Der 17. Juni 1953 in der DDR-Geschichtspolitik

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Inhaltsverzeichnis

1. Haupt­teil
__1.1 Der his­to­ri­sche Hin­ter­grund zum 17. Juni 1953
__1.2 Die geschichts­po­li­ti­sche Rele­vanz
__1.3 Ein “faschis­ti­scher” bzw. “kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­rer” Putsch?
2. Fazit
3. Quel­len- und Lite­ra­tur­ver­zeich­nis


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1. Haupt­teil

1.1 Der his­to­ri­sche Hin­ter­grund zum 17. Juni 1953

Die Volks­er­he­bung vom 17. Juni 1953 erfolg­te in einer Pha­se all­ge­mei­ner Unzu­frie­den­heit — so führ­te u.a. die „For­cie­rung des schwer­indus­tri­el­len Auf­baus […] in eine ‚chao­ti­sche Wirt­schafts- und Ver­sor­gungs­la­ge‘[1] — in der Bevöl­ke­rung, die nicht zuletzt durch einen Neu­en Kurs, näm­lich der Aus­ru­fung eines sozia­lis­ti­schen Auf­baus, her­vor­ge­ru­fen wur­de. Der Neue Kurs, der in der for­ma­len und rasan­ten Über­nah­me des Gesell­schafts­mo­dells der Sowjet­uni­on bestand, brach­te neben den ver­schärf­ten Ver­fol­gun­gen poli­tisch Anders­den­ken­der auch ver­stärk­te öko­no­mi­sche Zwangs­maß­nah­men wie die Kol­lek­ti­vie­rung der Land­wirt­schaft mit sich, die zu einer Desta­bi­li­sie­rung der Wirt­schaft und einem damit ver­bun­de­nen sprung­haf­ten Anstei­gen der Flucht­be­we­gung (z. B. Bau­ern und Intel­lek­tu­el­le) aus der DDR führ­ten. Trotz die­ser schwie­ri­gen Lage erhöh­te die poli­ti­sche Füh­rung der DDR am 28.5.1953 in den VEB die Arbeits­nor­men um min­des­tens 10%, was den Kes­sel end­gül­tig zum Über­lau­fen brach­te. Wohl erst auf „Druck der KPdSU hin nahm die SED-Füh­rung am 9.6.1953 vie­le der auf der 2. Par­tei­kon­fe­renz 1952 beschlos­se­nen Maß­nah­men des ver­schärf­ten Klas­sen­kampfs zurück, nicht aber die Norm­er­hö­hung für die Arbei­ter […]. Ein Streik der Bau­ar­bei­ter vom Mor­gen des 16. Juni 1953 wei­te­te sich zum poli­ti­schen Gene­ral­streik am 17. Juni 1953 aus, der nur durch das Ein­grei­fen der sowje­ti­schen Armee unter­drückt wer­den konn­te.”[2] Die­ses mili­tä­ri­sche Vor­ge­hen, das vie­le Tote (etwa 51) und Ver­letz­te for­der­te, sicher­te den Macht­er­halt der SED. Nach offi­zi­el­len Anga­ben des DDR-Innen­mi­nis­te­ri­ums belief sich die Gesamt­zahl der am Auf­stand Betei­lig­ten auf „496 765 Per­so­nen, man­che neue­re For­schun­gen gehen heu­te von bis zu einer Mil­li­on aus. […] Die Gesamt­zahl der Ver­haf­tun­gen belief sich spä­ter auf 13000; rund 5600 Ermitt­lungs­ver­fah­ren wur­den ein­ge­lei­tet, die zwei Todes­ur­tei­le und zahl­rei­che lang­jäh­ri­ge Zucht­haus­stra­fen für Betei­lig­te der Erhe­bung nach sich zogen.”[3] Nun fol­gend hin­ter­fra­ge ich, wie die DDR-Füh­rung die Ereig­nis­se geschichts­po­li­tisch deu­te­te.

 

1.2 Die geschichts­po­li­ti­sche Rele­vanz in der DDR

Wie nun reagier­ten die in der DDR poli­tisch Ver­ant­wort­li­chen auf die Volks­er­he­bung? Wel­ches Bild zeich­ne­ten sie von den eben beschrie­be­nen Ereig­nis­sen? Die Ant­wort: Bereits am Abend des 17. Juni wur­de sei­tens der DDR-Regie­rung die zukünf­ti­ge geschichts­po­li­ti­sche Inter­pre­ta­ti­on der Volks­er­he­bung vor­ge­ge­ben. Zunächst sprach man sei­tens des von Mar­schall Soko­low­ski gelei­te­ten Kri­sen­stabs der Sowjet­uni­on von einer „faschis­ti­schen Pro­vo­ka­ti­on”, da man die Ereig­nis­se als vom Wes­ten pro­vo­ziert ansah und die­se Begrün­dung dazu nutz­te, die in der DDR sta­tio­nier­ten sowje­ti­schen Trup­pen in Alarm­zu­stand zu ver­set­zen. Etwas spä­ter stell­te Wal­ter Ulb­richt in einer Regie­rungs­er­klä­rung fest, dass die „Unru­hen […] das Werk von Pro­vo­ka­teu­ren und faschis­ti­schen Agen­ten aus­län­di­scher Mäch­te und ihren Hel­fers­hel­fern aus deut­schen kapi­ta­lis­ti­schen Mono­po­len”[4] sei­en. Die­se Sicht der Din­ge fand schließ­lich auch in einer Erklä­rung des ZK der SED vom 21. Juni 1953 ihre Mani­fes­tie­rung:

In West­deutsch­land saßen und sit­zen die ame­ri­ka­ni­schen Agen­tu­ren, die auf Anwei­sung von Washing­ton die Plä­ne für Krieg und Bür­ger­krieg aus­ar­bei­ten. In West­deutsch­land und West­ber­lin orga­ni­sier­ten die Ade­nau­er, Ollen­hau­er, Kai­ser und Reu­ter die unmit­tel­ba­re Vor­be­rei­tung des Tages X. So wur­de im Minis­te­ri­um von Jakob Kai­ser mit akti­ver ame­ri­ka­ni­scher Unter­stüt­zung unter dem Tarn­na­men ‘For­schungs­bei­rat’ ein spe­zi­el­ler Stab für Diver­si­ons- und Bür­ger­kriegs­ak­te geschaf­fen, dem Mil­lio­nen Mark aus den Geheim­fonds aus- und inlän­di­scher Impe­ria­lis­ten zuflos­sen. In West­ber­lin wur­den von den Kai­ser und Reu­ter sys­te­ma­tisch Kriegs­ver­bre­cher, Mili­ta­ris­ten und kri­mi­nel­le Ele­men­te in Ter­ror­or­ga­ni­sa­tio­nen vor­be­rei­tet und aus­ge­rüs­tet. Zu den alten faschis­ti­schen Mor­der­fah­run­gen kamen noch zusätz­lich die Metho­den der ame­ri­ka­ni­schen Gangs­ter. So wur­de der faschis­ti­sche Aus­wurf wie­der groß­ge­zo­gen. Neben den aus­län­di­schen Kriegs­trei­bern tra­gen Ade­nau­er, Ollen­hau­er, Kai­ser und Reu­ter die vol­le Ver­ant­wor­tung für das Blut, das bei der Nie­der­schla­gung des faschis­ti­schen Aben­teu­ers geflos­sen ist. […] An Hand der in den West­ber­li­ner Agen­ten­zen­tra­len vor­be­rei­te­ten Lis­ten wur­den vor­über­ge­hend faschis­ti­sche und kri­mi­nel­le Ver­bre­cher aus den Haft­an­stal­ten her­aus­ge­holt, wie z. B. die wegen bes­tia­li­scher Ver­bre­chen gegen die Mensch­lich­keit von der demo­kra­ti­schen Jus­tiz ver­ur­teil­te SS-Kom­man­de­u­se des Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers Ravens­brück, Erna Dorn. So soll­te in der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik eine faschis­ti­sche Macht errich­tet und Deutsch­land der Weg zur Ein­heit und Frie­den ver­legt wer­den.”[5]

Die­ses Deu­tungs- bzw. Argu­men­ta­ti­ons­mus­ter sei­tens der poli­ti­schen Füh­rung in der DDR soll­te das DDR-Geschichts­bild zu den Ereig­nis­sen am 17. Juni 1953 in der Fol­ge­zeit maß­geb­lich prä­gen. Da gab es nur ein Pro­blem: Die ver­meint­li­chen Rädels­füh­rer bzw. west­li­chen Draht­zie­her der Volks­er­he­bung konn­ten nicht ding­fest gemacht wer­den. Das mit der Auf­spü­rung und Fest­nah­me der „Orga­ni­sa­to­ren der Pro­vo­ka­tio­nen” beauf­trag­te Minis­te­ri­um für Staats­si­cher­heit (MfS) brach­te die­se Tat­sa­che in erns­te Bedräng­nis. So räum­te der Chef des MfS, Ernst Woll­we­ber, am 11. Novem­ber 1953 auf einer Dienst­kon­fe­renz ein, „dass es uns bis jetzt noch nicht gelun­gen ist, nach dem Auf­trag des Polit­bü­ros die Hin­ter­män­ner und die Orga­ni­sa­to­ren des Put­sches vom 17. Juni fest­zu­stel­len.”[6] Wenn auch gera­de kurz nach den Ereig­nis­sen vom 17. Juni 1953 die­se Tat­sa­che des Man­gels an Bewei­sen vie­le Rich­ter der DDR-Jus­tiz in Ver­le­gen­heit brach­te und es ver­ein­zelt zu Ver­wei­ge­run­gen die­ser kam, Haft­be­feh­le zu unter­zeich­nen, setz­te sich in der Fol­ge die SED-Linie durch — nicht zuletzt des­halb, weil das MfS Rich­ter unter Druck setz­te, der poli­ti­schen Linie zu fol­gen bzw. da man will­fäh­ri­ge Rich­ter mit die­ser Auf­ga­be betrau­te.

Spä­ter sprach man sei­tens der poli­ti­schen Füh­rung etwas abge­wan­delt vom „kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­ren” Putsch. So ist in einem DDR-Geschichts­lehr­buch von 1971 für Schü­ler der 10. Klas­se zu lesen, dass es am „17. Juni 1953 […] Agen­ten ver­schie­de­ner impe­ria­lis­ti­scher Geheim­diens­te [gelang], […] einen klei­nen Teil der Werk­tä­ti­gen zu zeit­wei­li­gen Arbeits­nie­der­le­gun­gen und Demons­tra­tio­nen zu ver­lei­ten […] Durch das ent­schlos­se­ne Han­deln der fort­schritt­lichs­ten Tei­le der Arbei­ter­klas­se und ihrer Ver­bün­de­ten […] brach der kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­re Putsch inner­halb von 24 Stun­den zusam­men”[7]. Die­se absur­de und fal­sche Dar­stel­lung der wirk­li­chen Ereig­nis­se rund um den 17. Juni 1953 war bis zum Ende der DDR fes­ter Bestand­teil der Geschichts­po­li­tik der poli­ti­schen Füh­rung, die alles tat, um die Aus­ein­an­der­set­zung mit den besag­ten Vor­gän­gen — die die SED einst in tie­fe Ver­un­si­che­rung stürz­ten und sie aus der Angst her­aus, dass sich so etwas wie­der­ho­len könn­te, zu einem Aus­bau des Dis­zi­pli­nie­rungs- und Unter­drü­ckungs­ap­pa­ra­tes ver­an­lass­te — aus dem öffent­li­chen Raum zu ver­drän­gen.

Doch wie sehr die­ses Gesche­hen auch noch Jahr­zehn­te spä­ter in den Köp­fen vie­ler Men­schen her­um­geis­ter­te, gera­de auch bei den Macht­ha­bern der DDR, zeigt sich bei­spiels­wei­se bei einem Tref­fen der Gene­ra­li­tät des MfS am 31.8.1989, also kur­ze Zeit vor dem Mau­er­fall, wo sich Erich Miel­ke besorgt frag­te: „Ist es so, dass Mor­gen der 17. Juni aus­bricht?”[8] Noch viel prä­sen­ter und gewich­ti­ger war das „Angst­trau­ma” 17. Juni 1953 im Bewusst­sein der SED-Funk­tio­nä­re und des MfS natür­lich in der Zeit unmit­tel­bar nach der Volks­er­he­bung ver­an­kert: „Alle Jah­re wie­der wur­de durch die Staats­si­cher­heit am 17. Juni ‚erhöh­te Alarm­be­reit­schaft‘ pro­kla­miert. Es wur­de mit ‚feind­li­chen Pro­vo­ka­tio­nen‘ gerech­net. Die Aktio­nen so genann­ter ‚Feind­or­ga­ni­sa­tio­nen‘ wie des ‚Unter­su­chungs­aus­schus­ses frei­heit­li­cher Juris­ten‘ (UfJ) oder der ‚Kampf­grup­pe gegen Unmensch­lich­keit‘ (KgU) wur­den beob­ach­tet. Im Inland wur­de der lei­ses­te Anschein einer Wider­stän­dig­keit pein­lich genau regis­triert und […] unter­drückt.”[9]

1.3 Ein “faschis­ti­scher” bzw. “kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­rer” Putsch?

Die bereits beschrie­be­ne geschichts­po­li­ti­sche Deu­tung der Volks­er­he­bung vom 17. Juni 1953 sei­tens der poli­ti­schen Füh­rung der DDR als „faschis­ti­scher” bzw. „kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­rer” Putsch, die bis zum Fall der Mau­er auf­recht­erhal­ten wur­de, stellt sich als halt­los her­aus. Natür­lich war eine umfang­rei­che Auf­ar­bei­tung der Nazi-Dik­ta­tur in die­sen frü­hen Jah­ren der bei­den deut­schen Teil­staa­ten nicht annä­hernd geleis­tet, aber dass sich eine faschis­ti­sche Unter­grund­be­we­gung dar­an mach­te, einen Putsch in der DDR zu orga­ni­sie­ren, konn­te trotz inten­sivs­ter Bemü­hun­gen der SED, eben dies auf­zu­de­cken, nicht nach­ge­wie­sen wer­den. Viel­mehr wird aus his­to­ri­schen Quel­len deut­lich, dass man sei­tens der SED eif­rig dar­um bemüht war, die eige­ne geschichts­po­li­ti­sche Pro­pa­gan­da bzw. Rhe­to­rik zu stüt­zen, die man schon publik mach­te, bevor auch nur ansatz­wei­se die Ereig­nis­se rund um den 17. Juni auf­ge­ar­bei­tet wur­den. So heisst es in einem Fern­schrei­ben (Nr. 228) Wal­ter Ulb­richts an die Bezirks­lei­tung Cott­bus vom 22. Juni 1953:

Es ist not­wen­dig, alles Tat­sa­chen­ma­te­ri­al zu beschaf­fen, über faschis­ti­sche und ande­re reak­tio­nä­re Kräf­te, über Diver­s­an­ten und ande­re Ban­di­ten aus West­deutsch­land und West­ber­lin und aus der DDR, die in Eurem Bezirk auf­ge­tre­ten sind. Es ist ins­be­son­de­re auch not­wen­dig, dar­über Tat­sa­chen zu brin­gen, dass Jugend­li­che in West­ber­lin mili­tä­risch aus­ge­bil­det wur­den. Dazu nutzt Euer eige­nes Mate­ri­al und setzt Euch außer­dem mit staat­li­chen Stel­len in Ver­bin­dung. Wir brau­chen schnell sol­ches Mate­ri­al, um es in die Pres­se brin­gen zu kön­nen…”[10].

Die­se geziel­te Anfra­ge nach einem bestimm­ten Per­so­nen­kreis war sym­pto­ma­tisch für das Bemü­hen der SED-Füh­rung, die eige­ne anti­fa­schis­ti­sche Ideo­lo­gie zu stüt­zen bzw. von den Ursa­chen der Volks­er­he­bung abzu­len­ken. Die dann spä­ter ins Spiel gebrach­te Deu­tung der Ereig­nis­se als „kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­rer Putsch” trifft eben­falls nicht zu. Denn obwohl „die Streiks vor allem die volks­ei­ge­nen Betrie­be und die im Fünf­jahr­plan zu schaf­fen­den metall­ur­gi­schen und ener­ge­ti­schen Zen­tren sowie wesent­li­che Ver­kehrs­pro­jek­te betra­fen, wur­den das neu ent­stan­de­ne Volks­ei­gen­tum und die Exis­tenz der DDR nir­gend­wo öffent­lich in Fra­ge gestellt.”[11] Auch die von der SED in die Welt gesetz­te Legen­de bzw. Ver­schwö­rungs­theo­rie vom West-Ber­li­ner Radio­sen­der RIAS — der live und aus­führ­lich über die Volks­er­he­bung berich­te­te -, die­ser habe einen aus dem Wes­ten gesteu­er­ten kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­ren Putsch aktiv mit­or­ga­ni­siert, ist eben­so halt­los.

Nicht zuletzt des­halb, weil der Sen­der sich wei­ger­te, einen Auf­ruf zum Gene­ral­streik zu sen­den bzw. es den Repor­tern und Gast­red­nern unter­sag­te, dies zu tun, was dem RIAS spä­ter nicht nur Kri­tik aus dem Wes­ten, son­dern auch sei­tens ent­täusch­ter Bür­ger der DDR ein­brach­te. Des­halb soll­te man jedoch nicht die Rol­le der west­li­chen Medi­en im All­ge­mei­nen und des RIAS im Spe­zi­el­len als „Kata­ly­sa­tor” der Volks­er­he­bung unter­be­wer­ten. Denn rich­ti­ger­wei­se stell­te der dama­li­ge Chef der deut­schen Redak­ti­on des RIAS, Egon Bahr, fest: „Zum ers­ten­mal wur­den Ver­ant­wor­tung und Macht eines elek­tro­ni­schen Medi­ums deut­lich, das, ohne den zeit­rau­ben­den Vor­gang des Den­kens und ohne von Gren­zen auf­ge­hal­ten zu wer­den, Men­schen ver­bin­det, die am Laut­spre­cher hän­gen, und sie inner­halb weni­ger Stun­den zu glei­chem Ver­hal­ten ver­an­lasst … Der RIAS war ohne zu wis­sen … zu wol­len, zum Kata­ly­sa­tor des Auf­stan­des gewor­den. Ohne den RIAS hät­te es den Auf­stand so nicht gege­ben.”[12] Und in der Tat hat­te der RIAS durch sei­ne live aus­ge­strahl­ten und sym­pa­thi­sie­ren­den Kom­men­ta­re und Berich­te zu den Ereig­nis­sen des 17. Juni einen nicht gerin­gen Ein­fluss auf die sel­bi­gen, gera­de auch bezüg­lich der Mobi­li­sie­rung der Strei­ken­den.

Doch dies war weder von lan­ger Hand geplant, noch zen­tral koor­di­niert wor­den. Dar­über­hin­aus konn­te auf der west­li­chen Sei­te bzw. bei den West­mäch­ten kein Inter­es­se dar­an bestehen, die direk­te Kon­fron­ta­ti­on mit der Sowjet­uni­on zu suchen und einen mili­tä­ri­schen Kon­flikt zu pro­vo­zie­ren bzw. zu ris­kie­ren. Dass der Volks­er­he­bung bzw. den Pro­tes­ten zuvor­derst eine gro­ße Unzu­frie­den­heit der Bevöl­ke­rung über öko­no­mi­sche und sozia­le Miss­stän­de in der DDR zugrun­de lag, ent­sprach da schon eher der Rea­li­tät. Aber dies selbst­kri­tisch in aller Öffent­lich­keit ein­ge­ste­hen bzw. eine gesell­schaft­li­che Debat­te über die real exis­tie­ren­den (Miss-)Verhältnisse zulas­sen konn­te und woll­te die SED-Füh­rung nicht. Viel­mehr war sie nun mehr als zuvor damit beschäf­tigt, den eige­nen Macht­er­halt zu sichern. Das spie­gelt sich auch in fol­gen­den Aus­zü­gen der Erklä­rung des Zen­tral­ko­mi­tees der SED vom 21. Juni 1953 wider: Danach sei es nun erfor­der­lich, „den ange­schla­ge­nen Geg­ner ent­schei­dend zu schla­gen, die faschis­ti­schen Ban­den rest­los zu liqui­die­ren, die Ord­nung aus eige­nen Kräf­ten auf fes­te Grund­la­gen zu stel­len und die Durch­füh­rung des neu­en Kur­ses von Par­tei und Regie­rung zu sichern.”[13]

Die­sem ideo­lo­gi­schen Welt­bild der SED ent­spricht es, dass der erwähn­te faschis­ti­sche Feind bereits a prio­ri da ist, bevor er über­haupt empi­risch in Erschei­nung tritt. Dem­nach ist der Feind „eine Denk­fi­gur, der Feind ist denk­struk­tu­rell schon da, bevor er auf­tritt; die Sys­tem­stel­le ist frei und kann mit wech­seln­den Figu­ren besetzt wer­den, kurz: es ist Wahr­neh­mung und Aus­le­gung empi­ri­scher Phä­no­me­ne aus der Per­spek­ti­ve des vor­gän­gi­gen Welt­bil­des”[14], das von mar­xis­tisch-leni­nis­ti­scher Natur ist. Somit kann der 17. Juni 1953 als „Trau­ma der Par­tei gel­ten, als Datum, an dem die ideo­lo­gi­schen Fik­tio­nen der SED, etwa die Fik­ti­on von der Ein­heit von Par­tei und Arbei­ter­klas­se, […] beim Ver­such ihrer Rea­li­sie­rung demas­kiert wer­den, kurz: als Datum, an dem die SED eine Lek­ti­on über den tat­säch­li­chen Stand der Din­ge erhält”[15].

Nicht umsonst befand sich die Par­tei-Füh­rung kurz nach den Ereig­nis­sen in einem wah­ren Schock­zu­stand und intern kam eine kri­ti­sche Dis­kus­si­on auf, wie es sie in spä­te­ren Zei­ten kaum mehr geben soll­te. Die Metho­den zur Aus­übung der Macht wur­den seit­dem weit­aus fle­xi­bler gehand­habt und die radi­ka­le Klas­sen­kampf-Poli­tik maß­geb­lich zurück­ge­fah­ren, so dass sich die Lebens­ver­hält­nis­se für alle Bevöl­ke­rungs­schich­ten zu ver­bes­sern began­nen. Die Erkennt­nis für die SED bestand also auch dar­in, dass der zuvor gefah­re­ne radi­kal-ideo­lo­gi­sche Kurs nach sowje­ti­schem Vor­bild so nicht wei­ter­ge­führt wer­den konn­te. Die eben beschrie­be­ne Ent­wick­lung wur­de aller­dings auch und gera­de durch den vor­he­ri­gen Tod von Josef Sta­lin am 5. März 1953 und die Poli­tik der neu­en sowje­ti­schen Füh­rung begüns­tigt. So hieß es in einem Beschluss die­ser Über die Maß­nah­men zur Gesun­dung der poli­ti­schen Lage in der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik: „Infol­ge der Durch­füh­rung einer feh­ler­haf­ten poli­ti­schen Linie ist in der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik eine äußerst unbe­frie­di­gen­de poli­ti­sche und wirt­schaft­li­che Lage ent­stan­den … Als Haupt­ur­sa­che der ent­stan­de­nen Lage ist anzu­er­ken­nen, dass gemäß den Beschlüs­sen der Zwei­ten Par­tei­kon­fe­renz der SED, gebil­ligt vom Polit­bü­ro des ZK der KPdSU(B), fälsch­li­cher­wei­se der Kurs auf den beschleu­nig­ten Auf­bau des Sozia­lis­mus in Ost­deutsch­land genom­men wor­den war ohne Vor­han­den­sein der dafür not­wen­di­gen rea­len sowohl innen- als auch außen­po­li­ti­schen Vor­aus­set­zun­gen.”[16]

Obwohl es in die­sem Bei­trag im wesent­li­chen um die Geschichts­po­li­tik der DDR im Zusam­men­hang mit dem 17. Juni 1953 ging, soll abschlie­ßend noch hin­zu­ge­fügt wer­den, dass die­ser natür­lich auch im Wes­ten all zu oft poli­tisch instru­men­ta­li­siert bzw. in ver­zer­ren­der Art gedeu­tet wur­de. In der BRD domi­nier­ten haupt­säch­lich drei geschichts­po­li­ti­sche Bil­der: Einer­seits war von einer Revo­lu­ti­on im Sin­ne der Fran­zö­si­schen von 1789 mit dem Sturm auf die Bas­til­le die Rede, ande­rer­seits von einer anti­to­ta­li­tä­ren Gesin­nung der Deut­schen, die sich, gemäß des Wider­stands am 20. Juli 1944 gegen Hit­ler, nun gegen die SED-Dik­ta­to­ren Ulb­richt, Pieck und Gro­te­wohl auf­lehn­ten. „Das letz­te domi­nie­ren­de Deu­tungs­mus­ter […] lau­te­te: Der 17. Juni hat die durch den Natio­nal­so­zia­lis­mus beschä­dig­te ‚natio­na­le Wür­de‘ Deutsch­lands wie­der­her­ge­stellt. Der Frei­heits­drang eines Teils des deut­schen Vol­kes und sein Kampf gegen Will­kür und Unmensch­lich­keit kamen in den Augen vie­ler West­deut­schen einer geschicht­li­chen Ehren­ret­tung der gesamt­deut­schen Nati­on gleich.”[17]

2. Fazit

Das von der SED gezeich­ne­te geschichts­po­li­ti­sche Bild der Ereig­nis­se rund um den 17. Juni 1953 eines aus dem Wes­ten her­aus geplan­ten und gesteu­er­ten faschis­ti­schen bzw. kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­ren Put­sches ent­behrt jed­we­der Grund­la­ge. Viel­mehr lenk­te man unter Maß­ga­be der Ideo­lo­gie des vor­herr­schen­den mar­xis­tisch-leni­nis­ti­schen Welt­bil­des von den eigent­li­chen Ursa­chen, näm­lich der sozio­öko­no­mi­schen Kri­se in der DDR, ab. Als Kon­se­quenz aus die­ser trau­ma­ti­schen Erfah­rung ent­schärf­te die SED-Füh­rung ihre radi­ka­le Klas­sen­kampf-Poli­tik zuguns­ten eines fle­xi­ble­ren Regie­rungs­stils. Im glei­chen Atem­zu­ge bau­te sie jedoch auch den eige­nen Macht­ap­pa­rat aus und orga­ni­sier­te die­sen straf­fer, um zukünf­tig ihre Exis­tenz bedro­hen­de Vor­gän­ge wie die vom 17. Juni 1953 zu ver­hin­dern. Auch sei­tens der BRD waren die geschichts­po­li­ti­schen Deu­tun­gen die­ses Ereig­nis­ses oft ideo­lo­gisch geprägt und für poli­ti­sche Zwe­cke instru­men­ta­li­siert wor­den.

3. Quel­len- und Lite­ra­tur­ver­zeich­nis

Quel­len:

BArch, SAPMO, NY 4690/699.

BLHA, Rep. 930, Nr. 721.

Ein­heit. Zeit­schrift für Theo­rie und Pra­xis des wis­sen­schaft­li­chen Sozia­lis­mus, 8. Jg., H. 7, Juli 1953.

Flug­blatt: „Erklä­rung des Zen­tral­ko­mi­tees der SED: Über die Lage und die unmit­tel­ba­ren Auf­ga­ben der Par­tei” vom 21. Juni 1953, BLH.A Rep. 930, Nr. 721.

Geschich­te. Lehr­buch für die Klas­se 10. Geschichts­bild­prä­gend auch: Geschich­te der SED. Ein Abriß.

Gro­te­wohl, Regie­rungs­er­klä­rung, 17.6.1953; BArch, SAPMO, NY 4090, Nr. 437, Bl. 16.

Refe­rat des Genos­sen Staats­se­kre­tär Woll­we­ber auf der zen­tra­len Dienst­kon­fe­renz am 11. und 12. Novem­ber 1953; BStU, ZA, BdL/Dok-6111.

Lite­ra­tur:

Bahr, Egon: Zu mei­ner Zeit, Mün­chen 1996.

Died­rich, Tors­ten: Waf­fen gegen das Volk, Der 17. Juni 1953 in der DDR, Mün­chen 2003.

Erd­mann, Klaus: Der geschei­ter­te Natio­nal­staat. Die Inter­de­pen­denz von Nati­ons- und Geschichts­ver­ständ­nis im poli­ti­schen Bedin­gungs­ge­fü­ge der DDR, Frank­furt am Main 1996.

Kow­al­c­zuk, Ilko-Sascha: 17.6.1953: Volks­auf­stand in der DDR, Ursa­chen — Abläu­fe — Fol­gen, Ber­lin 2003.

Mit­ter, Armin; Wol­le, Ste­fan (Hg.): Ich lie­be euch doch alle, Befeh­le und Lage­be­rich­te des MfS Janu­ar-Novem­ber 1989, Ber­lin 1990.

Scheer­mann, Hans-Die­ter: Dia­log in der PDS, Lan­des­ver­band Bran­den­burg, Dia­log-Heft 10: Der 17. Juni 1953 in Bran­den­burg — 1. Teil, Bran­den­burg 2003.

Wol­frum, Edgar: Geschichts­po­li­tik in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, Der Weg zur bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Erin­ne­rung 1948 — 1990, Darm­stadt 1999.

Fin­ke, Klaus (Hrsg.): Erin­ne­rung an einen Auf­stand. Der 17. Juni 1953 in der DDR, Olden­burg 2003.

Fuß­no­ten:

[1] Erd­mann, Klaus: Der geschei­ter­te Natio­nal­staat. Die Inter­de­pen­denz von Nati­ons- und Geschichts­ver­ständ­nis im poli­ti­schen Bedin­gungs­ge­fü­ge der DDR, Frank­furt am Main 1996, S. 95.

[2] Ebd. S. 96.

[3] Wol­frum, Edgar: Geschichts­po­li­tik in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, Der Weg zur bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Erin­ne­rung 1948 — 1990, Darm­stadt 1999, S. 67.

[4] Gro­te­wohl, Regie­rungs­er­klä­rung, 17.6.1953; BArch, SAPMO, NY 4090, Nr. 437, Bl. 16, In: Flem­ming, Tho­mas: Kein Tag der deut­schen Ein­heit, 17. Juni 1953, Ber­lin 2003, S. 122.

[5] Flug­blatt: „Erklä­rung des Zen­tral­ko­mi­tees der SED: Über die Lage und die unmit­tel­ba­ren Auf­ga­ben der Par­tei” vom 21. Juni 1953, BLH.A Rep. 930, Nr. 721, In: Scheer­mann, Hans-Die­ter: Dia­log in der PDS, Lan­des­ver­band Bran­den­burg, Dia­log-Heft 10: Der 17. Juni 1953 in Bran­den­burg — 1. Teil, 2003, S. 51.

[6] Refe­rat des Genos­sen Staats­se­kre­tär Woll­we­ber auf der zen­tra­len Dienst­kon­fe­renz am 11. und 12. Novem­ber 1953; BStU, ZA, BdL/Dok-6111, S. 4, In: Kow­al­c­zuk, Ilko-Sascha: 17.6.1953: Volks­auf­stand in der DDR, Ursa­chen — Abläu­fe — Fol­gen, Ber­lin 2003, S. 252.

[7] Geschich­te. Lehr­buch für die Klas­se 10. Geschichts­bild­prä­gend auch: Geschich­te der SED. Ein Abriß, In: Died­rich, Tors­ten: Waf­fen gegen das Volk, Der 17. Juni 1953 in der DDR, Mün­chen 2003, S. 136.

[8] Mit­ter, Armin; Wol­le, Ste­fan (Hg.): Ich lie­be euch doch alle, Befeh­le und Lage­be­rich­te des MfS Janu­ar-Novem­ber 1989, Ber­lin 1990, S. 125.

[9] Wol­le, Ste­fan: Der Juni­auf­stand in der DDR — Deu­tung und Rezep­ti­on, In: Fin­ke, Klaus (Hrsg.): Erin­ne­rung an einen Auf­stand. Der 17. Juni 1953 in der DDR, Olden­burg 2003, S. 100.

[10] BLHA, Rep. 930, Nr. 721, In: Scheer­mann, Hans-Die­ter: Dia­log in der PDS, Lan­des­ver­band Bran­den­burg, Dia­log-Heft 10: Der 17. Juni 1953 in Bran­den­burg — 1. Teil, 2003, S. 52.

[11] Scheer­mann, Hans-Die­ter: Dia­log in der PDS, Lan­des­ver­band Bran­den­burg, Dia­log-Heft 10: Der 17. Juni 1953 in Bran­den­burg — 1. Teil, 2003, S. 52.

[12] Bahr, Egon: Zu mei­ner Zeit, Mün­chen 1996, S. 80.

[13] Erklä­rung des Zen­tral­ko­mi­tees der SED: Über die Lage und die unmit­tel­ba­ren Auf­ga­ben der Par­tei, In: Ein­heit. Zeit­schrift für Theo­rie und Pra­xis des wis­sen­schaft­li­chen Sozia­lis­mus, 8. Jg., H. 7, Juli 1953, S. 852.

[14] Fin­ke, Klaus: Die Kri­se des SED-Sozia­lis­mus und der Juni-Auf­stand 1953, In: Fin­ke, Klaus (Hrsg.): Erin­ne­rung an einen Auf­stand. Der 17. Juni 1953 in der DDR, Olden­burg 2003, S. 38.

[15] Fin­ke, Klaus: Die Kri­se des SED-Sozia­lis­mus und der Juni-Auf­stand 1953, In: Fin­ke, Klaus (Hrsg.): Erin­ne­rung an einen Auf­stand. Der 17. Juni 1953 in der DDR, Olden­burg 2003, S. 39.

[16] BArch, SAPMO, NY 4690/699 S. 79, In: Scheer­mann, Hans-Die­ter: Dia­log in der PDS, Lan­des­ver­band Bran­den­burg, Dia­log-Heft 10: Der 17. Juni 1953 in Bran­den­burg — 1. Teil, 2003, S. 11.[17] Wol­frum, Edgar: Geschichts­po­li­tik in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, Der Weg zur bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Erin­ne­rung 1948 — 1990, Darm­stadt 1999, S. 79.