Feindesland: Der Staat gegen Fritz Bauer

landgericht_frankfurt(Beschreibung: Auf Initiative Bauers angebrachter Artikel 1,
Satz 1 Grundgesetz am Gebäude der Frankfurter Staatsanwaltschaft |
Foto by Dontworry | Quelle: Wikipedia | Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Fritz Bauer war ein Landesverräter – doch genau aus diesem Grund war er auch ein Held, der mit seiner Tat Deutschland ein Stück besser machte. In dem Film „Der Staat gegen Fritz Bauer“ wurde ihm jetzt ein filmisches Denkmal gesetzt. Es zeigt, wie er als hessischer Generalstaatsanwalt dem israelischen Geheimdienst Mossad bei der Ergreifung Adolf Eichmanns half. Seine Beteiligung daran wurde erst zehn Jahre nach seinem Tod bekannt. Das ist auch gut so, sonst hätte ihm nämlich dafür eine lange Freiheitsstrafe wegen Landesverrats gedroht. Der öffentlichkeitswirksame Prozess in Israel durchbrach die Mauer des Schweigens in Deutschland.

Originaltitel:Der Staat gegen Fritz Bauer
Produktionsländer:Deutschland
Erscheinungsjahr:2015
Länge:105 Minuten
Regie:Lars Kraume
Drehbuch:Lars Kraume, Olivier Guez
Produktion:Thomas Kufus, Christoph Friedel
Musik:Julian Maas, Christoph M. Kaiser
Kamera:Jens Harant
Schnitt:Barbara Gies
Besetzung:- Burghart Klaußner: Fritz Bauer
- Ronald Zehrfeld: Karl Angermann
- Sebastian Blomberg: Ulrich Kreidler
- Jörg Schüttauf: Paul Gebhardt
- Lilith Stangenberg: Victoria
- Laura Tonke: Fräulein Schütt
- Götz Schubert: Georg-August Zinn
- Cornelia Gröschel: Charlotte Angermann
- Robert Atzorn: Charlottes Vater
- Matthias Weidenhöfer: Zvi Aharoni
- Rüdiger Klink: Heinz Mahler
- Paulus Manker: Friedrich Morlach
- Michael Schenk: Adolf Eichmann
- Tilo Werner: Isser Harel
- Dani Levy: Chaim Cohn
- Nikolai Will: Staatsanwalt Warlo

Burghart Klaußner spielt den engagierten, aber auch teils exzentrischen Fritz Bauer sehr überzeugend. Deutsche Geschichte wird hier zum spannenden Thriller, der gut die beklemmende Atmosphäre einer Gesellschaft zeigt, die sich ihrer Verantwortung nicht stellen will. So wird eindrucksvoll die Isolierung des Generalstaatsanwaltes Bauer in seiner Behörde dargestellt. Der „Jude“ wird von vielen nur als rachsüchtiger Nestbeschmutzer wahrgenommen. Bauer genießt zwar die Unterstützung des SPD-Ministerpräsidenten, doch der Staat ist noch auf allen Ebenen durchsetzt mit Nazis. Da werden Ermittlungen verschleppt und Beweise verschwinden.

Fritz Bauer liegt nicht falsch, wenn er im Film sagt: „Meine eigene Behörde ist Feindesland“. Alte Seilschaften decken die Naziverbrecher im Exil. Egal ob Justiz, BND oder BKA – überall werden ihm Steine in den Weg gelegt.

Als Bauer durch einen Tipp vom Aufenthaltsort Adolf Eichmanns in Argentinien erfährt, möchte er ihn in Deutschland vor Gericht stellen. Doch bald muss er einsehen, dass dafür der Einfluss der Altnazis im Staatsapparat noch viel zu groß ist. Er entschließt sich, Kontakt zum Mossad aufzunehmen. Ein gewagtes Unterfangen, denn die Nazilobby in Geheimdiensten und Justiz ist ihm längst auf den Fersen. Doch auch beim Mossad gilt es einige Widerstände zu überwinden. Unterstützt wird er im Film dabei von einem jungen und engagierten Staatsanwalt, der allerdings aufgrund seiner homosexuellen Neigung angreifbar ist. Homosexuelle Handlungen standen damals in der BRD unter Strafe, aufgrund eines Paragraphen, den die Nationalsozialisten eingeführt hatten.

Der Film zeigt die letztlich erfolgreiche Jagd auf Eichmann, die ein Wendepunkt in der bundesdeutschen Geschichte darstellte. Anders als Fritz Bauer es wollte, landete Adolf Eichmann nicht vor einem deutschen Gericht. Doch die Debatte über die Verbrechen der Nazis war nicht mehr aufzuhalten. Nur am Ende des Films wird Fritz Bauers größter Erfolg erwähnt: Mit dem Auschwitzprozess gelang es ihm, dass auch in der BRD die juristische Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen begann.

Wie heutzutage Edward Snowden hat Fritz Bauer einen Landesverrat begangen, um sein Heimatland besser zu machen. Als er 1968 starb, war der gesellschaftliche Wandel nicht mehr aufzuhalten, zu dem er sehr viel beigetragen hat.




Only Lovers Left Alive: Poetischer Liebesfilm mit Biss!

cameo-kino_in_edinburgh(Foto by Angus Mcdiarmid | Quelle: Flickr |
Bildbeschreibung: The Cameo | Lizenz: CC BY-NC 2.0)

Vor einigen Wochen schaute ich mir im Sputnik-Kino in den Höfen am Südstern (Berlin-Kreuzberg) den Film „Only Lovers Left Alive“ an – in der englischen Originalversion mit deutschen Untertiteln. Ich liebe dieses kleine Arthouse-Kino. Es hat einen ganz besonderen Charme. Genauso wie der romantische Film vom Independent-Regisseur Jim Jarmusch über die jahrhundertealte Liebe zwischen den Vampiren Adam und Eve, wunderbar gespielt von Tom Hiddleston und Tilda Swinton. Dazu nun eine Filmkritik von mir.


Hier klicken, um den Film-Trailer auf YouTube anzusehen...


Originaltitel:Only Lovers Left Alive
Produktionsländer:Großritannien, Deutschland
Erscheinungsjahr:Dezember 2013
Länge:122 Minuten
Regie & Drehbuch:Jim Jarmusch
Produktion:Jeremy Thomas & Reinhard Brundig
Musik:Jozef van Wissem
Kamera:Yorick Le Saux
Schnitt:Affonso Gonçalves
Besetzung:- Tom Hiddleston: Adam
- Tilda Swinton: Eve
- Mia Wasikowska: Ava
- John Hurt: Marlowe
- Anton Yelchin: Ian
- Slimane Dazi: Bilal
- Jeffrey Wright: Dr. Watson

Der mit düsterer Melancholie und atmosphärischer Musik, zugleich aber auch mit bissigem Humor und geistreichen Dialogen erfüllte Film lebt von seiner ausdrucksstarken Bildsprache. Eine gelungene Melange! Bewusst wird mit üblichen Konventionen des Filmgenres gebrochen. Zum einen sorgt die ruhige, langsame Erzählweise für eine sichtbare Entschleunigung. Ein Kontrapunkt zu der Schnelllebigkeit unserer Zeit und der Blockbuster-Mentalität. Zum anderen kann hier nicht von einem Vampirfilm im klassischen Sinne gesprochen werden.

Im Mittelpunkt steht nicht das „Blutsaugen“, sondern die Liebesbeziehung zwischen den seelenverwandten Vampiren Eve und Adam, die sich mit einer unwirtlichen Umgebung konfrontiert sehen – der heutigen Gegenwart. Beide sind darin Außenseiter. Als wesentliche Kulisse für den Film dient zunächst die Stadt Detroit. Die im US-Bundesstaat Michigan liegende Metropole hatte im Jahr 2013 ihre Insolvenz erklärt. Womöglich einer der Gründe dafür, den melancholisch gestimmten Rockmusiker Adam dort anzusiedeln – in einer Geisterstadt. Dort lebt er zurückgezogen von der Außenwelt in einer alten Villa mit einer Innenausstattung im Retro-Design inklusive einer ausgiebigen Sammlung alter Gitarren und Vinylplatten. Ich mag dieses Flair!

Adams große Liebe Eve, die eine Fernbeziehung mit ihm führt, reist aus der marokkanischen Stadt Tanger nach Detroit, um ihn aus seiner Depression zu holen. Hier entwickeln sich die für den weiteren Handlungsverlauf maßgeblichen Ereignisse. Die Gesellschaftskritik im Film spiegelt sich unter anderem in den Äußerungen von Adam über die Menschen wider. Diese bezeichnet er als Zombies. Wortwörtlich heißt es von Adam im Film: „I’m sick of it – these zombies, what they’ve done to the world, their fear of their own imaginations.“  Das Blut der Zombies ist mittlerweile so verseucht, dass die Vampire geradezu vom Aussterben bedroht sind. Für mich eine Parabel auf die häufige Kurzsichtigkeit im Handeln des Menschen wie etwa bezogen auf die globale Umweltzerstörung. Allerdings verfällt der Film nicht in einseitige Kritik am Zeitgeist – auch die beiden Protagonisten sind davon zuweilen nicht ausgenommen. Und: Der Film nimmt sich selbst nicht todernst. Als ich gegen Mitternacht das Kino verlasse und nach Hause radle, kreisen meine Gedanken noch lange um diese poetische Liebesgeschichte.

In einer für mich herausragenden Filmkritik beschreibt Mato von Vogelstein „Only Lovers Left Alive“ treffend als einen vieldeutigen „Film über Existenz und Zeit, über Aussterben und Erhaltung, zum Sich-darin-verlieren und Wiederauferstehen. Er ist eine zynisch-bissige, bildhafte Underground-Parodie, vollgepackt mit selbstironischen Pointen, und zugleich eine authentische Hommage an die Zweisamkeit. Gestalterisch ein anschwellendes Wechselspiel aus Stille, Verdruss und Betörung wie in einem langen Instrumentalmusikstück, das uns rastlose Konzepte der Sinnsuche entlocken kann, aber letztendlich bei aller Wehmut und Schwarzseherei auf die Liebe des Hier und Jetzt besinnen will. […] Im Dunstkreis von Poesie und starrer Coolness, zwischen Undergroundkino, Kunstsatire, exzentrischer Individualismuskritik, Romanze und skurrilem Vampirgenre trifft ‚Only Lovers Left Alive‘ einen ganz eigenen Ton…“




Agora – Die Säulen des Himmels

Originaltitel:Agora
Deutscher Titel:Agora – Die Säulen des Himmels
Produktionsland:Spanien
Originalsprache:Englisch
Erscheinungsjahr:2009
Länge:126 Minuten
Regie:Alejandro Amenábar
Drehbuch:Alejandro Amenábar, Mateo Gil
Musik:Dario Marianelli
Kamera:Xavi Giménez
Schnitt:Nacho Ruiz Capillas

Den beeindruckenden Historienfilm „Agora – Die Säulen des Himmels“ liefert der spanische Regisseur Alejandro Amenábar. Schauplatz ist die antike Metropole Alexandria um das Jahr 400 n.Chr., das von religiösen Unruhen heimgesucht wird. Das Zeitalter der Philosophie und einer weitgehenden religiösen Toleranz geht zu Ende. Die aufstrebenden Christen unter Führung des ehrgeizigen und fanatischen Kyrill vertreiben in blutigen Auseinandersetzungen erst die heidnischen Kulte, um dann die Juden als letzte große Minderheit auszuschalten. Die Philosophin Hypatia, hervorragend gespielt von Rachel Weisz, gerät dabei zwischen die Fronten. Der Stadtpräfekt Orestes, einer ihrer ehemaligen Schüler und ein konvertierter Christ, versucht vergeblich, den Frieden in Alexandria zu bewahren und steht damit im Konflikt zu den fanatischen Anhängern des Bischofs Kyrill (der später heilig gesprochen wurde). Hypatias Einfluss auf den Stadtpräfekten machte sie zum Feindbild für die Anhänger Kyrills. Heide und gebildete Frau, das waren zwei Faktoren, die von den Fanatikern nicht akzeptiert wurden.

Der Hintergrund des Films ist historisch und bis auf wenige Details authentisch (so wird Hypatia sehr wahrscheinlich älter gewesen sein als im Film dargestellt). Hypatia war über Alexandria hinaus für ihre Klugheit und ihr Wissen berühmt, auch bei gebildeten Christen. Sie lehrte Mathematik, Astronomie und Philosophie und vertrat die Vorstellungen des Neuplatonismus. Die Neuplatoniker wurden zu diesem Zeitpunkt zwar unterdrückt, aber noch geduldet. Ihr Gedankengut fand aber teilweise Eingang in die christliche Theologie, da viele christliche Gelehrte davon beeinflusst waren.

Das Problem des religiösen Fanatismus hat sich bis in die heutige Zeit erhalten und wird die Menschheit wohl noch eine Weile beschäftigen. Der Film „Agora“ bietet ein Gegengewicht zu den zahlreichen Bibelfilmen und zeigt das Christentum nach seinem Aufstieg zur beherrschenden Religion. Man gewinnt auch einen guten Eindruck, warum so viele antike Schriften das (christliche) Mittelalter nicht überlebt haben und einige Schriften erst über islamische Gelehrte wieder den Weg nach Europa fanden. Der Film zeigt allerdings zu wenig, warum das Christentum für viele Menschen attraktiv war. Einige Aspekte werden zwar angedeutet, jedoch wäre hier noch Potential gewesen.

Die Besetzung ist durch die Bank gelungen, vor allem Rachel Weisz liefert eine sehr gute Darstellung ab. Der Film überzeugt aber auch mit einer gelungenen Optik. Für spannende zwei Stunden erweckt Alejandro Amenábar das antike Alexandria wieder  zum Leben. Ein kleiner historischer Faktencheck der Seite Peplumania.com.