Die Macht des Terrorismus


Alexander Bringmann

by Alexander Bringmann | Datum: 13.10.2010
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Bildbeschreibung: Anschlag auf das World Trade Center

(Foto by Wally Gobetz, Quelle: Wikimedia / Creative Commons)

Die USA und Großbritannien sprachen eine Terrorwarnung für Deutschland aus. Müssen wir uns nun Sorgen machen? Nein! Die Gefahr für einen erfolgreichen Anschlag sind als gering einzustufen. Doch das latente Gefühl der Bedrohung, das solche Meldungen erzeugen, sind bereits Teil der terroristischen Strategie.

Als am 11. September der Terror in den USA zuschlug, waren die Vereinigten Staaten von Amerika auf dem Höhepunkt ihrer Macht. 7 Jahre später sieht die Lage anders aus: Die USA  sind durch zwei Kriege geschwächt. Es gibt starke wirtschaftliche Probleme und die Folgen der Finanzkrise. Die Schwierigkeiten resultieren zu einem großen Teil aus den Folgen des 11. September und der Unfähigkeit der Bush-Regierung, damit umzugehen. Die Schäden des Terroranschlags waren beträchtlich, doch nicht die direkten Schäden schwächten die USA. Ein Terroranschlag zieht seine Kraft nicht aus dem, was er zerstört, sondern aus den psychologischen Reaktionen.

Der Begriff Terror kommt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie Schrecken. Es ist der Versuch der Terroristen zu kommunizieren. Die Videobotschaften von Osama bin Laden sind Teil dieser Strategie und oft ähnlich wirksam wie ein neuer Anschlag. Der Schrecken ist zerstörerischer als die Bombe selbst. Er war der Grund, warum viele US-Amerikaner nach dem 11. September zur Aufgabe bestimmter Freiheitsrechte bereit waren, um vermeintliche Sicherheit zu erkaufen. Das Gleichgewicht zwischen Sicherheit und Freiheit wurde empfindlich gestört. Aus dem Gefühl der Verletzlichkeit akzeptierten sie anfänglich zwei Kriege. Zwei Kriege, die die USA moralisch, finanziell und militärisch schwer mitgenommen haben.

Aus der weitgehend säkularen Diktatur Irak wurde ein instabiles Land, in dem islamistische Terroristen sehr aktiv sind. Der Krieg in Afghanistan geht schlicht verloren. Die afghanische Regierung sieht ihre einzige Perspektive in Verhandlungen mit den Taliban. Während sich in den USA alles auf den Terrorismus konzentrierte, wurde die Wirtschaft vernachlässigt. Das meiste FBI-Personal, das für die Überwachung der Finanzmärkte zuständig war, wurde nun zur Terrorbekämpfung eingesetzt. Damit wurde eine Möglichkeit verpasst, rechtzeitig auf die Fehlentwicklungen dort zu reagieren und die schlimmsten Auswüchse einzudämmen.

Die durch Banken- und Immobilienkrise ausgelöste Krise wäre sicher trotzdem gekommen, doch die Regierung hätte mehr Gelder und Personal gehabt, um gegenzusteuern. Die Anschläge des 11. September haben die USA schwer getroffen: wirtschaftlich, militärisch und finanziell. Die Terroristen haben am 11. September gewonnen, doch nur mit Hilfe einer geschockten (teils panischen) Öffentlichkeit und einer Regierung Bush! Der Terrorismus gewann in diesem Kampf, weil die Menschen der Furcht nachgaben und die Medien, die Politik und nicht zuletzt die einzelnen Menschen falsch mit der Katastrophe umgingen. In den USA sterben jedes Jahr über 11.000 Menschen durch Schusswaffen, doch ein einziger Terroranschlag bestimmt auf noch nicht absehbare Zeit die amerikanische Politik. Den größten Schaden durch den 11. September haben sich die USA in ihrer Angst vor dem Terror selbst zugefügt.

So ist die US-Regierung unter Obama noch immer mit den direkten Auswirkungen des 11. Septembers beschäftigt. Die Furcht, die ein Terroranschlag verbreitet, ist meist weitaus schlimmer als der tatsächliche Schaden. Doch der Mensch ist stark und er passt sich an. Kommt es wiederholt zu Bombenanschlägen, sind die Auswirkungen immer geringer. Die Medien berichten weniger darüber und die Bevölkerung reagiert ruhiger. Die Terroristen verlieren allmählich die Kontrolle. Deshalb veränderten sie ihre Strategie. Im Israel-Palästina-Konflikt kann man es gut beobachten.

Die Wirkung der ersten Selbstmordattentate auf die Moral ließ langsam nach, als die Islamisten eine neue Taktik einsetzten. Ein zweiter Selbstmordattentäter sprengt sich in die Luft, wenn sich Rettungskräfte und Schaulustige am Anschlagsort versammeln. Dies dient nicht in erster Linie dazu, mehr Leute zu töten, sondern es soll die Furcht vergrößern. Ist der Arzt, der helfen will, nicht in Wahrheit ein Terrorist? Helfe ich, obwohl ein weiterer Anschlag bevorstehen könnte?

Beim 11. September war das zweite Flugzeug, dass sich ins World Trade Center stürzte, viel Furcht einflößender als das erste. Denn alle verfügbaren Kameras hielten die Bilder fest und übertrugen sie in die Welt. Die Welt sah zu, wie das Flugzeug seine zerstörerische Mission erfüllte. Die Anschläge in Bombay 2008 waren der nächste Schritt in der Entwicklung des Terrors. 10 Angreifer hielten für über 2 Tage die Millionenstadt in ihrem Bann. 174 Menschen starben bei Anschlägen und die Weltöffentlichkeit war dabei. In Indien gab es in den letzten Jahren viele Bombenanschläge, doch ihre Furchtwirkung ließ nach.

Das Ziel der Terroristen war es, möglichst lange die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf den Angriff der Terroristen zu lenken. Ein paar gezielte Bombenanschläge hätten vielleicht mehr Menschen töten können, doch hätten diese weniger Furcht verbreitet. Mehr als 2 Tage war der Blick der Welt auf Bombay gerichtet. Mussten die Menschen dort um ihr Leben fürchten! Das Konzept der Terroristen ging damit erstmal auf. Das Schwierige ist es, nach einem Terroranschlag die Ruhe zu bewahren und sein Handeln nicht von der Angst und damit von den Terroristen diktieren zu lassen. Eine schwere, beinahe unmögliche Aufgabe.

Sie erfordert eine besonnene Regierung, verantwortungsvolle Medien und Bürger, die nicht in Panik verfallen. Auch in Deutschland ist ein Terroranschlag möglich, gerade Selbstmordattentate sind nicht zu 100% zu verhindern. Die Frage, ob ein Anschlag „erfolgreich“ war, entscheidet sich daran, wie man darauf reagiert. Hoffen wir, dass wir stark genug sind, uns nicht selber zu schaden! Der Terrorismus verliert erst seine Macht, wenn man die Furcht vor ihm überwindet.

Realistisch betrachtet besteht jedoch kein Grund zur Beunruhigung! In den Medien wird zwar häufig von Anschlägen berichtet, doch dies ist mehr ein Zeichen der Globalisierung. Wann gab es den letzten Terroranschlag in Deutschland? Wann gab es seit dem 11. September einen in den USA? Wann in Kanada?

Das letzte erfolgreiche Attentat islamistischer Terroristen in Europa ist bereits ein halbes Jahrzehnt her. Die baskische ETA ist die einzige Organisation in Europa, die noch gelegentlich Anschläge verübt, allerdings ohne große Auswirkungen. Es sind immer noch die Islamisten, die Terrorangst verbreiten. Warum? Die Sicherheitsmaßnahmen greifen und 10 Jahre nach dem 11. September können Islamisten in Europa kaum noch ungestört agieren. Ein Anschlag ist damit nicht völlig ausgeräumt, aber es gibt schlicht andere Probleme, die viel dringender sind.

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