image_pdfimage_print

Lonesome Cowboy – Frauen verlassen den Osten


Erstellt am 23.02.2009 von Chica

Wer als gesitteter Amerikaner im Jahr 1848, zu Beginn des Goldrauschs, nach Kalifornien reiste, war schockiert von den ZustĂ€nden, die dort herrschten: MĂ€nner unterschiedlichster NationalitĂ€ten hatten Frau und Kinder zurĂŒckgelassen und waren gen Westen gezogen, um dort ihr GlĂŒck zu versuchen. Die heterogene Zusammensetzung, unsichere ökonomische Aussichten, der Konkurrenzkampf untereinander und die nahezu völlige Abwesenheit von Frauen (vielerorts betrug der Frauenanteil gerade mal 2%) machte den wilden Westen zu einem Ort, an dem Saufgelage, GlĂŒcksspiel, Prostitution und gewalttĂ€tige Auseinandersetzung an der Tagesordnung waren. Der enorme MĂ€nnerĂŒberschuss wirkte sich auch auf die Geschlechterrollen aus: Aufgrund des geringen Frauenanteils mussten die MĂ€nner nun selbst die traditionell weiblichen Hausarbeiten ĂŒbernehmen oder dafĂŒr bezahlen.

Die wenigen Frauen vor Ort arbeiteten entweder als Prostituierte oder verdienten als selbstĂ€ndige Unternehmerinnen gutes Geld, indem sie kochten oder WĂ€sche wuschen, wĂ€hrend sie in ihren Herkunftsregionen keine Erwerbsmöglichkeiten gehabt hatten. Andere Frauen versuchten sich als professionelle Spielerinnen, die betrunkene GoldgrĂ€ber in den Salons gnadenlos abzogen. Manche Frauen kleideten sich als MĂ€nner, um diejenigen Jobs und Freiheiten ausĂŒben zu können, die ansonsten nur dem mĂ€nnlichen Geschlecht vorbehalten waren. Die Ankunft zahlreicher weißer Mittelschichtsfrauen in den 1850er Jahren lĂ€utete das Ende dieser Gesellschaft ein. Die Frauen betrachteten es als ihre Aufgabe, wieder Zucht und Ordnung herzustellen und mit dem ZurĂŒckdrĂ€ngen von GlĂŒcksspiel, Alkoholexzessen und Prostitution verschwand auch die Offenheit der Geschlechterrollen.

Ganz anders im Osten Deutschlands. Dort sind es die jungen und gut ausgebildeten Frauen, die nach Westen ziehen, ein in Europa einzigartiges PhĂ€nomen. Die Zahlen sind weitaus weniger dramatisch als im Wilden Westen, selbst in der Uckermark kommen auf 100 junge Kerle noch 80 Frauen. ZurĂŒck bleiben gerade in den lĂ€ndlichen Regionen ĂŒberproportional junge MĂ€nner mit schlechten Chancen auf dem Ausbildungs-, Arbeits- und Partnermarkt, die gerne NPD wĂ€hlen. Ursache der Abwanderung ist ĂŒberraschenderweise nicht die höhere Arbeitslosigkeit von jungen Frauen, denn es sind gerade junge MĂ€nner, die sich durch das Festhalten an traditionellen mĂ€nnlichen Rollenbildern fĂŒr Bildungswege und Berufe entscheiden, die keine Zukunft haben. In erster Linie ist die bessere (Aus-)Bildung von MĂ€dchen und jungen Frauen ausschlaggebend fĂŒr die Abwanderung.

Frauen sind außerdem geringer sozial verwurzelt als MĂ€nner, die, wenn sie abwandern, oft wieder zurĂŒckkehren, da sie Schwierigkeiten haben,  einen Freundeskreis aufzubauen und von Heimweh geplagt werden. Ein weiterer Grund fĂŒr die Abwanderung wird in der Schwierigkeit gesehen, einen Partner zu finden, da sich Frauen in ihrer Partnerwahl hinsichtlich des Bildungsabschlusses gleich oder nach oben orientieren und da bietet der Westen mehr.

ZurĂŒck bleiben neben den beschriebenen MĂ€nnern vor allem junge Frauen mit schlechten Bildungs- und Berufschancen, die oft in jungen Jahren Mutter werden und den Partnerinnen-Pool fĂŒr die dagebliebenen Jungs bilden. Von der Politik wird das Ganze mit Sorge beobachtet. BefĂŒrchtet wird neben einem FachkrĂ€ftemangel und der Herausbildung einer mĂ€nnlichen Unterschicht auch ein GeburtenrĂŒckgang (Remember: Du bist Deutschland). Weil man weder so einfach die ostdeutsche Provinz aufmotzen noch soziale Unterschiede einebnen kann (oder möchte), setzt man auf Heimatverbundenheit. Konsequenterweise wurden RĂŒckkehragenturen gegrĂŒndet und Pakete mit Ostprodukten verschickt. Brandenburg will mit dem Landeswettbewerb „Familienfreundliche Gemeinde“ HeimatgefĂŒhl, kulturelle IdentitĂ€t und Sesshaftigkeit fördern und so die Frauen im Land halten. Bislang erfolglos.

Hinweis: Dieser Text wurde zuerst im MÀdchenblog veröffentlicht und bezieht sich auf die Studie Not am Mann

Kategorie: Deutsche Politik | Keine Kommentare »

Frauenleitbild in der DDR


Erstellt am 29.06.2008 von Ariane Israel


Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort
2. Hauptteil
__2.1 Das Frauenbild
__2.2 Das ostdeutsche Frauenleitbild
__2.3 Auswirkungen
__2.4 Staatliche und nichtstaatliche Frauenbewegung
3. Fazit
4. Quellen- und Literaturverzeichnis


_

1. Vorwort

„Als ich ihnen dann schließlich begegnete, Anfang 1990, erschreckten mich ihre verhĂ€rmten Gesichter, die abgearbeiteten Gestalten, sie sahen so ausgepowert aus und hatten ein Selbstbewusstsein und einen Pragmatismus, die mich faszinierten. Ihr Auftreten war so resolut, manchmal fast unfreundlich, und wenn ich auf Frauenbewegte traf, irritierte mich ihre burschikose und kurz angebundene Art. Überallhin schleppten sie ihre Kinder mit, forderten lautstark die Erhaltung der Kinderbetreuungseinrichtungen – und wir dachten geringschĂ€tzig: Was hat das mit Feminismus zu tun?“

[Ulrike Baureithel]


(Autor: Nightflyer, Lizenz: gemeinfrei, Quelle: Wikimedia Commons)

Als ich etwa acht Jahre alt war, hörte meine Mutter vorĂŒbergehend auf zu arbeiten. Bis dahin war sie  Fernmeldemechanikerin bei der Post gewesen, technisch geschult, in einer MĂ€nnerdomĂ€ne arbeitend  und staatlich ununterbrochen ĂŒberwacht. FamiliĂ€re Ereignisse, die hier nichts zur Sache tun, und die Erziehung von vier Kindern nahm sie derart in Beschlag, dass sie, sehr zum UnverstĂ€ndnis unseres  kompletten Umfeldes, zunĂ€chst einmal eine Weile nur Hausfrau und Mutter sein wollte. Ein Skandal!  Ich war in meiner Klasse das einzige Kind, das nach dem Unterricht direkt nach Hause gehen konnte  und dort von der Mutter empfangen wurde. So blieben mir zu meiner Freude Schulspeisung und Nachmittagshort erspart und ich wurde von meinen MitschĂŒlern beneidet. Viele ihrer Eltern Ă€ußerten UnverstĂ€ndnis dafĂŒr, dass ich mich auf diesem Wege der nachmittĂ€glichen Gemeinschaft entziehen konnte; es wurde sogar auf einem Elternabend angesprochen.

Eine gute Mutter, eine engagierte ostdeutsche Frau, sei sehr wohl in der Lage, Kindererziehung, familiĂ€re Schwierigkeiten und den Beruf zu vereinbaren. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie unsere politisch stark engagierte Lehrerin dies mit sĂŒffisantem Unterton zu einer Kollegin sagte und mich dabei ansah. Das sei ja wie im kapitalistischen Westen, das wĂŒrde all das, was die Frauen und die Frauenbewegungen der DDR erreicht hatten, zunichte machen, wo kĂ€men wir denn da hin!  Damals verstand ich das ĂŒberhaupt nicht: was war denn so schlimm daran, dass meine Mutter zuhause war? Immerhin hatte sie mit uns vieren alle HĂ€nde voll zu tun, vor allem, wenn mein Vater wieder einmal im Ausland zeigen musste, wie fortschrittlich die Landwirtschaft der Deutschen Demokratischen Republik doch war. Und was hatte denn die Frauenbewegung mit unserer Familie zu tun? Kam die vorbei und wusch die schmutzige WĂ€sche oder kochte fĂŒr uns hungrige Kinder?

2. Hauptteil

2.1 Das Frauenbild

Nach dem Fall der Mauer 1989 und der Wiedervereinigung 1990 gab es immer wieder Debatten ĂŒber die Unterschiede im Frauenbild der DDR und der BRD. Das VerhĂ€ltnis zwischen Feministinnen in Ost und West ist auch heute, 17 Jahre spĂ€ter, noch gespannt.

„Unterschiedliche Erfahrungen und Sozialisation von Frauen in DDR und BRD fĂŒhren heute zu einer Situation in Feminismus, Frauenforschung und -bewegung, die zwischen Ost und West von mehr Differenzen als Gemeinsamkeiten geprĂ€gt ist und nicht einfach durch einen `schwesterlichenÂŽ Diskurs zu beheben ist, auch wenn allem Anschein nach die derzeitige gesellschaftliche Situation  gemeinschaftliches Handeln erfordert.“

[Ulrike Baureithel]

Die Leitbilder, die in BRD und DDR propagiert wurden, waren grundsÀtzlich verschieden. Beide Leitbilder waren politisch-ideologisch geprÀgt und wirkten sich unmittelbar auf die LebensrealitÀt der Frauen und die Frauenpolitik in beiden LÀndern aus. In der BRD war das herrschende Leitbild der Frau das der Hausfrau und Mutter. Resultat war eine Vielzahl kultureller und politischer Ausschlussstrukturen, wie beispielsweise Behinderungen von Karriere und Berufsleben und die weitgehende Unvereinbarkeit von Kind und Karriere. Eine landesweit deckende Versorgung mit Betreuungseinrichtungen fehlte und fehlt bis heute. In der DDR herrschte hingegen das Leitbild der qualifizierten berufstÀtigen und gesellschaftlich aktiven Mutter. Die Betreuung der Kinder war vom SÀuglingsalter an staatlich und auch finanziell gewÀhrleistet, so dass der Entsprechung des Leitbildes weitgehend nichts im Wege stand.

Sozialpolitische Maßnahmen in Bezug auf Frauen und Kinder folgten den jeweiligen Leitbildern, und so sind die entstandenen Frauenbewegungen in DDR und BRD als kritische Antwort auf die resultierenden gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse zu verstehen. Nach der Wiedervereinigung kollidierten beide bestehende Leitbilder. Zwar wird – insbesondere von Politikerinnen – verstĂ€rkt gefordert, die Kinderbetreuung auch staatlich zu gewĂ€hrleisten und karrierebewusste MĂŒtter moralisch und rechtlich zu unterstĂŒtzen, doch scheint sich unterschwellig das westliche Leitbild durchgesetzt zu haben. Auf politischem Wege werden diesem zumindest weit weniger Steine in den Weg gelegt als dem Leitbild der arbeitenden Mutter, welches den tatsĂ€chlich herrschenden gesellschaftlichen VerhĂ€ltnissen weit mehr entsprechen wĂŒrde. In Zeiten von Hartz IV und insbesondere im Osten wachsenden finanziellen Nöten werden dennoch Mittel gekĂŒrzt, BetreuungsschlĂŒssel erhöht und immer mehr TagesstĂ€tten und KindergĂ€rten geschlossen, sodass viele Frauen gezwungen sind, die Betreuung der Kinder selbst zu ĂŒbernehmen – es sei denn, sie sind finanziell so gut gepolstert, dass sie sich eine private Betreuung leisten können.

2.2 Das ostdeutsche Frauenleitbild

„Das Frauenbewusstsein ist eine eigenstĂ€ndige Ebene der Aneignung, Kontrolle und Gestaltung von Gesellschaft“

[Ulrike Baureithel]

Die Wurzeln des ostdeutschen Leitbildes finden sich in der (proletarischen) Arbeiterbewegung. Ausgangspunkt war die Vorstellung, dass sich aus dem Kapitalismus geborene WidersprĂŒche der Gesellschaft auf dem Weg zum Kommunismus lösen werden und dass die Lösung der Klassenfrage auch die auftretenden „NebenwidersprĂŒche“ wie die Emanzipation der Frau beinhalten wĂŒrde. Gleichzeitig wurde n die rechtliche Gleichstellung und die Förderung der Berufsintegration der Frauen bereits als faktische Gleichstellung betrachtet.

Von Beginn an hatte die DDR die Gleichberechtigung der Geschlechter in der Verfassung verankert:

„Mann und Frau sind gleichberechtigt und haben die gleiche Rechtsstellung in allen Bereichen des gesellschaftlichen, staatlichen und persönlichen Lebens. Die Förderung der Frau, besonders in der beruflichen Qualifizierung ist eine gesellschaftliche und staatliche Aufgabe.“

[Verfassung der DDR, Artikel 20, Absatz 2]

Sozialistische Gleichberechtigungspolitik in Form staatlicher Maßnahmen erfasste allerdings nicht beide Geschlechter, sondern konzentrierte sich auf die Frau. Demzufolge zielte die Frauenpolitik zunĂ€chst im Kern auf die Integration der Frauen in die Erwerbsarbeit als Voraussetzung fĂŒr die gesellschaftliche Gleichberechtigung. In einer nĂ€chsten Phase dienten bis Ende der 60er Jahre zahlreiche sozial- und bildungspolitische Maßnahmen der (nachholenden) Qualifizierung von Frauen: So gab es beispielsweise FrauenausschĂŒsse in den Betrieben, FrauenförderplĂ€ne fĂŒr Qualifikation und Aufstieg im Betrieb, Qualifizierungsmaßnahmen fĂŒr Frauen, vor allem in technischen Berufen, es gab Frauensonderklassen an Fachschulen und die Möglichkeit zum Sonderstudium an Hochschulen fĂŒr die Frauen, die bereits Berufserfahrungen hatten. Ebenso bestand die Möglichkeit von Teilstudien zur Erlangung eines Hoch- oder Fachschulabschlusses fĂŒr Frauen, denen ein volles Abend- oder Fernstudium zeitlich nicht möglich war.

So hatten (1988) 81% der berufstĂ€tigen Frauen eine abgeschlossene Berufsausbildung und davon etwa 20% einen Fach- oder Hochschulabschluss. In Leitungsfunktionen waren jedoch Ă€hnlich wie im Westen nur 2,5% dieser Frauen vertreten, was auch heute noch Fragen bezĂŒglich der tatsĂ€chlichen Gleichstellung von Mann und Frau aufwirft. Seit Ende der 60er Jahre erfolgte eine bevölkerungspolitisch motivierte VerĂ€nderung der Frauenpolitik als Reaktion auf die auffallend sinkende Geburtenrate.

Auf dem VIII. Parteitag der SED 1971 wurden zahlreiche sozialpolitische Maßnahmen beschlossen, die auf die Vereinbarkeit von Mutterschaft und Beruf zielten: So beschloss man das bezahlte Babyjahr, die VerkĂŒrzung der Arbeitszeit von MĂŒttern, einen bezahlten Haushaltstag, erhöhten Grundurlaub fĂŒr MĂŒtter, Freistellung zur Pflege kranker Kinder, einen Versorgungsgrad mit Kinderbetreuungseinrichtungen von 90% sowie die gesetzlich geregelte Geburtenbeihilfe (1000,-Mark pro Kind), einen Ehekredit, der bei der Geburt von 3 Kindern innerhalb von 8 Jahren nicht zurĂŒckgezahlt werden musste, bevorzugte Wohnungsvergabe fĂŒr junge Ehepaare und – damals bahnbrechend – die Möglichkeit zur kostenfreien Schwangerschaftsunterbrechung bis zur 12. Woche.

2.3 Auswirkungen

Arbeit und Familie waren der Rahmen der weiblichen IdentitĂ€t in der DDR. Gleichberechtigung im Beruf und Traditionalismus in den Geschlechterbeziehungen war oft an der Tagesordnung. Arbeit, Kollektiv und Sozialpolitik prĂ€gten die IdentitĂ€ten der Frauen – nicht jedoch die der MĂ€nner. Die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie war vorrangig Aufgabe der Frauen und auch die sozialpolitischen Maßnahmen gingen von einem traditionellen MĂ€nner-Frauen-VerhĂ€ltnis aus. Niemals war es das Ziel, MĂ€nner in Frauenberufe zu integrieren oder sie den Familienpflichten nĂ€her zu bringen. So schoben Frauen zu Hause nach der Arbeit die „2. Schicht“, die ihnen „fĂŒr Selbstbesinnung und weiblichen Selbstbezug […] weder Raum noch Zeit“ ließ. Nichtsdestotrotz bewĂ€ltigte der Großteil der Frauen diesen Balanceakt. Es war eben gang und gĂ€be. Die „patriarchale Gleichberechtigung“, wie dieser Zustand heute von Sozialwissenschaftlern betitelt wird, bot also die Möglichkeit der Herausbildung von weiblicher Autonomie, war aber fĂŒr Frauen gemacht und nicht von Frauen entwickelt und erkĂ€mpft. Arbeit sicherte den Frauen unabhĂ€ngig von MĂ€nnern die Existenz. Sie bedeutete Gemeinschaft in Kollektiven, soziale Integration und soziale Anerkennung durch Arbeitsleistung. Sie war selbstverstĂ€ndlicher Bestandteil der Selbstdefinition und des Selbstbewusstseins der Frauen.

2.4 Staatliche und nichtstaatliche Frauenbewegung

Seit Beginn der 80er Jahre fanden sich in der DDR unter dem Dach der evangelischen Kirche informelle Gruppen zusammen, unter ihnen auch Frauengruppen, die sich mit Fragen der Ökologie, Frieden oder Antimilitarismus beschĂ€ftigten. Die wenigsten von ihnen waren tatsĂ€chlich religiös, sie nutzten lediglich die Institution Kirche als einzigen öffentlichen, zugleich aber nichtstaatlichen Raum, in dem es möglich war, nicht sanktionierte Diskussionen zu fĂŒhren. Dass viele ihrer Diskussionen dabei auf die nicht vorhandene Gleichberechtigung innerhalb klerikaler Strukturen zielten, war dabei irrelevant. SelbstverstĂ€ndlich gab es auch außerhalb des kirchlichen Raums kritische Diskussionen. Die politische Brisanz und die Konsequenzen waren jedoch verschieden.

Es gab hauptsĂ€chlich drei Bereiche, in denen Frauen ihre Probleme und Interessen formulierten. Zum einen war dies der Bereich der feministischen Theologie und der daraus 1985 entstandene landesweit agierende Arbeitskreis „Feministische Theologie und Frauenbefreiung“. Hier wurden vor allem die GeschlechterverhĂ€ltnisse innerhalb kirchlicher Strukturen diskutiert. Der zweite Bereich war die Gruppe „Frauen fĂŒr den Frieden“, die 1982 aus Protest gegen das neue Wehrdienstgesetz der DDR, das u.a. beinhaltete, im Verteidigungsfall auch Frauen in die allgemeine Wehrpflicht mit einzubeziehen, entstand. Es gab Diskussionen und zum Teil auch erheblichen Widerstand beispielsweise gegen MilitĂ€rspielzeug, ĂŒber die Sozialisation in der Familie, die Geschlechterrollen in SchulbĂŒchern, ĂŒber Gewalt gegen Frauen,  ĂŒber die Friedenspolitik und Friedenserziehung oder auch ĂŒber die HochrĂŒstungspolitik des Landes. Neu war daran, dass hier aktiv in öffentlichem Raum gehandelt wurde, was durchaus politische Repressalien und Verhaftungen zur Folge hatte. Eine dritte Interessenvertretung von Frauen bildete die Gruppe „Lesben in der homosexuellen Selbsthilfe“. Seit 1982 begannen sich Lesben und Schwule unter dem Dach der evangelischen Kirche zu organisieren. Ziel war es, die Anerkennung von lesbischen und schwulen Lebensformen zu erreichen und vor allem öffentliche Begegnungsorte zu schaffen.

„Zu Beginn war unser Kreis noch gemischt, also Lesben und Schwule gemeinsam. Doch nach dem dritten Abend zu einem Lesbenthema, bei dem die Schwulen in der Diskussion ĂŒber uns Lesben voll das Wort an sich rissen, bestanden wir auf Trennung.“

[Ulrike Baureithel]

Neben diesen drei nichtstaatlichen Informationsgruppen gab es noch den staatlichen Demokratischen Frauenbund Deutschlands (DFD). Dieser existierte seit 1947. Der DFD verstand sich als Erbe der Frauenbewegung, die noch vor GrĂŒndung der DDR als bĂŒrgerlich-demokratischer Störfaktor ausgeschaltet werden sollte. Die zunĂ€chst antifaschistische, demokratische, parteipolitisch und religiös unabhĂ€ngige Organisation entwickelte sich schnell zu einer Massenorganisation im Gefolge der SED. In Veranstaltungsreihen und VortrĂ€gen beschĂ€ftigte sich der DFD verstĂ€rkt mit Gesundheits- und Schwangerschaftsberatung. Ab Mitte der 1960er Jahre kĂŒmmerte er sich verstĂ€rkt um Frauen, die nicht organisiert, nicht berufstĂ€tig oder nur halbtags beschĂ€ftigt waren, um sie fĂŒrs Berufsleben zu gewinnen.

3. Fazit

Die zeitliche ParallelitĂ€t von Beruf und Familie und die dadurch gewĂ€hrleistete relative ökonomische UnabhĂ€ngigkeit vom Partner entwickelten sich zu Bestandteilen der IdentitĂ€t der DDR-Frauen; sie stellten gleichzeitig Doppelbelastung und Doppelchance dar. Die Geschlechtertradition der Frau als Erzieherin der Kinder, der Frau als HAUSfrau, war jedoch weitgehend mit dem in der BRD vorhandenen Geschlechterbild identisch. Eine ostdeutsche Sozialwissenschaftlerin benennt den Konflikt, der heute noch zwischen Frauen aus Ost und West besteht, folgendermaßen: West-Emanzen gegen Ost-Muttis, BefreiungskĂ€mpferinnen einerseits, Fußfessel der feministischen Bewegung andererseits. Den Feministinnen aus dem Westen wird Kolonialherrengebaren vorgeworfen. Den Ostfrauen wiederum VerklĂ€rung der realsozialistischen Frauenemanzipation. Ein Zusammenkommen scheint auch 17 Jahre nach der Wiedervereinigung Ă€ußerst schwierig.

,,Wie immer das GeschlechterverhĂ€ltnis in der ehemaligen DDR beschaffen war, wie funktionalistisch ausgerichtet und mĂ€nnlich normiert das politische Gleichheitspostulat auch gewesen sein mag: Die Erfahrung, dass Frau auf dem Arbeitsmarkt nichts mehr wert ist und als Ă€ltere Frau nicht mehr gebraucht wird; die Erfahrung, dass Kindererziehung nicht mehr in der gesamtgesellschaftlichen Verantwortung steht; die Erfahrung als Sexualobjekt an LitfaßsĂ€ulen und KinoleinwĂ€nden ausgestellt zu werden; kurz: die Erfahrung dieser Differenz machen die ostdeutschen Frauen erst in den vergangenen Jahren. Möglicherweise liegt hier – ĂŒber EnttĂ€uschungen und Verletzungen hinaus – ein strukturelles Moment fĂŒr die Aversion zwischen Ost und West…“

[Ulrike Baureithel]

4. Quellen- und Literaturverzeichnis

Literatur:

Dölling, Irene: Aufbruch nach der Wende. Frauenforschung in der
DDR und in den neuen BundeslĂ€ndern, In: H. M. Nickel (Hrsg.), Frauen in Deutschland 1945-1992, Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung, S. 397-407, Bonn 1993.
Hampele, Anne: Arbeite mit, plane mit, regiere mit. Zur politischen Partizipation von Frauen in der DDR, In: H. M. Nickel (Hrsg.), Frauen in Deutschland 1945-1992, Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung, S. 301-311, Bonn 1993.
Hornig, Daphne; Steiner, Christine: Auf der Suche nach der Bewegung. Zur Frauenbewegung in der DDR vor und nach der Wende, In: Mitteilungen aus der kulturwissenschaftlichen Forschung. Heft 36 (Band Differente SexualitÀten), 1995.
Szepansky, Gerda 1995: Die stille Emanzipation. Frauen in der DDR, Frankfurt am Main 1995.

Kategorie: DDR-Special | 3 Kommentare »