Die Kampagne gegen Jakob Augstein


Alexander Bringmann

by Alexander Bringmann | Datum: 09.02.2013
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Jakob Augstein
(Foto von Blaues Sofa , Quelle: Wikimedia, Lizenz: CC BY 2.0)

Nach Ansicht des renommierten Simon Wiesenthal Center (SWC) gehört der Journalist Jakob Augstein, Sohn des Spiegel-Gründers Rudolf Augstein, zu den Antisemiten. Auf einer Liste der 10 schlimmsten antisemitischen Äußerungen wurde er in eine Reihe gestellt mit offen judenfeindlichen Fanatikern wie dem iranischen Präsidenten Ahmadinedschad.

Mit den haarsträubenden Anschuldigungen gegen Augstein hat sich das Simon Wiesenthal Center keinen Gefallen getan. Nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet, um untergetauchte Naziverbrecher aufzuspüren und ihrer gerechten Strafe zuzuführen, schießt das SWC mit seiner jüngsten Aktion weit über das Ziel hinaus. Der Antisemitismus-Vorwurf ist, aus gutem Grund, gerade in Deutschland eine scharfe Waffe. Doch ein leichtfertiger Einsatz hilft nur den wirklichen Antisemiten. Was hat Augstein gemacht? Er kritisierte, in relativ scharfer Form, die israelische Politik. Und er setzte an einer Stelle jüdische und muslimische Fundamentalisten gleich. Gerade diese Äußerung erntete viel Kritik. Dass er sich dafür nicht entschuldigt hat, brachte den Leiter des Wiesenthal-Zentrums Abraham Cooper dazu, ihn als Antisemiten zu bezeichnen. Diese Kampagne muss scharf kritisiert werden und ist bestenfalls an der Grenze zur Verleumdung, doch eigentlich schon weit darüber hinaus.

Schauen wir uns doch die jüdischen Ultraorthodoxen einmal an, die Augstein kritisiert hat und gegen deren radikale Positionen es auch in Israel zu Demonstrationen kommt. Die Ultraorthodoxen waren zur Gründung Israels nur eine verschwindend kleine Gruppe, machen aber einen immer größeren Teil der israelischen Bevölkerung aus. 60 – 70 Prozent der Männer gehen keiner Arbeit nach, da diese nicht mit den zahlreichen religiösen Vorschriften in Einklang zu bringen ist – und sie den Großteil ihrer Zeit mit dem Studium der religiösen Texte verbringen. Es sind solche Kreise, die im eigentlich ja modernen Israel versuchen, eine strikte Geschlechtertrennung durchzusetzen. Zum Beispiel mit getrennten Sitzbereichen für Frauen und Männer in öffentlichen Bussen. Auch wollen sie Frauen das Singen verbieten, denn ihre Stimmen könnten Männer ja in Versuchung führen. Schwule sind ihnen schon aufgrund von Bibeltexten ein Gräuel, müsste man sie doch nach biblischen Vorschriften steinigen.

Die Ultraorthodoxen bilden auch das Herz der Siedlerbewegung, die immer mehr palästinensisches Land annektiert und Olivenhaine verwüstet, um die Lebensgrundlage palästinensischer Bauern zu zerstören. Aus diesem Dunstkreis kam der Attentäter, der den israelischen Ministerpräsidenten Jitzchak Rabin erschoss und damit dem Friedensprozess einen tödlichen Schlag versetzte. Oder nehmen wir Baruch Goldstein: Dieser erschoss 30 Araber beim Freitagsgebet in einer Moschee in Hebron, dem schlimmsten Vorfall dieser Art. Dann gibt es da noch die religiöse Sekte Lev Tahor. Hier müssen die Frauen eine Art Burka tragen, die  Peitsche gilt als normales Bestrafungsinstrument. Dafür wird fast den ganzen Tag gebetet. Solche Fanatiker sind zwar nur ein überschaubarer, aber leider nicht unbedeutender Teil Israels. Israel ist immer noch ein aufgeklärter und moderner Staat, den man auf keinen Fall nur an ultraorthodoxen Fanatikern messen darf. Doch die Fanatiker sind es, auf die sich Augstein in seinem Text bezogen hat. Dieses Problem muss man ansprechen können, ohne sich des Antisemitismusverdachtes auszusetzen. Auch in Israel sehen viele in den religiösen Hardlinern ein großes Problem. 

Aber wie ist Augstein eigentlich auf die Liste gekommen? Da gibt es nur eine Antwort: Henryk M. Broder. Der deutsche Publizist liefert sich seit langem einen schriftlichen Schlagabtausch mit Augstein über die israelische Politik. Es waren weniger die Äußerungen Augsteins, die in der Begründung des Wiesenthal-Zentrums genannt wurden. Es waren böswillige und an den Haaren herbeigezogene Behauptungen von Broder, in denen er Augstein mit dem Nazipropagandisten Streicher verglich. Broder hat es geschafft, dem SWC einen schweren Imageschaden zuzufügen und den Kampf gegen Antisemitismus zu schwächen. Wenn jemand wie Augstein zum Antisemiten erklärt werden kann, dann kann jeder dazu erklärt werden. Damit verliert der Begriff an Wert. Die wirklichen Antisemiten können sich darüber freuen.

Jakob Augstein reagierte klug auf die Vorwürfe. Im „Freitag“ räumte er einem jüdischen Kritiker seiner Äußerungen breiten Raum ein. Der Journalist Oliver Guez ordnete Augstein nicht als Antisemiten ein, äußerte aber starke Kritik an dessen Äußerungen. Eine sachliche Debatte ist immer gut. Man kann Israel kritisieren oder verteidigen. Doch das Simon Wiesenthal Center sollte beim nächsten Mal besser überlegen, ob es nicht seine eigene Arbeit mit solchen hanebüchenen Anschuldigungen entwertet.

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