung der MachtverhĂ€ltnisse und bedeuten das Ende des Herrschaftswissens. Dem gegenĂŒber kritisiert der Bundesbeauftragte fĂŒr den Datenschutz und die Informationsfreiheit Peter Schaar, dass die Postprivatisten konstruktive Datenschutzkonzepte völlig außer acht ließen, so wie etwa die technologisch orientierten AnsĂ€tze des „Privacy by Design“ und des „Privacy by Default“.

Pro-Standpunkt von Sebastian Westermayer

Das Internet wurde erschaffen, um Daten zu teilen und sich zu verbinden. Von Anfang an war die Kommunikation im Internet eine öffentliche, prinzipbedingt. Selbst in den von Milliarden von Menschen genutzten sozialen Netzwerken ist PrivatsphĂ€re eine Illusion, denn der Diensteanbieter kann immer mitlesen, aber auch staatliche Behörden, potenziell sogar die ganze Welt, wie zahllose Datenleaks beweisen. Dazu kommt ein weiterer Aspekt: Betrachtet man die Entwicklung der Computerisierung und ihren Einfluss auf unsere Gesellschaft, erkennt man leicht, dass die Digitalisierung unseres Lebens immer weiter voranschreitet. In jedem Smartphone stecken heute schon unzĂ€hlige, mit dem Internet verbundene Sensoren. Die Sensorendichte und -qualitĂ€t wird stetig zunehmen, parallel zu der exponentiellen Entwicklung der SpeicherkapazitĂ€t, Bandbreite und Prozessorleistung. In absehbarer Zukunft wird sich dem niemand mehr entziehen können, weder durch VerschlĂŒsselung, noch durch Datenvermeidung oder Nichtteilnahme. Doch fĂŒr den Zulauf sozialer Netzwerke und die Beliebtheit von Apps, die die öffentlich verfĂŒgbaren Daten – auch die intimsten – fĂŒr uns nutzbar machen, gibt es einen Grund: Der Mehrwert, den wir aus der Nutzung ziehen, ist vielfĂ€ltig. Sie helfen uns, persönliche soziale BedĂŒrfnisse zu befriedigen. Aus der Entwicklung ergeben sich auch gesamtgesellschaftliche Vorteile: Je informierter wir sind, desto besser können wir agieren, beispielsweise Gefahren identifizieren und abwehren. Freie Daten bedeuten eine Beleuchtung der MachtverhĂ€ltnisse und ein Ende des Herrschaftswissens. Wissen wird demokratisiert und geteilt. Auf zwischenmenschlicher Ebene schwindet die Angst vor dem unbekannten GegenĂŒber. Kenne ich die SchwĂ€chen, Ängste und Unsicherheiten des Anderen – und er meine -, sind wir einander nicht mehr fremd und mĂŒssten uns nicht fĂŒrchten, wir sind verbunden. Selbst wenn wir mit einigen anderen Menschen nicht zurechtkommen, finden wir durch Offenlegung unserer Interessen Gleichgesinnte, sei es fĂŒr ein seltenes Hobby oder fĂŒr eine Revolution. Nicht zuletzt ist das Netz eine GedĂ€chtnis- und Geisteserweiterung, die mit sozialen Komponenten – also öffentlichen und verknĂŒpften Daten – erst ihre volle Kraft entfaltet. Sammeln und Auswerten von Daten sind Grundlage und Treibstoff all dieser Dynamiken, und vor der Idee der PrivatsphĂ€re macht die Entwicklung nicht halt.

Contra-Standpunkt von Peter Schaar

Prima leben ohne PrivatsphÀre?

„Die PrivatsphĂ€re ist weg! Machen wir das Beste daraus“ – das ist die Botschaft von Post Privacy. Damit klammern sich die Postprivatisten an die Annahme, dass Daten, die einmal digital erfasst wurden, stets unkontrollierbar seien und öffentlich werden – ob der Betroffene dies wĂŒnscht oder nicht. Ein wenig erinnert mich diese Argumentation an die (vulgĂ€r)marxistische These, dass sich Gesellschaften zwangslĂ€ufig entwickeln und es den Menschen nur noch an der „Einsicht in die Notwendigkeit“ mangele. Diese behauptete ZwangslĂ€ufigkeit gibt es aber nicht. Auch wenn die Speicherungsmöglichkeiten heute ungleich grĂ¶ĂŸer sind als in Zeiten analoger Datenverarbeitung lassen sich auch digitale Informationen schĂŒtzen, sei es durch neuartige VerschlĂŒsselungs- und Datenseparierungskonzepte oder traditionellen Zugriffsschutz. Auch in Zeiten von WikiLeaks sind vielfĂ€ltige Informationen (zum GlĂŒck) rechtlich schĂŒtzenswert und technisch geschĂŒtzt. Falsch ist auch die Annahme, das Recht auf informationelle Selbstbestimmung sei rein negativ konzipiert, gar ein ‚Recht auf Verstecken’. Dabei blenden die Postprivatisten konstruktive Datenschutzkonzepte völlig aus, etwa die technologisch orientierten AnsĂ€tze des „Privacy by Design“ und des „Privacy by Default“. Und wohin soll Post Privacy eigentlich fĂŒhren? Christian Heller fĂŒhrt in seinem Buch „Post-Privacy. Prima leben ohne PrivatsphĂ€re“ etwa aus, dass sich mit ‚datenschĂŒtzerischem DuckmĂ€usertum’ und der Flucht ins Verborgene keine Freiheit verteidigen lasse. Im Umkehrschluss hieße das: Nur wer totale Transparenz anvisiert, verteidigt die Freiheit. Die damit einhergehende Überwachung wird heruntergespielt, ihre Folgen verharmlost. Gerade umfassende Registrierung, Profilbildung und Durchrasterung fĂŒhrt zum DuckmĂ€usertum, nicht der Schutz davor. Post Privacy ist deshalb nicht nur naiv, sondern auch gefĂ€hrlich. Pressemeldungen ĂŒber Überwachungsstaaten lassen nur erahnen, in welchem Ausmaß Datenströme kontrolliert, zensiert und manipuliert werden können. Offensichtlich haben sich deren Apparate bereits darauf eingerichtet, die Informationen, die Facebook, Twitter und Co. liefern, zu nutzen und Oppositionelle noch gezielter zu unterdrĂŒcken. Transparenz fĂŒhrt in solchen Staaten nicht zur Freiheit, sondern in die totale UnterdrĂŒckung.

Alle zukĂŒnftigen Netzstandpunkte sind hier nachzulesen. FĂŒr politik-digital.de habe ich unter der Creative Commons Lizenz  CC BY-NC-SA 3.0 bis Januar 2012 folgende Netzstandpunkte erarbeitet und zusammengestellt: 

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2 Kommentare ĂŒber “Post Privacy vs. PrivatsphĂ€re”

  1. Charlie Rutz schreibt:

    Die ist noch herauszuarbeiten:-)

  2. RP schreibt:

    Irgendwie haben beide Recht aus ihrer jeweiligen Deckung heraus. Wo bleibt die Synthese?

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