Planet der Habenichtse


Charlie Rutz

by Charlie Rutz | Datum: 25.11.2010
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(Ursula K. Le Guin | Foto by JuTa | Quelle: Wikimedia / Creative Commons-Lizenz)

Originaltitel:The Dispossessed. An Ambiguous Utopia
Erscheinungsjahr:1974
AutorinUrsula K. Le Guin
ISBN:0-060-125632 (= englische Originalausgabe)

Während auf dem Planeten Urras mehrere miteinander konkurrierende Staaten existieren, die in eine kapitalistische Weltordnung eingebettet sind, besteht auf dem ihn umkreisenden Mond namens Anarres eine anarchistische Gesellschaftsform. Denn im Zuge einer anarchistischen Revolte auf Urras gewährte man den Aufständischen vor 170 Jahren, den wenig fruchtbaren Mond Anarres zu besiedeln.

Mit großem Einfallsreichtum, gepaart mit viel Liebe zum Detail, entwickelt die Autorin eine tiefgründige Geschichte und einen Gegenentwurf zu einer kapitalistisch ausgeprägten Gesellschaftsordnung, die nicht von ungefähr der unsrigen sehr ähnlich ist – wenn teilweise auch überspitzt dargestellt. Die Sympathien der Autorin mit den Verhältnissen auf Anarres sind deutlich erkennbar, auch wenn Le Guin dennoch nicht völlig einseitig Partei ergreift, welche Gesellschaftsform nun die bessere ist, sondern beide auf ihre Stärken und Schwächen zu überprüfen versucht. In einer Buchrezension von Johannes Kaufmann wurde aber nicht zu Unrecht darauf verwiesen, dass „Autorin und Protagonist […] nicht selten in idealistische Schwärmerei abzudriften [drohen]“.[1] Wobei ich als ebenso idealistisch eingestellter Mensch durchaus Verständnis dafür habe.

Bei dem Roman wird in zweierlei Hinsicht deutlich, dass es sich dabei nicht um eine klassische Utopie handelt: Einerseits wird die anarchistische Gesellschaft auf Anarres nicht als ein starres und perfektes Gebilde präsentiert, sondern als eine in der Entwicklung befindliche Gesellschaftsform, die stetig der Veränderung unterworfen ist – ob nun zum Guten oder Schlechten. Wie ein roter Faden zieht sich der Grundgedanke durch das Buch, dass es keinen gesellschaftlichen oder politischen Ideal- bzw. Endzustand geben kann: denn alles in der Welt ist im Wandel und in Bewegung befindlich. Andererseits erlaubt es uns die Autorin, die kapitalistische Gesellschaft auf Urras durch die vermeintlich unvoreingenommenen Augen eines Fremden zu betrachten: und zwar aus der Perspektive des von Anarres stammenden Physikers Shevek, der zugleich den Hauptcharakter des Romans darstellt. Diese Vorgehensweise ermöglicht es dem Leser, zu erkennen, wie absurd viele in unserer kapitalistischen Gesellschaft herangereiften Gewohnheiten und Verhaltensweisen doch anmuten können.

Allerdings: Das im Buch präsentierte kapitalistische System ist weitaus repressiver als das heute in der westlichen Welt existierende. Das mag zum einen daran liegen, dass die Autorin mit dem Mittel der Übertreibung ihre Vorstellungen besser darzustellen vermag. Und zum anderen ist auch erwähnenswert, dass der Roman im Jahre 1974 erschien, also mitten im Bewusstsein und Hintergrund bestimmter Ereignisse zu Zeiten des Kalten Kriegs. Mich hat der Roman von Anfang an gefesselt, wobei dies sicherlich auch auf mein Interesse an alternativen Gesellschaftsmodellen zurückzuführen ist.


[1] Johannes Kaufmann: Planet der Habenichtse. Eine ambivalente Utopie, Internet:
http://www.aurora-magazin.at/medien_kultur/sf_kaufmann_frm.htm (25.11.2010).

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