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Adam Smiths Moralphilosophie und der Utilitarismus

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
2. Hauptteil

__2.1 Klassischer Utilitarismus
__2.2 Die Kompatibilität zwischen dem Utilitarismus
….._….und Smiths Moralphilosophie
__2.3 Humes und Smiths Gerechtigkeitsbegründungen
……._im Widerstreit
__2.4 Die Bewirkung des größten Glücks der größten Zahl
…….-…durch die natürlichen Gefühle
3. Ergebnisse
4. Quellen- und Literaturverzeichnis

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1. Einleitung

Schon die ältere Forschung beschäftigte sich mit Adam Smiths Bedeutung für den  Utilitarismus [Definition: Utilitarismus (engl. utilitarianism, von lat. utilitas, Nutzen) nennt man die ethische Position, die eine Handlung danach bewertet, ob sie im Vergleich mit anderen Handlungsalternativen die größte Anzahl positiver, nicht-moralischer Werte, z. B. Glück, Reichtum, Gesundheit, Schönheit, Einsicht usw., hervorbringt. Der Utilitarismus wird der konsequentialistischen Ethik und dem Eudämonismus zugerechnet und ist eine altruistische Ethik. (Quelle: http://www.phillex.de/utilitar.htm)]. So gab es eine Tradition, die  Adam Smith als Anhänger des Utilitarismus sah, weil er eine besondere Nähe zu den englischen Empiristen Hume und Hutcheson hatte, die als Vordenker des klassischen Utilitarismus gelten. Andere Forscher leiteten Smith Utilitarismus aus einer Vorläuferfunktion ab: Smith soll einige wichtige Positionen der  klassischen Utilitaristen Bentham, Mill und Sidgwick begründet haben. Smiths Ruhm als Utilitarist war durch sein Spätwerk „der Wohlstand der Nationen“ bedingt. Denn dieses Werk begründet, wie eine Nation zu Reichtum gelangt. Es zeigt auf, welche Maßnahmen, wie zum Beispiel die Arbeitsteilung, in Hinsicht auf eine prosperierende Wirtschaft nützlich sind. Eben aus diesem Nützlichkeitsdenken folgerten die Forscher, dass Smith utilitaristisch geprägt sei. Neben dieser Forschung, die Smith als Utilitaristen sieht, entwickelte sich ein weiterer Forschungszweig, der sich besonders mit seiner „Theorie der ethischen Gefühle“ (TMS) beschäftigte. Dieser Forschungszweig kam zu ganz anderen Ergebnissen. Für diese Forscher – zu denen auch Walter Eckstein gehörte – war Adam Smith kein eingefleischter Utilitarist. In der Einleitung seiner 1925 veröffentlichten Übersetzung der TMS bemerkte er, dass sich Smith gegen einen zu weit ausufernden Utilitarismus wandte.[1] Der folgende Beitrag beschäftigt sich ebenfalls nur mit der TMS, um eine These zu erarbeiten, die sich an Ecksteins Position anlehnt und wird zeigen, dass Smith innerhalb seiner TMS keinen normativen Utilitarismus vertreten hat. An einigen Stellen seiner Arbeit werden verschiedene Prinzipien des Utilitarismus benutzt, um seine Argumentation verständlich zu machen. Trotzdem kann daraus nicht gefolgert werden, dass Smith einen normativen Utilitarismus vertrat. Der Utilitarismus ist eben nicht die wesentliche Handlungsnorm innerhalb der TMS.

Um dieses Vorhaben durchzuführen, werde ich in folgender Weise vorgehen: Zuerst soll ein allgemeiner Überblick zum klassischen Utilitarismus gegeben werden. Es sollen erst die Gemeinsamkeiten der verschiedenen Formulierungen dieser Ethik dargestellt werden. Anschließend stelle ich einige ausgewählte Positionen – Bentham, Mill und Sidgwick – kurz dar. Nach diesem einführenden Teil wird diskutiert, inwieweit Smith einen normativen Utilitarismus vertreten hat. Dabei wird zunächst gezeigt, dass Smiths Moralphilosophie mit dem Utilitarismus nicht kompatibel ist und demonstriert, dass Smiths Sympathiekonzeption für den klassischen Utilitarismus von Belang ist. Daraufhin bringe ich Argumente vor, aus denen ersichtlich wird, dass Smith keinen normativen Utilitarismus vertreten hat und komme auf den Einfluss des Zufalls auf die Billigung einer Handlung zu sprechen. Außerdem werde ich auf die Probleme aufmerksam machen, die mit einem idealen Beobachter zusammenhängen. Im nächsten Abschnitt des Beitrags werden die von Hume und Smith gemachten Gerechtigkeitsbegründungen diskutiert, wobei ich auf die jeweilige Herleitung der Gerechtigkeit eingehe. Anhand des Wachposten-Beispiels soll hervorgehoben werden, dass Smith einen explanatorischen Utilitarismus vertrat. Im letzten Teil der Arbeit wird dargestellt, dass Smith entgegen dem Utilitarismus eine Alternativbegründung formuliert hat, die die allgemeine Glückseligkeit aus den Handlungsmotiven (Selbsttäuschung und Streben nach Anerkennung) herleitet. Mit dieser Begründung wird die Auffassung der Utilitaristen, dass die Handlungsfolgen das größte Glück der größten Zahl bewirken können, zurückgewiesen.

2. Hauptteil

2.1 Klassischer Utilitarismus

Der Utilitarismus ist eine Ethiktheorie, die sich mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts im angloamerikanischen Raum ausbreitete. Besonders im englischsprachigen Raum wurden verschiedene Fassungen des Utilitarismus diskutiert. In Kontinentaleuropa setzte sich der Utilitarismus zunehmend nach dem Zweiten Weltkrieg durch. Da es verschiedene Formulierungen des Utilitarismus gibt, folgt zunächst ein allgemeiner Überblick zum klassischen Utilitarismus. Neuere Konzeptionen, wie der Präferenzutilitarismus von Hare sowie der Regel- und Aktutilitarismus bleiben unerwähnt.[2] Konrad Ott führt fünf wesentliche Merkmale des Utilitarismus an: Demnach besitzt dieser eine „konsequentialistische Orientierung, [eine] hedonistische Wertbasis,  [einen] Gleichheitsgrundsatz, [eine] Maximierungsstruktur und [ein] Kalkülisierungsideal“.[3] Durch seine konsequentialistische Grundstruktur hängt die moralische Beurteilung einer Handlung stark von den Handlungsfolgen ab (konsequentialistische Orientierung). Damit steht der Utilitarismus in einem Gegensatz zu den deontologischen Ethiken, die den Wert einer Handlung vornehmlich aus den Handlungsmotiven ableiten. Wenn nun die moralische Beurteilung einer Handlung von ihren Handlungsfolgen abhängt,  muss es ein Verfahren geben, nach welchem die Konsequenzen einer Handlung beurteilt werden. Da der Mensch grundsätzlich das Vermögen hat, Schmerz oder Freude zu empfinden[4], braucht der Utilitarist nur den Schmerz oder das Leid der Betroffenen zu messen (hedonistische Wertbasis). Der Schmerz und das Leid der Betroffenen wird aufsummiert. Bei der Berechnung dieser Summe wird jeder Betroffene nur einmal berücksichtigt (Gleichheitsgrundsatz). Einige Utilitaristen gehen bei dieser Summierung davon aus, dass die unterschiedliche Qualität und Quantität des Leides und der Freude mit berücksichtigt werden soll.

Eine Handlung wird von den Utilitaristen besonders dann gebilligt, wenn sie besonders nützlich ist. Der Nutzen einer Handlung wird dabei als Summe von Glückszuständen verstanden. Diese Glückszustände wiederum sind die durch die Handlung bewirkten Freuden bei den Betroffenen.[5] Bei der Beurteilung des Nutzens einer Handlung können je nach Spielart des Utilitarismus verschiedene Parameter berücksichtigt werden. So gibt es einige Ethiker, die es für zulässig halten, dass die bewirkten Freuden und die bewirkten Leiden gegeneinander aufgerechnet werden. Andere Moraltheoretiker fragen bei der Beurteilung nach dem Maximal- oder Durchschnittsnutzen, den die Betroffenen aus der Handlung erhalten (auch Ausdruck des Kalkülisierungsideals). Eine Handlung ist dann nützlich, wenn sie den meisten Nutzen für die Betroffenen bewirkt. Optimal ist das Verhältnis zwischen Handlung und Nutzen, wenn die Handlung möglichst wenig Leid und viel Freude verursacht (Maximierungsstruktur).

Nach diesem kurzen Überblick zu den Gemeinsamkeiten des Utilitarismus sollen kurz die wichtigsten Positionen des klassischen Utilitarismus dargestellt werden. Jeremy Bentham gilt als Erster, der das utilitaristische Prinzip formuliert hatte. Für ihn hatte der Utilitarismus eine sozialreformatorische Seite. Seines Erachtens sollten zukünftig die Gesetze in Großbritannien so beschaffen sein, dass sie dem größten Glück der dort lebenden Bürger dienlich wären. Neben einer umfassenden Reform der Gesetze sollte auch das Gefängniswesen  nach dem Panopticon-Prinzip erneuert werden. Der Hintergrund dieser Modernisierungen war, dass Bentham nicht das individuelle Wohl befördern, sondern das größte Glück der größten Zahl bewirken wollte.[6]

John Stuart Mill gehörte zu denjenigen Utilitaristen, die sich intensiv mit der Qualität und der Quantität von Lust- und Unlustempfindungen befassten. Er modifizierte den Utilitarismus, sodass auch die Qualität der Empfindungen bei der Beurteilung des Handlungsnutzens mit berücksichtigt wurde. So ging er davon aus, dass von zwei Freuden derjenigen Vorzug zu geben sei, die die Beliebteste der breiten Masse sei. Mill zufolge waren die Freuden der breiten Masse genau die Freuden, die dem Idealen des Bildungsbürgertums entsprachen. Vermutlich deshalb, um sich gegen den Einwand zu schützen, dass er eine hedonistische Ethik, die stark von „animalischen Freuden“ der breiten Masse geprägt sei[7], betreibe, orientierte er sich an den Idealen des Bürgertums.[8] Einige Kritiker Mills folgerten daraus, dass Mill auch als Begründer der „Ethik des Genussmenschen“[9] angesehen werden könne. In einer solchen Ethik würde „ein Haufen glücklicher Schweine besser (da stehen) als ein unglücklicher Sokrates“.[10]

Henry Sidgwick aktualisiert den Utilitarismus dahingehend, dass er nicht mehr von Lusterhöhung und Unlustvermeidung spricht, sondern den Begriff der Präferenzen einführt. Für ihn sind Präferenzen die hypothetischen Interessen der von einer Handlung betroffenen Personen. In Anlehnung an Benthams Prinzip der Beförderung des „größten Glücks der größten Zahl“ geht Sidgwick nach Einschätzung von Herlinde Pauer-Studer davon aus, dass eine bestmögliche Erfüllung der Präferenzen aller Betroffenen erstrebenswert sei.[11] Sidgwick zufolge neigt der Mensch aus Intuition zur utilitaristischen Ethik.[12]

2.2 Die Kompatibilität zwischen dem Utilitarismus
——und Smiths Moralphilosophie

Im Folgenden wird dargestellt, dass Smiths Ethik und der Utilitarismus nicht kompatibel sind. Zunächst wird kurz auf die Quellen der moralischen Billigung bei Smith und bei den Utilitaristen eingegangen. Dann wird gezeigt, dass für einen Utilitaristen das Sympathievermögen wichtig ist, da es zur „Wahrnehmung“ der Gefühle der Betroffenen dient. Hier scheinen sich die beide Ethiken zu ähneln. Auf den zweiten Blick kommt es zu Spannungen zwischen den beiden Ethiken, da Smiths unparteiischer Zuschauer kein idealer Beobachter ist, der alle Handlungsfolgen oder alle denkmöglichen Situationen wahrnehmen kann. Außerdem wird deutlich, dass der Zufall auf die Gefühle einen entscheidenden Einfluss hat, der es den Utilitaristen unmöglich macht, die konkreten Gefühle der Betroffenen zu deuten.

Für Smith hängt die moralische Billigung einer Handlung von den sympathetischen Gefühlen für diese Handlung ab. Für die moralische Billigung einer Handlung gibt es vier mögliche Wege. So können wir erstens mit den Beweggründen des Handelnden sympathisieren, zweitens können wir Mitgefühl mit den Betroffenen der Handlung haben (zum Beispiel: Dankbarkeit oder Teilnahme an Vergeltungsgefühlen des Betroffenen), drittens empfinden wir „den Grad der Übereinstimmung beider Gefühle mit demjenigen, was in dieser Situation gemeinhin als Gefühl angemessen erscheint (Schicklichkeit)“ und viertens bewundern wir in diesem Handeln den Beitrag zur natürlichen harmonischen Ordnung der Gemeinschaft.[13]. Neben diesen vier Möglichkeiten werden keine weiteren Faktoren in der TMS genannt, wie Smith zufolge eine Handlung moralisch beurteilt werden kann. Diese Auffassung über die moralische Billigung von Handlungen steht der Position Benthams gegenüber. Für Bentham lässt sich die moralische Billigung einer Handlung nur durch die Nutzenkalkulation bestimmen.[14]

Auf den ersten Blick scheint es, dass Smiths Ethik überhaupt keinen Bezug zum Utilitarismus hat. Jedoch ist es gerade für die Abschätzung des Nutzens, also für die guten und schlechten Folgen einer Handlung, bedeutsam, wenn Rücksicht auf die Lust- bzw. Unlustgefühle der Betroffenen genommen wird. Somit ist es für den Utilitaristen ebenfalls sinnvoll, Sympathie für die Betroffenen zu empfinden[15], andernfalls wäre eine Wahrnehmung der Unlust- und Lustgefühle der Betroffenen unmöglich. Es scheint, dass der Utilitarismus zum Teil auf der Ethik Smiths aufbaut. Solch eine Ethik aber bräuchte einen Beurteilenden, der ein riesiges Einfühlungsvermögen und Wahrnehmungsvermögen hat, um sich in alle Betroffenen hineinzuversetzen. Außerdem müssten sich alle Handlungsfolgen eindeutig abschätzen lassen.

Der Beurteilende müsste eine Art idealer unparteiischer Beobachter sein. Er sollte Firth zufolge über ein enormes Erfahrungswissen verfügen, um sich in alle denkmöglichen Situationen der Betroffenen hineinzufühlen. Außerdem ist es erforderlich, dass er jeden Betroffenen wahrnehmen könne – auch jene, die nicht unmittelbar betroffen sind -,   um ein korrektes Urteil abzugeben, dass aus der Summe der Lust- bzw. Unlustempfindungen der Betroffenen resultiert. Zusätzlich müsste dieser Beobachter unvoreingenommen und unparteilich sein, damit keine Bevorzugungen stattfinden. Weil es ja für die Utilitaristen maßgebend ist, dass jeder Betroffene gleichviel zählt. Außerdem müsste der ideale Beobachter auch sachlich sein.[16]

D. T. Campbell weist daraufhin, dass Smith keine Theorie des idealen Beobachters in der TMS vertritt.[17] Smiths unparteiischer Zuschauer genügt nicht diesen Ansprüchen, er ist Campbell zufolge eine sehr indifferente Gestalt, so „dass Smith den unparteiischen Betrachter auch mit einem ganz normalen Zuschauer, mit einem bystander und mit jeder unbeteiligten Person identifiziert“.[18] Wenn also der unparteiische Zuschauer in verschiedenen Gewändern auftritt, so ist es nicht ersichtlich, dass Smith von einer einheitlichen Figur des idealen Beobachters ausgeht. Folglich kann es sich bei Smith nicht um einen idealen Beobachter handeln, der die von Firth aufgeführten Eigenschaften hat. Wenn Smiths unparteiischer Zuschauer nicht die geeignete Person ist, um moralische Beurteilung im Sinne des Utilitarismus durchzuführen, so kann davon ausgegangen werden, dass Smith mit seinen Konzeptionen der Sympathie und des unparteiischen Zuschauers keinen Utilitarismus intendiert hat.

Angenommen, der eben genannte Einwand würde nicht zutreffen und es würde einen idealen Beobachter geben, so bliebe die Frage offen, ob dieser Beobachter die durch eine Handlung bewirkten Lust- und Unlustgefühle richtig abschätzen könne. Michael S. Aßländer weist darauf hin, dass auf Gefühle der Betroffenen der Zufall einen immensen Einfluss habe[19]. Smith spricht hierbei von einer „Regelwidrigkeit der Empfindungen“[20]. So hinge zum Beispiel das Maß der Dankbarkeit von den Umständen der Handlung ab. Smith verdeutlicht dies kurz: „Ein Mann, der sich für einen anderen um eine Stelle bewirbt, ohne sie zu erhalten, wird (…) Zuneigung“[21] erhalten. Würde er aber die Stelle erhalten, so wäre ihm die Dankbarkeit des anderen sicher. Wenn also das Maß der Intensität der lustvollen Gefühle des Betroffenen in diesem Fall vom Zufall abhängt, so wird ersichtlich, dass der Zufall auf jede utilitaristische Nutzenkalkulation einen Einfluss hat. Da Smith den Einfluss des Zufalls nicht bei der Beurteilung der Handlungen ausschließen kann und möchte, wird ersichtlich, dass Smith keinen normativen Utilitarismus vertritt.[22]

Dieser von Smith vorgebrachte Einwand, dass der Utilitarismus mit zufälligen „Wirkungsketten“ nicht umgehen könne, wird auch von heutigen Forschern vorgebracht. Sie gehen davon aus, dass viele moralische Beurteilungen, die sich utilitaristischer Methoden bedienen, von einem ungewissen Wissensstand, wie auch Smith am Beispiel des Bewerbers zeigt, der keine hinreichende Kenntnis von der Zukunft hat, beeinflusst sind.[23] Es lässt sich daher annehmen, dass Smith den Utilitarismus ablehnt.

Wie gezeigt wurde, ist die Sympathiekonzeption für den Utilitarismus von Bedeutung. Sie ist grundlegend für die „Messung der Gefühle“ der Betroffenen. Jedoch gibt es bei Smith keinen Zuschauer, der sich in alle Betroffenen hineindenken kann, um deren Gefühle nachzuempfinden. Außerdem geht Smith davon aus, dass die Gefühle, die durch eine Handlung bei den Betroffenen bewirkt werden, stark vom Zufall beeinflusst sind. Damit stellt er sich gegen eine Beurteilung der Handlungskonsequenzen. Die Ethik von Smith und der Utilitarismus sind nicht vereinbar.

2.3 Humes und Smiths Gerechtigkeitsbegründungen
——im Widerstreit

Dieser Abschnitt der Arbeit befasst sich mit den Gerechtigkeitsbegründungen von Hume und Smith. Hume begründet Gerechtigkeit durch ihre Nützlichkeit für das gesellschaftliche Zusammenleben. Smith widerspricht dieser Position und wendet ein, dass Gefühle die Gerechtigkeit sichern und ihr Wesen mehrheitlich bestimmen. Durch Smiths Zurückweisung der Humeschen Gerechtigkeitsbegründung wird ersichtlich, dass Smith keinen normativen Utilitarismus vertritt. Sodann soll dargestellt werden, inwiefern der Begriff der Nützlichkeit für Smith eine Bedeutung als Erklärungshilfe für die im nächsten Satz beschriebenen Phänomene hat. In seinem Beispiel des militärischen Wachpostens wird deutlich, dass Smith Nützlichkeitserwägungen benutzt, um die Diskrepanz zwischen natürlicher und „künstlicher“ Strafe zu erklären.

Hume war Thomas Gil zufolge jemand, der sich nicht „für die schöne exzellente Idee der Gerechtigkeit an sich interessiert[e, sondern der davon ausging, dass ohne sie] vieles in der sozialen Welt nicht gut funktionieren würde. Hume konzentriert[e] seine Aufmerksamkeit auf  die Nützlichkeit der Gerechtigkeit für die Gesellschaft und wurde so für die Utilitaristen [insbesondere für Jeremy Bentham] ein Vorfahr.“[24] Ausgehend von der eben beschriebenen Funktion der Gerechtigkeit für das menschliche Zusammenleben, wird klar, dass für Hume Gerechtigkeit nur eine künstliche Tugend sei[25], die sich aus ihrer Nützlichkeit, die sie  für die Gesellschaft hat, ableiten lässt. So würden Straftäter nur deshalb bestraft werden, weil es für die Gesellschaft nützlich sei, denn die Strafe bewirkt, dass die Täter sich bessern. Außerdem schreckt sie andere potentielle Täter von der Begehung einer Straftat ab. Eine solche Strafzwecktheorie setzt nicht bei den Gefühlen bzw. den Motiven des Täters und des Opfers an, sondern sie setzt bei dem Zweck an, der mit der Strafe verwirklicht werden soll. Diese Strafzwecktheorien haben oftmals einen utilitaristischen Ursprung.[26]

Bei Hume werden Strafe als auch Gerechtigkeit durch Nützlichkeit gebilligt. Die Billigung wird also nicht, wie bei Smith, durch Sympathie gewonnen, sondern durch rationale Reflexion über die Nützlichkeit der Strafe.[27] Bei Hume findet neben der Reflexion höchstens ein sympathetisches Gefühl zwischen dem Zuschauer und Inhaber der Tugend der Gerechtigkeit statt. Dabei sympathisiert der Zuschauer nur mit dem Nutzen dieser Tugend.[28]

Smith hält der Auffassung Humes entgegen, dass Gerechtigkeit eine natürliche Tugend sei, die zu einem großen Teil durch unsere Vergeltungsgefühle gesichert wird[29]. Bei ihm beschränkt sich der Begriff der Gerechtigkeit nur auf die persönliche Sicherheit. Dabei berücksichtigt er Fragen der Verteilungsgerechtigkeit nicht. Dies liegt aber auch daran, dass er Gerechtigkeit nicht aus der Nützlichkeit ableitet. Für Hume jedoch ist Verteilungsgerechtigkeit wichtig, da er eine Knappheit der Güter annimmt. Smith zufolge findet der Schutz der persönlichen Sicherheit durch die natürlichen Gefühle statt. So reagiere jeder Zuschauer mit Vergeltungsgefühlen auf die Opfer unsozialer Affekte bzw.  schädigender Handlungen. Ebenso geht Smith davon aus, dass das „system of rules“ sich aus solchen Vergeltungsgefühlen entwickeln würde.[30] In der TMS hebt er seine Stellung zu den Gefühlen als die Grundlage des staatlichen Strafens hervor: Der Täter muss „gerade wegen dieser [schädigenden] Handlung Reue und Kummer empfinden, damit andere durch die Furcht vor gleicher Strafe davon abgeschreckt werden, sich der gleichen Beleidigung schuldig zu machen. Die naturgemäße Befriedigung dieses Affekts wirkt von selbst dahin, alle die Zwecke zu verwirklichen, auf welche die staatliche Bestrafung abzielt: die Besserung des Verbrechers und das abschreckende Beispiel für die Allgemeinheit.“[31] Aus diesem Zitat wird eine Position Smiths deutlich, die sich gegen die utilitaristischen Strafzwecktheorien richtet. Nicht eine Reflexion über den Strafzweck begründet die Existenz staatlicher Strafen, sondern die natürlichen Gefühle bewirken die Besserung des Täters und Abschreckung potentieller Täter. Also werden Smith zufolge die Gerechtigkeit und die Bestrafung schädlicher Handlungen durch die natürlichen Gefühle bewirkt.

Wenn für Smith die Gerechtigkeit nicht aus der Nützlichkeit abgeleitet wird,  dann bleibt die Fragen offen, welche Bedeutung utilitaristische Erklärungen für Smith haben. Es ist offensichtlich, dass Smith sich ohne utilitaristischen Hintergrund solcher Erklärungsweisen bedient, um bestimmte Maßnahmen des Staates zu begründen.[32] So weisen Campbell und Ross in ihrem Aufsatz daraufhin, dass Smith utilitaristische Erklärungsweisen benutzt, um die staatlichen Eingriffe gegen Schmuggler zu rechtfertigen und um die Zollpolitik durchzusetzen.[33] Daher soll im nächsten Abschnitt gezeigt werden, dass sich Smith eines explanatorischen Utilitarismus in der TMS bediente.

Für diesen Zweck ist das bekannte Beispiel des militärischen Wachpostens dienlich: „so wird zum Beispiel der Wachposten, der während seines Dienstes einschläft, nach den Kriegsgesetzen mit dem Tode bestraft, weil solche Unachtsamkeit das ganze Heer in Gefahr bringen kann.“ (TMS 135). Robert Shaver weist darauf hin, dass der natürliche Gräuel dieses Verbrechens äußerst gering ist (der Wächter schlief nur ein), aber die verhängte Strafe würde über die natürliche Strafe hinausgehen, die unser Vergeltungsgefühl billigen würde. Diese „Diskrepanz“ zwischen den beiden Strafen ließe sich nur mit Hilfe einer Erklärung bezüglich der Nützlichkeit schließen. Es ist äußerst nützlich, dass der Wächter nicht einschläft, damit er vor herannahenden feindlichen Heeren warnen kann. Ohne eine solche Warnung wäre der Fortbestand des Staates gefährdet. Um den Staat dauerhaft zu erhalten, muss dem Täter eine drakonische Strafe angedroht werden, damit er bemüht ist, nicht einzuschlafen. Diese Erklärung bedient sich nur eines explanatorischen Utilitarismus, um das drakonische Vorgehen gegen den eingeschlafenen Wächter zu rechtfertigen. Ohne diese Nützlichkeitserwägung würden unsere Gefühle nicht mit der verhängten Todesstrafe des Täters sympathisieren.[34]

Aus dieser Diskussion wird deutlich, dass Smith den Begriff der Nützlichkeit verwendet, um gewisse Strafabsichten zu erklären. Trotzdem leiten sich für Smith Gerechtigkeit und unsere Motive zur Bestrafung zuerst aus den Gefühlen ab. Die rationalen Reflexionen über den Strafgrund treten erst dann hinzu, wenn die Gefühle nicht mehr ausreichen, um Handlungen zu billigen.[35] Smiths Auffassung, dass erst die Gefühle und die dann eventuell darauf folgenden Nützlichkeitserwägungen eine Handlung billigen, widerspricht der Auffassung Sidgwicks, demzufolge der Utilitarismus intuitiv als Moralauffassung existiert.

Durch seine Zurückweisung von Humes utilitaristisch geprägter Gerechtigkeitsbegründung bezieht Smith eindeutig Stellung. Smith lehnt einen normativen Utilitarismus ab. Entgegen Humes Utilitarismus vertritt Smith die Auffassung, dass moralisches Handeln durch die natürlichen Gefühle gebilligt werde. Trotzdem kann sich Smith nicht zurückhalten, Nützlichkeitserwägungen zu verwenden, um bestimmte Strafpraxen zu beschreiben.

2.4 Die Bewirkung des größten Glücks der größten
——Zahl durch die natürlichen Gefühle

In diesem Abschnitt meines Beitrags wird demonstriert, wie nach Smith das größte Glück der größten Zahl durch den Einfluss der natürlichen Gefühlen verwirklicht wird. Dazu wird kurz beschrieben, wie die Utilitaristen das größte Glück der größten Zahl bewirken wollen. Mit Smith lässt sich einwenden, dass für ihn nicht die Ziele einer Handlung maßgeblich sind, sondern die Vervollkommnung der Mittel. Dies wird an seinem Beispiel des Uhrliebhabers belegt. Ausgehend von dieser Grundannahme wird gezeigt, dass auch die Menschen durch eine Vervollkommnung ihrer natürlichen Vermögen, das Streben nach Anerkennung und die Selbsttäuschung, ihre Glückseligkeit bewirken. Dadurch wird die allgemeine Glückseligkeit unabsichtlich bewirkt. Am Ende des Kapitels wird kurz darauf eingegangen, welche Art von Utilitarismus sich aus den Argumenten dieses Kapitels ableiten ließe.

Die Utilitaristen gehen davon aus, dass die Konsequenzen einer Handlung nach den durch sie bewirkten Lust- und Unlustgefühlen bewertet werden. Jeder, der von der Handlung betroffen wurde, zählt gleich, dabei wird keiner bevorzugt. Für den Utilitaristen, der das größte Glück der Größten Zahl befördern will, muss er stets diejenige Handlung ausfindig machen, die am besten geeignet ist, um diesen Zweck zu verwirklichen. Folglich zählen die Handlungsfolgen  mehr als das Handlungsmotiv.

Smith stellt sich dieser Auffassung entgegen, wenn er behauptet, dass die moralische Billigung einer Handlung eher von Handlungsmotiven abhängt.[36] Smith behauptet im vierten Teil der TMS, dass uns nicht die Handlungsfolgen zum Handeln anleiten, sondern dass es in uns naturgegebene Motive gibt, die uns zum Handeln anleiten. Daher bewertet er die Mittel, die zu einem gewissen Zweck führen, höher als den Zweck selbst.[37] Smith erläutert dies am Beispiel des Uhrenliebhabers, der sich eine neue und genauere Uhr kauft. Er wird seine alte und ungenaue Uhr verkaufen, um sich dann eine bessere und exaktere Uhr zu kaufen. Ihm geht es dabei nicht darum, pünktlicher als andere zu sein, sondern es geht ihm darum, sich an der „Vollkommenheit [seines] Instrumentes“ zu erfreuen[38]. Wenn es dem Uhrenliebhaber nicht um die Pünktlichkeit als Zweck geht, so hätte er sich auch auf die ungenaue Uhr einstellen können und andere Arrangements treffen können, anstatt sich eine neue Uhr zu kaufen. Ihm geht es also nicht um den Nutzen, sondern für ihn ist die Vervollkommnung der Mittel – ohne auf deren Nutzen Rücksicht zu nehmen – erstrebenswert.

Warum nehmen wir auf den Nutzen unserer Handlungen keine Rücksicht? Warum geht es dem Uhrenliebhaber nicht vordergründig darum, dass seine Uhr genauer ist, damit er pünktlicher ist? Dies liegt an einer geschickten Täuschung, die durch die Natur bewirkt wird. Diese Täuschung motiviert uns zum handeln[39]. Sie ist dasjenige, „was den Fleiß der Menschen erweckt und in beständiger Bewegung erhält, Sie ist es, was sie zuerst antreibt, den Boden zu bearbeiten, Häuser zu bauen, Städte und staatliche Gemeinwesen zu gründen (…)“[40]. Durch diese Täuschung opfern sogar einige der ärmsten Menschen ihre Gesundheit und Ruhe, um in höhere Schichten der Gesellschaft zu gelangen. Sie gaukelt ihnen vor, dass Reichtum sie glücklicher macht.[41]

Das natürliche Streben nach Annerkennung begünstigt diese Entwicklung. Das Annerkennungsstreben bewirkt, dass viele Menschen in höhere Schichten der Gesellschaft aufsteigen wollen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Smith mit der von der Natur bewirkten Täuschung das menschliche Anerkennungsstreben meinte. Dieses Anerkennungstreben bewirkt, dass jeder Mensch Gegenstand der Sympathie der Zuschauer sein will. Da die meisten Zuschauer mit den Annehmlichkeiten, die ein Palast seinen Bewohnern bietet, sympathisieren, ist Reichtum erstrebenswert.[42] Genauso wie ein jeder „Aufsteiger“ Anerkennung erheischen will, ist auch jeder Reformer und Staatsmann bemüht, Anerkennung für sein Handeln zu erlangen. Smith zufolge geht es den Akteuren nicht um das Wohlwollen der von ihren Reformen und Maßnahmen betroffenen Personen. Für diese Akteure ist nur das persönliche Ansehen wichtig, und nebenbei bewirken sie eine „Vervollkommnung des Staatsapparates“.[43] Genauso wie der Staatsmann und der Reformer bewirken auch die Aufsteiger durch die von ihnen bewirkten Anstrengungen gesellschaftliche Veränderungen.

Das Streben nach Anerkennung treibt den Menschen, trotz der natürlichen Selbsttäuschung und unabhängig vom Nutzen, zu seinen Handlungen an. Karl Graf Ballestrem geht davon aus, dass die Natur uns Smith zufolge so programmiert hat, d.h. Gott pflanzte dem Menschen das Streben nach Anerkennung und die Sympathie – die Grundlage des Anerkennungsgefühls – a priori ein, dass wir die Mittel als solche anstreben, nämlich die Anerkennung durch die Zuschauer. Der Zweck, den die Natur durch die Programmierung der Menschen bewirkt, muss den Menschen nicht offenbar sein.[44] Für Smith genügt es, ausgehend von seinem deistischen Grundverständnis, dass durch diese Programmierung der Endzweck des menschlichen Handelns, die allgemeine Glückseligkeit, bedingt wird[45]. Wenn nun der Aufsteiger, der Reformer, der Staatsmann und jeder andere durch das jeweilige Streben nach Anerkennung Verbesserungen bewirken, so tragen sie alle zur Beförderung des allgemeinen Wohlergehens bei.

Smith leitet, wie gezeigt wurde, das allgemeine Wohlergehen aus den Motiven der Handlungen ab. So ist für Smith nicht der Nutzen einer Handlung entscheidend, sondern das individuelle Streben nach Anerkennung ist seiner Auffassung nach maßgeblich. Der Nutzen der Handlung kann aus einem weiteren Grund nicht zum Handeln motivieren, da die Menschen die Konsequenzen ihrer Handlung nicht bewusst bewirken, sondern eher durch eine Art Selbsttäuschung zum Handeln bewegt werden. Da der Nutzen nicht zum Handeln antreibt, wird ersichtlich, dass Smith aus diesen Gründen heraus zumindest vordergründig keinen utilitaristischen Ansatz vertritt. Seine Alternativbegründung des größten Glücks der größten Zahl bzw. der allgemeinen Glückseligkeit, die sich aus der natürlichen Selbsttäuschung des Menschen und dem Anerkennungsgefühl des Menschen herleiten lässt, widerspricht der utilitaristischen Auffassung, der zufolge ein Übergewicht an positiven Handlungsfolgen das größte Glück bewirken soll. Ebenso betont Smith nicht die Geeignetheit des Mittels, um den bestmöglichen Zweck zu befördern, sondern eine Vervollkommnung der Mittel. Auch diese Ansicht widerspricht der utilitaristischen Ansicht, da sie das Mittel unabhängig von ihrem Zweck betrachtet. Smith zeigt hier ebenfalls antiutilitaristische Züge.

Ballestrem weist daraufhin, dass Smith zumindest eine Art kontemplativen Utilitarismus vertritt, wenn er schon keinen normativen Utilitarismus billigt. Der kontemplative Utilitarismus geht davon aus, dass die allgemeine Glückseligkeit unwillentlich durch Gott bewirkt wurde. Theoretiker wie Smith erkennen erst im Nachhinein, dass der allgemeine Nutzen bewirkt wurde.[46] Diese Unterform des Utilitarismus entbehrt jedoch dem eingangs dargestellten Kalkülisierungsideal. Außerdem mangelt es ihm daran, dass die Handlungen nicht intendiert sind. Somit handelt es sich hier nicht um einen normativen Utilitarismus.

3. Ergebnisse

Adam Smith vertritt in seiner TMS keinen normativen Utilitarismus. Es wurde ersichtlich, dass die moralische Billigung einer Handlung nicht von den Handlungsfolgen abhängt. Nach Smith kann eine Billigung der Handlung nur durch die Sympathie erfolgen. Dieses Vermögen setzt nicht bei den Handlungsfolgen an, sondern es beurteilt die Handlungsmotive, dass heisst: die Gefühle. Dies wurde besonders bei Smiths Strafbegründungstheorie ersichtlich.

Da die Gefühle, besonders das Anerkennungsstreben, – nicht der Nutzen einer Handlung – zum Handeln motivieren, wird verständlich, dass Smith zufolge nur die Vervollkommnung der Mittel – ohne dass die Zwecke absichtlich bewirkt werden – erstrebenswert sei. Wenn also die Zwecke einer Handlung nicht absichtlich angestrebt werden können, dann wird verständlich, dass Smith keinen Utilitarismus vertreten kann. Denn für die utilitaristische Ethik haben die Handlungsfolgen Einfluss auf die moralische Beurteilung der Handlung.

Ein weiteres Argument, das Smith gegen einen möglichen Utilitarismus anführt, ist folgendes: Smith leitet, entgegen der utilitaristischen Vorstellung, das größte Glück der größten Zahl aus den von Gott gegebenen Gefühlen her. Durch diese Gefühle würde der Mensch nach Anerkennung streben. Während der Mensch nach Anerkennung strebt, bewirkt er durch sein Tun nicht intendierte Verbesserungen seiner persönlichen Umstände. Da alle Menschen mit diesen gottgegebenen Gefühlen ausgestattet sind, bewirken sie im gesellschaftlichen Wechselspiel die allgemeine Glückseligkeit.

Ebenso lässt sich aus der Sympathiekonzeption und dem Konzept des unparteiischen Zuschauers kein normativer Utilitarismus ableiten, da der in der TMS  beschriebene unparteiische Zuschauer kein idealer Beobachter ist, der alle Folgen einer Handlung abschätzen könne. Auch wenn es einen solchen Beobachter gäbe, so hätte er Schwierigkeiten, sich in die Gefühle aller Betroffenen hineinzufühlen.

Aus diesen Gründen wird ersichtlich, dass Smith keinen normativen Utilitarismus vertreten hat. Es wurde gezeigt, dass Smith Nützlichkeitserwägungen benutzt, um gewisse Regelwidrigkeiten der Gefühle zu korrigieren. Dies wurde am Beispiel des militärischen Wachpostens deutlich. Folglich vertrat Smith zumindest einen explanatorischen Utilitarismus. Außerdem wurde gezeigt, dass Smith auch ein Vertreter des kontemplativen Utilitarismus ist. Diese beiden Utilitarismusformen sind jedoch keine Formen, die dem normativen Utilitarismus nahe kommen, der im Kapitel 2 dieses Beitrags beschrieben wurde.

4. Quellen- und Literaturverzeichnis

Quellen:

Eckstein, Walter (Hrsg. und Übers.): Adam Smith. Theorie der ethischen Gefühle (=Philosophische Bibliothek 200), Hamburg 2004.

Literatur:

Andree, Johannes Georg: Sympathie und Unparteilichkeit. Adam Smiths System der natürlichen Moralität, Paderborn 2003.

Aßländer, Michael S.: Adam Smith zur Einführung, Hamburg 2007.

Ballestrem, Karl Graf: Adam Smith, München 2001.

Campbell, T. D. / Ross, I. S.: The Utilitarianism of Adam Smith`s Police Advice, In: Journal of the History of Ideas 42 (1981), S. 73 -92.

Garrett, Aaron: Adam Smith über den Zufall als moralisches Problem, In: Fricke, Christel/ Schütt, Hans-Peter: Adam Smith als Moralphilosoph, Berlin 2005, S. 160 – 177.

Gil, Thomas: Ethik, Stuttgart 1993.

Höffe, Ottfried:  Einführung in die utilitaristische Ethik. Klassische und zeitgenössische Texte, Tübingen 1992.

Martin, Martin A.: Utility and Morality. Adam Smith’s Critique of Hume, In: Hume Studies 16 (1990), S. 107 – 120.

Ott, Konrad:  Moralbegründungen zur Einführung, Hamburg 2001.

Pauer-Studer, Herlinde: Einführung in die Ethik, Wien 2003.

Raphael, D. D.: Adam Smith, Frankfurt a. Main 1991.

Rawls, John: Eine Theorie der Gerechtigkeit, Frankfurt a. Main 1979.

Rosen, F.: The idea of utility in Adam Smith`s The Theory of Moral Sentiments, In: History of European Ideas 26 (2000), S. 79 – 103.

Shaver, Robert: Virtues, Utility, and Rules, In: Haakonsen, Knud: The Cambridge Companion to Adam Smith, Cambridge 2006.

Fußnoten:

[1] Eckstein X, LXVI

[2] Höffe weist daraufhin, dass der Utilitarismus besonders in Deutschland wenig rezeptiert wurde. Vgl. Höffe: 1992, S. 8.

[3] Vgl. Ott: 2001, S. 97.

[4] Vgl. Ott: 2001, S. 98f. Vgl. Höffe: 1992, S. 16. Diese Ansichtwird dadurch begründet, dass der Mensch von Natur aus Leid vermeidet und nach Lust strebt. Diese anthropologischeGrundhaltung entspricht auch den Gefühlen des SmithschenZuschauers, wenn er mit sozialen Affekten eher sympathisiert als mit unsozialen Affekten.

[5] Vgl. Ott: 2001, S. 101.

[6] Vgl. Pauer-Studer: 2003, S. 33.

[7] Solche Affekte könnten hemmungslose sexuelle Lust(Ebenso „würde eine utilitaristisch geprägte Sexualmoral,die Aufforderung beinhalten, das Ausmaß derGeschlechtslust zu maximieren, (…) da Sexualität eine Quelle von >> pleasure <<“ sei. Vgl. Ott: 2001, S. 110.),aber auch riesiges Fressgelage sein. Smith führt jedochan, dass genau mit solchen Affekten kaum Sympathiemöglich sei, da „wir körperliche Begierden anderer nichtnachfühlen können“ (Vgl. Andree: 2003, S. 59.). Auchwürden diese Affekte, wenn sie übermäßig sind,„Widerwillen, den wir gegen diese körperlichen Begierdenempfinden“, auslösen (Vgl. TMS: 2004, S. 34.). Wenn dieZielstellung dieser hedonistisch geprägten Ethik aufwenig Sympathie durch den Zuschauer hoffen darf, so istes auch verständlich, dass Smith mit dieser Ethik desGenussmenschen nicht sympathisieren kann.

[8] Vgl. Pauer-Studer: 2003, S. 35.

[9] Vgl. Höffe: 1992, S. 22.

[10] Vgl. Ott: 2001, S. 103.

[11] Vgl. Pauer-Studer: 2003, S. 36.

[12] Vgl. Höffe: 1992, S. 26 und Pauer-Studer: 2003, S. 36.

[13] Vgl. Aßländer: 2007, S. 99; Raphael: 1991,
——–S. 50 und Andree: 2003, S. 185.

[14] Vgl. Pauer-Studer: 2003, S. 33.

[15] Rawls weist daraufhin, dass „das Sich-in-den-anderen-Hineinversetzen“ ein wichtiger Bestandteil derUtilitaristischen Ethik ist. Vgl. RAWLS: 1979, S. 45.

[16] Vgl. Andree: 2003, S. 146. Ähnlich beschreibt auch Rawlsden vernünftigen und unparteiischen mitfühlendenBeobachter. Vgl. Rawls: 1979, S. 213. Vgl. auchOtt: 2001, S. 103.

[17] Entgegen der Interpretation von Campbell geht Rawlsdavon aus, dass es sich bei Smith gerade um einen„ideal vernünftigen und unparteiischen Zuschauerhandelt, der alle bedeutsamen Umstände kennt“.Vgl. Rawls: 1979, S. 211. Eine Online-Recherchebei Google Books unter dem Eintrag „ideal* Beobacht*“bzw. „ideal* Zuschau*“ führte zu keinem Ergebnis,so dassSmith vermutlich eine solche Person nicht vorsah.

[18] Vgl. Andree: 2003, S. 147.

[19] Vgl. Aßländer: 2007, S. 66.

[20] Vgl. TMS: 2004, S. 146.

[21] Vgl. TMS: 2004, S. 146.

[22] Ebenso sieht Garrett das später zu zeigende Problem des einschlafenden Wachpostens in der Sicht einermöglichen Regelwidrigkeit der Gefühle. Ohne diemögliche Folgenabschätzung des Einschlafens würdenicht die hohe Strafe vom Zuschauer gebilligt werden.Vgl. Garrett, 2005, S. 164f.

[23] Vgl. Ott: 2001, S. 109.

[24] Vgl. Gil: 1993, S. 59.

[25] Vgl. Campbell & Ross: 1981, S. 75.

[26] Ebenso sieht Höffe den Ursprung der Generalpräventionund der Vergeltungstheorie im Utilitarismus begründet.Vgl. Höffe: 1992, S. 34.

[27] Vgl. Martin: 1990, S. 107.

[28] Vgl. Ballestrem: 2001, S. 87.

[29] Vgl. Andree: 2003, S. 83.

[30] Vgl. Rosen: 2000, S. 87.

[31] Vgl. TMS: 2004, S. 99.

[32] Vgl. Shaver: 2006, S. 195.

[33] Vgl. Campbell & Ross: 1981, S. 77ff.

[34] Shaver: 2006, S.195.

[35] Vgl. Martin: 1990, S. 109. Diese Auffassung ähneltHare´s Utilitarismusauffassung (Vgl. Pauer-Studer:2003, S. 37.) Diese Auffassung kann jedoch imRahmen dieser Arbeit nicht näher diskutiert werden. Trotzdem wird durch die Zurückweisung derutilitaristischen Strafbegründung Humes deutlich,dass Smith einen normativen Utilitarismus ablehnt.

[36] Es sei darauf hingewiesen, dass Smith zufolge einemoralische Billigung eher bei den Handlungsmotivenansetzt als bei den Handlungsfolgen. Vgl. auch Kapitel 3,besonders die Punkte 1 und 2 der dort gemachten Aufstellung.

[37] Vgl. Rosen: 2000, S. 89.

[38] Vgl. TMS: 2004, S. 309f.

[39] Vgl. Andree: 2003, S. 157; Aßländer: 2007, S. 77.

[40] Vgl. TMS: 2004, S. 315.

[41] Vgl. Ballestrem: 2001, S. 87.

[42] Vgl. TMS: 2004, S. 46f, S. 312f.

[43] Vgl. Aßländer: 2007, S. 78.

[44] Vgl. Ballestrem: 2001, S. 87.

[45] Vgl. Aßländer: 2007, S. 76.

[46] Vgl. Ballestrem: 2001, S. 87.

Die unsichtbare Hand bei Adam Smith

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
2. Hauptteil
__2.1 Einige Informationen über Autor und Werk
__2.2 Was ist unter der unsichtbaren Hand zu verstehen?
__2.3 Marktwirtschaftlicher Aspekt der unsichtbaren Hand
3. Schlussbemerkung
4. Quellen- und Literaturverzeichnis

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1. Einleitung

Wegen seines im April 1776 erschienenen Hauptwerks An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations wird der schottische Moralphilosoph Adam Smith, der ein Vertreter des klassischen Liberalismus ist, als Begründer der Nationalökonomie angesehen. Dass sich seine Schrift relativ erfolgreich verbreitete, ist sicherlich vor allem der Tatsache geschuldet, dass diese „eben kein trockenes Lehrbuch für Nationalökonomie [ist], sondern […] theoretische Analysen, empirische Belege, historische Beschreibungen, feine Ironie und politische Ratschläge zu einer lebendigen Einheit [verbindet], die das Buch bis heute lesenswert macht.“[1] Eine der bis zum heutigen Tage darin enthaltene kontrovers diskutierte und interpretierte Formulierung ist Smiths Metapher von der unsichtbaren Hand. Ein Anhänger von Smiths These war u.a. der bekannte US-amerikanische Nationalökonom Milton Friedman (31.7.1912-16.11.2006). Dieser sah eine effiziente Allokation begrenzt verfügbarer Ressourcen nur dann als gewährleistet an, wenn der unsichtbaren Hand keine Steine durch Staat und Politik in den Weg gelegt würden. Dagegen behauptete die Wirtschaftshistorikerin Emma Rothschild, dass es sich bei der unsichtbaren Hand „nicht um ein wissenschaftliches Theorem, sondern um einen ‚milden ironischen Scherz‘ handelte.“[2] Diese zwei Positionen verdeutlichen bereits die Extreme, die es bei der Interpretation der Metapher von der unsichtbaren Hand gibt. Umso reizvoller ist es für mich, sich mit dieser auseinanderzusetzen. Damit verbunden werde ich zunächst einige wesentliche Informationen zu Smith und seinem Hauptwerk vorstellen. Anschließend erläutere ich, was er unter der unsichtbaren Hand verstanden haben könnte und gehe dann auf den marktwirtschaftlichen Aspekt dieser ein, wobei ich in der Schlussbemerkung ein Resümee zu ziehen versuche.

Wichtige Anmerkung:

Bei den folgenden Ausführungen handelt es sich über weite Strecken um eine im Kontext der Beantwortung der Hauptfragestellung und meiner Überlegungen dazu vollführte Zitation von Textstellen aus Smiths Werken und der in meinen Augen hervorragenden wissenschaftlichen Arbeit Olaf Hottingers namens „Eigeninteresse und individuelles Nutzenkalkül in der Theorie der Gesellschaft und Ökonomie von Adam Smith, Jeremy Bentham und John Stuart Mill“.

2. Hauptteil

2.1 Einige Informationen über Autor und Werk

Der Moralphilosoph Adam Smith erblickte in der kleinen schottischen Hafenstadt Kirkcaldy das Licht der Welt. Da der genaue Tag seiner Geburt nicht bekannt ist, wurde dieser auf den Tag seiner Taufe, also den 5. Juni 1723, datiert. Sein gleichnamiger und zum gehobenen Bürgertum gehörender Vater, ein Notar und Zollbeamter, der als Privatsekretär des Earl of Loudoun einen aktiven Part bei der Vorbereitung der Union zwischen England und Schottland gespielt hatte, war einige Monate vor der Geburt des Sohnes gestorben. Dagegen begleitete ihn die von ihm sehr verehrte Mutter, Margaret Douglas, die dank der Tatsache, dass ihr Ehemann ein großes Vermögen hinterließ, keine finanziellen Sorgen zu befürchten hatte, noch lange auf seinem weiteren Lebensweg – denn sie starb erst neunzigjährig im Jahre 1784. Zwischen 1737 – 1746 absolvierte Smith zunächst ein Studium der Artes Liberales in Glasgow und setzte seine Studien ab 1740 im Balliol College in Oxford fort, wo er mit David Humes (26.4.1711- 25.8.1776) Traktat über die menschliche Natur in Berührung kam. Hume, den Smith in seiner Zeit als Privatdozent in Edinburgh erstmals persönlich kennenlernte, wurde später sein vielleicht engster, zumindest jedoch berühmtester Freund. Von 1752 – 1763 hatte Smith den Lehrstuhl für Moralphilosophie in Glasgow inne. Diese Zeit beschrieb er rückblickend als seinen nützlichsten und daher glücklichsten sowie ehrenvollsten Lebensabschnitt, in dem er sein erstes großes Werk, The Theory of Moral Sentiments (1759), veröffentlichte. Im Jahre 1776 erschien sein Hauptwerk An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations. Im selben Jahr starb sein guter Freund Hume, dessen ökonomische Essays (1752) einige von Smith in seiner Schrift geäußerten Gedanken bereits vorausnehmen sollten. Das sich aus vielen Quellen speisende Werk vom Wohlstand der Nationen (WN) hat „der Wissenschaft der Nationalökonomie eine Form gegeben, die den nachfolgenden Generationen – wie kein anderes Werk des 18. Jahrhunderts – Anregung und Vorbild war. In diesem Sinne kann man den Autor als Begründer der modernen Nationalökonomie bezeichnen (Deane 1978, 6).“[3] Der WN bildet sozusagen das Gegenstück zur in weiten Passagen von Smith kritisierten und zu seinen Lebzeiten dominierenden wirtschaftspolitischen Idee des Merkantilismus. U.a. im WN kam er auch auf das Prinzip der unsichtbaren Hand zu sprechen, das insbesondere im Wirtschaftsliberalismus eine bedeutende Rolle spielen sollte. Der kein weiteres Werk mehr verfassende Smith starb am 17. Juli 1790 in Edinburgh.

2.2 Was ist unter der unsichtbaren Hand zu verstehen?

In seinem Werk An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations kommt Smith nur einmal explizit auf die unsichtbare Hand zu sprechen:

 

Da also jeder einzelne danach trachtet, sein Kapital möglichst in der heimischen Erwerbstätigkeit einzusetzen und diese Erwerbstätigkeit so auszurichten, daß die größte Wertschöpfung erfolgt, arbeitet jeder einzelne notwendigerweise darauf hin, das jährliche Volkseinkommen möglichst groß zu machen. In der Regel hat er freilich weder die Absicht, das Gemeinwohl zu fördern, noch weiß er, wie sehr er es fördert. Wenn er die heimische Erwerbstätigkeit so ausrichtet, daß die größte Wertschöpfung erfolgt, denkt er nur an seinen eigenen Vorteil, und dabei wird er, wie in vielen anderen Fällen auch, von einer unsichtbaren Hand geleitet, einem Zweck zu dienen, der nicht in seiner Absicht lag.[4]

Den Rahmen für diese Theorie der unsichtbaren Hand bildet die kritische Auseinandersetzung von Smith mit der merkantilistischen Theorie. Er behauptet nicht nur, dass eine vom Staat ausgehende Steuerung der Produktionsfaktoren bzw. dessen Einflussnahme auf diese nicht notwendigerweise zur optimalen Allokation[5] der Ressourcen führt, sondern auch, dass diese größtenteils nicht erreicht wird. Im Gegensatz dazu fragt sich Smith nun, wie es um das Verhalten eines Kapitalanlegers bestellt ist, „der völlig frei über den Einsatz seines Vermögens entscheiden kann und dessen einziges Interesse in der Erzielung eines größtmöglichen Nutzens besteht: Rationale Erwägungen werden ihn veranlassen, sein Geld im Inland zu investieren, da er die Risiken dort eher abschätzen kann als bei einer Investition im Ausland. Zugleich wird er sich für die Anlage mit dem höchsten wahrscheinlichen Wertzuwachs entschließen. Dieser Wertzuwachs stellt jedoch eine Komponente des volkswirtschaftlichen Sozialprodukts bzw. des Volkseinkommens dar. Auf diese Weise, und wie von einer unsichtbaren Hand geführt, entscheidet sich der Investor für eine Anlage, die dem Gesellschaftsinteresse – hier: dem Volkseinkommen – besonders dienlich ist.“[6] Der Kern seiner Aussage ist also, dass die Orientierung eines jeden Wirtschaftsakteurs am Eigennutz das Gemeinwohl fördere, und zwar mehr, als wenn er sich diesem bewusst verschriebe, wie er an anderer Stelle festhielt.

Doch welches „Smith‘sche Weltverständnis“ liegt dieser unsichtbaren Hand zugrunde und was für einem Mechanismus könnte diese entspringen? Um darauf eine adäquate Antwort geben zu können, ist es unerlässlich, ein weiteres Werk von Smith in die Untersuchung mit einzubeziehen, und zwar sein Werk The Theory of Moral Sentiments (TMS), zu deutsch: Theorie der ethischen [bzw. moralischen] Gefühle, wo er ein zweites Mal auf die unsichtbare Hand zu sprechen kommt. In der TMS unterscheidet Smith zwei grundlegende Fragen der Moralphilosophie: „Erstens, worin besteht Tugend? Welche Charaktereigenschaften und Handlungen sind Gegenstand moralischer Wertschätzung? Zweitens, wie kommt es, daß wir bestimmte Charaktere und Handlungen billigen oder mißbilligen? Auf Grund welcher Seelenkräfte oder Motive fällen wir moralische Werturteile?“[7] Für Smith ist die Sympathie, also das Mitgefühl, bestehend aus Mitleid und Mitfreude, die Antwort auf all diese Fragen. Smith meint damit die Fähigkeit und Veranlagung des Menschen, sich in seinen Gegenüber hineinzuversetzen und ihn zu verstehen. So sei es die natürliche Veranlagung des Menschen, sowohl die Achtung der anderen Menschen zu gewinnen als auch sich dieser würdig zu erweisen. Damit wird die „Sympathie eines unparteiischen Zuschauers […] in seinem System zum Kriterium der Sittlichkeit von Charakteren und Handlungen, aber auch zum Motiv der Zustimmung, die wir solchen Charakteren und Handlungen entgegenbringen.“[8] In der TMS von Smith nun „geht es im Zusammenhang mit der unsichtbaren Hand (TMS IV.1.9/10[…]) vor dem Horizont des damaligen Bevölkerungswachstums und der notwendigen Steigerung der Güter-, insbesondere der Nahrungsmittelproduktion […] um eine doppelte Fragestellung: Wie kommt es erstens zu einer solchen Steigerung, und wie wird zweitens das Verteilungsproblem gelöst.“[9]

Damit verbunden behauptet Smith, dass grundsätzlich jeder Mensch nach Reichtum und einer hohen gesellschaftlichen Stellung strebe, dies aber bezüglich menschlichen Glücks eher nebensächlich wäre. Jedoch sieht er in diesem „im höchsten Maße verächtlich und geringfügig erschein[enen]“[10] Streben die Voraussetzung und das Mittel für wirtschaftliche Prosperität und die Fortexistenz der Menschheit. Hinter diesem Widerspruch von Moralität und Ökonomie steckt für Smith das Walten der Natur, die in uns die mit Wohlstand und Reichtum verknüpften Glückserwartungen wecken würde. Dazu hält er fest, dass es gut ist, „daß die Natur uns in dieser Weise betrügt. Denn diese Täuschung ist es, die den Fleiß der Menschen erweckt und in beständiger Bewegung erhält. Sie ist es, die die Menschen zuerst antreibt, den Boden zu bearbeiten, Häuser zu bauen, Städte und staatliche Gemeinwesen zu gründen, alle die Wissenschaften und Künste zu erfinden und auszubilden, … die rauhen Urwälder in angenehme und fruchtbare Ebenen verwandelt und das … Weltmeer … zu der großen Heerstraße des Verkehres gemacht haben, welche die verschiedenen Nationen der Erde untereinander verbindet.“[11] Am Beispiel des proud and unfeeling landlord (TMS IV.1.9), also des stolzen und gefühllosen Grundherrn, verdeutlicht Smith seine These. Obwohl dieser Grundherr auf egoistische Art und Weise die Durchsetzung seiner eigenen Interessen verfolgt, fördere er zugleich das Wohl seiner Mitmenschen, indem er mit seinem Wunsch, mehr und mehr zu besitzen, erstens danach trachtet, „auf seinen landwirtschaftlichen Gütern einen maximalen Ertrag zu erreichen […]. Zweitens läßt der Grundherr seine Mitmenschen an dem von ihm immer mehr gesteigerten Ernteertrag teilhaben: Zum einen hält er sich eine große Gefolgschaft, die seine Güter versorgt, in seinem Haushalt arbeitet etc. und die er folglich ernähren muß. Zum anderen verkauft er die landwirtschaftlichen Produkte auf den Märkten, um selbst Luxusgüter erwerben zu können.“[12]

Dadurch „teilen sie [die Reichen] doch mit den Armen den Ertrag aller Verbesserungen, die sie in ihrer Landwirtschaft einführten.“[13] Hier nun kommt für Smith die unsichtbare Hand ins Spiel: „Von einer unsichtbaren Hand werden sie [die Reichen] dahin geführt, beinahe die gleiche Verteilung der zum Leben notwendigen Güter zu verwirklichen, die zustande gekommen wäre, wenn die Erde zu gleichen Teilen unter alle ihre Bewohner verteilt worden wäre; und so fördern sie, ohne es zu beabsichtigen, ja ohne es zu wissen, das Interesse der Gesellschaft und gewähren die Mittel zur Vermehrung der Gattung. Als die Vorsehung die Erde unter eine geringe Zahl von Herren und Besitzern verteilte, da hat sie diejenigen, die sie scheinbar bei ihrer Teilung übergangen hat, doch nicht vergessen und nicht ganz verlassen.“[14] Vergleicht man diese Beschreibung aus der TMS vom Wirken der unsichtbaren Hand mit der Passage im WN, so fällt zunächst einmal ins Auge, dass dieser Mechanismus jeweils in einem ökonomischen Kontext erwähnt wird und dazu beiträgt, eine Art von Harmonie zwischen den egoistischen Interessen eines Einzelnen und dem Wohl der Allgemeinheit herbeizuführen. Denn wie bereits verdeutlicht wurde, trägt laut Smith die Verfolgung des Eigeninteresses, wie es die Beispiele im Zusammenhang mit dem Übergang von der Feudal- zur Handelsgesellschaft, also dem Grundherrn auf der einen sowie dem jeweiligen Marktteilnehmer auf der anderen Seite, zeigen sollen, zur natürlichen Förderung des Allgemeinwohls bei.

In diesem Zusammenhang ist sowohl aus dem WN als auch der TMS herauszulesen, dass die Abhängigkeit vom jeweils anderen das Fundament für das Wirken der unsichtbaren Hand im Sinne des Allgemeinwohls bildet. Der Unterschied besteht allerdings darin, dass laut Smith im Falle der Feudalgesellschaft eine dem Grundherrn unterstehende und ihm dienende arbeitende Klasse existiert, die von diesem abhängig ist, während in der Handelsgesellschaft zwischen den Marktteilnehmern eine Abhängigkeit Gleicher besteht. Hier ist kritisch anzumerken, dass Smith die bezüglich des Grundherrn bestehende Abhängigkeit „als positive Leistung des Herrn (wenn auch nicht als bewußt vollbrachte) für die arbeitenden Armen [auffasst]. Er scheint außer acht zu lassen, dass das Geld, welches die Reichen ausgeben, ihnen zugleich Produkte oder Leistungen anderer verschafft. Besser gesagt: Er leugnet, daß diese Produkte und Leistungen irgendeinen Nutzen besäßen. Sie sind reiner Tand.“[15] Dies ist wohl dem Faktum geschuldet, dass Smith den inneren Werten eines Menschen mehr Beachtung als dem bloßen äußeren Reichtum schenkt. Darüber hinaus lassen bestimmte Ausführungen von Smith, wie die von der Vorsehung, die die Erde unter wenigen Herren und Besitzern verteilt haben soll, „und dem Beitrag des Menschen zur Erhaltung der menschlichen Gattung […] [den] Begriff der unsichtbaren Hand […] als Teil des theistischen Weltverständnisses (vgl. TMS II.ii.3.5 […]) [erscheinen]“[16].

Immer wieder verwendet Smith in der TMS und im WN im Zusammenhang mit den von ihm formulierten wesentlichen Prinzipien Begriffe wie „natürlich“ oder „Natur“. Und hinter eben jener Natur sieht Smith das Walten Gottes. Zunächst einmal betrachtet Smith das Universum als eine große Maschine (TMS II.ii.3.5), wo alles in geordneten Bahnen verläuft und nichts dem Zufall überlassen ist. So heisst es u.a. in der TMS: „In jedem Teil des Universums beobachten wir, daß die Mittel auf die genaueste und kunstvollste Weise den Zwecken angepaßt sind, die sie hervorzubringen bestimmt sind, und wir bewundern es, wie in dem Mechanismus einer Pflanze oder eines tierischen Körpers alles so ausgedacht ist, daß es die zwei Hauptabsichten der Natur, die Erhaltung des Individuums und die Fortpflanzung der Gattung, befördert.“[17] Es ist offensichtlich, dass für Smith „alles in der Natur einen Sinn, einen Zweck [hat]; seine Sicht der Natur ist teleologisch.“[18] Auch im WN: „Nature is almost always viewed theologically in Wealth of Nations. It exists for and with a purpose, and part of that purpose is human welfare. And so to say must imply either a transcendent, Newtonian God of Nature or an immanent Leibnitzian God in Nature.“[19] Der Einfluss Isaac Newtons auf die naturgesetzlichen Vorstellungen Smiths ist unverkennbar, was sich schon darin zeigt, dass er, wie bereits Newton vor ihm, das Universum als große Maschine beschreibt. Die von ihm in der TMS „genannten Hauptzwecke der Lebenserhaltung und der Lebensweitergabe weisen auf einen gegenwärtigen und auf einen zukünftigen Zweck der Natur hin. Die Zwecke aller Dinge in der Natur sind diesen beiden primären Zielen zu- und untergeordnet.

Dieser Ordnung unterliegt die Welt nicht aus sich selbst heraus. Sie ist ihr vielmehr von einem Schöpfer gegeben, der sich alles sorgfältig ‚ausgedacht (contrived)‘ ([…] TMS II.ii.3.5 […]) hat. Die ‚Weisheit Gottes (wisdom of God)‘ hat die Natur so eingerichtet, wie sich diese uns darstellt (TMS II.ii.3.5 […]). Gott (‚God‘, ‚Deity‘) gilt als ‚Schöpfer der Natur‘, der einen ‚Plan … zur Herbeiführung der Glückseligkeit und Vollkommenheit der Welt entworfen hat‘ bzw. den ‚Plan der Vorhersehung (‚the scheme which the Author of nature has established for the happiness and perfection of the world‘, ‚plan of Providence‘; TMS III.5.7 […]). Er ist der ‚Verwalter (administrator)‘ und der ‚große Direktor (great director)‘ des Universums (TMS VI.ii.3.3/4 […]), der die ‚Glückseligkeit der Menschen (happiness of mankind)‘ zum Ziel (TMS III.5.7 […] und hierfür auch ‚Vorsorge (provision)‘ (WN IV.ix.28 […]) getroffen hat“[20]. Last but not least heisst es damit verbunden bei Smith: „Die Vorstellung von jenem göttlichen Wesen, dessen Wohlwollen und Weisheit von aller Ewigkeit her die unendliche Maschine des Universums so ersonnen und geleitet hat, daß sie das größtmögliche Maß von Glückseligkeit hervorbringe, ist sicherlich von allen Gegenständen menschlicher Betrachtung weitaus der erhabenste.“[21] Da ich bereits feststellte, dass TMS und WN nicht voneinander getrennt betrachtet werden können, ist aus den bisherigen Überlegungen zu schließen, dass die unsichtbare Hand „Ausdruck des teleologischen Weltbildes Smiths [ist] und […] die Gesetzmäßigkeiten bzw. Zusammenhänge dieser Welt“[22] kennzeichnet. Die Parallelen zu Newtons Weltverständnis, das auf der natürlichen Theologie basiert, sind dabei unverkennbar: „Natural theology not only supports the Newtonian method, it is the link between Newton and the ‚scientific‘ method he developed and the natural law philosophers‘ investigations into the natural laws of social phenomena.“[23]

Wegen der eben aufgeführten Beispiele, die ein teleologisches Weltbild bzw. ein theistisches Weltverständnis Smiths intendieren, halte ich es für wenig wahrscheinlich, dass seine Metapher von der unsichtbaren Hand die rein wissenschaftliche Funktion hat, als vorläufige Erklärung für ein Phänomen zu dienen, dessen wirklicher Ursprung noch nicht aufgeklärt bzw. aufgedeckt wurde. Denn schließlich kann man Smiths Ausführungen bzw. Äußerungen zur unsichtbaren Hand im WN nicht herausgelöst aus seinem Gesamtwerk bzw. seinem grundlegenden Denken betrachten. Selbst im WN gibt es, wie schon zuvor deutlich gemacht, Belege für sein theistisches Weltverständnis. Doch wie bedeutend sind die obigen Ausführungen nun konkret für seine Metapher von der unsichtbaren Hand? Ganz klar: Sie lassen die unsichtbare Hand als theologisches Konstrukt erscheinen. Nicht unterschlagen werden soll an dieser Stelle auch ein drittes Auftreten der unsichtbaren Hand in den Werken von Smith. So spricht er in seinem Essay The History of Astronomy (HA) von der unsichtbaren Hand Jupiters: „Hence the origin of Polytheism, and of that vulgar superstition which ascribes all the irregular events of nature to the favour or displeasure of intelligent, though invisible beings, to gods, daemons, witches, genii, fairies. For it may be observed, that in all Polytheistic religions, among savages, as well as in the early ages of Heathen antiquity, it is the irregular events of nature only that are ascribed to the agency and power of their gods. Fire burns, and water refreshes; heavy bodies descend, and lighter substances fly upwards, by the necessity of their own nature; nor was the invisible hand of Jupiter ever apprehended to be employed in those matters. But thunder and lightning, storms and sunshine, those more irregular events, were ascribed to his favour, or his anger.“[24]

Bezüglich der bereits erwähnten invisible hand-Stellen lässt sich die aus der HA klar abgrenzen. Denn während in der „TMS und im WN der Begriff der unsichtbaren Hand als Metapher für das Gesetzmäßige in der Welt, also ein innerweltliches Geschehen, verwendet wird, greift die ‚unsichtbare Hand Jupiters‘ unmittelbar in das aktuelle Weltgeschehen ein. Der Sache nach besteht zur Rede von der unsichtbaren Hand Jupiters in HA eine Parallele in WN (V.i.f.24 […]), wo Smith vom ‚Aberglauben (superstition)‘ an ein ‚unmittelbares Einwirken der Götter (immediate agency of the gods)‘ in das Weltgeschehen spricht.“[25] Smiths theologische Vorstellungen im Allgemeinen und hinsichtlich des Wirkens der unsichtbaren Hand im Speziellen (wie bei Feudal- und Handelsgesellschaft), fügen sich gut in die damals populäre Natural Theology bzw. den zu seinen Lebzeiten dominierenden Deismus ein, wo ein Gott bzw. intelligenter Designer hinter der Schöpfung des Universums steckt, das in seiner Struktur durch Ordnung und Harmonie gekennzeichnet ist. Für eben jene Harmonie bzw. jenes soziale Gleichgewicht sorgt die unsichtbare Hand.

2.3 Marktwirtschaftlicher Aspekt der unsichtbaren Hand

Nachdem ich im letzten Kapitel hinterfragt und dargestellt habe, welches „Smith‘sche Weltbild“ der Metapher von der unsichtbaren Hand zugrunde liegt und wie diese gedeutet werden kann, möchte ich nun folgend näher auf den marktwirtschaftlichen Aspekt eingehen, mit dem sie im WN verbunden ist. Ich machte bereits deutlich, dass den Rahmen der invisible hand-Passage im WN die kritische Auseinandersetzung Smiths mit der merkantilistischen Theorie bildet. Immer wieder wurde Smiths Metapher in der Vergangenheit insbesondere von Vertretern des Wirtschaftsliberalismus wie beispielsweise dem angesehenen und kürzlich verstorbenen Ökonomen Milton Friedman aufgegriffen, der einmal feststellte, dass „Smiths große Leistung in der Lehre von der ‚unsichtbaren Hand‘ […] in seiner Vision einer möglichen Koordinierung der freiwilligen Handlungen von Millionen Einzelpersonen ohne zentrale Lenkung, alleine durch das Preissystem“[26], bestände. Der Ansicht Friedmans nach erkennen wir mit Smiths Augen, dass der Markt kein unheilvolles Chaos ist, sondern ein „wohlgeordnetes, wirkungsvoll ausgeklügeltes System […], das zwar aus der individuell motivierten Handlungsweise des Menschen entstanden ist, aber dennoch nicht mit Bedacht von ihm geschaffen wurde. Dieses System ermöglicht die Koordinierung der vielseitigen Kenntnisse und mannigfaltigen Fähigkeiten von Millionen Menschen für einen gemeinsamen Zweck. Der Gummi produzierende Malaye, der Graphit herstellende Mexikaner, der Holz schlagende Bewohner des Staates Washington und unzählige andere – sie alle arbeiten zusammen, um einen ganz gewöhnlichen Bleistift mit Radiergummispitze herzustellen […], obwohl sie keiner Weltregierung unterstehen, keine gemeinsame Sprache sprechen und weder Ahnung vom Zweck noch Interesse am Ziel haben, für das sie alle zusammenarbeiten.“[27]

Diese liberale Interpretation scheint zunächst einmal durch folgende Aussage Smiths zum Wirken der unsichtbaren Hand bestätigt zu werden: „Der Mensch […] braucht so gut wie unausgesetzt die Hilfe seiner Mitmenschen, und diese würde er vergeblich nur von deren Wohlwollen erwarten. Er wird eher Erfolg haben, wenn er ihre Eigenliebe zu seinen Gunsten wecken und ihnen zeigen kann, daß es zu ihrem eigenen Vorteil ist, das zu tun, was er von ihnen haben will. Gib mir, was ich will, und du wirst das bekommen, was du willst, ist der Sinn jeden solchen Vorschlages; und auf diese Weise erlangen wir voneinander die meisten jener guten Dienste, auf die wir angewiesen sind. Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers oder Bäckers erwarten wir unsere Mahlzeit, sondern von deren Bedachtnahme auf ihr eigenes Interesse. Wir wenden uns nicht an ihre Menschenliebe, sondern an ihre Eigenliebe und sprechen ihnen nie von unseren eigenen Bedürfnissen, sondern von ihren Vorteilen.“[28] Dafür, dass dieser Mechanismus des Eigennutzes funktionieren kann, ist es jedoch unerlässlich, dass im marktwirtschaftlichen System ein Zustand vorherrscht, „in dem alle Menschen auf die Leistungen und die Produkte der Arbeit anderer angewiesen sind – einen Zustand allgemeiner Teilung der Arbeit. Wird arbeitsteilig produziert, so arbeiten die Menschen aber auch stets füreinander – zumindest für den Markt und nicht für sich.“[29] Der Eigennutz jedes Einzelnen befördert also nur dann den allgemeinen Wohlstand, wenn alle Marktteilnehmer in einem Abhängigkeitsverhältnis zueinander stehen, das Smith in der Arbeitsteilung – die für ihn aus der natürlichen Neigung eines Menschen, Tausch und Handel zu betreiben, entspringt – sieht.

Diese, welcher seines Erachtens „viele Vorteile zu verdanken sind, ist ursprünglich nicht das Werk menschlicher Weisheit, die jenen allgemeinen Wohlstand, zu dem sie führt, vorhergesehen und bezweckt hätte. Sie ist notwendige, wenn auch sehr langsame und allmähliche Folge einer bestimmten Neigung der menschlichen Natur, der kein so weitreichender Nutzen vorschwebt: der Neigung, zueinander in Beziehung zu treten, zu handeln und zu tauschen.“[30] Er sieht infolge der Arbeitsteilung einen erheblichen Anstieg der Produktionsleistung und führt diese auf drei Umstände zurück: „erstens auf die Steigerung der Fertigkeit jedes einzelnen Arbeiters; zweitens auf die Ersparnis an Zeit, die gewöhnlich beim Wechsel von einer Art Arbeit zur anderen verlorengeht; und letztens auf die Erfindung einer großen Anzahl von Maschinen, die die Arbeit erleichtern und verkürzen und es ermöglichen, daß ein Mann die Arbeit von vielen tut.“[31] Diese Faktoren bilden für Smith zugleich eine wesentliche Grundlage zur Steigerung des allgemeinen Wohlstands. Als einen Beleg für seine These beruft sich Smith auf eigene Erfahrungen in einer Stecknadelmanufaktur: Während nur ein Arbeiter pro Tag nicht einmal 20 Nadeln herstellen könne, wären zehn Arbeiter, die sich jeweils auf bestimmte Handgriffe spezialisieren würden, dazu in der Lage, täglich 48.000 Nadeln herzustellen. Jedoch sieht Smith in der Arbeitsteilung auch die Gefahr, dass sie, wegen der mit ihr einhergehenden Spezialisierung des Einzelnen, der nur ein paar bestimmte Handgriffe ausübe, zur geistigen Verarmung bzw. Abstumpfung des Arbeiters führen könne, weshalb Smith vorschlug, dass der Staat dem einfachen Volke eine gute Schul- bzw. Allgemeinbildung zukommen lassen solle, notfalls mit Zwang, damit sie u.a. politisch aufgeklärt sind, aber auch den Arbeitern die Möglichkeit eröffnet würde, durch eigenen Fleiß einen sozialen Aufstieg in der Gesellschaft erreichen zu können.

Für ihn hatte sich der Staat auf drei Kernaufgaben zu konzentrieren: So sei es die „erste Pflicht des Herrschers […], […] die Gesellschaft vor Gewalttaten und Unrecht anderer unabhängiger Gesellschaften zu schützen“[32]. Die zweite Pflicht sei es, „jedes Mitglied der Gesellschaft bestmöglich vor Unrecht oder Unterdrückung von seiten jedes anderen zu schützen, also die Pflicht zur Einrichtung einer verläßlichen Rechtspflege“[33]. Die dritte und letzte Pflicht sei es, „bestimmte öffentliche Bauwerke und bestimmte öffentliche Einrichtungen zu schaffen und instand zu halten, deren Schaffung und Erhaltung nie im Interesse eines einzelnen oder einer kleinen Gruppe von Einzelpersonen liegen kann, weil der Gewinn daraus […] [ihnen] nie ihre Aufwendungen ersetzen könnte, obwohl er sie einer großen Gesellschaft häufig weit mehr als zu ersetzen vermag.“[34] Smith geht auf dieses Pflichtverhalten der staatlichen Institutionen im gesamten fünften Buch und damit in einem großen Abschnitt des WN vertiefend ein. Damit versucht Smith einen für ihn notwendigen Rahmen zu setzen, der gegeben sein muss, damit die individuellen Nutzenerwägungen innerhalb der Gesellschaft zum Wohl der Allgemeinheit beitragen. Denn für ihn ist ein Gesellschaftssystem, in dem der Einzelne sein Eigeninteresse völlig frei ausüben kann, kontraproduktiv. Vielmehr muss zumindest eine Art Rechtssystem vorherrschen, das sich an der Gerechtigkeit zu orientieren hat, um negative Auswüchse, die durch das Eigeninteresse bewirkt werden können, im Zaume zu halten bzw. zu vermeiden. Doch was ist diese Gerechtigkeit, nach deren Maßgabe der Staat zu handeln hat? Verkürzt gesagt sind dies für Smith die in einer Gesellschaft institutionalisierten Handlungsregeln, deren Einhaltung rechtlich verpflichtend ist und die notfalls auch mittels Zwang(sgewalt) seitens des Staates als deren Hüter zu bewahren sind.

Sekundär für das Funktionieren des von ihm beschriebenen Gesellschaftssystems sind für Smith dagegen das gegenseitige Wohlwollen bzw. die Liebe und Zuneigung zwischen den ihrem Eigeninteresse folgenden Individuen – hierbei handelt es sich für Smith um Tugenden, die nicht erzwungen werden können, sondern die ausschließlich auf freiwilliger Basis des Einzelnen zu erfolgen haben, wobei es ihm persönlich lieber wäre, wenn in einer Gesellschaft diese Tugenden weit verbreitet wären. Zur Kontrollfunktion des Staates gehört für Smith beispielsweise die Überwachung der Banken: „Ohne Zweifel mag man entsprechende Beschränkungen in gewisser Hinsicht für einen Verstoß gegen die natürliche Freiheit halten. Aber diejenige Ausübung der natürlichen Freiheit einiger weniger, welche die Sicherheit der ganzen Gesellschaft gefährden könnte, wird und muß von den Rechtsordnungen aller Staaten verhindert werden – der freiesten ebenso wie der despotischsten. Die Verpflichtung zur Errichtung von Brandmauern, um das Übergreifen von Bränden zu verhüten, ist ein Verstoß gegen die natürliche Freiheit von genau der gleichen Art wie die hier empfohlenen Beschränkungen des Bankgewerbes.“[35] Für Smith hängt „von der unparteiischen Rechtspflege […] die Freiheit jedes einzelnen, das Gefühl seiner eigenen Sicherheit ab.

Um jedem einzelnen das Gefühl des vollkommen sicheren Besitzes jedes ihm zustehenden Rechtes zu verschaffen, muß die rechtsprechende von der vollziehenden Gewalt nicht nur getrennt, sondern auch möglichst unabhängig sein. Der Richter sollte nicht aus einer Laune der vollziehenden Gewalt heraus seines Amtes enthoben werden können. Die regelmäßige Auszahlung seines Gehalts sollte nicht vom guten Willen, ja nicht einmal vom guten Wirtschaften dieser Gewalt abhängig sein.“[36] Smith ist es also ein besonderes Anliegen, dass der Staat das private Eigentum bzw. die persönliche Freiheit eines jeden Bürgers zu schützen hat. Um das tun zu können und um das Allgemeinwohl sicherzustellen, muss der Staat laut Smith allerdings auch über die Souveränität verfügen, seine nationale Freiheit zu sichern und gegenüber den Begehrlichkeiten anderer Länder gewappnet zu sein: „Freiheit ist die grundlegende Voraussetzung der Selbstbestimmung, die Smith immer wieder fordert […]. Dies gilt auch für das selbstbestimmte Handeln im wirtschaftlichen Bereich und insgesamt sowohl auf individueller als auch auf staatlicher Ebene. So verurteilt Smith beispielsweise ausdrücklich die Fremdbestimmung und Ausbeutung der Kolonien durch die Kolonialherren. Er spricht in diesem Zusammenhang vom ‚bitteren Unrecht der Europäer (savage injustice of the Europeans)‘ (WN IV.i.32 […]; vgl. z.B. IV.vii.c 80, 101 […]).“[37] Hier kommt einmal mehr seine Kritik am Merkantilismus mit seinen unterschiedlichen Formen der Wirtschaftslenkung und des Protektionismus zum Tragen, wie eben kolonialistische oder monopolistische Maßnahmen.

Diesen Vorstellungen erteilt er eine klare Absage und stellt sie wiederholt als verfehlt dar. Im Gegensatz dazu setzt er auf einen ausgeprägten Wettbewerb und Freihandel. Das „Wettbewerbsprinzip sorgt für die optimale Versorgung der Märkte und die optimale Allokation der Ressourcen. Sind die Produktionsfaktoren flexibel, wandern sie in die Sektoren, in denen sie am höchsten entlohnt werden, wo sie also knapp sind. Auf diese Weise bilden sich optimale Faktorstrukturen und das maximal mögliche Sozialprodukt. (Vgl. WN IV.ii.c.86/8 […]; IV.ii.1/15 […]; I.x.a.1 […]) Die Gewinner im Wettbewerbssystem sind die Konsumenten. Monopolistische Gewinne treten nicht bzw. nur temporär als Folge von Innovationen auf. (Vgl. z.B. WN I.x.c.16 […] I.ix.2, 14 […] IV.vii.b.22/4 […]; II.iv.8 […]) […] Smiths Plädoyer für den Freihandel ist im Zusammenhang mit seiner Wettbewerbstheorie zu betrachten. Der Freihandel wird aber auch deshalb befürwortet, weil die Grenzen der Märkte zugleich Grenzen der Arbeitsteilung sind (vgl. WN I.iii […]; LJ(B) § 222 […]). Sie beschränken somit Effizienzgewinne, die durch die Ausschöpfung gegenseitiger Produktivitätsvorteile möglich sind (vgl. WN IV.i.31 […]; III.iii.18/20 […]).“[38] In den auf den zurückliegenden Seiten grob skizzierten Vorstellungen Smiths zum „System der natürlichen Freiheit“ bzw. einer Gesellschaftsordnung, kommt der unsichtbaren Hand eine wohlfahrtsfördernde Rolle zu. Denn von ihr geleitet dient der Einzelne laut Smith einem Zweck, der nicht in seiner Absicht lag, nämlich der Förderung des Allgemeinwohls, obwohl der Einzelne nur an seinen eigenen Vorteil denke, der darauf ausgerichtet sei, in seiner heimischen Erwerbstätigkeit die größte Wertschöpfung zu erreichen (vgl. WN IV.II.9).

Später geht Smith noch einmal vertiefend darauf ein, indem er feststellt, dass „die privaten Interessen und Leidenschaften der Menschen sie geneigt [macht], ihr Vermögen den Verwendungen zuzuführen, die im Regelfall für die Gesellschaft am vorteilhaftesten sind. Sollten sie aber aufgrund dieser natürlichen Neigung solchen Verwendungen zu viel zuführen, so würde das Sinken des Gewinnes in diesen und sein Anstieg in allen anderen Verwendungen sie unverzüglich bewegen, diese falsche Verteilung zu ändern. Ohne jedes Dazwischentreten des Gesetzes führen daher die privaten Interessen und Passionen der Menschen sie natürlicherweise dazu, das Vermögen jeder Gesellschaft auf die einzelnen in ihr stattfindenden Verwendungen möglichst in dem Verhältnis zu teilen und aufzuteilen, wie es dem Interesse der ganzen Gesellschaft am besten entspricht.“[39] Dieses einerseits eigennützige, andererseits jedoch das Allgemeinwohl fördernde Verhalten des Einzelnen verdeutlicht Smith am Getreidehändler, „der nur im Inland agiert, eine Ähnlichkeit zum Verhalten des in der expliziten invisible hand-Stelle des WN genannten Investors (WN IV.v.b.3 […]). Da sich die Marktpreise aus Angebot und Nachfrage ergeben, fordert […] [er] einzig und allein zum Zwecke der Gewinnerzielung einen um so höheren Preis, je knapper das Gut Getreide ist. Ein höherer Preis führt zugleich zu einem Rückgang der Nachfrage und einem sparsameren Umgang der Verbraucher mit diesem lebensnotwendigen Nahrungsmittel. Mögliche Versorgungsengpässe werden also dadurch gelindert, daß sich die Konsumenten in ihrem Verbrauchsverhalten dem verringerten Angebot […] aufgrund der Preisforderung des Getreidehändlers“[40] anpassen.

Und hierbei ist eben nicht irgendeine persönliche Moral oder ein Altruismus seitens des Getreidehändlers im Spiel, sondern einzig und allein sein Eigeninteresse. Jedoch ist die „Smith‘sche Gesellschaft“ so eingerichtet, dass die egoistischen Motive des Einzelnen immer auch zum Wohl der Allgemeinheit sind. Warum? Weil jeder in diesem System der Arbeitsteilung um die Abhängigkeit vom anderen weiß. Denn ohne das Zutun der anderen kann auch ich nicht existieren. Hier vollzieht Smith ganz offensichtlich einen Wechsel von der Rolle des Moralphilosophen zum „sociological theorist“[41]. Eine explizite (moralische) Tugend auf der Seite des Einzelnen beim „Handel treiben“ ist nicht notwendig, da in der „Smith‘schen Gesellschaft“ das Wohlwollen institutionalisiert ist, wobei der Mechanismus der unsichtbaren Hand alles in die richtigen Bahnen lenkt! Ein weiteres Beispiel, um diese Interpretation zu untermauern, ist, dass das „Interesse der Allgemeinheit in Form des Wohlstandswachstums auch unbewußt durch das individuelle Sparen gefördert [wird], das alleine durch den Wunsch nach zukünftigem Konsum motiviert ist (vgl. WN II.iii.14/31 […]). Da nationales Wirtschaftswachstum ein Anwachsen des volkswirtschaftlichen Kapitalstocks voraussetzt, erscheint ‚jeder Verschwender als Feind der Allgemeinheit, jeder sparsame Mensch dagegen als ihr Wohltäter ([..] WN II.iii.25 […]). Die individuellen Sparanstrengungen und der damit verbundene Wunsch nach Verbesserung der Lebensverhältnisse sind nach Smith so wirkmächtig, daß sie auch die Auswirkungen fehlgeleiteter, d.h. dirigistischer und merkantilistischer Wirtschaftspolitiken zu kompensieren vermögen (WN II.iii.31 […]; IV.v.b.43 […]; IV.ix.28 […]). Hier ist die ‚Weisheit der Natur […]‘ (IV.ix.28 […]) am Werke.“[42]

Die unsichtbare Hand sorgt am Markt für eine Harmonie zwischen den egoistischen Interessen des Einzelnen und dem Wohl der Allgemeinheit. Allerdings denkt Smith nicht im geringsten daran, dass sich der Staat vollständig aus der Wirtschaft zurückzuziehen habe und diese praktisch wie von selbst funktioniere, wenn man ihr nur einen ungezügelt freien Lauf ließe, was ich bereits mit den drei von ihm genannten Hauptpflichten des Staates verdeutlichte. Der Staat ist u.a. für Bildung, Verteidigung und Infrastruktur zuständig. Diese Förderung der Interessen des Einzelnen wie der Gesellschaft kann natürlich nicht ohne eine entsprechende Besteuerung der Bürger finanziert werden. Zudem muss der Staat laut Smith sehr wohl in die wirtschaftlichen Prozesse eingreifen – wie mittels der Justiz – wenn die Spiel- bzw. Wettbewerbsregeln des Marktes nicht eingehalten werden sowie die Sicherheit der ganzen Gesellschaft gefährdet ist. Einen ausreichenden Beitrag zur Glückseligkeit des Einzelnen zu leisten vermag der die allgemeine Wohlfahrt zu fördernde Staat laut Smith in dieser nutzenorientierten Gesellschaft jedoch nicht: „Welche Einrichtung der Verfassung könnte so viel dazu beitragen, die Glückseligkeit der Menschen zu fördern, als die allgemeine Herrschaft von Weisheit und Tugend? Jede Regierung und Verfassung ist nur ein unvollkommenes Heilmittel gegen den Mangel der letzteren.“[43] Was oft bei Smith falsch interpretiert wird, ist die Rolle des Eigeninteresses bzw. Eigennutzes.

Zwar spielt diese menschliche Eigenschaft eine zentrale Rolle beim „Wirtschaften“, also in der Ökonomie, ist jedoch nicht in jeder Hinsicht das Maß aller Dinge. Dies führt er in der TMS umfassend aus. So haben beispielsweise seiner Meinung nach die Menschen nicht nur ein egoistisches Interesse an der Institution des Staates, der „nicht nur uns selbst [umfasst], sondern meistens auch alle diejenigen, die das Ziel unserer zärtlichsten Zuneigung bilden, unsere Kinder, unsere Eltern, unsere Verwandten, unsere Freunde, unsere Wohltäter […]. Deshalb hat die Natur bewirkt, daß er uns teuer ist, und zwar nicht nur aufgrund unserer egoistischen, sondern auch […] unserer wohlwollenden Gefühle gegen einzelne Personen.“[44] Und weiter heißt es: „Es ist mehr der Sinn für den öffentlichen als für den privaten Nutzen, der die Menschen zum Gehorsam veranlaßt. Es mag manchmal mehr in meinem Interesse liegen, nicht zu gehorchen und den Sturz der Regierung herbeizuwünschen, aber ich fühle, daß andere Menschen anderer Meinung als ich sind und mich nicht in dem Unternehmen stützen würden. Deshalb unterwerfe ich mich zum Besten des Ganzen ihrer Entscheidung.“[45] Hier wird deutlich, dass dem Einzelnen nicht nur sein Eigennutz bezüglich der Institution des Staates wichtig ist, sondern auch das Eigeninteresse seiner Mitmenschen. Doch damit nicht genug: Für Smith sind alle partikularen Interessen – des Einzelnen, der Stände und der Gemeinden – innerhalb der Gesellschaft dem Gemeinwohl untergeordnet, was von diesen auch anerkannt wird (vgl. TMS VI.ii.2.7/10 und WN IV.viii.31).

Neben das Prinzip des Eigeninteresses beim zwischenmenschlichen Zusammenleben tritt das Prinzip der Sympathie, auf das ich bereits im vorherigen Kapitel kurz zu sprechen kam. Beide Prinzipien prägen – mit jeweils unterschiedlicher Gewichtung – alle Ebenen innerhalb der Gesellschaft und sind für Smith von zentraler Bedeutung im Verhältnis der Menschen zueinander. In seiner Ethik geht Smith noch genauer auf die Tugend beim Menschen ein. Da jedoch eine tiefergehende Befassung damit nicht zur Thematik dieser Arbeit gehört und diese bei weitem sprengen würde, gehe ich nur kurz darauf ein. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass laut Smith „der Wunsch des Menschen nach Ansehen ein wesentliches Regulativ individuellen Handelns darstellt. Die Anpassung des Verhaltens an die Erwartungen der Mitmenschen und die allgemeinen Regeln der Sittlichkeit ist zum einen dadurch motiviert, daß das Individuum Anerkennung von außen ersehnt […]. Zum anderen ist der Mensch um ein moralisch korrektes Verhalten bemüht, weil er auch vor sich selbst, dem eigenen Gewissen bzw. dem inneren gerechten Richter, Anerkennung finden möchte (TMS III.1.7/III.2.12 […]).“[46] Letzteres, sich also bei der Entscheidungsfindung von seinem Gewissen leiten zu lassen, vermögen laut Smith nur wenige „Tugendhafte“ zu leisten, die große Menge tue dies nur bedingt.

Durch die Einbeziehung der TMS entsteht also ein weitaus differenzierteres Bild Smiths ökonomischer Überlegungen, als es von manchen Wirtschaftsliberalisten gern gezeichnet wird, die die unsichtbare Hand auf den Marktmechanismus reduzieren. All diese Leute konzentrieren sich jedoch nur auf Teilaspekte von Smiths „System der natürlichen Freiheit“, das weitaus komplexer und vielschichtiger ist, wie aus den bisherigen Überlegungen deutlich wurde. Es hat sich gezeigt, dass „eine Reduktion des Phänomens der unsichtbaren Hand auf den Marktmechanismus nicht der Auffassung Smiths entspricht. […] Die unsichtbare Hand ist zum einen die Grundlage der unsichtbaren Verbindungen der verschiedensten Elemente des Systems der Welt. Sie steht in Verbindung mit den ‚invisible chains‘, von denen Smith in seinen methodologischen Erwägungen zur Philosophie bzw. Wissenschaft spricht. Zum anderen ist sie aber auch die Grundlage der sichtbaren Zusammenhänge der gesellschaftlichen Elemente im Allgemeinen und der ökonomischen im Speziellen. In diesem Sinne werden die verschiedenen Marktmechanismen in den Begriff der unsichtbaren Hand integriert. Sie erscheinen als Bestandteil der Gesetzmäßigkeiten in der Ökonomie, die ein Teilbereich der Gesellschaft ist.“[47] Wie bereits festgestellt, fußen die gesellschaftstheoretischen Überlegungen Smiths auf einem theistischen Weltverständnis bzw. teleologischen Weltbild.

Für ihn ist Gott zwar als Schöpfer des Universums anzusehen, jedoch versucht Smith die Abläufe und Zusammenhänge innerhalb der von diesem göttlichen Wesen geschaffenen Weltordnung rein rational zu erklären. Ist es also berechtigt, Smith „zwischen Newton und Kant anzusiedeln als einen Denker, für den einzelne Phänomene und Prozesse zwar nur kausal zu erklären, das Ganze eines Systems und seiner Geschichte aber nur teleologisch zu deuten sind?“[48] Ja! Smiths Gesellschaftssystem wirft jedoch einige grundsätzliche Probleme auf, wie z. B. im Falle der Arbeitsteilung, die zu den wichtigsten Voraussetzungen für das harmonische Wirken der unsichtbaren Hand zählt. Denn der „Zusammenhang zwischen dem Spezialisierungsgrad menschlicher Arbeitsteilung und dem Verlust des für das zwischenmenschliche und gesellschaftliche Zusammenleben wichtigen Gemeinsinns […] stellt ein […] Problem dar, das Smith, beispielsweise durch Bildungspolitik, […] nur korrigierend mildern, nicht jedoch beheben kann.“[49] Sehr bedeutend ist zudem die Frage: Was würde passieren, wenn Smiths optimistische theistische Prämisse einer grundsätzlich harmonisch eingerichteten Welt negiert oder gestrichen würde? Was würde in solch einem Fall sicherstellen, dass der Eigennutz bzw. das Eigeninteresse des Einzelnen tatsächlich das Wohl der Allgemeinheit fördert? Sicherlich nicht ein „Blinder Glaube an die Eigengesetzlichkeiten des Marktes oder die Forderung nach einem Nachtwächterstaat[50].

Trotz solch kritischer Aspekte sind Smiths Überlegungen rund um die unsichtbare Hand als vortreffliche Kritik am merkantilistischen System anzusehen, zu dem er eine Alternative zu bieten sucht, die u.a. auf mehr Selbstbestimmtheit und Freiheit des Einzelnen und damit verbunden mehr Wettbewerb und Transparenz im Marktgeschehen als auch weniger Dirigismus seitens des Staates setzt. In diesen zeitgeschichtlichen Kontext müssen seine Überlegungen eingeordnet werden, da er auf konkrete Probleme seiner Zeit eingeht und auf diese eine direkte Antwort zu geben versucht. Andernfalls besteht die Gefahr nicht gerechtfertigter Kritik und falscher Konklusionen, die primär auf unserem heutigen Weltbild bzw. neuester wissenschaftlicher Erkenntnis und Forschung fußen, die nicht einfach auf die damalige Zeit übertragbar sind. Zugleich sind viele Prinzipien Smiths, wie beispielsweise vom Wettbewerb und Freihandel oder der Freiheit und Selbstbestimmtheit des Einzelnen, aktueller denn je und sein Werk ist in der Wissenschaft nachwievor ein oft diskutierter Stoff.

3. Schlussbemerkung

Wie wir gesehen haben, lässt sich die auch in heutigen Zeiten noch viel diskutierte unsichtbare Hand Adam Smiths nicht auf den reinen Marktmechanismus reduzieren. Vielmehr ist ihr Wirken von gesamtgesellschaftlicher Relevanz. Zu diesem Schluss gelangt man jedoch nur dann, wenn man in Smiths Überlegungen zur unsichtbaren Hand aus dem WN auch die der TMS mit einbezieht, denn erst dort gewinnt man ein Verständnis davon, was für ein „Smith‘sches Weltbild“ dieser zugrundeliegt, nämlich ein ganz und gar theologisches bzw. teleologisches! Die unsichtbare Hand wirkt in diesem Kontext als eine Art Mechanismus, der nicht nur im Marktgeschehen, also der Ökonomie im Speziellen, für eine wohlfahrtsfördernde Harmonie zwischen den Eigeninteressen des Einzelnen und dem allgemeinen Wohlstand verantwortlich ist. Denn darüber hinaus bildet sie die Grundlage für all die nicht sichtbaren Verknüpfungen der Elemente dieser Welt und die sichtbaren Zusammenhänge im Smith’schen Gesellschaftssystem. Ihr zugrunde liegt Smiths theistisches Weltverständnis von einem göttlichen Schöpfer, der das Universum gemäß von Ordnung und Harmonie eingerichtet hat. Smith macht deutlich, dass die unsichtbare Hand im Marktgeschehen nur unter bestimmten Voraussetzungen ihre Wirkung zu entfalten imstande ist. Dazu gehört zuvorderst ein System der Arbeitsteilung, das laut Smith der natürlichen Neigung eines Menschen, Tausch und Handel zu betreiben, entspringt und das die Marktteilnehmer voneinander abhängig macht.

Denn im Wissen darum, auf die Leistungen und Produkte der anderen angewiesen zu sein, um die eigene Existenz zu sichern, entwickelt sich ein das Wohl aller förderndes Handeln des Einzelnen. Zugleich bedarf es eines rechtlichen Rahmens, der alle Bürger zu bestimmten Handlungsregeln verpflichtet und dessen Einhaltung durch staatliche Institutionen, notfalls auch durch Zwang, sicherzustellen ist. Andererseits sollen diese Spielregeln den Bürgern möglichst viel Freiheit und Selbstbestimmtheit ermöglichen. Auf den Markt bezogen sollen Wettbewerb und Freihandel vorherrschen, die möglichst nicht durch dirigistische und monopolistische Maßnahmen des Staates zu stören sind, wie es laut Smith im Merkantilismus der Fall ist, dessen bemerkenswerte Kritik die Grundlage des WN bildet. Trotz einiger kritischer Aspekte, wie das bezüglich der Arbeitsteilung angesprochene Problem eines drohenden Verlustes des Gemeinsinns des Einzelnen, der ja ein wichtiges zwischenmenschliches und gesellschaftliches Band darstellt, sind Smiths theoretische Überlegungen zu Ökonomie und Gesellschaft, gerade ob seiner vielschichtigen Betrachtungsweise, im historischen Kontext seiner Zeit und der damit verbundenen Merkantilismus-Kritik in ihrer Gesamtheit recht überzeugend.

4. Quellen- und Literaturverzeichnis

Quellen:

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Literatur:

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Internet:

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Fußnoten:

[1]Ballestrem, Karl Graf: Adam Smith, München 2001, 47-48.

[2] Zurbuchen, Simone: Rezension von: Emma Rothschild:Economic sentiments. Adam Smith, Condorcet, and theEnlightenment, Cambridge, Mass.: Harvard UniversityPress 2002, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 3 1,URL: http://www.sehepunkte.de/2004/03/3726.html.

[3]Ballestrem S. 135.

[4] Smith, Adam: Untersuchung über Wesen und Ursachendes Reichtums der Völker, hrsg. u. eingel. v. Erich W. Streissler, aus dem Englischen übersetzt v. MonikaStreissler, Tübingen 2005, S. 467.

[5] Anm.: „Das Wort Allokation stammt aus dem lateinischenallocare (platzieren). In den Wirtschaftswissenschaftenspricht man von Güterallokation und meint damit dieZuteilung oder Verteilung von Gütern. In einer freienMarktwirtschaft werden die Güter durch den Markt zugeteilt.nDas bedeutet, die Allokation erfolgt durch Millionen von Verhandlungen einzelner Individuen, welche am MarktGüter tauschen. In einer zentral staatlich organisiertenWirtschaft wird die Güterallokation hingegen durch denStaat vorgenommen. Das heisst, der Staat (und nicht dereinzelne Mensch) bestimmt, wer welche Güter undRessourcen zu welchem Zeitpunkt erhält.“ (siehe:http://www.vernunft-schweiz.ch/glossar/153/Allokation.html,Datum: 10.7.2007).

[6] Hottinger, Olaf: Eigeninteresse und individuellesNutzenkalkül in der Theorie der Gesellschaft undÖkonomie von Adam Smith, Jeremy Bentham und John Stuart Mill, Marburg 1998, S. 158.

[7]Ballestrem S. 62.

[8] Ebd. S. 63.

[9] Hottinger S. 159-160.

[10] Smith, Adam: Theorie der ethischen Gefühle, nachder Aufl. letzter Hand übers. u. mit Einl., Anm. u.Registern hrsg. v. W. Eckstein, mit einer Bibliographiev. G. Gawlick, Hamburg 1985, S. 315.

[11]Smith 1985, S. 315.

[12] Hottinger S. 161.

[13] Smith 1985, S. 316.

[14] Ebd. S. 316.

[15] Trapp, Manfred: Adam Smith – politische Philosophieund politische Ökonomie, Göttingen 1987, S. 130.

[16]Hottinger S. 162.

[17] Smith 1985, S. 129.

[18] Hottinger S. 62.

[19] Waterman, A. M. C. (2002): Economics as Theology:Adam Smith’s Wealth of Nations, In: SouthernEconomic Journal 68 (4), S. 918f.

[20]Hottinger S. 62.

[21] Smith 1985, S. 400.

[22] Hottinger S. 162.

[23] Clark, Charles: Economic Theory and NaturalPhilosophy. The Search for the Natural Lawsof the Economy, Cheltenham 1992, S. 53.

[24] Smith, Adam: Essays on Philosophical Subjects, TheHistory of Astronomy (III.2), edited by W. P. D. Wightmanand J. C. Bryce, Indianapolis 1982, S. 49-50.

[25]Hottinger S. 167.

[26] Friedman, Milton: Adam Smiths Bedeutung für 1976,In: Recktenwald, H. C.: Ethik, Wirtschaft und Staat.Adam Smiths politische Ökonomie heute, 1985, S. 218.

[27]Ebd. S. 218-219.

[28] Smith 2005, S. 98.

[29] Trapp S. 126.

[30] Smith 2005, S. 97.

[31] Ebd. S. 92.

[32] Smith 2005, S. 687.

[33] Ebd. S. 688.

[34] Ebd. S. 672.

[35] Smith 2005, S. 687.

[36] Ebd. S. 698.

[37] Hottinger S. 171.

[38] Ebd. S. 148.

[39] Smith 2005, S. 618-619.

[40] Hottinger S. 163-164.

[41] Campbell, Thomas D.: Adam Smith´s Scienceof Morals, London 1971, S. 70.

[42] Hottinger S. 164.

[43] Smith 1985, S. 321.

[44] Ebd. S. 386.

[45] Ebd. S. 386.

[46] Hottinger S. 164.

[47] Ebd. S. 165.

[48] Ballestrem S. 203.

[49] Hottinger S. 197.

[50] Ebd. S. 201.

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  2. 03.2004