Das Gehirn im Tank

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Vor­wort

Im Win­ter­se­mes­ter 2004/2005 besuch­te ich (Char­lie) im Rah­men mei­nes Stu­di­ums die Vor­le­sung “Ein­füh­rung in die Phi­lo­so­phie” von Prof. Olaf Mül­ler, wo er auf unter­halt­sa­me Art und Wei­se bereits in der Ein­füh­rungs­ver­an­stal­tung das fol­gen­de Gedan­ken­ex­pe­ri­ment vor­stell­te. Mit dem inter­es­san­ten phi­lo­so­phi­schen Bei­trag “Wirk­lich­keit ohne Illu­sio­nen oder Der Abschied vom Skep­ti­zis­mus”, der hier mit sei­ner aus­drück­li­chen Geneh­mi­gung ver­öf­fent­licht wird, gedenkt er zu bewei­sen, dass unse­re Welt kei­ne Illu­si­on aus dem Simu­la­ti­ons­com­pu­ter ist.

Infor­ma­tio­nen zum Autor:

Prof. Dr. Olaf L. Mül­ler, Jahr­gang 1966, stu­dier­te Phi­lo­so­phie, Mathe­ma­tik, Infor­ma­tik und Volks­wirt­schafts­leh­re an der Uni­ver­si­tät Göt­tin­gen. Er wur­de 1996 in Göt­tin­gen pro­mo­viert; die Habi­li­ta­ti­on folg­te 2001. For­schungs­auf­ent­hal­te an der Uni­ver­si­ty of Cali­for­nia, Los Ange­les und an der Har­vard Uni­ver­si­ty. Olaf Mül­ler unter­rich­te­te Phi­lo­so­phie in Mann­heim, Ber­lin (FU), Göt­tin­gen, Kra­kau und Mün­chen (LMU). Seit Okto­ber 2003 ist er Pro­fes­sor für Phi­lo­so­phie mit dem Schwer­punkt Natur- und Wis­sen­schafts­phi­lo­so­phie an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät zu Ber­lin.

Web­sei­te: http://www.gehirnimtank.de

Wirk­lich­keit ohne Illu­sio­nen

oder

Der Abschied vom Skep­ti­zis­mus

Seit den Matrix-Fil­men strei­ten sich Infor­ma­ti­ker und Lai­en, ob alle unse­re Erleb­nis­se und Ein­drü­cke der Welt voll­stän­dig auf Com­pu­ter­si­mu­la­ti­on beru­hen könn­ten. Unser Autor behaup­tet, dass der Streit längst ent­schie­den ist: durch einen völ­lig neu­ar­ti­gen Beweis, des­sen genia­le Grund­idee der Har­vard-Phi­lo­soph Hil­ary Put­nam im Jahr 1981 publi­ziert hat. Wie sich zwei­fels­frei demons­trie­ren lässt, ist die Welt garan­tiert kei­ne Illu­si­on aus dem Simu­la­ti­ons­com­pu­ter.

Klamm­heim­lich hat ges­tern ein Böse­wicht in Ihren Nacht­trunk ein geschmacks­neu­tra­les Nar­ko­ti­kum gestreut, das direkt nach dem Ein­schla­fen zu wir­ken begann. Sie waren allein zuhau­se, und so konn­te nie­mand Alarm schla­gen, als eine Ban­de von Chir­ur­gen durch Ihr Schlaf­zim­mer­fens­ter ein­stieg, sich Ihres bewusst­lo­sen Kör­pers bemäch­tig­te und ihn in den Kel­ler einer ver­steck­ten Kli­nik ver­schlepp­te. Die Chir­ur­gen ver­lo­ren kei­ne Zeit. Sie säg­ten Ihren Schä­del auf, um an Ihr Gehirn her­an­zu­kom­men, das sie behut­sam aus sei­ner Scha­le lös­ten und in eine Nähr­lö­sung glei­ten lie­ßen, damit es nicht abstirbt. Dann begann die Fum­mel­ar­beit.

Die Ärz­te iden­ti­fi­zier­ten jede ein­zel­ne Ner­ven­bahn, durch die Ihr Gehirn bis ges­tern mit Ihrem Rest­kör­per Infor­ma­tio­nen aus­ge­tauscht hat­te: Seh­ner­ven, Ner­ven für akus­ti­sche Rei­ze aus dem Gehör, aber auch Ner­ven, durch die das Hirn Steu­er­si­gna­le zur Bewe­gung sei­nes Ex-Kör­pers gesandt hat­te. Alle die­se (bei der Ope­ra­ti­on durch­trenn­ten) Ner­ven­strän­ge ver­ban­den die Dok­to­ren mit einem Com­pu­ter, in den sie zuvor mit Akri­bie sämt­li­che Fak­ten über Ihr Haus, Ihre Fami­lie, Ihren Job und Ihr Leben ein­ge­speist hat­ten und in dem über­dies ein genia­les Pro­gramm zur Simu­la­ti­on von Ner­ven­im­pul­sen gela­den war. Als end­lich die Wir­kung des Nar­ko­ti­kums nach­ließ, star­te­ten die Ärz­te den Com­pu­ter, und so mein­ten Sie, aus einem traum­lo­sen Schlaf zu erwa­chen. Der Simu­la­ti­ons­com­pu­ter sorg­te zuver­läs­sig für den Anschein von Nor­ma­li­tät. Er simu­lier­te das Stre­cken Ihrer Glie­der, den Käl­te­schock unter der Dusche, den Geruch Ihres Mor­gen­kaf­fees und die hap­ti­schen Qua­li­tä­ten der Zeit­schrift, die Sie jetzt in den Hän­den zu hal­ten wäh­nen …

Doch das simu­lier­te Idyll trügt. In Wirk­lich­keit ist Ihnen von Ihrer gest­ri­gen Exis­tenz nur das Gehirn geblie­ben; es schwimmt in einem Tank mit Nähr­flüs­sig­keit her­um. Und bei Ihnen zu Hau­se dampft nicht der Früh­stücks­kaf­fee. Viel­mehr durch­stö­bert die Kri­po Ihre Küche nach den Spu­ren der Ent­füh­rer, und zwar genau jetzt!

Haben Sie irgend­ei­ne Chan­ce her­aus­zu­fin­den, ob unse­re klei­ne Geschich­te erfun­den ist? Kön­nen Sie wis­sen, dass Sie kein kör­per­lo­ses Gehirn im Tank sind, son­dern dass Sie Hand und Fuß haben und soeben ein Druckerzeug­nis aus ech­tem Papier lesen? Die Ant­wort auf die­se Fra­gen ist offen­bar nega­tiv. Kei­ne denk­ba­re Beob­ach­tung kann aus­schlie­ßen, dass sie per­fekt simu­liert ist. Reden Sie sich nicht damit her­aus, dass unse­re Com­pu­ter noch zu lahm wären, um die nöti­gen Simu­la­tio­nen in Echt­zeit durch­zu­rech­nen. Denn wer garan­tiert Ihnen, ob nicht irgend­wel­che Genies gera­de ges­tern ihre gehei­me Arbeit an einem nie da gewe­se­nen Super-Com­pu­ter abge­schlos­sen haben? Unse­re Geschich­te ist theo­re­tisch denk­bar; das genügt.

Trei­ben wir die Sache auf die Spit­ze. Viel­leicht ist Ihr Gehirn nicht erst ges­tern in den Tank gera­ten, son­dern steck­te von Anbe­ginn in die­ser trau­ri­gen Lage? Dann hät­ten Sie nie­mals einen eige­nen Kör­per gehabt. Und viel­leicht befin­den sich Tank, Hirn und Com­pu­ter gar nicht im Kel­ler einer irdi­schen Kli­nik. Sie könn­ten ja auch irgend­wo im Andro­me­da­ne­bel her­um­schwe­ben, weit, weit weg von unse­rem Son­nen­sys­tem. Wie, wenn es die Erde gar nicht gäbe? Dann wären Sie das ein­zi­ge den­ken­de Wesen über­haupt! – Wer denn in die­sem Fall den Simu­la­ti­ons­com­pu­ter pro­gram­miert haben soll? Nun, die gan­ze Kon­fi­gu­ra­ti­on könn­te durch einen gigan­ti­schen Zufall ent­stan­den sein: unwahr­schein­lich, zuge­ge­ben – aber theo­re­tisch denk­bar. Oder?

Nicht denk­bar, behaup­tet der ame­ri­ka­ni­sche Phi­lo­soph Hil­ary Put­nam. Zur Begrün­dung die­ser Behaup­tung hat er einen raf­fi­nier­ten, ver­wir­ren­den und völ­lig neu­ar­ti­gen Beweis gefun­den, um den sich die Fach­welt seit einem Vier­tel­jahr­hun­dert strei­tet. Der Streit ist leicht zu erklä­ren. Hät­te Put­nam recht, so wäre dies eine phi­lo­so­phi­sche Sen­sa­ti­on his­to­ri­schen Aus­ma­ßes. Seit Beginn der Neu­zeit krankt die abend­län­di­sche Phi­lo­so­phie dar­an, nicht ver­ständ­lich machen zu kön­nen, dass wir irgend etwas über unse­re äuße­re Umge­bung wis­sen. Die Krank­heit heißt car­te­si­scher Skep­ti­zis­mus, und sie ver­läuft so: Wir kön­nen nicht aus­schlie­ßen, dass wir stets träu­men oder andau­ernd von einem bösen Dämon getäuscht wer­den – oder dass wir seit jeher ein Gehirn im Tank sind. Also kön­nen wir auch nicht wis­sen, dass wir wirk­lich zwei Hän­de mit ech­ten Fin­gern haben und genau jetzt Zei­tungs­pa­pier zwi­schen die­sen Fin­gern hal­ten. Also kön­nen wir über­haupt nichts über die Welt um uns her­um wis­sen. Die­se skan­da­lö­se Kon­klu­si­on wäre abge­schmet­tert, wenn Put­nams Beweis gegen die Gehir­ne im Tank funk­tio­nier­te (und wenn er sich auf die ande­ren bei­den skep­ti­schen Hypo­the­sen, die von René Des­car­tes ali­as Car­te­si­us (1596–1650) stam­men, über­tra­gen lie­ße: auf ewi­ge Träu­me und arg­lis­ti­ge Dämo­nen).

Put­nam braucht zwei sprach­phi­lo­so­phi­sche Vor­aus­set­zun­gen, um sei­nen Beweis ins Rol­len zu brin­gen. Die ers­te Vor­aus­set­zung ist eine Bin­sen­weis­heit:

(1) In mei­ner Spra­che bezeich­net das Wort »Tiger« die Tiger.

Beach­ten Sie, dass die­ser Auf­takt des Bewei­ses nicht viel Infor­ma­ti­on über das Wort »Tiger« bie­tet. Aber das macht nichts. Je weni­ger ein Satz sagt, des­to fes­ter dür­fen wir uns auf ihn ver­las­sen:

Um zu wis­sen, dass Satz (1) zutref­fen muss, braucht man kei­ne Ahnung von Tigern zu haben und benö­tigt kei­ner­lei empi­ri­sches Wis­sen über die Welt. Um der Wahr­heit des Sat­zes sicher zu sein, braucht man ledig­lich eine beson­ders bana­le Infor­ma­ti­on über die eige­ne Spra­che. Man muss nur wis­sen, dass das Wort »Tiger« zur eige­nen Spra­che dazu­ge­hört (anders als bei­spiels­wei­se das Wort »Lum­pusch«). Dass das genügt, lässt sich anhand eines ande­ren Wor­tes demons­trie­ren:

Gesetzt, Sie wüss­ten, dass das Wort »Paläol­epi­dop­te­ro­lo­ge« zu Ihrer Spra­che gehört, sei­en sich aber nicht so sicher, ob das Wort die Erfor­scher ver­stei­ner­ter Schmet­ter­lin­ge bezeich­net oder die ver­stei­ner­ten Schmet­ter­lings­for­scher (oder viel­leicht noch etwas ande­res?) Dann kön­nen Sie trotz­dem rich­tig auf die fol­gen­de Fra­ge ant­wor­ten:

Was bezeich­net das Wort »Paläol­epi­dop­te­ro­lo­ge«?

Sie strei­chen die Anfüh­rungs­zei­chen am schwie­ri­gen Wort fort und sagen:

Das Wort bezeich­net die Paläol­epi­dop­te­ro­lo­gen!

Damit haben Sie garan­tiert recht – obwohl Sie natür­lich kei­ne son­der­lich infor­ma­ti­ve Ant­wort ris­kiert haben. Und genau­so steht es mit Put­nams ers­ter Vor­aus­set­zung:

(1) In mei­ner Spra­che bezeich­net das Wort »Tiger« die Tiger.

Sie sagt wenig, gilt unter Garan­tie und kann daher nicht von den Skep­ti­kern ange­grif­fen wer­den. Gehen wir also wei­ter im Beweis. Put­nams zwei­te Vor­aus­set­zung läuft so:

(2) In der Spra­che eines ewi­gen Gehirns im Tank bezeich­net das Wort »Tiger« nicht die Tiger.

War­um nicht die Tiger? Laut Annah­me hat ein ewi­ges Gehirn im Tank kei­ner­lei kau­sa­len Kon­takt zu ech­ten Tigern. Da gin­ge es nicht mit rech­ten Din­gen zu, wenn das Gehirn die Tiger trotz­dem bezeich­nen könn­te. Sein Gebrauch des Worts »Tiger« müss­te etwa durch irgend­wel­che geheim­nis­vol­len nicht-kau­sa­len Strah­len mit Tigern ver­bun­den sein. Spre­chen wäre eine über­na­tür­li­che Fähig­keit, eine Art Hexe­rei. Eine sol­che magi­sche Auf­fas­sung von Spra­che ist unhalt­bar. Und wenn wir die­ser magi­schen Auf­fas­sung wider­ste­hen, dann akzep­tie­ren wir eine – »exter­na­lis­ti­sche« – Bedin­gung für Erfolg beim Bezeich­nen: Ohne exter­ne, kau­sa­le Ver­bin­dun­gen zu irgend­wel­chen Tigern kein Erfolg beim Bezeich­nen mit­hil­fe des Wor­tes »Tiger«.

Sie fra­gen, was denn dann Gehir­ne im Tank mit ihrem Wort »Tiger« bezeich­nen, ange­sichts des man­geln­den kau­sa­len Kon­takts zu ech­ten Tigern? Ver­mut­lich jene Bit-Mus­ter im Simu­la­ti­ons­com­pu­ter, die für die Tiger-Visio­nen ver­ant­wort­lich sind. Wie auch immer die­se Bits und Bytes aus­se­hen, es sind kei­ne Tiger aus Fleisch und Blut. Put­nam mag sich in die­ser Ange­le­gen­heit nicht genau­er fest­le­gen, und er muss es auch nicht. Meis­ter­haft beherrscht er die phi­lo­so­phi­sche Kunst, gera­de nur soviel zu sagen wie unbe­dingt nötig. Ihm genügt die nega­ti­ve Behaup­tung aus (2), der zufol­ge das Gehirn im Tank jeden­falls kei­ne Tiger bezeich­nen kann, weil das arme Gehirn, wie gesagt, von jedem Kau­sal­kon­takt zu Tigern abge­schnit­ten ist.

Nun beginnt die sen­sa­tio­nell schnel­le logi­sche Arbeit. Aus den Vor­aus­set­zun­gen (1) und (2) ergibt sich zwin­gend:

(3) Mei­ne Spra­che ist von der Spra­che eines ewi­gen Gehirns im Tank ver­schie­den.

Das ist logisch; laut (1) und (2) haben die bei­den Spra­chen ver­schie­de­ne Eigen­schaf­ten, also kön­nen sie nicht iden­tisch sein. Wenn der Täter klei­ne Füße hat und der Gärt­ner gro­ße, dann war der Mör­der nicht der Gärt­ner. Genau­so bei Spra­chen.

Und da sind wir schon am Ziel. Aus (3) folgt, und zwar aber­mals zwin­gend:

(4) Ich bin nicht seit jeher ein Gehirn im Tank.

Wäre ich näm­lich ein ewi­ges Gehirn im Tank, so sprä­che ich auch sei­ne Spra­che, im Wider­spruch zu Satz (3). Da (3) bereits bewie­sen ist, kann ich nicht seit jeher ein Gehirn im Tank sein, Q.E.D.

Die Rekon­struk­ti­on des Bewei­ses von Put­nam, die ich Ihnen eben vor­ge­führt habe, hat Cris­pin Wright aus St. Andrews (Schott­land) gefun­den. Sie ist ein­fa­cher zu über­bli­cken als die ursprüng­li­che Fas­sung, die von Put­nam stammt; zwar ent­hält sie immer noch eini­ge Lücken, aber sie gibt Put­nams Grund­idee auf ver­blüf­fend ein­fa­che Wei­se wie­der.

Weni­ge Zeit­ge­nos­sen haben sich mit Put­nams Beweis anfreun­den kön­nen. Ich sel­ber zum Bei­spiel hat­te ganz zu Beginn den Ver­dacht, dass Put­nams Beweis nichts ist als ein Taschen­spie­ler­trick. Ande­rer­seits war ich mir nicht sicher, ob ich den Beweis über­haupt ver­ste­he. So habe ich mich ent­schlos­sen, der Sache auf den Grund zu gehen. Mit­hil­fe der Deut­schen For­schungs­ge­mein­schaft (DFG) setz­te ich im Herbst 1996 ein lang­jäh­ri­ges For­schungs­pro­jekt in Gang, in des­sen Ver­lauf ich mit James Pryor und Hil­ary Put­nam (Har­vard), Holm Tetens (Freie Uni­ver­si­tät Ber­lin), Sven Rosen­kranz (damals UNAM, Mexi­co City) sowie Wolf­gang Carl, Felix Mühl­höl­zer und Tho­mas Schmidt (Göt­tin­gen) und Domi­nik Per­ler (Hum­boldt-Uni­ver­si­tät zu Ber­lin) koope­rier­te. Neben der Zusam­men­ar­beit mit Fach­kol­le­gen habe ich in mei­nen Lehr­ver­an­stal­tun­gen die unver­bil­de­ten Intui­tio­nen anfan­gen­der und den Scharf­sinn fort­ge­schrit­te­ner Stu­die­ren­der anzu­zap­fen ver­sucht, zuletzt wäh­rend einer erkennt­nis­theo­re­ti­schen Vor­le­sung an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät im Som­mer­se­mes­ter 2005.

Die Arbeit am Modell vom Gehirn im Tank und an Put­nams Gegen­be­weis brach­te zwei Ergeb­nis­se. Ers­tens war der Beweis in kei­ner der bis­lang bekann­ten Fas­sun­gen was­ser­dicht. Logi­sche Lücken, ver­steck­te Zir­ku­la­ri­tä­ten und tau­send Detail-Pro­ble­me ver­dar­ben den guten Ein­druck, den der Beweis selbst bei Wohl­wol­len­den hin­ter­las­sen hat­te. In der Phi­lo­so­phie ist das kei­ne Über­ra­schung. Sogar den bedeu­tends­ten Phi­lo­so­phen wird kaum je das Glück zuteil, end­gül­ti­ge Ergeb­nis­se zu errei­chen, gegen die sich nichts mehr sagen lässt. Fast immer sind die Kano­nen der Kri­ti­ker stär­ker als die Pan­zer derer, die ein Pro­blem lösen wol­len.

Die Über­ra­schung liegt im zwei­ten Ergeb­nis mei­ner Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Beweis. Put­nams Beweis­idee ist völ­lig in Ord­nung, ja sogar geni­al. Alle Makel des Bewei­ses kön­nen aus­ge­bü­gelt wer­den. So ist es mir gelun­gen, ins­ge­samt drei was­ser­dich­te Fas­sun­gen des Bewei­ses aus­zu­ar­bei­ten, die sich gegen alle mir bekann­ten Ein­wän­de ver­tei­di­gen las­sen. Zwei die­ser Ein­wän­de will ich jetzt vor­füh­ren und in aller Kür­ze ent­kräf­ten. Laut ers­tem Ein­wand ist es miss­lich, den Beweis aus­ge­rech­net mit dem Wort »Tiger« zu füh­ren: Denn was wird aus dem schö­nen Gedan­ken­gang, wenn es zum Bei­spiel kei­ne Tiger gibt? Dann könn­te der Beweis schei­tern, weil sich mei­ne Spra­che dann doch nicht von der eines Gehirns im Tank zu unter­schei­den braucht – wenn näm­lich das Wort »Tiger« weder hier noch dort irgend­et­was bezeich­nen wür­de. (In der Dis­kus­si­on mit den Skep­ti­kern muss man stets das Äußers­te befürch­ten. Immer­hin haben sie uns ein Sze­na­rio vor­ge­legt, in dem es, abge­se­hen von der Tank-Kon­stel­la­ti­on samt Com­pu­ter, über­haupt nichts gibt – ins­be­son­de­re kei­ner­lei Tiger).

Es ist siche­rer, in dem Beweis anstel­le von »Tiger« über­all das Wort »Gehirn« zu ver­wen­den. Was aber, wenn es kei­ne Gehir­ne gibt? Ein­fach: Wenn es kei­ne Gehir­ne gibt, sind wir ganz sicher kein Gehirn im Tank. Put­nams Resul­tat (4) bleibt auch dann unan­ge­foch­ten.

Der zwei­te Ein­wand gegen Put­nams Beweis besagt, dass der erhoff­te Beweis in kei­ner denk­ba­ren Fas­sung stim­men kann. Denn es liegt klar zuta­ge, dass ein ein­ge­tank­tes Gehirn den Beweis (in jeder belie­bi­gen Fas­sung) wort­wört­lich wie­der­ho­len könn­te. Es könn­te ganz genau die­sel­ben Gedan­ken durch­spie­len, die wir uns zurecht­ge­legt haben; und die­se Gedan­ken wären aus sei­ner Sicht genau­so über­zeu­gend, wie sie uns über­zeu­gend vor­ge­kom­men sind. Aber das ein­ge­tank­te Gehirn wür­de sich in einen fata­len Irr­tum stür­zen, wenn es unse­ren Beweis nach­er­zäh­len wür­de. Es käme, so wie wir, zu dem Schluss, nicht im Tank zu ste­cken – und das, obwohl es dem Tank sein Leben lang nicht ent­rin­nen wird! Dür­fen denn dann wir uns, endet der Ein­wand, auf ein Argu­ment ver­las­sen, das man­che sei­ner Ver­wen­der (wie die Gehir­ne im Tank) so gefähr­lich auf Abwe­ge lockt? Wäre das nicht leicht­sin­nig? Wer garan­tiert uns, dass wir nicht auch zu denen gehö­ren, die von Put­nams Beweis in die Irre gelei­tet wor­den sind und sich in fal­scher Sicher­heit wie­gen?

Die Ant­wort auf die­se Fra­ge beginnt mit dem Zuge­ständ­nis, dass die Gehir­ne im Tank den Beweis tat­säch­lich mit Recht wie­der­ho­len kön­nen. Denn ihr Ergeb­nis »Ich bin kein Gehirn im Tank« trifft voll­kom­men zu.

Wie das? Wie kann ein Gehirn im Tank die Wahr­heit tref­fen, wenn es behaup­tet, gera­de kein Gehirn im Tank zu sein? Ein­fach; wenn es sagt: »Ich bin kein Gehirn im Tank«, dann meint es mit die­sen Wor­ten über­haupt nicht, kein Gehirn im Tank zu sein. Denn sei­ne Spra­che funk­tio­niert anders als unse­re; nicht nur beim Wort »Tiger« (wie bereits dar­ge­legt), son­dern natür­lich auch bei ande­ren Wör­tern, etwa »Kän­gu­ruh« oder »Eule«. Wenn das Gehirn im Tank »Tiger« bezie­hungs­wei­se »Eule« sagt, dann meint es damit gewis­se Kon­fi­gu­ra­tio­nen aus Bits und Bytes im Simu­la­ti­ons­com­pu­ter – Bit-Tiger bezie­hungs­wei­se Bit-Eulen. Genau­so, wenn es »Gehirn« oder »Tank« sagt.

Neh­men wir also an, dass das ein­ge­tank­te Gehirn mit­tels Put­nams wun­der­ba­rem Beweis zu dem Ergeb­nis kommt: »Ich bin kein Gehirn im Tank«. Dann behaup­tet es (über­setzt in unse­re Spra­che), dass es kein Bit-Gehirn im Bit-Tank ist. Und damit hat es des­halb recht, weil es in der Tat kein Bit-Gehirn im Bit-Tank ist, son­dern (gleich­sam eine Ebe­ne höher und weni­ger schlimm) bloß ein Gehirn im Tank (vgl. Abb. 2).

So gese­hen, lie­fe Put­nams Beweis auf die­se Ein­sicht hin­aus: Jeder­mann – Sie oder ich genau­so wie das Gehirn im Tank – befin­det sich exakt auf der Ebe­ne, auf der er sich befin­det; nicht etwa eine Ebe­ne wei­ter unten.

Sie fin­den das tri­vi­al? Mur­ren Sie nicht zu früh. So tri­vi­al Ihnen Put­nams Beweis nach der neu­es­ten Wen­dung unse­res Gedan­ken­gangs auch vor­kom­men mag, der Beweis hat doch eine Kon­se­quenz, die alles ande­re als tri­vi­al ist. Denn er führt uns vor Augen, dass die car­te­si­schen Skep­ti­ker einen gran­dio­sen Feh­ler bege­hen, wenn sie unser Wis­sen über die äuße­re Welt leug­nen, mit­hil­fe von Sze­na­ri­en wie dem vom Gehirn im Tank. Wor­in der gran­dio­se Feh­ler besteht? Er besteht in dem ver­que­ren Ver­such, sich vor­zu­stel­len, dass wir in ein und dem­sel­ben Moment woan­ders ste­hen als dort, wo wir gera­de ste­hen.

Natür­lich könn­ten wir woan­ders ste­hen als an unse­rem augen­blick­li­chen Auf­ent­halts­ort. (Wir könn­ten bei­spiels­wei­se alle nach Feu­er­land durch­ge­brannt sein). Aber selbst dann blie­be der Satz »Ich bin, wo ich bin« wahr. Einer­lei, ob ein Spre­cher an die äuße­re Welt ange­schlos­sen ist oder an einen Simu­la­ti­ons­com­pu­ter oder an einen simu­lier­ten Simu­la­ti­ons­com­pu­ter – genau dort, woher sei­ne Sin­nes­ein­drü­cke stam­men, lie­gen die Din­ge, auf die sich sein Spre­chen und Tun rich­ten. Und wenn das Gehirn im Tank ange­sichts einer per­fek­ten Hand-Simu­la­ti­on sagt: »Da ist eine Hand«, dann täuscht es sich damit nicht (anders, als es die Car­te­si­er gern hät­ten). Denn dann redet es ja von einer Bit-Hand, und die ist im frag­li­chen Augen­blick auch wirk­lich da. Schließ­lich ver­ur­sacht sie den pas­sen­den hand­ar­ti­gen Ein­druck.

Es bedurf­te eines phi­lo­so­phi­schen Genies vom Schla­ge Put­nams, nach Jahr­hun­der­ten frucht­lo­ser Debat­ten als ers­ter zu sehen, dass dem car­te­si­schen Skep­ti­zis­mus mit sol­chen Über­le­gun­gen das Was­ser abge­gra­ben wer­den kann. Hät­ten Sie irgend­wel­che Ein­wän­de? Dann sen­den Sie mir eine Fla­schen­post aus Ihrem Tank.

Lite­ra­tur:

Put­nam, H.: Rea­son, truth and histo­ry, Kapi­tel 1 Cam­bridge: Cam­bridge Uni­ver­si­ty Press [Deutsch: Ver­nunft, Wahr­heit und Geschich­te (1982)] Frank­furt a. M. 1981.

Wright, C.: »On Putnam’s pro­of that we are not brains in a vat«, In: Clark, Peter / Hale, Bob: Rea­ding Put­nam, 216–241, Cam­bridge 1994.

Mül­ler, O. L.: Hil­ary Put­nam und der Abschied vom Skep­ti­zis­mus oder War­um die Welt kei­ne Com­pu­ter­si­mu­la­ti­on ist. Wirk­lich­keit ohne Illu­sio­nen, Bd. 1, Pader­born 2003.

Mül­ler, O. L.: Meta­phy­sik und seman­ti­sche Sta­bi­li­tät oder Was es heisst, nach höhe­ren Wirk­lich­kei­ten zu fra­gen. Wirk­lich­keit ohne Illu­sio­nen, Bd. 2, Pader­born 2003.