Adam Smiths Moralphilosophie und der Utilitarismus




by Constantin Schmidt | Datum: 01.09.2008
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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
2. Hauptteil
__2.1 Klassischer Utilitarismus
__2.2 Die Kompatibilität zwischen dem Utilitarismus
….._….und Smiths Moralphilosophie
__2.3 Humes und Smiths Gerechtigkeitsbegründungen
……._im Widerstreit
__2.4 Die Bewirkung des größten Glücks der größten Zahl
…….-…durch die natürlichen Gefühle
3. Ergebnisse
4. Quellen- und Literaturverzeichnis

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1. Einleitung

Schon die ältere Forschung beschäftigte sich mit Adam Smiths Bedeutung für den  Utilitarismus [Definition: Utilitarismus (engl. utilitarianism, von lat. utilitas, Nutzen) nennt man die ethische Position, die eine Handlung danach bewertet, ob sie im Vergleich mit anderen Handlungsalternativen die größte Anzahl positiver, nicht-moralischer Werte, z. B. Glück, Reichtum, Gesundheit, Schönheit, Einsicht usw., hervorbringt. Der Utilitarismus wird der konsequentialistischen Ethik und dem Eudämonismus zugerechnet und ist eine altruistische Ethik. (Quelle: http://www.phillex.de/utilitar.htm)]. So gab es eine Tradition, die  Adam Smith als Anhänger des Utilitarismus sah, weil er eine besondere Nähe zu den englischen Empiristen Hume und Hutcheson hatte, die als Vordenker des klassischen Utilitarismus gelten. Andere Forscher leiteten Smith Utilitarismus aus einer Vorläuferfunktion ab: Smith soll einige wichtige Positionen der  klassischen Utilitaristen Bentham, Mill und Sidgwick begründet haben. Smiths Ruhm als Utilitarist war durch sein Spätwerk „der Wohlstand der Nationen“ bedingt. Denn dieses Werk begründet, wie eine Nation zu Reichtum gelangt. Es zeigt auf, welche Maßnahmen, wie zum Beispiel die Arbeitsteilung, in Hinsicht auf eine prosperierende Wirtschaft nützlich sind. Eben aus diesem Nützlichkeitsdenken folgerten die Forscher, dass Smith utilitaristisch geprägt sei. Neben dieser Forschung, die Smith als Utilitaristen sieht, entwickelte sich ein weiterer Forschungszweig, der sich besonders mit seiner „Theorie der ethischen Gefühle“ (TMS) beschäftigte. Dieser Forschungszweig kam zu ganz anderen Ergebnissen. Für diese Forscher – zu denen auch Walter Eckstein gehörte – war Adam Smith kein eingefleischter Utilitarist. In der Einleitung seiner 1925 veröffentlichten Übersetzung der TMS bemerkte er, dass sich Smith gegen einen zu weit ausufernden Utilitarismus wandte.[1] Der folgende Beitrag beschäftigt sich ebenfalls nur mit der TMS, um eine These zu erarbeiten, die sich an Ecksteins Position anlehnt und wird zeigen, dass Smith innerhalb seiner TMS keinen normativen Utilitarismus vertreten hat. An einigen Stellen seiner Arbeit werden verschiedene Prinzipien des Utilitarismus benutzt, um seine Argumentation verständlich zu machen. Trotzdem kann daraus nicht gefolgert werden, dass Smith einen normativen Utilitarismus vertrat. Der Utilitarismus ist eben nicht die wesentliche Handlungsnorm innerhalb der TMS.

Um dieses Vorhaben durchzuführen, werde ich in folgender Weise vorgehen: Zuerst soll ein allgemeiner Überblick zum klassischen Utilitarismus gegeben werden. Es sollen erst die Gemeinsamkeiten der verschiedenen Formulierungen dieser Ethik dargestellt werden. Anschließend stelle ich einige ausgewählte Positionen – Bentham, Mill und Sidgwick – kurz dar. Nach diesem einführenden Teil wird diskutiert, inwieweit Smith einen normativen Utilitarismus vertreten hat. Dabei wird zunächst gezeigt, dass Smiths Moralphilosophie mit dem Utilitarismus nicht kompatibel ist und demonstriert, dass Smiths Sympathiekonzeption für den klassischen Utilitarismus von Belang ist. Daraufhin bringe ich Argumente vor, aus denen ersichtlich wird, dass Smith keinen normativen Utilitarismus vertreten hat und komme auf den Einfluss des Zufalls auf die Billigung einer Handlung zu sprechen. Außerdem werde ich auf die Probleme aufmerksam machen, die mit einem idealen Beobachter zusammenhängen. Im nächsten Abschnitt des Beitrags werden die von Hume und Smith gemachten Gerechtigkeitsbegründungen diskutiert, wobei ich auf die jeweilige Herleitung der Gerechtigkeit eingehe. Anhand des Wachposten-Beispiels soll hervorgehoben werden, dass Smith einen explanatorischen Utilitarismus vertrat. Im letzten Teil der Arbeit wird dargestellt, dass Smith entgegen dem Utilitarismus eine Alternativbegründung formuliert hat, die die allgemeine Glückseligkeit aus den Handlungsmotiven (Selbsttäuschung und Streben nach Anerkennung) herleitet. Mit dieser Begründung wird die Auffassung der Utilitaristen, dass die Handlungsfolgen das größte Glück der größten Zahl bewirken können, zurückgewiesen.

2. Hauptteil

2.1 Klassischer Utilitarismus

Der Utilitarismus ist eine Ethiktheorie, die sich mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts im angloamerikanischen Raum ausbreitete. Besonders im englischsprachigen Raum wurden verschiedene Fassungen des Utilitarismus diskutiert. In Kontinentaleuropa setzte sich der Utilitarismus zunehmend nach dem Zweiten Weltkrieg durch. Da es verschiedene Formulierungen des Utilitarismus gibt, folgt zunächst ein allgemeiner Überblick zum klassischen Utilitarismus. Neuere Konzeptionen, wie der Präferenzutilitarismus von Hare sowie der Regel- und Aktutilitarismus bleiben unerwähnt.[2] Konrad Ott führt fünf wesentliche Merkmale des Utilitarismus an: Demnach besitzt dieser eine „konsequentialistische Orientierung, [eine] hedonistische Wertbasis,  [einen] Gleichheitsgrundsatz, [eine] Maximierungsstruktur und [ein] Kalkülisierungsideal“.[3] Durch seine konsequentialistische Grundstruktur hängt die moralische Beurteilung einer Handlung stark von den Handlungsfolgen ab (konsequentialistische Orientierung). Damit steht der Utilitarismus in einem Gegensatz zu den deontologischen Ethiken, die den Wert einer Handlung vornehmlich aus den Handlungsmotiven ableiten. Wenn nun die moralische Beurteilung einer Handlung von ihren Handlungsfolgen abhängt,  muss es ein Verfahren geben, nach welchem die Konsequenzen einer Handlung beurteilt werden. Da der Mensch grundsätzlich das Vermögen hat, Schmerz oder Freude zu empfinden[4], braucht der Utilitarist nur den Schmerz oder das Leid der Betroffenen zu messen (hedonistische Wertbasis). Der Schmerz und das Leid der Betroffenen wird aufsummiert. Bei der Berechnung dieser Summe wird jeder Betroffene nur einmal berücksichtigt (Gleichheitsgrundsatz). Einige Utilitaristen gehen bei dieser Summierung davon aus, dass die unterschiedliche Qualität und Quantität des Leides und der Freude mit berücksichtigt werden soll.

Eine Handlung wird von den Utilitaristen besonders dann gebilligt, wenn sie besonders nützlich ist. Der Nutzen einer Handlung wird dabei als Summe von Glückszuständen verstanden. Diese Glückszustände wiederum sind die durch die Handlung bewirkten Freuden bei den Betroffenen.[5] Bei der Beurteilung des Nutzens einer Handlung können je nach Spielart des Utilitarismus verschiedene Parameter berücksichtigt werden. So gibt es einige Ethiker, die es für zulässig halten, dass die bewirkten Freuden und die bewirkten Leiden gegeneinander aufgerechnet werden. Andere Moraltheoretiker fragen bei der Beurteilung nach dem Maximal- oder Durchschnittsnutzen, den die Betroffenen aus der Handlung erhalten (auch Ausdruck des Kalkülisierungsideals). Eine Handlung ist dann nützlich, wenn sie den meisten Nutzen für die Betroffenen bewirkt. Optimal ist das Verhältnis zwischen Handlung und Nutzen, wenn die Handlung möglichst wenig Leid und viel Freude verursacht (Maximierungsstruktur).

Nach diesem kurzen Überblick zu den Gemeinsamkeiten des Utilitarismus sollen kurz die wichtigsten Positionen des klassischen Utilitarismus dargestellt werden. Jeremy Bentham gilt als Erster, der das utilitaristische Prinzip formuliert hatte. Für ihn hatte der Utilitarismus eine sozialreformatorische Seite. Seines Erachtens sollten zukünftig die Gesetze in Großbritannien so beschaffen sein, dass sie dem größten Glück der dort lebenden Bürger dienlich wären. Neben einer umfassenden Reform der Gesetze sollte auch das Gefängniswesen  nach dem Panopticon-Prinzip erneuert werden. Der Hintergrund dieser Modernisierungen war, dass Bentham nicht das individuelle Wohl befördern, sondern das größte Glück der größten Zahl bewirken wollte.[6]

John Stuart Mill gehörte zu denjenigen Utilitaristen, die sich intensiv mit der Qualität und der Quantität von Lust- und Unlustempfindungen befassten. Er modifizierte den Utilitarismus, sodass auch die Qualität der Empfindungen bei der Beurteilung des Handlungsnutzens mit berücksichtigt wurde. So ging er davon aus, dass von zwei Freuden derjenigen Vorzug zu geben sei, die die Beliebteste der breiten Masse sei. Mill zufolge waren die Freuden der breiten Masse genau die Freuden, die dem Idealen des Bildungsbürgertums entsprachen. Vermutlich deshalb, um sich gegen den Einwand zu schützen, dass er eine hedonistische Ethik, die stark von „animalischen Freuden“ der breiten Masse geprägt sei[7], betreibe, orientierte er sich an den Idealen des Bürgertums.[8] Einige Kritiker Mills folgerten daraus, dass Mill auch als Begründer der „Ethik des Genussmenschen“[9] angesehen werden könne. In einer solchen Ethik würde „ein Haufen glücklicher Schweine besser (da stehen) als ein unglücklicher Sokrates“.[10]

Henry Sidgwick aktualisiert den Utilitarismus dahingehend, dass er nicht mehr von Lusterhöhung und Unlustvermeidung spricht, sondern den Begriff der Präferenzen einführt. Für ihn sind Präferenzen die hypothetischen Interessen der von einer Handlung betroffenen Personen. In Anlehnung an Benthams Prinzip der Beförderung des „größten Glücks der größten Zahl“ geht Sidgwick nach Einschätzung von Herlinde Pauer-Studer davon aus, dass eine bestmögliche Erfüllung der Präferenzen aller Betroffenen erstrebenswert sei.[11] Sidgwick zufolge neigt der Mensch aus Intuition zur utilitaristischen Ethik.[12]

2.2 Die Kompatibilität zwischen dem Utilitarismus
——und Smiths Moralphilosophie

Im Folgenden wird dargestellt, dass Smiths Ethik und der Utilitarismus nicht kompatibel sind. Zunächst wird kurz auf die Quellen der moralischen Billigung bei Smith und bei den Utilitaristen eingegangen. Dann wird gezeigt, dass für einen Utilitaristen das Sympathievermögen wichtig ist, da es zur „Wahrnehmung“ der Gefühle der Betroffenen dient. Hier scheinen sich die beide Ethiken zu ähneln. Auf den zweiten Blick kommt es zu Spannungen zwischen den beiden Ethiken, da Smiths unparteiischer Zuschauer kein idealer Beobachter ist, der alle Handlungsfolgen oder alle denkmöglichen Situationen wahrnehmen kann. Außerdem wird deutlich, dass der Zufall auf die Gefühle einen entscheidenden Einfluss hat, der es den Utilitaristen unmöglich macht, die konkreten Gefühle der Betroffenen zu deuten.

Für Smith hängt die moralische Billigung einer Handlung von den sympathetischen Gefühlen für diese Handlung ab. Für die moralische Billigung einer Handlung gibt es vier mögliche Wege. So können wir erstens mit den Beweggründen des Handelnden sympathisieren, zweitens können wir Mitgefühl mit den Betroffenen der Handlung haben (zum Beispiel: Dankbarkeit oder Teilnahme an Vergeltungsgefühlen des Betroffenen), drittens empfinden wir „den Grad der Übereinstimmung beider Gefühle mit demjenigen, was in dieser Situation gemeinhin als Gefühl angemessen erscheint (Schicklichkeit)“ und viertens bewundern wir in diesem Handeln den Beitrag zur natürlichen harmonischen Ordnung der Gemeinschaft.[13]. Neben diesen vier Möglichkeiten werden keine weiteren Faktoren in der TMS genannt, wie Smith zufolge eine Handlung moralisch beurteilt werden kann. Diese Auffassung über die moralische Billigung von Handlungen steht der Position Benthams gegenüber. Für Bentham lässt sich die moralische Billigung einer Handlung nur durch die Nutzenkalkulation bestimmen.[14]

Auf den ersten Blick scheint es, dass Smiths Ethik überhaupt keinen Bezug zum Utilitarismus hat. Jedoch ist es gerade für die Abschätzung des Nutzens, also für die guten und schlechten Folgen einer Handlung, bedeutsam, wenn Rücksicht auf die Lust- bzw. Unlustgefühle der Betroffenen genommen wird. Somit ist es für den Utilitaristen ebenfalls sinnvoll, Sympathie für die Betroffenen zu empfinden[15], andernfalls wäre eine Wahrnehmung der Unlust- und Lustgefühle der Betroffenen unmöglich. Es scheint, dass der Utilitarismus zum Teil auf der Ethik Smiths aufbaut. Solch eine Ethik aber bräuchte einen Beurteilenden, der ein riesiges Einfühlungsvermögen und Wahrnehmungsvermögen hat, um sich in alle Betroffenen hineinzuversetzen. Außerdem müssten sich alle Handlungsfolgen eindeutig abschätzen lassen.

Der Beurteilende müsste eine Art idealer unparteiischer Beobachter sein. Er sollte Firth zufolge über ein enormes Erfahrungswissen verfügen, um sich in alle denkmöglichen Situationen der Betroffenen hineinzufühlen. Außerdem ist es erforderlich, dass er jeden Betroffenen wahrnehmen könne – auch jene, die nicht unmittelbar betroffen sind -,   um ein korrektes Urteil abzugeben, dass aus der Summe der Lust- bzw. Unlustempfindungen der Betroffenen resultiert. Zusätzlich müsste dieser Beobachter unvoreingenommen und unparteilich sein, damit keine Bevorzugungen stattfinden. Weil es ja für die Utilitaristen maßgebend ist, dass jeder Betroffene gleichviel zählt. Außerdem müsste der ideale Beobachter auch sachlich sein.[16]

D. T. Campbell weist daraufhin, dass Smith keine Theorie des idealen Beobachters in der TMS vertritt.[17] Smiths unparteiischer Zuschauer genügt nicht diesen Ansprüchen, er ist Campbell zufolge eine sehr indifferente Gestalt, so „dass Smith den unparteiischen Betrachter auch mit einem ganz normalen Zuschauer, mit einem bystander und mit jeder unbeteiligten Person identifiziert“.[18] Wenn also der unparteiische Zuschauer in verschiedenen Gewändern auftritt, so ist es nicht ersichtlich, dass Smith von einer einheitlichen Figur des idealen Beobachters ausgeht. Folglich kann es sich bei Smith nicht um einen idealen Beobachter handeln, der die von Firth aufgeführten Eigenschaften hat. Wenn Smiths unparteiischer Zuschauer nicht die geeignete Person ist, um moralische Beurteilung im Sinne des Utilitarismus durchzuführen, so kann davon ausgegangen werden, dass Smith mit seinen Konzeptionen der Sympathie und des unparteiischen Zuschauers keinen Utilitarismus intendiert hat.

Angenommen, der eben genannte Einwand würde nicht zutreffen und es würde einen idealen Beobachter geben, so bliebe die Frage offen, ob dieser Beobachter die durch eine Handlung bewirkten Lust- und Unlustgefühle richtig abschätzen könne. Michael S. Aßländer weist darauf hin, dass auf Gefühle der Betroffenen der Zufall einen immensen Einfluss habe[19]. Smith spricht hierbei von einer „Regelwidrigkeit der Empfindungen“[20]. So hinge zum Beispiel das Maß der Dankbarkeit von den Umständen der Handlung ab. Smith verdeutlicht dies kurz: „Ein Mann, der sich für einen anderen um eine Stelle bewirbt, ohne sie zu erhalten, wird (…) Zuneigung“[21] erhalten. Würde er aber die Stelle erhalten, so wäre ihm die Dankbarkeit des anderen sicher. Wenn also das Maß der Intensität der lustvollen Gefühle des Betroffenen in diesem Fall vom Zufall abhängt, so wird ersichtlich, dass der Zufall auf jede utilitaristische Nutzenkalkulation einen Einfluss hat. Da Smith den Einfluss des Zufalls nicht bei der Beurteilung der Handlungen ausschließen kann und möchte, wird ersichtlich, dass Smith keinen normativen Utilitarismus vertritt.[22]

Dieser von Smith vorgebrachte Einwand, dass der Utilitarismus mit zufälligen „Wirkungsketten“ nicht umgehen könne, wird auch von heutigen Forschern vorgebracht. Sie gehen davon aus, dass viele moralische Beurteilungen, die sich utilitaristischer Methoden bedienen, von einem ungewissen Wissensstand, wie auch Smith am Beispiel des Bewerbers zeigt, der keine hinreichende Kenntnis von der Zukunft hat, beeinflusst sind.[23] Es lässt sich daher annehmen, dass Smith den Utilitarismus ablehnt.

Wie gezeigt wurde, ist die Sympathiekonzeption für den Utilitarismus von Bedeutung. Sie ist grundlegend für die „Messung der Gefühle“ der Betroffenen. Jedoch gibt es bei Smith keinen Zuschauer, der sich in alle Betroffenen hineindenken kann, um deren Gefühle nachzuempfinden. Außerdem geht Smith davon aus, dass die Gefühle, die durch eine Handlung bei den Betroffenen bewirkt werden, stark vom Zufall beeinflusst sind. Damit stellt er sich gegen eine Beurteilung der Handlungskonsequenzen. Die Ethik von Smith und der Utilitarismus sind nicht vereinbar.

2.3 Humes und Smiths Gerechtigkeitsbegründungen
——im Widerstreit

Dieser Abschnitt der Arbeit befasst sich mit den Gerechtigkeitsbegründungen von Hume und Smith. Hume begründet Gerechtigkeit durch ihre Nützlichkeit für das gesellschaftliche Zusammenleben. Smith widerspricht dieser Position und wendet ein, dass Gefühle die Gerechtigkeit sichern und ihr Wesen mehrheitlich bestimmen. Durch Smiths Zurückweisung der Humeschen Gerechtigkeitsbegründung wird ersichtlich, dass Smith keinen normativen Utilitarismus vertritt. Sodann soll dargestellt werden, inwiefern der Begriff der Nützlichkeit für Smith eine Bedeutung als Erklärungshilfe für die im nächsten Satz beschriebenen Phänomene hat. In seinem Beispiel des militärischen Wachpostens wird deutlich, dass Smith Nützlichkeitserwägungen benutzt, um die Diskrepanz zwischen natürlicher und „künstlicher“ Strafe zu erklären.

Hume war Thomas Gil zufolge jemand, der sich nicht „für die schöne exzellente Idee der Gerechtigkeit an sich interessiert[e, sondern der davon ausging, dass ohne sie] vieles in der sozialen Welt nicht gut funktionieren würde. Hume konzentriert[e] seine Aufmerksamkeit auf  die Nützlichkeit der Gerechtigkeit für die Gesellschaft und wurde so für die Utilitaristen [insbesondere für Jeremy Bentham] ein Vorfahr.“[24] Ausgehend von der eben beschriebenen Funktion der Gerechtigkeit für das menschliche Zusammenleben, wird klar, dass für Hume Gerechtigkeit nur eine künstliche Tugend sei[25], die sich aus ihrer Nützlichkeit, die sie  für die Gesellschaft hat, ableiten lässt. So würden Straftäter nur deshalb bestraft werden, weil es für die Gesellschaft nützlich sei, denn die Strafe bewirkt, dass die Täter sich bessern. Außerdem schreckt sie andere potentielle Täter von der Begehung einer Straftat ab. Eine solche Strafzwecktheorie setzt nicht bei den Gefühlen bzw. den Motiven des Täters und des Opfers an, sondern sie setzt bei dem Zweck an, der mit der Strafe verwirklicht werden soll. Diese Strafzwecktheorien haben oftmals einen utilitaristischen Ursprung.[26]

Bei Hume werden Strafe als auch Gerechtigkeit durch Nützlichkeit gebilligt. Die Billigung wird also nicht, wie bei Smith, durch Sympathie gewonnen, sondern durch rationale Reflexion über die Nützlichkeit der Strafe.[27] Bei Hume findet neben der Reflexion höchstens ein sympathetisches Gefühl zwischen dem Zuschauer und Inhaber der Tugend der Gerechtigkeit statt. Dabei sympathisiert der Zuschauer nur mit dem Nutzen dieser Tugend.[28]

Smith hält der Auffassung Humes entgegen, dass Gerechtigkeit eine natürliche Tugend sei, die zu einem großen Teil durch unsere Vergeltungsgefühle gesichert wird[29]. Bei ihm beschränkt sich der Begriff der Gerechtigkeit nur auf die persönliche Sicherheit. Dabei berücksichtigt er Fragen der Verteilungsgerechtigkeit nicht. Dies liegt aber auch daran, dass er Gerechtigkeit nicht aus der Nützlichkeit ableitet. Für Hume jedoch ist Verteilungsgerechtigkeit wichtig, da er eine Knappheit der Güter annimmt. Smith zufolge findet der Schutz der persönlichen Sicherheit durch die natürlichen Gefühle statt. So reagiere jeder Zuschauer mit Vergeltungsgefühlen auf die Opfer unsozialer Affekte bzw.  schädigender Handlungen. Ebenso geht Smith davon aus, dass das „system of rules“ sich aus solchen Vergeltungsgefühlen entwickeln würde.[30] In der TMS hebt er seine Stellung zu den Gefühlen als die Grundlage des staatlichen Strafens hervor: Der Täter muss „gerade wegen dieser [schädigenden] Handlung Reue und Kummer empfinden, damit andere durch die Furcht vor gleicher Strafe davon abgeschreckt werden, sich der gleichen Beleidigung schuldig zu machen. Die naturgemäße Befriedigung dieses Affekts wirkt von selbst dahin, alle die Zwecke zu verwirklichen, auf welche die staatliche Bestrafung abzielt: die Besserung des Verbrechers und das abschreckende Beispiel für die Allgemeinheit.“[31] Aus diesem Zitat wird eine Position Smiths deutlich, die sich gegen die utilitaristischen Strafzwecktheorien richtet. Nicht eine Reflexion über den Strafzweck begründet die Existenz staatlicher Strafen, sondern die natürlichen Gefühle bewirken die Besserung des Täters und Abschreckung potentieller Täter. Also werden Smith zufolge die Gerechtigkeit und die Bestrafung schädlicher Handlungen durch die natürlichen Gefühle bewirkt.

Wenn für Smith die Gerechtigkeit nicht aus der Nützlichkeit abgeleitet wird,  dann bleibt die Fragen offen, welche Bedeutung utilitaristische Erklärungen für Smith haben. Es ist offensichtlich, dass Smith sich ohne utilitaristischen Hintergrund solcher Erklärungsweisen bedient, um bestimmte Maßnahmen des Staates zu begründen.[32] So weisen Campbell und Ross in ihrem Aufsatz daraufhin, dass Smith utilitaristische Erklärungsweisen benutzt, um die staatlichen Eingriffe gegen Schmuggler zu rechtfertigen und um die Zollpolitik durchzusetzen.[33] Daher soll im nächsten Abschnitt gezeigt werden, dass sich Smith eines explanatorischen Utilitarismus in der TMS bediente.

Für diesen Zweck ist das bekannte Beispiel des militärischen Wachpostens dienlich: „so wird zum Beispiel der Wachposten, der während seines Dienstes einschläft, nach den Kriegsgesetzen mit dem Tode bestraft, weil solche Unachtsamkeit das ganze Heer in Gefahr bringen kann.“ (TMS 135). Robert Shaver weist darauf hin, dass der natürliche Gräuel dieses Verbrechens äußerst gering ist (der Wächter schlief nur ein), aber die verhängte Strafe würde über die natürliche Strafe hinausgehen, die unser Vergeltungsgefühl billigen würde. Diese „Diskrepanz“ zwischen den beiden Strafen ließe sich nur mit Hilfe einer Erklärung bezüglich der Nützlichkeit schließen. Es ist äußerst nützlich, dass der Wächter nicht einschläft, damit er vor herannahenden feindlichen Heeren warnen kann. Ohne eine solche Warnung wäre der Fortbestand des Staates gefährdet. Um den Staat dauerhaft zu erhalten, muss dem Täter eine drakonische Strafe angedroht werden, damit er bemüht ist, nicht einzuschlafen. Diese Erklärung bedient sich nur eines explanatorischen Utilitarismus, um das drakonische Vorgehen gegen den eingeschlafenen Wächter zu rechtfertigen. Ohne diese Nützlichkeitserwägung würden unsere Gefühle nicht mit der verhängten Todesstrafe des Täters sympathisieren.[34]

Aus dieser Diskussion wird deutlich, dass Smith den Begriff der Nützlichkeit verwendet, um gewisse Strafabsichten zu erklären. Trotzdem leiten sich für Smith Gerechtigkeit und unsere Motive zur Bestrafung zuerst aus den Gefühlen ab. Die rationalen Reflexionen über den Strafgrund treten erst dann hinzu, wenn die Gefühle nicht mehr ausreichen, um Handlungen zu billigen.[35] Smiths Auffassung, dass erst die Gefühle und die dann eventuell darauf folgenden Nützlichkeitserwägungen eine Handlung billigen, widerspricht der Auffassung Sidgwicks, demzufolge der Utilitarismus intuitiv als Moralauffassung existiert.

Durch seine Zurückweisung von Humes utilitaristisch geprägter Gerechtigkeitsbegründung bezieht Smith eindeutig Stellung. Smith lehnt einen normativen Utilitarismus ab. Entgegen Humes Utilitarismus vertritt Smith die Auffassung, dass moralisches Handeln durch die natürlichen Gefühle gebilligt werde. Trotzdem kann sich Smith nicht zurückhalten, Nützlichkeitserwägungen zu verwenden, um bestimmte Strafpraxen zu beschreiben.

2.4 Die Bewirkung des größten Glücks der größten
——Zahl durch die natürlichen Gefühle

In diesem Abschnitt meines Beitrags wird demonstriert, wie nach Smith das größte Glück der größten Zahl durch den Einfluss der natürlichen Gefühlen verwirklicht wird. Dazu wird kurz beschrieben, wie die Utilitaristen das größte Glück der größten Zahl bewirken wollen. Mit Smith lässt sich einwenden, dass für ihn nicht die Ziele einer Handlung maßgeblich sind, sondern die Vervollkommnung der Mittel. Dies wird an seinem Beispiel des Uhrliebhabers belegt. Ausgehend von dieser Grundannahme wird gezeigt, dass auch die Menschen durch eine Vervollkommnung ihrer natürlichen Vermögen, das Streben nach Anerkennung und die Selbsttäuschung, ihre Glückseligkeit bewirken. Dadurch wird die allgemeine Glückseligkeit unabsichtlich bewirkt. Am Ende des Kapitels wird kurz darauf eingegangen, welche Art von Utilitarismus sich aus den Argumenten dieses Kapitels ableiten ließe.

Die Utilitaristen gehen davon aus, dass die Konsequenzen einer Handlung nach den durch sie bewirkten Lust- und Unlustgefühlen bewertet werden. Jeder, der von der Handlung betroffen wurde, zählt gleich, dabei wird keiner bevorzugt. Für den Utilitaristen, der das größte Glück der Größten Zahl befördern will, muss er stets diejenige Handlung ausfindig machen, die am besten geeignet ist, um diesen Zweck zu verwirklichen. Folglich zählen die Handlungsfolgen  mehr als das Handlungsmotiv.

Smith stellt sich dieser Auffassung entgegen, wenn er behauptet, dass die moralische Billigung einer Handlung eher von Handlungsmotiven abhängt.[36] Smith behauptet im vierten Teil der TMS, dass uns nicht die Handlungsfolgen zum Handeln anleiten, sondern dass es in uns naturgegebene Motive gibt, die uns zum Handeln anleiten. Daher bewertet er die Mittel, die zu einem gewissen Zweck führen, höher als den Zweck selbst.[37] Smith erläutert dies am Beispiel des Uhrenliebhabers, der sich eine neue und genauere Uhr kauft. Er wird seine alte und ungenaue Uhr verkaufen, um sich dann eine bessere und exaktere Uhr zu kaufen. Ihm geht es dabei nicht darum, pünktlicher als andere zu sein, sondern es geht ihm darum, sich an der „Vollkommenheit [seines] Instrumentes“ zu erfreuen[38]. Wenn es dem Uhrenliebhaber nicht um die Pünktlichkeit als Zweck geht, so hätte er sich auch auf die ungenaue Uhr einstellen können und andere Arrangements treffen können, anstatt sich eine neue Uhr zu kaufen. Ihm geht es also nicht um den Nutzen, sondern für ihn ist die Vervollkommnung der Mittel – ohne auf deren Nutzen Rücksicht zu nehmen – erstrebenswert.

Warum nehmen wir auf den Nutzen unserer Handlungen keine Rücksicht? Warum geht es dem Uhrenliebhaber nicht vordergründig darum, dass seine Uhr genauer ist, damit er pünktlicher ist? Dies liegt an einer geschickten Täuschung, die durch die Natur bewirkt wird. Diese Täuschung motiviert uns zum handeln[39]. Sie ist dasjenige, „was den Fleiß der Menschen erweckt und in beständiger Bewegung erhält, Sie ist es, was sie zuerst antreibt, den Boden zu bearbeiten, Häuser zu bauen, Städte und staatliche Gemeinwesen zu gründen (…)“[40]. Durch diese Täuschung opfern sogar einige der ärmsten Menschen ihre Gesundheit und Ruhe, um in höhere Schichten der Gesellschaft zu gelangen. Sie gaukelt ihnen vor, dass Reichtum sie glücklicher macht.[41]

Das natürliche Streben nach Annerkennung begünstigt diese Entwicklung. Das Annerkennungsstreben bewirkt, dass viele Menschen in höhere Schichten der Gesellschaft aufsteigen wollen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Smith mit der von der Natur bewirkten Täuschung das menschliche Anerkennungsstreben meinte. Dieses Anerkennungstreben bewirkt, dass jeder Mensch Gegenstand der Sympathie der Zuschauer sein will. Da die meisten Zuschauer mit den Annehmlichkeiten, die ein Palast seinen Bewohnern bietet, sympathisieren, ist Reichtum erstrebenswert.[42] Genauso wie ein jeder „Aufsteiger“ Anerkennung erheischen will, ist auch jeder Reformer und Staatsmann bemüht, Anerkennung für sein Handeln zu erlangen. Smith zufolge geht es den Akteuren nicht um das Wohlwollen der von ihren Reformen und Maßnahmen betroffenen Personen. Für diese Akteure ist nur das persönliche Ansehen wichtig, und nebenbei bewirken sie eine „Vervollkommnung des Staatsapparates“.[43] Genauso wie der Staatsmann und der Reformer bewirken auch die Aufsteiger durch die von ihnen bewirkten Anstrengungen gesellschaftliche Veränderungen.

Das Streben nach Anerkennung treibt den Menschen, trotz der natürlichen Selbsttäuschung und unabhängig vom Nutzen, zu seinen Handlungen an. Karl Graf Ballestrem geht davon aus, dass die Natur uns Smith zufolge so programmiert hat, d.h. Gott pflanzte dem Menschen das Streben nach Anerkennung und die Sympathie – die Grundlage des Anerkennungsgefühls – a priori ein, dass wir die Mittel als solche anstreben, nämlich die Anerkennung durch die Zuschauer. Der Zweck, den die Natur durch die Programmierung der Menschen bewirkt, muss den Menschen nicht offenbar sein.[44] Für Smith genügt es, ausgehend von seinem deistischen Grundverständnis, dass durch diese Programmierung der Endzweck des menschlichen Handelns, die allgemeine Glückseligkeit, bedingt wird[45]. Wenn nun der Aufsteiger, der Reformer, der Staatsmann und jeder andere durch das jeweilige Streben nach Anerkennung Verbesserungen bewirken, so tragen sie alle zur Beförderung des allgemeinen Wohlergehens bei.

Smith leitet, wie gezeigt wurde, das allgemeine Wohlergehen aus den Motiven der Handlungen ab. So ist für Smith nicht der Nutzen einer Handlung entscheidend, sondern das individuelle Streben nach Anerkennung ist seiner Auffassung nach maßgeblich. Der Nutzen der Handlung kann aus einem weiteren Grund nicht zum Handeln motivieren, da die Menschen die Konsequenzen ihrer Handlung nicht bewusst bewirken, sondern eher durch eine Art Selbsttäuschung zum Handeln bewegt werden. Da der Nutzen nicht zum Handeln antreibt, wird ersichtlich, dass Smith aus diesen Gründen heraus zumindest vordergründig keinen utilitaristischen Ansatz vertritt. Seine Alternativbegründung des größten Glücks der größten Zahl bzw. der allgemeinen Glückseligkeit, die sich aus der natürlichen Selbsttäuschung des Menschen und dem Anerkennungsgefühl des Menschen herleiten lässt, widerspricht der utilitaristischen Auffassung, der zufolge ein Übergewicht an positiven Handlungsfolgen das größte Glück bewirken soll. Ebenso betont Smith nicht die Geeignetheit des Mittels, um den bestmöglichen Zweck zu befördern, sondern eine Vervollkommnung der Mittel. Auch diese Ansicht widerspricht der utilitaristischen Ansicht, da sie das Mittel unabhängig von ihrem Zweck betrachtet. Smith zeigt hier ebenfalls antiutilitaristische Züge.

Ballestrem weist daraufhin, dass Smith zumindest eine Art kontemplativen Utilitarismus vertritt, wenn er schon keinen normativen Utilitarismus billigt. Der kontemplative Utilitarismus geht davon aus, dass die allgemeine Glückseligkeit unwillentlich durch Gott bewirkt wurde. Theoretiker wie Smith erkennen erst im Nachhinein, dass der allgemeine Nutzen bewirkt wurde.[46] Diese Unterform des Utilitarismus entbehrt jedoch dem eingangs dargestellten Kalkülisierungsideal. Außerdem mangelt es ihm daran, dass die Handlungen nicht intendiert sind. Somit handelt es sich hier nicht um einen normativen Utilitarismus.

3. Ergebnisse

Adam Smith vertritt in seiner TMS keinen normativen Utilitarismus. Es wurde ersichtlich, dass die moralische Billigung einer Handlung nicht von den Handlungsfolgen abhängt. Nach Smith kann eine Billigung der Handlung nur durch die Sympathie erfolgen. Dieses Vermögen setzt nicht bei den Handlungsfolgen an, sondern es beurteilt die Handlungsmotive, dass heisst: die Gefühle. Dies wurde besonders bei Smiths Strafbegründungstheorie ersichtlich.

Da die Gefühle, besonders das Anerkennungsstreben, – nicht der Nutzen einer Handlung – zum Handeln motivieren, wird verständlich, dass Smith zufolge nur die Vervollkommnung der Mittel – ohne dass die Zwecke absichtlich bewirkt werden – erstrebenswert sei. Wenn also die Zwecke einer Handlung nicht absichtlich angestrebt werden können, dann wird verständlich, dass Smith keinen Utilitarismus vertreten kann. Denn für die utilitaristische Ethik haben die Handlungsfolgen Einfluss auf die moralische Beurteilung der Handlung.

Ein weiteres Argument, das Smith gegen einen möglichen Utilitarismus anführt, ist folgendes: Smith leitet, entgegen der utilitaristischen Vorstellung, das größte Glück der größten Zahl aus den von Gott gegebenen Gefühlen her. Durch diese Gefühle würde der Mensch nach Anerkennung streben. Während der Mensch nach Anerkennung strebt, bewirkt er durch sein Tun nicht intendierte Verbesserungen seiner persönlichen Umstände. Da alle Menschen mit diesen gottgegebenen Gefühlen ausgestattet sind, bewirken sie im gesellschaftlichen Wechselspiel die allgemeine Glückseligkeit.

Ebenso lässt sich aus der Sympathiekonzeption und dem Konzept des unparteiischen Zuschauers kein normativer Utilitarismus ableiten, da der in der TMS  beschriebene unparteiische Zuschauer kein idealer Beobachter ist, der alle Folgen einer Handlung abschätzen könne. Auch wenn es einen solchen Beobachter gäbe, so hätte er Schwierigkeiten, sich in die Gefühle aller Betroffenen hineinzufühlen.

Aus diesen Gründen wird ersichtlich, dass Smith keinen normativen Utilitarismus vertreten hat. Es wurde gezeigt, dass Smith Nützlichkeitserwägungen benutzt, um gewisse Regelwidrigkeiten der Gefühle zu korrigieren. Dies wurde am Beispiel des militärischen Wachpostens deutlich. Folglich vertrat Smith zumindest einen explanatorischen Utilitarismus. Außerdem wurde gezeigt, dass Smith auch ein Vertreter des kontemplativen Utilitarismus ist. Diese beiden Utilitarismusformen sind jedoch keine Formen, die dem normativen Utilitarismus nahe kommen, der im Kapitel 2 dieses Beitrags beschrieben wurde.

4. Quellen- und Literaturverzeichnis

Quellen:

Eckstein, Walter (Hrsg. und Übers.): Adam Smith. Theorie der ethischen Gefühle (=Philosophische Bibliothek 200), Hamburg 2004.

Literatur:

Andree, Johannes Georg: Sympathie und Unparteilichkeit. Adam Smiths System der natürlichen Moralität, Paderborn 2003.
Aßländer, Michael S.: Adam Smith zur Einführung, Hamburg 2007.
Ballestrem, Karl Graf: Adam Smith, München 2001.
Campbell, T. D. / Ross, I. S.: The Utilitarianism of Adam Smith`s Police Advice, In: Journal of the History of Ideas 42 (1981), S. 73 -92.
Garrett, Aaron: Adam Smith über den Zufall als moralisches Problem, In: Fricke, Christel/ Schütt, Hans-Peter: Adam Smith als Moralphilosoph, Berlin 2005, S. 160 – 177.
Gil, Thomas: Ethik, Stuttgart 1993.
Höffe, Ottfried:  Einführung in die utilitaristische Ethik. Klassische und zeitgenössische Texte, Tübingen 1992.
Martin, Martin A.: Utility and Morality. Adam Smith’s Critique of Hume, In: Hume Studies 16 (1990), S. 107 – 120.
Ott, Konrad:  Moralbegründungen zur Einführung, Hamburg 2001.
Pauer-Studer, Herlinde: Einführung in die Ethik, Wien 2003.
Raphael, D. D.: Adam Smith, Frankfurt a. Main 1991.
Rawls, John: Eine Theorie der Gerechtigkeit, Frankfurt a. Main 1979.
Rosen, F.: The idea of utility in Adam Smith`s The Theory of Moral Sentiments, In: History of European Ideas 26 (2000), S. 79 – 103.
Shaver, Robert: Virtues, Utility, and Rules, In: Haakonsen, Knud: The Cambridge Companion to Adam Smith, Cambridge 2006.

[1]Eckstein X, LXVI

[2] Höffe weist daraufhin, dass der Utilitarismus besonders in
——Deutschland wenig rezeptiert wurde. Vgl. Höffe: 1992, S. 8.

[3] Vgl. Ott: 2001, S. 97.

[4] Vgl. Ott: 2001, S. 98f. Vgl. Höffe: 1992, S. 16. Diese Ansicht
——wird dadurch begründet, dass der Mensch von Natur aus
——Leid vermeidet und nach Lust strebt. Diese anthropologische
——
Grundhaltung entspricht auch den Gefühlen des Smithschen——
——Zuschauers, wenn er mit sozialen Affekten eher
——sympathisiert als mit unsozialen Affekten.

[5] Vgl. Ott: 2001, S. 101.

[6] Vgl. Pauer-Studer: 2003, S. 33.

[7] Solche Affekte könnten hemmungslose sexuelle Lust
——
(Ebenso „würde eine utilitaristisch geprägte Sexualmoral,
——die Aufforderung beinhalten, das Ausmaß der
——Geschlechtslust zu maximieren, (…) da Sexualität eine
——Quelle von >> pleasure <<“ sei. Vgl. Ott: 2001, S. 110.),
——aber auch riesiges Fressgelage sein. Smith führt jedoch
——
an, dass genau mit solchen Affekten kaum Sympathie
——
möglich sei, da „wir körperliche Begierden anderer nicht
——nachfühlen können“ (Vgl. Andree: 2003, S. 59.). Auch
——würden diese Affekte, wenn sie übermäßig sind,
——
„Widerwillen, den wir gegen diese körperlichen Begierden
——empfinden“, auslösen (Vgl. TMS: 2004, S. 34.). Wenn die
——
Zielstellung dieser hedonistisch geprägten Ethik auf
——wenig Sympathie durch den Zuschauer hoffen darf, so ist
——es auch verständlich, dass Smith mit dieser Ethik des
——Genussmenschen nicht sympathisieren kann.

[8] Vgl. Pauer-Studer: 2003, S. 35.

[9] Vgl. Höffe: 1992, S. 22.

[10] Vgl. Ott: 2001, S. 103.

[11] Vgl. Pauer-Studer: 2003, S. 36.

[12] Vgl. Höffe: 1992, S. 26 und Pauer-Studer: 2003, S. 36.

[13] Vgl. Aßländer: 2007, S. 99; Raphael: 1991,
——–S. 50 und Andree: 2003, S. 185.

[14] Vgl. Pauer-Studer: 2003, S. 33.

[15] Rawls weist daraufhin, dass „das Sich-in-den-anderen-
——–
Hineinversetzen“ ein wichtiger Bestandteil der
——–
Utilitaristischen Ethik ist. Vgl. RAWLS: 1979, S. 45.

[16] Vgl. Andree: 2003, S. 146. Ähnlich beschreibt auch Rawls
——–den vernünftigen und unparteiischen mitfühlenden
——–
Beobachter. Vgl. Rawls: 1979, S. 213. Vgl. auch
——–Ott: 2001, S. 103.

[17] Entgegen der Interpretation von Campbell geht Rawls
——–
davon aus, dass es sich bei Smith gerade um einen
——–„ideal vernünftigen und unparteiischen Zuschauer
——–handelt, der alle bedeutsamen Umstände kennt“.
——–Vgl. Rawls: 1979, S. 211. Eine Online-Recherche
——–bei Google Books unter dem Eintrag „ideal* Beobacht*“
——–bzw. „ideal* Zuschau*“ führte zu keinem Ergebnis,so dass
——–Smith vermutlich eine solche Person nicht vorsah.

[18] Vgl. Andree: 2003, S. 147.

[19] Vgl. Aßländer: 2007, S. 66.

[20] Vgl. TMS: 2004, S. 146.

[21] Vgl. TMS: 2004, S. 146.

[22] Ebenso sieht Garrett das später zu zeigende Problem des
——–einschlafenden Wachpostens in der Sicht einer
——–möglichen Regelwidrigkeit der Gefühle. Ohne die
——–mögliche Folgenabschätzung des Einschlafens würde
——–nicht die hohe Strafe vom Zuschauer gebilligt werden.
——–Vgl. Garrett, 2005, S. 164f.

[23] Vgl. Ott: 2001, S. 109.

[24] Vgl. Gil: 1993, S. 59.

[25] Vgl. Campbell & Ross: 1981, S. 75.

[26] Ebenso sieht Höffe den Ursprung der Generalprävention
——–
und der Vergeltungstheorie im Utilitarismus begründet.
——–Vgl. Höffe: 1992, S. 34.

[27] Vgl. Martin: 1990, S. 107.

[28] Vgl. Ballestrem: 2001, S. 87.

[29] Vgl. Andree: 2003, S. 83.

[30] Vgl. Rosen: 2000, S. 87.

[31] Vgl. TMS: 2004, S. 99.

[32] Vgl. Shaver: 2006, S. 195.

[33] Vgl. Campbell & Ross: 1981, S. 77ff.

[34] Shaver: 2006, S.195.

[35] Vgl. Martin: 1990, S. 109. Diese Auffassung ähnelt
——–Hare´s Utilitarismusauffassung (Vgl. Pauer-Studer:
——–2003, S. 37.) Diese Auffassung kann jedoch im
——–Rahmen dieser Arbeit nicht näher diskutiert werden.
——–Trotzdem wird durch die Zurückweisung der
——–utilitaristischen Strafbegründung Humes deutlich,
——–dass Smith einen normativen Utilitarismus ablehnt.

[36] Es sei darauf hingewiesen, dass Smith zufolge eine
——–moralische Billigung eher bei den Handlungsmotiven
——–ansetzt als bei den Handlungsfolgen. Vgl. auch Kapitel 3,
——–besonders die Punkte 1 und 2 der dort gemachten Aufstellung.

[37] Vgl. Rosen: 2000, S. 89.

[38] Vgl. TMS: 2004, S. 309f.

[39] Vgl. Andree: 2003, S. 157; Aßländer: 2007, S. 77.

[40] Vgl. TMS: 2004, S. 315.

[41] Vgl. Ballestrem: 2001, S. 87.

[42] Vgl. TMS: 2004, S. 46f, S. 312f.

[43] Vgl. Aßländer: 2007, S. 78.

[44] Vgl. Ballestrem: 2001, S. 87.

[45] Vgl. Aßländer: 2007, S. 76.

[46] Vgl. Ballestrem: 2001, S. 87.

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