Sinn und Unsinn von (staatlicher) Entwicklungshilfe


Charlie Rutz

by Charlie Rutz | Datum: 05.01.2008
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Inhaltsverzeichnis

1. Gute und schlechte Entwicklungshilfe
2. Statt der Weltbank eine Bank für die Armen
3. Ein gerechterer Welthandel und die NGO Oxfam


1. Gute und schlechte Entwicklungshilfe

Es ist kein Geheimnis, dass oft das, was als Entwicklungshilfe bezeichnet wird, den Namen nicht verdient hat. Nimmt man nur einmal die von den reichsten Ländern der Welt geleistete staatliche Entwicklungshilfe genauer unter die Lupe, so wird deutlich, dass diese oft kontraproduktiv ist. Dafür gibt es vielerlei Gründe. So werden beispielsweise mit den Geldern häufig große Infrastrukturprojekte (wenn ich richtig informiert bin, fließen zur Zeit mehr als 2/3 der Gelder in den öffentlichen Sektor von Entwicklungsländern) finanziert, die dann, so die Logik der Geberländer, dazu beitragen, arme Menschen in Brot und Arbeit zu bringen.  Ein sehr negatives Beispiel für falsche Entwicklungspolitik in diesem Zusammenhang sind die weltweit geförderten Staudamm-Projekte. So wurden beispielsweise im Zuge der Errichtung des Dreischluchtenstaudamms in China Millionen Menschen (darunter ein großer Anteil von Kleinbauern) zwangsweise umgesiedelt und erhielten häufig nicht mal einen bzw. gar keinen adäquaten Ersatz für den Verlust von Haus und Land. Auch bezüglich Flora und Fauna kam und kommt es zu massiven irreversiblen ökologischen Schäden. (mehr dazu: http://de.wikipedia.org/wiki/Drei-Schluchten-Damm).

Solche Projekte mit Entwicklungshilfe zu fördern, ist für mich grob fahrlässig. Vielmehr müsste das Hauptaugenmerk darauf liegen, den hilfsbedürftigen Menschen in dem jeweiligen Land zunächst einmal eine gute Bildung bzw. Ausbildung zukommen zu lassen (wenn möglich, sollten bereits qualifizierte Menschen aus den Entwicklungsländern selbst für das Realisieren dieser Bildungs- und Ausbildungsarbeit rekrutiert und finanziell unterstützt werden), die sie dann wiederum dazu qualifiziert, einer Tätigkeit nachzugehen. Dazu gehört ebenso, im Bedarfsfall auch die notwendigen Arbeits- bzw. Produktionsmittel bereitzustellen oder zu finanzieren (Beispiel: Medizinisches Gerät für den Arzt. Schulmaterial für den Lehrer. Baumaterial für die Arbeiter, die Krankenhaus oder Schule aufbauen usw.). Zur Seltenheit gehört es damit verbunden auch nicht, dass die Geberländer ihre eigenen Unternehmen bzw. einen nicht unerheblichen Teil eigener Arbeitskräfte in die Entwicklungsländer schicken und damit ein nicht geringer Teil der Entwicklungshilfe die eigene Wirtschaft fördert und etwaige Arbeitskräfte in den Zielländern leer ausgehen.

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass die Gelder oft bei den „Falschen“ landen, also z. B. in den Taschen korrupter Regime oder Staatsbediensteter. Dies wird durch strukturelle Schwächen der staatlichen Entwicklungshilfe begünstigt, die zur Folge haben, dass die Armut nicht effektiv bekämpft wird. Dagegen kann als eine konsequente Entwicklungshilfe nur das bezeichnet werden, was den armen Menschen ermöglicht, sich aus eigener Kraft aus der Armut zu befreien. Ein praktisches Beispiel für eine gelungene Entwicklungshilfe stelle ich nun folgend kurz vor.

2. Statt der Weltbank eine Bank für die Armen

Dass die von den reichsten Ländern der Erde dominierte Weltbank nicht gerade tauglich für eine nachhaltige Armutsbekämpfung ist, hat die Vergangenheit bewiesen. Und auch in der Gegenwart macht sie keine gute Figur – womit ich nicht mal die mich zum Kopf schütteln bringende Personalie und Affäre um den ehemaligen Weltbank-Chef Paul Wolfowitz (Ja, was für ein Witz!) meine, sondern die ungerecht und falsch gestaltete Struktur der Bank. Im Gegensatz dazu hat eine andere Bank, nämlich die sogenannte „Grameen Bank“, in einem äußerst positiven Sinne von sich Reden gemacht. Spätestens nachdem ihr Gründer, der aus Bangladesh stammende Wirtschaftswissenschaftler Muhammad Yunus, im vorletzten Jahr mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Die in den 80er Jahren von ihm gegründete „Grameen-Bank“ ist eine Genossenschaftsbank und vergibt höchst erfolgreich schon seit mehr als 20 Jahren weltweit sogenannte Mikrokredite an arme Menschen.

Muhammad Yunus
Bild von: Yuval Y
Lizenz: Creative Commons
Quelle: .-wikimedia

In der Ausgabe 42/2006 der Ost-West-Wochenzeitung fand ich dazu einen sehr interessanten Artikel von Michael R. Krätke, den ich nun folgend mit der ausdrücklichen Genehmigung der Redaktion veröffentliche:


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Nobelpreis für die Dritte Welt

von Michael R. Krätke

DER BANKIER MOHAMMAD YUNUS

Eine Idee wird zur materiellen Gewalt

Bereits 1976 hat er in Bangladesh das Grameen-Projekt gestartet, aus dem 1983 die Grameen-Bank wurde – eine Genossenschaftsbank, die zu 94 Prozent ihren Kunden gehört und Mikro-Kredite vergibt. Vor 30 Jahren hat Mohammad Yunus, der Wirtschaftsprofessor aus Chittagong, damit eine Bewegung ausgelöst, die im Kampf gegen die Armut erfolgreicher sein sollte als die Weltbank und manches Institut der offiziellen Entwicklungshilfe aus dem reichen Norden.

Ohne die Weltbank

Nicht zufällig haben die Vereinten Nationen 2005 zum Internationalen Jahr der Kleinkredite ausgerufen. Um der Armut in der Dritten Welt wenigstens Grenzen zu setzen, wie es mit den Millenniumszielen versprochen wurde, sollten erstmals 100 Millionen Menschen mit Mikro-Krediten erreicht werden. Darum war Mohammad Yunus als „Botschafter der Kleinkredite“ während des vergangenen Jahres in so vielen Ländern unterwegs, um für ein Modell zu werben, das so unprätentiös wie ungewöhnlich ist. „Wir haben uns angesehen“ – pflegt Yunus stets zu sagen – „wie die anderen Banken arbeiten und dann das genaue Gegenteil davon getan.“

Nach den Spielregeln des traditionellen Bankgeschäfts dürfte es Mikro-Kredite nicht geben, handelt es sich doch um Kleinstanleihen für jene, die sie brauchen, aber keine Sicherheiten bieten. In den reichen Industrieländern gilt vorzugsweise derjenige als kreditwürdig, der dank seines Einkommens, Vermögens oder Kapitals den Kreditgeber notfalls vor Schaden bewahren kann. So gab und gibt es im Süden für die Armen traditionell nur die Pfandleihe oder den Wucherer. Keine respektable Bank lässt sich auf Kreditgeschäfte mit ihnen ein – nicht einmal als Kleinsparer sind sie willkommen.

Können unter diesen Umständen Banken für die Armen überhaupt funktionieren? Erstaunlicherweise ja. Die Grameen-Bank hat nahezu sechs Milliarden Dollar an Kleinst-Krediten an mehr als 6,6 Millionen Menschen vergeben und dabei keine Verluste geschrieben. Die Zahl ihrer Mitglieder – Einleger, Sparer und Kreditnehmer – wächst beständig. Sie hat sich als eine der wenigen Mikro-Kreditbanken in der Dritten Welt schon vor Jahren von externen Geldgebern unabhängig gemacht – 1985 kündigte sie ihre Kooperation mit der Weltbank auf, der sie vorwarf, Geld zu verschwenden und Korruption zu dulden.

Die übergroße Mehrheit – über 97 Prozent der Kleinstschuldner – rekrutiert sich aus Frauen, deren Kreditsummen in der Regel winzig sind: 30 bis 40 Dollar. Die Bank verlangt keine Sicherheiten, aber sie vergibt ihre Darlehen nicht an Einzelne, sondern an Gruppen von fünf oder sechs Personen, in Ländern wie Indien oder Mexiko auch an mehr. Die Gruppe ist für Gebrauch und Rückzahlung des Kredits gemeinsam verantwortlich. Das war und ist gewagt, da Frauen in islamischen Ländern nicht als geschäftsfähig, schon gar nicht als kreditwürdig gelten.

Aber die Mitarbeiter der Bank lassen sich davon nicht beeindrucken – sie schwärmen aus, immerfort auf der Suche nach kreditwürdigen Projekten. Wer das Geld der Grameen-Bank nimmt, muss nicht nur strenge Rückzahlungsmodalitäten akzeptieren – die Rückzahlung in wöchentlichen Kleinstraten ist keine Ausnahme -, sondern hat zudem einen ganzen Katalog von Verhaltensregeln zu befolgen: Vom Gebot, Wasser nur abgekocht zu trinken, bis zur Verpflichtung, das mit kreditfinanzierten Projekten verdiente Geld in die Ausbildung der Kinder zu stecken. Nur wer den Kredit rechtzeitig zurückzahlt, bleibt kreditwürdig und kann künftig mehr Geld leihen als beim ersten Mal.

Teilweise missbraucht

Trotz hoher Zinsen – der effektive Jahreszins liegt bei über 20 Prozent, in manchen Mikro-Finanzinstituten noch darüber – bleibt die Zahl „fauler“ Kredite extrem niedrig, die Rückzahlungsquote liegt in der Regel bei weit über 90 Prozent (98,8 bei der Grameen-Bank) – ein sehr viel höherer Wert als bei den Großbanken in den begüterten Ländern des Nordens. Die Höhe der Jahreszinsen erscheint im Übrigen weniger exorbitant, hält man sich vor Augen, dass die Mikrokredite in Ländern vergeben werden, in denen der Wucher – mit effektiven Zinssätzen von bis zu 1.000 Prozent – nach wie vor üppig blüht.

Dank ihres Erfolgs ist die Grameen-Bank mittlerweile imstande, ihrer wachsenden Kundschaft weitere Finanzdienstleistungen im Kleinst-Format anzubieten: Sparprogramme, Renten- und Krankenversicherungen, rückzahlbare Stipendien. In Bangladesh, Indien, Indonesien und vielen Ländern Lateinamerikas ist das System der Kleinkredite höchst populär, Millionen machen davon Gebrauch, wenn sie auf mehr ökonomische Selbstständigkeit hoffen. Wo es derartige Kredite gibt, verschwindet die Kinderarbeit, und werden Mädchen später verheiratet. Das heißt, nachweisbar ist der kleine, lokale Erfolg – keine Reduzierung der Armut im großen Stil. Im Moment wird das Yunus-Modell teilweise leider dazu missbraucht, eine „Privatisierung“ der Entwicklungshilfe und einen Abbau öffentlicher Investitionen in den Ländern der Dritten Welt zu legitimieren. Doch Mikro-Finanzinstitutionen sind weder krisen- noch inflationssicher. An den Strukturen einer Weltökonomie, mit der die Dritte Welt vorsätzlich benachteiligt wird, können sie nichts ändern.

Obwohl ein wachsender Teil ihres Kapitals aus den Mini-Einlagen von Millionen Kleinsparern stammt, sind die Mikro-Banken auch auf Kapital aus der Ersten Welt angewiesen. Das nötige Geld stammt zu einem Teil aus Spenden, die von internationalen Hilfsorganisationen wie Opportunity International verwaltet werden, es stammt ebenso von der Weltbanktochter IFC, der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung oder der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) in Deutschland – es stammt nicht zuletzt von Privatanlegern, die in spezielle Depots wie den Responsability Global Microfinance Funds einzahlen. Die Refinanzierung erfolgt in Dollar beziehungsweise Euro, denn in diesen Währungen werden auch die Mikro-Kredite vergeben. Das Inflations- und Währungsrisiko liegt also weiter auf den Schultern der Armen.

Mohammad Yunus´ Buch Grameen – eine Bank für die Armen ist 1999 auf Deutsch erschienen.


Wenn das mal kein wichtiger Beitrag zur Armutsbekämpfung ist.

Die deutsche Web-Präsenz der Grameen-Bank ist zu finden unter:

http://www.grameen.de

3. Ein gerechterer Welthandel und die NGO Oxfam

Unabhängig von solch lobenswerten und erfolgreichen Projekten wie die „Grameen-Bank“ auf dem Gebiet der Entwicklungshilfe ist es natürlich am wichtigsten, für einen gerechten Welthandel zu sorgen, um die Armut nachhaltig zu bekämpfen. Eine internationale Entwicklungsorganisation, die sich dafür sehr massiv engagiert, ist Oxfam. Sie setzt sich in über 100 Ländern mittels Katastrophenhilfe, langfristig angelegten Projekten für soziale und wirtschaftliche Entwicklung (Hilfe zur Selbsthilfe!) und Kampagnen (wie z. B. für einen fairen Welthandel) für arme und benachteiligte Menschen ein.

Angefangen hatte alles mit der Gründung des „Oxford Comittee for Famine Relief“ (Oxforder Komitee zur Linderung von Hungersnot) im Jahre 1942 durch engagierte Menschen in Oxford (England). Dies war mit dem Ziel verbunden, während des Zweiten Weltkriegs das Leiden der Bevölkerung im von den Nazis besetzten Griechenland zu lindern, wobei nach Kriegsende auch Lebensmittel an die notleidenden Menschen in Deutschland geliefert wurden.

Später änderte die Organisation dann ihren Namen in Oxfam um und konzentrierte ihre Arbeit mehr und mehr auf die ärmsten Länder der Welt. Im Jahre 1995 dann schlossen sich gleichgesinnte, in unterschiedlichen Ländern aktive Entwicklungsorganisationen zu Oxfam International zusammen. Heutzutage fördert Oxfam etwa 3000 Hilfsprojekte in über 100 Ländern in partnerschaftlicher Organisation mit über 3000 lokalen Organisationen. Mit der Kombination von Projekt- und Kampagnenarbeit verfolgt Oxfam die Absicht, sowohl über die strukturellen Ursachen von Armut aufzuklären als auch vor Ort Hilfe zu leisten, um die weltweite Armut erfolgreich zu bekämpfen. Ein Markenzeichen von Oxfam ist das Konzept der Oxfam-Shops. Das sind Secondhand-Läden, die von gut ausgebildeten und ehrenamtlich tätigen Mitarbeitern geführt werden. An diese Shops kann man Sachen wie Kleidung, Accessoires, Haushaltswaren, Bücher, CDs, Spielzeug oder Heimtextilien spenden, aus deren Ertrag dann, gepaart mit den Geldspenden von Förderern der Entwicklungsorganisation, die Arbeit von Oxfam finanziert wird.

Wichtige Kampagnen zur Verwirklichung der Ziele Oxfams sind:

Aus meiner eigenen Erfahrung mit Oxfam heraus (ich bin Förderer der Organisation und war von 2004-2006 für diese tätig) kann ich die Entwicklungsorganisation nur weiterempfehlen. Siehe auch mein Fotostrecken-Artikel über die Organisation.

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