Google-Institut: Wohin geht die Reise?


Charlie Rutz

by Charlie Rutz | Datum: 02.11.2011
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Vergangene Woche wurde das von Google finanzierte Humboldt-Institut für Internet und Gesellschaft offiziell in Berlin eröffnet. Neben viel Lob für die erste wissenschaftliche Einrichtung dieser Art in Deutschland gab es auch kritische Töne, die die Unabhängigkeit des Instituts in Frage stellten. Im Interview mit mir tritt Gründungsdirektorin Jeanette Hofmann dieser Befürchtung entgegen und skizziert die zukünftige Arbeit.

Das neu gegründete Humboldt-Institut für Internet und Gesellschaft (HIIG) will die Wechselwirkungen zwischen Internet und Gesellschaft und die Bedeutung des Lebensraums Internet untersuchen sowie allen gesellschaftlichen Gruppen die Mitgestaltung der digital vernetzten Zukunft ermöglichen. Im Mittelpunkt sollen insbesondere Forschungsvorhaben zu Themen wie Innovation, Internet Policy, Medienpolitik sowie Rechtsphilosophie und Verfassungsrecht stehen. Ermöglicht wird dies durch eine über drei Jahre verteilte Anschubfinanzierung von 4,5 Millionen Euro durch den Internetgiganten Google, der dies natürlich nicht völlig uneigennützig tut. Wie unabhängig von Google kann und wird das HIIG also agieren? Wie bereits in einem früheren Interview mit mir angesprochen, stellt sich dieses Problem für die Gründungsdirektorin Jeanette Hofmann nicht. Nicht nur deshalb, weil sie selbst im Instituts-Boot sitzt. Schließlich kritisiert auch sie selbst den US-Internetkonzern beispielsweise für die Ausgestaltung des Projekts Google Books. Zudem verweist sie auf den Jahresumsatz des Internetriesen und setzt diesen ins Verhältnis zu den jährlich 1,5 Millionen Euro, die davon ans HIIG fließen werden.

(Bericht von der ersten Pressekonferenz im Juli 2011)

Tatsächlich wäre es äußerst dumm von Google, würde es die Institutsforschung direkt beeinflussen wollen. Schließlich profitiert der Konzern schon genug von der Existenz und Förderung des Instituts im Hinblick auf Imagegewinn und Lobbyarbeit. Der Verdacht der Einflussnahme wird natürlich trotzdem im Raum stehen bleiben. Viel bedeutungsvoller scheint jedoch die Frage zu sein, warum erst ein US-Unternehmen wie Google kommen muss, damit die deutsche Wissenschafts- und Hochschullandschaft eine solch wichtige Forschungsarbeit institutionell verankert? Auf internationaler Ebene sind uns da andere Länder bereits weit voraus. Das kommt geradezu einem Armutszeugnis gleich. Die Chance der deutschen Forschergemeinde besteht jetzt also darin, unter Beweis zu stellen, wie ernst es ihr mit der Institutsarbeit ist, und dafür Sorge zu tragen, dass die Arbeit des HIIG auch über die dreijährige Anschubfinanzierung hinaus gesichert ist und unabhängig von Google geschultert werden kann. Das wird sich natürlich nur lohnen, wenn das Institut selbst einen guten Job machen wird.

Im Interview erläutert Jeanette Hofmann, was vom HIIG zu erwarten ist:

Wie können wir uns den Aufbau und die Struktur des Instituts vorstellen?

Interdisziplinär, offen und verteilt. Vier DirektorInnen bringen ihre Forschungsperspektiven ein, entwickeln daraus ein Forschungsprogramm. Dort, wo Überlappungen vorliegen oder sinnvoll erscheinen, entwickeln wir gemeinsame Projekte. Zu den größeren Vorhaben gehört ein Graduiertenkolleg, das von uns allen getragen wird. Die Struktur des Instituts ist noch im Werden begriffen. Klar ist aber, dass wir es mit zwei Instituten zu tun haben werden: eines für die Finanzierung, eines für die Forschung.

Warum musste erst ein US-amerikanischer Internetkonzern wie Google kommen, damit das Medium Internet auch hierzulande in den Fokus des akademischen Interesses rückt und zum Gegenstand wissenschaftlich-institutioneller Forschung wird? Was lief da bisher falsch?

Diese Frage bekommen wir dauernd gestellt. Ich bin nicht sicher, ob wir die richtige Adresse für diese Frage sind. Was die Universitäten betrifft, ist es sicherlich so, dass man bei knappen Mitteln nicht unbedingt dazu tendiert, neue Themen aufzugreifen, sondern zunächst mal dafür sorgt, dass die Lehre in den Kernbereichen sichergestellt ist. Die großen Internetforschungsinstitute in den USA und Großbritannien beruhen auf Schenkungen oder Stiftungen von privaten Wohltätern. Im Prinzip unterscheidet sich das nicht so sehr von unserer Finanzierung.

Welche Themen werden im Mittelpunkt der Institutsarbeit stehen? Und gibt es schon ganz konkrete Projekte, die Sie in Planung haben? Was wird Ihr Institut leisten können?

Wie viele Beobachter festgestellt haben, wird es einen Schwerpunkt im Bereich der Regulierung und der Innovation geben. Das hat auch mit der Ausrichtung der beteiligten Personen zu tun. Gleichzeitig ist es aber auch so, dass wir uns ein Profil geben wollen. Wir können nicht alle Bereiche der Internetforschung bedienen. Dazu ist das Forschungsgebiet zu groß – und wir sind zu klein. Ein konkretes Projekt betrifft „regulation watch“. Hierbei handelt es sich weniger um ein Forschungsprojekt als um eine informationelle Dienstleistung. Die Idee ist, europäische Regulierungsinitiativen im weiteren Sinne darzustellen und, soweit vorhanden, mit wissenschaftlichen Analysen zu verlinken.

Das Institut wurde durch eine Anschubfinanzierung von 4,5 Millionen Euro durch Google ins Leben gerufen. Da stellt sich die Frage, wie unabhängig es sein wird? Wird das Institut vielleicht nur ein verlängerter Arm des Internetkonzerns? Und wenn nicht: Wie räumen Sie derartige Bedenken aus? Wie stellen Sie sich die Finanzierung nach Ablauf der ersten zwei bis drei Jahre vor?

Zunächst einmal: Meine Bedenken sind anderer Art. Zwischen Google und uns gibt es ein klares Einverständnis darüber, dass die Forschung getrennt sein muss von der Finanzierung – institutionell wie auch intellektuell. Weder Google noch wir würden davon profitieren, wenn es anders wäre. Man muss ja hier auch einmal die Größenordnungen berücksichtigen: wir operieren mit 1,5 Millionen Euro pro Jahr – und wie viel setzt Google pro Jahr um? Ich habe eher Bedenken, ob es uns gelingt, den Spagat zwischen Politiknähe und Grundlagenforschung zu bewältigen. In der Netzpolitik passiert inzwischen nahezu täglich so viel, dass es immer schwieriger wird, sich zu distanzieren, um Abstand und Zeit zu gewinnen, um grundlegend über die Verfasstheit der digitalen Gesellschaft und ihre Herausforderungen nachzudenken. Müssen wir mit Kritik rechnen, wenn wir sagen: wir äußern uns jetzt mal zu einem brandheißen Problem nicht, weil wir gerade über andere Fragen forschen? Insofern: Der Einfluss von Google erscheint mir derzeit weniger ein Problem. Das Problem sehe ich in den Erwartungen der Öffentlichkeit, die wir womöglich selbst mit geweckt haben. Es ist unser Ziel, weitere Förderer zu finden, sowohl für einzelne Projekte als auch für die Organisation. Zudem wollen wir Drittmittel von öffentlichen Einrichtungen einwerben. Wenn das klappt, läuft unsere Finanzierung in zwei bis drei Jahren nicht aus, sondern sie beruht allenfalls auf anderen Quellen.

Welches Fazit ziehen Sie zum 1. Berliner Symposiums Internet und Gesellschaft? Welche Erkenntnisse haben Sie daraus für Ihre zukünftige Institutsarbeit als auch für Sie persönlich gezogen?

Dass die Trennung zwischen Internet und Gesellschaft, die unser Institutsname impliziert, früher oder später verschwunden sein wird. Die gesellschaftliche Begrifflichkeit ist immer noch sehr stark von der Vorstellung geprägt, dass wir uns in den digitalen Raum hinein begeben. Faktisch durchdringen sich Internet und Gesellschaft jedoch in einem Umfang, die nach neuen Bildern und Konzepten ruft. In einem der Workshops wurde das so auf den Nenner gebracht: Wir beobachten gleichzeitig eine Territorialisierung des Cyberspace und eine Virtualisierung oder Informatisierung der Gesellschaft. Desweiteren ist mir klar geworden, dass der Begriff der public domain nochmal überdacht werden muss, bevor wir ihn zum Gegenstand von Forschungsprojekten machen. Näher besehen ist er nämlich fast immer negativ definiert: als Abwesenheit von Ausschließlichkeitsrechten, wie sie das Urheberrecht beinhaltet. Wie sollte man sich die commons (Gemeingüter) stattdessen vorstellen? Das ist eine der Fragen, über die ich gerne zusammen mit anderen nachdenken würde. Ein Ansatz könnte sein, von dem auszugehen, was die Menschen tun, wenn sie teilen, nachahmen und kopieren und damit etwas Neues schaffen.

Ist eine Fortsetzung des Berlin Symposiums für die kommenden Jahre geplant? In welcher Form?

Zunächst mal sieht es so aus, als ob sich die verschiedenen Internetforschungsinstitute in den USA, Japan, Italien und Großbritannien stärker miteinander vernetzen. Das finde ich einen wichtigen Schritt. Darüber hinaus werden wir auch Veranstaltungen planen und mittelfristig sicher die eine oder andere Konferenz veranstalten. Der Maßstab wird aber wohl etwas bescheidener ausfallen als bei unserer Eröffnungskonferenz.

Dieser Beitrag wurde von mir auf politik-digital.de am 2.11.2011 unter einer Creative Commons – Lizenz erstveröffentlicht.

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