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Info-Links zur Arabischen Revolution

Quelle: Wikimedia (http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Revolution_in_arabic.png?uselang=de)

Bereits im Februar beleuchtete ich die Rolle des Internet für die Arabische Revolution am Beispiel Ägyptens sowie in einer Presseschau. In der Zwischenzeit gab es weitere Aufstände. Dazu eine aktuelle Linkliste.

Eine neue politische Generation ist in der arabischen Welt herangewachsen. Diese nutzt verstärkt die neuen Medien als Mittel der Kritik an staatlicher Repression und zur Mobilisierung. Ihre kritischen Botschaften zum brutalen Vorgehen von Regimen wie Libyen, Syrien, Jemen und Bahrain gegen überwiegend friedliche Proteste artikulieren und transportieren Aktivisten aus arabischen Staaten über das Netz und Sender wie Al Jazeera ins In- und Ausland. Damit tragen sie dazu bei, dass sich ihre Landsleute über die in staatlichen Medien verbreitete Propaganda hinaus informieren können, was in ihrem Land passiert. Aber auch der Rest der Welt erhält auf diese Weise wichtiges Bild-, Video- und Textmaterial zu den Geschehnissen – auch wenn dessen Authentizität nicht immer gleich verifiziert werden kann.

(Foto by FlickreviewR, Quelle: Wikimedia / Creative Commons)

[Arabischer Politik-Cartoon. Er soll die Domino-Theorie veranschaulichen, wie jeder der Diktatoren der Reihe nach stürzt. Bin Ali: Ich liebe KSA! (Kingdom of Saudi Arabia) / Mubarak: Wir sind nicht Tunesien! / Gaddafi: Wir sind nicht Tunesien und Ägypten! / Ali Salih: Wir sind nicht Tunesien, Ägypten oder Libyen! / Bashar: Wir sind nicht Tunesien, Ägypten, Libyen oder Jemen!]

Dennoch entsteht so ein realistisches Gegenbild zur einseitigen staatlichen Medienberichterstattung. Das wissen natürlich auch Diktatoren wie der skrupellos gegen sein eigenes Volk agierende Muammar al-Gaddafi. Viele der von Aufständen betroffenen Regierungen reagierten in den vergangenen Monaten mit Zensur und Abschaltung des Internet oder sie nutzen es für eigene Zwecke, um Propagandabotschaften unters Volk zu bringen und gezielt gegen Regimekritiker vorzugehen. Doch letzteren gelingt es selbst dann immer wieder, ihre Botschaften mithilfe der neuen Medien zu verbreiten – vor allem dank guter Netzwerke und über das Ausland. Eine wichtige Rolle in diesem Prozess spielt auch die zunehmende Verbreitung von Handys und Digitalkameras in der Bevölkerung. Praktisch jeder, der ein Multimedia-Handy besitzt, kann Fotos und Videos erstellen. Und insbesondere Bilder sind sehr wirkungsmächtig. Sie vermögen mehr als jeder Text starke Gefühle beim Betrachter auszulösen und ihn für ein Ereignis zu sensibilisieren. Das zeigte bereits das Beispiel der Iranerin Neda Agha-Soltan. Bei Protesten zu den iranischen Präsidentschaftswahlen 2009 soll sie nach Augenzeugenberichten durch ein Mitglied der Basij-Milizen getötet worden sein. Dieses tragische Ereignis wurde mit dem Handy gefilmt und ging per YouTube um die ganze Welt.

Nedas Tod avancierte zum Symbol der Protestbewegung und löste internationale Anteilnahme aus. In Ägypten wurde der offenbar von zwei Polizisten grausam ermordete regimekritische Blogger Khaled Mohammed Said zur Symbolfigur für den dortigen Aufstand. Das Foto von seiner Leiche wurde ins Internet gestellt und fand weltweite Aufmerksamkeit. Solche Amateurvideos und Fotos spielen eine wichtige Rolle für die Arabische Revolution. So verwenden arabische Sender wie das syrisch-oppositionelle Barada TV und der CNN-Konkurrent Al Jazeera, die über Satellit und Live-Stream im Internet verfolgt werden können, derlei Material immer häufiger für ihre Berichterstattung. Nach wie vor ist die – durch neue Medien allenfalls ergänzte – Berichterstattung traditioneller Medien wie Al Jazeera von großer Relevanz für die weite Verbreitung unabhängiger Informationen über die Arabische Revolution. Dabei wird auf soziale Medien wie YouTube, Facebook und Twitter als Quellen zurückgegriffen, über die Nachrichten aus den von der Zensur betroffenen Staaten transportiert werden. Auch wird, wie in dieser Sendung von Al Jazeera, der Internetdienst Skype genutzt, um mit Bloggern und Regimegegnern zu kommunizieren. Die folgende Presseschau stellt ausgewählte Links zu Informationsquellen und aktuellen Publikationen vor, die sich mit der Rolle von Bloggern und sozialen Medien für die Arabische Revolution beschäftigen – mit besonderem Akzent auf Syrien, das zurzeit vom Internet abgeschnitten ist:

Allgemein

Interaktive Zeitleiste des Guardian

Auf einer regelmäßig aktualisierten interaktiven Zeitleiste des Guardian werden mittels unterschiedlicher Symbole (z. B. grüner Punkt für Proteste und roter Punkt für einen Regimewechsel) wichtige Ereignisse der Proteste in der Arabischen Welt hervorgehoben und themenbezogene Guardian-Artikel verlinkt. Zusätzlich gibt es einen Guardian-Live-Blog.

Von Libyen bis Iran: Unruheherde auf einen Blick

Ähnlich wie der Guardian bietet die Online-Ausgabe der Tageszeitung Die Presse einen fortlaufenden Überblick zu den Unruhen mithilfe von Google Maps.

Das Arabische Erwachen

Unter dem Titel „The Arab Awakening“ veröffentlicht Al Jazeera fortlaufend eine Video-Dokumentation über die Umwälzungen in der Arabischen Welt.

Global Voices

Das aus mehr als 300 Bloggern bestehende internationale Netzwerk „Global Voices“ informiert in Spezial-Reportagen über die Ereignisse. Selbsterklärtes Ziel ist es, von Blogs und Bürgermedien aus aller Welt zu berichten und dabei besonderen Wert auf solche Stimmen zu legen, die normalerweise von internationalen Mainstream-Medien überhört werden. Hier die Spezial-Reporte:

Audiovisuelle Medien im Mittelmeerraum

Auf lemonde.fr bestätigt Mathieu Gallet, Präsident der Conférence permanente de l’Audiovisuel Méditerranéen (COPEAM) und Generaldirektor des Institut national de l’audiovisuel (INA), dass sich die Volksrevolte in Ägypten und Tunesien im Internet abgespielt habe. TV und Radio hätten dagegen ihre Rolle nicht gefunden und konnten kein glaubwürdiges und unabhängiges Bild der Ereignisse liefern. Anders als der neue libysche TV-Sender Horaa, der als Reaktion auf die Gaddafi-Propaganda im libyschen Staatsfernsehen entstand. Jetzt müssten TV und Radio in den genannten arabischen Ländern ihre neue Rolle finden: von Staatsmedien zu Medien des öffentlichen Lebens. Dafür brauchten sie die Unterstützung der Mittelmeerstaaten: für die Ausbildung von Journalisten, Reportern und Filmemachern. Das sei die Aufgabe der COPEAM, die vom 12.-15. Mai auf Kreta tagt. Die Zeit sei reif, die Gräben zwischen nördlichen und südlichen Mittelmeerländern zu überwinden.

Kampf den Tyrannen – per Twitter und Facebook

Auf Zeit Online verweist Hauke Friederichs darauf, dass laut Amnesty International (AI) die jüngsten Revolten in der arabischen Welt zeigten, wie Internet und Handy die Politik beeinflussen. Im aktuellen Jahresbericht der Organisation werde darauf hingewiesen, dass sich Menschenrechtsverteidiger und Journalisten vermehrt neuer Technologien bedienten, um die Mächtigen mit der Wahrheit zu konfrontieren und auf eine stärkere Einhaltung der Menschenrechte zu pochen (siehe auch heute.de). Zugleich warne AI vor allzu großer Euphorie über vermeintlich gelungene politische Umbrüche in arabischen Staaten wie Ägypten: Die Entscheidung für oder gegen Freiheit und Gerechtigkeit stehe dort immer wieder auf Messers Schneide.

Junge Rebellen in der arabischen Welt

Simon Kaminski von der Augsburger Allgemeinen stellt fest, dass es auffallende demografische Parallelen zwischen Ägypten, Tunesien, Libyen oder Syrien gäbe. Dieser Einschätzung liegt eine Analyse von Wenke Apt, Mitarbeiterin der Stiftung Wissenschaft und Politik, über eine frustrierte Generation zugrunde. Ihr Aufsatz „Aufstand der Jugend“ findet sich hier.

Mit Cola gegen Tränengas

Auf tagesspiegel.de berichtet Fabian Schlüter von einer Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin, zu der Protest-Aktivisten aus der arabischen Welt eingeladen waren. Sie trafen sich mit SPD-Chef Sigmar Gabriel und erörterten die Entwicklungen während der Arabischen Revolution. Die Diskussion wurde per Live-Stream übertragen. Ein YouTube-Video porträtiert drei ägyptische Revolutionäre.

Es gab keine Facebook- und Twitter-Revolution

Michel Wenzler verweist im schweizerischen Tagesanzeiger darauf, dass laut Experten der eigentliche Erfolg der Arabischen Revolution nicht auf den neuen Medien beruhe. Verantwortlich seien andere Faktoren. Vor allem traditionelle Medien wie die Fernsehsender Al Jazeera und BBC, die sich aber häufig auf Internetquellen stützten, hätten eine wichtige Rolle gespielt.


Syrischer Online-Aktivist spricht mit Al Jazeera

Ein Bericht von Al Jazeera zeigt, wie Blogger staatliche Zensur umgehen: indem sie aus dem Ausland heraus agieren. Der unter dem Pseudonym Malath Aumran aktive syrische Cyber-Aktivist Rami Nakhle ist einer von ihnen. Der gut vernetzte Blogger operiert aus seinem Exil im Libanon heraus und veröffentlicht aktuelle Informationen (Videos, Fotos, Texte) zu den Protesten in seiner Heimat.

Interview von Al Jazeera mit dem syrischen Blogger Rami Nakhle:


Hier klicken, um das Video auf YouTube anzusehen...


Facebook-Seite „The Syrian Revolution 2011“

Die syrische Protestbewegung richtet via Facebook Forderungen an Präsident Baschar al-Assad. Als wesentliches Ziel gilt es, mehr Freiheit in Syrien durchzusetzen. Die Nutzer tauschen sich über die Lage in Syrien aus und informieren sich gegenseitig mit Links auf Videos, Bilder und Berichte. Es gibt auch eine englischsprachige Seite: www.facebook.com/SyrianDayOfRage.

Youtube zeigt Bilder der Proteste in Syrien

Auf der Webseite des Schweizer Fernsehens wird in einem Artikel die steigende Bedeutung sozialer Medien wie YouTube, Facebook und Twitter als Kommunikationskanäle in Syrien hervorgehoben. So seien allein die YouTube-Videos der regimekritischen Shaamnews in den letzten zwei Monaten über 3,5 Millionen Mal angeschaut worden. In dem Beitrag werden außerdem die vermeintlich wichtigsten sozialen Netzwerke in Syrien verlinkt.

Gejagte Revolutionäre im Netz

Raniah Salloum schreibt in der Online-Ausgabe der Financial Times Deutschland, dass das syrische Regime von der Demokratiebewegung gelernt habe und nun das Internet seinerseits zur Jagd nach Regimekritikern nutze. Der Geheimdienst verfolge die elektronischen Spuren seiner Gegner und liefere sich mit ihnen eine Schlacht um die Deutungshoheit von Handyvideos und Bildern.

Syrien: Die Revolte Internetcafé

heute.de berichtet, die syrischen Aktivisten hätten von den Protesten in anderen arabischen Ländern gelernt und setzten verstärkt auf Medien- und Öffentlichkeitsarbeit, um ihre Anliegen zu transportieren. Adressaten der Internet-Botschaften seien ausländische Medien wie BBC und Al Jazeera, die der Propaganda staatlicher Medien etwas entgegensetzen und Druck auf die Weltgemeinschaft ausüben könnten, damit diese die Regierung in Damaskus ächte.

Soziale Netzwerke bringen Asad in Bedrängnis

Ein Artikel von NZZ Online beschäftigt sich mit der Wirkung sozialer Medien auf autoritäre Regime wie das in Syrien. Dabei wird u.a. auf eine Erhebung des Datendienstes Internet World Stats verwiesen, wonach lediglich 18 Prozent der Syrer einen Internet-Zugang hätten. Und der Teil der Bevölkerung, der sich bei Facebook & Co. registriert hat, darunter eine Vielzahl jüngerer und oft gut ausgebildeter Menschen, würde systematisch vom syrischen Regime überwacht.

Dieser Beitrag wurde von mir auf politik-digital.de am 13.5.2011 unter einer Creative Commons – Lizenz erstveröffentlicht.

Das Internet und die Proteste in Ägypten

Wie bedeutend war das Internet beim Volksaufstand in Ägypten & dem Rücktritt Mubaraks? Antwort: Gerade vor den Protesten entfaltete das Netz eine Wirkung, die viele Menschen zum Handeln ermutigte.

Karrikatur von Mubarak

(Autor: Carlos Latuff, Lizenz: gemeinfrei, Quelle: Wikimedia Commons)

Seit Anbeginn der Proteste in Ägypten wird einzuordnen versucht, welche Bedeutung dem Internet dabei zukommt. Für den Psychologen Peter Kruse steht fest: „Nicht das Netz, sondern das Resonanzfeld in der Gesellschaft bewirkt die Revolution. Das Internet schafft schnell ein Gefühl von Masse und das gibt die Sicherheit, die persönliche Angstschwelle zu überschreiten, sichtbar zu werden und Wirkung zu erzeugen.“ Gerade die ägyptische Jugend nutzt verstärkt das Medium Internet. Volker Perthes von der Stiftung Wissenschaft und Politik meint, dass die Revolutionen in Tunesien und Ägypten das Werk einer neuen politischen Generation sind: Kleine, studentisch geprägte Gruppen hätten den Protest organisiert und über soziale Netzwerke mobilisiert. Das ist schon insofern naheliegend, als dass der Anteil der unter 30jährigen an der Gesamtbevölkerung bei etwa zwei Drittel (Quelle: U.S. Census Bureau, International Data Base) liegt. Unabhängig vom Alter schwanken die Zahlen zur Internetnutzung in Ägypten zwischen 16 (Quelle: Statistisches Bundesamt) und 21 Prozent (Quelle: Internet World Stats).

Nach Angaben von ANHRI gibt es in Ägypten rund 15 Millionen Internetbenutzer und etwa 200.000 Blogs. Im Report der Organisation heißt es, dass die „ägyptischen Blogger […] die politischen Zwänge durch ihre Blogs zu durchbrechen [versuchen], und sie sind bekannt für ihre bittere Kritik an der Regierung, obwohl diese versucht die Blogger zu unterdrücken.“ Auch soziale Medien wie Facebook dienen dabei als Plattform. Ein prominentes Beispiel dafür ist die vor drei Jahren von Ahmed Maher gegründete Jugendbewegung des 6. April, die eine Facebook-Seite unterhält und zusammen mit den Gründern der Gruppe We are all Khaled Said die Ägypten-Proteste mitinitiiert haben soll. Insgesamt soll es 4 – 5 Millionen (Quellen: Internet World Stats, Spot on, www.checkfacebook.com) ägyptische Facebook-Nutzer geben. Zur Twitter-Nutzung durch die Ägypter während der Proteste gibt es kaum verwertbare Daten. In einem Bericht von 2009 kam Reporter ohne Grenzen zu dem Schluss, dass sich das Internet in Ägypten zu einem einflussreichen Mittel der politischen Meinungsäußerung und Massenmobilisierung entwickelt hat.

Das ägyptische Regime reagierte auf diese Entwicklung mit schärferen Kontrollen und der Festnahme missliebiger Blogger. Darunter finden sich viele junge Ägypter, die sich per Internet via Blog, Facebook und Twitter u.a. Luft über die soziale Perspektivlosigkeit verschaffen. All dies verdeutlicht, dass die Rolle des Internet im Zusammenhang mit den Protesten nicht unterschätzt werden darf. Gerade der gut ausgebildete Teil der jungen Generation nutzte schon vor Beginn des Volksaufstands soziale Plattformen wie Facebook, um sich zu vernetzen und zu organisieren. Auch der Social-Media-Experte Thomas Pfeiffer kommt zu dem Schluss, dass das Social Web gerade im Vorfeld der Proteste seine Wirkung entfaltete:

„Die Menschen in Ägypten, nicht nur die ‚klassischen‘ Dissidenten und Oppositionellen, haben sich gegenseitig Rückhalt geboten. Im Netz konnten die Menschen sehen: „Wir sind nicht allein.“ Dass das Internet während der Proteste weniger bedeutend war, lässt sich laut Pfeiffer schon allein daran erkennen, dass die Proteste auf dem Tahrir-Platz auch weitergingen, als das Regime das gesamte Internet lahmlegte: „Jetzt aber, während die Proteste im vollen Gange sind, funktioniert die Vernetzung auch ohne Internet ziemlich gut und nachhaltig.“

Eines scheint sich zu bestätigen: Das Internet in Ägypten erreicht zwar nur eine im Vergleich zu Europa kleine Menge der Bevökerung, die scheint jedoch hoch politisiert zu sein. Diese überwiegend jungen intellektuellen Meinungsführer nutzen besonders die sozialen Medien, um den Widerstand zu organisieren.

Damit öffnen sie Fenster in die restliche Welt, die Außenstehenden einen direkten Einblick in die derzeitigen Aufstände bieten. Die traditionellen Medien tun sich hingegen noch schwer mit der Einordnung dieser Informationen, da sie oft einer journalistischen Prüfung nur schwer zu unterziehen sind. Auf der einen Seite können die westlichen Medien Blogs, Twitter und Facebook-Seiten nicht mehr ignorieren, andererseits ist es weiterhin schwer, die Bedeutung dieser Informationen für die Revolution einzuordnen. Dass sie einen großen Einfluss auf die derzeitigen Aufstände haben, kann jedoch schon jetzt nicht mehr bestritten werden.

Unter Mitarbeit von Dr. Steffen Wenzel, Philipp Albrecht & Johann Eggert.

Dieser Beitrag wurde von mir auf politik-digital.de am 11.2.2011 unter einer Creative Commons – Lizenz erstveröffentlicht.

Twitter und die arabische Revolution

Welche Rolle spielen Social-Media-Dienste wie Twitter und Facebook bei den Protesten in der arabischen Welt und ganz aktuell in Ägypten? Keine besondere, meint z. B. Malcolm Gladwell. Auch deutsche Medien sind gespaltener Auffassung. Dazu eine kurze Presseschau plus Live Ticker.

Der Bestsellerautor Malcom Gladwell zweifelt schon länger an der Bedeutung sozialer Medien wie Facebook oder Twitter bei der Organisation politischer Proteste. Er stellt fest, dass frühere Revolutionen wie 1789 in Frankreich oder beim Fall der Berliner Mauer auch ohne Facebook auskamen. Doch verfolgt Gladwell hier den richtigen Ansatz? Unstrittig ist wohl, dass während gesellschaftlicher Umwälzungsprozesse in Form von Revolutionen zu unterschiedlichen Zeiten teilweise völlig andere technische Mittel der Kommunikation und Organisation genutzt wurden. Das ist dem technologischen Fortschritt geschuldet.

Die Frage ist aber auch: Mit welcher Geschwindigkeit und Breitenwirkung erlauben derlei Werkzeuge die Kommunikation? Das Digitale Zeitalter stößt hierbei in völlig neue Dimensionen vor. Denn eine Botschaft kann in Sekundenschnelle um die ganze Welt geschickt werden. Vorausgesetzt, man hat einen Zugang zu Internet, Mobilfunknetz & Co. Wohl genau deshalb kappte das ägyptische Regime zeitweilig solche Zugänge. Um den Protestlern die Kommunikation zu erschweren und zugleich Propaganda per SMS zu verbreiten. Doch wie bedeutend sind soziale Medien wie Twitter bezüglich der Proteste? Hanan Badr von der Uni Erfurt sieht in ihnen nicht die Ursache der Demonstrationen in Ägypten. Auch hätten die Protestierenden nach den Internetsperren sehr zügig zu traditionellen Mitteln der persönlichen Kommunikation gegriffen. Jedoch seien die Social Media „in der Mobilisierung und Vernetzung von oppositionellen Kräften nicht zu unterschätzen. Die Netzwerke sind durch die elektronischen Wege intensiver und schneller. Auch schaffen sie öffentliche virtuelle Räume, wo ein Dialog über Themen unter den extern pluralistischen Oppositionsgruppen stattfinden kann. Das wäre in der realen Welt unwahrscheinlich“, so die aus Ägypten stammende Badr.

Und was sagt die deutsche Medienlandschaft dazu? Ich habe mich einmal umgeschaut. Die Meinungen und Analysen gehen hier auseinander. Von einer Revolution, die allein durch Social-Media-Dienste wie Twitter und Facebook bewirkt wird, spricht jedoch kaum jemand. Hier ein paar ausgewählte Artikel:

Twitter, Facebook und die Revolution in Ägypten

Twitter, Facebook und die Revolution in ÄgyptenPhilipp Meller von Cicero sprach mit dem nach Ägypten gereisten Internet-Blogger Richard Gutjahr über die angespannte Lage in Ägypten und die Bedeutung der Internet-Netzwerke für die aktuellen Proteste. Laut Gutjahr gelangen Meldungen der Proteste fast ausschließlich über Internet-Dienstleister wie Twitter oder Youtube an die ausländische Öffentlichkeit. Bezeichnend sei, dass die ARD-Tagesthemen per Skype ein Live-Interview mit einem ägyptischen Internetblogger führten.

Arabiens Facebook-Jugend verjagt die Greise

Beim Handelsblatt schrieb Volker Perthes von der Stiftung Wissenschaft und Politik, dass die Revolutionen in Tunesien und Ägypten das Werk einer neuen politischen Generation seien. Kleine, studentisch geprägte Gruppen hätten den Protest organisiert und über soziale Netzwerke mobilisiert. Dem schlossen sich Bürger aus der Mittelschicht und die Armen an, die dem Ganzen den Charakter einer Volksrevolte gaben. Zukünftige Regierungen der arabischen Welt wüssten nun, dass ein Anregieren gegen die Demografie und die stärksten Generationen nicht ginge.

Die Revolution, die keine war

Im Spiegel Online versucht Mathieu von Rohr mit der Vorstellung aufzuräumen, es gäbe Facebook-Revolutionen. Seiner Auffassung nach gibt es nur Revolutionen von Menschen, die sich befreien wollen. Es waren unzumutbare Verhältnisse wie Armut und Perspektivlosigkeit der Jugend, die die Menschen auf die Straße trieben. Dennoch habe das Internet die Volksaufstände in Tunesien und Ägypten befördert.

Wir sind alle Khaled Said

Die ägyptische Zivilgesellschaft habe eine Vorgeschichte des Protests, so die Islamwissenschaftlerin Sonja Hegasy bei taz.de. Gerade das ägyptische Regime selbst sei für die aktuelle Entwicklung mitverantwortlich, da es das Internet in den letzten Jahren stark gefördert habe. Die aktuellen Demonstrationen werden über das Internet organisiert und orchestriert, so Hegasy.

Revolution offline

Bei Zeit Online schreibt Evgeny Morozov, dass es für Umstürze nicht des Internet bedarf. Auch könne nicht von einer Twitter-Revolution gesprochen werden. Zudem dienten Facebook und Twitter nicht nur zur Publikation von Protesten und Menschenrechtsverletzungen: denn nach einer gescheiterten Revolte vermögen Regime auch Dissidenten dort ausfindig zu machen. Das Fazit von Morozov lautet: Das Netz nützt Unterdrückern und Unterdrückten.

Mubarak kontert die Facebook-Revolution

Florian Güßgen von stern.de meint, dass die Social Media eine zentrale Rolle bei der Organisation der Proteste in Ägypten einzunehmen scheinen. Die Debatte um die Rolle sozialer Medien bei politischen Umwälzungen und die Frage, ob deren Förderung ein fester Bestandteil der Außenpolitik demokratischer Staaten sein müsse, würden durch die Proteste befeuert werden.

Sehnsucht nach der digitalen Revolution

Die Rolle des Internet als Mittel der politischen Einflussnahme werde immer bedeutender, meint Andrian Kreye von sueddeutsche.de. Dennoch werde es überschätzt. Eine zentrale Aussage von ihm ist, dass für eine wirkliche Revolution mehr zusammenkommen müsse – ein kollektiver Leidensdruck, nachvollziehbare Reformideen, Kampfwille, breite Organisationsstrukturen. Daher sei das Internet, respektive Twitter und Facebook, bei den Umwälzungen in Tunesien und Ägypten nur eines von vielen Werkzeugen.

Ägypten ist keine „Twitter-Revolution“

Der Journalist Philip Rizk relativiert bei dradio.de ebenfalls die Rolle der sozialen Medien. Er spricht von einer Revolution zu Fuß. So wären z. B. bei der Großdemonstration vom 28.1. vor allem Menschen aus ärmeren Vierteln anwesend gewesen, die noch nie etwas wie das Internet gesehen hätten. An diesem Tag gab es kein Twitter, Facebook, Internet und keine Handy-Verbindungen.

Das Internet nimmt den Staatenlenkern ihre Macht

Das Beispiel Ägypten zeige, dass das Internet größere Machtverschiebungen auslösen könne und die Weltpolitik nicht länger nur Regierungen vorbehalten sei, schreibt Joseph S. Nye bei Welt Online. Regierungen hätten dank des digitalen Zeitalters zukünftig weniger Kontrolle über ihre politischen Agenden.

Dieser Beitrag wurde von mir auf politik-digital.de am 7.2.2011 unter einer Creative Commons – Lizenz erstveröffentlicht.

Ursachen für die Französische Revolution


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
2. Hauptteil

__2.1 1789 – Der Ausbruch der Französischen Revolution
__2.2 Bedeutende Ursachen für die Französische Revolution
_……._2.2.1 Die Krise des französischen Staatswesens
…….__2.2.2 Die ökonomische Krise
…….__2.2.3 Der gesteigerte Einfluss des Dritten Standes
…….__2.2.4 Aufklärung und Entstehung
…….__…….__einer öffentlichen Meinung
__2.3 Fazit
3. Schlussbemerkung
4. Quellen- und Literaturverzeichnis


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1. Einleitung

Sokrates
 „La Liberté ou la Mort“ – The Genius of France between Liberty and Death

Bild von: Jean-Baptiste Régnault
Lizenz: public domain
Quelle: .-wikimedia

Dieser Beitrag soll Aufschluss darüber geben, worin die bedeutendsten Ursachen für die Französische Revolution, die nicht nur in der Geschichtswissenschaft als eine wichtige Zäsur in der europäischen Geschichte bezeichnet wird, liegen könnten. Dies wird im Wesentlichen durch eine Zitation von ausgewählter Forschungsliteratur geschehen: Zunächst ist in diesem Zusammenhang der bedeutende französische Historiker Jules Michelet zu nennen, der „in seiner Zeit die eindringlichste, minutiöseste und […], bis heute, die farbigste, ergreifendste Schilderung der Revolution geschrieben“[1] hat. Das französische Volk war für ihn der wahre Held der Revolution, und zwar „vom Bastillesturm an, den er nicht als eine politisch vernünftige Tat, sondern als einen Akt des Glaubens“[2] beschrieb. Daneben ist der Sozialist Louis Blanc mit seiner Histoire de la Révolution francaise zu erwähnen, der vom Exil in London aus „die dort vorhandenen Quellen, etwa über Emigrationen und über den Vendée-Aufstand“[3], auswertete und in der Französischen Revolution „Größen wie Autorität, Individualismus und Fraternité gegeneinander kämpfen“[4] sah. Als eine Darstellung, die „den Werken von Michelet und Blanc […] in der historisch-kritischen Methode überlegen ist“[5], ist die Geschichte der Revolutionszeit von Heinrich von Sybels zu nennen, der die „europäisch-außenpolitische Ermöglichung der Revolution, den Umsturz des vom Ancien Régime aufgebauten europäischen Gleichgewichts durch die Girondisten [und] die sozialen Beweggründe zur Revolution, besonders die Eigentumsschichtung“[6], aufzeigte.

Für den wohl bedeutendsten französischen Historiker des 19. Jahrhunderts, Alexis de Tocqueville, war dagegen „die Richtung auf den zentralistischen bürokratischen Staat [entscheidend], und diese Richtung war schon deutlich in der staatlichen Entwicklung vor der Revolution zu sehen.“[7] Ein entscheidender „Durchbruch der Revolutions-Geschichtsschreibung, die sich auch den anonymen Volksmassen zuwandte, erfolgte unter Georges Lefebvres“[8], der die „Geschichte der revolutionären Mentalitäten [begründete], eine Tradition, die von Ernest Labrousse und Michel Vovelle“[9] fortgeführt wurde. Labrousse „untersuchte die Krise der französischen Wirtschaft am Vorabend der Revolution und fügte den Ursachen des kollektiven Traumas die Relevanz der Wirtschaftskonjunktur hinzu.“[10] Die Revolutionsforschung prägte im 20. Jahrhundert aber insbesondere auch François Furet. Zur Französischen Revolution verfasste er zusammen mit Denis Richet eine Gesamtdarstellung, die „bis heute von keiner späteren übertroffen worden ist“[11]. Er trennte „das Problem der Französischen Revolution als sozialgeschichtlichem Umbruch vom Problem des Jakobinismus stärker“[12] und sah in dieser keinen „Umbruch oder […] Bruch, sondern nur […] eine etwas bewegtere, teils beschleunigte, teils auch hemmende Phase innerhalb einer längerfristigen Entwicklung von etwa 1750 bis 1830“[13], weshalb der „Bruch […] (sozusagen „nur“) in der Politik und im Bewußtsein festzustellen“[14] war.

Als aktuelle Forschungsliteratur werde ich u. a. Die Französische Revolution von Ernst Schulin, die als einführende Orientierung zur Revolutionsforschung sehr dienlich ist, Die Französische Revolution von François Furet und Denis Richet sowie Das Blut der Freiheit. Französische Revolution und demokratische Kultur von Rolf E. Reichardt verwenden, der in seinem Vorwort süffisant anmerkt, dass uns das „weltweit begangene Bicentenaire […] zur 200. Wiederkehr des Jahres 1789 international – die Flut der Zeitschriftenaufsätze nicht eingerechnet – mit etwa 5000 Bänden an teilweise grundlegenden Quelleneditionen, Monographien und Kongreßakten überschüttet“[15] hat. Reichardt schlägt vor, die Französische Revolution weniger von den Ereignissen in Paris, sondern mehr von den Provinzen abhängig zu machen und von klassischen einheitlichen Darstellungen wie die von Jules Michelet abzurücken. Er stellt fest, dass „ein Großteil der neuen Forschungsliteratur aus Regionalstudien besteht“[16], die der Revolution in der Provinz mehr Aufmerksamkeit als üblich verleihen.

2. Hauptteil

2.1 1789 – Der Ausbruch der Französischen Revolution

Prise de la Bastille - Sturm auf die Bastille (1789)

Prise de la Bastille – Sturm auf die Bastille im Jahre 1789

Bild von: Jean-Pierre Houël
Lizenz: public domain
Quelle: .-wikimedia

Heinrich Heine bezeichnete das Jahr 1789 als Jahr der Gnade, in dem in Frankreich ein „Kampf um Gleichheit und Brüderschaft“[17] begann, wo die Machthaber „durch die Zeit ihre Kraft verloren und das Volk an Kraft gewonnen und nicht mehr aus dem Evangelium, sondern aus der Philosophie seine Rechtsansprüche geschöpft hatte“[18]. Der Begriff der Französischen Revolution bezeichnet aus historischer Sicht den Zeitraum zwischen 1789 und 1799. Die Erstürmung der Bastille[19] durch die Pariser Bevölkerung am 14. Juli 1789, die ein spektakuläres Ereignis darstellte, „markierte schon für die Zeitgenossen den eigentlichen Beginn der Französischen Revolution“[20] und „obwohl strategisch bedeutungslos, hatte sie weitreichende politische Folgen“[21], da sie zeigte, „daß sich die Armee nicht mehr gegen die breite Bevölkerung einsetzen ließ, und machte damit auch einen Militärschlag gegen die Nationalversammlung unmöglich.“[22] Doch dieser Volksrevolution ging eine Verfassungsrevolution voraus: Im Zuge der Einberufung der Generalstände durch König Ludwig XVI. zum 5. Mai 1789 zur Beseitigung der schweren finanziellen Krise des Staates kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen König, Adel und Drittem Stand, der „eine Verfassung und […] zunächst einmal Klarheit über den Abstimmungsmodus“[23] wünschte. Da diese bedeutenden Verfahrensfragen jedoch nicht gelöst wurden und der König aus diesen Entwicklungen geschwächt hervorging, ergriff der Dritte Stand die Initiative und erklärte sich mit der Feststellung, dass er die überwältigende Mehrheit des Volkes vertrete, am 17. Juni 1789 zur Nationalversammlung, wobei er auch Unterstützung von prominenten Vertretern aus Adel, wie Graf von Mirabeau, und Klerus, wie dem katholischen Geistlichen Abbé Sieyès, erfuhr. Dadurch „sind die Abgeordneten von Interessensvertretern einzelner Korporationen und Stände zu Repräsentanten Frankreichs geworden“[24].

Nachdem alle Versuche des Königs, diese Nationalversammlung aufzulösen, gescheitert waren, „stimmt[e] er [schließlich] einer Verfassungsrevolution zu, die sein dynastisches Erbrecht mit einem gewählten Parlament konfrontiert[e] und ihm als dem traditionellen Repräsentanten des Gemeinwohls mit der Assemblée nationale constituante (Erklärung vom 9. Juli 1789) einen konkurrierenden Souverän zur Seite stellt[e].“[25] Nach dieser gemäßigten und elitären „>>Revolution der Juristen<< […] betritt das Volk von Paris die Bühne der Revolution“[26], das durch die Einnahme der Bastille in seinem Entschluss bestärkt wurde, aktiven Widerstand gegen das Ancien Régime zu leisten. Fortan kam Paris eine bedeutende Rolle in der weiteren revolutionären Entwicklung zu: der Pariser Stadtrat bildete sich zu einer mächtigen Nebenregierung heraus und dessen Nationalgarde legte den Grundstein für die spätere Volksarmee. Die Nachricht von der Erstürmung der Bastille verbreitete sich rasch in ganz Frankreich und in der „ländlichen Bevölkerung, die durch Versorgungskrisen, vagabundierende Bettlerscharen und hochmütige adlige Grundherren ebenso drangsaliert wie sensibilisiert worden war, brach eine Kollektivpanik aus.

Sokrates
Proclamation de la Constitution, place du Marché des Innocens, le 14 septembre 1791 – Proclamation of the French constitution in Paris in 1791

Bild von: Pierre Gabriel Berthault
Lizenz: public domain
Quelle: .-wikimedia

In der Normandie, in den Ardennen, im Elsass, in der Franche-Comté und im Saônetal stürmten bewaffnete Bauernscharen Schlösser, Klöster und grundherrliche Archive.“[27] Man kann die Ereignisse in Paris sozusagen als Initialzündung für viele andere Städte und Gemeinden ansehen, die ihre von den königlichen Beamten unterdrückten kommunalen Freiheitsrechte zurückerobern wollten.[28] Die Französische Revolution entsprang aber keiner homogenen Bewegung. Vielmehr verfolgten die Akteure an den unterschiedlichen regionalen Schauplätzen oft verschiedene Ziele, je nach Interessenslage, wobei sie sich trotz fehlender Gesamtkoordinierung gegenseitig stark beeinflussten. Ihren vorläufigen Höhepunkt fand diese Entwicklung nach so bedeutsamen Vorgängen wie der Verkündung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 26. August 1789 in der Absetzung des Königs am 21. September 1792, die das endgültige Ende der französischen Monarchie und den Übergang zur Republik markierte. Doch was könnten die wichtigsten Ursachen für diesen so gewaltigen gesellschaftlichen Umbruch gewesen sein?

2.2 Bedeutende Ursachen für die Französische Revolution

Die Situation in Frankreich kurz vor dem Ausbruch der Revolution war „geprägt durch ein anhaltendes Bevölkerungswachstum, knapper werdende Erwerbsstellen, eine Krise des Textilgewerbes, steigende Preise bei stagnierenden Löhnen, schließlich durch eine wachsende Staatsverschuldung und einen innenpolitischen Dauerkonflikt der Krone mit den Volksvertretungsansprüchen der Obergerichte (parlements).“[29] Doch wie kam es dazu?

2.2.1 Die Krise des französischen Staatswesens

Die strukturellen Mängel des absolutistischen[30] Regierungssystems in Frankreich führten zu einer Finanzkrise von ungeheurem Ausmaß, das lag „vor allem am Verwaltungsaufbau und am Steuerwesen, – und daran, daß beides nicht zu reformieren war“[31]. Denn Zwischengewalten, wie Provinzialstände, Adel und Klerus, die im positiven Sinne auf eine Reformierung der veralteten staatlichen Strukturen hätten hinwirken können, „konnten strukturmäßig blockieren und sie taten es.“[32] Dem Königtum war es nicht gelungen, diese Zwischengewalten zu Gunsten einer mächtigen staatlichen Zentralgewalt auszuschalten, vielmehr wirkte diese insbesondere aufgrund der entgegengesetzten Bestrebungen von Adel und Drittem Stand geradezu paralysiert: so griff der Adel „den Absolutismus im Namen der Tradition an, während die aufgeklärte Meinung des Dritten Standes ihn im Namen der Reformnotwendigkeiten“[33] angriff. Das Königtum erlitt in diesem Zusammenhang bis zum Ausbruch der Französischen Revolution einen immensen Autoritäts– und Machtverlust. Gerade die „althergebrachte Form der Steuerveranlagung, die den Adel von der taille[34] ganz befreit[e] und der Kirche die Möglichkeit gibt, durch immer neue Vergleiche billig davonzukommen“, barg eine explosive Mischung sozialen wie wirtschaftlichen Sprengstoffes in sich. Denn wenn die „große Menge des produzierten und akkumulierten Reichtums“[35] von den Steuern befreit war, so unterlagen gerade die Einkünfte des Kleinen Mannes einer unzumutbaren Mehrbelastung durch steuerliche Abzüge.

Unter anderem diese im höchsten Maße ungerechte Besteuerung und die Weigerung des Königs, die Steuerbefreiung von Privilegierten wie dem Adel zu beseitigen, machten die Finanzkrise zugleich zu einer Krise der Gesellschaftsordnung. Der immer rapider steigende Finanzbedarf, besonders auffällig werdend im Zuge der Beteiligung am amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, und die damit verbundenen Maßnahmen zu dessen Deckung, wurden zum Schlüsselproblem des absolutistischen Systems: denn „erstens begab sich die Krone in Abhängigkeit privater Financiers, zweitens trieb sie die Steuern mittels privater Steuerpächter ein, die sich häufig selbst bereicherten und beim Volk verhasst waren, drittens führte die Praxis des Ämterverkaufs zu Korruption und zur Schaffung vieler neuer Ämter, die keinem praktischen Bedarf entsprangen.“[36] Jedwede Reformbemühungen indes wurden im Keim erstickt: Das lässt sich sehr gut am Beispiel des emsigen Finanzministers Anne Robert Jaques Turgot verdeutlichen, der sich um wirkliche Finanz-, Verwaltungs- und Justizreformen bemühte, aber im Frühjahr 1776 mit seinem Reformwerk – wozu u. a. die Aufhebung des Zunftzwanges, die Ablösung der Frondienste, die Besteuerung des Grundbesitzes und die Sanierung der Staatsfinanzen durch Sparpolitik gehörte – am Widerstand der privilegierten Stände scheiterte.

Der Adel indes griff „nach der Staatsführung, nach den wichtigen weltlichen und kirchlichen Ämtern, und erdrückt[e] unter seinem gesellschaftlichen Übergewicht, seinem Reichtum und seinem politischen Konservativismus die vernünftigen Anwandlungen des Königs und die Reformpläne der oft bemerkenswert tüchtigen Verwaltung.“[37] Einen vorläufigen Höhepunkt fand diese Auseinandersetzung zwischen König und Adel in der sogenannten Adelsrevolte von 1787, als die vom König einberufene sowie von Aristokraten und Klerus dominierte Notabelnversammlung den geplanten Reformmaßnahmen der Staatsverwaltung ihre Zustimmung verweigerte.

2.2.2 Die ökonomische Krise

Eng verbunden mit den strukturellen Mängeln des absolutistischen Staates, der kurz vor der Zahlungsunfähigkeit stand, insbesondere bezüglich des veralteten und ungerecht gestalteten Steuerwesens, war auch die ab Ende der 1770er Jahre bis zum Ausbruch der Revolution immer deutlicher zutage tretende wirtschaftliche Krise. Zunächst einmal kam es infolge von Preisrückgängen auf wichtige Produkte wie Wein und Getreide zu einer Regression, die die Kaufkraft der ländlichen Bevölkerung stark minderte: Diese Preisrückgänge traten zuerst „bei den Weinpreisen auf, die durch katastrophal reiche Ernten bis auf die Hälfte zurückgingen und die Verdienste der Weinbauern zunichtemachten. Dann gingen die Kornpreise zurück und blieben bis 1787 sehr niedrig.“[38] Da im Frankreich dieser Zeit der Landwirtschaft im Wirtschaftssystem eine dominierende Stellung zukam und es sich bei Wein und Getreide um die Schlüsselprodukte auf diesem Sektor handelte, ist es verständlich, dass die eben benannten Entwicklungen einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Gesamtwirtschaft hatten, wobei der „nicht überall gleiche Preisrückgang bei Korn und Wein in den achtziger Jahren vor allem die bäuerliche Bevölkerung [traf], den zahlenmäßig größten Teil also, ohne den Mechanismus der Gesamtwirtschaft zu lähmen.“[39] Hinzu kam, dass der 1786 mit England geschlossene Handelsvertrag, der einen erheblichen Abbau von Importzöllen vorsah, dazu führte, dass der französische Markt mit englischen Erzeugnissen geradezu überschwemmt wurde, vor allem mit Textilien, was zu einer „schweren Krise der französischen Textilindustrie“[40] führte und damit auch für mehr Arbeitslosigkeit im Lande sorgte.

Da die Gewinne aus Grund und Boden erheblich zurückgingen, erhöhten viele adelige Grundherren darüberhinaus die Feudalabgaben[41], was für die bäuerliche Bevölkerung eine weitere Mehrbelastung bedeutete. Auch sahen sich die Bauern durch „viele […] Modernisierungsmaßnahmen wie die Vergrößerung der Domänen, Einhegungen, Usurpation von Gemeinderechten sowie durch den Anstieg der Bodenspekulation […] in ihrer traditionellen Wirtschaftsweise bedroht“[42] was sie zu zahlreichen Prozessen gegen ihre Grundherren veranlasste. Zu beachten ist in diesem Zusammenhang jedoch, dass die Feudalrechte und die aus ihnen hervorgehenden Belastungen landesweit von unterschiedlicher Gewichtung gewesen sind: Waren sie in Nordfrankreich – hier prangerten die Bauern eher die Jagdrechte an –, rund um Paris und im Süden eher unwesentlich, so befanden sich die „Regionen mit starker Feudalherrschaft […] in einem breiten Landgürtel von der Bretagne über Anjou und Poitou bis zur Bourgogne und Franche-Comté.“[43] Neben diesen wichtigen mittelfristigen Aspekten, kam es schließlich im Sommer 1788 zu einer verheerenden Missernte, was dazu führte, dass die Getreidepreise massiv stiegen und das äußerst knappe Brot erheblich teurer wurde. Dies traf „eine Landbevölkerung, die unter zehn schlechten Jahren gelitten hat, also weder Vorräte besitzt, um durchzuhalten, noch Überschüsse, um sie zu verkaufen“[44], während in „der Stadt […] der Preisanstieg brutal die Kaufkraft der einfachen Leute und die Absatzmöglichkeiten der Gewerbebetriebe“[45] reduzierte. Im gleichen Zuge mit der drastischen Verringerung des Warenangebotes erhöhten sich also die Preise für dieses, was vor allem den Kleinen Mann traf, ob auf dem Lande oder in der Stadt lebend.

Die Lebensmittelknappheit im „Winter 1788/1789 führt[e] zu zahlreichen Gewaltakten und Unruhen“[46], während der „ländliche Absatzmarkt […] der städtischen Industrie [fehlte], die schon der anglo-französische Handelsvertrag des Jahres 1786 schwer getroffen hat[te], und die hochschnellenden Preise beschneiden nun ein Volkseinkommen, das bereits von der Arbeitslosigkeit beeinträchtigt worden“[47] war. Mit einer enormen Steuerlast und einer steigenden Inflation konfrontiert, litt ein großer Teil der französischen Kleinbürger als auch Bauern unter akuten Hungersnöten, die in der Folgezeit zu mehreren regionalen Aufständen führten. Dagegen ging es den steuerbefreiten Vertretern von Adel und Klerus sowie dem zum Wohlstand, aber bis dato nicht zu großem politischen Einfluss gekommenen Großbürgertum recht gut – trotz der Wirtschaftskrise, die „alle sozialen und politischen Spannungen, die aus der ganzen Entwicklung des Jahrhunderts entstanden sind, aufs äußerste“[48] steigerte. All diesen Entwicklungen entsprang dann die große Allianz des Dritten Standes.

2.2.3 Der gesteigerte Einfluss des Dritten Standes

Etwa 98 Prozent der Franzosen gehörten am Ende des 18. Jahrhunderts dem sogenannten Dritten Stand, dem tiers état, an, der trotz seiner zahlenmäßigen Dominanz und den hauptsächlich von ihm getragenen Steuerlasten bis zum Ausbruch der Französischen Revolution jedoch kaum über eine politische Mitbestimmung in der Monarchie unter Ludwig XVI. verfügte. Dem Dritten Stand gehörten „Vertreter des Bürgertums (Fabrikanten, Fernhändler, Bankiers) ebenso wie Kaufleute, Juristen, Handwerker und Kleinhändler, Groß- und Kleinbauern bis hin zu den städtischen und ländlichen Unterschichten“[49] an. Auf dem Höhepunkt der politischen Krise erschien im Januar 1789 die Flugschrift eines Mannes, der, wie so viele Vertreter aus Adel und Klerus in dieser Zeit, zum Dritten Stand übergelaufen war und der von der rhetorischen Sprache her im Vergleich zu den vielen anderen Flugschriften in dieser vorrevolutionären Phase wohl am besten auf den Punkt brachte, wie bedeutungsvoll eben jene 98 Prozent des französischen Volkes waren und der von der Nation sprach. Die Rede ist von dem katholischen Geistlichen Abbé Sieyès, der unter anderem feststellte: „Der Dritte Stand umfaßt also alles, was zur Nation gehört; und alles, was nicht der Dritte Stand ist, kann sich nicht als Bestandteil der Nation ansehen. Was also ist der Dritte Stand? ALLES.“[50]

So mannigfaltig die sozialen Gruppen waren, die diesem Dritten Stand entstammten, so unterschiedlich waren oft auch deren Reformvorstellungen: So forderten die „reichen städtischen Oberschichten […] in erster Linie […] Finanzreformen und [eine] Liberalisierung der Wirtschaft […]. Aus den stadtbürgerlichen Mittelschichten […] kam[en] […] Forderungen nach politischer Partizipation und Steuergerechtigkeit. Den Unterschichten blieb kaum ein anderes Mittel, als mit kleinen Revolten auf ihre Probleme aufmerksam zu machen.“[51] Eine herausragende Rolle in den Reihen des Dritten Standes kam dem städtischen Bürgertum[52] bzw. der Bourgeoisie zu, die innerhalb des Dritten Standes zwar zahlenmäßig eine Minderheit bildete, aber die einflussreichste und führende Schicht darstellte. Deren wirtschaftliche Interessen standen nicht grundsätzlich konträr zu denen des Adels, der seinerseits oftmals bürgerliche Verhaltensmuster zeigte, indem sich viele Vertreter von diesem z. B. an Handel und gewerblicher Produktion beteiligten. Das Bürgertum wurde zum Nutznießer einer immer rasanteren kapitalistischen Entwicklung und profitierte „von dem um das Mehrfache gestiegenen Zahlungsmittelumlauf, von der schleichenden Inflation, von dem anschwellenden Strom der produzierten und gehandelten Güter“[53], wobei bei diesem „elementaren Kapitalismus […] oft alle Formen der Geldvermehrung – Bankgeschäft, Handel, Reederei oder Manufaktur – zugleich betrieben“[54] wurden.

Gerade im Großbürgertum regte sich immer mehr Missfallen darüber, dass es trotz seiner wachsenden wirtschaftlichen Bedeutung kaum über politischen Einfluss verfügte, während der Adel noch immer seine Privilegien hatte und weiterhin die politischen Führungspositionen im Staat besetzte. Die Folge war, dass das Bürgertum sich mehr und mehr gegen die ständische Gesellschaftsordnung stellte. Und obwohl es innerhalb des im 18. Jahrhundert besser denn je „ausgebildet[en], belesener[en], aufgeklärter[en] und politisierter[en]“[55] Bürgertums nicht minder Konflikte und Spannungen kultureller – wie zwischen Konservativen und Reformern – und ökonomischer Natur – wie zwischen Arm und Reich – gab, so einte doch alle Beteiligten die Ablehnung gegen die Vorrechte der Aristokraten, wie z. B., dass die Geburt darüber entschied, wer zum Adel gehörte oder nicht. Dagegen nahmen die gesellschaftlichen Konflikte zwischen „den Ständen, zwischen Privilegierten einerseits und nichtprivilegierten Reichen und beruflich Ehrgeizigen andererseits […] mehr im nichtökonomischen […], im gesellschaftlich-politisch-ideologischen Bereich“[56] zu. Dies basierte vor allem auf einem gestiegenen antiständischen „Bewußtsein (weniger […] ein[em] Klassenbewußtsein) durch wirtschaftliche Macht, Aufklärung und amerikanische Erfahrung.“[57]

So bedeutend aber auch die Rolle des Bürgertums im Zusammenhang mit dem Ausbruch der Französischen Revolution gewesen sein mag, so wichtig ist die Feststellung, dass es diese wohl nicht ohne eine grundsätzliche Revolutionsbereitschaft aller sozialen Schichten – vom Adel (siehe Überläufer wie Mirabeau) bis zum Bauern – gegeben hätte, die insbesondere durch das marode und bankrotte Staatssystem hervorgerufen wurde.

2.2.4 Aufklärung und Entstehung einer öffentlichen Meinung

Viele Vertreter jener Zeit, also im ausgehenden 18. Jahrhundert, ob nun aus der königlichen Bürokratie stammend, ob Adelige, Bürgerliche oder Wohlhabene im Allgemeinen, waren von Kindesbeinen an stark von der Aufklärungsphilosophie beeinflusst worden. Dies führte zu einem enormen gesellschaftlichen Bewusstseinswandel: so zweifelten auf der einen Seite bereits viele Adelige an der Legitimität der Vorrechte, die ihnen traditionell zustanden und auf der anderen Seite gewann das Bürgertum – nicht nur wegen seiner steigenden wirtschaftlichen Bedeutung – an immer größerem Selbstbewusstsein und kritisierte mehr und mehr die Privilegien althergebrachter Autoritäten wie König, Adel und Klerus als auch das absolutistische System als solches. Zu den in Frankreich bedeutendsten Aufklärern gehörten Männer wie Montesquieu (1689-1755), Voltaire (1694-1778) und Rousseau (1712-1778). Auch wenn diese nicht direkt eine Revolution bzw. eine Zerstörung des absolutistischen Staates, sondern vielmehr dessen Reformierung, hin zu einer gerechteren Gesellschaftsordnung unter der Autorität der Vernunft, forderten, war doch die Wirkung ihrer Gedanken umso durchschlagender: Ihre „Denkbemühungen […] treffen sich samt und sonders in der Kritik an der Kirche und Willkürherrschaft und in dem Streben nach Toleranz, Freiheit, Gleichheit und Menschenrechten.“[58]

Mit diesem Einfluss der Aufklärungsphilosophie ging auch die Bildung einer öffentlichen Meinung ab etwa der Mitte des 18. Jahrhunderts einher, die durch die Schaffung neuer Kommunikationsstrukturen, wie z. B. das Zeitschriftenwesen, ermöglicht wurde.[59] Außerdem trafen sich Gelehrte und Interessierte, unabhängig von Standesunterschieden, in „Logen, Salons, Cafés und Lesegesellschaften [und] die Errichtung von Akademien erlaubte überdies den außeruniversitären institutionellen Zusammenschluss von Wissenschaftlern in ganz Frankreich.“[60] Die Folge davon war ein rasanterer Wissens- bzw. Bildungstransfer als jemals zuvor, der die gesamte Gesellschaft, also alle sozialen Schichten, durchzog, und nicht nur auf die Eliten Frankreichs beschränkt gewesen blieb. Die sich allmählich herausbildende Öffentlichkeit wurde zu einem nicht unwesentlichen politischen Faktor, der sich mehr und mehr dem Einfluss der herrschenden Monarchie entzog und einen nicht unwesentlichen Anteil an deren immensen Autoritätsverlust hatte.

2.3 Fazit

Erst aus dem „mehr oder weniger zufälligen Zusammentreffen mehrerer Faktoren […], wie z. B. dem Staatsbankrott und der Adelsrevolte von 1787, einer Teuerungs- und einer Beschäftigungskrise, der Erhöhung der Feudallasten am Ende des Ancien Régime, der Agitation der Parlamente gegen die Krone, der Kleinmütigkeit und Schwäche des Königs, […] einer meteorologischen Krise, die die Hungerwinter von 1787 bis 1789 bewirkt hat[te]“[61], zusätzlich befeuert durch das Erstarken des Bürgertums, verbunden mit dem veränderten gesellschaftlichen Bewusstsein im Zuge der Aufklärung und dem Entstehen einer kritischen öffentlichen Meinung, wird der Ausbruch der Französischen Revolution erklärbar. Zu den langfristigen Ursachen zählte insbesondere die Reformunfähigkeit des französischen Staatswesens, die sich aus eklatanten strukturellen Mängeln des absolutistischen Systems ergab, wie der im höchsten Maße ungerechten Gestaltung des veralteten Steuerwesens, das einseitig Adel und Klerus zu Lasten der nichtprivilegierten Bevölkerung begünstigte. Mittelfristige und kurzfristige Ursachen waren u. a. eine hereinbrechende ökonomische Krise, vor allem auf dem wirtschaftlich bedeutenden Sektor der Landwirtschaft, wo es zudem im Jahr 1788 zu einer erheblichen Missernte kam, die den Kleinen Mann hart traf und zu einer großen Hungersnot führte sowie ein sich veränderndes – antiaristokratisches und antikirchliches – gesellschaftliches Bewusstsein im Zuge der Aufklärung, das alle sozialen Schichten, vor allem Adel und Bürgertum, durchdrang. Damit verbunden fand das wirtschaftlich immer bedeutendere Bürgertum zu einem stetig wachsenden Selbstbewusstsein. Mit dem verbreiteten Einzug aufklärerischen Gedankenguts ging auch die Entstehung einer politisierten öffentlichen Meinung einher, die sich immer mehr der Kontrolle des absolutistischen Systems entzog und dieses zunehmend kritisierte. Hinzu kam eine eklatante Finanzkrise des Staates, die sich aus einem drastisch gestiegenen Finanzbedarf – z. B. infolge der Beteiligung am amerikanischen Unabhängigkeitskrieg – ergab und dazu führte, dass sich König und Staatsverwaltung mit einem drohenden Staatsbankrott konfrontiert sahen, was verbunden mit der Reformblockade des Adels deren Autorität und Macht erheblich schwächte. Der Dritte Stand, geführt vom Bürgertum, grenzte sich schließlich von den Privilegierten, wie Adel und Klerus, ab, wobei „die Einberufung der Generalstände revolutionsauslösend“[62] wurde.

3. Schlussbemerkung

In der Einleitung habe ich einen kurzen Überblick zum Forschungsstand zur Französischen Revolution gegeben, wobei meine Auswahl an bedeutenden Historikern, die sich mit diesem historischen Ereignis beschäftigt haben, natürlich nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erheben kann, da diese Thematik zu den am ausführlichsten behandelten in der neuzeitlichen Geschichtsforschung zählt. Vor allem die von mir verwendete Forschungsliteratur von Ernst Schulin sowie François Furet und Denis Richet erwies sich als sehr nützlich zur Beantwortung der Fragestellung, worin die bedeutendsten Ursachen für die Französische Revolution lagen. Zunächst habe ich wichtige Ereignisse rund um den Beginn der Revolution im Jahr 1789 skizziert, wie die Einberufung der Generalstände durch König Ludwig XVI. zum 5. Mai, die Erklärung des Dritten Standes am 17. Juni zur Nationalversammlung und den Sturm auf die Bastille vom 14. Juli, wobei ich deutlich machte, dass der Volksrevolution eine Verfassungsrevolution vorausging. Anschließend kam ich auf die bedeutendsten Ursachen für die Französische Revolution zu sprechen, wobei ich zu der Schlussfolgerung gekommen bin, dass das zeitgleiche Einwirken bzw. die Bündelung mehrerer Faktoren, wie die schwere Finanzkrise des unmittelbar vor dem Bankrott stehenden maroden absolutistischen Systems, die Verweigerungshaltung der Aristokratie bezüglich der Reformierung des Staatswesens und der Aufgabe von (Steuer-)Privilegien, die ökonomische Krise, das Erstarken des wirtschaftlich aufstrebenden Bürgertums und die Bildung einer kritischen Öffentlichkeit im Zuge der Aufklärung sowie der aus diesen Ereignissen resultierende Autoritäts- und Machtverlust von König und Staatsverwaltung, als verursachend und die Einberufung der Generalstände durch den König als Auslöser für die Französische Revolution angesehen werden können. In diesem Zusammenhang ist die Erkenntnis von großer Bedeutung, dass kurz vor dem Ausbruch der Französischen Revolution ein zunehmend antiständisches Bewusstsein herrschte und eine Revolutionsbereitschaft in allen sozialen Schichten, vom Adel bis zum Bauern, anzutreffen war, mochte diese von Akteur zu Akteur auch aus unterschiedlichen Motiven entsprungen sein. Zu dieser Revolutionsbereitschaft wäre es ohne die gravierenden inneren Strukturmängel, die das absolutistische System von Anfang an hatte und die im Laufe des 18. Jahrhundert voll zur Entfaltung kamen – wie die Reformunfähigkeit des französischen Staates -, wohl nie gekommen.

4. Quellen- und Literaturverzeichnis

Quellen:

Heine, Heinrich: Tagesberichte: Beilage zu Artikel VI, in: Galley, Eberhard: Heinrich Heine Werke, 3. Bd., Schriften über Frankreich, Frankfurt a. M 1968.
Sieyès, Abbé: Was ist der dritte Stand?, in: Geschichte in Quellen, Bd. 4: Amerikanische und Französische Revolution, bearb. v. W. Lautemann, München 1981.

Literatur:

Furet, François: Das revolutionäre Frankreich. I. Der Aufstand des Adels und die vorrevolutionäre Krise, in: Das Zeitalter der europäischen Revolution 1780-1848, Fischer Weltgeschichte, Bd.26, hrsg. von L. Bergeron, F. Furet, R. Koselleck, Frankfurt a. M. 1998.
Furet, François; Richet, Denis: Die Französische Revolution, aus d. Franz. von Ulrich Friedrich Müller, Frankfurt a. M. 1987.
Michelet, Jules: Geschichte der Französischen Revolution, Band 1: Die Ursachen der Revolution und die Ereignisse des Jahres 1789, Hrsg., kommentiert u. mit ausführl. Reg. vers. von Jochen Köhler [Übers. von Richard Kühn], Frankfurt a. M. 1988.
Pelzer, Prof. Dr. Erich: Französische Revolution von 1789: Vom dritten Stand zur Nation, in: Der Brockhaus Multimedial, Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, Mannheim 2005.
Reichardt, Rolf E.: Das Blut der Freiheit. Französische Revolution und demokratische Kultur, 2. Aufl., Frankfurt a. M. 1999.
Reinalter, Helmut: Die Französische Revolution. Forschung – Geschichte – Wirkung (Schriftenreihe der Internationalen Forschungsstelle >>Demokratische Bewegungen in Mitteleuropa 1770-1850<<), Frankfurt a. M. 1991.
Schulin, Ernst: Die Französische Revolution, 2. Aufl., München 1989.
Internet:
Büttner, Sabine: Die Französische Revolution – eine Online-Einführung (Url: http://www.revolution.historicum-archiv.net/etexte/einfuehrung/inhalt.html).

Fußnoten

  1. Schulin, Ernst: Die Französische Revolution, 2. Aufl., München 1989, S. 29.
  2. Ebd. S. 29.
  3. Ebd. S. 30.
  4. Ebd. S. 30.
  5. Ebd. S. 30.
  6. Ebd. S. 30-31.
  7. Ebd. S. 31.
  8. Reinalter, Helmut: Die Französische Revolution. Frankfurt a. M. 1991, S. 13.
  9. Reinalter S. 13.
  10. Ebd. S. 13.
  11. Schulin S. 46.
  12. Ebd. S. 47.
  13. Ebd. S. 47.
  14. Ebd. S. 47.
  15. Reichardt, Rolf E.: Das Blut der Freiheit. Französische Revolution und demokratische Kultur, 2. Aufl., Frankfurt a. M. 1999, S. 11.
  16. Ebd. S. 11.
  17. Heine, Heinrich: Tagesberichte: Beilage zu Artikel VI, in: Galley, Eberhard: Heinrich Heine Werke, 3. Bd., Schriften über Frankreich, Frankfurt a. M. 1968, S. 193.
  18. Ebd. S. 11.
  19. Anm.: Anm.: Die Bastille war eine achttürmige Burg am Tor Saint-Antoine in Paris, die zwischen 1370 und 1382 erbaut wurde und die seit dem 17. Jh. als Staatsgefängnis galt. Als Sinnbild königlicher Tyrannei besetzte das Volk sie am 14.7. 1789 u. erzwang deren Übergabe. 1790 wurde sie zerstört.
  20. Reichardt S. 123.
  21. Ebd. S. 123.
  22. Ebd. S. 123.
  23. Schulin S. 60.
  24. Reichardt S. 119.
  25. Ebd. S. 119-120.
  26. Ebd. S. 120.
  27. Pelzer, Prof. Dr. Erich: Französische Revolution von 1789: Vom dritten Stand zur Nation, in: Der Brockhaus Multimedial, Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, Mannheim 2005.
  28. Vgl.: Büttner, Sabine: Die Französische Revolution – eine Online-Einführung: Verlauf der Revolution, Url: http://www.revolution.historicum-archiv.net/etexte/einfuehrung/verlauf/verlauf.pdf, S. 5.
  29. Reichardt S. 114.
  30. Anm.: Der Begriff des Absolutismus charakterisiert im allgemeinen eine Regierungsform der Monarchie (absolutistische Monarchie), in der der jeweilige Herrscher, wie König oder Kaiser, durch Erbfolge die uneingeschränkte Macht besitzt und als oberster Souverän über den Gesetzen steht, aber u. a. an Naturrecht und Staatsgrundgesetze gebunden ist. In der neueren Forschung jedoch wird der Begriff des Absolutismus als historischer Epochenbegriff radikal in Frage gestellt (wie z. B. von Nicholas Henshall, der diesen als Mythos bezeichnete, der der komplexen Verfassungswirklichkeit – auch in Frankreich – kaum entsprach).
  31. Schulin S. 149.
  32. Ebd. S. 150.
  33. Furet, François; Richet, Denis: Die Französische Revolution, aus d. Franz. von Ulrich Friedrich Müller, Frankfurt a. M. 1987, S. 21.
  34. Anm.: Die Taille war eine direkte Steuer für nicht privilegierte Stände wie Bürger und Bauern.
  35. Furet; Richet S. 21.
  36. Büttner, Sabine: Die Französische Revolution – eine Online-Einführung: Hintergründe – Frankreich im 18. Jahrhundert, Url: http://www.revolution.historicum-archiv.net/etexte/einfuehrung/hintergruende/hintergruende.pdf, S. 4.
  37. Furet; Richet S. 21.
  38. Schulin S. 132.
  39. Furet; Richet S. 21.
  40. Schulin S. 132.
  41. Anm.: In diesem Zusammenhang „ist der Begriff Feudalsystem weniger zutreffend als es der Begriff ’seigneuriales System‘ wäre, der das System der Lokalgewalten, des Partikularismus bezeichnet.“ (Schulin S. 133.)
  42. Büttner, Sabine: Die Französische Revolution – eine Online-Einführung: Hintergründe – Frankreich im 18. Jahrhundert, Url: http://www.revolution.historicum-archiv.net/etexte/einfuehrung/hintergruende/hintergruende.pdf, S. 13-14.
  43. Schulin S. 135.
  44. Furet; Richet S. 26.
  45. Ebd. S. 26.
  46. François Furet: Das revolutionäre Frankreich. I. Der Aufstand des Adels und die vorrevolutionäre Krise, in: Das Zeitalter der europäischen Revolution 1780-1848, Fischer Weltgeschichte, Bd.26, hrsg. von L. Bergeron, F. Furet, R. Koselleck, Frankfurt a. M. 1998, S. 35.
  47. Ebd. S. 35.
  48. Furet; Richet S. 26.
  49. Sabine Büttner: Die Französische Revolution – eine Online-Einführung: Hintergründe – Frankreich im 18. Jahrhundert, Url: http://www.revolution.historicum-archiv.net/etexte/einfuehrung/hintergruende/hintergruende.pdf, S. 6.
  50. Sieyès, Abbé: Was ist der dritte Stand?, in: Geschichte in Quellen, Bd. 4: Amerikanische und Französische Revolution, bearb. v. Wolfgang Lautemann, München 1981, S. 165.
  51. Sabine Büttner: Die Französische Revolution – eine Online-Einführung: Hintergründe – Frankreich im 18. Jahrhundert, Url: http://www.revolution.historicum-archiv.net/etexte/einfuehrung/hintergruende/hintergruende.pdf, S. 7.
  52. Anm.: Natürlich kann man, wenn man genauer differenzieren würde (wie auch beim Adel, Klerus usw.) nicht von „dem“ Bürgertum reden, da es verschiedene Ebenen oder Abstufungen innerhalb dieser Schicht gibt. Ich werde trotz dieser Tatsache im Folgenden von „dem“ Bürgertum sprechen, da ein „ins Detail gehen“ den Rahmen dieses Beitrags sprengen würde..
  53. Furet; Richet S. 37.
  54. Ebd. S. 37.
  55. Schulin S. 144.
  56. Ebd. S. 144.
  57. Ebd. S. 145.
  58. Furet; Richet S. 37.
  59. Vgl: Sabine Büttner: Die Französische Revolution – eine Online-Einführung: Hintergründe – Frankreich im 18. Jahrhundert, Url: http://www.revolution.historicum-archiv.net/etexte/einfuehrung/hintergruende/hintergruende.pdf, S. 11.
  60. Ebd. S. 11.
  61. Reinalter S. 36.
  62. Schulin S. 183.