Die historische Mission der DDR

Facebooktwitteryoutubeinstagram
image_pdfimage_print

Inhaltsverzeichnis

1. Vor­wort
2. Haupt­teil
__2.1 Das Natio­na­le Doku­ment
__2.2 Die his­to­ri­sche Mis­si­on der DDR
__2.3 Die his­to­ri­sche Mis­si­on der Arbei­ter­klas­se
3. Schluss­be­mer­kung
4. Quel­len- und Lite­ra­tur­ver­zeich­nis


_

1. Vor­wort

Als nach dem Bau der Ber­li­ner Mau­er die Tei­lung Deutsch­lands für jeder­mann unüber­seh­bar wur­de und eine zuvor von BRD und DDR pro­pa­gier­te Wie­der­ver­ei­ni­gung in wei­te Fer­ne zu rücken schien, sah sich die SED zu einer Anpas­sung ihrer bis­he­ri­gen Ein­heits-Rhe­to­rik gezwun­gen. Eine bedeu­ten­de Rol­le kam dabei dem Natio­na­len Doku­ment zu, das am 17. Juni 1962 vom IV. Natio­nal­kon­gress der Natio­na­len Front ver­ab­schie­det wur­de. Auf die­ses Doku­ment und des­sen geschichts­po­li­ti­sche Bedeu­tung wer­de ich nun fol­gend näher ein­ge­hen.

2. Haupt­teil

2.1 Das Natio­na­le Doku­ment

Das natio­na­le Doku­ment über Die geschicht­li­che Auf­ga­be der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik und die Zukunft Deutsch­lands ziel­te im Wesent­li­chen dar­auf ab, den Anspruch der DDR-Eigen­staat­lich­keit zu unter­mau­ern. Und dies geschah nun nicht mehr allein mit dem aus der Ver­wirk­li­chung des Pots­da­mer Abkom­mens abge­lei­te­ten Recht­mä­ßig­keits­an­spruch. Denn dane­ben trat nun auch eine his­to­ri­sche Kom­po­nen­te, die die DDR zu legi­ti­mie­ren hel­fen soll­te.  So sprach man u.a. davon, dass die DDR „der ein­zi­ge recht­mä­ßi­ge deut­sche Staat auf Grund der geschicht­li­chen Gesetz­mä­ßig­keit und der Tat­sa­che [sei], daß in ihm jene Kräf­te an der Macht sind, die von der Geschich­te zur Füh­rung des deut­schen Vol­kes beru­fen wur­den und deren Poli­tik mit den Inter­es­sen der Nati­on über­ein­stimmt. […] Er ist das jun­ge, vor­wärts­stre­ben­de Ele­ment, der Motor der deut­schen Geschich­te.“[1]

Die­se Argu­men­ta­ti­on ver­such­te man mit bei­spiel­haf­ten Vor­gän­gen aus der neue­ren und neu­es­ten Geschich­te zu stüt­zen. Im Mit­tel­punkt stand hier­bei die Arbei­ter­klas­se. Ihr bedeu­tungs­vol­les Wir­ken als „geschicht­li­che Kraft“ erlang­te die­se dem­nach erst­mals in der März­re­vo­lu­ti­on von 1848, wo „Karl Marx und Fried­rich Engels und der Bund der Kom­mu­nis­ten im Namen der jun­gen Arbei­ter­klas­se die For­de­rung [erho­ben], ganz Deutsch­land zu einer unteil­ba­ren demo­kra­ti­schen Repu­blik zu erklä­ren. In ihr soll­te die öko­no­mi­sche und poli­ti­sche Macht der feu­dalab­so­lu­tis­ti­schen Kräf­te, vor allem des preu­ßi­schen Mili­ta­ris­mus, besei­tigt wer­den.“[2]

Das Gan­ze mün­det schließ­lich in der pro­pa­gan­dis­ti­schen Paro­le, dass die DDR, „die sich in Ein­klang weiß mit den Ent­wick­lungs­ge­set­zen der mensch­li­chen Gesell­schaft, […] mit der Voll­endung des Auf­bau­es des Sozia­lis­mus, mit der Erfül­lung die­ser ihrer his­to­ri­schen Mis­si­on nicht war­ten [kön­ne], bis die fried­lie­ben­den Kräf­te in West­deutsch­land unter Füh­rung der Arbei­ter­klas­se den Sieg errun­gen haben.“[3] Als revo­lu­tio­nä­re Kraft trä­te die Arbei­ter­klas­se für die Inter­es­sen des gesam­ten deut­schen Vol­kes ein, wobei die vom Impe­ria­lis­mus ver­ur­sach­te Tei­lung Deutsch­lands nur von ihr auf­ge­ho­ben wer­den kön­ne. Doch wer nach die­sen star­ken Wor­ten zu ver­mu­ten meint, dass sich die DDR mit dem Natio­na­len Doku­ment aus­schließ­lich von der BRD abgren­zen und sich his­to­risch legi­ti­mie­ren woll­te, der irrt! Wie­der ein­mal ging es auch dar­um, zwei­glei­sig zu fah­ren und nicht die Ein­heits­rhe­to­rik aus den Augen zu ver­lie­ren. Daher wird im vor­letz­ten Pas­sus (VI.) des Natio­na­len Doku­ments expli­zit auf Die Bezie­hun­gen zwi­schen den bei­den deut­schen Staa­ten ein­ge­gan­gen. Dort wird die Ansicht ver­tre­ten, dass, trotz der unüber­wind­ba­ren ideo­lo­gi­schen Dif­fe­ren­zen zwi­schen BRD und DDR, nur „die fried­li­che Koexis­tenz die Gewähr eines fried­li­chen Mit­ein­an­der­le­bens und eines fried­li­chen Wett­be­werbs der bei­den deut­schen Staa­ten bis zu ihrer Ver­ei­ni­gung“[4] bie­ten wür­de.

Als Mit­tel zur Lösung der natio­na­len Fra­ge schlug man eine vor­über­ge­hen­de Kon­fö­de­ra­ti­on vor, die, gekenn­zeich­net durch eine Zusam­men­ar­beit auf ver­schie­de­nen poli­ti­schen und öko­no­mi­schen Ebe­nen, den Weg für eine spä­te­re Wie­der­ver­ei­ni­gung von Ost- und West­deutsch­land ebnen soll­te. Doch trotz die­ser Ein­heits­rhe­to­rik ging man sei­tens der DDR-Füh­rung inof­fi­zi­ell davon aus, dass eine län­ge­re Peri­ode der Exis­tenz zwei­er deut­scher Staa­ten bevor­ste­hen wür­de. Die­se zunächst hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand vom Polit­bü­ro der SED getrof­fe­ne Ein­schät­zung soll­te spä­tes­tens Anfang 1967 ihren Nie­der­gang in der Öffent­lich­keit fin­den.

So war es Wal­ter Ulb­richt selbst, der am 12. Janu­ar 1967 bei einer Zusam­men­kunft des Autoren­kol­lek­tivs Geschich­te der deut­schen Arbei­ter­be­we­gung die Gele­gen­heit nutz­te, deut­lich zu machen, dass wegen der Ent­wick­lun­gen in der BRD eine Wie­der­ver­ei­ni­gung bis auf wei­te­res nicht rea­lis­tisch sei. Dies geschah vor allem unter dem Hin­ter­grund der am 1. Dezem­ber 1966 zwi­schen CDU und SPD gebil­de­ten Gro­ßen Koali­ti­on. Deren, maß­geb­lich von der SPD vor­an­ge­trie­be­ne, „neue Ost­po­li­tik“ droh­te aus Sicht der DDR die eige­ne Deutsch­land­po­li­tik lang­fris­tig zu unter­lau­fen, u.a. des­halb, da ja eine Abgren­zung von der BRD und der damit ver­bun­de­ne Anspruch einer Kern­staat­funk­ti­on im deutsch-deut­schen Ver­hält­nis ganz oben auf der Agen­da stand.

Da pass­te es über­haupt nicht ins Kon­zept der poli­ti­schen Füh­rung in der DDR, dass die BRD mit den ande­ren Ost­block­staa­ten auf Schmu­se­kurs ging und es zu einem Auf­wei­chen der ver­här­te­ten Fron­ten, womög­lich sogar zu einer gegen­sei­ti­gen diplo­ma­ti­schen Aner­ken­nung von Ost­block­staa­ten und BRD kom­men könn­te. Nicht zuletzt ob die­ser Tat­sa­che kommt im Rah­men des Natio­na­len Doku­ments und im Lau­fe der 60er Jah­re der die DDR legi­ti­mie­ren­den Geschichts­be­trach­tung eine weit­aus grö­ße­re Rol­le zu: Ziel war es, „die Legi­ti­mi­tät der DDR aus der Ver­gan­gen­heit her abzu­stüt­zen, die gesam­te deut­sche Geschich­te so dar­zu­stel­len, als ob sie von ihren Anfän­gen an auf die DDR-Grün­dung und das ‚ent­wi­ckel­te gesell­schaft­li­che Sys­tem des Sozia­lis­mus‘ zuge­lau­fen wäre. Es soll­te […] die DDR als […] der Kern­staat einer zukünf­ti­gen wie­der in einem staat­li­chen Gehäu­se orga­ni­sier­ten deut­schen Nati­on“[5] erschei­nen. Der im Natio­na­len Doku­ment der Arbei­ter­klas­se zuge­spro­che­nen her­aus­ra­gen­den Bedeu­tung wur­de im 8-bän­di­gen Grund­riss der Geschich­te der deut­schen Arbei­ter­be­we­gung Rech­nung getra­gen.

In die­sem von einer Kom­mis­si­on unter Vor­sitz Wal­ter Ulb­richts ver­fass­ten Doku­ment, das im April 1963 vom ZK der SED gebil­ligt wur­de, kam es zu einer ver­tie­fen­den Dar­stel­lung der his­to­ri­schen Rol­le der Arbei­ter­klas­se. Dar­in hob man u.a. her­vor, dass es der deut­schen Arbei­ter­klas­se in der DDR nach dem Zwei­ten Welt­krieg trotz mate­ri­el­ler Not­la­ge, alli­ier­ter Besat­zung und Mil­lio­nen „von der Naziideo­lo­gie verseucht[en]“[6] Men­schen im „har­ten Klas­sen­kampf gegen die reak­tio­nä­ren Kräf­te“[7] gelun­gen sei, den Sozia­lis­mus auf­zu­bau­en.

2.2 Die his­to­ri­sche Mis­si­on der DDR

Der bereits im Natio­na­len Doku­ment ange­klun­ge­ne Anspruch der DDR, der ein­zig recht­mä­ßi­ge, von der Geschich­te legi­ti­mier­te deut­sche Staat zu sein, fand auch sei­ne Ver­an­ke­rung in der Ver­fas­sungs­er­neue­rung aus dem Jah­re 1968. Ganz im Sin­ne des zuvor kon­stru­ier­ten Geschichts­bil­des bezeich­ne­te man im Arti­kel 1 der Ver­fas­sung die DDR als einen sozia­lis­ti­schen Staat deut­scher Nati­on, der gemein­sam mit den „Werk­tä­ti­gen in Stadt und Land […] unter Füh­rung der Arbei­ter­klas­se und ihrer mar­xis­tisch-leni­nis­ti­schen Par­tei den Sozia­lis­mus ver­wirk­li­chen“[8] soll­te. Die­ser hät­te gemäß Arti­kel 6 „getreu den Inter­es­sen des deut­schen Vol­kes und der inter­na­tio­na­len Ver­pflich­tung aller Deut­schen auf ihrem Gebiet den deut­schen Mili­ta­ris­mus und Nazis­mus aus­ge­rot­tet und […] eine dem Frie­den und dem Sozia­lis­mus, der Völ­ker­ver­stän­di­gung und der Sicher­heit die­nen­de Außen­po­li­tik“[9] betrie­ben. Gemäß ihrer his­to­ri­schen Deu­tung sah sich die DDR nun­mehr der BRD um eine Epo­che vor­aus. Dies wur­de u.a. damit begrün­det, dass in der DDR „auf der Grund­la­ge der geschicht­lich über­lie­fer­ten eine neue, huma­nis­ti­sche, eine sozia­lis­ti­sche Kul­tur“[10] ent­stün­de, wäh­rend sol­che Bemü­hun­gen in der BRD „von den anti­hu­ma­nis­ti­schen Ein­flüs­sen des deut­schen Mili­ta­ris­mus, des Kle­ri­ka­lis­mus und der Unkul­tur des ame­ri­ka­ni­schen Impe­ria­lis­mus“[11] erstickt wür­den.

Die impe­ria­lis­ti­sche Bour­geoi­sie habe in den zwei letz­ten Krie­gen ihren Füh­rungs­an­spruch end­gül­tig ver­wirkt, wes­halb es nun der Arbei­ter­klas­se, respek­ti­ve der sie füh­ren­den Par­tei, der SED, oblie­ge, die deut­sche Nati­on zu füh­ren. Die bür­ger­li­che Nati­on (BRD) war in die­sem Sin­ne die rück­stän­di­ge, die sozia­lis­ti­sche Nati­on  die fort­schritt­li­che. Die DDR wur­de als his­to­ri­scher Höhe­punkt in der deut­schen Geschich­te glo­ri­fi­ziert, wäh­rend die BRD in der unheil­vol­len Tra­di­ti­on der Bour­geoi­sie stünde.Die BRD wur­de als von den impe­ria­lis­ti­schen West­mäch­ten her­aus­ge­lös­ter „Sepa­rat­staat“ ange­se­hen. Die gesell­schafts­wis­sen­schaft­li­che For­schung und Leh­re wur­de vom Poli­tik­bü­ro der SED damit beauf­tragt, „das gesell­schaft­li­che Sys­tem des Sozia­lis­mus als Gan­zes und in sei­nen Teil­sys­te­men wis­sen­schaft­lich zu durch­drin­gen, die ent­spre­chen­den Model­le für die Pla­nung und Lei­tung aus­zu­ar­bei­ten, alle Werk­tä­ti­gen stän­dig mit neu­en Zusam­men­hän­gen der gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lung ver­traut zu machen und sie zu befä­hi­gen, aktiv an der Gestal­tung der sozia­lis­ti­schen Gesell­schaft teil­zu­neh­men.“[12]

Bei der ideo­lo­gi­schen und geschichts­phi­lo­so­phi­schen Inter­pre­ta­ti­on der Welt­ge­schich­te im Sin­ne des Sozia­lis­mus spiel­te die mate­ria­lis­ti­sche Geschichts­auf­fas­sung von Marx und Engels eine her­aus­ra­gen­de Rol­le. Lothar Bert­hold, der dama­li­ge Direk­tor des Insti­tuts für Mar­xis­mus-Leni­nis­mus beim ZK der SED, umriss Anfang 1966 die Grund­zü­ge des natio­na­len Geschichts­bil­des der DDR:

  1. Allein die Arbei­ter­klas­se ist zur Füh­rung der deut­schen Nati­on beru­fen.
  2. Die Arbei­ter­klas­se kann ihre Auf­ga­ben nur lösen, wenn sie von einer mar­xis­tisch-leni­nis­ti­schen Par­tei geführt wird.
  3. Die Arbei­ter­klas­se ist unter Füh­rung der mar­xis­tisch-leni­nis­ti­schen Par­tei in der  Lage, alle Schich­ten des Vol­kes zusam­men­zu­fas­sen und zum Sozia­lis­mus zu füh­ren.
  4. Das Stu­di­um der Geschich­te der Arbei­ter­klas­se stärkt das sozia­lis­ti­sche Bewußt­sein und för­dert den sozia­lis­ti­schen Patrio­tis­mus und sozia­lis­ti­schen Inter­na­tio­na­lis­mus.
  5. Das Geschichts­bild ver­mit­telt Kennt­nis­se über die all­ge­mei­nen  Geset­ze der gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lung.
  6. Das Geschichts­bild besitzt für die gesam­te deut­sche Arbei­ter­klas­se Gül­tig­keit.
  7. Die Aus­ar­bei­tung des Geschichts­bil­des ist selbst Bestand­teil des Klas­sen­kamp­fes.[13]

Beim Ver­such, das Fun­da­ment eines sozia­lis­ti­schen Geschichts­bilds zu ent­wi­ckeln, wur­den „erst­mals Nati­ons­ver­ständ­nis und mar­xis­tisch-leni­nis­ti­sches Geschichts­ver­ständ­nis – wenn auch höl­zern und rudi­men­tär – ver­knüpft. Das mar­xis­tisch-leni­nis­ti­sche Geschichts­bild wur­de von der SED als inhalt­li­cher Kern eines all­ge­mein zu ver­brei­ten­den sozia­lis­ti­schen Geschichts­be­wußt­seins auf­ge­faßt.“[14] Im welt­po­li­ti­schen Maß­stab wur­de dabei die all­ge­mei­ne und für jeder­mann ver­ständ­li­che Losung aus­ge­ge­ben, dass es einen Klas­sen­kampf zwi­schen Sozia­lis­mus und Kapi­ta­lis­mus (bzw. Impe­ria­lis­mus) gäbe, wobei Ers­te­rer obsie­ge. Die­se Kon­fron­ta­ti­on bei­der Sys­te­me ent­sprach der mar­xis­tisch-leni­nis­ti­schen Welt­an­schau­ung. Um die­ses Geschichts­bild in die Köp­fe bzw. ins Bewusst­sein der Men­schen zu trans­por­tie­ren, bedien­te man sich unter­schied­lichs­ter Ele­men­te.

Eines davon war, bei den alle fünf Jah­re statt­fin­den­den Jubi­lä­ums­fei­ern zum Bestehen der DDR den Stand der Ent­wick­lung des Sozia­lis­mus zu bilan­zie­ren und die Bevöl­ke­rung zu ani­mie­ren, auf dem sozia­lis­ti­schen Weg vor­an­zu­schrei­ten. In „Betrie­ben, Insti­tu­tio­nen und Schu­len wur­den ‚Tra­di­ti­ons­zim­mer‘ oder ‚Tra­di­ti­ons­ecken‘ ein­ge­rich­tet, im nor­ma­len All­tag gab es unzäh­li­ge Zei­chen, die sub­ku­tan, allein durch ihre dau­er­haf­te und selbst­ver­ständ­li­che Prä­senz, das his­to­ri­sche Bewußt­sein der Bevöl­ke­rung präg­ten, etwa Stra­ßen- und Städ­te­na­men (Karl-Marx-Stadt), Denk­mä­ler zur Ent­wick­lung der DDR, Brief­mar­ken, Wand­zei­tun­gen, Pla­ka­te und Spruch­bän­der.“[15]

2.3 Die his­to­ri­sche Mis­si­on der Arbei­ter­klas­se

Die Anfang der 60er Jah­re mit dem Natio­na­len Doku­ment aus­ge­ru­fe­ne his­to­ri­sche Mis­si­on der Arbei­ter­klas­se bzw. Arbei­ter­be­we­gung war, wie bereits deut­lich gewor­den sein soll­te, zuvor­derst eine natio­na­le Mis­si­on, da sich die DDR gegen­über der BRD als his­to­risch recht­mä­ßi­ger deut­scher Staat zu legi­ti­mie­ren bzw. abzu­gren­zen ver­such­te. Das mar­xis­tisch-leni­nis­ti­sche Geschichts­bild der DDR beweg­te sich in den 60er Jah­ren also in einem natio­na­len Rah­men. Doch nicht nur das: Ulb­richt stell­te 1967 auf einer Tagung fest, dass der Sozia­lis­mus eine „rela­tiv selb­stän­di­ge sozi­al­öko­no­mi­sche For­ma­ti­on in der his­to­ri­schen Epo­che des Über­gangs vom Kapi­ta­lis­mus zum Kom­mu­nis­mus im Welt­maß­stab“[16] sei. Damit wider­sprach er der sowohl von Marx als auch Lenin vor­ge­nom­me­nen Sozia­lis­mus-Defi­ni­ti­on, wonach der Sozia­lis­mus nur eine kur­ze Über­gangs­pha­se zum Kom­mu­nis­mus dar­stel­le. Des­wei­te­ren stell­te sich das Nati­ons­ver­ständ­nis der DDR als sehr wider­sprüch­lich her­aus.

Denn mal sprach man von der gesam­ten deut­schen Nati­on, dann wie­der davon, dass die DDR der deut­sche Natio­nal­staat sei. Dies lässt sich damit erklä­ren, dass die SED, „um den ost­deut­schen Wie­der­ver­ei­ni­gungs­an­spruch ideo­lo­gisch zu bekräf­ti­gen, am Ver­ständ­nis einer sozia­lis­ti­schen Nati­on ‚im Über­gangs­sta­di­um‘ fest[hielt], ohne daß die DDR-Geschichts­wis­sen­schaft­ler die­ser ein Fun­da­ment im Geschichts­ver­ständ­nis des his­to­ri­schen Mate­ria­lis­mus hät­ten geben kön­nen. In der End­pha­se der Ära Ulb­richt schäl­te sich ein Wider­spruch zwi­schen dem abgren­zen­den Geschichts­bild und dem auf ganz Deutsch­land abzie­len­den Nati­ons­ver­ständ­nis deut­lich her­aus. Hier­in reflek­tier­te sich das für die DDR kon­sti­tu­ti­ve Span­nungs­ver­hält­nis zwi­schen Eigen­staat­lich­keit und über­staat­li­chem Anspruch.“ [17] Die­ser Kon­flikt zwi­schen Nati­on und Staat­lich­keit lös­te sich erst mit der im Jahr 1971 voll­zo­ge­nen grund­le­gen­den Revi­si­on der Hal­tung der SED zur natio­na­len Fra­ge auf.

3. Schluss­be­mer­kung

Mit dem Natio­na­len Doku­ment the­ma­ti­sier­te die SED die Deutsch­land­fra­ge, und zwar unter zwei Gesichts­punk­ten: Einer­seits ver­such­te man, die DDR als den ein­zig recht­mä­ßi­gen deut­schen Staat gegen­über der BRD abzu­gren­zen. Dies geschah unter Hin­zu­nah­me einer neu­en Kom­po­nen­te, näm­lich des Vor­ha­bens, die DDR his­to­risch zu legi­ti­mie­ren. Dazu bedien­te man sich der Kon­struk­ti­on eines mar­xis­tisch-leni­nis­ti­schen Geschichts­bil­des, nach dem die DDR in einer his­to­ri­schen Mis­si­on den Sozia­lis­mus ver­wirk­li­che. Das Gan­ze gesche­he unter der Füh­rung der Arbei­ter­klas­se  als revo­lu­tio­nä­re bzw. his­to­ri­sche Kraft sowie der mar­xis­tisch-leni­nis­ti­schen Par­tei, also der SED.

Hier­bei han­del­te es sich jedoch um eine his­to­ri­sche Mis­si­on der deut­schen Arbei­ter­klas­se, womit sich das Gan­ze in einem natio­na­len Rah­men beweg­te – schließ­lich woll­te sich die DDR im Wesent­li­chen gegen­über der laut Ideo­lo­gie in der unheil­vol­len Tra­di­ti­on der Bour­geoi­sie ste­hen­den rück­stän­di­gen bür­ger­li­chen Nati­on BRD als die fort­schritt­li­che sozia­lis­ti­sche Nati­on behaup­ten und eine Kern­staat­funk­ti­on im deutsch-deut­schen Ver­hält­nis für sich in Anspruch neh­men.

Ande­rer­seits sprach man davon, dass man wil­lens sei, eine fried­li­che Koexis­tenz mit der BRD anzu­stre­ben. Dies soll­te im Rah­men einer Kon­fö­de­ra­ti­on gesche­hen, in der die bei­den deut­schen Teil­staa­ten ins­be­son­de­re auf poli­ti­scher und wirt­schaft­li­cher Ebe­ne koope­rie­ren und den Grund­stein für eine Wie­der­ver­ei­ni­gung von BRD und DDR legen wür­den. Die­se Ein­heits­rhe­to­rik wie­der­um führ­te jedoch zu einem Kon­flikt mit dem Anspruch auf Eigen­staat­lich­keit bzw. dem mar­xis­tisch-leni­nis­ti­schen Geschichts­bild der DDR.

4. Quel­len- und Lite­ra­tur­ver­zeich­nis

Quellen:

Bert­hold, Lothar: Unser natio­na­les Geschichts­bild, In: Ein­heit, Theo­re­ti­sche Monats­schrift für Sozia­lis­mus 2/1966 (S. 225–331).

Das natio­na­le Doku­ment über „die geschicht­li­che Auf­ga­be der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik und die Zukunft Deutsch­lands“, hrsg. vom Bun­des­in­sti­tut zur Erfor­schung des Mar­xis­mus-Leni­nis­mus (Insti­tut für Sowje­to­lo­gie), Köln 1962.

Ulb­richt, Wal­ter: Grund­riß der Geschich­te der deut­schen Arbei­ter­be­we­gung, In: Ein­heit, Theo­re­ti­sche Monats­schrift für Sozia­lis­mus, Son­der­heft August 1962 (S. 58–186).

Ver­fas­sung der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik vom 9. April 1968, Gesetz­blatt der DDR 1968 I., S. 199–222, In: Münch, Ingo: Doku­men­te des geteil­ten Deutsch­land, Stutt­gart 1974.

Lite­ra­tur:

Erd­mann, Klaus: Der geschei­ter­te Natio­nal­staat. Die Inter­de­pen­denz von Nati­ons- und
Geschichts­ver­ständ­nis im poli­ti­schen Bedin­gungs­ge­fü­ge der DDR, Frank­furt am Main 1996.

Reu­ter, Frank: Geschichts­be­wußt­sein in der DDR, Köln 1973.

Weber, Her­mann: Die DDR 1945–1990, Mün­chen 2006.

Wol­frum, Edgar: Geschich­te als Waf­fe. Vom Kai­ser­reich bis zur Wie­der­ver­ei­ni­gung, Göt­tin­gen 2002.

Fuß­no­ten:

  1. Das natio­na­le Doku­ment über „Die geschicht­li­che Auf­ga­be der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik und die Zukunft Deutsch­lands“, hrsg. vom Bun­des­in­sti­tut zur Erfor­schung des Mar­xis­mus-Leni­nis­mus (Insti­tut für Sowje­to­lo­gie), Köln 1962, S. 21.
  2. Ebd. S. 21.
  3. Ebd. S. 28.
  4. Ebd. S. 34.
  5. Reu­ter, Frank: Geschichts­be­wußt­sein in der DDR, Köln 1973, S. 53.
  6. Ulb­richt, Wal­ter: Grund­riß der Geschich­te der deut­schen Arbei­ter­be­we­gung, In: Ein­heit, Theo­re­ti­sche Monats­schrift für Sozia­lis­mus, Son­der­heft August 1962 (S. 58–186), S. 145f.
  7. Ebd. S. 145f.
  8. Ver­fas­sung der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik vom 9. April 1968, Gesetz­blatt der DDR 1968 I., S. 199–222, In: Münch, Ingo: Doku­men­te des geteil­ten Deutsch­land, Stutt­gart 1974.
  9. Ver­fas­sung der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik vom 9. April 1968, Gesetz­blatt der DDR 1968 I., S. 199–222, In: Münch, Ingo: Doku­men­te des geteil­ten Deutsch­land, Stutt­gart 1974.
  10. Natio­na­les Doku­ment, S. 25.
  11. Ebd. S. 26.
  12. Erd­mann, Klaus: Der geschei­ter­te Natio­nal­staat. Die Inter­de­pen­denz von Nati­ons- und Geschichts­ver­ständ­nis im poli­ti­schen Bedin­gungs­ge­fü­ge der DDR, Frank­furt am Main 1996, S. 139–140.
  13. Bert­hold, Lothar: Unser natio­na­les Geschichts­bild, In: Ein­heit, Theo­re­ti­sche Monats­schrift für Sozia­lis­mus 2/1966 (S. 225–331), S. 228.
  14. Erd­mann S. 142.
  15. Wol­frum, Edgar: Geschich­te als Waf­fe. Vom Kai­ser­reich bis zur Wie­der­ver­ei­ni­gung, Göt­tin­gen 2002, S. 98–99.
  16. Neu­es Deutsch­land, Nr. 252 vom 13.9.1967, In: Weber, Her­mann: Die DDR 1945–1990, Mün­chen 2006, S. 67.
  17. Erd­mann S. 152.