Bitcoins – Blase oder Revolution des Finanzwesens?




by Konstantin | Datum: 10.02.2014
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Bitcoin-Geldautomat

(Foto by Micha L. Rieser | Lizenz: CC BY-SA 3.0 |
Bitcoin-Geldautomat in der Markthalle Viadukt, Zürich)

Das Bitcoin-Netzwerk kommt ohne zentrale Verwaltungs- und Kontrollinstanzen aus – und darin liegt die große Chance! Als MasterCard, VISA und PayPal 2010 Spenden an WikiLeaks verhinderten, war Bitcoin die Gelegenheit, die Whistleblower an den großen Geldinstituten vorbei zu unterstützen. Angesichts dessen: Wen wundert es, dass viele Banken ihre Kunden von Bitcoins fernhalten wollen – dem System, das ihnen Einfluss und Gewinn nimmt?

Im Herbst letzten Jahres haben Bitcoins den Weg in die breite Öffentlichkeit gefunden. Die Wechselkurs-Explosion aus dem kleinen zweistelligen Bereich auf mehrere Hundert Euro pro Bitcoin hat die Medien aufhorchen lassen. Jene, die sich vorher zu einem vergleichsweise geringen Preis Bitcoins besorgt hatten und geduldig waren, können jetzt satte Gewinne einstreichen. Ich habe mich geärgert, dass ich nicht früher Bitcoins gekauft habe und dann nach reichlicher Überlegung (quasi als Spätzünder) vorletzte Woche zugeschlagen: Für 60 Euro erwarb ich auf der größten deutschen Börse meine ersten zehn Bitcoin-Cents (0,1 BTC).

Ich würde lügen, wenn ich behauptete, dass ich nicht auf eine erneute Kurs-Explosion 2014 hoffe und muss eingestehen, dass ich jetzt also Spekulant bin und auf Geld aus dem Nichts warte. Doch ich wollte auch in ein Konzept investieren, das sich mir nicht von Anfang an erschlossen hat. Überfliegt man diverse Artikel zu Bitcoins in Zeitungen und Fernsehen, dominiert meiner Meinung nach zu oft der Mining-Aspekt, dass also durch Lösen eines mathematischen Problems mit immer größerem Hardware- und Rechenaufwand neue Bitcoins generiert werden bis irgendwann die Obergrenze von 21 Millionen erreicht ist. Analog zum von Natur aus begrenzten Gold ist die Anzahl der Bitcoins mathematisch begrenzt. Doch für einen normalen Verbraucher spielt dieser Aspekt quasi keine Rolle. Die Pseudonymität (nicht Anonymität) nimmt im Zusammenhang mit der Silk Road auch stets eine prominente Rolle in der Berichterstattung ein. Doch der eigentlich revolutionäre Ansatz bleibt oftmals außen vor: Bitcoin macht die Mittelsmänner überflüssig. Will ich bisher ein Bett in einem Hostel, einen Flug oder sonst irgendetwas im Internet kaufen, kann ich zwischen (Sofort-)Überweisung, PayPal und Kreditkarten von American Express über MasterCard bis VISA oder Nachnahme entscheiden. Alle diese Zahlverfahren sind mit Gebühren verknüpft, die Händler und/oder Käufer an den Mittelsmann abdrücken müssen, um diesem Gewinne einzubringen. Bei Kreditkarten beispielsweise zahlt der Verkäufer einen prozentualen Anteil (1%-5%) und zusätzlich einen Fixpreis im Cent-Bereich für jede ZahlungAuch bei PayPal (1,9%+0,35€) gilt: Mittelsmänner greifen einen Anteil des geflossenen Geldes bei Überweisungen und Nachnahme ab.

Im sehr lesenswerten Artikel „Why Bitcoin matters?“ aus der New York Times wird eine weitere potentielle Anwendung erdacht: Millionen Menschen weltweit haben ihre Heimatländer verlassen, um ihre Familien zu Hause mit Geld aus dem Ausland zu unterstützen. Und werden ebenfalls von den Mittelsmännern geschröpft. Der NYT-Artikel spricht von einem jährlichen Transfervolumen von 400 Milliarden Dollar, das mit Abschlägen bis zu 10% behaftet ist. Zitat: “Switching to Bitcoin, which charges no or very low fees, for these remittance payments will therefore raise the quality of life of migrant workers and their families significantly. In fact, it is hard to think of any one thing that would have a faster and more positive effect on so many people in the world’s poorest countries.”  Es bleiben auch in diesem Punkt große Fragen offen: Wie kommen Wanderarbeiter und deren Familien an die nötigen Endgeräte zum Versand und Empfang der Bitcoins? Wer tauscht diese zu welchen Provisionen wieder in Bargeld zurück? Und was passiert, wenn der Bitcoin-Kurs wie dieses Wochenende wieder rapide einbricht? Stehen dann Bitcoin-Zocker auf einer Ebene mit der Deutschen Bank und ihren Nahrungsmittel-Spekulationen?

Ich will die Risiken nicht klein reden. Niemand kann mit Sicherheit sagen, ob das ganze Bitcoin-Geschäft nicht von einem Tag auf den anderen zusammenbricht. Sei es, weil eine der großen Industrienationen sie einschränkt oder gar verbietet, weil ein folgenreicher Bug im System oder bei einer der großen Börsen auftaucht oder Panik unter den Spekulanten ausbricht – man weiß es nicht. Der Bitcoin wird nie den Euro oder Dollar als Währung ablösen. Ich will ja auch gar nicht beim Bäcker oder Friseur, wo ich noch nie bargeldlos gezahlt habe, plötzlich QR-Codes abscannen, nur um Bitcoins loszuwerden. Das sehe ich eher als Gag. Die Architektur des Bitcoin-Netzwerks bietet aber ein großes Potenzial für neue Geschäftsmodelle, die  bisher wegen der Mittelsmänner und den Kosten für Transaktionen nicht möglich waren. Aber leider: Wirklich ausgeben, die Bitcoins also als Währung benutzen, anstatt in Hoffnung auf den nahenden Durchbruch zu spekulieren, ist bis jetzt noch schwer.

Scrollt man durch die Verzeichnisse von Anbietern, die Bitcoins akzeptieren, stößt man in erster Linie auf dubiose „Adult“-Hoster, kleine Nischen-Shops, virtuelle Spielhallen, verwaiste Auktionshäuser oder Angebote wie all4btc. Diesem Unternehmen kann man den Link zu einem Artikel in einem Online-Shop schicken und die eigene Lieferadresse angeben. Daraufhin bestellen Mitarbeiter der Firma den Artikel an die angegebene Adresse, bezahlen den Verkäufer mit einer herkömmlichen Methode und kassieren vom Nutzer den Betrag in Bitcoin (eventuell mit Aufschlag). Noch dazu verzögert sich so die Lieferung. Das ist wirklich nur etwas für Idealisten. Es fehlen noch ein paar Big Player wie overstock.com in den USA, um die Währung zu „adeln“. Das wird früher oder später auch in Deutschland passieren und ich bin gespannt, wofür ich meine 0,1 BTC dann ausgebe.

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