Palast der Republik – Palast des Volkes




by Sebastian Thalheim | Datum: 18.04.2010
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Inhaltsverzeichnis

1. Einführung
2. Hauptteil
__2.1 Geschichte
__2.2 Architektur
3. Fazit
4. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einführung

(Foto by Lutz Schramm, Quelle: Wikimedia)

„Dieser Palast der Republik soll ein Haus des Volkes sein, eine Stätte verantwortungsbewusster Beratungen der höchsten Volksvertretung unseres Arbeiter- und Bauernstaates, ein Ort wichtiger Kongresse und internationaler Beratungen. Unsere sozialistische Kultur wird hier ebenso eine Heimstätte finden wie Frohsinn und Geselligkeit der werktätigen Menschen.“ Mit diesen Worten leitete der Sekretär des Zentralkomitees der SED, Erich Honecker, am 2. November 1973 die Grundsteinlegung für den Palast der Republik ein. Der über Jahrzehnte währende Konzeptionsprozess fand nun endlich an diesem symbolträchtigen Ort in der Mitte Berlins ein Ende. Honecker brachte in seiner Rede die zentralen Punkte zum Ausdruck, die bei der Errichtung des Palastes für das Politbüro von Bedeutung waren. Es sollte ein Gebäude im Zentrum der Hauptstadt sein, das sich mit dem architektonischen Standard zeitgenössischer Bauten messen konnte und durch die räumliche Vereinigung von politischen und kulturellen Einrichtungen demokratische Werte im Sozialismus vermittelt. Der Palast war mit seinen neun Restaurants und Cafés, einer Jugenddisco und einem Bowlingclub das wohl größte Kulturhaus der DDR.

Es wurde für Honecker zum „Prestigeprojekt“ seiner 1971 verkündeten Politik der „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“. Ziel dieser Politik war es, mit sozialpolitischen Verbesserungen eine größere Identifikation der Bevölkerung mit der DDR zu bewirken: durch gigantische Bauprojekte wurden in wenigen Jahren die größten Wohngebiete der DDR (Berlin-Marzahn, Leipzig-Grünau) aus dem Boden gestampft und 500.000 neue Wohnungen geschaffen.1 Der Beginn der Honecker-Ära war von einer stetig wachsenden Wirtschaftsleistung geprägt (laut offiziellen Angaben hatte sich die Wirtschaftsleistung seit 1950 versiebenfacht). Besonderes Augenmerk lag auf dem Ausbau der Konsumgüter-Industrie (Pkws, Fernsehgeräte, Kühlschränke, elektrische Waschmaschinen). Zeitgleich forderte Honecker Anfang der 70er Jahre im Rahmen einer Liberalisierung der Kulturpolitik Künstler zum Meinungsstreit auf. Auch wenn sich spätestens mit der „Biermann-Affäre“ diese Entwicklung wieder umkehrte, herrschte doch in dieser Zeit ein gewisses Aufatmen unter Intellektuellen und Künstlern. Von herausragender Bedeutung waren auch die außenpolitischen Erfolge, die durch die Unterzeichnung zahlreicher internationaler Verträge erreicht wurden: der Grundlagenvertrag von 1972 zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR, 1973 UN-Mitgliedschaft, seit 1974 diplomatische Beziehungen mit den USA und 1975 die Unterzeichnung der Schlussakte der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE).

Auch wenn sich mit der Unterzeichnung der Schlussakte der KSZE erhebliche innenpolitische Widersprüche offenbarten und eine Welle von Ausreiseanträgen ausgelöst wurde (die Schlussakte verlangt die grenzenlose Bewegungsfreiheit aller Menschen), war die DDR außenpolitisch auf ihrem Höhepunkt angelangt. Fast alle Staaten hatten das kleine sozialistische Land anerkannt.2 In diese Zeit fiel auch der Bau des Palastes der Republik als Ausdruck einer neuen Zeit und als Symbol einer neuen Ära, die Erich Honecker eingeleitet hatte. Gerade in diesem Gebäude spiegeln sich diese neuen Entwicklungen wider. Mit seinen zahlreichen Kulturangeboten war der Palast Ausdruck der neuen Politik, die immer wieder mit Konsumanreizen versuchte, die Bevölkerung für das Land und das System zu gewinnen. Die Verbindung von Politik und Kultur sollten Transparenz und Offenheit gegenüber der Bevölkerung bezeugen. Die Architektur mit ihrer modernen Raumgestaltung befand sich auf Weltniveau und sollte die international gewachsene Bedeutung durch ein transparentes, modernes Parlament untermauern.

2.1 Geschichte

Die Wahl des Ortes für die Errichtung des Palastes fiel auf den symbolträchtigen Marx-Engels-Platz, jenen Ort also, an dem sich bis 1950 das Stadtschloss der Hohenzollern befunden hatte. Hier hatte seit 1871 der Deutsche Kaiser residiert, hier war das Zentrum des Deutschen Reiches und hier hatte 1918 Karl Liebknecht die freie sozialistische Republik ausgerufen. Nachdem es 1945 durch die Bomben der Alliierten schwer beschädigt worden war, wurden die Überreste als „Symbol des preußischen Militarismus“ gesprengt und es entstand zunächst ein Platz für Demonstrationen und Massenkundgebungen.3 In der Ulbricht-Ära wurden mehrere Konzepte für ein zentrales Gebäude am Marx‐Engels‐Platz entwickelt, welche aber immer wieder aus ökonomischen Gründen zum Scheitern verurteilt waren. Mit der am VIII. Parteitag verkündeten „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ kehrte eine Wende ein. Das zentrale Gebäude wurde zum „Prestigeprojekt“, für das Arbeitskräfte und Baustoffe aus der ganzen DDR requiriert wurden.4 Der eigentliche Bau des Gebäudes begann zu den Weltfestspielen 1973. Das Bauwerk sollte den Bürgern Kultur, Bildung und Erholung bieten. Dieses Konzept stammte ursprünglich von den Volkshäusern aus dem 19. Jahrhundert. Die Volkshäuser boten im Zeitalter der Industrialisierung den Arbeitern Räumlichkeiten für politische Versammlungen und Kulturaustausche. In den 60er Jahren wurden solche Kulturhäuser verstärkt wieder errichtet, mit dem Palast der Republik als Höhepunkt dieser Tradition. Pünktlich zum IX. Parteitag 1976 konnte der Palast der Republik eingeweiht werden und empfing fortan fast 12.000 Gäste täglich. Auf Grund des im Baumaterial verwendeten Giftstoffs Asbest musste der Palast 1990 erstmals geschlossen werden. Bis 2006 bot er Künstlern immer wieder Fläche für Ausstellungen und diverse Projekte. Durch einen Beschluss des Bundestages wurde jedoch die Demontage beschlossen und im Jahr 2009 war der Palast endgültig aus der Mitte Berlins verschwunden.5

2.2 Architektur

Für die politische Führung stand bei der Konzeption des Gebäudes Transparenz und Modernität im Mittelpunkt. Politische Faktoren sollten bei der Gestaltung in den Hintergrund treten, denn im Zentrum stand ein breites Kulturangebot. Mit der Volkskammer im Palast sollten die Aktivitäten von Volk und Führung räumlich verbunden werden. Der Palast wurde konzipiert „als Haus des Volkes anstelle des alten Schlosses als Haus der preußischen Könige und Kaiser (…) Symbol der veränderten Besitzverhältnisse zugunsten der von Ausbeutung befreiten Werktätigen unseres Landes …“6 War das einstige Stadtschloss für das Volk unzugänglich, so sollte der neue Palast das genaue Gegenteil darstellen. Damit wurde umso mehr das unumstößliche Ende der preußischen Monarchie unterstrichen und der Beginn einer neuen Ära betont. Die vom Politbüro geforderte Transparenz deutet sich schon bei der Hauptfassade an. Sie bestand aus weißer Marmorverkleidung, bronzefarbenen Thermoglasflächen und verzichtete vollständig auf die sonst so typischen sozialistischen Merkmale wie Strukturreliefs oder Wandbilder. Lediglich das Staatsemblem der DDR befand sich an der Außenfassade des Palastes. Doch dahinter wurde keine abgeschottete staatliche Institution errichtet, sondern ein für jedermann begehbares Foyer. Gerade hier wurde mit viel Glas und Licht die Transparenz des Gebäudes unterstrichen.

Auf Grund des im Foyer installierten Kugelstab-Leuchtsystems wurde der Palast im Volksmund auch als „Erichs Lampenladen“ bezeichnet. Ein weiterer wichtiger Aspekt für die Führung war die Modernität. So ließ sich der große Saal mit modernsten Methoden in sechs verschiedene Raumvarianten umfunktionieren. Er bot Platz für 5000 Zuschauer und durch die Variationsmöglichkeiten konnten hier sowohl SED-Parteitage oder FDJ-Versammlungen inszeniert werden als auch Theaterstücke oder Konzerte stattfinden (unter anderem von westlichen Musikern wie Udo Lindenberg oder Carlos Santana). Des Weiteren befanden sich im Palast die Diskothek „Jugendtreff“, die mit Beleuchtungselementen und spiralgemusterter Tanzfläche dem Stil europäischer Jugendkultur der 70er Jahre entsprach, und eine aus Westdeutschland importierte Bowlingbahn. Bei den zahlreichen gastronomischen Angeboten handelte es sich unter anderem um eine biedere Bierstube mit Holzarbeiten, Sitzbänken und alten Stadtbänken und ein klassizistisch geprägtes Weinrestaurant. Gerade dieses breite Kultur-, Erholungs- und Konsumangebot fand großen Anklang unter der Bevölkerung, für die ein solches Konglomerat aus kulturellen Angeboten immer noch eine Rarität im Alltagsleben darstellte.7

3. Fazit

Der Palast der Republik war ein Konsumtempel und damit Symbol einer neuen Zeit. Diese Zeit war von einer widersprüchlichen Politik der Führung geprägt, die auf der einen Seite den Kommunismus propagierte, auf der anderen Seite mit Konsumanreizen versuchte, die DDR-Bevölkerung für das System zu gewinnen. Außenpolitisch war die DDR auf ihrem Höhepunkt angelangt. Die wichtigsten Länder hatten die DDR anerkannt und ihre lang angestrebte Souveränität bestätigt. Nun sollte ein Gebäude errichtet werden, das dem neu erwachsenen Selbstbewusstsein auf internationalem Niveau entsprach. Der Palast war mit seiner modernen Architektur und seinen Kulturangeboten Ausdruck dieser neuen Ära. Die Verbindung von Volkskammer und Kultur- und Freizeitangeboten wie Theater, Restaurants oder Bowlingclub innerhalb eines Gebäudes sollten international den Eindruck einer transparenten Demokratie erwecken. Politische Führung und Volk waren in einem Gebäude vereint. Eine Farce, denn die Volkskammer kam in nur seltenen Fällen zusammen, wirkliche Macht aber besaß einzig das Politbüro. Trotzdem war der Palast der Republik Symbol einer neuen Zeit und Symbol der DDR in der Mitte Berlins. Als solches war der Palast nach 1990 dem neuen System ein Dorn im Auge. Mit derselben Begründung, mit der 1950 das Stadtschloss abgerissen wurde, sollte nun der Palast der Republik abgebaut werden: die Restauration sei ökonomisch nicht machbar. So wurde das „Haus des Volkes“ kostspielig abgebaut und verschwand aus dem Blickfeld der Bewohner. Nun soll ein Humboldt-Forum am selben Ort entstehen. Ironie des Schicksals: der erste Preis eines Architekturwettbewerbs ging an ein Konzept, dessen Außengestaltung mit dem ehemaligen preußischen Stadtschloss fast identisch ist.

4. Quellen- und Literaturverzeichnis

Graffunder, Heinz: Palast der Republik, Leipzig 1977.

Jordan, Katrin: Vom Hohenzollernschloss zum Volkspalast, in: Palast der Republik, hrsg. von Alexander Schug, Berlin 2007, S. 20‐29.

Kneisler, Lara: Die „erträumte DDR“ – Der Palast der Republik als Kulturstandort, in: Palast der Republik, hrsg. von Alexander Schug, Berlin 2007, S. 40‐53.

Palutzki, Joachim: Architektur in der DDR, Berlin 2000.

Skor, Björn: Der Palast der Republik als politischer Ort, in: Palast der Republik, hrsg. von Alexander Schug, Berlin 2007, S. 30‐39.

Weber, Hermann: Die DDR 1945 – 1990. Grundriß der Geschichte, Hannover 1991.

Fußnoten:

  1. Palutzki, 2000, S.290-293.
  2. Weber, 1991, S. 129-150.
  3. Jordan, 2007, S. 20-29.
  4. Kneisler, 2007, S. 40-53.
  5. Jordan, 2007, S. 20-29.
  6. Graffunder, 1977, S. 9.
  7. Palutzki, 2000, S. 365-382.

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