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Erinnerungskultur zwanzig Jahre nach dem Mauerfall

2009 war das Erinnerungsjahr schlechthin. Zum zwanzigsten Mal jährte sich der Fall der Berliner Mauer – ein Ereignis, das letztlich den Weg zur Wiedervereinigung Deutschlands freigemacht hat und aufgrund seiner historischen Bedeutung in vielerlei Hinsicht gewichtige Gründe zur Erinnerung lieferte. So war die “friedliche Revolution 2009“ in aller Munde und so aktuell wie nie zuvor. Und das, obwohl bis dato dem Begriff der “Wende“ eindeutig der Vorzug gegeben worden war. Ich betrachte die Erinnerungskultur nach dem Mauerfall aus tiefenpsychologischer Perspektive.

Die Angebote anlässlich des 20. Jubiläums der Wiedervereinigung in 2009 entwickelten eine so große Bandbreite, insbesondere in der Hauptstadt Berlin, dass der Interessierte seine Mühe hatte, Schritt zu halten, geschweige denn, das vielfältige Veranstaltungsprogramm auch nur ansatzweise umfassend in Anspruch zu nehmen. Weder Tageszeitungen, noch Magazine ließen sich die Gelegenheit entgehen, um entsprechende Artikel oder gleich ganze Sonderausgaben mit historischem Charakter zu veröffentlichen, vom seriösen Traditionsblatt bis zur Boulevardpresse. Sonderausstellungen, allen voran die frei zugängliche Ausstellung zur friedlichen Revolution auf dem Alexanderplatz in Berlin, wurden eigens installiert, letztere  wegen der großen Resonanz sogar bis 2010 verlängert. Podiumsdiskussionen zu den Themenbereichen Mauerfall und friedliche Revolution nahmen in der Regel deutlich kontroverse Züge an und auch der Büchermarkt wurde 2009 von einer Flut an Neuerscheinungen regelrecht überschwemmt: Unter anderem durch ein Werk von Harald Jäger, dem Grenzbeamten, der am Grenzübergang Bornholmer Straße nach eigenem Ermessen den Befehl gegeben hatte, den Schlagbaum zu öffnen – höchstpersönlich. Nicht wenige der damaligen Akteure traten verstärkt öffentlich in Erscheinung und so mancher hätte sich rückblickend wohl gerne als Initiator eines der wichtigsten Ereignisse in der deutschen Geschichte hochstilisieren lassen.

Die Feierlichkeiten fanden schließlich im Fest der Freiheit am Brandenburger Tor mit zahlreichen internationalen Staatsoberhäuptern und Tausenden von Besuchern ihren Höhepunkt. Doch nicht alle teilen die, in den offiziellen Reden schon zum Teil ins Pathetische ausufernden Darstellungen einer erkämpften Freiheit, die zum wiedervereinten Deutschland führte. Nicht jeder ist mit der deutschen Einheit einverstanden. Nicht alle sind darüber erfreut und erleichtert, dass die DDR als totalitäres System überwunden worden ist. Ja manch einer hat gar seine Probleme damit, wenn der ehemalige Arbeiter- und Bauernstaat als “Unrechtsstaat“ bezeichnet wird. So tauchten z.B. Anfang November 2009 in Berliner Wohnvierteln Plakate mit dem Text auf: “Wir sind ein Volk und ihr seid ein anderes – Ostberlin, 9. November 2009“. Angesichts dieser politischen Agitation drängt sich verständlicherweise die Frage auf, wer der Initiator dieser Plakate wohl sein mag bzw. welche Motivationsmuster hierbei zugrunde liegen. Wer differenziert nach zwanzig Jahren Mauerfall immer noch so deutlich zwischen Ost und West und warum ist es dem- bzw. denjenigen so wichtig, diese Sichtweise nach außen zu tragen und dafür Zeit und Geld in qualitativ hochwertige Plakate zu investieren? Weshalb gibt es nach zwanzig Jahren noch nicht einmal einen Konsens darüber, als was die ehemalige DDR zu verstehen ist? Warum finden zwischen Historikern und Interessenverbänden polarisierte Streitigkeiten über Deutungshoheiten statt, wenn es um die Interpretation der ehemaligen DDR und deren Zerfall geht? Wie ist das Phänomen der sogenannten “Ostalgie“ zu verstehen? Wie kommt es, dass im vereinten Deutschland in Bezug auf dieses vierzigjährige Kapitel der deutschen Geschichte noch immer eine solche Uneinigkeit vorherrscht? Fest steht, dass die Ereignisse von 1989, die zum Ende der DDR und im weiteren Verlauf zur Wiedervereinigung führten, sowohl in Fachkreisen als auch in der Öffentlichkeit sehr unterschiedlich interpretiert und kontrovers diskutiert werden.

Ebenso kontrovers wird die Auseinandersetzung darüber geführt, als was die DDR rückblickend angesehen werden kann oder angesehen werden sollte. Diesbezüglich finden unter anderem Begriffe wie “Unrechtsstaat“, “Fürsorgediktatur“ oder gar “Ohnrechtsstaat“ Verwendung, während einige Diskutanten wiederum darauf beharren, dass es sich bei der DDR um einen souveränen und international anerkannten Rechtsstaat gehandelt habe.[1. vgl.: Sabrow, M.: Der ostdeutsche Herbst 1989 – Wende oder Revolution? Festkolloquium zu Ehren von Hans-Ulrich Thamer, LWL-Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte, 11.10.2008, 11.00-11.30.] Nach Martin Sabrow ist die Erinnerung an den Umbruch von 1989 in der Tat in starkem Maße fragmentiert und weist auf ein mehrfach gespaltenes Milieugedächtnis hin, in dem voneinander abgeschottete Bilder der DDR-Vergangenheit weitgehend unverbunden nebeneinanderstehen. Während die politische Diskussion im öffentlichen Diskurs von einer “Revolutionserinnerung“ dominiert wird, in welcher die DDR als einen mutig überwundenen Unrechtsstaat konturiert wird, existiert dazu parallel ein in Netzwerken organisiertes Milieugedächtnis mit sowohl politischer als auch fachlicher Natur früherer DDR-Eliten, das eine vereinigungskritische Anschlusserinnerung pflegt, die die DDR zum einen als Normalstaat und zum anderen die Wiedervereinigung als eine Form von kolonialer Unterwerfung mit Zustimmung der Kolonisierten in gezielter Analogie zum Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich 1938 darstellt.[2. vgl.: Sabrow, M.: Der ostdeutsche Herbst 1989 – Wende oder Revolution? Festkolloquium zu Ehren von Hans-Ulrich Thamer, LWL-Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte, 11.10.2008, 11.00-11.30.]

Die Art und Weise, wie in der Öffentlichkeit reagiert wird, sobald in Bezug auf die DDR Stellung bezogen wird, zeigt überdeutlich, um was für einen sensiblen Bereich es sich handeln muss, wenn es um die Erinnerung an die DDR geht, der durchaus für Zündstoff sorgen kann. So geriet der Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern Erwin Sellering (SPD) im Gedenkjahr 2009 mit relativierenden Äußerungen gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Bedrängnis. Wörtlich sagte er: „Ich verwahre mich dagegen, die DDR als totalen Unrechtsstaat zu verdammen, in dem es nicht das kleinste bisschen Gutes gab. Die alte Bundesrepublik hatte auch Schwächen, die DDR auch Stärken.“ Sellering räumte in dem Interview zwar ein, dass es keine Kontrolle durch unabhängige Gerichte gegeben habe, weshalb zur DDR auch immer ein Schuss Willkür und Abhängigkeit gehörten, er habe aber Bedenken gegen eine Diskussion, die sich nur auf die DDR beschränkten. Es sei nicht ein idealer Staat auf einen verdammenswerten Unrechtsstaat gestoßen. Diese Äußerungen sorgten in politischen Kreisen, insbesondere bei der CDU für Empörung. So warf der Vorsitzende der CDU-Landtagsfraktion, Harry Glawe, Sellering eine „gefährliche Relativierung des Unrechtsstaates DDR“ vor. Die Aussagen Sellerings bezeichnete er als „unerträglich„. Die DDR sei auf einem Lügen-System aufgebaut gewesen. Für persönliches Vorankommen sei staatskonformes Denken die wichtigste Voraussetzung gewesen. Der Landesvorsitzende der Jungen Union, Marc Reinhardt, sagte diesbezüglich: „Als Ministerpräsident eines neuen Bundeslandes und gebürtiger Nordrhein-Westfale ist es anmaßend, sich über eine nicht erlebte Vergangenheit derartig zu äußern“.

Das Unrecht in der DDR 20 Jahre nach der Wiedervereinigung öffentlich infrage zu stellen, zeuge nicht nur von einem verklärten Geschichtsbild, sondern stelle gleichzeitig eine Ohrfeige für alle Opfer und ihre Angehörigen dar. Und der FDP-Fraktionschef im Schweriner Landtag, Michael Roolf, empfahl Sellering einen Besuch der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, wo politisch Verfolgte ohne Anklageerhebung und Prozess eingesessen hätten und psychisch wie physisch gefoltert worden seien. Das System der DDR sei praktisch und rechtlich auf Kontrolle und Unterdrückung Andersdenkender ausgerichtet gewesen.[3. vgl.: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,614790,00.html – (Letzter Zugriff: 02.05.2010, 21:13 Uhr).] Einen Besuch der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen empfiehlt unterdessen auch deren Leiter Hubertus Knabe jedem, der behauptet, dass die DDR kein Unrechtsstaat gewesen ist, und zieht öffentlich unverblümt Parallelen zum Nationalsozialismus, wodurch dieser durchaus Kritik auf sich zieht und sich entsprechend streitbar macht. Hans-Joachim Veen problematisiert, dass aus der „Prädominanz der NS-Vergangenheit im Geschichtsbewußtsein der Deutschen“ heraus der Auseinandersetzung mit der kommunistischen Diktatur bis heute nur unzureichend Geltung verschafft werden würde. Bei der Aufarbeitung der DDR könne es nicht um eine, aus seiner Sicht fragwürdige Gleichsetzung beider Diktaturen gehen. Stattdessen müsse sich die Erinnerung an die kommunistische Diktatur vielmehr von allen Analogieversuchen emanzipieren und die Besonderheiten der Herrschaftsausübung in der DDR, sowohl in Bezug auf deren Widersacher als auch deren Opfer, herausstellen.[4. vgl.: Veen in: März, P. /H-J. Veen (Hg): Woran erinnern? Der Kommunismus in der deutschen Erinnerungskultur. Köln 2006, S. 8f.]

Die Gesellschaft zum Schutz von Bürgerrecht und Menschenwürde e.V. (GBM) rief ein Kolloquium zum Thema “60 Jahre Gründung der DDR“ ins Leben. In dessen Rahmen hielt der Vorsitzende der Gesellschaft zur Rechtlichen und Humanitären Unterstützung e.V. (GRH), Hans Bauer, eine Rede, in der sich dieser in aller Deutlichkeit dagegen aussprach, die DDR als einen Unrechtsstaat zu bezeichnen. Der Begriff “Unrechtsstaat“, der aus rechtswissenschaftlicher Sicht nicht existiere, stelle einen zentralen Bestandteil dar, um die DDR zu delegitimieren und die Erinnerung an die DDR zu verzerren sowie positive Erinnerungen nach Möglichkeit zu tilgen. Durch die Verwendung des Begriffs “Unrechtsstaat“ soll, seiner Ansicht nach, vermittelt werden, dass die DDR von Anfang bis Ende unrecht gewesen wäre, was einer Geschichtsfälschung gleichkäme. Dies habe zu einer massenhaften politischen Strafverfolgung nach der Wiedervereinigung geführt, wodurch die Biografien von Millionen Menschen bis zur Unkenntlichkeit verfälscht worden wären. Der Begriff “Unrechtsstaat“ sei sachlich grob unangemessen und würde möglicherweise sogar die Menschenwürde verletzen.[5. vgl.: http://www.gbmev.de/archv/Die_DDR_war_kein_Unrechtsstaat_GBM_Kolloquium_60_Jahre_DDR.htm – (Letzter Zugriff: 02.05.2010, 22:13 Uhr).] Solche Gegensätze zeigen auf, dass ein regelrechter Kampf um die entsprechende Deutungshoheit geführt wird, der schon längst über die fachliche Diskussion hinaus zu einem regelrechten Politikum geworden ist.

Ähnlich kontroverse Züge nimmt die öffentliche Wahrnehmung an, wenn es um das Phänomen der “Ostalgie“ geht. Während Symbole und Konsumgüter der DDR nach dem Fall der Mauer in den neuen Bundesländern aus dem öffentlichen Raum recht schnell verschwanden und stattdessen ein museales Nischendasein führten, ist seit einigen Jahren diesbezüglich eine regelrechte Renaissance zu beobachten, durch welche sich nicht nur Lebensmittel der ehemaligen DDR, wie beispielsweise “Club-Cola“, zunehmender Beliebtheit erfreuen, sondern auch politische Symbole aus der DDR wieder salonfähig werden. Das Angebot reicht von sogenannten “Ostalgie-Partys“, auf welchen Trägern von FDJ-Hemden ermäßigten Eintritt erhalten, über themenbezogene Fernsehshows, bis hin zum “Ostel“, ein Design-Hotel in Berlin mit originalgetreuem ostdeutschen Interieur. In diesem Zuge mehren sich die Stimmen, die rückblickend die Meinung vertreten, es sei ja schließlich nicht alles  schlecht an der DDR gewesen, was als durchaus kritisch angesehen wird, da insbesondere vonseiten der Jugendlichen ein verklärter Blick auf die DDR und damit die Verharmlosung einer Diktatur befürchtet wird. Während man dem ironischen Spiel mit Requisiten aus der DDR-Zeit im Allgemeinen weitgehend tolerant gegenübersteht, wird es als durchaus problematisch angesehen, wenn mit dem Kult um Ost-Produkte die Haltung verbunden sein sollte, dass eine, als unreflektiert angesehene, gute, alte, glückliche Zeit durch die Wende ein abruptes Ende gefunden habe. Die Junge Union sah sich aus diesem Grunde sogar dazu veranlasst, mit dem Motto “Ostalgie – Nein Danke!“ unter dem Leitspruch “Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ eine Kampagne gegen den Wunsch, die politischen Verhältnisse der DDR-Zeit wiederherzustellen, zu initiieren. Aber auch der DDR-Bürgerrechtler Ehrhart Neubert stellt fest, dass ein Trend der Verharmlosung bzw.  einer nostalgischen Verklärung der DDR zu beobachten ist. Seiner Ansicht nach verflüchtigt sich das “gewalttätige Gesicht der SED-Diktatur“ mehr und mehr in fürsorgliche, friedliebende, antifaschistische und sozial gerechte Beschönigungen. Dieser Trend sei nicht nur ärgerlich, sondern „tendenziell antidemokratisch“, weil dadurch die jüngere Generation gegenüber ideologischen und populistischen Gefährdungen, denen die freiheitliche Demokratie ausgesetzt ist, desensibilisiert anstatt immunisiert werden würde.[6. vgl.: Neubert, E. in: März, P. /H-J. Veen (Hg): Woran erinnern? Der Kommunismus in der deutschen Erinnerungskultur. Köln 2006, S.177 f.]

In Anbetracht dieser unterschiedlichen Sichtweisen, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnten, stellt sich die Frage, welche Form der Erinnerung den einzelnen Meinungsbildern zugrunde liegt bzw. inwiefern individuelle Erlebnisse und psychologische Verhaltensmuster Einfluss auf die jeweiligen Meinungsträger nehmen. Neubert beschreibt in Bezug auf die Erinnerungskultur, je nach Umgang mit der DDR-Vergangenheit, vier verschiedene ostdeutsche Erinnerungstypen: “die Lebenslänglichen“, “die Gezeichneten“, “die Wendigen“ und “die Wächter“.[7. vgl.: Neubert, E. in: März, P. /H-J. Veen (Hg): Woran erinnern? Der Kommunismus in der deutschen Erinnerungskultur. Köln 2006, S. 177 ff.] Die Lebenslänglichen sind seiner Ansicht nach diejenigen, die behaupten, es sei nicht alles schlecht gewesen. Sie wollen die DDR zwar nicht zurückhaben, trauern aber um sie. Über die Haltung, die BRD sei schließlich auch nicht besser gewesen, wird über eine Abgrenzung im Heute eine bestimmte DDR-Identität geschaffen, was sich unter anderem in einer “postsozialistischen Trotzliteratur“ zeigt. Zu dieser Gruppe zählt er beispielsweise Peter Sodann und Daniela Dahn sowie bestimmte ehemalige Oppositionelle, die den Untergang der DDR zwar begrüßen, sich aber innerlich nicht von der Erfahrung in und mit diesem Staatsgebilde lösen könnten. Für die Gezeichneten wird durch die Vergangenheit die Gegenwart überlagert und die Zukunft entsprechend blockiert. Diese Gruppe gerät wegen “unfruchtbarer Erkenntnis“ in eine lähmende Unfähigkeit, die neuen Freiheiten als Chance wahrzunehmen“. Das „nicht vergessen können“ schlägt in Wut, Besessenheit und Wahn um, und zwar sowohl bei Opfern als auch bei Tätern, z.B. bei “Stasi-Jägern“ oder in Form von Geschichtsrevisionismus. Die Wendigen erfinden ihre eigene Biografie aus pragmatischen Gründen neu. Über die Erinnerung werden Bausteine neu zusammengefügt. Man war beispielsweise angeblich schon immer eher katholisch oder liberal. Die DDR-Zeit wird entweder ausgeblendet oder neu erfunden.

Bei den sogenannten Wächtern handelt es sich um Bürgerrechtler, die über die Erinnerungen wachen. Die Erinnerung als Schicksal wird zur Wahrheitssuche, um die Revolution zu vollenden. Das “richtige“ Geschichtsbild soll sich durchsetzen. Diese Vertreter findet man sowohl im Lager engagierter Verteidiger der DDR als auch bei deren Widersacher. Interessant wird diese Typologisierung, wenn man die einzelnen Typen aus tiefenpsychologischer Sicht heraus betrachtet. Fest steht, dass das Ende der DDR für jeden einzelnen ehemaligen DDR-Bürger ein gravierendes, einschneidendes Erlebnis darstellt, das, je nach individuellen Umständen und eigenem Erleben heraus, als traumatisch angesehen werden kann oder zumindest traumatische Züge aufweist. Man muss sich diesbezüglich vergegenwärtigen, dass, quasi über Nacht, für jeden einzelnen DDR-Bürger, eine Welt zusammengebrochen ist, ganz gleich welche Stellung dieser innerhalb des Arbeiter- und Bauernstaates einnahm. Ob Arbeiter, Lehrer, Schriftsteller, Grenzbeamter oder Parteifunktionär, für ausnahmslos alle ergab sich eine völlig neue Situation, mit grundlegenden, massiven, unmittelbar spürbaren Veränderungen ihres Lebens. Ganz gleich, wie die Umwelt auch gestaltet sein mag, der Mensch hat nicht nur das Bedürfnis, sondern auch die Fähigkeit, sich seiner Umwelt anzupassen. Er benötigt als Orientierung feste Strukturen, um sich sicher zu fühlen, wobei dies nicht bedeuten muss, dass diese wirklich sicher sind. Entscheidend ist, mit den Rahmenbedingungen vertraut zu sein. Das heißt, auch wenn das Risiko besteht, dass ein bestimmtes Handeln zu Repressalien führen kann, aber klar ist, was als gefährlich einzustufen ist und was nicht, ist die Situation berechenbar – dadurch vertraut und damit letztlich sicherheitsspendend. Der Mensch neigt sogar dazu, eher in einer Situation zu verharren, unter der er leidet, als den Schritt zu wagen, diese Situation aktiv zu verändern, auch wenn ein Wechsel der Umstände ein Ende des Leids in Aussicht stellt, weil jede neue Situation als fremd und damit als nicht einschätzbar empfunden wird. Ob ein Individuum den Mut aufbringt, einen solchen Schritt zu wagen, hängt von seinem persönlichen Leidensdruck ab. Solange die Angst vor dem Neuen, Fremden und Unsicheren größer ist, als das subjektiv empfundene Leid, neigt man dazu, in der vertrauten Situation zu verharren. Dieser Umstand führt beispielsweise auch dazu, dass innerhalb von Gruppen auf Individuen Druck ausgeübt wird, sobald diese in ihrem Handeln zu sehr vom Gewohnten abweichen. Selbst wenn dadurch ein Impuls gesetzt wird, der die gesamte Gruppe weiter bringen könnte, weil diese dadurch den vertrauten Rahmen, mit dem sich die Gruppenmitglieder arrangiert haben, zu sehr stören und damit deren Gefühl von Sicherheit in Gefahr bringen.[8. vgl.:  Sader, M.: Psychologie der Gruppe. München 1994.] [9. vgl.:  http://www.zeitzuleben.de/artikel/persoenlichkeit/veraenderungen-2.html – (Letzter Zugriff: 13.06.2010, 20:59 Uhr).] [10. vgl.:  http://www.umsetzungsberatung.de/psychologie/leidensdruck.php – (Letzter Zugriff: 13.06.2010, 21:01 Uhr).] [11. vgl.:  http://www.lebenshilfe-abc.de/leidensdruck.html – (Letzter Zugriff: 13.06.2010, 21:02 Uhr).] Das Ende der DDR löste in allen Bevölkerungsschichten in erster Linie Verunsicherung und damit Ängste aus, denn Verunsicherung erzeugt in der Regel Angst und Angst führt wiederum zur Abwehr.[12. vgl.: Wiedermann, W.: Schnellkurs Psychologie. Köln 2005, S. 136 – 143.]

Niemand konnte abschätzen, was ihn erwartet, wie es weiter gehen wird, ob es noch eine Zukunft für die DDR geben oder wie das Leben in einem vereinten Deutschland aussehen würde. Rund ein Jahr nach dem Mauerfall fanden sich alle DDR-Bürger in einer anderen Staatsform wieder, ganz gleich, ob man sich dies gewünscht hatte oder nicht, ob man sich mit der DDR arrangiert, von ihr profitiert oder gegen das SED-Regime aufbegehrt hatte.[13. vgl.: Maaz, H-J.: Das gestürzte Volk. Die verunglückte Einheit. Berlin 1991, S. 34 – 37.] Man stelle sich z.B. jemanden vor, der eine Professur an der Humboldt-Universität für Marxismus innehatte. Von einem zum anderen Moment löst sich die erarbeitete berufliche Stellung mit sicherer Zukunft und hohem gesellschaftlichem Ansehen in Luft auf und damit die gesamte akademische Karriere, weil klar ist, dass niemals mehr ein Bedarf eines entsprechenden Lehrstuhls bestehen wird. Oder ein Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit, der nicht nur über Nacht seine berufliche Sicherheit einbüßt, sondern damit auch seine Privilegien, und, subjektiv noch viel gravierender: seine persönliche Machtposition innerhalb der Gesellschaft. Doch auch für jeden anderen bedeutete das unabänderliche Ende der DDR gezwungenermaßen einen Neubeginn in der BRD, die man in der Regel lediglich aus dem illegal empfangenen Westfernsehen kannte – und zwar sowohl für denjenigen, der noch kurz vor dem Mauerfall ernsthaft seine Flucht geplant hatte als auch für den Bürgerrechtler, der sich für einen reformierten Sozialismus eingesetzt hatte und die DDR als Staat erhalten wollte.

Je nach persönlicher Biographie und Position innerhalb der DDR-Gesellschaft entstand durch den Umbruch für jeden Einzelnen eine ganz eigene subjektive Betroffenheit mit entsprechend individuellen Konsequenzen. Es ist leicht nachvollziehbar, dass vor diesem Hintergrund jeder Einzelne mit dieser neuen Situation ganz individuell umging und insbesondere heute, zwanzig Jahre später, aus dem Abstand heraus rückblickend individuell umgeht. Die Bandbreite reicht von Opfern des SED-Regimes, die über den Rechtsweg um Rehabilitation kämpfen, über Stimmen, die von sich behaupten, ihnen wäre es in der DDR im Großen und Ganzen gut gegangen, bis hin zu ehemaligen Mitgliedern des Politbüros, die sich in Form von Publikationen mit autobiografischem Charakter darum bemühen, ihr Handeln ohne Einschränkung zu rechtfertigen, um nur einige Beispiele zu nennen. Insbesondere in Bezug auf letztere Personengruppe ist es geradezu auffällig, dass von den 25 Mitgliedern des Politbüros im Jahr 1989 zehn der ehemaligen Mitglieder ihre Lebensgeschichte publiziert haben, im Falle Krenz und Modrow sogar gleich mehrfach. Einzige Ausnahme hierbei stellt Günter Schabowski dar, der, im Gegensatz zu seinen früheren Parteigenossen, ein erstaunlich hohes Maß an Selbstreflektiertheit an den Tag legt und schonungslose Selbstkritik übt. Angesichts dieser gesteigerten Mitteilungsbereitschaft drängt sich der Eindruck auf, dass das Bemühen nach öffentlicher Rechtfertigung dieser Personengruppe geradezu zwanghafte Züge aufweist, was bei genauerem Hinsehen ja auch durchaus nachvollziehbar ist. Denn immerhin geht es hierbei um die Verteidigung ihres persönlichen Lebenswerkes. Wer lässt schon gerne das, wofür er, samt Ausbildung, gearbeitet und die Ziele, für die er gekämpft hat, von welchen man vollauf überzeugt war, im Nachhinein gerne madig machen, geschweige denn in eine kriminelle Ecke drängen? Statt wohlverdientem Ruhestand mit sozialistischen Staatsehren, ein Gerichtsverfahren beim Klassenfeind nach BRD-Gesetzgebung. Aus subjektiver Sicht sicherlich eine schier unerträgliche Schmach.[14. vgl.: Maaz, H-J.: Das gestürzte Volk. Die verunglückte Einheit. Berlin 1991, S. 39 – 40.]

Wie soll man eine solche Niederlage, eine derartige Demütigung wortlos auf sich sitzen lassen? Vor einem solchen Hintergrund muss man wohl sein Handeln rechtfertigen, vor anderen, vor allem aber sich selbst gegenüber, um sein Gesicht zu wahren. Wie kann alles, von dem man völlig überzeugt war und für das man zeit seines Lebens gearbeitet hatte, falsch gewesen sein? Immerhin hatte man doch die einzigartige Chance erhalten, zumindest für einen Teil der deutschen Bevölkerung den Sozialismus zu verwirklichen und den Faschismus restlos zu überwinden, auch wenn hierfür zum Teil drastische Maßnahmen vonnöten gewesen sein sollten, um diese Ziele zu erreichen. Und so wird die eigene subjektive Sicht auf die Dinge, die eigene Erinnerung so, wie man sich erinnern will, niedergeschrieben, um diese für alle Zeiten unabänderlich zu verfestigen, um sich selbst zu beruhigen und in sich sicher fühlen zu können. Es muss klargestellt werden, dass man nichts falsch gemacht hat und jedem Zweifler kann man in Zukunft sein Buch vor die Nase halten mit der Aufforderung: „Lies nach, da steht schwarz auf weiß, wie es damals wirklich war in der Deutschen Demokratischen Republik, denn ich war schließlich hautnah dabei!“, so als könne das gedruckte Wort einen Anspruch auf die eigene Unfehlbarkeit garantieren. Oder nehmen wir die Bürgerrechtler, die seinerzeit den Mut aufgebracht hatten, unter extrem hohen Risiken auf die Straße zu gehen und sich öffentlich zu Wort zu melden, wobei diese sowohl ihre Freiheit als auch ihre Gesundheit aufs Spiel setzten. Was dazu notwendig gewesen ist und was dies für die Beteiligten konkret bedeutet hatte, kann wohl niemand wirklich nachvollziehen, der sich nicht in genau jener Situation befunden hat und am eigenen Leib die Gefahren, Ängste und Repressalien erfahren hatte, insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass zu jenem Zeitpunkt niemand abschätzen konnte, wie es um die DDR stand und welchen Verlauf die Bürgerrechtsbewegung wohl nehmen würde.

Statt am 9. November Freude taumelnd auf der Berliner Mauer zu stehen, hätte man genauso gut auch auf der Pritsche einer fensterlosen, engen Zelle mit ungewisser Zukunft landen können. Und dann wird man von dem Lauf der Dinge regelrecht überrollt und findet sich kurze Zeit später in einem vereinten Deutschland, anstatt, wie erhofft, in einem reformierten, weiterhin real gelebten Sozialismus wieder – ja noch nicht einmal die Partei, die man eigens gegründet hatte, um diese Ziele zu verwirklichen, findet bei den ersten freien gesamtdeutschen Wahlen nennenswerte Beachtung. Wie übergangen und enttäuscht muss man sich angesichts dessen wohl fühlen? War den eigenen Landsleuten, für die man seinen Kopf hingehalten hatte, denn nicht bewusst, um was es ging, für was man auf die Straße gegangen war, für was man sich auch und gerade in ihrem Interesse eingesetzt hatte? In Anbetracht dessen sollte es mehr als verständlich sein, wenn entsprechende Aktivisten vor diesem Hintergrund auch Jahre später nicht müde werden, die Erinnerung an eine friedliche Revolution wach zu halten und darauf hinzuweisen, um was es dabei eigentlich gegangen war und zu was diese ursprünglich hätte führen sollen.

Als denkbar dramatisch ist wohl vor allem die Situation derer anzusehen, die unter den Repressalien des SED-Regimes gelitten haben, die unter massiven psychischen Druck gesetzt wurden, deren Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten empfindlich eingeschränkt oder die gar unter menschenrechtsverletzenden Bedingungen inhaftiert wurden. Abgesehen von den seelischen Verletzungen, die niemals rückgängig gemacht werden können und die die Betroffenen zeit ihres Lebens begleiten werden, ist ihnen vor allem ein Teil ihrer kostbaren, unwiederbringlichen Lebenszeit gestohlen worden. Zeit, die man in Freiheit beileibe anders hätte gestalten können und sich darüber eine völlig andere Form von Lebensqualität hätte verschaffen können. Vielleicht war gerade dieser Aspekt mit die am stärksten treibende Kraft derer gewesen, die bereit waren, unter Lebensgefahr eine Flucht in den Westen zu wagen, weil sie nicht nur ihre persönliche Freiheit erlangen, sondern vielmehr keine weitere wertvolle Lebenszeit verlieren und Lebensqualität einbüßen wollten. Diejenigen müssen entsprechende Entbehrungen und Verletzungen verarbeiten, was nicht nur einen notwendigen therapeutischen Prozess erforderlich macht, sondern insbesondere Trauerarbeit. Der Verlust muss betrauert werden, der verhinderte Berufswunsch, die nicht erlebten Reiseerfahrungen, die Freiheitsberaubung, die Zeit in Haft, materielle Einschränkungen, die verwehrte Meinungsfreiheit, die Jugendzeit, um die man sich betrogen fühlt, das Unrecht, das man über sich ergehen lassen musste, die Ohnmacht, der man hilflos ausgesetzt war, die Enttäuschung, die man früher oder später erleben musste. Der Psychotherapeut Hans-Joachim Maaz aus Halle, Autor mehrerer Bücher, die sich aus fachlicher Sicht kritisch mit der Situation im wiedervereinigten Deutschland und deren Folgen auf die Psyche auseinandersetzen, spricht diesbezüglich von einem weitverbreitetem “Verlust-Syndrom“.[15. vgl.: Maaz, H-J.: Das gestürzte Volk. Die verunglückte Einheit. Berlin 1991, S. 39; 56.] Als Beispiel für die Reaktion in der Bevölkerung auf  Enthüllungen über Amtsmissbrauch und Existenzprivilegien der alten Eliten sei an dieser Stelle ein Augenzeuge zitiert:

„Also ich muß sagen, für mich ist da im nachhinein, als dann so alle Schweinereien aufgedeckt wurden, irgendwo eine Welt zusammengebrochen. Und ich habe lange gebraucht, lange gebraucht, bis ich das verdaut hatte, weil ich mich derart auch benutzt und mißbraucht gefühlt hatte.“[16. vgl.: Sabrow, M.: Der ostdeutsche Herbst 1989 – Wende oder Revolution?. Festkolloquium zu Ehren von Hans-Ulrich Thamer, LWL-Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte,11.10.2008, 11.00-11.30.]

Demnach geht es sogar um eine Form von empfundenem Missbrauch, um eine tiefe Verletzung der Psyche und es ist absolut nachvollziehbar, dass diese traumatischen Erlebnisse in Wut und Zorn umschlagen und nicht vergessen werden können und Betroffene nach wie vor um Rehabilitation und Entschädigung kämpfen.  Nach Melanie Klein gehören Wut und Zorn zu den Merkmalen eines Trauerprozesses, der in verschiedenen Phasen durchlaufen wird. Es bedarf, je nach individuellen Eigenschaften und persönlicher Disposition spezifischer Zeitspannen, um diesen zu durchlaufen. Ziel dabei ist eine Reorganisation, eine allmähliche Neudefinition des Selbst, um die Akzeptanz des Verlustes und eine Anpassung an die entsprechenden aktuellen Lebensumstände zu erreichen.[17. vgl.: Klein, M.: Die Trauer und ihre Beziehungen zu manisch-depressiven Zuständen, in: Das Seelenleben des Kleinkindes. Stuttgart 1983, S. 95 – 130.] Ich stelle die These auf, dass dem Großteil der beobachtbaren unterschiedlichen Erinnerungsstrukturen letztlich spezifische Abwehrmechanismen zugrunde liegen.[18. vgl.: Hobmair, H. (Hrg.): Psychologie. Köln 1997.] [19. vgl.: Wiedemann, W.: Schnellkurs Psychologie. Köln 2005, S. 137 – 143.] Der ehemalige Parteifunktionär beispielsweise will und kann nicht zugeben, dass sein Handeln in politischer Verantwortung in irgendeiner Form verwerflich gewesen sein könnte. Er muss den Glauben daran, dass er recht gehandelt und sich für eine gute Sache eingesetzt hat, aufrechterhalten, sonst müsste er schließlich sein gesamtes Lebenswerk und damit sich selbst infrage stellen oder sich selbst gegenüber womöglich gar eingestehen, dass er sich in moralischer Hinsicht verfehlt hat und das, obwohl er immer fest an das Gute der Sache geglaubt hat. Er kann nicht zulassen, sich selbst zu diskreditieren und muss sein Selbst vor Demontage schützen. Er kann sich und anderen gegenüber nicht eingestehen, dass er Fehler gemacht haben könnte, dass er psychische oder physische Schädigungen von Personen mit verursacht haben könnte, für die er politische Verantwortung trug. Stattdessen muss er in die Abwehr gehen, indem verleugnet wird, da die Wirklichkeit nicht verkraftet werden kann, wodurch eine Art “emotionaler Airbag“ geschaffen wird, der das Selbst schützt.[20. vgl.: Wiedemann, W.: Schnellkurs Psychologie. Köln 2005, S. 141.]

Wesentlich einfacher ist es hierbei, in die Projektion zu gehen, und die eigenen Anteile, die man an sich selbst nicht sehen will, nach außen zu verlagern.[21. vgl.: Wiedemann, W.: Schnellkurs Psychologie. Köln 2005, S. 141.] Nicht man selbst ist fehlbar, sondern die Rechtsprechung der BRD, von der man sich ungerecht behandelt fühlt. Nicht der eigene Blick auf die Dinge ist verklärt, sondern die Darstellung in der (westlichen) Presse. Die eigenen negativen Anteile werden verdrängt und stattdessen im Nachhinein Gründe gesucht, die das eigene Handeln rechtfertigen. Insgesamt weist eine solche Verhaltensweise im Grunde psychotische Züge auf, gemessen an dem Bezug zur Realität.[22. vgl.: Wiedemann, W.: Schnellkurs Psychologie. Köln 2005, S. 140.] Aber auch der Arbeiter, der sich stets darum bemüht hat, die Arbeitsnorm zu erfüllen und sich rückblickend dazu veranlasst sieht, zu betonen, es sei ja schließlich nicht alles schlecht gewesen, neigt zur Verdrängung, indem er sich sein Leben in der DDR im Nachhinein schön redet. Obwohl auch er unter dem SED-Regime gelitten hat und Sehnsüchte nach westlichen Konsumgütern verspürt hatte, ist all dies 20 Jahre später nicht mehr wirklich präsent. Stattdessen erinnert er sich in Form von selektiver Wahrnehmung auf positive Weise an das, was zu dieser Zeit zur Verfügung stand und an dessen Vorzüge. Die Tempolinsen waren ja so praktisch, die Spreegurken schmeckten doch unvergleichlich gut, der Arbeitsplatz war noch sicher und in der Datsche konnte man schließlich auch ungestört seine persönlichen Freiheiten leben. Demnach werden die negativen Anteile ausgeblendet, während die subjektiv als positiv empfundenen nachträglich idealisiert werden. Auf diese Weise findet im Nachhinein eine Art innere Korrektur statt. Man schafft sich über die eigene Erinnerung eine andere Realität, eine andere Wahrheit, mit der man besser umgehen kann und die leichter zu ertragen ist. Darüber wird ebenfalls eine Art Schutz für das Selbst erzeugt, um sich nicht selbst gegenüber eingestehen zu müssen, dass ein Großteil des eigenen Lebens in Wirklichkeit begrenzt war, dass man sich angepasst hatte, dass man so vieles über sich ergehen ließ, ergehen lassen musste und weswegen man sich rückblickend aus der subjektiven Wahrnehmung heraus im Grunde vielleicht schämt. Man kann nicht zulassen, dass die eigene Biografie als minderwertig angesehen wird, dass man etwa ein Deutscher “zweiter Klasse“ gewesen sein könnte, vom überheblichen “Wessi“ belächelt, in seiner beruflichen Arbeitsleistung nicht ernst genommen und seinen eigenen Wurzeln letztlich beraubt. Ein solches Bild von sich selbst kann nicht zugelassen werden, sonst müsste man ja sich selbst gegenüber eine Art “Armutszeugnis“ ausstellen, wobei es wohl weniger darum geht, dass man in der DDR eventuell weniger wert war als in der BRD, sondern vielmehr, dass jemand aus dem Westen denken könnte, die eigene Vergangenheit wäre im Vergleich weniger wert gewesen.[23. vgl.: Maaz, H-J.: Das gestürzte Volk. Die verunglückte Einheit. Berlin 1991, S. 65-76.]

Statt Malediven FKK an der Ostsee, statt Golf einen Trabant, statt Coca-Cola eine Club-Cola. War die DDR im Vergleich zur Bundesrepublik denn ein einziger Discounter? Nein! Die DDR-Produkte haben schließlich auch geschmeckt und man will sie wieder haben, schließlich ist man mit ihnen aufgewachsen, genauso wie der Westdeutsche mit Kinderschokolade und Ahoi-Brause! Wenn das alles wirklich nicht lecker gewesen sein sollte, dann wäre ja die gesamte Kindheit fade gewesen und wer will das schon? Schließlich hat man nur eine Kindheit verlebt, ganz gleich, ob im Osten oder im Westen oder wo auch immer, und die ist und bleibt eben nun mal einzigartig – unersetzlich! Davon abgesehen war der Sozialismus auch nicht auf solche Oberflächlichkeiten fixiert, sondern hatte hehre Ziele! Es ging schließlich um etwas grundlegend anderes – um die ideale Gesellschaft schlechthin! Wenn man zulassen würde, dass die Lebensmittel, die man über Jahrzehnte hinweg verzehrt hat, minderwertig gewesen sein sollten, würde dies ja bedeuten, dass ein Teil des eigenen Lebens minderwertig gewesen ist und das ist ein denkbar kostbares Gut, immerhin geht es um die eigene Identität! Die “Wendigen“ nehmen es diesbezüglich nicht so genau und erfinden ganze Passagen ihrer Existenz gleich ganz neu und stellen damit ein gewisses Maß an Kreativität unter Beweis: Wenn meine persönliche Vergangenheit nicht gerne genommen ist, oder mir zum Nachteil gereicht, dann erfinde ich eben im Nachhinein einfach eine neue. Flexibilität wird in der modernen Leistungsgesellschaft schließlich auch eingefordert! In gewisser Weise könnte eine solche Strategie sogar als eine konsequente Anpassungsleistung an die neu entstandenen gesellschaftlichen Anforderungen interpretiert werden.[24. vgl.: Maaz, H-J.: Das gestürzte Volk. Die verunglückte Einheit. Berlin 1991, S. 57-59; 89.] Oder das subjektiv empfundene Minderwertigkeitsgefühl schlägt gleich ganz in ein übertriebenes Geltungsbedürfnis um, indem die negativen Seiten der BRD betont hervorgehoben werden, um die Vorzüge der DDR gleichsam aufzuwerten, was als Überlebensstrategie der Psyche ebenfalls nicht unbekannt ist. Ich gehe davon aus, dass bei ausnahmslos allen von Neubert herauskristallisierten Typologien letztlich das gleiche Grundmuster vorliegt: die Abwehr eines Identitätsverlustes. Die persönliche Biographie muss in irgendeiner Weise geschützt werden, um die eigene Identität zu bewahren, denn durch die eigene Vergangenheit wird man zu dem, der man heute ist, und dieses reale Selbstbild muss nach Carl Rogers mit dem persönlichen Idealselbst als kongruent erlebt werden, denn je weiter diese auseinanderklaffen, desto unzufriedener, angespannter und zerrissener fühlt sich die entsprechende Person.[25. vgl. Wiedermann 2005, S. 118 – 122.]

Demnach könnte man die verschiedenen beobachtbaren Erinnerungskulturen in Bezug auf die DDR durchaus auch als unterschiedliche Bewältigungsstrategien interpretieren, um mit dem eigenen Erlebten umzugehen. Nach Maaz rief die Wende bei den Bürgern der ehemaligen DDR sowohl einen Orientierungsverlust als auch eine existenzielle Verunsicherung hervor, begleitet von Enttäuschung, Verbitterung und einer neuen Form von Demütigung. Seiner Ansicht nach reagierten die Betroffenen auf diese allgemeine Labilisierung grundlegend mit zwei verschiedenen Verhaltensweisen: Die Expansion und die Kontraktion, d.h. die Flucht nach vorn oder den resignierten Rückzug. Die Expansiven sind demnach die wenigen, die schnell die Zeichen der Zeit verstanden und es geschafft haben, die Wende auch in ihrem Verhalten umzusetzen, um sich den Erfordernissen der neuen Gegebenheiten erfolgreich anzupassen. Zu dieser Gruppe zählt Maaz nicht nur ehemalige Parteifunktionäre in neuen einflussreichen Positionen oder clevere Unternehmer, sondern auch diejenigen, die in ihrer eigenen Betroffenheit im Konsum und einem “hysterisch-expansiven Ausagieren“ der neuen Möglichkeiten Ablenkung und Trost suchen.[26. vgl.: Maaz, H-J.: Das gestürzte Volk. Die verunglückte Einheit. Berlin 1991, S. 57-59.] Bei den sogenannten Kontrahierten, sozusagen den “Gehemmten“, führen hingegen die enttäuschten Hoffnungen, der erlebte Orientierungsverlust, der Werteverfall, die reale Existenzbedrohung, der Identitätsverlust, die Unsicherheit und die Unerfahrenheit gegenüber der westlichen Lebensart dazu, dass bereits vorhandene, tiefsitzende Erfahrungen von Abhängigkeit, Ohnmacht und Minderwertigkeit bis zurück in die frühe Kindheit erneut angesprochen werden, wodurch wiederum auf alte Widerstands- und Abwehrformen zurückgegriffen wird, die sich durch Passivität, Resignation, Anpassung, Unzufriedenheit oder stiller Verweigerung bemerkbar machen.[27. vgl.: Maaz, H-J.: Das gestürzte Volk. Die verunglückte Einheit. Berlin 1991, S. 59-62.] [28. vgl.: Maaz, H-J.: Das gestürzte Volk. Die verunglückte Einheit. Berlin 1991, S. 39.]

Maaz umschreibt die hervorgerufene Verzweiflung folgendermaßen:

 „Die Orientierungspunkte sind verloren, die Werte entehrt – nicht nur die sozialistischen Ideale oder Parteidogmen, nein ganz allgemeine Verhaltensnormen, die Ausbildung, die beruflichen Erfahrungen, die Umgangsart, unsere beziehungsstiftende Notgemeinschaft und der Tauschhandel, ja selbst die Feindbilder sind verloren – die >>abgesteckten<< Reviere sind in einem heillosen Durcheinander, die erprobten Beziehungen sinnentleert, und zu allem kommt eine permanente existenzielle Verunsicherung und Ungewissheit vor der Zukunft. Kaum einer ist mehr seines Arbeitsplatzes sicher, und viele haben keine Vorstellung mehr, wo sie sich morgen oder gar im Alter befinden werden, wie sie ihre Existenz sichern können, von Geltung, Einfluss, Bedeutung und gesicherter sozialer Rolle ganz zu schweigen.“[29. vgl.: Maaz, H-J.: Das gestürzte Volk. Die verunglückte Einheit. Berlin 1991, S. 44.]

Er macht deutlich, wie weitreichend und umfassend, vor allem aber wie gravierend und tiefgreifend die Folgen sind, die durch den Zusammensturz der Deutschen Demokratischen Republik hervorgerufen wurden, die auch 20 Jahre nach dem Mauerfall noch deutlich spürbar sind und sich auch und gerade in der Auseinandersetzung um die Deutungshoheit niederschlagen. Doch Maaz diagnostiziert affektiv besetzte Verhaltensweisen nicht nur im Osten, sondern auch im Westen. Bei “Westdeutschen“ identifiziert er diesbezüglich eine Haltung, die der eigenen Selbstgerechtigkeit und Selbstbestätigung dient, indem durch die gescheiterte sozialistische Staatsform das Gefühl der eigenen Überlegenheit verstärkt wird. Der Lauf der Geschichte hat quasi unter Beweis gestellt, dass man in der besseren Staatsform gelebt hat, dass man tüchtiger und erfolgreicher ist und nun verdienterweise auf der Siegerseite steht. Insbesondere in Hinblick auf die bekannt gewordenen weitverbreiteten ehemaligen Verstrickungen mit der Stasi sieht man sich als moralisch überlegen an. Indem mit diesem moralischen Zeigefinger verächtlich auf die Mitläufer und Verräter gezeigt wird, kann eine Stabilisierung der eigenen Psyche erzeugt werden. Die vermeintlichen Schwächen der Ostdeutschen verhelfen somit dem Westdeutschen, sich selbst großartig und bestätigt zu fühlen, ohne sich mit seinen eigenen negativen Anteilen auseinandersetzen zu müssen. Demnach dient der Zusammenbruch der DDR im Sinne eines Kompensationsmechanismus dem Westdeutschen, um seine eigene innere Not abzuwehren, indem er diese in den Ostdeutschen projiziert und somit nicht mehr an sich selbst wahrnehmen muss.[30. vgl.: Maaz, H-J.: Das gestürzte Volk. Die verunglückte Einheit. Berlin 1991, S. 65-68.] Dies wäre auch eine Möglichkeit, um zu erklären, weshalb sich ausgerechnet westlich sozialisierte Vertreter in der Diskussion um die Deutungshoheit der DDR so auffallend ereifern. Vielleicht hat die Erinnerungskultur im Umgang mit der DDR-Vergangenheit in Wirklichkeit weitaus weniger mit politischen Motiven, sondern letztlich vielmehr mit tiefenpsychologischen Verhaltensmustern zu tun – sogar mehr, als der ein oder andere im Nachhinein wahrhaben möchte. Wenn dem so ist, und einige Indizien sprechen deutlich dafür, würde die Geschichtswissenschaft konsequenterweise in ihrem Erkenntnisgewinn sicherlich davon profitieren, wenn sie neben politischen, wirtschaftlichen und sozialwissenschaftlichen Aspekten auch verstärkt tiefenpsychologische Ansätze mit einbeziehen würde.

Literatur

Hobmair, H. (Hrg.): Psychologie. Köln 1997.

Jarausch, K.: Realer Sozialismus als Fürsorgediktatur. Zur begrifflichen Einordnung der DDR, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 20 (1998) S. 33 – 46.

Klein, M.: Die Trauer und ihre Beziehungen zu manisch-depressiven Zuständen, in: Das Seelenleben des Kleinkindes. Stuttgart 1983, S. 95 – 130.

Maaz, H-J.: Das gestürzte Volk. Die verunglückte Einheit. Berlin 1991.

März, P. /H-J. Veen (Hrg): Woran erinnern? Der Kommunismus in der deutschen Erinnerungskultur. Köln 2006.

Peters, U.H.: Lexikon Psychiatrie, Psychotherapie, Medizinische Psychologie. München 2007.

Sader, M.: Psychologie der Gruppe. München 1994.

Wiedemann, W.: Schnellkurs Psychologie. Köln 2005.

Vorträge

Angelow, J.: Thesen zu „Aufarbeitung und Versöhnung – passt das zusammen?“. Veranstaltung der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung am 22.04.09 um 18:00.

Einführungsvortrag Plenum Kommunismus als Erzählung Geschichtsforum Berlin 1989 / 2009. 29.5.2009.

Froese, M.: Thesen zu „Aufarbeitung und Versöhnung – passt das zusammen?“.

Veranstaltung der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung am 22.04.09.

Müller-Enbergs, H.: Thesen zu „Aufarbeitung und Versöhnung – passt das zusammen?“. Veranstaltung der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung am 22.04.09.

Sabrow, M.: Der ostdeutsche Herbst 1989 – Wende oder Revolution?

Festkolloquium zu Ehren von Hans-Ulrich Thamer, LWL-Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte, Domplatz 10, 48143 Münster, 11.10.2008, 11.00-11.30.

Sabrow, M.: „Wende“ oder „Revolution“? Der Herbstumbruch 1989 und die Geschichtswissenschaft. Vortrag in der Reihe „Umbruch 1989-1991. Zentrum und Peripherie“, Forum Neuer Markt, 2.4.2009, 19.00.

Wagner, T.: Weshalb „Ostalgiker“ an Boden gewinnen. Deutschlandfunk – Studiozeit. Aus Kultur- und Sozialwissenschaften – Erinnerungskultur und Verdrängung 28.06.09, 17:49.

Wüstenberg, R.: Thesen zu „Aufarbeitung und Versöhnung – passt das zusammen?“. Veranstaltung der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung am 22.04.09.

Internet

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,614790,00.html – [Letzter Zugriff: 02.05.2010, 21:13 Uhr]

http://www.gbmev.de/archv/Die_DDR_war_kein_Unrechtsstaat_GBM_Kolloquium_60_Jahre_DDR.htm – [Letzter Zugriff: 02.05.2010, 22:13 Uhr]

http://www.zeitzuleben.de/artikel/persoenlichkeit/veraenderungen-2.html – [Letzter Zugriff: 13.06.2010, 20:59 Uhr]

http://www.umsetzungsberatung.de/psychologie/leidensdruck.php – [Letzter Zugriff: 13.06.2010, 21:01 Uhr]

http://www.lebenshilfe-abc.de/leidensdruck.html – [Letzter Zugriff: 13.06.2010, 21:02 Uhr]




Jugendpolitik, Erziehung und Bildung in der DDR

Die Einflussnahme auf die Bürger der DDR bzw. auf die Entwicklung der Gesellschaft im Sinne eines real gelebten Sozialismus war umfassend und weitreichend. Die DDR-Führung übte unter anderem nicht nur maßgebend Kontrolle auf das Berufsleben, auf die Kultur und das gesellschaftliche Leben aus, sondern hatte insbesondere die heranwachsenden Generationen im Fokus. Welche politische Bedeutung der Jugendpolitik beigemessen wurde, verdeutlicht beispielsweise der Verlauf des Plenums des Zentralkomitees der SED im Dezember 1965. Obwohl ursprünglich wirtschaftliche Themen auf der Tagesordnung standen, entwickelten sich unerwarteterweise außergewöhnlich lange Diskussionen um die Kultur- und Jugendpolitik. Ausschlaggebender Anlass hierzu war ein nationaler Gitarrenwettbewerb und dessen Folgen, zu dem die FDJ-Führung im Mai des gleichen Jahres aufgerufen hatte, um die wachsende Begeisterung der DDR-Jugend für englische Beat-Gruppen, wie z. B. die “Beatles“ oder die „Rolling Stones“, zu kanalisieren. Als sich jedoch herausstellte, dass sich die teilnehmenden Gruppen überwiegend an der englischsprachigen Musikszene orientierten, wurde dieser Wettbewerb auf Weisung der Partei allerdings abgebrochen.Im Herbst 1965 wurden die Bezirke schließlich angewiesen, sämtliche Beat-Gruppen zu registrieren, vorzuladen und im Falle einer zu westlichen Ausrichtung deren Lizenz zu entziehen, was ein Großteil dieser Musik-Gruppen betraf. Infolgedessen kam es zu Demonstrationen von Jugendlichen, die gegen den Lizenzentzug und das damit verbundene Auftrittsverbot protestierten. Erich Honecker verurteilte diese Vorkommnisse auf dem Plenum aufs Schärfste und machte dafür “antihumanistische kulturelle Darstellungen“, insbesondere im Hinblick auf DDR-Filmproduktionen verantwortlich. Sowohl der FDJ als auch der Partei warf er vor, dass der schädliche Einfluss der Beat-Musik grob unterschätzt worden wäre.

Die Ursache dieser Missstände sah er in einem ungenügenden marxistischen Weltbild der Künstler und deren geringer Kenntnis von der Politik der Partei. In seiner Kritik ging er sogar soweit, den Klassenfeind für diese Entwicklung verantwortlich zu machen, der die DDR durch einen liberalen Einfluss von innen her aufweichen wolle.

Wie ist es zu erklären, dass der Jugendpolitik in der DDR eine solch große Bedeutung beigemessen wurde, dass sogar musikalische Vorlieben Jugendlicher zum Gegenstand eines ZK-Plenums wurden und die Gemüter derart erhitzten?

Aus politischer Sicht war die Erziehung zum sozialistischen Patriotismus und proletarischen Internationalismus ein Bestandteil der kommunistischen Erziehung. Diese Auffassung entsprang unter anderem der marxistisch-leninistischen Erkenntnis, dass die Stärke des Sozialismus im Bewusstsein der Massen begründet ist. Um dieses Bewusstsein nachhaltig gewährleisten zu können, muss die revolutionäre Partei der Arbeiterklasse im Kampf um den Kommunismus jede neue Generation für diesen Kampf gewinnen und entsprechend erziehen.[1. vgl.: Stübner, E.;  Zapf, H. (Hrsg.): Sozialistischer Patriotismus und proletarischer Internationalismus. Berlin, 1981, S. 66]

Karl Marx schrieb 1867:

„Der aufgeklärtere Teil der Arbeiterklasse … (begreift) sehr gut, dass die Zukunft seiner Klasse und damit die Zukunft der Menschheit völlig von der Erziehung der heranwachsenden Arbeitergeneration abhängt.“[2. vgl.: ebd. S. 66/67]

Dies bedeutet, dass jede neue Generation in den Kampf um die Festigung und allseitige Stärkung des Sozialismus einzubeziehen ist. Kommunistische Erziehung erfordert demnach, jeden Schritt der Beschulung, Erziehung und Bildung mit dem ununterbrochenen Kampf der Proletarier und Werktätigen gegen die Ausbeutergesellschaft und für den Kommunismus zu verknüpfen. Inhaltlich wird die Erziehung von den konkret-historischen Anforderungen des Kampfes um den Kommunismus geprägt.[3. vgl.: ebd. S. 6] Demnach steht die kommunistische Erziehung in der Tradition des Arbeiterkampfes: Durch die aktive Aneignung der historischen Erfahrungen und Traditionen des Klassenkampfes und durch die Entwicklung einer Arbeits- und Lebenshaltung, die dem sozialistischen Patriotismus, der Klassensolidarität, der Bereitschaft zur Verteidigung und dem Schutz der sozialistischen Gemeinschaft entspricht.[4. vgl.: ebd. S. 68]

So stand die Erziehung zum sozialistischen Patriotismus als Bestandteil der kommunistischen Erziehung der Jugend auch im Mittelpunkt der Jugendpolitik innerhalb der DDR, um das Fortbestehen des Sozialismus zu sichern. Grundsätzlich orientierte sich die Bildungspolitik der DDR an der Sowjetunion und verfolgte zum einen das Ziel, ein hohes Bildungsniveau für alle Jugendlichen und Berufstätigen zu erreichen, und zum anderen die völlige Einbindung jedes Einzelnen in das ideologische und politische System der DDR. Aufgabe des sozialistischen Bildungswesens war demnach, die Bürger zu befähigen, die sozialistische Gesellschaft mitzugestalten, die technische Revolution zu meistern und an der Entwicklung der sozialistischen Demokratie mitzuwirken. Um dies zu gewährleisten, wurde bereits 1946 die FDJ mit Genehmigung der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) offiziell als Jugendorganisation gegründet, nachdem die KPD-Spitze in Moskau bereits im Vorfeld Pläne für eine Nachkriegsjugendpolitik entwickelt hatte.

Die “Freie Deutsche Jugend“ sollte die Aufgabe übernehmen, die Jugend in den Marxismus-Leninismus einzuführen und zu klassenbewussten Sozialisten zu erziehen. Sie verstand sich als sogenannte “Kampfreserve der SED“, da die Partei selbst keine eigene Jugendorganisation besaß, und sollte die Entwicklung der sozialistischen Gesellschaft in der Deutschen Demokratischen Republik offiziell mitgestalten. Die Vertiefung der Freundschaft zur Sowjetunion und die Unterstützung aller Völker der Welt im Kampf gegen das imperialistische System stellten internationale Zielsetzungen der FDJ dar. Demnach wurden unmittelbar nach der Gründung folgende Grundsätze und Ziele der Freien deutschen Jugend genannt: “Gewinnung der Jugendlichen für die großen Ideale der Freiheit, des Humanismus, einer kämpferischen Demokratie, des Völkerfriedens und der Völkerfreundschaft“, sowie “die aktive Teilnahme aller Jungen und Mädel beim Neuaufbau unseres Vaterlandes“. Interessant ist sicherlich, dass zu diesem Zeitpunkt im gleichen Atemzug auch die Erhaltung der Einheit Deutschlands genannt wurde.[5. vgl.: Skyba, P.: Vom Hoffnungsträger zum Sicherheitsrisiko. Jugend in der DDR und Jugendpolitik der SED 1949-1961. Köln 2000, S. 34] Des Weiteren wurden als Organisationsziele festgelegt, politische und soziale Rechte sowie das Zusammengehörigkeitsgefühl der Heranwachsenden durch organisierte soziale, kulturelle und sportliche Aktivitäten zu fördern.[6. vgl.: ebd. S. 34]

Neben der ideologischen Ausrichtung stellte auch die Freizeitgestaltung ihrer Mitglieder eine wesentliche Aufgabe des neuen Jugendverbandes dar. Jugendliche wurden ab dem 14. Lebensjahr aufgenommen. Die Mitgliedschaft war laut Statut zwar freiwillig, in der Regel waren aber Jugendliche ohne Mitgliedschaft erheblichen Benachteiligungen ausgesetzt – insbesondere bei der Zulassung für eine weiterführende Schule. Für Grundschulkinder wurde zusätzlich die “Pionierorganisation Ernst Thälmann“ eingerichtet, die der FDJ angegliedert war, um auch diese Altersspanne einer altersgerechten Form der sozialistischen Erziehung zuzuführen.[7. vgl.: ebd. S. 35] Diese war als politische Kinderorganisation Bestandteil des einheitlichen sozialistischen Schulsystems und als solche fest in die Schulen integriert.

Damit bildete sie die Vorstufe zur Mitgliedschaft in der FDJ. Im Anschluss an die Schulzeit setzte sich die Einbindung der Heranwachsenden zusätzlich durch den Wehrdienst und den Pflichtstudiengang “Marxismus-Leninismus“ für alle Studenten fort. Auf diese Weise wurde die Einflussnahme eines jeden DDR-Bürgers vom sechsten Lebensjahr bis zum Ende der Ausbildung gewährleistet und setzte sich darüber hinaus in diversen sozialistischen Organisationen prinzipiell bis zum Ausscheiden aus dem Arbeitsleben fort. Bezieht man die Kinderkrippe mit ein, umfasste die ideologische Einflussnahme sogar fast die gesamte Lebensspanne eines Menschen. Bei sämtlichen sozialistischen Organisationen stand stets das Kollektiv im Vordergrund, wohingegen Individualismus wenig erwünscht war, was für sich genommen bereits bezeichnend sein dürfte. Kinder bekamen schon in der ersten Klasse das blaue Halstuch der Jungpioniere umgebunden und legten ihr Pionierversprechen ab. Die erzieherische sozialistische Zielsetzung innerhalb dieser beiden Jugendorganisationen zeigte sich in den Ausformulierungen der Gebote bzw. Gesetze überdeutlich.

So heißt es unter anderem in den Geboten der Jungpioniere:

„Wir Jungpioniere lieben unsere Deutsche Demokratische Republik…halten Freundschaft mit den Kindern der Sowjetunion…lernen fleißig, sind ordentlich und diszipliniert…achten alle arbeitenden Menschen und helfen überall tüchtig mit.[8. vgl.: Fritsche, S.: Die Mauer ist gefallen. Eine kleine Geschichte der DDR. Berlin, 2008, S. 39]

In den Gesetzen der Thälmannpioniere wurden diese ideologisch ausgerichteten Zielsetzungen schließlich noch konkreter formuliert:

„Wir Thälmannpioniere lieben unser sozialistisches Vaterland, die Deutsche Demokratische Republik…lieben und schützen den Frieden und hassen die Kriegstreiber…sind Freunde der Sowjetunion und aller sozialistischer Brudervölker…lieben die Arbeit, achten jede Arbeit und alle arbeitenden Menschen…bereiten uns darauf vor, gute Mitglieder der Freien Deutschen Jugend zu werden.“[9. vgl.: ebd. S. 48]

Was insbesondere an den Gesetzen der Thälmannpioniere auffällt, ist die Formulierung: “…und hassen alle Kriegstreiber“. Bei Stüber und Zapf ist gar Folgendes nachzulesen:

„Ausprägung des sozialistischen Patriotismus beinhaltet deshalb auch, den Hass auf jegliche Ausbeutung und Unterdrückung zu entwickeln und zur Klassensolidarität, zur gegenseitigen Hilfe und Unterstützung zu erziehen.“[10. vgl: Stübner, E.; Zapf, H., S. 73]

Es wurde demnach also über das staatliche Bildungswesen nicht nur ein kämpferischer Einsatz für die sozialistischen Ideale propagiert, es sollte darüber hinaus sogar eine regelrecht hasserfüllte Haltung gegenüber dem Klassenfeind erzeugt werden, was aus pädagogischer Sicht absolut indiskutabel ist. Ein Beweis dafür, zu welch absurden Auswüchsen eine Verknüpfung des Bildungswesens mit einseitig politisch geprägten Zielsetzungen führen kann, insbesondere in Anbetracht der erfolgten Instrumentalisierung von Jugendorganisationen für politische Ziele. Als Beispiel sei an dieser Stelle die sogenannte “Aktion Blitz gegen NATO-Sender“ erwähnt, für die im September 1961 rund 25.000 FDJ-Mitglieder mobilisiert wurden, um Tausende von Fernsehantennen, die auf Sender in der BRD ausgerichtet waren, in Richtung sozialistische Sender zu drehen. Äußerlich orientierte sich sowohl die Organisation der Jungpioniere als auch die Organisation der Thälmannpioniere unübersehbar an der Bündischen Jugendbewegung. Halstuch und Fahrtenhemd bzw. “Bluse“ wurden eindeutig von den Pfadfindern kopiert, ähnlich wie dies bereits im Dritten Reich unter den Nationalsozialisten in Form der Hitlerjugend geschehen war. Insofern steht die Ausgestaltung der Jugendorganisationen in gewisser Weise in deutscher Tradition, allerdings in der Tradition der Übernahme tradierter Elemente für eigene politisch und ideologisch geprägte Zielsetzungen.

Aufgrund der bereits frühen Aktivitäten Erich Honeckers im Spartakusbund und dem Kommunistischen Jugendverband Deutschland (KJVD) liegt es nicht nur nahe, dass er von 1946 bis 1955 den Vorsitz der Freien Deutschen Jugend (FDJ) innehatte, sondern auch und gerade, dass für ihn die organisierte sozialistische Jugendarbeit innerhalb der DDR persönlich einen entsprechend hohen Stellenwert einnahm. Man kann sich aus heutiger Sicht geradezu bildlich vorstellen, wie er den Traum von einer Jugendorganisation hegte, die in der Tradition der bündischen Jugendbewegung mit mindestens der gleichen Lebendigkeit, die noch heute sowohl bei Pfadfindern, als auch bei dem Wandervogel-Bund zu finden ist, allumfassend die sozialistischen Ideale verinnerlicht und umsetzt. Quasi eine bündische Jugendorganisation nur mit ausgetauschten Traditionen und Idealen. Der wesentliche Unterschied zwischen der bündischen Jugendbewegung und den sozialistischen Jugendorganisationen der DDR liegt allerdings in der Freiwilligkeit. Während die Jugendbewegung ein Ausdruck von Abgrenzung und Selbstbestimmung darstellte und nach wie vor stellt, wurden die sozialistischen Jugendorganisationen in der DDR von oben aufdiktiert, was völlig konträr zu den Beweggründen steht, welche die bündischen Jugendorganisationen in Eigenregie entstehen ließ, auch wenn diese offiziell auf eine freie Entfaltung aufgrund des überwundenen nationalsozialistischen Faschismus ausgerichtet waren. Dieser Gedanke drückte sich entsprechend in dem Symbol der FDJ aus – eine strahlende aufgehende, goldene Sonne vor blauem Hintergrund, was symbolisieren sollte:  „Nach finsterer Nacht des Faschismus bricht nun ein neuer Tag an.“ – Ein Neubeginn für die Jugend Deutschlands, was anfangs die westdeutschen Jugendlichen durchaus ebenfalls mit einschloss. Vor allem war die FDJ im Gegensatz zu westlichen Jugendorganisationen als eine Massenorganisation angedacht und ausgelegt, die alle Jugendlichen auf dem Gebiet der DDR mit einschließen sollte.

Die Jugendlichen, die insbesondere im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts in die Natur zogen und sich auf die sogenannte “Fahrt“ begaben, stammten in erster Linie aus bürgerlichen Kreisen, die sich aus der Enge, der als langweilig empfundenen bürgerlichen Gesellschaft und der zunehmenden sterilen Industrialisierung, befreien wollten, indem sie sich in der Natur selbstbestimmte Freiräume eroberten. Ein seinerseits geradezu revolutionärer Akt, der auch heute noch immer nicht als selbstverständlich anzusehen ist. Eine Form des Protestes, von jugendlicher Rebellion gegen die Eltern, das Bürgertum und das auf fieberhaften Gelderwerb ausgerichtete Unternehmertum, oder kurz gefasst: gegen das Erwachsensein. Eine Abgrenzung in dieser Form fand innerhalb der DDR weder statt, noch wäre eine solche möglich gewesen. Aus diesem Grund konnte sich keine echte Jugendbewegung entwickeln, obwohl die Beweggründe hierfür mindestens genauso gegeben waren wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Gerade in Anbetracht der allgegenwärtigen Kontrolle vonseiten der politischen Führung und der damit einhergehenden Einengung der Selbstbestimmung wäre eine solche Jugendbewegung angezeigt, ja geradezu prädestiniert gewesen. Doch eine Abgrenzung gegen den kollektiv verordneten Sozialismus hätte der sozialistisch ausgerichteten Erziehung und Jugendpolitik der DDR von Grund auf widersprochen. Aber statt den Jugendlichen hierfür Bewegungsspielräume zu gewähren, gab man ein Konstrukt vor, das alle Kinder und Jugendlichen gleichermaßen ansprechen und begeistern sollte, was durch vielfältige, durchaus attraktive Angebote vom Basteln bis zum Segelflug zum Teil auch durchaus gelang, was aber eben letztlich stets ideologisch ausgerichtet gewesen ist und in Bezug auf die Wehrerziehung am deutlichsten zum Ausdruck kam. Das Wehrdienstgesetz sah hierzu eine umfassende Vorbereitung auf den Wehrdienst für Jugendliche vor, die bereits in der 9. oder 10. Klassenstufe einsetzte. Diese sah praktische Übungen und Militärlageraufenthalte zur Schaffung entsprechender Kompetenzen vor. Sowohl Marx als auch Engels vertraten bereits 1848 die Ansicht, dass sich das Proletariat selbst bewaffnen und über militärische Kenntnisse verfügen müsse, um die Macht erringen und sich gegen die Angriffe reaktionärer Kräfte behaupten zu können.[11. vgl.: Friedrich-Ebert-Stiftung (Hrsg.): Die Wehrpflicht in der DDR, Bonn 1984] Als Ergebnis einer Besprechung mit Stalin am 1. April 1952 notierte sich Wilhelm Pieck, der sich zusammen mit Walter Ulbricht und Otto Grotewohl zu Beratungen über die Vorbereitung der II. Parteikonferenz der SED in Moskau aufhielt: „FDJ muss schießen lernen“.[12. vgl.: Skyba, P., S. 180] Infolge dessen brachte die vormilitärische Erziehung Jugendliche bereits vor der Erfüllung des Grundwehrdienstes mit Schusswaffen in Kontakt, die auch im Rahmen von Schießübungen aktiv benutzt wurden.[13. vgl.: Friedrich-Ebert-Stiftung] Ein Grundstein hierfür wurde bereits 1952 gelegt, als auf dem IV. Parlament des FDJ-Verbandes vom 27. bis 30. Mai in Leipzig verkündet wurde, dass die Volkspolizei offiziell eine Patenschaft für die FDJ übernehmen wird, wodurch die Ausrichtung der FDJ auf die Unterstützung des Militärs in die Wege geleitet wurde. Am dritten Tag des Parlamentes trat schließlich im Anschluss an eine Rede von Walter Ulbricht eine Delegation der Volkspolizei auf die Bühne und überreichte 100 Kleinkalibergewehre, was von den Anwesenden mit tosendem Applaus honoriert wurde.

Laut Protokoll stimmten die Delegierten das Lied „Greift zum Gewehr, Kameraden!“ an. Im weiteren Verlauf wurde die Erwartung kundgetan, dass die Versammlung entscheidende Beschlüsse fassen solle, um die Bereitschaft und Fähigkeit der deutschen Jugend zur aktiven Verteidigung ihrer deutschen Heimat zu gewähren. Als Ergebnis stimmten schließlich sämtliche Delegierten der Patenschaft unter stürmischen „Hurra“-Rufen zu. Die Patenschaft wurde allerdings nicht von der zivilen Polizei selbst, sondern durch deren paramilitärische Verbände übernommen, die der Hauptverwaltung für Ausbildung unterstanden.[14. vgl.: Skyba, P., S. 184] Auffallend ist jedoch, dass die gesamte sozialistische Jugendorganisation, mit über zwei Millionen Mitgliedern, mit dem Fall der Mauer quasi über Nacht aufhörte zu existieren.

Warum implodierte die gesamte sozialistische Jugendorganisation der DDR quasi in dem Moment, als der formgebende äußere Rahmen weg fiel?

Gerade diese Tatsache stellt ein deutliches Indiz dafür dar, dass es der DDR-Führung innerhalb von 40 Jahren scheinbar nicht gelungen ist, mehr als eine kleine Minderheit für ihre idealistischen, sozialistischen Ziele über deren Jugendpolitik zu erreichen. Im Gegenteil: eine 1969 durchgeführte Untersuchung des Zentralinstituts für Jugendforschung (ZJF) über die Befindlichkeit der DDR-Jugend zeigte unmissverständlich auf, dass die FDJ weit davon entfernt war, die jungen Menschen in der DDR anzusprechen und deren aktive Mitwirkung in der sozialistischen Gesellschaft zu erreichen. Die Resonanz auf politische Themen war oft negativ und selbst Veranstaltungen im Freizeitbereich wurden trotz des umfangreichen Angebotes oftmals als nicht sonderlich attraktiv bzw. generell als unmodern empfunden. Das gesamte Vereinsleben stagnierte und die Mitgliedschaft verflachte zu einer reinen Formsache.

Die Jugendlichen strebten stattdessen nach Selbstbestimmung und individuellen persönlichen Freiräumen, was bei den Parteifunktionären auf Unverständnis stieß. Die Begeisterung für englische Musikrichtungen, die Vorliebe für westliche Mode und das Tragen von langen Haaren wurden als dekadent und als eine Folge des westdeutschen Herrschaftssystems und seiner psychologischen Kriegsführung angesehen. Den Erziehungsfunktionären gelang es nicht, die wahren Beweggründe der Jugendlichen zu verstehen. Das Verhalten der Jugendlichen konnten diese lediglich in Deutungsmuster des Kalten Krieges einordnen. Die im ZK der SED maßgeblichen Funktionäre hatten ihre Sozialisation in den politischen Auseinandersetzungen der Weimarer Republik erhalten und die Zeit des Nationalsozialismus entweder im Widerstand oder im sowjetischen Exil verbracht. Aufgrund der eigenen Jugenderfahrungen standen sie den kulturellen Ausdrucksformen der jüngeren Generationen fremd und verständnislos gegenüber und es zeichnete sich aufgrund dessen mehr und mehr ein regelrechter Generationenkonflikt ab, den die Funktionäre in ihrer sozialistisch ausgerichteten Betriebsblindheit nicht sehen konnten oder wollten. Anzeichen hierfür wurden höchstens als eine Folge des negativen Einflusses des Klassenfeindes interpretiert. Aus psychologischer Sicht liegt diesbezüglich die Vermutung nahe, dass man die Existenz dieses Generationenkonfliktes nicht wahrhaben wollte, weil man sich dann hätte eingestehen müssen, dass die große Zielsetzung, der Wunschtraum einer Jugend, welche die Zukunft der DDR gestaltet und frei von der Last der Vergangenheit den Sozialismus verwirklichen würde, im Grunde gescheitert war. Somit kann die Schuldzuweisung dem westlichen Klassenfeind gegenüber als eine Art Abwehr, als eine Form von Projektion interpretiert werden. Anstatt die Verantwortung für die eigenen Fehler selbst zu übernehmen, wurden diese auf das Feindbild abgewälzt, was wesentlich einfacher ist.

Auf diese Weise war das Scheitern einer angestaubten Jugend- und Bildungspolitik vorprogrammiert. Der Kriegsgeneration, die in der Weimarer Republik sozialisiert wurde und sowohl den Nationalsozialismus als auch die Katastrophe des Zweiten Weltkrieges erlebt hatte und entsprechend geprägt aus dieser Zeit hervorgegangen war, standen die Nachkriegsgenerationen gegenüber, die dafür ihrerseits nicht allzu großes Verständnis aufbrachten und nach vorne blicken wollten, anstatt rückwärts gewandt ständig an die Traditionen des sozialistischen Arbeiterkampfes und des Antifaschismus erinnert zu werden. Sie wollten Kinder ihrer eigenen Zeit sein und ihre Jugend selbstbestimmt gestalten. Man könnte gar vermuten, dass die Kriegsgeneration aufgrund ihrer eigenen Jugenddefizite den nachkommenden Generationen ihre Jugendzeit nicht wirklich gönnen konnte, was man übrigens in gewisser Weise auch auf die BRD beziehen könnte. Aber wie dem auch sei, fest steht, dass das Projekt sozialistische Kinder- und Jugenderziehung für den Klassenkampf und der Verwirklichung eines nachhaltigen zukunftsweisenden Sozialismus nicht wirklich gelungen ist. Dies zeigt, dass auch der größte, umfassendste idealistisch geprägte Einfluss von außen, niemanden wirklich erreichen kann, wenn all dies lediglich aufgezwungen wird und aufgrund fehlender eigenen Motivation kein fruchtbarer Boden existiert, auf dem ein überspringender Funke landen könnte. Dazu bahnt sich ein Zitat von Antoine de Saint-Exupéry geradezu ins Bewusstsein: „Wenn du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer!“

Offensichtlich ist es in der DDR nicht gelungen, die heranwachsenden Generationen für die Idee des real gelebten Sozialismus wirklich zu begeistern. Doch genau dies wäre eine Grundvoraussetzung gewesen, damit die Jugendorganisationen zu einem Erfolg hätten werden können und zwar so, dass die Kinder und Jugendlichen aus eigenem Antrieb, aus eigenem Interesse und vor allem aus eigener Überzeugung heraus, am Vereinsleben teilnehmen. Dies ist allerdings nur auf dem Prinzip der Freiwilligkeit möglich. Keine einzige Jugendgruppe könnte beispielsweise funktionieren und sich mit Lebendigkeit füllen, wenn deren Mitglieder lediglich von ihren Eltern zu einer Teilnahme gezwungen werden würden, weil sie die dort geleistete Jugendarbeit für eine gute Sache halten. Unter Zwang kann weder Motivation, noch Kreativität und schon gar keine echte Freude entstehen. Nach Carl Rogers ist es in der Erziehung wichtig, ob ein Kind Autonomie genießt oder unter ständiger Kontrolle leidet, denn Autonomie ist gleichbedeutend mit Vertrauen in das Kind, das für die Unterstützung der freien Entfaltung von essenzieller Bedeutung ist. Ständige Bevormundung, Kontrolle, Überprüfung und Zwang sind hingegen zu vermeiden. Doch genau diese Autonomie wurde den Kindern und Jugendlichen innerhalb der sozialistischen Erziehung nicht gewährt. Im Gegenteil!

Stattdessen stand vielmehr eine umfassende Kontrolle im Vordergrund, die gegebenenfalls zu empfindlichen Sanktionen führen konnte. Selbst ein im Übermut erzählter Witz mit politischem Inhalt reichte bereits aus, um Jugendliche in ernsthafte Bedrängnis zu bringen. Delinquente oder nach Paragraph 249 StGB als „asozial“ registrierte Jugendliche wurden zur Umerziehung in dafür eigens vorgesehene Umerziehungsheime eingewiesen, wie z. B. in den geschlossenen Jugendwerkhof Torgau. Dort wurden die Jugendlichen unter haftähnlichen Bedingungen einem von Drill und Demütigungen geprägten Umerziehungsprogramm zugeführt.[15. vgl.: Caroline F.: Einweisung zur Umerziehung. Vom Umgang mit sozial auffälligen Jugendlichen, in: Horch und Guck 2/2008, S. 6-7] Aus diversen Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes in Bezug auf die Definition des MfS zur „politisch-operativen Arbeit“ geht hervor, dass eine gezielte „politisch-ideologische Diversion“ der Jugend durch den Klassenfeind ernsthaft befürchtet wurde.

Dort wurde unter anderem ausformuliert:

„Bestandteil der gegen den realen Sozialismus gerichteten à Subersion des Feindes, der die subversiven Angriffe auf ideologischem Gebiet umfaßt. Mit der politisch-ideologischen Diversion strebt der Feind in einem langfristig angelegten, mehrstufigen Prozeß subversive Ziele an. Sie bestehen in der Zersetzung des sozialistischen Bewußtseins bzw. der Störung und Verhinderung seiner Herausbildung, in der Untergrabung des Vertrauens breiter Bevölkerungskreise zur Politik der kommunistischen Parteien und der sozialistischen Staaten… Durch die politisch-ideologische Diversion sollen folglich die ideologische Substanz und die verfassungsmäßigen Grundlagen in den sozialistischen Staaten in Gang zu setzen sein.“[16. vgl.: BSTU, GVS, JHS, 001 – 400/81, S. 323/324; BSTU, MfS, JHS, Nr: 183/85, Ausf. Bl. 1 bis 72]

Weiter heißt es unter dem Punkt “Rückgewinnung“:

„Methode der vorbeugenden politisch-operativen Arbeit des MfS. Inhalt der R. ist es, Personen, die durch gegnerische Einflüsse auf feindlich-negative ideologische Positionen abgeglitten sind oder bereits feindlich-negativ wirksam wurden, durch geeignete politisch-operative Maßnahmen sowie ideologische, moralische u. a. Einflußnahme in ihrer antisozialistischen Position zu erschüttern und diese abzubauen. Ziel der R. ist es, diese Personen zur Aufgabe ihrer feindlich-negativen Position zu führen und sie zu einer zumindest loyalen Einstellung und Verhaltensweise gegenüber der sozialistischen Staats- und Gesellschaftsordnung zu veranlassen.“[17. vgl.:  BSTU, GVS, JHS, 001 – 400/81, S. 337; BSTU, GVS MfS 0008-18/81, Ex.-Nr.: 779]

Daraus lässt sich schließen, dass ein abweichendes unerwünschtes Verhalten grundsätzlich weder als ein Ausdruck von Individualität, noch als entwicklungsbedingte Verhaltensweise in Folge der Adoleszenz interpretiert wurde, sondern offenbar lediglich in politisch-ideologischen Denkmustern vor dem Hintergrund des kalten Krieges gedeutet werden konnte. Wie sollen aber auf diese Weise die für das Erwachsen werden so bedeutungsvolle Mündigkeit und Kritikfähigkeit heranreifen? Doch genau dies war ja auch gar nicht erwünscht. DDR-Bürger sollten weder mündig, noch kritisch sein, sondern als linientreue Zahnräder im sozialistischen Kollektiv verlässlich funktionieren und, falls überhaupt, Kritik ausschließlich an den Klassenfeind adressiert äußern. Aus pädagogischer Sicht drängt sich die Frage geradezu auf, wie naiv die Verantwortlichen wohl gewesen sein müssen, um ernsthaft zu glauben, dass eine solche Rechnung wirklich aufgehen könnte. Aber genau dies ist eben der springende Punkt, weil diesbezüglich weniger pädagogische, sondern vielmehr politisch geprägte, idealistische Beweggründe und Zielsetzungen im Vordergrund standen.

Man ging einfach davon aus, dass der Sozialismus die denkbar beste Staats- und Gesellschaftsform darstellt und das deutsche Volk nach einer Verkettung von Miseren mit der Umsetzung des real gelebten Sozialismus endlich sein Endziel in Sachen Staatsform erreicht hätte. Vor diesem Hintergrund konnte ein nahe bringen dieser Gesellschaftsform auch nur das Beste für die heranwachsenden Generationen darstellen. Demnach mussten diese, quasi zu ihrem eigenen Wohle, davon überzeugt werden, wie wichtig es ist, die gleichen politischen Ideale anzustreben und zwar bis auf das letzte Individuum, auch und gerade, wenn es noch an der notwendigen Einsicht hierzu mangelte und begriffsstutzige Klientel im eigenen Interesse notfalls mit drastischen Maßnahmen zwangsbeglückt werden mussten.

Unter diesen Voraussetzungen konnten die sozialistischen Jugendorganisationen nie zu einem wirklichen Selbstläufer werden, allein schon aus Ermangelung an entsprechenden geistigen Freiräumen, die dazu notwendig gewesen wären, vor allem aber weil man den Kindern und Jugendlichen zu wenig Vertrauen entgegen gebracht hat. Wenn der Sozialismus wirklich rundum so perfekt und erstrebenswert wäre, wie dies vonseiten der DDR-Eliten dargestellt wurde, dann hätten ja die Jugendlichen in Ostdeutschland ausschließlich von sich aus erkennen müssen, dass dieser das mit Abstand Beste ist, das ihnen jemals widerfahren konnte, so dass hierfür gar keine große Überzeugungsarbeit notwendig gewesen wäre.

Robert Baden-Powell, der Gründer der Pfadfinderbewegung, war der Überzeugung, dass Kinder und Jugendliche bereits durchaus in der Lage sind, Beachtliches selbstständig auf die Beine zu stellen und sich positiv zu entwickeln, wenn man ihnen Vertrauen entgegen bringt und sie im eigenständigen Tun ihre eigenen Erfahrungen machen und darüber lernen lässt. Und dies, wohlgemerkt, zu einer Zeit, in der die Überzeugung gesellschaftlicher Konsens war, dass Heranwachsenden vor der Vollendung ihres 21. Lebensjahres nichts ernsthaft zugetraut werden könnte. So prägte er denn auch das pädagogische Prinzip „Learning by doing“ (Lernen durch Tun, Lernen durch Handeln), das zu Beginn des 20. Jahrhunderts geradezu revolutionär gewesen ist und auch heute noch nichts an Aktualität eingebüßt hat.

In Anbetracht der gängigen SED-Parole „Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen!“, dürfte sich wohl die berechtigte Frage stellen, ob man mit der Sowjetunion auch für die Jugendpolitik der DDR den richtigen Paten ausgewählt hatte.

Quellen:

BSTU, GVS, JHS, 001 – 400/81, S. 323
BSTU, GVS, MfS, 0008-18/81, Ex.-Nr.: 779
BSTU, MfS, JHS, Nr: 183/85, Ausf. Bl. 1 bis 72

Literaturverzeichnis:

Friedrich-Ebert-Stiftung (Hrsg.): Die Wehrflicht in der DDR. Bonn, 1984.

Fritsche, Susanne: Die Mauer ist gefallen. Eine
kleine Geschichte der DDR. Berlin, 2008.

Meier, Helmut/ Schmidt, Walter (Hrsg.): Erbe und Tradition in der
DDR. Die Diskussion der Historiker. Berlin, 1988.

Müller, Jost: Sozialismus. Hamburg, 2000.

Radbruch, Gustav: Kulturlehre des Sozialismus. Ideologische
Betrachtungen. Frankfurt am Main, 1970.

Stübner, Erwin/ Zapf, Helmut (Hrsg.): Sozialistischer Patriotismus
und proletarischer Internationalismus. Berlin, 1981.

Skyba, Peter: Vom Hoffnungsträger zum Sicherheitsrisiko. Jugend in der
DDR und Jugendpolitik der SED 1949 – 1961. Köln 2000.

Wolfrum, Edgar: Geschichte als Waffe. Göttingen, 2001.