Gibt es ein grundsätzlich richtiges moralisches Handeln?

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Inhaltsverzeichnis

1. Ein­lei­tung
2. Haupt­teil
__2.1 Der Begriff der Moral
_.……_2.1.1 Begriffs­ge­schich­te
.……__2.1.2 Der Moral­be­griff aus moder­ner Sicht
__2.2 Wer oder was kann bestim­men, was ein grund­sätz­lich
.….…__rich­ti­ges oder fal­sches mora­li­sches Han­deln ist?
__2.3 Gibt es ein grund­sätz­lich rich­ti­ges mora­li­sches Han­deln?
3. Schluss­be­mer­kung
4. Quel­len- und Lite­ra­tur­ver­zeich­nis

_ 1. Ein­lei­tung

Im Fol­gen­den wer­de ich die Fra­ge zu beant­wor­ten ver­su­chen, ob es ein grund­sätz­lich rich­ti­ges mora­li­sches Han­deln gibt. Die Beschäf­ti­gung mit die­ser Fra­ge­stel­lung erwächst aus einem urei­gens­ten Inter­es­se mei­ner­seits: Denn Tag für Tag sehe ich mich im Umgang mit mei­ner Umwelt vor Situa­tio­nen gestellt, in denen ich ent­schei­den muss, wie ich zu han­deln oder einen Sach­ver­halt zu bewer­ten habe. Zum Bei­spiel: Ist es in Ord­nung, eine auf der Stra­ße gefun­de­ne Brief­ta­sche zu behal­ten, anstatt sie dem Besit­zer zurück­zu­ge­ben? Mei­ne Ant­wort: Nein! Doch was ist die Ursa­che für mei­ne Hal­tung bzw. wor­an ori­en­tie­re ich mich bei mei­ner Ent­schei­dungs­fin­dung? An Recht und Gesetz? Oder viel­leicht an der Instanz der Moral? Was ist Moral über­haupt? Gibt es ein rich­ti­ges und fal­sches mora­li­sches Han­deln? Sind es all­ge­mei­ne gesell­schaft­li­che Nor­men und Wer­te, die mir Ori­en­tie­rung bie­ten? Oder eige­ne mora­li­sche Grund­sät­ze? Gibt es eine uni­ver­sel­le Moral? All die­se Fra­gen zei­gen bereits die Kom­ple­xi­tät der The­ma­tik. Nach den Wor­ten von Anton Leist, der­zeit Pro­fes­sor für Phi­lo­so­phie an der Uni­ver­si­tät von Zürich, hat die „aka­de­mi­sche Moral­phi­lo­so­phie in den letz­ten Jah­ren […] aus­führ­li­che Stel­lung­nah­men und Argu­men­te”[1] zu bestimm­ten kon­kre­ten Pro­ble­men, also „sol­che der Wis­sen­schaft, der Umwelt oder wie­der­um der Poli­tik, etwa der inter­na­tio­na­len Kon­flik­te und Kata­stro­phen”[2], ent­wi­ckelt. Doch haben in sei­nen Augen ins­be­son­de­re die Arbei­ten der Ange­wand­ten Ethik nicht son­der­lich zu befrie­di­gen­den Pro­blem­lö­sun­gen bei­getra­gen. Leist befin­det, dass die Fra­gen der Ethik zwar theo­re­tisch mit den Mit­teln der Phi­lo­so­phie zu behan­deln sind, deren Ana­ly­sen aber zugleich prak­ti­sche sein müs­sen. Sein Anspruch einer Ver­bin­dung von Theo­rie und Pra­xis in der Ethik hat mich dazu bewo­gen, unter ande­rem das von ihm ver­fass­te Werk Die gute Hand­lung als For­schungs­li­te­ra­tur für die­sen Bei­trag her­an­zu­zie­hen, wobei mein Haupt­au­gen­merk auf der All­tags­mo­ral lie­gen wird. Doch bevor ich hin­ter­fra­ge, ob es ein grund­sätz­lich rich­ti­ges mora­li­sches Han­deln gibt, ver­su­che ich mich zunächst ein­mal an einer Defi­ni­ti­on des Begrif­fes Moral. Denn ohne eine Erklä­rung des­sen, was unter Moral zu ver­ste­hen ist, wür­de mei­ne Argu­men­ta­ti­on zur Beant­wor­tung der Haupt­fra­ge­stel­lung auf äußerst töner­nen Füßen ste­hen. Anschlie­ßend set­ze ich mich mit der Haupt­fra­ge­stel­lung aus­ein­an­der und wer­de in der Schluss­be­mer­kung die von mir gewon­ne­nen Erkennt­nis­se aus mei­nen Über­le­gun­gen zusam­men­fas­sen und schließ­lich ein Resü­mee zie­hen.

2. Haupt­teil

2.1 Der Begriff der Moral

2.1.1 Begriffs­ge­schich­te

Der grie­chi­sche Phi­lo­soph Aris­to­te­les, der als Begrün­der der Ethik als eine selb­stän­di­ge Dis­zi­plin gilt und die­se als prak­ti­sche Phi­lo­so­phie von der theo­re­ti­schen unter­schied, beschrieb in sei­nem Werk Niko­ma­chi­sche Ethik zwei Arten von Tugen­den, die den Cha­rak­ter eines Men­schen prä­gen, einer­seits die intel­lek­tu­el­len (Ver­stand), ande­rer­seits die ethi­schen (Sitt­lich­keit) Tugen­den: Sei­nen Über­le­gun­gen zufol­ge „ver­dankt jene, die intel­lek­tu­el­le, Ursprung und Wachs­tum am meis­ten der Beleh­rung; sie bedarf des­halb der Erfah­rung und der Zeit. Die rech­te ethi­sche Beschaf­fen­heit dage­gen wird durch Gewöh­nung erlangt und hat davon auch ihren Namen (Ethos mit lan­gem e) erhal­ten, der sich von dem Aus­druck für Gewöh­nung (Ethos mit kur­zem e) nur ganz lei­se unter­schei­det.”[3] Für Aris­to­te­les bezieht sich die Ethik auf das „Han­deln des Indi­vi­du­ums in einem umfas­sen­den sozia­len Gefü­ge”[4] und beinhal­tet „sowohl die Leh­re vom Haus­we­sen, die Öko­no­mik, als auch die Leh­re von der Polis, die Poli­tik als Sozi­al-, Rechts- und Staats­phi­lo­so­phie.”[5] Aber was hat all dies nun mit dem Begriff Moral zu tun? Ant­wort: Das latei­ni­sche Wort mos, das Sit­te als auch Brauch, Gewohn­heit und Cha­rak­ter bedeu­tet, ist eine Über­set­zung der bei­den eben genann­ten Ethik­be­grif­fe (eethos mit lan­gem e und ethos mit kur­zem e). Vom latei­ni­schen Sub­stan­tiv mos bzw. Adjek­tiv mora­lis (sitt­lich bzw. die Sit­ten betref­fend) lei­tet sich das deut­sche Wort Moral ab. Das Wort mora­lis „hat in den indo­ger­ma­ni­schen Spra­chen gemein­sa­me Wur­zeln mit dem deut­schen Wort Mut.”[6] Gera­de im Deut­schen und Fran­zö­si­schen stan­den mos sowie mores (Plu­ral) und ihre Ablei­tun­gen „auch für Lebens­art, Anstand, Beneh­men und wur­den in Wen­dun­gen gebraucht, die eine sitt­li­che Beleh­rung durch Bei­spie­le oder eine Zurecht­wei­sung aus­drü­cken”[7], wie z. B. Die Moral von der Geschicht’. Sum­ma sum­ma­rum kann man schluss­fol­gern, dass das Wort Moral tra­di­tio­nell der „Inbe­griff jener Nor­men und Wer­te [ist], die durch gemein­sa­me Aner­ken­nung als ver­bind­lich gesetzt wor­den sind und […] an die Gemein­schaft der Han­deln­den appel­lie­ren”[8], was Gebo­ten (Du sollst…) oder Ver­bo­ten (Du sollst nicht…) ist.

2.1.2 Der Moral­be­griff aus moder­ner Sicht

Im moder­nen Sprach­ge­brauch wird Moral als eine Sam­mel­be­zeich­nung für das sitt­li­che Emp­fin­den bzw. Ver­hal­ten eines Ein­zel­nen oder einer Grup­pe als auch die der jewei­li­gen gesell­schaft­li­chen bzw. kul­tu­rel­len Pra­xis zugrun­de lie­gen­den und als ver­bind­lich akzep­tier­ten oder zumin­dest tole­rier­ten ethisch-sitt­li­chen Wer­te und Normen(-systeme) des Han­delns bezeich­net — so jeden­falls steht es in gän­gi­gen Lexi­ka wie der Brock­haus Enzy­klo­pä­die. Man kann auch sagen, dass der Begriff der Moral aus Kon­ven­tio­nen, über­lie­fer­ten Tra­di­tio­nen bzw. wech­sel­sei­ti­gen Aner­ken­nungs­pro­zes­sen her­vor­ge­gan­ge­ne Ord­nungs- und Sinn­ge­bil­de (Regel­sys­te­me) bezeich­net, die „in Form eines Kata­logs mate­ria­ler Nor­men und Wert­vor­stel­lun­gen einer­seits die Bedürf­nis­be­frie­di­gung einer mensch­li­chen Hand­lungs­ge­mein­schaft regeln und ande­rer­seits in dem, was von die­ser all­ge­mein als ver­bind­lich (als Pflicht) erach­tet wird, Aus­kunft über das jewei­li­ge Frei­heits­ver­ständ­nis der Gemein­schaft geben.”[9] Was das Wort Moral genau beinhal­tet, ist also abhän­gig vom Moral­ver­ständ­nis der in den jewei­li­gen Kul­tur­krei­sen und Lebens­for­men (Sozie­tät, Gemein­de, Grup­pe) han­deln­den bzw. inter­agie­ren­den Men­schen. Oft wer­den im All­tag die Begrif­fe Moral und Ethik [zu grie­chisch: éthos »Sit­te«, »Brauch«] belie­big ver­mischt. Obgleich sie in einem Zusam­men­hang ste­hen, sind sie nicht von iden­ti­scher Bedeu­tung: Denn Moral „ist die Bezeich­nung für eine bestimm­te sozia­le Rea­li­tät, Ethik hin­ge­gen der Titel für eine Dis­zi­plin oder Theo­rie von die­ser Rea­li­tät”[10], eine Refle­xi­on über mora­li­sches Ver­hal­ten, ein Nach­den­ken über die Moral, der „Ver­such einer umfas­sen­den Sys­te­ma­ti­sie­rung, wie er nur in der Moral­phi­lo­so­phie üblich ist.”[11]

Mit dem Wort Moral ver­bin­den sich im Wesent­li­chen zwei­er­lei Sach­ver­hal­te: Einer­seits voll­zieht sich das (Zusammen-)Leben von Men­schen stets in bestimm­ten gewohn­ten und übli­chen Bah­nen: „Jeder ein­zel­ne wird in bestehen­de sitt­li­che Ver­hält­nis­se hin­ein­ge­bo­ren und dann ent­spre­chend sozia­li­siert […,] lernt im gewis­sen Maße […], was ent­we­der als anstän­dig oder […] unan­stän­dig gilt, wird […] in bestimm­te Bräu­che ein­ge­weiht [und] erfährt, wel­che Lebens­plä­ne die Men­schen sei­ner Sozie­tät ver­fol­gen.”[12] Eine Abwei­chung vom Übli­chen wird dann oft als unmo­ra­lisch oder unsitt­lich ange­se­hen. Ande­rer­seits spre­chen wir oft davon, „daß jemand Moral beweist oder Cha­rak­ter zeigt, wenn er etwas als rich­tig Ein­ge­se­he­nes auch gegen den Wider­stand derer, die sich auf das Übli­che beru­fen, kon­se­quent zur Regel sei­nes Han­delns macht.”[13] Soweit zu den Ver­wen­dungs­wei­sen des Wor­tes Moral. Es gibt vier ide­al­ty­pi­sche Sys­te­me der Moral, auf denen in die­ser Arbeit jedoch nicht der Schwer­punkt lie­gen wird:[14]

Statt­des­sen soll die All­tags­mo­ral, die sich „aus Bestän­den der tra­di­tio­nell christ­li­chen Moral unter Ein­fluß ver­schie­de­ner Auf­klä­rungs­ide­en ent­wi­ckelt hat”, einer nähe­ren Betrach­tung unter­wor­fen wer­den. Inhalt­lich fin­den sich in ihr Spu­ren der ande­ren Moral­sys­te­me: laut Leist ver­bin­det die All­tags­mo­ral mit ihnen — aus­ge­nom­men die spon­ta­ne Moral — ein wich­ti­ges struk­tu­rel­les Merk­mal: den mora­li­schen Uni­ver­sa­lis­mus, der beinhal­tet, „daß eine bestimm­te Zahl mora­li­scher Ge- und Ver­bo­te für alle Men­schen gleich gilt”[15], wie es sich im poli­ti­schen All­tag bei­spiels­wei­se im Anspruch der Men­schen­rech­te zeigt, die jedem Men­schen von Geburt an zuste­hen sol­len. Im Zuge der Beant­wor­tung der Ein­gangs­fra­ge wird u.a. das der All­tags­mo­ral inne­woh­nen­de kon­flikt­rei­che Ver­hält­nis „zwi­schen uni­ver­sel­len mora­li­schen For­de­run­gen und per­sön­li­chen Bezie­hun­gen”[16] von Inter­es­se sein, wobei zu klä­ren ist, wer oder was über­haupt bestim­men kann, was ein grund­sätz­lich rich­ti­ges mora­li­sches Han­deln ist.

2.2 Wer oder was kann bestim­men, was ein grund­sätz­lich rich­ti­ges oder fal­sches mora­li­sches Han­deln ist?

Nach­dem nun der Begriff der Moral zu defi­nie­ren ver­sucht wur­de, stellt sich die Fra­ge, wer oder was denn über­haupt bestim­men will bzw. kann, was ein grund­sätz­lich rich­ti­ges mora­li­sches Han­deln ist? Dar­über wird nicht nur in der Moral­phi­lo­so­phie — seit Jahr­hun­der­ten — kon­tro­vers dis­ku­tiert. In frü­he­ren Jahr­hun­der­ten gab es noch eine all­ge­mein aner­kann­te mora­li­sche Instanz[17], wie bei­spiels­wei­se die römisch-katho­li­sche Kir­che in Euro­pa, die die Gesell­schafts­mo­ral maß­geb­lich präg­te bzw. das Han­deln einer gro­ßen Mas­se von Men­schen durch die Auf­stel­lung von Gebo­ten und Ver­bo­ten stark beein­fluss­te, wäh­rend es in der heu­ti­gen Zeit mehr und mehr an einer solch domi­nie­ren­den Insti­tu­ti­on fehlt. Durch die zuneh­men­de Infra­ge­stel­lung von Dog­men und abso­lu­ten Nor­men befin­det sich der Ein­zel­ne in einer Situa­ti­on, wo er mehr denn je selbst über die Art und Wei­se sei­nes Han­delns zu ent­schei­den hat: ob nun bei der Posi­tio­nie­rung zu aktu­el­len Debat­ten über Gen­tech­nik, das Klo­nen von Men­schen, akti­ve Ster­be­hil­fe und Organ­spen­den oder in per­sön­li­chen Fra­gen wie der Art der Part­ner­schaft, des Sexu­al­le­bens und der rich­ti­gen Erzie­hung von Kin­dern. Die aus die­ser Ent­wick­lung her­vor­ge­gan­ge­ne Mög­lich­keit eines selbst­be­stimm­te­ren und eigen­ver­ant­wort­li­che­ren Lebens des Ein­zel­nen ist äußerst posi­tiv zu bewer­ten.

Doch wo fin­den wir den Maß­stab dafür, ob und wie wir mora­lisch grund­sätz­lich rich­tig oder falsch han­deln? Geben uns äuße­re Instan­zen wie Poli­tik, Reli­gi­on (z. B. Bud­dhis­mus, Juden­tum, Chris­ten­tum, Islam, Hin­du­is­mus), Medi­en und Gesell­schaft eine adäqua­te Ant­wort oder inne­re wie das soge­nann­te Gewis­sen? Auf geis­tes­wis­sen­schaft­li­chem Gebiet gab es dazu vie­le Über­le­gun­gen — eine, die die Ethik noch heu­te maß­geb­lich prägt, ist beim Phi­lo­so­phen Imma­nu­el Kant mit sei­nem kate­go­ri­schen Impe­ra­tiv[18] zu fin­den, eine Art von uni­ver­sel­ler Ori­en­tie­rungs­re­gel, des­sen hand­lungs­theo­re­ti­sche Her­lei­tung er in der Betrach­tung des mora­li­schen Han­delns, so wie wir es im All­tag ver­ste­hen, gese­hen haben könn­te.[19] Für Kant ist also die Grund­la­ge sei­ner Moral­phi­lo­so­phie die Fra­ge: Wie soll ich han­deln? Der Kate­go­ri­sche Impe­ra­tiv ist in die­sem Zusam­men­hang kein kon­kre­tes Hand­lungs­ziel, son­dern ein uni­ver­sel­ler Maß­stab, an dem die ethi­sche Qua­li­tät des eige­nen Han­delns bewer­tet wer­den soll und der dazu ver­pflich­tet, die eige­ne Hand­lungs­ori­en­tie­rung und die der Mit­men­schen in Über­ein­stim­mung zu brin­gen.

Für Kant steht das auto­no­me, mit Ver­nunft[20] und Wil­le[21] aus­ge­stat­te­te Indi­vi­du­um im Mit­tel­punkt, das dazu fähig ist, sein Han­deln selbst zu bestim­men. Um mora­li­sches Han­deln zu beschrei­ben, ver­wen­det Kant Begrif­fe wie guter Wil­le, Pflicht und Maxi­me. Für Kant ist der „gute Wil­le […] nicht durch das, was er bewirkt oder aus­rich­tet, nicht durch sei­ne Taug­lich­keit zu Errei­chung irgend eines vor­ge­setz­ten Zwe­ckes, son­dern allein durch das Wol­len, d.i. an sich gut”[22]. Mit ande­ren Wor­ten: Der Zweck hei­ligt nicht die Mit­tel, son­dern allein die Gesin­nung bzw. Absicht des han­deln­den Men­schen ist ent­schei­dend. Ähn­lich argu­men­tier­te spä­ter auch Arthur Scho­pen­hau­er, der fest­stell­te, dass die „Tha­ten und Hand­lungs­wei­sen des Ein­zel­nen und eines Vol­kes […] durch Dog­men, Bei­spiel und Gewohn­heit sehr modi­fi­cirt wer­den […,] aber an sich […] alle Tha­ten (ope­ra ope­ra­ta) bloß lee­re Bil­der [sind], und allein die Gesin­nung, wel­che zu ihnen lei­tet, […] ihnen mora­li­sche Bedeut­sam­keit”[23] gibt. Nach Kant ist ein Han­deln dann ein mora­li­sches, „wenn es aus einem guten Wil­len erfolgt, der aber Pflich­ten benö­tigt, die ihrer­seits irgend­wie all­ge­mein oder regel­haft sein müs­sen, also Maxi­men ein­schlie­ßen.”[24]

Die­se Maxi­men (Prin­zip des Wol­lens) sind laut Kant ein sub­jek­ti­ver bzw. per­sön­li­cher Grund­satz des Wol­lens eines bestimm­ten Men­schen, der sei­ne Maxi­me mit­tels des kate­go­ri­schen Impe­ra­tivs auf ihre Ver­all­ge­mei­ne­rungs­fä­hig­keit zu über­prü­fen hat, da die Maxi­me laut Kant nur dann mora­lisch rich­tig ist, wenn sie als ein objek­ti­ves Gesetz gel­ten kann. Die­se for­ma­lis­ti­schen Über­le­gun­gen Kants neh­men zwar eine bedeu­ten­de Rol­le vor allem auf geis­tes­wis­sen­schaft­li­chem Gebiet ein, wer­fen aber vie­le Fra­gen bezüg­lich ihrer Rele­vanz für das prak­ti­sche Han­deln (z. B.: Wie wei­se ich die wah­re Gesin­nung eines Men­schen nach?) des Ein­zel­nen auf und sind als mora­li­sche Ori­en­tie­rung im All­tag gera­de für die­je­ni­gen, die nicht Zeit oder Lust fin­den, sich mit der Kan­ti­schen Phi­lo­so­phie ein­ge­hend aus­ein­an­der­zu­set­zen, weni­ger taug­lich. Wobei man an den kan­ti­schen Über­le­gun­gen, die bis heu­te maß­geb­li­che Grund­zü­ge der moder­nen Ethik wider­spie­geln, natür­lich nicht vor­bei­kommt! Im Zuge von mas­si­ven Gesell­schafts­um­wäl­zun­gen (z. B. infol­ge von öko­no­mi­scher Glo­ba­li­sie­rung und tech­ni­scher Ratio­na­li­sie­rung) nimmt das kri­ti­sche Hin­ter­fra­gen des eige­nen Han­delns als auch von tra­di­tio­nell und kon­ven­tio­nell gel­ten­den Hand­lungs­nor­men — ganz im Sin­ne Kants — eine immer wich­ti­ge­re Rol­le ein. Christ­li­chen (z. B. Die Zehn Gebo­te) und kan­ti­schen Moral-Kon­zep­ten ist gemein­sam, dass sie Anspruch auf All­ge­mein­gül­tig­keit besit­zen, nur gegen­über Men­schen gel­ten und der christ­lich-tra­di­tio­nel­len Moral ange­hö­ren, die „strik­te (unbe­grenz­te) Ver­bo­te und beding­te (begrenz­te) Gebo­te[25], umfasst. Die All­tags­mo­ral, die im Fol­gen­den Gegen­stand der Betrach­tun­gen sein soll, ist ein rea­les Misch­pro­dukt die­ser tra­di­tio­nell-christ­li­chen Moral und ver­schie­de­ner Auf­klä­rungs­ide­en.

Wie schon fest­ge­stellt, bie­ten in ihr tra­di­tio­nel­le Moral­in­stan­zen wie die römisch-katho­li­sche Kir­che dem Ein­zel­nen immer weni­ger Ori­en­tie­rung für sei­ne Lebens­ge­stal­tung. Zugleich kommt bei­spiels­wei­se(!) gemein­nüt­zi­gen Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen wie u.a. dem Roten Kreuz, Amnes­ty Inter­na­tio­nal oder Oxfam Inter­na­tio­nal in punk­to Mora­li­sche Instanz — ins­be­son­de­re auch im welt­wei­ten Maß­stab — eine nicht unbe­deu­ten­de Rol­le zu, da sie sich — ähn­lich der Kir­che, aber weni­ger dog­ma­tisch bzw. ideo­lo­gisch — in ihrem Han­deln im Sin­ne der All­ge­mei­nen Erklä­rung der Men­schen­rech­te der Besei­ti­gung von sozia­len Miss­stän­den und Unge­rech­tig­kei­ten in der Welt ver­schrie­ben haben.[26] Fest­zu­stel­len ist, dass auch Mas­sen­me­di­en wie Fern­se­hen und Inter­net als ein zuneh­mend beein­flus­sen­der Fak­tor auf die mora­li­schen Wert­vor­stel­lun­gen von — ins­be­son­de­re jün­ge­ren — Men­schen ange­se­hen wer­den kön­nen. Nicht zuletzt gibt es Instan­zen wie den Staat, die bestimm­te mora­li­sche Wer­te nicht nur ver­mit­teln, son­dern die­se auch per Gesetz all­ge­mein­ver­bind­lich machen. So wur­den „außer­ehe­li­che Lebens­ge­mein­schaf­ten, unehe­li­che Kin­der oder Homo­se­xua­li­tät […] bis 1969 in Deutsch­land […] straf­recht­lich ver­folgt”[27] und „gal­ten lan­ge Zeit den meis­ten Men­schen als frag­los unsitt­lich”[28], wäh­rend die­se Wer­tung heut­zu­ta­ge nicht mehr so domi­nant ist, was sich in dem soge­nann­ten Lebens­part­ner­schafts­ge­setz wider­spie­gelt, das vom Bun­des­tag am 16. Febru­ar 2001 beschlos­sen wur­de und mit dem in Deutsch­land gleich­ge­schlecht­li­che Part­ner­schaf­ten erst­mals recht­lich aner­kannt wur­den.

Was damit ver­deut­licht wer­den soll: Moral­vor­stel­lun­gen bzw. mora­li­sche Wer­te sind nicht sta­tisch, son­dern unter­lie­gen his­to­ri­schen Wand­lungs­pro­zes­sen. Mit ande­ren Wor­ten: Moral ist nicht in Stein gemei­ßelt! Ganz deut­lich wird dies bei der Sexu­al­mo­ral: War z. B. die Emp­fäng­nis­ver­hü­tung hier­zu­lan­de noch bis zum letz­ten Jahr­hun­dert ein weit ver­brei­te­tes Tabu, so ist das heu­te mehr­heit­lich nicht mehr der Fall — egal, was Papst und Kir­che dazu sagen. Inso­fern kann man fest­stel­len, dass es zwar Auto­ri­tä­ten und Insti­tu­tio­nen wie Kir­che oder Staat gibt, die bestim­men wol­len (ob im Namen Got­tes, der Ver­nunft oder per Gesetz), was grund­sätz­lich rich­ti­ges oder fal­sches mora­li­sches Han­deln ist, ob ihre Ansich­ten aber rich­tig bzw. wahr­haf­tig sind und den Anspruch auf All­ge­mein­gül­tig­keit erfül­len bzw. ob sie vom Ein­zel­nen akzep­tiert wer­den, steht auf einem ganz ande­ren Blatt geschrie­ben. Viel­mehr ist es so, dass in unse­rer zuneh­mend plu­ra­lis­ti­schen Gesell­schaft[29] ein­heit­lich aus­ge­rich­te­te mora­li­sche Bewer­tun­gen wie falsch oder rich­tig immer weni­ger Gül­tig­keit besit­zen. Bei­spiels­wei­se bei der Sexu­al­mo­ral, wo ange­wand­te Sexu­al­prak­ti­ken als legi­tim ange­se­hen wer­den, solan­ge sie im gegen­sei­ti­gen Ein­ver­neh­men der betei­lig­ten Per­so­nen gesche­hen.

So bil­den sich vie­le ver­schie­de­ne Arten von Lebens­for­men und Sub­kul­tu­ren her­aus, die eine iden­ti­täts­stif­ten­de Wir­kung für die Betei­lig­ten haben und sie nach mora­li­schen Wer­ten han­deln lässt, die im Gegen­satz zur herr­schen­den Gesell­schafts­mo­ral oder uni­ver­sel­len Moral­an­sprü­chen ste­hen kön­nen: Ob nun Kom­mu­nen (Lebens­ge­mein­schaf­ten), in denen die Mit­glie­der nach bestimm­ten poli­ti­schen und ideo­lo­gi­schen Grund­sät­zen leben oder Bewe­gun­gen wie die  soge­nann­te Gothic-Sze­ne.[30] Wenn aber ange­sichts der eben beschrie­be­nen Ent­wick­lun­gen äuße­re Instan­zen kei­ne expli­zi­te Ant­wort geben kön­nen, wel­ches Han­deln hier und dort grund­sätz­lich mora­lisch rich­tig oder falsch ist, wer oder was tut es dann? Viel­leicht das Gewis­sen? Ken­nen wir nicht alle die soge­nann­ten Gewis­sens­bis­se, so ein merk­wür­di­ges Schuld- bzw. Scham­ge­fühl, das ein­tritt, wenn wir bei­spiels­wei­se den­ken, einen ande­ren in sei­nen Gefüh­len ver­letzt zu haben?[31] Dar­über, was das Gewis­sen sein soll, gibt es eben­so wie in punk­to Moral ver­schie­dens­te Ansich­ten und Theo­ri­en, jedoch ist die all­ge­mei­ne Sicht ver­brei­tet, dass es eine Art des per­sön­li­chen Bewusst­seins vom mora­li­schen Wert oder Unwert des eige­nen Han­delns ist — sozu­sa­gen die Fähig­keit der mora­li­schen Selbst­be­ur­tei­lung. Auch im deut­schen Grund­ge­setz spielt die­ser Begriff eine Rol­le, wenn im Arti­kel 4, Absatz 3 die Rede davon ist, dass „nie­mand […] gegen sein Gewis­sen zum Kriegs­dienst mit der Waf­fe gezwun­gen wer­den”[32] darf.

In der Phi­lo­so­phie the­ma­ti­sier­ten im 18. Jahr­hun­dert bei­spiels­wei­se Imma­nu­el Kant und Jean-Jac­ques Rous­se­au das Gewis­sen. So argu­men­tier­te Kant, dass „jeder Mensch Gewis­sen [hat], und […] sich durch einen inne­ren Rich­ter beob­ach­tet, bedroht und über­haupt im Respekt (mit Furcht ver­bun­de­ner Ach­tung) gehal­ten [fin­det], und die­se über die Geset­ze in ihm wachen­de Gewalt ist nicht etwas, was er sich selbst (will­kür­lich) macht, son­dern es ist sei­nem Wesen ein­ver­leibt.”[33] Und im Emil von Rous­se­au liest man: „Gewis­sen, Gewis­sen! O du gött­li­cher Instinkt, ewi­ge und himm­li­sche Stim­me, du zuver­läs­si­ger Füh­rer eines zwar unwis­sen­den und beschränk­ten, aber intel­li­gen­ten und frei­en Wesens, du unfehl­ba­rer Rich­ter über Gut und Böse, der du dem Men­schen Gott­ähn­lich­keit ver­leihst, dir hat er die Voll­kom­men­heit sei­ner Natur und die Sitt­lich­keit sei­ner Hand­lun­gen zu ver­dan­ken.”[34] Für Kant ist das Gewis­sen also eine Art inne­rer Rich­ter, der das eige­ne mora­li­sche Han­deln über­prüft, für Rous­se­au die Stim­me Got­tes, die der mensch­li­chen Ver­nunft sagt, was gut und böse ist. Bei­den Auf­fas­sun­gen gemein­sam ist, dass sie das Gewis­sen als eine abso­lu­te Instanz anse­hen. Ist das aber auch wirk­lich so? Bei­spiels­wei­se wird in den Neu­ro­wis­sen­schaf­ten der Begriff des Gewis­sens als sta­bi­le Instanz, das sich zu Wort mel­det, wenn wir Gefahr lau­fen, mora­lisch falsch zu han­deln, radi­kal in Fra­ge gestellt. Viel­mehr sei­en Ent­schei­dun­gen des Gewis­sens einer­seits instink­tiv, ande­rer­seits labil und ver­än­der­lich, da sie von ver­schie­de­nen Fak­to­ren geprägt wer­den, wie z. B. durch Erzie­hungs­ein­flüs­se und per­sön­li­che Erfah­run­gen sowie ratio­na­le Über­le­gun­gen und ele­men­ta­re Gefüh­le.[35]

Jedoch scheint allen Über­le­gun­gen gleich zu sein, dass es da etwas gibt, nen­nen wir es nun Gewis­sen oder auch nicht, dass uns bei die­ser oder jener Hand­lung in dem Maße beein­flusst, dass wir sagen kön­nen: Bei mei­ner Ent­schei­dung bzw. mei­nem Han­deln und aus der Kon­se­quenz des­sen — z. B. durch frü­he­re Erfah­run­gen, das Wis­sen von mora­li­schen Regeln oder die Reak­tio­nen eines Ande­ren bzw. mei­nes sozia­len Umfel­des auf mein Han­deln — habe ich ein schlech­tes (z. B. Schuld oder Scham) oder gutes Gefühl bzw. den­ke ich, dass gemäß einer kri­ti­schen Selbst­re­fle­xi­on die­ses Han­deln falsch oder rich­tig ist. Was ich damit mei­ne, möch­te ich mit­hil­fe zwei­er selbst gewähl­ter Bei­spie­le aus mei­nem All­tag ver­deut­li­chen. Bei­spiel A: Als ich mir von einem Freund den Film „Das Mäd­chen mit dem Per­len­ohr­ring” aus­lei­hen woll­te, rutsch­te mir die­ser aus den Hän­den und fiel zu Boden. Die DVD wur­de dabei beschä­digt. Ich fühl­te mich unwohl, nach­dem dies pas­siert war, obwohl es nicht mei­ner Absicht ent­sprang. Die­ses Unwohl­sein ver­an­lass­te mich dazu, ihm die DVD sofort zu erset­zen, ohne dass er dies ver­langt hät­te. Als ich dies getan hat­te, fühl­te ich mich wie­der bes­ser, da ich die­ses Han­deln als rich­tig emp­fand. Bei­spiel B: Beim Ein­kau­fen bat mich eine Frau, ihr ein Paket mit Fla­schen aus dem obers­ten Regal zu holen, da sie zu klein war, um es zu errei­chen. Ich fand ihre Bit­te nach­voll­zieh­bar, so dass ich sofort half.

Wäh­rend in Bei­spiel A eine Art Schuld­be­wusst­sein mein Han­deln bestimmt, schrei­be ich dies in Bei­spiel B dem soge­nann­ten Mit­ge­fühl zu, also der Fähig­keit, mich in die Lage der Frau hin­ein­zu­ver­set­zen, sozu­sa­gen ihre Per­spek­ti­ve ein­zu­neh­men. In bei­den Fäl­len han­del­te ich in dem Bewusst­sein, das Rich­ti­ge getan zu haben — wor­in ich mich durch die Reak­ti­on der Betei­lig­ten bestä­tigt sah, da sich sowohl mein Freund über die neue DVD als auch die Frau über mei­ne Hil­fe freu­te. Solch ein Han­deln wür­de ich als mora­lisch rich­tig bezeich­nen, jedoch nicht als grund­sätz­lich mora­lisch rich­tig, da es ja eine Fol­ge mei­nes per­sön­li­chen Urteils ist, das von vie­len indi­vi­du­el­len Ein­flüs­sen und Ent­wick­lun­gen abhängt: wie eben die per­sön­li­che Prä­gung durch Erzie­hung und sozia­les Umfeld als auch mei­ne „Gefüh­le, Iden­ti­tät, Geschich­te, Bedürf­nis­se und Inter­es­sen”[36]. Ver­bun­den damit ist auch mei­ne welt­an­schau­li­che Ein­stel­lung, die mich zu einer ande­ren Bewer­tung eines Sach­ver­hal­tes kom­men las­sen kann als mein Gegen­über und die mein Han­deln bestimmt. Dazu ein aktu­el­les Bei­spiel: Der poli­tisch (instru­men­ta­li­sier­te) und reli­gi­ös geführ­te Streit um die soge­nann­ten Moha­med-Kari­ka­tu­ren lässt ver­schie­de­ne Welt­an­schau­un­gen der dar­an Betei­lig­ten zum Aus­druck kom­men: die einen fin­den, dass die­se Kari­ka­tu­ren die reli­giö­sen Gefüh­le der Mus­li­me zutiefst ver­let­zen und daher nicht hät­ten ver­öf­fent­licht wer­den sol­len, die ande­ren sehen das ähn­lich, ver­tei­di­gen jedoch die Pres­se­frei­heit bzw. eine freie Mei­nungs­äu­ße­rung, wie­der ande­re stö­ren sol­che Dar­stel­lun­gen über­haupt nicht, ob nun eine Figur wie Jesus oder Moha­med ver­un­glimpft wird, da sie z. B. mit Reli­gio­nen nichts am Hut haben und sol­che Debat­ten aus ihrer Sicht gera­de­zu lächer­lich fin­den usw.

Das zeigt, wie sehr wir von per­sön­li­chen Über­zeu­gun­gen und Wert­vor­stel­lun­gen in unse­rem Han­deln gelei­tet sind und wie ver­schie­den die­se zwi­schen den Men­schen sein kön­nen. Nicht nur die vor­her­ge­hen­den Über­le­gun­gen stel­len die Exis­tenz eines grund­sätz­lich rich­ti­gen mora­li­schen Han­delns in Fra­ge. Auch und gera­de die per­sön­li­chen Bezie­hun­gen zu ande­ren Men­schen tun dies, was ich anhand fol­gen­der kon­stru­ier­ter Extrem­si­tua­ti­on ver­deut­li­chen möch­te: Stel­len wir uns vor, ich bin bei der frei­wil­li­gen Feu­er­wehr tätig und wer­de zu einem Ein­satz geru­fen. Erschüt­tert muss ich fest­stel­len, dass der Brand das Haus betrifft in dem ich woh­ne. Mir ist bewusst, dass womög­lich mei­ne Freun­din in der Woh­nung ist und in Gedan­ken an sie stür­me ich, unge­ach­tet des Feu­ers und Rau­ches, dort­hin und fin­de sie bewusst­los vor. Auf dem Rück­weg nach Drau­ßen begeg­ne ich im Trep­pen­flur einer älte­ren Frau, die kei­ne Kraft zum Wei­ter­ge­hen hat und mich instän­dig bit­tet, sie nach Drau­ßen zu tra­gen. Jedoch kann ich in die­sem Moment nur eine Per­son aus dem Haus tra­gen. Ich ent­schei­de mich bewusst dafür, zunächst mei­ner Freun­din zu hel­fen, weil mich mit ihr eine sehr enge per­sön­li­che Bezie­hung ver­bin­det: Ich lie­be sie! Nicht zuletzt an die­ser Stel­le tritt ein Kon­flikt zuta­ge, der dem „unkla­ren Ver­hält­nis zwi­schen der uni­ver­sel­le Rech­te und Pflich­ten erzeu­gen­den Wert­ba­sis und eben den spe­zi­el­len Moti­ven, Wün­schen, Gefüh­len, Bin­dun­gen, Bezie­hun­gen zu und gegen­über ein­zel­nen Per­so­nen”[37]entspringt.

Gehen wir ein­mal davon aus, dass es die all­ge­mei­ne mora­li­sche Pflicht gibt (wie in der Rol­le des Feu­er­wehr­man­nes in der beschrie­be­nen Extrem­si­tua­ti­on), einem Men­schen in Not zu hel­fen, so kann es dabei zu gra­vie­ren­den Inter­es­sens­kon­flik­ten für den Ein­zel­nen kom­men. In dem von mir kon­stru­ier­ten Bei­spiel bevor­zu­ge ich mei­ne gelieb­te Freun­din bei der Ret­tung aus den Feu­ers­brüns­ten gegen­über einer älte­ren Dame, zu der ich kei­ne so enge bzw. eine unper­sön­li­che Bezie­hung habe. Und ich wür­de auch so han­deln, wenn ich wüss­te, dass die älte­re Dame eine aner­kann­te Medi­zi­ne­rin ist, die kurz vor der Ent­wick­lung eines Serums steht, das vie­le Men­schen von einer töd­li­chen Krank­heit befrei­en könn­te. Die per­sön­li­che Bin­dung zu mei­ner Freun­din wäre für mein Han­deln aus­schlag­ge­bend — ich wür­de gefühls­ori­en­tiert han­deln. Dar­aus ergibt sich die Schluss­fol­ge­rung, dass „wir […] alles Wert­vol­le zunächst und natür­li­cher­wei­se von unse­rem je eige­nen Stand­punkt als ein­zel­ne[38] sehen und „weil uns die Freun­de wich­tig sind, weil sie unse­re Freun­de sind, sehen wir den Wert die­ser Bezie­hung von unse­rem Stand­punkt, und nicht vom Stand­punkt des all­ge­mei­nen Wohls.”[39] Denn im Sin­ne des All­ge­mein­wohls wäre es sicher­lich rich­tig gewe­sen, die älte­re Dame zu ret­ten, da sie ja mit­hil­fe ihres Serums vie­le Men­schen vor dem Tod hät­te bewah­ren kön­nen. In die­sem Zusam­men­hang ist zu erwäh­nen, dass sich Imma­nu­el Kant rund um den Kate­go­ri­schen Impe­ra­tiv ver­mut­lich nie „mit dem Ein­wand konfrontiert[e], daß [das] von ihm in der Grund­le­gung emp­foh­le­ne strik­te Han­deln >aus Pflicht<, und nicht aus Gefüh­len, die uns etwa mit bestimm­ten Per­so­nen ver­bin­den, […] in den per­sön­li­chen Bezie­hun­gen zu Kon­flik­ten füh­ren”[40] kön­ne.

Etwas ande­res wäre es, wenn ich in der Rol­le des Feu­er­wehr­man­nes vor die Wahl gestellt wür­de, zunächst eine von zwei Per­so­nen zu ret­ten, die ich bei­de nicht ken­ne. Dann wür­de ich nicht in der Abhän­gig­keit von der per­sön­li­chen Bezie­hung zu einer Per­son han­deln, son­dern wür­de mei­ne Ent­schei­dung, wem ich zunächst hel­fe, gefühls­neu­tra­ler tref­fen, also in Abhän­gig­keit all­ge­mei­ner Kri­te­ri­en, z. B. wer von bei­den schwe­rer ver­letzt ist, wobei es auch sein kann, dass kei­ne objek­ti­ven Bevor­zu­gungs­kri­te­ri­en für die Erst­hil­fe erfüllt sind und ich spon­tan ent­schei­den muss. So wie ich zu mei­ner Freun­din in einer per­sön­li­chen Bezie­hung ste­he, trifft dies natür­lich auch auf die Ange­hö­ri­gen (z. B. Ehe­mann, Toch­ter etc.) der besag­ten älte­ren Frau zu, die dann wohl die­se anstatt mei­ne Freun­din zuerst geret­tet hät­ten. Somit gilt „den par­ti­ku­la­ren Bezie­hun­gen[41], der zu sich selbst wie den zu den Freun­den, […] ein prak­ti­scher Vor­rang gegen­über den uni­ver­sel­len Bezie­hun­gen, weil nur durch die­sen Vor­rang des gemein­sa­men Han­delns par­ti­ku­la­re Bezie­hun­gen über­haupt mög­lich wer­den.”[42] Und so darf man „im Kon­flikt­fall vor­ran­gig sich oder >sei­nen Mann< ret­ten, weil die spe­zi­el­len Part­ner im gemein­sa­men Han­deln einen beson­de­ren Schutz ver­die­nen”[43], da par­ti­ku­la­re Bezie­hun­gen her­ge­stellt wer­den müs­sen, wobei „alle per­sön­li­chen Bezie­hun­gen […] sich vor dem Stand­punkt aller recht­fer­ti­gen [müs­sen], aber eben unter Aner­ken­nung ihres prak­ti­schen Vor­rangs.”[44] Durch die Tat­sa­che, dass man „nur im gemein­sa­men Han­deln sich und ande­re als Akteu­re erfah­ren kann […,] wer­den die sozia­len Bezie­hun­gen über­haupt wert­vol­le Bezie­hun­gen.”[45] So wür­de eine „ein­sei­tig nur uni­ver­sel­le Moral […] den Wert der sozia­len Bezie­hun­gen am Ent­ste­hen hin­dern”[46] — sie wür­den sich dann aus­schließ­lich auf Lust- und Nut­zen­be­zie­hun­gen redu­zie­ren. Somit haben sozia­le Bezie­hun­gen bzw. die Selbst­sor­ge und die per­sön­li­chen Pflich­ten stets einen prak­ti­schen Vor­rang vor uni­ver­sel­len mora­li­schen Pflich­ten, wobei ich mich vor letz­te­ren natür­lich zu recht­fer­ti­gen habe.

Denn mein Han­deln als Feu­er­wehr­mann in der beschrie­be­nen Extrem­si­tua­ti­on, also die Bevor­zu­gung mei­ner gelieb­ten Freun­din, mag für mich auf­grund der engen sozia­len Bezie­hung zu ihr mora­lisch rich­tig bzw. eine mora­li­sche Pflicht gewe­sen sein, ob sie jedoch auch der uni­ver­sel­len mora­li­schen Pflicht ent­spricht, jeman­dem in Not zu hel­fen, steht auf einem ande­ren Blatt geschrie­ben: Das wird dann auch von ande­ren Men­schen oder nach all­ge­mei­nen mora­li­schen Maß­stä­ben bewer­tet, bei­spiels­wei­se mei­nen Vor­ge­setz­ten bei der Feu­er­wehr, die zu der Schluss­fol­ge­rung kom­men könn­ten, dass ich der all­ge­mei­nen mora­li­schen Pflicht des Hel­fens bzw. einer bestimm­ten mora­li­schen Regel, die auch in Recht und Gesetz bzw. Vor­schrift oder Ver­ord­nung ver­an­kert sein könn­te, durch mein par­tei­isches Han­deln nicht nach­ge­kom­men bin, was auch die Sus­pen­die­rung vom Feu­er­wehr­dienst nach sich zie­hen könn­te. Das bedeu­tet aber auch, dass ich per­sön­lich mora­lisch rich­tig han­deln kann, ohne dass dies im Ein­klang mit uni­ver­sel­len mora­li­schen For­de­run­gen oder Pflich­ten ste­hen muss. Neh­men wir in die­sem Zusam­men­hang ein so bri­san­tes The­ma wie den Schwan­ger­schafts­ab­bruch: Im Mit­tel­al­ter wur­de — stark beein­flusst durch die katho­li­sche Kir­che — die Abtrei­bung eines leben­di­gen Fötus in den meis­ten angel­säch­si­schen Län­dern in Recht & Gesetz als Mord ver­stan­den.

So wur­de die „Hals­ge­richts­ord­nung Kai­ser Karls V. aus dem Jah­re 1532 […] für die fol­gen­den Gesetz­ge­bun­gen rich­tungs­wei­send”[47] und „führt den vor­sätz­li­chen Schwan­ger­schafts­ab­bruch unter den Tötungs­de­lik­ten auf; ein Mann, der mit­hilft, soll mit dem Schwert und die Frau durch Erträn­ken oder sonst hin­ge­rich­tet wer­den. Bis Ende des 18. Jahr­hun­derts ver­folg­te man Mord, Kinds­mord und Abtrei­bung viel­fach mit glei­chem Straf­maß.”[48] Auch in der Neu­zeit gibt es in Poli­tik, Reli­gi­on, Phi­lo­so­phie und Gesell­schaft hef­ti­ge Kon­tro­ver­sen dar­über, ob eine Abtrei­bung gerecht­fer­tigt ist oder nicht. In Deutsch­land gilt der Schwan­ger­schafts­ab­bruch nach § 218 des Straf­ge­setz­bu­ches wei­ter­hin als rechts­wid­rig, wobei er straf­frei bleibt, wenn er inner­halb von zwölf Wochen nach der Befruch­tung bzw. aus beson­de­ren Grün­den (Sexu­al­straf­tat etc.) durch­ge­führt wird und zuvor eine Schwan­ger­schafts­kon­flikt­be­ra­tung statt­ge­fun­den hat. Auch hier tref­fen per­sön­li­che Bezie­hung (Mut­ter-Fötus-Ver­hält­nis) und uni­ver­sel­le mora­li­sche For­de­rung (die sich in Form eines Geset­zes äußert) auf­ein­an­der: Wäh­rend bei­spiels­wei­se Medi­zi­ner, Phi­lo­so­phen und Staats­recht­ler der Fra­ge nach­ge­hen, ab wann ein unge­bo­re­nes Kind ein Recht auf Leben hat bzw. recht­lich geschützt wer­den muss, sieht sich die betrof­fe­ne Frau kon­kret mit der Situa­ti­on der Schwan­ger­schaft kon­fron­tiert. Soll­te die­se z. B. unge­wollt erfolgt sein, so wird sie viel­leicht zu der per­sön­li­chen Ent­schei­dung kom­men, das Kind abtrei­ben zu las­sen. Und selbst wenn sie es per­sön­lich für mora­lisch rich­tig hält, dies zu tun, so wird die uni­ver­sel­le Moral (hier in Form des § 218, aus dem sich all­ge­mei­ne Rech­te und Pflich­ten für die Schwan­ge­re erge­ben) eine Recht­fer­ti­gung von ihr ver­lan­gen, wenn sie ent­ge­gen der uni­ver­sel­len mora­li­schen (gesetz­li­chen) Pflicht han­delt.

Damit woll­te ich noch ein­mal den Kon­flikt ver­an­schau­li­chen, der oft zwi­schen eige­ner und uni­ver­sel­ler Moral­auf­fas­sung herrscht. In Reka­pi­tu­la­ti­on all mei­ner bis­he­ri­gen Aus­füh­run­gen kom­me ich zu dem Schluss, dass für mich ein mora­lisch rich­ti­ges Han­deln eine Mischung aus dem ist, was ich unter dem Aspekt der Selbst­re­fle­xi­on, also des kri­ti­schen Hin­ter­fra­gens mei­nes Han­delns vor dem von mir beschrie­be­nen Gewis­sen ver­ant­wor­ten kann, was mir damit ver­bun­den auch eine Art inne­res Wohl­ge­fühl bringt, anstatt Gefüh­le von Scham oder Schuld, mich sozu­sa­gen gut schla­fen lässt, wobei es bei mei­nem Han­deln zu einem Kon­flikt zwi­schen uni­ver­sel­len mora­li­schen For­de­run­gen und per­sön­li­chen Bezie­hun­gen kom­men kann. Mir ist bewusst, dass mei­ne Bewer­tung von dem, was mora­lisch rich­tig oder falsch ist, eine sub­jek­ti­ve Sicht ist und nicht zum uni­ver­sel­len Maß­stab für das Han­deln ande­rer gemacht wer­den kann. Denn das, was ich als erstre­bens­wert erach­te oder mir wün­sche, muss nicht zwin­gend für einen ande­ren Men­schen gel­ten. Jedoch kann — ganz im Sin­ne von Anton Leist — die Moral nur dann einen Sinn machen, wenn sie aus dem kon­kre­ten Leben eines jeden ein­zel­nen her­aus geschieht, so dass „die Moral idea­ler­wei­se kei­ne Instanz ist, die uns von der Gesell­schaft auf­er­legt wird, son­dern ein Wert- und Gebots­sys­tem, das wir selbst her­vor­brin­gen müs­sen.”[49] Gleich­zei­tig hal­te ich es aber für wich­tig, dass es ein kon­sen­sua­les Band gibt, das die Mit­glie­der eines Gemein­we­sens zusam­men­hält, das sozu­sa­gen eine uni­ver­sel­le Mini­mal­mo­ral erzeugt.

Die Fra­ge ist aber, inwie­weit man sich auf eine „Kon­zep­ti­on der für mora­li­sche Rech­te und Pflich­ten grund­le­gen­den Eigen­schaf­ten eini­gen[50] kann. Denn „daß der Uni­ver­sa­lis­mus kon­flikt­hal­tig ist, zeigt sich [nicht zuletzt] in Dis­kus­sio­nen über >mul­ti­kul­tu­rel­le< Wei­sen des Zusam­men­le­bens, wenn sich man­che der Betei­lig­ten wei­gern, star­ke inhalt­li­che Rech­te zu akzep­tie­ren, sofern sie ihnen gegen­über For­de­run­gen bedeu­ten [und sie] stellt sich ein, wenn aktu­el­le Kon­flik­te in der Medi­zin und der Sozi­al­po­li­tik nur noch gefühls­ori­en­tiert ent­schie­den wer­den kön­nen.”[51] Woll­te man die­se Kon­flik­te argu­men­ta­tiv lösen, „müß­te man sich auf die wert­haf­ten Grund­la­gen von Rech­ten und Pflich­ten eini­gen, man müß­te in einer Kon­zep­ti­on der­je­ni­gen Eigen­schaf­ten über­ein­stim­men, die ihnen ihre spe­zi­fi­sche Gel­tung ver­lei­hen”, wobei sich dar­aus Wider­sprü­che in den Moral­an­for­de­run­gen erge­ben kön­nen, „wenn etwa Zwei­fel, daß eine >ein­sei­tig< ver­nunf­t­ori­en­tier­te Ethik star­ke mora­li­sche Rech­te fun­die­ren kann, durch Appel­le an sol­che mensch­li­che Eigen­schaf­ten flan­kiert wer­den, die (wie Gefüh­le) ihrer­seits den uni­ver­sel­len Anspruch in Fra­ge stel­len.”[52]

2.3 Gibt es ein grund­sätz­lich rich­ti­ges mora­li­sches Han­deln?

Im vor­he­ri­gen Abschnitt habe ich fest­ge­stellt, dass z. B. die mora­li­sche Bin­de­kraft des Staa­tes oder insti­tu­tio­na­li­sier­ter Reli­gio­nen abge­nom­men hat und sich statt­des­sen vie­le ver­schie­de­ne Lebens­for­men und Sub­kul­tu­ren ent­wi­ckeln. Außer­dem kommt einer als Gewis­sen bezeich­ne­ten inne­ren Instanz zur Bewer­tung des eige­nen mora­li­schen Han­delns, die mich dar­über befin­den lässt, was mora­lisch rich­tig oder falsch ist, eine gro­ße Bedeu­tung zu. Mit ande­ren Wor­ten: „Das mora­lisch rich­ti­ge Han­deln [wird] von einem Bewußt­sein des Rich­ti­gen beglei­tet […], was die unmit­tel­ba­re Wirk­sam­keit von Gefüh­len nicht aus­schließt, also mit dem Gefühls­mo­tiv ver­ein­bar ist.”[53] Die­ses Bewußt­sein des Rich­ti­gen im Zuge mei­ner Gewis­sens­ent­schei­dung bezieht sich auf mein per­sön­li­ches mora­li­sches Han­deln und ist nicht uni­ver­sell. Nicht zuletzt ist das mora­li­sche Han­deln ele­men­tar abhän­gig von per­sön­li­chen Bezie­hun­gen zu ande­ren Men­schen, die im Wider­spruch bzw. Kon­flikt zu uni­ver­sel­len Moral­for­de­run­gen ste­hen kön­nen. Aus all die­sen Erkennt­nis­sen lei­te ich ab, dass es ange­sichts einer plu­ra­lis­ti­schen Gesell­schaft, wo vie­le ver­schie­de­ne mora­li­sche Wer­te und Vor­stel­lun­gen neben­ein­an­der exis­tie­ren, kein grund­sätz­lich rich­ti­ges oder fal­sches mora­li­sches Han­deln geben kann. Denn wer oder was ist der Maß­stab dafür? Ich habe kei­nen gefun­den! Natür­lich ist es legi­tim, die­sen zu suchen, wie es ja sei­tens der Ethik gemacht wird, aber gefun­den wur­de mei­nes Wis­sens ein all­ge­mein akzep­tier­ter Maß­stab bis dato noch nicht.

Unab­hän­gig davon hal­te ich es für not­wen­dig, dass sich die in einer Gemein­schaft (zusammen-)lebenden Men­schen auf eine Kon­zep­ti­on von grund­le­gen­den Eigen­schaf­ten eini­gen, die mora­li­sche Rech­te und Pflich­ten begrün­den kön­nen. Ein Ansatz dafür könn­te die soge­nann­te gol­de­ne Regel sein: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch kei­nem ande­ren zu. Ihre Ver­an­ke­rung fin­det die­se mora­li­sche Regel — wenn auch in gewis­ser Abwand­lung — in ver­schie­dens­ten Reli­gio­nen und Kul­tu­ren wie auch bei­spiels­wei­se im Grund­ge­setz Deutsch­lands, wo es den Pas­sus gibt, dass „jeder […] das Recht auf die freie Ent­fal­tung sei­ner Per­sön­lich­keit [hat], soweit er nicht die Rech­te ande­rer ver­letzt”[54]. Hier wür­de für mich auch der Ansatz zur Grund­la­ge eines uni­ver­sel­len Moral­prin­zips lie­gen, sozu­sa­gen ein Mini­mal­kon­sens, der beach­tet, dass sich aus mei­nem Han­deln ande­ren Men­schen gegen­über auch, über kurz oder lang, rück­be­züg­li­che Kon­se­quen­zen für mich erge­ben kön­nen. Das setzt natür­lich die Fähig­keit und den Wil­len des Ein­zel­nen vor­aus, sich in die Lage sei­ner Mit­men­schen hin­ein­zu­ver­set­zen, das bereits ange­spro­che­ne Mit­füh­len. Wenn für mich nach­voll­zieh­bar wird, dass ein behin­der­ter Mensch nicht in dem Maße wie ich einer Arbeit nach­ge­hen kann, weil ihm bei­spiels­wei­se Arme und Bei­ne feh­len, dann wer­de ich ihm auch nicht Din­ge abver­lan­gen kön­nen, die er gar nicht leis­ten kann.

Und zudem wür­de ich mich in der Ver­ant­wor­tung sehen, ihm auch eine ange­mes­se­ne Unter­stüt­zung und Hil­fe für sein all­täg­li­ches Leben zukom­men zu las­sen, die sei­ne Nach­tei­le mir gegen­über aus­zu­glei­chen ver­su­chen, da er ohne eine sol­che Zuwen­dung mei­ner­seits womög­lich gra­vie­ren­de Nach­tei­le mir gegen­über hät­te sowie stark lei­den und im schlimms­ten Fall ster­ben wür­de. Wenn ich mich in sei­ne Situa­ti­on hin­ein­füh­le, könn­te ich dann wol­len, dass mir nicht gehol­fen wird, wenn ich in die­ser Art behin­dert sein soll­te? Vor­aus­ge­setzt, dass jemand an sei­nem Leben hin­ge und es auch mög­lichst lebens­wert füh­ren woll­te, dann wür­de er dies wohl ver­nei­nen. Die von mir ange­spro­che­ne Gol­de­ne Regel spie­gelt sich mei­nes Erach­tens in der All­ge­mei­nen Erklä­rung der Men­schen­rech­te wider, die von der UN-Gene­ral­ver­samm­lung am 10.12.1948 ver­kün­det wur­de. Genau hier sehe ich einen guten Ansatz für eine uni­ver­sell bzw. welt­weit aner­kann­te  Mini­mal­mo­ral, die jedem Men­schen, unab­hän­gig von sei­ner Stel­lung in Staat, Gesell­schaft, Fami­lie, Beruf, Reli­gi­on und Kul­tur, Rech­te bereits durch die Tat­sa­che zuspricht, dass er als Mensch gebo­ren ist. Denn auch ande­re Merk­ma­le wie Haut­far­be, Geschlecht, Spra­che, poli­ti­sche oder sons­ti­ge welt­an­schau­li­che Vor­stel­lun­gen, natio­na­le oder sozia­le Her­kunft las­sen die Gül­tig­keit der mit der blo­ßen Exis­tenz als Mensch ver­bun­de­nen Men­schen­rech­te unbe­rührt.[55]

Eine zen­tra­le Aus­sa­ge die­ser Men­schen­rechts­er­klä­rung ist, dass „alle Men­schen […] frei und gleich an Wür­de und Rech­ten gebo­ren [sind]. Sie sind mit Ver­nunft und Gewis­sen begabt und sol­len ein­an­der im Geist der Brü­der­lich­keit begeg­nen.”[56] Die allei­ni­ge Exis­tenz die­ser Erklä­rung, die zunächst ein­mal einen rein emp­feh­len­den Cha­rak­ter hat­te, aber durch die bei­den 1976 in Kraft getre­te­nen Men­schen­rechts­pak­te der Ver­ein­ten Natio­nen, denen bis heu­te 135 Staa­ten bei­getre­ten sind, die Unter­zeich­ner­staa­ten völ­ker­recht­lich zur Beach­tung der Men­schen­rech­te ver­pflich­te­te, garan­tiert natür­lich noch lan­ge nicht, dass alle Men­schen die­ser Erde die dar­in for­mu­lier­ten Rech­te auch unein­ge­schränkt wahr­neh­men kön­nen oder wol­len, was sich zum Bei­spiel in „kul­tu­rel­len Prak­ti­ken [zeigt], die dem Men­schen­rechts-Den­ken unver­söhn­lich zuwi­der­lau­fen [wie die] Auf­for­de­rung, den zu töten, der die Göt­ter läs­tert, die Pra­xis, Frau­en zu beschnei­den oder Wit­wen zu ver­bren­nen”[57], aber sie ist den­noch ein guter Ansatz für eine uni­ver­sell ver­bind­li­che Mini­mal­mo­ral, da sie eben vie­le Merk­ma­le ent­hält, die in allen Kul­tu­ren auf­zu­fin­den sind: So wis­sen die Men­schen „als sterb­li­che Wesen […] um ihre Ver­letz­lich­keit; […] um ihre Fähig­keit, ande­re zu ver­let­zen, und sie wis­sen, daß sie selbst ohne guten Grund nicht ver­letzt wer­den wol­len. […] Einen ande­ren aus Eigen­nutz zu töten, zu besteh­len oder zu belü­gen oder die eige­nen Pflich­ten nicht zu erfül­len, wird in allen Kul­tu­ren als ver­werf­lich erach­tet. Sol­che Hand­lun­gen ver­let­zen uni­ver­sel­le mini­ma­le Funk­ti­ons­er­for­der­nis­se von Gesell­schaf­ten.”[58] Dass nie­mand ein Inter­es­se dar­an haben kann, ohne guten Grund geschä­digt oder ver­letzt zu wer­den, fin­det wohl uni­ver­sell Aner­ken­nung.

Den­noch gibt es inter­kul­tu­rel­le Dif­fe­ren­zen über die Unver­letz­lich­keit und Auto­no­mie der Per­son, was sich bei­spiels­wei­se in der Ver­stüm­me­lung weib­li­cher Geschlechts­or­ga­ne zeigt: So wer­den welt­weit, z. B. in den Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­ten oder im Sudan, auf­grund archa­isch-patri­ar­cha­ler Vor­stel­lun­gen jähr­lich die Geschlechts­or­ga­ne von Mil­lio­nen Mäd­chen und Frau­en beschnit­ten, um so sei­tens der Män­ner ins­be­son­de­re die Kon­trol­le über ihre Sexua­li­tät und damit auch ihre Lebens­ge­stal­tung zu gewin­nen. Die­ser Brauch fin­det sei­ne Begrün­dung zumeist in der unter­ge­ord­ne­ten Rol­le, die ihnen von der jewei­li­gen — von Män­nern domi­nier­ten — Gemein­schaft zuge­bil­ligt wird. Hier und bei ande­ren Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen gilt es mei­nes Erach­tens zuvor­derst, einen inter­kul­tu­rel­len Dia­log zu füh­ren und dem Gegen­über zu zei­gen, dass man ihn als Gesprächs­part­ner und sei­ne Vor­stel­lun­gen zwar ernst nimmt, ihn aber mit dem eige­nen mora­li­schen Selbst­ver­ständ­nis kon­fron­tiert und erläu­tert, wes­halb man die­se oder jene kul­tu­rel­le Pra­xis nicht nach­voll­zie­hen kann und ihn zum Nach­den­ken über sein  ritu­el­les oder tra­di­tio­nel­les Han­deln anregt. Jede Sei­te kann in die­sem Dis­kurs sein mora­li­sches Selbst­ver­ständ­nis dar­le­gen und begrün­den. So wür­de ich auch die All­ge­mei­ne Erklä­rung der Men­schen­rech­te als Dis­kus­si­ons­bei­trag ein­brin­gen, ohne den Ein­druck zu erwe­cken, mei­nem Dia­log­part­ner die­se auf­zwin­gen zu wol­len.

Zugleich ist eine „an uni­ver­sel­len Men­schen­rech­ten — wie sie von Kants for­ma­lis­ti­scher Ethik inten­diert sind — ori­en­tier­te Poli­tik, die Lebens­wei­sen nicht in ihrer mate­ria­len Bestimmt­heit vor­schreibt, son­dern nur nach dem Frei­heits­prin­zip limi­tiert”[59], zu begrü­ßen. Denn wenn bei­spiels­wei­se „die Unver­letz­lich­keit der Per­son […] im Inter­es­se der Macht­er­hal­tung herr­schen­der Eli­ten miß­ach­tet (Fol­te­run­gen, Will­kür­ver­haf­tun­gen, Hin­rich­tun­gen) [wird] bzw. […] Glau­bens­be­reit­schaf­ten stra­te­gisch gesteu­ert [wer­den], so sind (zumin­dest) Ankla­ge vor der Welt­öf­fent­lich­keit, Ent­zug von Unter­stüt­zun­gen für die Regie­run­gen, Asyl­be­reit­stel­lung für Ver­folg­te, Dis­kurs­an­ge­bo­te für ideo­lo­gi­sier­te Bevöl­ke­rungs­grup­pen”[60] sinn­vol­le Maß­nah­men, die eine sol­che Poli­tik leis­ten kann, wobei die­ses poli­ti­sche Han­deln von Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen wie amnes­ty inter­na­tio­nal nicht nur flan­kiert, son­dern auch — bei man­geln­dem poli­ti­schen Wil­len der Ent­schei­dungs­trä­ger — ein­ge­for­dert wer­den kann. Doch wie auch immer die Ansät­ze, z. B. mit Blick auf die Men­schen­rech­te, und Vor­schlä­ge, z. B. sei­tens der Ange­wand­ten Ethik, für eine uni­ver­sel­le Mini­mal­mo­ral aus­se­hen mögen: sie bedür­fen der brei­ten Aner­ken­nung der Men­schen aus ihrem jewei­li­gen mora­li­schen Selbst­ver­ständ­nis her­aus und kön­nen nicht durch Zwang ent­ste­hen.

3. Schluss­be­mer­kung

Zu Beginn die­ses Bei­trags habe ich zwecks eines bes­se­ren Ver­ständ­nis­ses davon, was Moral über­haupt bedeu­tet, die ent­spre­chen­de Begriffs­ge­schich­te des Wor­tes Moral reka­pi­tu­liert und zudem ver­sucht, zu erklä­ren, wie der Begriff der Moral aus moder­ner Per­spek­ti­ve ein­ge­ord­net wird. Dabei bin ich zu dem Ergeb­nis gekom­men, dass sich das deut­sche Wort Moral vom latei­ni­schen Wort mos (Sit­te, Brauch, Gewohn­heit, Cha­rak­ter) bzw. Adjek­tiv mora­lis (sitt­lich) ablei­tet. Mos ist wie­der­um eine Ablei­tung der von dem Phi­lo­so­phen Aris­to­te­les in sei­ner  Niko­ma­chi­schen Ethik ver­wen­de­ten Begrif­fe eethos und ethos. Ins­be­son­de­re im Deut­schen und Fran­zö­si­schen stan­den mos sowie mores (Plu­ral) und ihre Ablei­tun­gen auch für Lebens­art, Anstand und Beneh­men, wobei sie in Wen­dun­gen ver­wen­det wur­den, die eine sitt­li­che Beleh­rung durch Bei­spie­le oder eine Zurecht­wei­sung aus­drü­cken. Aus moder­ner Sicht ist der Begriff der Moral eine Sam­mel­be­zeich­nung für das sitt­li­che Emp­fin­den, Ver­hal­ten bzw. Moral­ver­ständ­nis eines Ein­zel­nen oder einer Grup­pe und reprä­sen­tiert bestimm­te Ord­nungs- und Sinn­ge­bil­de (Regel­sys­te­me) einer mensch­li­chen Hand­lungs­ge­mein­schaft, die aus Kon­ven­tio­nen, über­lie­fer­ten Tra­di­tio­nen und wech­sel­sei­ti­gen Aner­ken­nungs­pro­zes­sen her­vor­ge­hen, wobei deut­lich gemacht wur­de, dass die Moral für eine bestimm­te sozia­le Rea­li­tät in den jewei­li­gen Kul­tur­krei­sen und Lebens­for­men (Sozie­tät, Gemein­de, Grup­pe) steht, wäh­rend die Ethik mora­li­sche Ver­hal­tens­wei­sen reflek­tiert und sys­te­ma­ti­siert, wie es sich in den vier ide­al­ty­pi­schen Moral­sys­te­men (Mini­mal­mo­ral, Tra­di­tio­nel­le Moral, Extrem­mo­ral, Spon­ta­ne Moral) wider­spie­gelt, die jedoch im Rah­men der Beant­wor­tung der Haupt­fra­ge­stel­lung, ob es ein grund­sätz­lich rich­ti­ges mora­li­sches Han­deln gibt, nicht im Mit­tel­punkt ste­hen soll­ten.

Anstatt des­sen wur­de in die­sem Zusam­men­hang die All­tags­mo­ral, die sich aus Inhal­ten der tra­di­tio­nell-christ­li­chen Moral und ver­schie­de­ner Auf­klä­rungs­ide­en ent­wi­ckelt hat, näher beleuch­tet. Im Zuge der Beant­wor­tung der Fra­ge­stel­lung, wer oder was über­haupt bestim­men kann bzw. will, was ein grund­sätz­lich rich­ti­ges oder fal­sches mora­li­sches Han­deln ist, bin ich zu der Erkennt­nis gekom­men, dass der Kate­go­ri­sche Impe­ra­tiv von Kant als uni­ver­sel­le mora­li­sche Ori­en­tie­rungs­re­gel weni­ger taug­lich für die All­tags­mo­ral (in punk­to: Wie wei­se ich die wah­re Gesin­nung eines Men­schen nach? etc.) bzw. für die­je­ni­gen ist, die sich nicht ein­ge­hend mit Kants kom­ple­xen for­ma­lis­ti­schen Über­le­gun­gen aus­ein­an­der­set­zen kön­nen oder wol­len, wobei ich aus­drück­lich her­vor­ge­ho­ben habe, dass die Kan­ti­sche Phi­lo­so­phie bis heu­te maß­geb­li­che Grund­zü­ge der moder­nen Ethik wider­spie­gelt.

Auch äuße­re Instan­zen wie Staat oder Kir­che kön­nen (ob im Namen Got­tes, der Ver­nunft oder per Gesetz) mei­nes Erach­tens nicht bestim­men, was grund­sätz­lich rich­ti­ges oder fal­sches mora­li­sches Han­deln ist, was nicht zuletzt dem Fak­tum geschul­det ist, dass sich in unse­rer zuneh­mend plu­ra­lis­ti­schen Gesell­schaft Lebens­for­men und Sub­kul­tu­ren her­aus­bil­den, in denen unter­schied­li­che Moral­auf­fas­sun­gen bzw. Wert­vor­stel­lun­gen herr­schen, die bei­spiels­wei­se im Gegen­satz zu einer über­ge­ord­ne­ten Gesell­schafts­mo­ral ste­hen kön­nen. Dage­gen mes­se ich der von mir beschrie­be­nen inne­ren Instanz des Gewis­sens als per­sön­li­chem Bewusst­sein vom mora­li­schen Wert oder Unwert mei­nes Han­delns eine bedeu­ten­de Rol­le zu. So ver­bin­de ich mit einer Art von Wohl­be­fin­den bzw. gutem Gefühl wäh­rend mei­nes Han­delns oder in des­sen Kon­se­quenz, dass ich das mora­lisch Rich­ti­ge getan habe, bei schlech­ten Gefüh­len (Schuld- oder Scham­ge­fühl) dage­gen nicht. Damit geht auch das Ein­füh­len in mei­nen Gegen­über, das soge­nann­te Mit­ge­fühl, ein­her, das mich sei­ne Per­spek­ti­ve ein­neh­men und sei­ne Situa­ti­on nach­voll­zieh­bar machen las­sen kann. Beein­flusst wer­de ich in mei­nem Han­deln auch von der per­sön­li­chen Prä­gung durch Erzie­hung und sozia­les Umfeld als auch mei­nen Gefüh­len, Bedürf­nis­sen und Inter­es­sen.

Ein beson­de­res Augen­merk leg­te ich in die­sem Zusam­men­hang auf die per­sön­li­chen Bezie­hun­gen zu bestimm­ten Per­so­nen, die im Kon­flikt mit uni­ver­sel­len Moral­for­de­run­gen ste­hen kön­nen und denen ich — im Sin­ne von Anton Leist — einen prak­ti­schen Vor­rang vor uni­ver­sel­len Bezie­hun­gen ein­räum­te, da man sich und ande­re Akteu­re nur im gemein­sa­men Han­deln erfah­ren kann, wodurch die sozia­len bzw. par­ti­ku­la­ren Bezie­hun­gen über­haupt erst wert­vol­le wer­den. Eine aus­schließ­lich uni­ver­sel­le Moral wür­de den Wert der eben genann­ten Bezie­hun­gen am Ent­ste­hen hin­dern und die­se auf Lust- und Nut­zen­be­zie­hun­gen redu­zie­ren. Das heißt aber auch, dass ich mein per­sön­li­ches Han­deln, z. B. durch die Bevor­zu­gung mei­ner Freun­din in der beschrie­be­nen Extrem­si­tua­ti­on, als mora­lisch rich­tig bewer­ten kann, auch wenn es einer all­ge­mei­nen mora­li­schen Pflicht oder einem Gesetz wider­spricht. Genau des­halb ist es aber kein grund­sätz­lich rich­ti­ges mora­li­sches Han­deln, weil jeder Mensch ein ande­res Moral­ver­ständ­nis haben kann. Und Moral macht nur dann einen Sinn, wenn sie aus dem kon­kre­ten Leben eines jeden ein­zel­nen her­aus geschieht, wes­halb die Moral kei­ne Instanz sein kann, die uns von der Gesell­schaft auf­er­legt wird, son­dern es muss ein aus uns selbst her­vor­ge­brach­tes Wert- und Gebots­sys­tem sein. Wenn uns aber, als Schluss­fol­ge­rung aus den vor­her­ge­hen­den Über­le­gun­gen, äuße­re Instan­zen wie Kir­che und Staat als auch inne­re wie das Gewis­sen kei­ne Ant­wort dar­über geben kön­nen, was ein grund­sätz­lich rich­ti­ges oder fal­sches mora­li­sches Han­deln ist, so ist es frag­wür­dig, ob es ein sol­ches über­haupt geben kann.

Den­noch hal­te ich eine Art von uni­ver­sel­ler Mini­mal­mo­ral für not­wen­dig, die mora­li­sche Rech­te und Pflich­ten zu begrün­den imstan­de ist, wobei ich die soge­nann­te Gol­de­ne Regel (Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch kei­nem ande­ren zu), die in allen Kul­tu­ren ver­wur­zelt ist, als eine gute Basis dafür anse­he und die sich mei­nes Erach­tens auch in der All­ge­mei­nen Erklä­rung der Men­schen­rech­te wie­der­fin­det. Denn in der Men­schen­rechts­er­klä­rung las­sen sich Merk­ma­le fin­den, die in allen Kul­tu­ren von Bedeu­tung sind, wie z. B., dass kein Mensch ohne guten Grund ver­letzt wer­den will. Ich bin mir des Pro­blems bewusst, dass es schwie­rig ist, eine Mini­mal­mo­ral zu begrün­den, die auch von einer über­wie­gen­den Mehr­heit aller Men­schen auf der Welt eine Zustim­mung fin­det. Denn eine uni­ver­sel­le Mini­mal­mo­ral kann man nicht erzwin­gen, sie muss aus dem mora­li­schen Selbst­ver­ständ­nis eines jeden Ein­zel­nen erwach­sen. Die Men­schen­rechts­er­klä­rung jedoch hal­te ich in die­sem Zusam­men­hang für einen guten Ansatz, der ja auch in der Welt­po­li­tik mitt­ler­wei­le eine bedeu­ten­de Rol­le spielt, was sich in inter­na­tio­na­len Reak­tio­nen zeigt, wenn die Men­schen­rech­te ver­letzt wer­den: Ob im Zusam­men­hang mit den US-ame­ri­ka­ni­schen Gefan­ge­nen­la­gern Guan­ta­na­mo und Abu Ghraib oder den Beschnei­dun­gen von Mäd­chen und Frau­en. Vor allem auch Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen wie amnes­ty inter­na­tio­nal sind es, die welt­weit einen gro­ßen Zuspruch der Men­schen ver­schie­dens­ter Kul­tu­ren fin­den. Wäh­rend ich also die Haupt­fra­ge­stel­lung die­sers Bei­trags, ob es ein grund­sätz­lich rich­ti­ges oder fal­sches mora­li­sches Han­deln gibt, hin­sicht­lich der Schluss­fol­ge­rung aus mei­nen Ergeb­nis­sen ver­neint habe, hal­te ich die Begrün­dung einer uni­ver­sel­len Mini­mal­mo­ral für sehr erstre­bens­wert.

4. Quel­len- und Lite­ra­tur­ver­zeich­nis

Quel­len:

Aris­to­te­les: Niko­ma­chi­sche Ethik, ins Deut­sche übertr. v. Adolf Las­son, Jena 1909.

Grund­ge­setz für die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, hrsg. v. d. Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung, Bonn 1999.

Kant, Imma­nu­el: Die Meta­phy­sik der Sit­ten, Wer­ke in zwölf Bän­den, hrsg. v. Wil­helm Wei­sche­del, Bd. 8, Frank­furt a. M. 1977.

Kant, Imma­nu­el: Grund­le­gung zur Meta­phy­sik der Sit­ten, hrsg. v. T. Valen­ti­ner u. ein­gel. v. H. Ebe­ling, Stutt­gart 2004.

Rous­se­au, Jean-Jac­ques: Emil oder Über die Erzie­hung, frei aus dem Fran­zö­si­schen über­setzt v. Her­mann Den­hardt, Neue Aus­ga­be, Bd. 2, Leip­zig o. J.

Scho­pen­hau­er, Arthur: Die Welt als Wil­le und Vor­stel­lung, Zür­cher Aus­ga­be, Wer­ke in zehn Bän­den, Bd. 2, Zürich 1977.

Lite­ra­tur:

Fischer, Peter: Ein­füh­rung in die Ethik, Mün­chen 2003.

Leist, Anton: Die gute Hand­lung. Eine Ein­füh­rung in die Ethik, Ber­lin 2000.

Lou­is, Car­len: Die Abtrei­bung in der Rechts­ge­schich­te, in: Ders., Kirch­li­ches und Wirk­li­ches im Recht. Auf­sät­ze und. Bespre­chun­gen zu Rechts­ge­schich­te, Kir­chen­recht und Staats­kir­chen­recht, Hil­des­heim 1988

Nun­ner-Wink­ler, Ger­trud: Men­schen­rech­te. Zur Uni­ver­sa­li­sier­bar­keit und inhalt­li­chen Reich­wei­te west­li­cher Vor­stel­lun­gen, in: Zeit­schrift: Wis­sen­schaft & Frie­den, Men­schen­rech­te und Mili­tär, 50 Jah­re Ver­ein­te Natio­nen, Aus­ga­be 4/95, Mar­burg 1995.

Pie­per, Anne­ma­rie: Ein­füh­rung in die Ethik, Tübin­gen 1994.

Rohls, Jan: Geschich­te der Ethik, Tübin­gen 1991.

Lexi­ka:

Der Brock­haus mul­ti­me­di­al 2005 pre­mi­um (DVD), Biblio­gra­phi­sches Insti­tut & F. A. Brock­haus AG, Mann­heim 2005.

Inter­net:

Hubert, Mar­tin: Die Stim­me der Neu­ro­nen. Was kön­nen die Neu­ro­wis­sen­schaf­ten zur Erfor­schung des Gewis­sens bei­tra­gen?, in: Deutsch­land­funk: Sen­dung „Wis­sen­schaft im Brenn­punkt” vom 10.10.2004, http://www.dradio.de/dlf/sendungen/wib/310297.

Socio­le­xi­kon: Wis­sens­wer­tes zur Erwach­se­nen­bil­dung, http://www.socioweb.de/lexikon/lex_geb/begriffe/pluralis.htm.

[1] Leist, Anton: Die gute Hand­lung. Eine Ein­füh­rung in die-Ethik, Ber­lin 2000, S. 2.

[2] Ebd. S. 2.

[3] NE, II, 1, 1103a 14ff.

[4] Rohls, Jan: Geschich­te der Ethik, Tübin­gen 1991, S. 1.

[5] Ebd. S. 1.

[6] Fischer, Peter: Ein­füh­rung in die Ethik, Mün­chen 2003, S. 10.

[7] Ebd. S. 10–11.

[8] Pie­per, Anne­ma­rie: Ein­füh­rung in die Ethik, Tübin­gen 1994, S. 30.

[9] Ebd. S. 41. [10] Leist S. 2.

[11] Ebd. S. 3.

[12] Fischer S. 11.

[13] Ebd. S. 11–12.

[14] Vgl. Leist S. 6.

[15] Leist S. 10.

[16] Ebd. S. 331.

[17] Anm.: Wobei hier nicht von abso­lu­ter Aner­ken­nung einer mora­li­schen Insti­tu­ti­on die Rede ist, son­dern aus­schließ­lich von deren gro­ßer gesell­schaft­li­cher Domi­nanz und Ein­fluss­nah­me.

[18] Anm.: Die­ser phi­lo­so­phi­sche Begriff steht für ein unbe­dingt gül­ti­ges sitt­li­ches Gebot, das in Kants Kri­tik der prak­ti­schen Ver­nunft wie folgt lau­tet: „Hand­le so, dass die Maxi­me dei­nes Wil­lens jeder­zeit zugleich als Prin­zip einer all­ge­mei­nen Gesetz­ge­bung gel­ten kön­ne.”

[19] Anm.: Bezüg­lich der Her­lei­tung des kate­go­ri­schen Impe­ra­tivs han­delt es sich um eine The­se, die Anton Leist auf­ge­stellt hat (Vgl. Leist S. 250).

[20] Anm.: Nach Kant ist die Ver­nunft (als obers­tes Erkennt­nis­ver­mö­gen) das Ver­mö­gen der Ide­en­bil­dung, die geis­ti­ge Fähig­keit des Men­schen, alle Ein­zel­erfah­run­gen auf regu­la­ti­ve Ide­en wie »Welt«, »See­le« usw. hin zu ori­en­tie­ren und sie dadurch zu einer Gesamt­erfah­rung zusam­men­zu­schlie­ßen, ver­ein­facht gesagt also die Fähig­keit des mensch­li­chen Geis­tes, uni­ver­sel­le Zusam­men­hän­ge in der Welt sowie deren Bedeu­tung zu erken­nen und nach die­sen zu han­deln.

[21] Anm.: Der Wil­le ist für Kant „ein Ver­mö­gen, nur das­je­ni­ge zu wäh­len, was die Ver­nunft unab­hän­gig von der Nei­gung als prak­tisch not­wen­dig, d.i. als gut, erkennt.” (Kant, Imma­nu­el: Grund­le­gung zur Meta­phy­sik der Sit­ten, hrsg. v. T. Valen­ti­ner u. ein­gel. v. H. Ebe­ling, Stutt­gart 2004, S. 56.)

[22] Kant, Imma­nu­el: Grund­le­gung zur Meta­phy­sik der Sit­ten, hrsg. v. T. Valen­ti­ner u. ein­gel. v. H. Ebe­ling, Stutt­gart 2004, S. 29.

[23] Scho­pen­hau­er, Arthur: Die Welt als Wil­le und Vor­stel­lung, Zür­cher Aus­ga­be, Wer­ke in zehn Bän­den, Bd. 2, Zürich 1977, S. 458.

[24] Leist S. 251.

[25] Ebd. S. 7. [26] Anm.: Hier spie­geln sich natür­lich auch christ­li­che Wer­te wie Mensch­lich­keit und Nächs­ten­lie­be wider, die auch heu­te noch, ob bewusst oder unbe­wusst, Ein­fluss auf unser Han­deln haben kön­nen.

[27] Fischer S. 11.

[28] Ebd. S. 11. [29] Anm.: Der Begriff plu­ra­lis­ti­sche Gesell­schaft steht für „neben­ein­an­der bestehen­de, unter­schied­li­che Welt­an­schau­un­gen und Lebens­kon­zep­te inner­halb einer Bevöl­ke­rung. Das Tole­rie­ren zum Teil gegen­sätz­li­cher Wert­vor­stel­lun­gen und stark von­ein­an­der abwei­chen­der Lebens­sti­le-ermög­licht dem ein­zel­nen Indi­vi­du­um gro­ßen per­sön­li­chen Ent­fal­tungs­spiel­raum. Es birgt aber die Gefahr einer abneh­men­den sozia­len Iden­ti­fi­ka­ti­ons­mög­lich­keit und wach­sen­den Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit in sich, die zu Ver­hal­tens­un­si­cher­heit und Iden­ti­täts­stö­run­gen füh­ren kann.” (-> Vgl.  Socio­le­xi­kon: Wis­sens­wer­tes zur Erwach­se­nen­bil­dung,-http://www.socioweb.de/lexikon/lex_geb/begriffe/pluralis.htm, Datum: 11.2.06).

[30]Anm.: Hier­bei han­delt es sich um spon­tan aus­ge­wähl­te Bei­spie­le.

[31] Anm.: Natür­lich immer unter der Vor­aus­set­zung, dass die für “Gewis­sens­ent­schei­dun­gen” ver­ant­wort­li­chen Regio­nen im Gehirn nicht geschä­digt sind. Bezie­hungs­wei­se ist nicht aus­ge­schlos­sen, dass es auch Men­schen gibt, die nicht in der Lage dazu sind, sich emo­tio­nal in jemand ande­ren hin­ein­zu­den­ken bzw. die sozia­len Fol­gen ihres Han­delns abzu­schät­zen.

[32] Grund­ge­setz für die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, hrsg. v. d. Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung, Bonn 1999, S. 13.

[33] Kant, Imma­nu­el: Die Meta­phy­sik der Sit­ten, Wer­ke in zwölf Bän­den, hrsg. v. Wil­helm Wei­sche­del, Bd. 8, Frank­furt a. M. 1977, S. 573.

[34] Rous­se­au,  Jean-Jac­ques: Emil oder Über die Erzie­hung, frei aus dem­Fran­zö­si­schen über­setzt von Her­mann Den­hardt, Neue Aus­ga­be, Band 2, Leip­zig o. J., S. 180.

[35] Vgl. Hubert, Mar­tin: Die Stim­me der Neu­ro­nen. Was kön­nen die Neu­ro­wis­sen­schaf­ten zur Erfor­schung des Gewis­sens bei­tra­gen?, in: Deutsch­land­funk: Sen­dung „Wis­sen­schaft im Brenn­punkt” vom 10.10.2004, http://www.dradio.de/dlf/sendungen/wib/310297.

[36] Leist S. 331.

[37] Ebd. S. 332.

[38] Ebd. S. 333.

[39] Ebd. S. 333.

[40] Ebd. S. 334.

[41] Anm.: „Daß eine Bezie­hung eine par­ti­ku­la­re ist, heißt, daß man eine Bezie­hung zu jeman­den hat um >sei­ner selbst wil­len<, was kon­se­quen­ter­wei­se heißt, um sei­ner als einer  einzig­ar­ti­gen Per­son wil­len.” (Leist S. 360)

[42] Leist S. 363.

[43] Ebd. S. 363.

[44] Ebd. S. 363.

[45] Ebd. S. 363.

[46] Ebd. S. 364.

[47] Lou­is, Car­len: Die Abtrei­bung in der Rechts­ge­schich­te, in: Ders., Kirch­li­ches und Wirk­li­ches im Recht. Auf­sät­ze und Bespre­chun­gen zu Rechts­ge­schich­te, Kir­chen­recht und  Staats­kir­chen­recht, Hil­des­heim 1988, S. 126.

[48] Ebd. S. 126.

[49] Leist, Anton: Die gute Hand­lung. Eine Ein­füh­rung in die Ethik, Ber­lin 2000, Buch­rück­sei­te.

[50] Leist S. 331.

[51] Leist S. 330–331.

[52] Ebd. S. 331.

[53] Ebd. S. 265.

[54] I. Die Grund­rech­te: Arti­kel 2 [All­ge­mei­ne Hand­lungs­frei­heit; Frei­heit der Per­son; Recht auf Leben], Abs. 1, in: Grund­ge­setz für die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, hrsg. v. d. Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung, Bonn 1999, S. 13.

[55] Vgl.: Der Brock­haus Mul­ti­me­di­al, Biblio­gra­phi­sches Insti­tut & F. A. Brock­haus AG, Arti­kel: Men­schen­rech­te, Mann­heim 2005.

[56] Arti­kel 1 der All­ge­mei­nen Erklä­rung der Men­schen­rech­te, Reso­lu­ti­on 217 A (III) der UN-Gene­ral­ver­samm­lung vom 10. Dezem­ber 1948, in: Der Brock­haus Mul­ti­me­di­al, Biblio­gra­phi­sches Insti­tut & F. A. Brock­haus AG, Arti­kel: Men­schen­rechts­er­klä­rung der UN, Mann­heim 2005.

[57] Nun­ner-Wink­ler, Ger­trud: Men­schen­rech­te. Zur Uni­ver­sa­li­sier­bar­keit und inhalt­li­chen Reich­wei­te west­li­cher Vor­stel­lun­gen, in: Zeit­schrift: Wis­sen­schaft & Frie­den, Men­schen­rech­te und Mili­tär, 50 Jah­re Ver­ein­te Natio­nen, Aus­ga­be 4/95, Mar­burg: Dezem­ber 1995, S. 6–11.

[58] Ebd. S. 6–11.

[59] Fischer S. 209. [60] Nun­ner-Wink­ler S. 6–11.