Social Media und die Arabische Revolution


Erstellt am 04.10.2011 von Charlie Rutz

Am vergangenen Freitag ging die internationale Online-Konferenz „Facebook Revolutions? – Die Bedeutung von Social Media für den politischen Wandel in der arabischen Welt“ zu Ende. Dort tauschten sich die Teilnehmer mit internationalen Experten, Politikern und Journalisten aus. Ich verfolgte die zweiwöchige Konferenz für politik-digital.de und liefere einen Einblick samt Links mit interessantem Material zum Arabischen Frühling. 

Die vom 19. – 30. September von der Virtuellen Akademie der „Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit“ ausgerichtete Netz-Konferenz verlangte von den Teilnehmern ein proaktives Verhalten – sie hatten die von mir recherchierte Materialsammlung zur Arabischen Revolution selbst zu sichten und zu erarbeiten, um inhaltlich gut vorbereitet an der Konferenz mitwirken zu können. Hinterfragt wurde auf der Online-Konferenz vor allem: Wie konkret können Social Media als Werkzeuge für mehr Demokratie und Freiheit genutzt werden? Oder nützen sie in Zukunft eher den Geheimdiensten und Diktatoren als den Bürgern? Wären Facebook, Twitter und YouTube ohne Satelliten-TV ganz folgenlos geblieben? Und welche Maßnahmen kann auch die Außenwelt angehen, um z.B. den professionellen Journalismus im In- und Ausland zu fördern? Einfache Antworten waren hierbei nicht zu erwarten. Jöran Muuß-Merholz, Online-Host der Konferenz, macht deutlich, dass es zumeist nicht um simple Fragen wie die nach der Rolle von ‘Facebook oder Twitter‘ ging, sondern um Grundsatzfragen nach Demokratie, Freiheit, Meinungsvielfalt oder auch um das Verhältnis zwischen der arabischen und der westlichen Welt: „Da sind zwar oft sehr unterschiedliche Sichtweisen deutlich geworden, aber ein gegenseitiger Respekt zwischen allen Diskutanten war durchgängig vorhanden.“

Einordnung und Überblick

Zum Einstieg gab es einen Videochat mit der Journalistin Julia Gerlach, die derzeit aus Kairo (Ägypten) für unterschiedliche Medien berichtet. Sie gab einen Überblick zum aktuellen Stand des Arabischen Frühlings. Aus Gerlachs Sicht spielte – zumindest in Ägypten – in erster Linie Facebook eine Rolle, da es weit verbreitet und gut zugänglich ist. In den Tagen und Wochen nach der Revolution hätten sich beispielsweise in Ägypten alle Politiker, die Ministerien und sogar der Militärrat einen Facebook-Account zugelegt, und es fänden bis jetzt rege Diskussionen dort statt. Man könne über Facebook dem Regierungschef direkt eine Botschaft schicken und für alle lesbar Klagen über verstopfte Straßen und schlechte Schulen sowie Verbesserungsvorschläge hinterlassen. Neu und besonders sei auch, dass viele Ägypter mit den Statusmeldungen ihrer Regierenden versorgt und so über politische Themen informiert werden. Dessen ungeachtet habe der anfängliche Enthusiasmus der Aktivisten in der Arabischen Welt sowohl online als auch offline stark abgenommen. Die Stimmung sei aktuell sehr schlecht.

Acht Monate Revolution hätten die Menschen in der Arabischen Welt zermürbt. In Ländern wie Jemen oder Syrien klammerten sich die Diktatoren an ihre Sessel und gingen immer brutaler gegen ihr Volk vor. Aber auch in Tunesien und Ägypten erweise sich der Weg zur Demokratie holpriger als erwartet. „Arbeitslosigkeit, Streiks und Wirtschaftskrise machen den Menschen zu schaffen. Die Freiheit scheint nur zu einem sehr hohen Preis zu bekommen zu sein, wenn überhaupt“, so das ernüchternde Fazit von Gerlach. Dennoch habe der Aufstand der Jugend in der Arabischen Welt trotz allem Frust eine Menge verändern können. Viele Familien hätten ihre eigene kleine Revolution erlebt: wenn beispielsweise die Töchter auch mit demonstrieren wollten und nicht nachließen, bis ihre Eltern sie gehen ließen. Der Sommer in Kairo und Tunis sei bunt gewesen: Konzerte, Kunstaktionen, Straßenfeste.

Das, was bisher nur in Nischen im Verborgenen existiere, habe die Straßen erobert. „Es geht bei der Revolution in der arabischen Welt eben nicht nur darum, Diktatoren zu stürzen, es werden auch die Gesellschaften umgewälzt. Es gibt also tatsächlich etwas zu verlieren!“, so Gerlach. Für Terrororganisationen wie Al Qaida sei der Arabische Frühling ein harter Schlag gewesen. Der Sturz Mubaraks habe die Theorie Al Qaidas widerlegt. Sie hätten den Krieg gegen den fernen Feind (USA) gepredigt, den man treffen müsse, damit er sich zurückziehe, um so den eigentlichen (nahen) Feind, also die eigenen Diktatoren, zu stürzen. Die Terroristen waren überzeugt davon, dass maximale Grausamkeit das richtige Mittel sei. Doch die friedlichen Demonstrationen hätten gezeigt, dass es auch anders ginge.

Weiterführende(s) Links/Material zum Thema:

 

Die Rolle von Social Media beim Arabischen Frühling

Aufschlussreich waren auch die persönlichen Erfahrungsberichte von Bloggern aus sechs arabischen Ländern. In einem Diskussionsforum standen Elias Filali (Algerien), Suhail al Gosaibi (Bahrain), Basem Fathy (Ägypten), Mohammad Al Qaq (Jordanien), Marcell Shewaro (Syrien) und Tarik Nesh-Nash (Marokko) den anderen Teilnehmern (wie auch alle anderen Experten) der Konferenz Rede und Antwort. So stellte der ägyptische Blogger Basem Fathy klar: „Es ist eine Revolution, es ist nicht die Twitter- oder Facebook-Revolution“. Dennoch habe es eine sehr starke Verbindung zwischen der Revolution in Ägypten und dem Internet gegeben, das ein wichtiger Hebel für diese gewesen sei – jedoch keineswegs der bedeutendste oder einzige Faktor. „Social Media waren für uns über die Jahre unerlässlich, um uns zu mobilisieren“, so Fathy. Und die syrische Bloggerin und Zahnärztin Marcell Shewaro versucht die Bedeutung von Social Media in ihrem Land an einem Beispiel zu erklären: So sei der Syrer Riad al Turk im Jahr 2001 für zwei Jahre ins Gefängnis gesperrt worden, weil er behauptet hatte: „Der Diktator ist tot“. Damit meinte er den früheren Präsidenten Hafez Al Assad. Darüber habe es damals keinen einzigen Artikel gegeben und wahrscheinlich hätte niemand außerhalb von Syrien je davon gehört. Jetzt dagegen schrieben 5.000 Menschen auf Facebook, dass Bashar Al Assad ein Diktator ist. Früher hätte er Millionen töten und behaupten können, dass extreme bewaffnete Islamisten dahinter steckten. „Und das war’s dann, keine Medien, keine Möglichkeit zum Kommunizieren…und jeder denkt, warum soll ausgerechnet ich mich gegen das System stellen? Wer bin ich denn? Was kann ich schon verändern?“, so Shewaro. Social Media schafften nun eine vollkommen andere Situation: Wenn jetzt jemand verhaftet würde, gehe die Nachricht um die Welt. Der marokkanische Blogger Tarik Nesh-Nash konzentriert sich auf die vermeintliche Macht des Crowdsourcing: Dieses bestehe per definitionem darin, der Masse Steuermöglichkeiten an die Hand zu geben. Genau darum gehe es auch in der Demokratie. Zusammen mit anderen hat er drei Webseiten ins Leben gerufen, um das Crowdsourcing in Marokko zu nutzen:

  • Reforme.ma: Eine Webseite, die das Crowdsourcing von Verfassungsreformen ermöglichte. 200.000 Menschen hätten die Webseite besucht und mehr als 10.000 Anmerkungen zu den Verfassungsänderungen geliefert. Die Ergebnisse der Webseite wurden offiziell der nationalen Kommission vorgestellt, die für den Verfassungsentwurf zuständig ist.
  • Marsad.ma: Eine Crowdsourcing-Seite zur Wahlüberwachung.
  • Juriste.ma: Freier Zugang zu Gesetzesdokumenten, damit die marokkanischen Bürger mit einer Suchmaschine juristische Texte durchsuchen und sich so über ihre Rechte und Pflichten informieren können.

Hier die vollständig ins Deutsche übersetzten Berichte der Blogger:

Ethan Zuckerman, Direktor des MIT Center for Civic Media und Gründer des internationalen Blogger-Netzwerkes Global Voices, beantwortete in einem Videochat die Frage, welche Rolle soziale Medien bei den politischen Umbrüchen in der Arabischen Welt spielten. Zuckerman unternimmt einen zeitlichen Sprung zurück zum ersten Aufstand in Tunesien, den er als Inspiration für die folgenden Revolten bezeichnet und der vornehmlich nicht durch äußere Einflüsse angestoßen worden sei. Dabei skizziert er auch die besonderen Umstände, die für die Erhebung gegen das Regime von Präsident Ben Ali verantwortlich waren.

(Ethan Zuckerman: “Ben Ali and Bart:
Understanding Participatory Media and Protest”)

Insbesondere jüngere Aktivisten hatten im Dezember 2010 die in immer mehr Städten aufflammenden Proteste mit ihren Smartphones aufgezeichnet und bei Facebook eingestellt. So umgingen sie die einseitige Berichterstattung der seit Jahrzehnten vom tunesischen Staat kontrollierten Medien. Die Videos zu den Protesten konnten dann von internationalen Medien wie Al Jazeera aufgegriffen und verbreitet werden, deren eigene Journalisten keinen Zugang zu den betroffenen tunesischen Städten hatten. Später sah sich Präsident Ben Ali gar genötigt, sich in einer Fernsehansprache zu den Protesten zu äußern, Zugeständnisse zu machen und persönlich nach Sidi Bouzid zu reisen, wo die Proteste ihren Anfang genommen hatten. Dort besuchte er den Obst- und Gemüseverkäufer Mohamed Bouazizi im Krankenhaus, der sich am 17. Dezember 2010 vor dem Gouverneurssitz von Sidi Bouzid aus Verzweiflung über seine Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit mit Benzin übergossen, angezündet und lebensgefährlich verletzt hatte. Seine Tat und der Selbstmord eines weiteren jungen Mannes gelten als Auslöser der Proteste, die schließlich zum Sturz von Ben Ali führten. Am 23. Oktober werden die Tunesier nun in freien Wahlen zunächst die verfassungsgebende Versammlung bestimmen und anschließend ein neues Parlament wählen – allerdings mit ungewissem Ausgang.

Weiterführende(s) Links/Material zum Thema:

 

Regime 2.0 – Die dunkle Seite von Social Media

Der IT-Experte Dr. Sandro Gaycken von der Freien Universität Berlin warnt in seinem Konferenz-Beitrag davor, dass jemand, der soziale Netzwerke bzw. Web 2.0-Dienste nutzt, um sich in unruhigen Situationen zu koordinieren, damit rechnen müsse, dass die zuständigen Behörden ihn schon bald ausspähen werden. Das hätten sie spätestens nach dem Arabischen Frühling verstanden. Die Behörden könnten sogar physisch in die Systeme und Provider eindringen, um sie zu infiltrieren. Des Weiteren stellt er fest, dass – trotz des vermeintlichen Vorteils eines freien Netzes – jeder, der über ein Mindestmaß an Ressourcen und Interesse verfüge, etwas veröffentlichen könne, solange es keinerlei staatliche Kontrolle gebe: „In der Vergangenheit sind einige Akteure mit dubiosem Hintergrund – wie zum Beispiel PR-Institute, Lobbygruppen oder sogar Militärs – im Web 2.0 aktiv geworden und haben Meinungen, falsches Wissen, Ideologien usw. verbreitet.“ Daher sei für ihn nichts, das im Web 2.0 auftaucht, per se glaubwürdig. Zudem wartet er mit einer düsteren Prognose auf: Das Netz sei viel einfacher vollständig kontrollierbar als konventionelle Medien. Daher seien die Zeiten des freien Internet bald vorbei.

(Evgeny Morozov: How the Internet strengthens dictatorships)

Eine positivere Sichtweise hat der Konferenzteilnehmer Binod Bista: Er bemerkt im Diskussionsforum zu den Ausführungen des Journalisten und Bloggers Evgeny Morozov im obigen Video, dass er dessen informierte Beurteilung über die dunkle Seite der sozialen Medien sehr erfrischend fand – so beispielsweise, dass Morozov das Cybernet als „Katalysator für Veränderungen“ bezeichnet. Dagegen fand er, dass trotz der negativen Seiten des Cyber-Utopismus der Nutzen moderner Kommunikationstechnologie die Risiken im Sinne kritischer Öffentlichkeit überwiege.

Weiterführende(s) Links/Material zum Thema:

 

Das Zusammenspiel von alten und neuen Medien

An den letzten beiden Tagen der Online-Konferenz wurde der Frage nachgegangen, inwieweit es zu einem Zusammenspiel zwischen traditionellen (wie Al Jazeera) und neuen Medien kam. Dazu gab es einen Videochat zwischen Christian Rickerts von Reporter ohne Grenzen und Asiem El Difraoui, einem Nahost-Experten der Stiftung Wissenschaft und Politik, sowie eine Diskussion im Konferenzforum mit Dr. Ronald Meinardus von der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit und dem Redaktionsleiter des Onlineportals Qantara.de, Loay Mudhoon.

Meinardus wies darauf hin, dass es hauptsächlich Satellitenkanäle (vor allem Al-Jazeera) waren, die die Medienkontrolle der Regierungen gebrochen hätten: „Ich würde sagen, dass der Einfluss der Satellitenkanäle auf die breite arabische Öffentlichkeit immer noch viel größer als der der neuen Social Media ist“. Bei einer aufschlussreichen Meinungsumfrage (durchgefühbrt von einem US-amerikanischen Institut und daher eine glaubwürdige Quelle) in Ägypten nach der Revolution hätten die Befragten angegeben, dass sie sich stärker auf das Fernsehen als auf Facebook als ihre Hauptinformationsquelle während der Revolution stützten (84 Prozent im Vergleich zu sechs Prozent). Twitter hingegen wurde kaum genannt.

Sein Fazit: Soziale Medien waren als Werkzeug zum Netzwerken und Mobilisieren der revolutionären Jugend unerlässlich. Zeitweise stützten sich auch die alten Medien (TV) auf die Infos der neuen Medien. Doch die Reichweite des Fernsehens (in Ländern wie Ägypten und Tunesien) sei sehr viel größer.

(Al Jazeera: Listening Post – Recapping the Arab revolutions)

Auch Mudhoon von quantara.de zeigt sich skeptisch hinsichtlich der Rolle sozialer Medien: „Facebook-Aktivisten“, „Twitter- Revolution“, „Volksaufstand per Mausklick“ – kein Schlagwort schien in den Zeiten des Arabischen Frühlings plakativ genug, um die besondere Bedeutung neuer digitaler Medien bei den Protesten in vielen arabischen Staaten zu beschreiben. Spätestens seitdem der ägyptische Internetaktivist und Google-Manager Wael Ghonim zum Gesicht der ägyptischen Protestbewegung wurde und vom US-Nachrichtenmagazin „Time“ zur einflussreichsten Persönlichkeit des Jahres gekürt wurde, scheine der „Hype“ um die Wirkung von Twitter, Facebook und Co. im Dienste neuer Protestformen nicht mehr zu stoppen gewesen. Fest stehe: „Die neuen sozialen Medien stoßen zweifellos in neue Dimensionen vor, eröffnen andere Kommunikationskanäle und ermöglichen somit neue Formen der Interaktion und Massenorganisation. Diese digitalen Kommunikationsplattformen schaffen insbesondere in autoritären Staaten neue (zunächst) öffentliche virtuelle Räume, in denen Menschen unterschiedlicher Herkunft ihre eigenen Standpunkte deutlich machen.“ Doch jenseits dieser Euphorie solle die Bedeutung sozialer Medien für das Gelingen von Revolutionen und Reformbewegungen nicht überschätzt werden. Denn die Ursachen für Reformbewegungen und Volksaufstände seien in der Regel die schlechte Versorgungslage der Bevölkerung und eine allgemeine Unzufriedenheit.

Es handele sich bei den sozialen Medien lediglich um Werkzeuge. Wichtig sei aber auch die entscheidende Rolle arabischer Satellitensender, die eine panarabische Öffentlichkeit hervorgebracht hätten. „Dadurch konnte der Funke der Revolution auf andere Länder erst überspringen und ein historisches Momentum schaffen“, so Mudhoon. Treffend weist Meinardus darauf hin, dass Al Jazeera die neuen Medien als Informationsquelle und als Strategie zur Zuschauerbindung nutze. Zudem verfüge der Sender seit Jahren über ein Ausbildungsprogramm – so könne sich Al Jazeera eigene Journalisten heranziehen. Dies sei löblich im Sinne eines professionellen Journalismus – in der arabischen Welt sei dies jedoch noch die Ausnahme.

Weiterführende(s) Links/Material zum Thema:

 

Fazit zur Online-Konferenz 

Obwohl die Online-Konferenz für viele Teilnehmer sicherlich gewöhnungsbedürftig war, da sie im Gegensatz zu vergleichbaren Veranstaltungen ganz und gar auf die Proaktivität der Teilnehmer setzte, vermochte sie einen guten Einblick über die Bedeutung sozialer Medien für die Arabische Revolution aus unterschiedlichen Perspektiven geben. Joachim Schulte, Leiter der Virtuellen Akademie, zeigte sich zufrieden mit der simultan in deutscher und englischer Sprache abgehaltenen Konferenz: „Mehr als 300 Menschen haben sich angemeldet, und die Logfiles zeigen Zugriffe aus sage und schreibe 56 Ländern der Welt. Auch die ersten Rückmeldungen, die wir im Feedback bekommen haben, sind sehr positiv.“

Jedoch fiel die Beteiligung in den Diskussionsforen in Anbetracht von mehr als 300 Konferenzteilnehmern zurückhaltend aus. Die Beiträge selbst aber waren zumeist äußerst reflektiert und informativ. Abschließend wurden die Teilnehmer dazu aufgerufen, ein persönliches Fazit zu ziehen. Auch der bereits zu Wort gekommene Binod Bista tat dies und meinte, dass es die Opfer der zahllosen Freiheitskämpfer in den arabischen Ländern allzu sehr schmälern würde, das erfolgreiche Aufbegehren der arabischen Welt unter „Facebook-Revolutionen“ zusammenzufassen: „Ich würde sie eher ‘Facebook-Wächter für Demokratie und Menschenrechte‘ nennen.“

Und quantara.de-Redaktionsleiter Mudhoon kommt zu dem Schluss, dass eine der wichtigsten Funktionen der sozialen Netzwerke sei, dass das Anliegen der Menschen auch die Weltöffentlichkeit erreiche. Ob es die Kämpfer gegen die Gaddafi-Armee in Misrata sind oder die Demonstranten in Syrien: „Ihre Botschaften erreichen uns per Handyvideo, über Blogs, Twitter und Facebook.“ Auch wenn die Neuen Medien bei der ägyptischen Revolution “nur” als Brandbeschleuniger dienten, seien sie eine starke Stütze auf dem Weg hin zu einem selbstbestimmten Leben gewesen. Laut Schulte wolle die Virtuelle Akademie auch in Zukunft wieder internationale Online-Konferenzen anbieten. Abschließend noch der Hinweis, dass sich seit Montag in Tunis etwa 200 Blogger des Arabischen Frühlings zu einer Konferenz treffen.

Dieser Beitrag wurde von mir auf politik-digital.de am 4.10.2011 unter einer Creative Commons – Lizenz erstveröffentlicht. Zudem veröffentlichte ihn die Virtuelle Akademie der Friedrich Naumann Stiftung für die Freiheit.

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Info-Links zur Arabischen Revolution


Erstellt am 13.05.2011 von Charlie Rutz

Quelle: Wikimedia (http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Revolution_in_arabic.png?uselang=de)

Bereits im Februar beleuchtete ich die Rolle des Internet für die Arabische Revolution am Beispiel Ägyptens sowie in einer Presseschau. In der Zwischenzeit gab es weitere Aufstände. Dazu eine aktuelle Linkliste.

Eine neue politische Generation ist in der arabischen Welt herangewachsen. Diese nutzt verstärkt die neuen Medien als Mittel der Kritik an staatlicher Repression und zur Mobilisierung. Ihre kritischen Botschaften zum brutalen Vorgehen von Regimen wie Libyen, Syrien, Jemen und Bahrain gegen überwiegend friedliche Proteste artikulieren und transportieren Aktivisten aus arabischen Staaten über das Netz und Sender wie Al Jazeera ins In- und Ausland. Damit tragen sie dazu bei, dass sich ihre Landsleute über die in staatlichen Medien verbreitete Propaganda hinaus informieren können, was in ihrem Land passiert. Aber auch der Rest der Welt erhält auf diese Weise wichtiges Bild-, Video- und Textmaterial zu den Geschehnissen – auch wenn dessen Authentizität nicht immer gleich verifiziert werden kann. Weiterlesen… »

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Das Internet und die Proteste in Ägypten


Erstellt am 11.02.2011 von Charlie Rutz

Wie bedeutend war das Internet beim Volksaufstand in Ägypten & dem Rücktritt Mubaraks? Antwort: Gerade vor den Protesten entfaltete das Netz eine Wirkung, die viele Menschen zum Handeln ermutigte.

Karrikatur von Mubarak

(Autor: Carlos Latuff, Lizenz: gemeinfrei, Quelle: Wikimedia Commons)

Seit Anbeginn der Proteste in Ägypten wird einzuordnen versucht, welche Bedeutung dem Internet dabei zukommt. Für den Psychologen Peter Kruse steht fest: “Nicht das Netz, sondern das Resonanzfeld in der Gesellschaft bewirkt die Revolution. Das Internet schafft schnell ein Gefühl von Masse und das gibt die Sicherheit, die persönliche Angstschwelle zu überschreiten, sichtbar zu werden und Wirkung zu erzeugen.” Gerade die ägyptische Jugend nutzt verstärkt das Medium Internet. Volker Perthes von der Stiftung Wissenschaft und Politik meint, dass die Revolutionen in Tunesien und Ägypten das Werk einer neuen politischen Generation sind: Kleine, studentisch geprägte Gruppen hätten den Protest organisiert und über soziale Netzwerke mobilisiert. Das ist schon insofern naheliegend, als dass der Anteil der unter 30jährigen an der Gesamtbevölkerung bei etwa zwei Drittel (Quelle: U.S. Census Bureau, International Data Base) liegt. Unabhängig vom Alter schwanken die Zahlen zur Internetnutzung in Ägypten zwischen 16 (Quelle: Statistisches Bundesamt) und 21 Prozent (Quelle: Internet World Stats).

Nach Angaben von ANHRI gibt es in Ägypten rund 15 Millionen Internetbenutzer und etwa 200.000 Blogs. Im Report der Organisation heißt es, dass die “ägyptischen Blogger […] die politischen Zwänge durch ihre Blogs zu durchbrechen [versuchen], und sie sind bekannt für ihre bittere Kritik an der Regierung, obwohl diese versucht die Blogger zu unterdrücken.” Auch soziale Medien wie Facebook dienen dabei als Plattform. Ein prominentes Beispiel dafür ist die vor drei Jahren von Ahmed Maher gegründete Jugendbewegung des 6. April, die eine Facebook-Seite unterhält und zusammen mit den Gründern der Gruppe We are all Khaled Said die Ägypten-Proteste mitinitiiert haben soll. Insgesamt soll es 4 – 5 Millionen (Quellen: Internet World Stats, Spot on, www.checkfacebook.com) ägyptische Facebook-Nutzer geben. Zur Twitter-Nutzung durch die Ägypter während der Proteste gibt es kaum verwertbare Daten. In einem Bericht von 2009 kam Reporter ohne Grenzen zu dem Schluss, dass sich das Internet in Ägypten zu einem einflussreichen Mittel der politischen Meinungsäußerung und Massenmobilisierung entwickelt hat.

Das ägyptische Regime reagierte auf diese Entwicklung mit schärferen Kontrollen und der Festnahme missliebiger Blogger. Darunter finden sich viele junge Ägypter, die sich per Internet via Blog, Facebook und Twitter u.a. Luft über die soziale Perspektivlosigkeit verschaffen. All dies verdeutlicht, dass die Rolle des Internet im Zusammenhang mit den Protesten nicht unterschätzt werden darf. Gerade der gut ausgebildete Teil der jungen Generation nutzte schon vor Beginn des Volksaufstands soziale Plattformen wie Facebook, um sich zu vernetzen und zu organisieren. Auch der Social-Media-Experte Thomas Pfeiffer kommt zu dem Schluss, dass das Social Web gerade im Vorfeld der Proteste seine Wirkung entfaltete:

“Die Menschen in Ägypten, nicht nur die ‘klassischen’ Dissidenten und Oppositionellen, haben sich gegenseitig Rückhalt geboten. Im Netz konnten die Menschen sehen: “Wir sind nicht allein.” Dass das Internet während der Proteste weniger bedeutend war, lässt sich laut Pfeiffer schon allein daran erkennen, dass die Proteste auf dem Tahrir-Platz auch weitergingen, als das Regime das gesamte Internet lahmlegte: “Jetzt aber, während die Proteste im vollen Gange sind, funktioniert die Vernetzung auch ohne Internet ziemlich gut und nachhaltig.”

Eines scheint sich zu bestätigen: Das Internet in Ägypten erreicht zwar nur eine im Vergleich zu Europa kleine Menge der Bevökerung, die scheint jedoch hoch politisiert zu sein. Diese überwiegend jungen intellektuellen Meinungsführer nutzen besonders die sozialen Medien, um den Widerstand zu organisieren.

Damit öffnen sie Fenster in die restliche Welt, die Außenstehenden einen direkten Einblick in die derzeitigen Aufstände bieten. Die traditionellen Medien tun sich hingegen noch schwer mit der Einordnung dieser Informationen, da sie oft einer journalistischen Prüfung nur schwer zu unterziehen sind. Auf der einen Seite können die westlichen Medien Blogs, Twitter und Facebook-Seiten nicht mehr ignorieren, andererseits ist es weiterhin schwer, die Bedeutung dieser Informationen für die Revolution einzuordnen. Dass sie einen großen Einfluss auf die derzeitigen Aufstände haben, kann jedoch schon jetzt nicht mehr bestritten werden.

Unter Mitarbeit von Dr. Steffen Wenzel, Philipp Albrecht & Johann Eggert.

Dieser Beitrag wurde von mir auf politik-digital.de am 11.2.2011 unter einer Creative Commons – Lizenz erstveröffentlicht.

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Twitter und die arabische Revolution


Erstellt am 07.02.2011 von Charlie Rutz

Welche Rolle spielen Social-Media-Dienste wie Twitter und Facebook bei den Protesten in der arabischen Welt und ganz aktuell in Ägypten? Keine besondere, meint z. B. Malcolm Gladwell. Auch deutsche Medien sind gespaltener Auffassung. Dazu eine kurze Presseschau plus Live Ticker.

Der Bestsellerautor Malcom Gladwell zweifelt schon länger an der Bedeutung sozialer Medien wie Facebook oder Twitter bei der Organisation politischer Proteste. Er stellt fest, dass frühere Revolutionen wie 1789 in Frankreich oder beim Fall der Berliner Mauer auch ohne Facebook auskamen. Doch verfolgt Gladwell hier den richtigen Ansatz? Unstrittig ist wohl, dass während gesellschaftlicher Umwälzungsprozesse in Form von Revolutionen zu unterschiedlichen Zeiten teilweise völlig andere technische Mittel der Kommunikation und Organisation genutzt wurden. Das ist dem technologischen Fortschritt geschuldet.

Die Frage ist aber auch: Mit welcher Geschwindigkeit und Breitenwirkung erlauben derlei Werkzeuge die Kommunikation? Das Digitale Zeitalter stößt hierbei in völlig neue Dimensionen vor. Denn eine Botschaft kann in Sekundenschnelle um die ganze Welt geschickt werden. Vorausgesetzt, man hat einen Zugang zu Internet, Mobilfunknetz & Co. Wohl genau deshalb kappte das ägyptische Regime zeitweilig solche Zugänge. Um den Protestlern die Kommunikation zu erschweren und zugleich Propaganda per SMS zu verbreiten. Doch wie bedeutend sind soziale Medien wie Twitter bezüglich der Proteste? Hanan Badr von der Uni Erfurt sieht in ihnen nicht die Ursache der Demonstrationen in Ägypten. Auch hätten die Protestierenden nach den Internetsperren sehr zügig zu traditionellen Mitteln der persönlichen Kommunikation gegriffen. Jedoch seien die Social Media “in der Mobilisierung und Vernetzung von oppositionellen Kräften nicht zu unterschätzen. Die Netzwerke sind durch die elektronischen Wege intensiver und schneller. Auch schaffen sie öffentliche virtuelle Räume, wo ein Dialog über Themen unter den extern pluralistischen Oppositionsgruppen stattfinden kann. Das wäre in der realen Welt unwahrscheinlich”, so die aus Ägypten stammende Badr.

Und was sagt die deutsche Medienlandschaft dazu? Ich habe mich einmal umgeschaut. Die Meinungen und Analysen gehen hier auseinander. Von einer Revolution, die allein durch Social-Media-Dienste wie Twitter und Facebook bewirkt wird, spricht jedoch kaum jemand. Hier ein paar ausgewählte Artikel:

Twitter, Facebook und die Revolution in Ägypten

Twitter, Facebook und die Revolution in ÄgyptenPhilipp Meller von Cicero sprach mit dem nach Ägypten gereisten Internet-Blogger Richard Gutjahr über die angespannte Lage in Ägypten und die Bedeutung der Internet-Netzwerke für die aktuellen Proteste. Laut Gutjahr gelangen Meldungen der Proteste fast ausschließlich über Internet-Dienstleister wie Twitter oder Youtube an die ausländische Öffentlichkeit. Bezeichnend sei, dass die ARD-Tagesthemen per Skype ein Live-Interview mit einem ägyptischen Internetblogger führten.

Arabiens Facebook-Jugend verjagt die Greise

Beim Handelsblatt schrieb Volker Perthes von der Stiftung Wissenschaft und Politik, dass die Revolutionen in Tunesien und Ägypten das Werk einer neuen politischen Generation seien. Kleine, studentisch geprägte Gruppen hätten den Protest organisiert und über soziale Netzwerke mobilisiert. Dem schlossen sich Bürger aus der Mittelschicht und die Armen an, die dem Ganzen den Charakter einer Volksrevolte gaben. Zukünftige Regierungen der arabischen Welt wüssten nun, dass ein Anregieren gegen die Demografie und die stärksten Generationen nicht ginge.

Die Revolution, die keine war

Im Spiegel Online versucht Mathieu von Rohr mit der Vorstellung aufzuräumen, es gäbe Facebook-Revolutionen. Seiner Auffassung nach gibt es nur Revolutionen von Menschen, die sich befreien wollen. Es waren unzumutbare Verhältnisse wie Armut und Perspektivlosigkeit der Jugend, die die Menschen auf die Straße trieben. Dennoch habe das Internet die Volksaufstände in Tunesien und Ägypten befördert.

Wir sind alle Khaled Said

Die ägyptische Zivilgesellschaft habe eine Vorgeschichte des Protests, so die Islamwissenschaftlerin Sonja Hegasy bei taz.de. Gerade das ägyptische Regime selbst sei für die aktuelle Entwicklung mitverantwortlich, da es das Internet in den letzten Jahren stark gefördert habe. Die aktuellen Demonstrationen werden über das Internet organisiert und orchestriert, so Hegasy.

Revolution offline

Bei Zeit Online schreibt Evgeny Morozov, dass es für Umstürze nicht des Internet bedarf. Auch könne nicht von einer Twitter-Revolution gesprochen werden. Zudem dienten Facebook und Twitter nicht nur zur Publikation von Protesten und Menschenrechtsverletzungen: denn nach einer gescheiterten Revolte vermögen Regime auch Dissidenten dort ausfindig zu machen. Das Fazit von Morozov lautet: Das Netz nützt Unterdrückern und Unterdrückten.

Mubarak kontert die Facebook-Revolution

Florian Güßgen von stern.de meint, dass die Social Media eine zentrale Rolle bei der Organisation der Proteste in Ägypten einzunehmen scheinen. Die Debatte um die Rolle sozialer Medien bei politischen Umwälzungen und die Frage, ob deren Förderung ein fester Bestandteil der Außenpolitik demokratischer Staaten sein müsse, würden durch die Proteste befeuert werden.

Sehnsucht nach der digitalen Revolution

Die Rolle des Internet als Mittel der politischen Einflussnahme werde immer bedeutender, meint Andrian Kreye von sueddeutsche.de. Dennoch werde es überschätzt. Eine zentrale Aussage von ihm ist, dass für eine wirkliche Revolution mehr zusammenkommen müsse – ein kollektiver Leidensdruck, nachvollziehbare Reformideen, Kampfwille, breite Organisationsstrukturen. Daher sei das Internet, respektive Twitter und Facebook, bei den Umwälzungen in Tunesien und Ägypten nur eines von vielen Werkzeugen.

Ägypten ist keine “Twitter-Revolution”

Der Journalist Philip Rizk relativiert bei dradio.de ebenfalls die Rolle der sozialen Medien. Er spricht von einer Revolution zu Fuß. So wären z. B. bei der Großdemonstration vom 28.1. vor allem Menschen aus ärmeren Vierteln anwesend gewesen, die noch nie etwas wie das Internet gesehen hätten. An diesem Tag gab es kein Twitter, Facebook, Internet und keine Handy-Verbindungen.

Das Internet nimmt den Staatenlenkern ihre Macht

Das Beispiel Ägypten zeige, dass das Internet größere Machtverschiebungen auslösen könne und die Weltpolitik nicht länger nur Regierungen vorbehalten sei, schreibt Joseph S. Nye bei Welt Online. Regierungen hätten dank des digitalen Zeitalters zukünftig weniger Kontrolle über ihre politischen Agenden.

Dieser Beitrag wurde von mir auf politik-digital.de am 7.2.2011 unter einer Creative Commons – Lizenz erstveröffentlicht.

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