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Der Ausschluss aus dem Schriftstellerverband der DDR

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„Wie habt ihr euch damals verhalten, Meister des Wortes,
als es darauf ankam, sich zählen zu lassen?“ (Stefan Heym)

Am 7. Juni 1979 schloss der Schriftstellerverband der DDR neun seiner Mitglieder aus. Unter ihnen auch der berühmte Autor Stefan Heym. Die damalige Debatte innerhalb des Verbandes zeigte das Spannungsfeld, in dem sich die Autoren in der DDR bewegten, zwischen realistischem Anspruch und politischer Beeinflussung.

Der Kampf um Öffentlichkeit

Welche Aufgabe hatte die Literatur in der DDR? Welche Aufgabe die Kunst? Diese Frage darf bei der Betrachtung der veröffentlichten Literatur, beim Umgang mit Kunst und Kultur in der DDR nicht aus dem Auge verloren werden. Unterhaltung, Reflexion der sozialen Verhältnisse, Hilfe, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu verstehen, Vermittlung von Lehren (Brecht), Widerspiegelung der Wirklichkeit mit künstlerischen Mitteln, Bestandteil der, so die Lesart der Ideologen, Klassenauseinandersetzung zwischen Kapitalismus und Sozialismus? Sicher hatte die Kunst in der DDR von alledem ein bisschen zu transportieren. Die 1928 von Friedrich Wolf (1888 – 1953) gehaltene Rede „Kunst ist Waffe“ umreißt die starke Politisierung der Kunst und vor allem der Literatur im Bund proletarischer Schriftsteller, die später auch der Kulturpolitik der DDR als Grundlage diente. Allerdings weisen auch viele Stücke Bertold Brechts eine starke sozialistische Parteilichkeit auf, die im historischen Kontext gesehen werden muss. Musste (oder durfte) dabei aber die kritische Auseinandersetzung mit der Realität auf der Strecke bleiben? Oder hätte nicht gerade in ihr eine Chance für das gesamte System gelegen? Das sind Fragen, die sich bei der Auseinandersetzung mit dem Ausschluss der neun Autoren aus dem Schriftstellerverband der DDR ergeben.

Die Situation

Am 7. Juni 1979 schließt der Schriftstellerverband der DDR neun seiner Mitglieder aus.[1] Unter ihnen der Autor von „Kreuzfahrer von heute“ Stefan Heym, der 1933 aus Deutschland emigrieren musste und als Angehöriger der US-Armee an der Befreiung Deutschlands vom NS-Regime beteiligt war.

Weshalb diese Entscheidung? Ging es um das Öffentlichkeitsmonopol der SED?

Die Schriftsteller sollten das Leben im Sozialismus realistisch darstellen. Bei der Reflexion der Probleme und Schwierigkeiten im gesellschaftlichen Leben der DDR erhielten sie allerdings schnell ein staatsfeindliches Etikett. Ein unauflösbarer Widerspruch! So war auch die alltägliche Praxis sehr widersprüchlich. Einige Veröffentlichungen wurden unterbunden, andere, teils ebenso kritische Bücher, erschienen aber trotzdem. Die Zensur ging oft recht merkwürdig vor. So wurden drei Bücher von Stefan Heym infolge verboten – 1973 durften sie plötzlich erscheinen.

Was war vorausgegangen?

Diese Unberechenbarkeit der verantwortlichen „Kulturpolitiker“ animierte einige Autoren andere Wege zu gehen, um Öffentlichkeit zu erzielen: Sie nutzten die Verlage und die Medien in der BRD. Romane und Gedichtbände, die nicht erscheinen konnten, wurden im Westen veröffentlicht. Die DDR-Führung hatte nur zwei Möglichkeiten: Sie musste ihre restriktiven Beschränkungen etwas zurücknehmen oder die Nutzung der westlichen Medien unterbinden. Sie entschied sich für den Konfrontationskurs. Eine Lockerung der Zensur wäre ohne wirkliche Reformen nicht denkbar gewesen. Und für Reformen war das Gesamtsystem bereits zu sehr erstarrt! So musste eine Verschärfung des Devisengesetzes dafür herhalten, kritisches Denken und vor allem kritisches Schreiben zu unterbinden, es wurde zum Druckmittel gegen widerspenstige Schriftsteller.

Das Strafrecht wurde als Reservegeschütz in Stellung gebracht. Wer ohne Einwilligung des Büros für Urheberrechte im Ausland veröffentlichte, wurde wegen Devisenvergehens mit hohen Geldstrafen belegt. Ebenso wurde das Strafrecht verschärft. Der Paragraph 219 besagte unter anderem: Es ist zu bestrafen „wer als Bürger der Deutschen Demokratischen Republik Nachrichten, die geeignet sind den Interessen der Deutschen Demokratischen Republik zu schaden, im Ausland verbreitet oder verbreiten lässt.“[2] Damit konnte jede kritische Äußerung, die im Ausland veröffentlicht wurde, bestraft werden. Dieser Teil des Strafrechts diente vor allem der Abschreckung. Doch viele Schriftsteller und Künstler zeigten spätestens bei den Auseinandersetzungen über die Biermann-Ausbürgerung, dass sie nicht bereit waren, auf die Öffentlichkeit zu verzichten, die ihnen die westlichen Medien boten.

Seit der Ausbürgerung Wolf Biermanns hatte sich unter vielen Schriftstellern eine Verbitterung gegenüber der Politik der DDR-Führung verfestigt. Stefan Heym veröffentlichte seinen Roman „Collin“ in der BRD ohne die Zustimmung des Büros für Urheberrechte, die er gewiss auch nicht erhalten hätte. Daraufhin wurde er wegen des Verstoßes gegen das Devisengesetz verurteilt und musste 9.000 Mark Strafe  zahlen. Im Zentralorgan des ZK der SED, dem „Neues Deutschland“, wurde Stefan Heym als „ehemaliger USA-Bürger“ denunziert.

Kritik innerhalb des Systems am System

Trotzdem waren viele Schriftsteller nicht mehr bereit, die ständigen Einschränkungen und Behinderungen in ihrer Arbeit widerstandslos hinzunehmen. So unterzeichneten acht Schriftsteller[3] einen Brief an den SED-Generalsekretär Erich Honecker. In diesem Brief heißt es unter anderem: „ … mit wachsender Sorge verfolgen wir die Entwicklung unserer Kulturpolitik. Immer häufiger wird versucht, engagierte, kritische Schriftsteller zu diffamieren, mundtot zu machen oder, wie unseren Kollegen Stefan Heym, strafrechtlich zu verfolgen. Der öffentliche Meinungsstreit findet nicht statt. Durch die Koppelung von Zensur und Strafgesetzen soll das Erscheinen kritischer Werke verhindert werden.“[4] Diese scharfe Kritik an der DDR-Kulturpolitik wurde begleitet von einer Darstellung ihres Selbstverständnisses als Schriftsteller der DDR. „Wir sind der Auffassung, dass der Sozialismus sich vor aller Öffentlichkeit vollzieht; er ist keine geheime Verschlusssache. Über seine Erfolge und Niederlagen, das heißt über unsere Erfahrungen zu schreiben, halten wir für unsere Pflicht und unser Recht.“ Natürlich wurde dieser Brief in der DDR-Presse nicht veröffentlicht. Nach einer Woche unterrichteten die Briefunterzeichner die westdeutsche Presse über den Brief und seinen wesentlichen Inhalt. Diese Verzögerung hatte mehrere Gründe. Die Unterzeichner wollten der DDR-Regierung Verhandlungsbereitschaft signalisieren und den Verdacht vermeiden, sie wollen über die Medien der BRD mit der DDR-Regierung diskutieren. Da sie aber auch die Öffentlichkeit über ihre Unterstützung für Stefan Heym informieren wollten, beschlossen die Autoren, die westdeutsche Presse zwar zu informieren, aber ohne ihr den genauen Wortlaut des Briefes zu übermitteln und mit der bereits erwähnten zeitlichen Verzögerung.

Die Antwort

Die Reaktion erfolgte prompt. Ein polemischer offener Brief von Dieter Noll an Erich Honecker wurde im „Neuen Deutschland“ veröffentlicht. In dem Brief versicherte Noll, dass die Schriftsteller voll hinter der Partei und der Kulturpolitik der Regierung stünden, mit der Ausnahme, dass es „einige wenige kaputte Typen wie die Heym, Seyppel oder Schneider … gibt.“[5] Auch das Referat Hermann Kants, das ebenfalls im „Neuen Deutschland“ erschien, muss als direkte Reaktion auf den, in der DDR nie veröffentlichten Brief, verstanden werden. „Wer die staatliche Lenkung und Planung auch des Verlagswesens Zensur nennt, macht sich nicht Sorge um unsere Kulturpolitik, er will sie nicht.“[6] Deutlich wird in dem Referat auch, dass Kant die Aufgaben der Literatur darin sieht, dem Ansehen der DDR zu dienen. Eine wirkliche Kritik kommt damit nicht in Frage. Hermann Kant hatte 1978 die Nachfolge von Anna Seghers als Präsident des Schriftstellerverbandes übernommen. Er hat Strittmatter, Hermlin und zeitweilig auch Erich Loest gegen Widerstände aus der Parteiführung unterstützt. Nun wurde er zum Vollstrecker der offiziellen Parteilinie gegenüber den kritischen Schriftstellern. Denn die SED-Führung wollte es nicht bei verbaler Polemik bewenden lassen, sondern an den renitenten Schriftstellern ein Exempel statuieren.

Die Ausschlüsse werden vorbereitet

So wurde ein groß angelegtes Ausschlussverfahren aus dem Schriftstellerbund der DDR geplant. Der Schriftstellerverband besaß einige Bedeutung für die materielle Absicherung seiner Mitglieder. Über den Schriftstellerverband erhielt man z.B. Aufträge und eine Steuernummer, die überhaupt erst eine freiberufliche Tätigkeit erlaubte. Die Folgen eines solchen Ausschlusses waren also für die konkrete Person erheblich. Doch wer sollte ausgeschlossen werden? Die acht Unterzeichner des Briefes an Honecker boten sich an, doch zwei waren bereits aus dem Verband ausgetreten. Es wurde versucht, Erich Loest auszuschließen, allerdings in seinem Fall ohne Erfolg. Er hatte im Regionalverband Leipzig einen zu großen Rückhalt. Er trat 1980 aus dem Verband aus und verließ die DDR. Für diese drei wurden vier andere den Auszuschließenden zugeschlagen. Sie alle waren durch Veröffentlichungen im Westen, kritische Briefe oder Sympathiebekundungen für Dissidenten negativ aufgefallen. Stefan Heym stand auf der Liste ganz oben, wurde er doch für die Krise verantwortlich gemacht. Stefan Heym zählte zu den Schriftstellern und Künstlern, wie Bertold Brecht und Anna Seghers, die nach 1945 aus dem Exil freiwillig und bewusst in die DDR gegangen waren. Dem überzeugten Kommunisten Heym wurde antikommunistische Hetze vorgeworfen, dem weltberühmten Schriftsteller wurde vorgehalten, sein kritisches Buch „Collin“ befände sich auf dem Niveau eines Konsalik. Schon lange vorher hat Wolfgang Leonhard einen Satz geschrieben, der gut auf diese Ereignisse passt: „Die Revolution frisst ihre Kinder!“ Den Autor Stefan Heym anzugreifen, bedeutete auch ein erheblicher Imageschaden für die DDR. Offensichtlich war die Politik der DDR-Führung bereits stark defensiv. Sie unterdrückte jeden Hauch von Opposition, weil sie spürte, dass ihr die Gesamtsituation entglitt und jede noch so schwache Opposition ihr Ende bedeuten könnte.

Die Umsetzung

Das Ausschlussverfahren war gut vorbereitet, und am Ausgang konnte es keinen Zweifel geben. Trotzdem sind die Debatten äußerst interessant. In den Reden ging es um wichtige Fragen. Darf man sich als Schriftsteller der DDR in der westdeutschen Presse kritisch zur DDR äußern? Diese Frage stand im Zentrum der Debatte. Viele Schriftsteller bezeichneten dies Mittel als ungeeignet, obwohl sie die Probleme, kritische Literatur und Stellungnahmen zu veröffentlichen, aus eigener Erfahrung kannten. Wie Stefan Heym allerdings richtig dazu anmerkte: „Ich würde lieber auf diese Anwürfe … in unserer Presse antworten. Aber schon seit Jahren steht mir unsere Presse nicht mehr offen. Und so kann ich, wenn ich die Menschen in der DDR erreichen will, nur noch diesen Weg gehen.“[7] Hier möchte ich zur Eingangsfrage zurückkommen: Welche Aufgabe hatte die Literatur in der DDR? Diese Frage stand auch im Mittelpunkt. Hermann Kant meinte dazu: „Unsere Literatur genießt auch deshalb in diesem Land Ansehen, weil sie zum Ansehen des Landes beigetragen hat. … Werktätig ist man hier nicht nur, wenn man in einem Werk tätig ist, sondern auch an einem, einem Literarischen zum Beispiel.“[8] Die Literatur ist nach Auffassung Kants dem Land und der Politik verpflichtet und darf dem nicht entgegenstehen.

Die Stellung Stefan Heyms dazu hat dieser selber klar formuliert: Kritische Literatur mag mit kurzfristigen politischen Überlegungen nicht übereinstimmen, doch Literatur soll „auch in zwanzig oder fünfzig Jahren noch gültiges über unsere Zeit aussagen. …wer die Kunst irgendwelchen taktischen Bedürfnissen unterwerfen will, vernichtet gerade die Kunst, die der Sozialismus braucht.“[9] „Man wird versuchen, das ist auch der Zweck dieses Verfahrens, mich aus dem Land zu graulen. Ich möchte sagen, daß ich diese Republik nicht freiwillig verlassen werde.“[10] Ein klares Bekenntnis zu einer antikapitalistischen Grundauffassung, der Heym auch nach der Wiedervereinigung als Alterspräsident des Deutschen Bundestages treu blieb.

Während der ganzen Debatten bekam nur Stephan Hermlin großen Beifall, seine Rede sollte es also wert sein, genauer betrachtet zu werden. Stephan Hermlin nahm eine vermittelnde Position ein. Er sprach gegen die Veröffentlichungen im Westen und von dem Hang einiger Schriftsteller, sich mehr mit Interviews und offenen Briefen zu beschäftigen als mit dem Schaffen von Literatur. Aber auch gegen die Ausschlüsse wendete er sich sehr deutlich. Er war sich der Probleme bewusst, hoffte aber eine Einigung zwischen Schriftstellern und Staatsführung erreichen zu können. „Wir haben eine lange Tradition im Nichtertragen anderer Meinungen und im Glauben daran, daß die eigene Meinung die Alleinseligmachende ist.“[11]

Er plädiert für die Rückkehr zur Vernunft und die Unterbrechung des gegenseitigen Hochschaukelns dieses Konflikts. Er forderte auch auf, sich der Probleme der Schriftsteller anzunehmen: „Wir Marxisten haben immer nach den Ursachen von Handlungen und Verhaltensweisen gefragt, um fehlerhafte Handlungen und Verhaltensweisen verändern zu können, wo ihnen das möglich sein müsste. Wenn Schriftsteller der DDR sich dort äußern, wo sie sich eigentlich nicht äußern sollten, so liegt es daran, dass sie sich oft nicht äußern können, wo ihnen das möglich sein müsste.“[12] Allerdings ahnte er bereits, dass seine vermittelnde Position in der aufgeheizten Atmosphäre nicht mehr zeitgemäß war. Die Fronten hatten sich zu stark verhärtet. Der Ausschluss wurde mit großer Mehrheit (cirka 80%) beschlossen.

Schlussbetrachtung

Die DDR-Führung hatte demonstriert: Kritische Literatur ist unerwünscht! Bereits damals war das gesellschaftliche System so erstarrt, dass es zu Reformen nicht mehr fähig war. Als es 1989 die Kritik nicht mehr ersticken konnte, zerfiel es. Das Problem ist das nicht nur in der DDR anzutreffende schwarz-weiß malen. Es gibt nur Gut oder Böse, Freund oder Feind. Wer in der Westpresse veröffentlicht oder gar Kritik an der DDR äußert, kollaboriert mit dem Klassenfeind, ist der Feind.

Nach Gründen, dem „Wieso?“, wurde nicht gefragt. Aus Sicht der Staats- und Parteiführung zählte die BRD zur „Achse des Bösen“. Die SED-Führung hatte den Kampf gewonnen – aber es war ein Pyrrhussieg. Hunderte Künstler verließen die DDR. Es waren Menschen, die eigentlich loyal zur DDR standen, die der gesellschaftlichen Idee „Sozialismus“ aufgeschlossen begegnet waren. Sie wurden in die Gegnerschaft gezwungen, wenn sie ihren kritischen Geist bewahren wollten.

Die zahlreichen Protestbriefe zeigen, wie der Ausschluss von vielen Menschen in der DDR reflektiert wurde. Protestbriefe gegen den Ausschluss kamen unter anderem von Christa Wolf und Günther de Bruyn, die natürlich auch gegen den Ausschluss gestimmt hatten. Stefan Heym wusste natürlich von dem Druck, der auf viele der Anwesenden bezüglich der Abstimmung ausgeübt wurde.

Doch er erinnert daran, „dass eines Tages ihre Söhne und Töchter sich bei ihnen erkundigen werden… Wie habt ihr euch damals verhalten, Meister des Wortes, als es darauf ankam, sich zählen zu lassen?“[13]

Quelle

Walther, Joachim u.a. (hg.): Protokoll eines Tribunals – Die
Ausschlüsse aus dem DDR-Schriftstellerverband 1979.

Literatur

Heym, Stefan: Wege und Umwege München. 1980.

Jäger, Manfred Kultur und Politik in der DDR Köln 1994.

Mittenzwei, Werner: Die Intellektuellen – Literatur und Politik
in Ostdeutschland von 1945 bis 2000. Leipzig 2001.


[1] Kurt Bartsch, Adolf Endler, Stefan Heym, Karl-Heinz Jakobs, Klaus Poche, Klaus  Schlesinger, Rolf Schneider, Dieter Schubert und Joachim Seyppel.

[2] Jäger: Kultur und Politik in der DDR S.169.

[3] Kurt Bartsch, Jurek Becker, Adolf Endler, Erich Loest, Klaus Poche, Klaus Schlesinger, Dieter Schubert und Martin Stade.

[4] Walther: Protokoll eines Tribunals S.65.

[5] Walther: Protokoll eines Tribunals S.97.

[6] Walther: Protokoll eines Tribunals S.106.

[7] Heym: Wege und Umwege S.381.

[8] Walther: Protokoll eines Tribunals S.109.

[9] Walther: Protokoll eines Tribunals S.47.

[10] Heym: Wege und Umwege S.381.

[11] Walther: Protokoll eines Tribunals S.57.

[12] Walther: Protokoll eines Tribunals S.56.

[13] Walther: Protokoll eines Tribunals S.47.

 

Erinnerungskultur zwanzig Jahre nach dem Mauerfall

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2009 war das Erinnerungsjahr schlechthin. Zum zwanzigsten Mal jährte sich der Fall der Berliner Mauer – ein Ereignis, das letztlich den Weg zur Wiedervereinigung Deutschlands freigemacht hat und aufgrund seiner historischen Bedeutung in vielerlei Hinsicht gewichtige Gründe zur Erinnerung lieferte. So war die “friedliche Revolution 2009“ in aller Munde und so aktuell wie nie zuvor. Und das, obwohl bis dato dem Begriff der “Wende“ eindeutig der Vorzug gegeben worden war. Ich betrachte die Erinnerungskultur nach dem Mauerfall aus tiefenpsychologischer Perspektive.

Die Angebote anlässlich des 20. Jubiläums der Wiedervereinigung in 2009 entwickelten eine so große Bandbreite, insbesondere in der Hauptstadt Berlin, dass der Interessierte seine Mühe hatte, Schritt zu halten, geschweige denn, das vielfältige Veranstaltungsprogramm auch nur ansatzweise umfassend in Anspruch zu nehmen. Weder Tageszeitungen, noch Magazine ließen sich die Gelegenheit entgehen, um entsprechende Artikel oder gleich ganze Sonderausgaben mit historischem Charakter zu veröffentlichen, vom seriösen Traditionsblatt bis zur Boulevardpresse. Sonderausstellungen, allen voran die frei zugängliche Ausstellung zur friedlichen Revolution auf dem Alexanderplatz in Berlin, wurden eigens installiert, letztere  wegen der großen Resonanz sogar bis 2010 verlängert. Podiumsdiskussionen zu den Themenbereichen Mauerfall und friedliche Revolution nahmen in der Regel deutlich kontroverse Züge an und auch der Büchermarkt wurde 2009 von einer Flut an Neuerscheinungen regelrecht überschwemmt: Unter anderem durch ein Werk von Harald Jäger, dem Grenzbeamten, der am Grenzübergang Bornholmer Straße nach eigenem Ermessen den Befehl gegeben hatte, den Schlagbaum zu öffnen – höchstpersönlich. Nicht wenige der damaligen Akteure traten verstärkt öffentlich in Erscheinung und so mancher hätte sich rückblickend wohl gerne als Initiator eines der wichtigsten Ereignisse in der deutschen Geschichte hochstilisieren lassen. Continue reading „Erinnerungskultur zwanzig Jahre nach dem Mauerfall“

Jugendpolitik, Erziehung und Bildung in der DDR

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Die Einflussnahme auf die Bürger der DDR bzw. auf die Entwicklung der Gesellschaft im Sinne eines real gelebten Sozialismus war umfassend und weitreichend. Die DDR-Führung übte unter anderem nicht nur maßgebend Kontrolle auf das Berufsleben, auf die Kultur und das gesellschaftliche Leben aus, sondern hatte insbesondere die heranwachsenden Generationen im Fokus. Welche politische Bedeutung der Jugendpolitik beigemessen wurde, verdeutlicht beispielsweise der Verlauf des Plenums des Zentralkomitees der SED im Dezember 1965. Obwohl ursprünglich wirtschaftliche Themen auf der Tagesordnung standen, entwickelten sich unerwarteterweise außergewöhnlich lange Diskussionen um die Kultur- und Jugendpolitik. Ausschlaggebender Anlass hierzu war ein nationaler Gitarrenwettbewerb und dessen Folgen, zu dem die FDJ-Führung im Mai des gleichen Jahres aufgerufen hatte, um die wachsende Begeisterung der DDR-Jugend für englische Beat-Gruppen, wie z. B. die “Beatles“ oder die „Rolling Stones“, zu kanalisieren. Als sich jedoch herausstellte, dass sich die teilnehmenden Gruppen überwiegend an der englischsprachigen Musikszene orientierten, wurde dieser Wettbewerb auf Weisung der Partei allerdings abgebrochen.

Im Herbst 1965 wurden die Bezirke schließlich angewiesen, sämtliche Beat-Gruppen zu registrieren, vorzuladen und im Falle einer zu westlichen Ausrichtung deren Lizenz zu entziehen, was ein Großteil dieser Musik-Gruppen betraf. Infolgedessen kam es zu Demonstrationen von Jugendlichen, die gegen den Lizenzentzug und das damit verbundene Auftrittsverbot protestierten. Erich Honecker verurteilte diese Vorkommnisse auf dem Plenum aufs Schärfste und machte dafür “antihumanistische kulturelle Darstellungen“, insbesondere im Hinblick auf DDR-Filmproduktionen verantwortlich. Sowohl der FDJ als auch der Partei warf er vor, dass der schädliche Einfluss der Beat-Musik grob unterschätzt worden wäre.

Die Ursache dieser Missstände sah er in einem ungenügenden marxistischen Weltbild der Künstler und deren geringer Kenntnis von der Politik der Partei. In seiner Kritik ging er sogar soweit, den Klassenfeind für diese Entwicklung verantwortlich zu machen, der die DDR durch einen liberalen Einfluss von innen her aufweichen wolle.

Wie ist es zu erklären, dass der Jugendpolitik in der DDR eine solch große Bedeutung beigemessen wurde, dass sogar musikalische Vorlieben Jugendlicher zum Gegenstand eines ZK-Plenums wurden und die Gemüter derart erhitzten?

Aus politischer Sicht war die Erziehung zum sozialistischen Patriotismus und proletarischen Internationalismus ein Bestandteil der kommunistischen Erziehung. Diese Auffassung entsprang unter anderem der marxistisch-leninistischen Erkenntnis, dass die Stärke des Sozialismus im Bewusstsein der Massen begründet ist. Um dieses Bewusstsein nachhaltig gewährleisten zu können, muss die revolutionäre Partei der Arbeiterklasse im Kampf um den Kommunismus jede neue Generation für diesen Kampf gewinnen und entsprechend erziehen.1

Karl Marx schrieb 1867:

„Der aufgeklärtere Teil der Arbeiterklasse … (begreift) sehr gut, dass die Zukunft seiner Klasse und damit die Zukunft der Menschheit völlig von der Erziehung der heranwachsenden Arbeitergeneration abhängt.“2

Dies bedeutet, dass jede neue Generation in den Kampf um die Festigung und allseitige Stärkung des Sozialismus einzubeziehen ist. Kommunistische Erziehung erfordert demnach, jeden Schritt der Beschulung, Erziehung und Bildung mit dem ununterbrochenen Kampf der Proletarier und Werktätigen gegen die Ausbeutergesellschaft und für den Kommunismus zu verknüpfen. Inhaltlich wird die Erziehung von den konkret-historischen Anforderungen des Kampfes um den Kommunismus geprägt.3 Demnach steht die kommunistische Erziehung in der Tradition des Arbeiterkampfes: Durch die aktive Aneignung der historischen Erfahrungen und Traditionen des Klassenkampfes und durch die Entwicklung einer Arbeits- und Lebenshaltung, die dem sozialistischen Patriotismus, der Klassensolidarität, der Bereitschaft zur Verteidigung und dem Schutz der sozialistischen Gemeinschaft entspricht.4

So stand die Erziehung zum sozialistischen Patriotismus als Bestandteil der kommunistischen Erziehung der Jugend auch im Mittelpunkt der Jugendpolitik innerhalb der DDR, um das Fortbestehen des Sozialismus zu sichern. Grundsätzlich orientierte sich die Bildungspolitik der DDR an der Sowjetunion und verfolgte zum einen das Ziel, ein hohes Bildungsniveau für alle Jugendlichen und Berufstätigen zu erreichen, und zum anderen die völlige Einbindung jedes Einzelnen in das ideologische und politische System der DDR. Aufgabe des sozialistischen Bildungswesens war demnach, die Bürger zu befähigen, die sozialistische Gesellschaft mitzugestalten, die technische Revolution zu meistern und an der Entwicklung der sozialistischen Demokratie mitzuwirken. Um dies zu gewährleisten, wurde bereits 1946 die FDJ mit Genehmigung der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) offiziell als Jugendorganisation gegründet, nachdem die KPD-Spitze in Moskau bereits im Vorfeld Pläne für eine Nachkriegsjugendpolitik entwickelt hatte.

Die “Freie Deutsche Jugend“ sollte die Aufgabe übernehmen, die Jugend in den Marxismus-Leninismus einzuführen und zu klassenbewussten Sozialisten zu erziehen. Sie verstand sich als sogenannte “Kampfreserve der SED“, da die Partei selbst keine eigene Jugendorganisation besaß, und sollte die Entwicklung der sozialistischen Gesellschaft in der Deutschen Demokratischen Republik offiziell mitgestalten. Die Vertiefung der Freundschaft zur Sowjetunion und die Unterstützung aller Völker der Welt im Kampf gegen das imperialistische System stellten internationale Zielsetzungen der FDJ dar. Demnach wurden unmittelbar nach der Gründung folgende Grundsätze und Ziele der Freien deutschen Jugend genannt: “Gewinnung der Jugendlichen für die großen Ideale der Freiheit, des Humanismus, einer kämpferischen Demokratie, des Völkerfriedens und der Völkerfreundschaft“, sowie “die aktive Teilnahme aller Jungen und Mädel beim Neuaufbau unseres Vaterlandes“. Interessant ist sicherlich, dass zu diesem Zeitpunkt im gleichen Atemzug auch die Erhaltung der Einheit Deutschlands genannt wurde.5 Des Weiteren wurden als Organisationsziele festgelegt, politische und soziale Rechte sowie das Zusammengehörigkeitsgefühl der Heranwachsenden durch organisierte soziale, kulturelle und sportliche Aktivitäten zu fördern.6

Neben der ideologischen Ausrichtung stellte auch die Freizeitgestaltung ihrer Mitglieder eine wesentliche Aufgabe des neuen Jugendverbandes dar. Jugendliche wurden ab dem 14. Lebensjahr aufgenommen. Die Mitgliedschaft war laut Statut zwar freiwillig, in der Regel waren aber Jugendliche ohne Mitgliedschaft erheblichen Benachteiligungen ausgesetzt – insbesondere bei der Zulassung für eine weiterführende Schule. Für Grundschulkinder wurde zusätzlich die “Pionierorganisation Ernst Thälmann“ eingerichtet, die der FDJ angegliedert war, um auch diese Altersspanne einer altersgerechten Form der sozialistischen Erziehung zuzuführen.7 Diese war als politische Kinderorganisation Bestandteil des einheitlichen sozialistischen Schulsystems und als solche fest in die Schulen integriert.

Damit bildete sie die Vorstufe zur Mitgliedschaft in der FDJ. Im Anschluss an die Schulzeit setzte sich die Einbindung der Heranwachsenden zusätzlich durch den Wehrdienst und den Pflichtstudiengang “Marxismus-Leninismus“ für alle Studenten fort. Auf diese Weise wurde die Einflussnahme eines jeden DDR-Bürgers vom sechsten Lebensjahr bis zum Ende der Ausbildung gewährleistet und setzte sich darüber hinaus in diversen sozialistischen Organisationen prinzipiell bis zum Ausscheiden aus dem Arbeitsleben fort. Bezieht man die Kinderkrippe mit ein, umfasste die ideologische Einflussnahme sogar fast die gesamte Lebensspanne eines Menschen. Bei sämtlichen sozialistischen Organisationen stand stets das Kollektiv im Vordergrund, wohingegen Individualismus wenig erwünscht war, was für sich genommen bereits bezeichnend sein dürfte. Kinder bekamen schon in der ersten Klasse das blaue Halstuch der Jungpioniere umgebunden und legten ihr Pionierversprechen ab. Die erzieherische sozialistische Zielsetzung innerhalb dieser beiden Jugendorganisationen zeigte sich in den Ausformulierungen der Gebote bzw. Gesetze überdeutlich.

So heißt es unter anderem in den Geboten der Jungpioniere:

„Wir Jungpioniere lieben unsere Deutsche Demokratische Republik…halten Freundschaft mit den Kindern der Sowjetunion…lernen fleißig, sind ordentlich und diszipliniert…achten alle arbeitenden Menschen und helfen überall tüchtig mit.8

In den Gesetzen der Thälmannpioniere wurden diese ideologisch ausgerichteten Zielsetzungen schließlich noch konkreter formuliert:

„Wir Thälmannpioniere lieben unser sozialistisches Vaterland, die Deutsche Demokratische Republik…lieben und schützen den Frieden und hassen die Kriegstreiber…sind Freunde der Sowjetunion und aller sozialistischer Brudervölker…lieben die Arbeit, achten jede Arbeit und alle arbeitenden Menschen…bereiten uns darauf vor, gute Mitglieder der Freien Deutschen Jugend zu werden.“9

Was insbesondere an den Gesetzen der Thälmannpioniere auffällt, ist die Formulierung: “…und hassen alle Kriegstreiber“. Bei Stüber und Zapf ist gar Folgendes nachzulesen:

„Ausprägung des sozialistischen Patriotismus beinhaltet deshalb auch, den Hass auf jegliche Ausbeutung und Unterdrückung zu entwickeln und zur Klassensolidarität, zur gegenseitigen Hilfe und Unterstützung zu erziehen.“10

Es wurde demnach also über das staatliche Bildungswesen nicht nur ein kämpferischer Einsatz für die sozialistischen Ideale propagiert, es sollte darüber hinaus sogar eine regelrecht hasserfüllte Haltung gegenüber dem Klassenfeind erzeugt werden, was aus pädagogischer Sicht absolut indiskutabel ist. Ein Beweis dafür, zu welch absurden Auswüchsen eine Verknüpfung des Bildungswesens mit einseitig politisch geprägten Zielsetzungen führen kann, insbesondere in Anbetracht der erfolgten Instrumentalisierung von Jugendorganisationen für politische Ziele. Als Beispiel sei an dieser Stelle die sogenannte “Aktion Blitz gegen NATO-Sender“ erwähnt, für die im September 1961 rund 25.000 FDJ-Mitglieder mobilisiert wurden, um Tausende von Fernsehantennen, die auf Sender in der BRD ausgerichtet waren, in Richtung sozialistische Sender zu drehen. Äußerlich orientierte sich sowohl die Organisation der Jungpioniere als auch die Organisation der Thälmannpioniere unübersehbar an der Bündischen Jugendbewegung. Halstuch und Fahrtenhemd bzw. “Bluse“ wurden eindeutig von den Pfadfindern kopiert, ähnlich wie dies bereits im Dritten Reich unter den Nationalsozialisten in Form der Hitlerjugend geschehen war. Insofern steht die Ausgestaltung der Jugendorganisationen in gewisser Weise in deutscher Tradition, allerdings in der Tradition der Übernahme tradierter Elemente für eigene politisch und ideologisch geprägte Zielsetzungen.

Aufgrund der bereits frühen Aktivitäten Erich Honeckers im Spartakusbund und dem Kommunistischen Jugendverband Deutschland (KJVD) liegt es nicht nur nahe, dass er von 1946 bis 1955 den Vorsitz der Freien Deutschen Jugend (FDJ) innehatte, sondern auch und gerade, dass für ihn die organisierte sozialistische Jugendarbeit innerhalb der DDR persönlich einen entsprechend hohen Stellenwert einnahm. Man kann sich aus heutiger Sicht geradezu bildlich vorstellen, wie er den Traum von einer Jugendorganisation hegte, die in der Tradition der bündischen Jugendbewegung mit mindestens der gleichen Lebendigkeit, die noch heute sowohl bei Pfadfindern, als auch bei dem Wandervogel-Bund zu finden ist, allumfassend die sozialistischen Ideale verinnerlicht und umsetzt. Quasi eine bündische Jugendorganisation nur mit ausgetauschten Traditionen und Idealen. Der wesentliche Unterschied zwischen der bündischen Jugendbewegung und den sozialistischen Jugendorganisationen der DDR liegt allerdings in der Freiwilligkeit. Während die Jugendbewegung ein Ausdruck von Abgrenzung und Selbstbestimmung darstellte und nach wie vor stellt, wurden die sozialistischen Jugendorganisationen in der DDR von oben aufdiktiert, was völlig konträr zu den Beweggründen steht, welche die bündischen Jugendorganisationen in Eigenregie entstehen ließ, auch wenn diese offiziell auf eine freie Entfaltung aufgrund des überwundenen nationalsozialistischen Faschismus ausgerichtet waren. Dieser Gedanke drückte sich entsprechend in dem Symbol der FDJ aus – eine strahlende aufgehende, goldene Sonne vor blauem Hintergrund, was symbolisieren sollte:  „Nach finsterer Nacht des Faschismus bricht nun ein neuer Tag an.“ – Ein Neubeginn für die Jugend Deutschlands, was anfangs die westdeutschen Jugendlichen durchaus ebenfalls mit einschloss. Vor allem war die FDJ im Gegensatz zu westlichen Jugendorganisationen als eine Massenorganisation angedacht und ausgelegt, die alle Jugendlichen auf dem Gebiet der DDR mit einschließen sollte.

Die Jugendlichen, die insbesondere im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts in die Natur zogen und sich auf die sogenannte “Fahrt“ begaben, stammten in erster Linie aus bürgerlichen Kreisen, die sich aus der Enge, der als langweilig empfundenen bürgerlichen Gesellschaft und der zunehmenden sterilen Industrialisierung, befreien wollten, indem sie sich in der Natur selbstbestimmte Freiräume eroberten. Ein seinerseits geradezu revolutionärer Akt, der auch heute noch immer nicht als selbstverständlich anzusehen ist. Eine Form des Protestes, von jugendlicher Rebellion gegen die Eltern, das Bürgertum und das auf fieberhaften Gelderwerb ausgerichtete Unternehmertum, oder kurz gefasst: gegen das Erwachsensein. Eine Abgrenzung in dieser Form fand innerhalb der DDR weder statt, noch wäre eine solche möglich gewesen. Aus diesem Grund konnte sich keine echte Jugendbewegung entwickeln, obwohl die Beweggründe hierfür mindestens genauso gegeben waren wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Gerade in Anbetracht der allgegenwärtigen Kontrolle vonseiten der politischen Führung und der damit einhergehenden Einengung der Selbstbestimmung wäre eine solche Jugendbewegung angezeigt, ja geradezu prädestiniert gewesen. Doch eine Abgrenzung gegen den kollektiv verordneten Sozialismus hätte der sozialistisch ausgerichteten Erziehung und Jugendpolitik der DDR von Grund auf widersprochen. Aber statt den Jugendlichen hierfür Bewegungsspielräume zu gewähren, gab man ein Konstrukt vor, das alle Kinder und Jugendlichen gleichermaßen ansprechen und begeistern sollte, was durch vielfältige, durchaus attraktive Angebote vom Basteln bis zum Segelflug zum Teil auch durchaus gelang, was aber eben letztlich stets ideologisch ausgerichtet gewesen ist und in Bezug auf die Wehrerziehung am deutlichsten zum Ausdruck kam. Das Wehrdienstgesetz sah hierzu eine umfassende Vorbereitung auf den Wehrdienst für Jugendliche vor, die bereits in der 9. oder 10. Klassenstufe einsetzte. Diese sah praktische Übungen und Militärlageraufenthalte zur Schaffung entsprechender Kompetenzen vor. Sowohl Marx als auch Engels vertraten bereits 1848 die Ansicht, dass sich das Proletariat selbst bewaffnen und über militärische Kenntnisse verfügen müsse, um die Macht erringen und sich gegen die Angriffe reaktionärer Kräfte behaupten zu können.11 Als Ergebnis einer Besprechung mit Stalin am 1. April 1952 notierte sich Wilhelm Pieck, der sich zusammen mit Walter Ulbricht und Otto Grotewohl zu Beratungen über die Vorbereitung der II. Parteikonferenz der SED in Moskau aufhielt: „FDJ muss schießen lernen“.12 Infolge dessen brachte die vormilitärische Erziehung Jugendliche bereits vor der Erfüllung des Grundwehrdienstes mit Schusswaffen in Kontakt, die auch im Rahmen von Schießübungen aktiv benutzt wurden.13 Ein Grundstein hierfür wurde bereits 1952 gelegt, als auf dem IV. Parlament des FDJ-Verbandes vom 27. bis 30. Mai in Leipzig verkündet wurde, dass die Volkspolizei offiziell eine Patenschaft für die FDJ übernehmen wird, wodurch die Ausrichtung der FDJ auf die Unterstützung des Militärs in die Wege geleitet wurde. Am dritten Tag des Parlamentes trat schließlich im Anschluss an eine Rede von Walter Ulbricht eine Delegation der Volkspolizei auf die Bühne und überreichte 100 Kleinkalibergewehre, was von den Anwesenden mit tosendem Applaus honoriert wurde.

Laut Protokoll stimmten die Delegierten das Lied „Greift zum Gewehr, Kameraden!“ an. Im weiteren Verlauf wurde die Erwartung kundgetan, dass die Versammlung entscheidende Beschlüsse fassen solle, um die Bereitschaft und Fähigkeit der deutschen Jugend zur aktiven Verteidigung ihrer deutschen Heimat zu gewähren. Als Ergebnis stimmten schließlich sämtliche Delegierten der Patenschaft unter stürmischen „Hurra“-Rufen zu. Die Patenschaft wurde allerdings nicht von der zivilen Polizei selbst, sondern durch deren paramilitärische Verbände übernommen, die der Hauptverwaltung für Ausbildung unterstanden.14 Auffallend ist jedoch, dass die gesamte sozialistische Jugendorganisation, mit über zwei Millionen Mitgliedern, mit dem Fall der Mauer quasi über Nacht aufhörte zu existieren.

Warum implodierte die gesamte sozialistische Jugendorganisation der DDR quasi in dem Moment, als der formgebende äußere Rahmen weg fiel?

Gerade diese Tatsache stellt ein deutliches Indiz dafür dar, dass es der DDR-Führung innerhalb von 40 Jahren scheinbar nicht gelungen ist, mehr als eine kleine Minderheit für ihre idealistischen, sozialistischen Ziele über deren Jugendpolitik zu erreichen. Im Gegenteil: eine 1969 durchgeführte Untersuchung des Zentralinstituts für Jugendforschung (ZJF) über die Befindlichkeit der DDR-Jugend zeigte unmissverständlich auf, dass die FDJ weit davon entfernt war, die jungen Menschen in der DDR anzusprechen und deren aktive Mitwirkung in der sozialistischen Gesellschaft zu erreichen. Die Resonanz auf politische Themen war oft negativ und selbst Veranstaltungen im Freizeitbereich wurden trotz des umfangreichen Angebotes oftmals als nicht sonderlich attraktiv bzw. generell als unmodern empfunden. Das gesamte Vereinsleben stagnierte und die Mitgliedschaft verflachte zu einer reinen Formsache.

Die Jugendlichen strebten stattdessen nach Selbstbestimmung und individuellen persönlichen Freiräumen, was bei den Parteifunktionären auf Unverständnis stieß. Die Begeisterung für englische Musikrichtungen, die Vorliebe für westliche Mode und das Tragen von langen Haaren wurden als dekadent und als eine Folge des westdeutschen Herrschaftssystems und seiner psychologischen Kriegsführung angesehen. Den Erziehungsfunktionären gelang es nicht, die wahren Beweggründe der Jugendlichen zu verstehen. Das Verhalten der Jugendlichen konnten diese lediglich in Deutungsmuster des Kalten Krieges einordnen. Die im ZK der SED maßgeblichen Funktionäre hatten ihre Sozialisation in den politischen Auseinandersetzungen der Weimarer Republik erhalten und die Zeit des Nationalsozialismus entweder im Widerstand oder im sowjetischen Exil verbracht. Aufgrund der eigenen Jugenderfahrungen standen sie den kulturellen Ausdrucksformen der jüngeren Generationen fremd und verständnislos gegenüber und es zeichnete sich aufgrund dessen mehr und mehr ein regelrechter Generationenkonflikt ab, den die Funktionäre in ihrer sozialistisch ausgerichteten Betriebsblindheit nicht sehen konnten oder wollten. Anzeichen hierfür wurden höchstens als eine Folge des negativen Einflusses des Klassenfeindes interpretiert. Aus psychologischer Sicht liegt diesbezüglich die Vermutung nahe, dass man die Existenz dieses Generationenkonfliktes nicht wahrhaben wollte, weil man sich dann hätte eingestehen müssen, dass die große Zielsetzung, der Wunschtraum einer Jugend, welche die Zukunft der DDR gestaltet und frei von der Last der Vergangenheit den Sozialismus verwirklichen würde, im Grunde gescheitert war. Somit kann die Schuldzuweisung dem westlichen Klassenfeind gegenüber als eine Art Abwehr, als eine Form von Projektion interpretiert werden. Anstatt die Verantwortung für die eigenen Fehler selbst zu übernehmen, wurden diese auf das Feindbild abgewälzt, was wesentlich einfacher ist.

Auf diese Weise war das Scheitern einer angestaubten Jugend- und Bildungspolitik vorprogrammiert. Der Kriegsgeneration, die in der Weimarer Republik sozialisiert wurde und sowohl den Nationalsozialismus als auch die Katastrophe des Zweiten Weltkrieges erlebt hatte und entsprechend geprägt aus dieser Zeit hervorgegangen war, standen die Nachkriegsgenerationen gegenüber, die dafür ihrerseits nicht allzu großes Verständnis aufbrachten und nach vorne blicken wollten, anstatt rückwärts gewandt ständig an die Traditionen des sozialistischen Arbeiterkampfes und des Antifaschismus erinnert zu werden. Sie wollten Kinder ihrer eigenen Zeit sein und ihre Jugend selbstbestimmt gestalten. Man könnte gar vermuten, dass die Kriegsgeneration aufgrund ihrer eigenen Jugenddefizite den nachkommenden Generationen ihre Jugendzeit nicht wirklich gönnen konnte, was man übrigens in gewisser Weise auch auf die BRD beziehen könnte. Aber wie dem auch sei, fest steht, dass das Projekt sozialistische Kinder- und Jugenderziehung für den Klassenkampf und der Verwirklichung eines nachhaltigen zukunftsweisenden Sozialismus nicht wirklich gelungen ist. Dies zeigt, dass auch der größte, umfassendste idealistisch geprägte Einfluss von außen, niemanden wirklich erreichen kann, wenn all dies lediglich aufgezwungen wird und aufgrund fehlender eigenen Motivation kein fruchtbarer Boden existiert, auf dem ein überspringender Funke landen könnte. Dazu bahnt sich ein Zitat von Antoine de Saint-Exupéry geradezu ins Bewusstsein: „Wenn du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer!“

Offensichtlich ist es in der DDR nicht gelungen, die heranwachsenden Generationen für die Idee des real gelebten Sozialismus wirklich zu begeistern. Doch genau dies wäre eine Grundvoraussetzung gewesen, damit die Jugendorganisationen zu einem Erfolg hätten werden können und zwar so, dass die Kinder und Jugendlichen aus eigenem Antrieb, aus eigenem Interesse und vor allem aus eigener Überzeugung heraus, am Vereinsleben teilnehmen. Dies ist allerdings nur auf dem Prinzip der Freiwilligkeit möglich. Keine einzige Jugendgruppe könnte beispielsweise funktionieren und sich mit Lebendigkeit füllen, wenn deren Mitglieder lediglich von ihren Eltern zu einer Teilnahme gezwungen werden würden, weil sie die dort geleistete Jugendarbeit für eine gute Sache halten. Unter Zwang kann weder Motivation, noch Kreativität und schon gar keine echte Freude entstehen. Nach Carl Rogers ist es in der Erziehung wichtig, ob ein Kind Autonomie genießt oder unter ständiger Kontrolle leidet, denn Autonomie ist gleichbedeutend mit Vertrauen in das Kind, das für die Unterstützung der freien Entfaltung von essenzieller Bedeutung ist. Ständige Bevormundung, Kontrolle, Überprüfung und Zwang sind hingegen zu vermeiden. Doch genau diese Autonomie wurde den Kindern und Jugendlichen innerhalb der sozialistischen Erziehung nicht gewährt. Im Gegenteil!

Stattdessen stand vielmehr eine umfassende Kontrolle im Vordergrund, die gegebenenfalls zu empfindlichen Sanktionen führen konnte. Selbst ein im Übermut erzählter Witz mit politischem Inhalt reichte bereits aus, um Jugendliche in ernsthafte Bedrängnis zu bringen. Delinquente oder nach Paragraph 249 StGB als „asozial“ registrierte Jugendliche wurden zur Umerziehung in dafür eigens vorgesehene Umerziehungsheime eingewiesen, wie z. B. in den geschlossenen Jugendwerkhof Torgau. Dort wurden die Jugendlichen unter haftähnlichen Bedingungen einem von Drill und Demütigungen geprägten Umerziehungsprogramm zugeführt.15 Aus diversen Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes in Bezug auf die Definition des MfS zur „politisch-operativen Arbeit“ geht hervor, dass eine gezielte „politisch-ideologische Diversion“ der Jugend durch den Klassenfeind ernsthaft befürchtet wurde.

Dort wurde unter anderem ausformuliert:

Bestandteil der gegen den realen Sozialismus gerichteten à Subersion des Feindes, der die subversiven Angriffe auf ideologischem Gebiet umfaßt. Mit der politisch-ideologischen Diversion strebt der Feind in einem langfristig angelegten, mehrstufigen Prozeß subversive Ziele an. Sie bestehen in der Zersetzung des sozialistischen Bewußtseins bzw. der Störung und Verhinderung seiner Herausbildung, in der Untergrabung des Vertrauens breiter Bevölkerungskreise zur Politik der kommunistischen Parteien und der sozialistischen Staaten… Durch die politisch-ideologische Diversion sollen folglich die ideologische Substanz und die verfassungsmäßigen Grundlagen in den sozialistischen Staaten in Gang zu setzen sein.“16

Weiter heißt es unter dem Punkt “Rückgewinnung“:

Methode der vorbeugenden politisch-operativen Arbeit des MfS. Inhalt der R. ist es, Personen, die durch gegnerische Einflüsse auf feindlich-negative ideologische Positionen abgeglitten sind oder bereits feindlich-negativ wirksam wurden, durch geeignete politisch-operative Maßnahmen sowie ideologische, moralische u. a. Einflußnahme in ihrer antisozialistischen Position zu erschüttern und diese abzubauen. Ziel der R. ist es, diese Personen zur Aufgabe ihrer feindlich-negativen Position zu führen und sie zu einer zumindest loyalen Einstellung und Verhaltensweise gegenüber der sozialistischen Staats- und Gesellschaftsordnung zu veranlassen.“17

Daraus lässt sich schließen, dass ein abweichendes unerwünschtes Verhalten grundsätzlich weder als ein Ausdruck von Individualität, noch als entwicklungsbedingte Verhaltensweise in Folge der Adoleszenz interpretiert wurde, sondern offenbar lediglich in politisch-ideologischen Denkmustern vor dem Hintergrund des kalten Krieges gedeutet werden konnte. Wie sollen aber auf diese Weise die für das Erwachsen werden so bedeutungsvolle Mündigkeit und Kritikfähigkeit heranreifen? Doch genau dies war ja auch gar nicht erwünscht. DDR-Bürger sollten weder mündig, noch kritisch sein, sondern als linientreue Zahnräder im sozialistischen Kollektiv verlässlich funktionieren und, falls überhaupt, Kritik ausschließlich an den Klassenfeind adressiert äußern. Aus pädagogischer Sicht drängt sich die Frage geradezu auf, wie naiv die Verantwortlichen wohl gewesen sein müssen, um ernsthaft zu glauben, dass eine solche Rechnung wirklich aufgehen könnte. Aber genau dies ist eben der springende Punkt, weil diesbezüglich weniger pädagogische, sondern vielmehr politisch geprägte, idealistische Beweggründe und Zielsetzungen im Vordergrund standen.

Man ging einfach davon aus, dass der Sozialismus die denkbar beste Staats- und Gesellschaftsform darstellt und das deutsche Volk nach einer Verkettung von Miseren mit der Umsetzung des real gelebten Sozialismus endlich sein Endziel in Sachen Staatsform erreicht hätte. Vor diesem Hintergrund konnte ein nahe bringen dieser Gesellschaftsform auch nur das Beste für die heranwachsenden Generationen darstellen. Demnach mussten diese, quasi zu ihrem eigenen Wohle, davon überzeugt werden, wie wichtig es ist, die gleichen politischen Ideale anzustreben und zwar bis auf das letzte Individuum, auch und gerade, wenn es noch an der notwendigen Einsicht hierzu mangelte und begriffsstutzige Klientel im eigenen Interesse notfalls mit drastischen Maßnahmen zwangsbeglückt werden mussten.

Unter diesen Voraussetzungen konnten die sozialistischen Jugendorganisationen nie zu einem wirklichen Selbstläufer werden, allein schon aus Ermangelung an entsprechenden geistigen Freiräumen, die dazu notwendig gewesen wären, vor allem aber weil man den Kindern und Jugendlichen zu wenig Vertrauen entgegen gebracht hat. Wenn der Sozialismus wirklich rundum so perfekt und erstrebenswert wäre, wie dies vonseiten der DDR-Eliten dargestellt wurde, dann hätten ja die Jugendlichen in Ostdeutschland ausschließlich von sich aus erkennen müssen, dass dieser das mit Abstand Beste ist, das ihnen jemals widerfahren konnte, so dass hierfür gar keine große Überzeugungsarbeit notwendig gewesen wäre.

Robert Baden-Powell, der Gründer der Pfadfinderbewegung, war der Überzeugung, dass Kinder und Jugendliche bereits durchaus in der Lage sind, Beachtliches selbstständig auf die Beine zu stellen und sich positiv zu entwickeln, wenn man ihnen Vertrauen entgegen bringt und sie im eigenständigen Tun ihre eigenen Erfahrungen machen und darüber lernen lässt. Und dies, wohlgemerkt, zu einer Zeit, in der die Überzeugung gesellschaftlicher Konsens war, dass Heranwachsenden vor der Vollendung ihres 21. Lebensjahres nichts ernsthaft zugetraut werden könnte. So prägte er denn auch das pädagogische Prinzip „Learning by doing“ (Lernen durch Tun, Lernen durch Handeln), das zu Beginn des 20. Jahrhunderts geradezu revolutionär gewesen ist und auch heute noch nichts an Aktualität eingebüßt hat.

In Anbetracht der gängigen SED-Parole „Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen!“, dürfte sich wohl die berechtigte Frage stellen, ob man mit der Sowjetunion auch für die Jugendpolitik der DDR den richtigen Paten ausgewählt hatte.

Quellen:

BSTU, GVS, JHS, 001 – 400/81, S. 323
BSTU, GVS, MfS, 0008-18/81, Ex.-Nr.: 779
BSTU, MfS, JHS, Nr: 183/85, Ausf. Bl. 1 bis 72

Literaturverzeichnis:

Friedrich-Ebert-Stiftung (Hrsg.): Die Wehrflicht in der DDR. Bonn, 1984.

Fritsche, Susanne: Die Mauer ist gefallen. Eine
kleine
Geschichte der DDR. Berlin, 2008.

Meier, Helmut/ Schmidt, Walter (Hrsg.): Erbe und Tradition in der
DDR. Die Diskussion der Historiker. Berlin, 1988.

Müller, Jost: Sozialismus. Hamburg, 2000.

Radbruch, Gustav: Kulturlehre des Sozialismus. Ideologische
Betrachtungen. Frankfurt am Main, 1970.

Stübner, Erwin/ Zapf, Helmut (Hrsg.): Sozialistischer Patriotismus
und proletarischer Internationalismus. Berlin, 1981.

Skyba, Peter: Vom Hoffnungsträger zum Sicherheitsrisiko. Jugend in der
DDR und Jugendpolitik der SED 1949 – 1961. Köln 2000.

Wolfrum, Edgar: Geschichte als Waffe. Göttingen, 2001.

Fußnoten:

  1. vgl.: Stübner, E.;  Zapf, H. (Hrsg.): Sozialistischer Patriotismus und proletarischer Internationalismus. Berlin, 1981, S. 66
  2. vgl.: ebd. S. 66/67
  3. vgl.: ebd. S. 6
  4. vgl.: ebd. S. 68
  5. vgl.: Skyba, P.: Vom Hoffnungsträger zum Sicherheitsrisiko. Jugend in der DDR und Jugendpolitik der SED 1949-1961. Köln 2000, S. 34
  6. vgl.: ebd. S. 34
  7. vgl.: ebd. S. 35
  8. vgl.: Fritsche, S.: Die Mauer ist gefallen. Eine kleine Geschichte der DDR. Berlin, 2008, S. 39
  9. vgl.: ebd. S. 48
  10. vgl: Stübner, E.; Zapf, H., S. 73
  11. vgl.: Friedrich-Ebert-Stiftung (Hrsg.): Die Wehrpflicht in der DDR, Bonn 1984
  12. vgl.: Skyba, P., S. 180
  13. vgl.: Friedrich-Ebert-Stiftung
  14. vgl.: Skyba, P., S. 184
  15. vgl.: Caroline F.: Einweisung zur Umerziehung. Vom Umgang mit sozial auffälligen Jugendlichen, in: Horch und Guck 2/2008, S. 6-7
  16. vgl.: BSTU, GVS, JHS, 001 – 400/81, S. 323/324; BSTU, MfS, JHS, Nr: 183/85, Ausf. Bl. 1 bis 72
  17. vgl.:  BSTU, GVS, JHS, 001 – 400/81, S. 337; BSTU, GVS MfS 0008-18/81, Ex.-Nr.: 779

Das Mauerspiel 1378 (km): Ein Selbstversuch

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Grenzsoldat oder Flüchtling: Das vom Medienkunststudenten Jens M. Stober entwickelte Computerspiel 1378 (km) simuliert die Fluchtversuche von DDR-Bürgern in die Bundesrepublik Deutschland vor dem Mauerfall – aus der typischen Ego-Shooter-Perspektive. Über das Spiel wurde im Vorfeld viel und kontrovers diskutiert. Grund genug für mich, es zu testen.

In einem ZDF-Interview legte der Entwickler Jens Stober seine Intention zur Entwicklung des Spiels dar: „Ich versuche Jugendliche mit ihrem Leitmedium, dem Computerspiel, anzusprechen, ihnen geschichtliches Wissen zu vermitteln und ihnen diese soziale Komponente, die soziale Interaktion, mitzuliefern, so dass sie merken, ich habe mich falsch verhalten.“ Dabei soll weniger die Spielaction als der pädagogische Lerneffekt im Mittelpunkt stehen, so Stober.

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Entnazifizierung light?

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Inhaltsverzeichnis

1. Einführung
2. Hauptteil
__2.1 Die DDR: Der fortschrittliche deutsche Staat
__2.2 Entnazifizierung als Vehikel der allgemeinen Säuberungspolitik in der SBZ
__2.3 Antifaschismus als Legitimationsmittel
__2.4 Restlose Entnazifizierung als moralische Waffe
__2.5 Probleme und Einschränkungen bei der Entnazifizierung
3. Fazit
4. Literaturverzeichnis


1. Einführung

Am Ende des Zweiten Weltkriegs war Deutschland besiegt und von den Alliierten besetzt. Anders als nach dem Ersten Weltkrieg, an dessen Ende die Legende vom „Dolchstoß“ entstand, den die „im Felde unbesiegte“ Reichswehr von der Heimatfront aus erhalten habe, lag das Reich militärisch völlig besiegt am Boden. Dieses Mal waren die siegreichen Alliierten entschlossen, Deutschland jegliche Möglichkeit zu zukünftiger Aggression zu entziehen. Daher beschlossen sie u.a. bereits im Krieg, dass die deutschen Kriegsverbrecher und Verantwortlichen für den Vernichtungskrieg ihrer gerechten Strafe zugeführt werden sollten. Dies geschah schließlich auch in den Nürnberger Prozessen gegen die Hauptkriegsverbrecher sowie deren Folgeprozessen und einigen weiteren Verfahren wie dem Ulmer Einsatzgruppenprozess oder dem Auschwitz-Prozess, die dann allerdings schon unter (west-)deutscher Justiz vollzogen wurden. Auch in der DDR gab es vergleichbare Verfahren (Waldheim-Prozesse) und viele andere Kriegsverbrecher wurden an den Stätten oder in den Ländern ihrer Vergehen gerichtet, so z.B. Rudolf Höß, der in Polen verurteilt wurde. Doch was geschah mit der breiten Masse der Bevölkerung? Jenen Millionen von Deutschen, die durch mehr oder weniger aktive Teilnahme an oder auch „nur“ durch stilles Dulden der verbrecherischen Praktiken des NS-Regimes an dessen Erhalt mitgewirkt hatten? Sollte man sie komplett aus der Gesellschaft ausschließen oder sollte man ihnen ihre „Fehler“ verzeihen? Und wie sollte man mit verschieden hohen Graden an Schuld umgehen, die die Menschen auf sich geladen hatten? Dies alles waren Fragen, die sich die Besatzungsmächte stellen mussten als sie das Verfahren der Entnazifizierung einleiteten. Wenn dieses auch anfangs unter der Prämisse stand, den Deutschen restlos jeden Drang und jede Voraussetzung zu einer neuerlichen Aggression zu nehmen, so wirkten sich doch bald die aktuellen politischen Entwicklungen im beginnenden Kalten Krieg darauf aus. Das sich verschlechternde Verhältnis zwischen den ehemaligen Verbündeten in Ost und West, die sich abzeichnende geteilte Entwicklung der verschiedenen Besatzungszonen, die Berlin-Blockade und die schließlich erfolgende Gründung zweier Staaten auf deutschem Boden waren nicht dazu angetan, den unbedingten Willen zur vollständigenEntnazifizierung zu erhalten. So entwickelte sich eine „Entnazifizierung light“, die zwar viele ehemalige Nazis erfasste, aber auch vielen die lückenlose Integration ermöglichte. Ich möchte mich hier vorwiegend auf die Vorgänge in der SBZ/DDR beschränken.

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Faustus-Debatte in der SED-Kulturpolitik der 50er Jahre

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Inhaltsverzeichnis

1. Einführung
2. Hauptteil
__2.1 Historischer Hintergrund – Musik in der DDR
__2.2 Hanns Eislers „Johann Faustus“ und die Faustus-Debatte
3. Fazit – Die kulturpolitische Konfrontation
4. Literaturverzeichnis

1. Einführung

„Hübsch provokant ist ja das Ganze […]“[1], antwortete Thomas Mann im November 1952 dem Komponisten Hanns Eisler auf seinen Textentwurf des Librettos „Johann Faustus“. Diese Bemerkung scheint dabei repräsentativ für die gesamte musikwissenschaftliche und politische Auseinandersetzung mit dem Werk Eislers in der Öffentlichkeit der DDR. Welches Ausmaß diese unkonventionelle Faust-Interpretation auf die Kulturpolitik der DDR wirklich haben sollte und welche Reaktionen durch diesen Text ausgelöst wurden, konnte Thomas Mann dennoch nicht einmal ansatzweise ermessen. Ein halbes Jahr nach der Veröffentlichung des „Johann Faustus“ von Hanns Eisler entbrannte 1953 am Beispiel dieses Entwurfs eine der grundlegendsten Diskussionen über die künstlerische Verwendung und Verwertung des Werks Goethes. Die, unter dem Namen Faustus-Debatte bekannt gewordene, Konfrontation spiegelt die elementare Diskrepanz zwischen einer freien künstlerischen Interpretation des klassischen Erbes auf der einen Seite und der Vorgaben der SED in der Klassikrezeption auf der anderen Seite wider. Der Untersuchungsgegenstand des vorliegenden Essays soll jedoch keine inhaltliche Analyse der Oper Eislers darstellen, sondern eine nähere Betrachtung des dazugehörigen öffentlichen Diskurses. Inwieweit verfolgte die Faustus-Debatte literarische oder politische Intentionen? Welche Bedeutung besaß diese Auseinandersetzung im Rahmen der angestrebten Kulturpolitik der DDR und welche tatsächlichen Absichten verfolgte Eisler mit seinem Libretto? Ziel des Essays ist es, unter Berücksichtigung der vielseitigen Hintergrundinformationen, die Faustus-Debatte aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten und in die Politik der SED der 50er Jahre einzuordnen.

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Der Riss der Generationen in den achtziger Jahren

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Inhaltsverzeichnis

1. Einführung
2. Hauptteil
__2.1 Die großen Alten und die mittlere Generation
__2.2 Die Generation der Sprachveränderer
__2.3 Reaktionen der Etablierten
3. Schlussbemerkung
4. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einführung

Die Kulturpolitik der DDR bewegte sich in den Jahren ihrer Existenz zwischen Eiszeit und Tauwetter. Nach der seit 1965 besonders starr gewordenen kulturpolitischen Atmosphäre wurde zu Beginn der siebziger Jahre eine neue Ära in der Kulturpolitik eingeleitet. Honeckers Statement: „Wenn man von der festen Position des Sozialismus ausgeht, kann es meines Erachtens auf dem Gebiet von Kunst und Literatur keine Tabus geben“[1], wurde als Aufforderung in Richtung kultureller Freizügigkeit interpretiert. Die SED-Führung bestimmte ab 1971 drei kulturpolitische Leitpunkte: Erstens die Anhebung des kulturellen Niveaus der Bevölkerung, zweitens die Förderung des sozialistisch-realistischen Kunstschaffens und drittens ein auf Vertrauen basierendes, kameradschaftliches Miteinander zwischen Partei und Kulturschaffenden. Das vertrauensvolle Verhältnis zwischen Staatsführung und Intelligenz erhielt jedoch spätestens 1976 tiefe Risse, denn die Ausbürgerung Wolf Biermanns wirkte massiv auf den größten Teil der Intellektuellen. Nach Werner Mittenzwei war Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre noch immer eine Stetigkeit bezüglich der DDR-Literatur auszumachen. Trotzdem kam es in dieser Zeit zu einer „Veränderung im literarischen Kräftefeld“[2]. Unter der jüngeren Autorengeneration machte sich Unbehagen gegenüber den renommierten Schriftstellern breit. Sie fühlten sich als „Randständige“ und warfen den kulturpolitischen Institutionen Vernachlässigungen vor. Die Werke dieser Autoren standen jedoch durchaus in Kontinuität zu den Veröffentlichungen anerkannter Schriftsteller, denn in der Einstellung zur DDR unterschied man sich kaum. Abweichend verhielt es sich mit der jüngsten Autorengeneration zu Beginn der achtziger Jahre. Diese neue Generation, welche die Traditionen der Vätergeneration radikal ablehnte, suchte nach einer neuen Ausdrucksform für ihre Unruhe, ihren Unmut und ihre Wünsche. Die sich vor allem in Berlin Prenzlauer-Berg, aber auch in Dresden-Neustadt oder Leipzig-Connewitz formierenden Gruppierungen suchten eine neue Ausdrucksweise, eine „andere Sprache“[3]. Es entstand eine andere Literatur, eine intuitive Literatur, deren Antrieb „radikale Neusetzung“[4] war. Verfechter dieser anderen Sprache waren Lutz Rathenow, Uwe Kolbe, Sascha Anderson, Bert Papenfuss-Gorek oder Rainer Schedlinski, um nur einige zu nennen. Diese Befreiungsversuche blieben nicht nur auf die jüngste Generation der Autorenschaft beschränkt. Auch Kulturschaffende in Theater, Film, Bildender Kunst oder Musik versuchten sich den staatlichen Vorgaben zu entziehen. Dieser Essay konzentriert sich jedoch auf den Riss der Generationen in den achtziger Jahren bezüglich der Autorenschaft und fragt, wie dieser zu erklären ist und sich äußerte.

2.1 Die großen Alten und die mittlere Generation

Die verschiedenen Autoren-Generationen der DDR unterschieden sich insbesondere durch ihre geschichtliche Erfahrung. Die erste und somit älteste Generation war stark durch den Zweiten Weltkrieg geprägt, den viele von ihnen als Soldaten erlebten. Gezeichnet durch den erfahrenen Hitlerfaschismus und den zerstörerischen Krieg fiel es dieser Generation wohl kaum schwer, sich für einen radikalen Neuanfang im Sinne des Sozialismus einzusetzen. Die Hoffnung auf das neue System als „das Andere“, war in den Köpfen präsent. Den damals gegenwärtigen marxistischen Ideen entzog sich nur eine Minderheit. Auch wenn es schon nach kurzer Zeit Auseinandersetzungen zwischen den Kulturschaffenden und der Parteiführung geben sollte, blieb die deutsche Kriegsvergangenheit derjenige Punkt, an dem sich beide Seiten immer wieder trafen. Den Auftritt der zweiten Schriftsteller-Generation der DDR kann man – wie zumindest Uwe Wittstock schreibt – auf den Tag genau bestimmen. Wittstock datiert das Erscheinen dieser Generation auf den 11. Dezember 1962. An diesem Tag veranstaltete Stephan Hermlin an der Akademie der Künste in Ost-Berlin einen Lyrikabend. Dort wurden Gedichte und Texte mehrheitlich unbekannter Autoren vorgetragen, unter ihnen neben Wolf Biermann auch Volker Braun oder Sarah Kirsch. Dieser Lyrikabend schien zum politischen Skandal zu werden. Trotzdem, oder wohl genau deshalb, wurden diese neuen Schriftsteller ins Bewusstsein der Leute gehoben. Diese Autoren wurden durch Schule und Studium weitgehend durch den Sozialismus geprägt und betrachteten diesen auch als dasjenige System, in welchem sie ihr Leben bestreiten wollten. Gleichwohl gerieten sie durch ihr Nachdenken und ihre Kritik am Sozialismus in Konflikte mit der Staatsführung. Ihre Beschäftigung mit den kommunistischen Idealen, ihr Nachdenken über die Vorstellung einer herrschaftsfreien Gesellschaft stieß in der SED auf Widerstand. Trotz des ideologischen Streits um diese Generation von Autoren wurden ihre Werke nicht von allen Kulturfunktionären der DDR abgelehnt. So konnten ihre Arbeiten in Zeitschriften wie „Sinn und Form“ oder „Neue Deutsche Literatur“ gedruckt werden. Dem ungeachtet – wie Uwe Wittstock bestätigt – „die politischen Anfeindungen, die jene Schriftsteller-Generation schon mit dem ersten großen Auftritt auf sich zog, überschatteten ihre Karriere weiter und sollten bis in die achtziger Jahre hinein nicht verstummen“[5]. Auch wenn sich die kulturpolitische Situation durch den Antritt Honeckers 1971 für kurze Zeit entspannte, spitzte sich spätestens mit der Biermann-Ausbürgerung der Konflikt zwischen Schriftstellern und Partei wieder zu. Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre verließen viele der ernstzunehmenden Autoren die DDR. Den Kulturfunktionären blieb noch die Hoffnung auf die jüngste Generation von Autoren. Diese wollte mit dem sozialistischen Staat jedoch kaum zu tun haben. Den Sozialismus in Deutschland betrachteten sie als wertlos und nicht als etwas, zu dem man sich positiv verhalten musste.

2.2 Die Generation der Sprachveränderer

„Nach den Weltveränderern kamen die Sprachveränderer.“[6] In den sechziger und siebziger Jahren stand bezüglich der DDR-Literatur die Auseinandersetzung zwischen dem Staat und seinen Bürgern im Zentrum. Die arrivierten Autoren bezogen in ihren Arbeiten fast ausschließlich Stellung für oder gegen den Sozialismus. Dies änderte sich zu Beginn der achtziger Jahre. Die jüngste Generation der um 1945 bzw. 1950 geborenen Schriftsteller unterscheidet sich ganz grundlegend von den älteren Jahrgängen. Diese Autoren, die oft als „die Hineingeborenen“[7] bezeichnet werden, haben die Jahre des Aufbaus nach dem Krieg, der sozialen und ökonomischen Veränderungen nicht bewusst erlebt. Sie wurden in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren entscheidend geprägt. Zu dieser Zeit hatte sich die DDR als Gesellschaftssystem bereits gefestigt. Die Jungen lehnten sich gegen überlieferte Doktrin auf und nahmen Gegenpositionen ein. Ihre Vorbilder waren Schopenhauer, Nietzsche, Sartre, Deleuze oder andere poststrukturalistische Theoretiker. Den älteren Jahrgängen wurde misstraut, da diese den Meinungsaustausch scheuen würden. Volker Braun beispielsweise wurde für sie zu einer Gestalt, von der sie sich abzugrenzen versuchten. Brauns „selbstquälerische, verzweifelt hoffende Dialektik“[8] wurde als anstößig bezeichnet.

Heiner Müller beschrieb den offensichtlichen Bruch in den achtziger Jahren folgendermaßen: „Die Generation der heute Dreißigjährigen in der DDR hat den Sozialismus nicht als Hoffnung auf das Andere erfahren, sondern als deformierte Realität. Nicht das Drama des Zweiten Weltkriegs, sondern die Farce der Stellvertreterkriege. Nicht die wirklichen Klassenkämpfe, sondern ihr Pathos, durch die Zwänge der Leistungsgesellschaft zunehmend ausgehöhlt. Nicht die große Literatur des Sozialismus, sondern die Grimasse der Kulturpolitik.“[9]

Die Generation, von der nun die Rede ist, suchte nicht mehr die direkte politische Konfrontation. Auf die Zusammenarbeit mit Verlagen und Institutionen wie dem Schriftstellerverband wurde verzichtet. Durch die Existenz der inoffiziellen Zeitschriften (MIKADO, SCHADEN, ANSCHLAG usw.) und Verlags-Projekte änderte sich ihre Situation erheblich. Die Veröffentlichungen dieser jungen und zumeist unbekannten Autoren waren nicht mehr nur von der Zustimmung der Verlagslektoren abhängig und der Autoren-Status wurde nicht mehr nur von staatlichen Einrichtungen verliehen. Ihre bloße künstlerische Orientierung, „die Sprache als ´Gegengift` zur Ideologie entwickeln und gebrauchen zu können“[10], führte in einem Staat, der alle Sphären der Gesellschaft zu überwachen beanspruchte, zu Kollisionen. Der ideologischen Sprache, die totalitäre Ziele verfolgte, versuchten sich die Autoren der alternativen Szene bewusst zu entziehen. Gegen Konventionen und Grammatik wurde verstoßen, um sich der geläufigen Sprache zu verweigern. Es entstand eine autonome Sprache, die sich gegen die syntaktisch und grammatisch verständliche, aber eben totalitäre Sprache wandte. Diese neue Sprache sollte Medium und Prozess individueller Selbstfindung und Selbstbehauptung sein. Die jungen Schriftsteller bemühten sich, den Leser mit ihrer Sprache in das Feld der Assoziationen zu führen. Das Prenzlauer-Berg-Szene-Mitglied Rainer Schedlinski erklärt die Motivation zu neuen Ausdrucksformen wie folgt: „der totalitäre diskurs der gesellschaft determiniert den einzelnen bis in seine geringsten und intimsten tätigkeiten, indem er für alles, was einer tut, einen gesellschaftlichen sinn formuliert. selbst der knigge, der jetzt erschienen ist, musste im vorwort vom parteitag hergeleitet werden. […] die sprache der kunst, die poetische sprache, bewegt sich ausserhalb der dienst- und fachsprachen. sie entzieht uns ihrer aufsicht. sie schädigt die diskursive wahrnehmung, die uns schädigt.“[11]

2.3 Reaktionen der Etablierten

Eine solche Literatur konnte es natürlich in der DDR nicht leicht haben. Die Schriftsteller der jüngsten Generation befanden sich trotz der Tatsache, dass sie dem Staat den Rücken zuwandten, in einem Konflikt mit diesem. Diese Autoren der alternativen Szene wurden an ihrer Arbeit behindert, publizierten ihre Werke im Westen oder wurden dorthin abgeschoben. Auch durch die Absage des Staates an eine ganze Generation von Schriftstellern entfalteten sich neue Umgangsformen mit ihren Texten. Uwe Kolbes „Der Kaiser ist nackt“ sollte darauf hinweisen, dass die Literatur auf dem Weg in die Öffentlichkeit, wie bereits erwähnt, nicht wirklich auf Verlage und Druckbetriebe angewiesen war. Die handgefertigten Zeitschriften stiegen zu den Verständigungsmitteln der jungen Kunst-Szene auf. So konnte sich die alternative Szene der jüngsten Generation von den Vorgaben des offiziellen Kulturbetriebes lossagen. Die Abneigung der Jungautoren gegenüber den älteren, ihre Aufmüpfigkeit und ihre provokativen künstlerischen Mittel löste, wie könnte es anders sein, natürlich auch Reaktionen unter den arrivierten Schriftstellern der älteren Generationen aus. Der von den Szene-Autoren heftig kritisierte Volker Braun beanstandete in seinem Essay über Rimbauddie Geschichtslosigkeit und Aussteigermentalität der Jungautoren. Braun, auch wenn er durchaus gewisse Sympathien für die jüngste Generation empfand, nannte diese provokativ „Kinder der administrativen Beamten“[12]. Glaubt man Manfred Jäger, traf dies durchaus für viele der jungen Autoren zu, waren doch unzählige Elternteile nicht unbedeutende SED-Funktionäre. Neben den der „anderen Literatur“ sehr skeptisch Eingestellten, gab es allerdings auch etablierte Autoren, die dieser durchaus sehr positiv gesinnt waren und sogar als Förderer in Erscheinung traten. Uwe Kolbe hatte es Franz Fühmann zu verdanken, dass er beim Aufbau-Verlag Lyrikbände veröffentlichen konnte, trotz seiner aktiven Mitgliedschaft in der Prenzlauer-Berg-Szene. Ebenfalls versuchte Fühmann, als Mitglied der Akademie der Künste, deren Präsidenten Konrad Wolf davon zu überzeugen, in einer Anthologie Texte der Szene-Autoren zu sammeln. Die Unterstützung, die die ältere für die jüngere Generation zeigte, ist also keineswegs gering zu schätzen. Adolf Endler, Franz Fühmann, Elke Erb, Heiner Müller, Volker Braun etc. griffen den jungen Schriftstellern nicht nur finanziell unter die Arme, „sondern trugen auch zu deren Schutz vor Kriminalisierung bei. Der ästhetische Bruch mit der Väter- und Mütter-Generation war so bei allen Differenzen immer auch begleitet von persönlicher Verbundenheit.“[13]

3. Schlussbemerkung

Richtet man den Blick auf die letzten zehn Jahre DDR, zeigt sich, dass auch unter der letzten aktiven Generation unterschiede auftraten und auch da ein gewisser Bruch auszumachen ist. Während diejenigen Autoren, welche mehrheitlich in den fünfziger Jahren geboren wurden, sich vor allem mit der Sprache beschäftigten, gingen – wie Birgit Dahlke festhält – „die nach ihnen Geborenen später zur Tagesordnung über, bewegten sich [überwiegend] sozusagen neben Schriftstellerverband, DDR-Fernsehen, Zeitungen, Verlagen und Redaktionen“[14]. Für diese Autoren, die Sascha Anderson einst die >>Gar-nicht-erst-Eingestiegenen<<-Autoren nannte, wie beispielsweise Durs Grünbein oder Cornelia Sachse, waren die bestehenden alternativen Veröffentlichungsmöglichkeiten in- aber auch außerhalb der DDR bereits Voraussetzung. Der Riss der Generationen in den achtziger Jahren weist auf Differenzen in der Erfahrungdes Sozialismus, im Bewusstsein aber ebenfalls hinsichtlich der künstlerischen Mittel auf. Die jüngeren Jahrgänge machten mit dem „linguistic turn“[15] der DDR-Öffentlichkeit klar, dass eine neue Generation herangewachsen war, die ein völlig anderes Realitätsverständnis hatte. Die Motivefür den „Ausstieg“ der jungen Leute waren mannigfaltig und die SED-Führung sah sich gezwungen, ihre Vorstellung, gerade der intellektuelle Nachwuchs werde durch die Sozialisation im Sozialismus unzweifelhaft ein ideologisch ausgereiftes Bewusstsein annehmen, aufzugeben. Auch wenn die ältere Generation, ob Kulturfunktionäre oder Schriftsteller, nicht gerade mit Wohlwollen darauf reagierte, war eine wirklich ernstzunehmende Reaktion derselben kaum zu beobachten. Der Niedergang der eigenen Ideologie wurde kaum registriert und seit den siebziger Jahren befanden sich die meisten älteren Autoren ohnehin in einem Prozess der Ablösung von der Partei. Es könnte bemerkt werden, dass aus Sicht der Parteiführung und ihrer Institutionen die Prenzlauer-Berg-Szene und die alternativen Szenen in anderen Städten der DDR zu einem massiven Umdenken im Verhältnis zur Jugend und zu einem härteren Kurs hätte führen können. Birgit Dahlke hält jedoch gerade fest, dass „das kulturpolitische Einlenken, die zunehmende Duldung und Beendigung der vorherigen Ausgrenzungspraxen eher ein Zeichen einer in die Defensive geratenen Jugend- und Kunst-Politik als bewusste Kurskorrektur [war]“[16].

4. Quellen- und Literaturverzeichnis

Arnold, Heinz Ludwig: Die andere Sprache, in: Arnold, Heinz Ludwig (Hrsg.): TEXT+KRITIK. Zeitschrift für Literatur, SONDERBAND, München 1990, S. 9-15.

Böthig, Peter: Grammatik einer Landschaft. Literatur aus der DDR in den 80er Jahren, Berlin 1997.

Dahlke, Birgit: „Temporäre autonome Zone“. Mythos und Alltag der inoffiziell publizierenden Literaturszene im letzten Jahrzehnt der DDR, in: Günther Rüther (Hrsg.): Schreiben im Nationalsozialismus und DDR-Sozialismus, Paderborn 1997, S. 463-478.

Jäger, Manfred: Kultur und Politik in der DDR 1945-1990, Köln 1995.

Kolbe, Uwe: Hineingeboren. Gedichte 1975-1979, Berlin 1982.

Mittenzwei, Werner: Die Intellektuellen. Literatur und Politik in Ostdeutschland von 1945 bis 1990, Leipzig 2001.

Wittstock, Uwe: Von der Stalinallee zum Prenzlauer Berg. Wege der DDR-Literatur 1949-1989, München 1989.

Fußnoten:

[1] Zit. nach Manfred Jäger, Kultur und Politik in der DDR 1945-1990, Köln 1995, S. 140.

[2] Mittenzwei, Werner: Die Intellektuellen. Literatur und Politik in Ostdeutschland von 1945 bis 1990, Leipzig 2001, S. 347.

[3] Ebd.

[4] Arnold, Heinz Ludwig: Die andere Sprache, in: Arnold, Heinz Ludwig (Hrsg.): TEXT+KRITIK. Zeitschrift für Literatur, SONDERBAND, München 1990, S. 9-15, hier S. 9.

[5] Wittstock, Uwe: Von der Stalinallee zum Prenzlauer Berg. Wege der DDR-Literatur 1949-1989, München 1989, S. 159.

[6] Ebd. S. 227.

[7] „Hineingeboren“ ist der Teil eines Gedichts und eines Gedichtbandes von Uwe Kolbe. Dieser Begriff wird oft als Generationsbegriff verwendet. Vgl. dazu: Kolbe, Uwe: Hineingeboren, Gedichte 1975-1979, Berlin 1982.

[8] Jäger, Kultur und Politik, S. 227f.

[9] Zit. nach Böthig, Peter: Grammatik einer Landschaft. Literatur aus der DDR in den 80er Jahren, Berlin 1997, S.14.

[10] Mittenzwei, Die Intellektuellen, S. 352.

[11] Zit. nach Wittstock: Von der Stalinallee zum Prenzlauer Berg, S. 228f.

[12] Jäger: Kultur und Politik, S. 228.

[13] Dahlke, Birgit: „Temporäre autonome Zone“. Mythos und Alltag der inoffiziell publizierenden Literaturszene im letzten Jahrzehnt der DDR, in: Rüther, Günther (Hrsg.): Schreiben im Nationalsozialismus und DDR-Sozialismus, Paderborn 1997, S. 463-478 (hier: S. 467).

[14] Ebd. S.476.

[15] Böthig, Grammatik einer Landschaft, S. 68.

[16] Dahlke, „Temporäre autonome Zone“, S. 471.

 

Die Fliegen Sartres und ihre Kritik an der Stalinisierung der SBZ

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Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort
2. Hauptteil
__2.1 Die Fabel der Fliegen und der Existentialismus Sartres
__2.2 Die Fliegen und die stalinistische Herrschaftspraxis
__2.3 Sartre als Ansatzpunkt für einen Widerstand gegen die Stalinisierung?
3. Schlussbemerkung
4. Quellen- und Literaturverzeichnis

_

1. Vorwort

Deutschlands Kultur war nach dem zweiten Weltkrieg – wie die Infrastruktur und Millionen Wohnungen – zerstört und lag am Boden. In den 12 Jahren von 1933-45 wurden große Teile der Kultur für nationalsozialistische Propaganda missbraucht. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann der Wiederaufbau der Kultur. Dabei orientierte man sich an der Tradition der Klassiker. Weniger bot die Kunst der Weimarer Republik einen Ansatzpunkt für einen kulturellen Neubeginn. Im besonderen Maße wurde aber auch internationale Kultur nach Deutschland importiert. Es schien so, als wolle Deutschland das nachholen, was es in den 12 Jahren der Isolation verpasst hatte.[1] In den großen Städten, wie in Berlin, kam es zu einem bunten Treiben. Neben den Vorstellungen der nicht zerbombten Theater gab es auch eine breite Kleinkunstbewegung und beswingte Kellerräume, in denen amerikanische Musik gespielt wurde. In dieser Zeit wurde die Kulturpolitik eher liberal gehandhabt.

Diese liberale Kulturpolitik und der kulturelle Neuanfang führten auch dazu, dass Sartres Werke im Nachkriegsdeutschland stark rezipiert wurden. Besonders in den westlichen Besatzungszonen wurden Sartres Tragödien inszeniert. So fanden in den Jahren 1946-49 mehr als 20 Aufführungen statt. Es gab zwei sehr umstrittene Sartre-Aufführungen im besetzten Deutschland. So fand die Deutschland-Premiere der 1943 in Paris uraufgeführten Fliegen in einem Düsseldorfer Theater statt. Diese von Gründgens inszenierte Premiere wurde sehr polemisch in der SBZ-nahen Theaterzeitschrift Theater der Zeit diskutiert (1947). Die zweite Inszenierung erfolge am 7. Januar 1948 im Berliner Hebbeltheater, welches in der amerikanischen Besatzungszone lag.

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Die historische Mission der DDR

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Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort
2. Hauptteil
__2.1 Das Nationale Dokument
__2.2 Die historische Mission der DDR
__2.3 Die historische Mission der Arbeiterklasse
3. Schlussbemerkung
4. Quellen- und Literaturverzeichnis


_

1. Vorwort

Als nach dem Bau der Berliner Mauer die Teilung Deutschlands für jedermann unübersehbar wurde und eine zuvor von BRD und DDR propagierte Wiedervereinigung in weite Ferne zu rücken schien, sah sich die SED zu einer Anpassung ihrer bisherigen Einheits-Rhetorik gezwungen. Eine bedeutende Rolle kam dabei dem Nationalen Dokument zu, das am 17. Juni 1962 vom IV. Nationalkongress der Nationalen Front verabschiedet wurde. Auf dieses Dokument und dessen geschichtspolitische Bedeutung werde ich nun folgend näher eingehen.

2. Hauptteil

2.1 Das Nationale Dokument

Das nationale Dokument über Die geschichtliche Aufgabe der Deutschen Demokratischen Republik und die Zukunft Deutschlands zielte im Wesentlichen darauf ab, den Anspruch der DDR-Eigenstaatlichkeit zu untermauern. Und dies geschah nun nicht mehr allein mit dem aus der Verwirklichung des Potsdamer Abkommens abgeleiteten Rechtmäßigkeitsanspruch. Denn daneben trat nun auch eine historische Komponente, die die DDR zu legitimieren helfen sollte.  So sprach man u.a. davon, dass die DDR „der einzige rechtmäßige deutsche Staat auf Grund der geschichtlichen Gesetzmäßigkeit und der Tatsache [sei], daß in ihm jene Kräfte an der Macht sind, die von der Geschichte zur Führung des deutschen Volkes berufen wurden und deren Politik mit den Interessen der Nation übereinstimmt. […] Er ist das junge, vorwärtsstrebende Element, der Motor der deutschen Geschichte.“[1]

Diese Argumentation versuchte man mit beispielhaften Vorgängen aus der neueren und neuesten Geschichte zu stützen. Im Mittelpunkt stand hierbei die Arbeiterklasse. Ihr bedeutungsvolles Wirken als „geschichtliche Kraft“ erlangte diese demnach erstmals in der Märzrevolution von 1848, wo „Karl Marx und Friedrich Engels und der Bund der Kommunisten im Namen der jungen Arbeiterklasse die Forderung [erhoben], ganz Deutschland zu einer unteilbaren demokratischen Republik zu erklären. In ihr sollte die ökonomische und politische Macht der feudalabsolutistischen Kräfte, vor allem des preußischen Militarismus, beseitigt werden.“[2]

Das Ganze mündet schließlich in der propagandistischen Parole, dass die DDR, „die sich in Einklang weiß mit den Entwicklungsgesetzen der menschlichen Gesellschaft, […] mit der Vollendung des Aufbaues des Sozialismus, mit der Erfüllung dieser ihrer historischen Mission nicht warten [könne], bis die friedliebenden Kräfte in Westdeutschland unter Führung der Arbeiterklasse den Sieg errungen haben.“[3] Als revolutionäre Kraft träte die Arbeiterklasse für die Interessen des gesamten deutschen Volkes ein, wobei die vom Imperialismus verursachte Teilung Deutschlands nur von ihr aufgehoben werden könne. Doch wer nach diesen starken Worten zu vermuten meint, dass sich die DDR mit dem Nationalen Dokument ausschließlich von der BRD abgrenzen und sich historisch legitimieren wollte, der irrt! Wieder einmal ging es auch darum, zweigleisig zu fahren und nicht die Einheitsrhetorik aus den Augen zu verlieren. Daher wird im vorletzten Passus (VI.) des Nationalen Dokuments explizit auf Die Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten eingegangen. Dort wird die Ansicht vertreten, dass, trotz der unüberwindbaren ideologischen Differenzen zwischen BRD und DDR, nur „die friedliche Koexistenz die Gewähr eines friedlichen Miteinanderlebens und eines friedlichen Wettbewerbs der beiden deutschen Staaten bis zu ihrer Vereinigung“[4] bieten würde.

Als Mittel zur Lösung der nationalen Frage schlug man eine vorübergehende Konföderation vor, die, gekennzeichnet durch eine Zusammenarbeit auf verschiedenen politischen und ökonomischen Ebenen, den Weg für eine spätere Wiedervereinigung von Ost- und Westdeutschland ebnen sollte. Doch trotz dieser Einheitsrhetorik ging man seitens der DDR-Führung inoffiziell davon aus, dass eine längere Periode der Existenz zweier deutscher Staaten bevorstehen würde. Diese zunächst hinter vorgehaltener Hand vom Politbüro der SED getroffene Einschätzung sollte spätestens Anfang 1967 ihren Niedergang in der Öffentlichkeit finden.

So war es Walter Ulbricht selbst, der am 12. Januar 1967 bei einer Zusammenkunft des Autorenkollektivs Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung die Gelegenheit nutzte, deutlich zu machen, dass wegen der Entwicklungen in der BRD eine Wiedervereinigung bis auf weiteres nicht realistisch sei. Dies geschah vor allem unter dem Hintergrund der am 1. Dezember 1966 zwischen CDU und SPD gebildeten Großen Koalition. Deren, maßgeblich von der SPD vorangetriebene, „neue Ostpolitik“ drohte aus Sicht der DDR die eigene Deutschlandpolitik langfristig zu unterlaufen, u.a. deshalb, da ja eine Abgrenzung von der BRD und der damit verbundene Anspruch einer Kernstaatfunktion im deutsch-deutschen Verhältnis ganz oben auf der Agenda stand.

Da passte es überhaupt nicht ins Konzept der politischen Führung in der DDR, dass die BRD mit den anderen Ostblockstaaten auf Schmusekurs ging und es zu einem Aufweichen der verhärteten Fronten, womöglich sogar zu einer gegenseitigen diplomatischen Anerkennung von Ostblockstaaten und BRD kommen könnte. Nicht zuletzt ob dieser Tatsache kommt im Rahmen des Nationalen Dokuments und im Laufe der 60er Jahre der die DDR legitimierenden Geschichtsbetrachtung eine weitaus größere Rolle zu: Ziel war es, „die Legitimität der DDR aus der Vergangenheit her abzustützen, die gesamte deutsche Geschichte so darzustellen, als ob sie von ihren Anfängen an auf die DDR-Gründung und das ‚entwickelte gesellschaftliche System des Sozialismus‘ zugelaufen wäre. Es sollte […] die DDR als […] der Kernstaat einer zukünftigen wieder in einem staatlichen Gehäuse organisierten deutschen Nation“[5] erscheinen. Der im Nationalen Dokument der Arbeiterklasse zugesprochenen herausragenden Bedeutung wurde im 8-bändigen Grundriss der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung Rechnung getragen.

In diesem von einer Kommission unter Vorsitz Walter Ulbrichts verfassten Dokument, das im April 1963 vom ZK der SED gebilligt wurde, kam es zu einer vertiefenden Darstellung der historischen Rolle der Arbeiterklasse. Darin hob man u.a. hervor, dass es der deutschen Arbeiterklasse in der DDR nach dem Zweiten Weltkrieg trotz materieller Notlage, alliierter Besatzung und Millionen „von der Naziideologie verseucht[en]“[6] Menschen im „harten Klassenkampf gegen die reaktionären Kräfte“[7] gelungen sei, den Sozialismus aufzubauen.

2.2 Die historische Mission der DDR

Der bereits im Nationalen Dokument angeklungene Anspruch der DDR, der einzig rechtmäßige, von der Geschichte legitimierte deutsche Staat zu sein, fand auch seine Verankerung in der Verfassungserneuerung aus dem Jahre 1968. Ganz im Sinne des zuvor konstruierten Geschichtsbildes bezeichnete man im Artikel 1 der Verfassung die DDR als einen sozialistischen Staat deutscher Nation, der gemeinsam mit den „Werktätigen in Stadt und Land […] unter Führung der Arbeiterklasse und ihrer marxistisch-leninistischen Partei den Sozialismus verwirklichen“[8] sollte. Dieser hätte gemäß Artikel 6 „getreu den Interessen des deutschen Volkes und der internationalen Verpflichtung aller Deutschen auf ihrem Gebiet den deutschen Militarismus und Nazismus ausgerottet und […] eine dem Frieden und dem Sozialismus, der Völkerverständigung und der Sicherheit dienende Außenpolitik“[9] betrieben. Gemäß ihrer historischen Deutung sah sich die DDR nunmehr der BRD um eine Epoche voraus. Dies wurde u.a. damit begründet, dass in der DDR „auf der Grundlage der geschichtlich überlieferten eine neue, humanistische, eine sozialistische Kultur“[10] entstünde, während solche Bemühungen in der BRD „von den antihumanistischen Einflüssen des deutschen Militarismus, des Klerikalismus und der Unkultur des amerikanischen Imperialismus“[11] erstickt würden.

Die imperialistische Bourgeoisie habe in den zwei letzten Kriegen ihren Führungsanspruch endgültig verwirkt, weshalb es nun der Arbeiterklasse, respektive der sie führenden Partei, der SED, obliege, die deutsche Nation zu führen. Die bürgerliche Nation (BRD) war in diesem Sinne die rückständige, die sozialistische Nation  die fortschrittliche. Die DDR wurde als historischer Höhepunkt in der deutschen Geschichte glorifiziert, während die BRD in der unheilvollen Tradition der Bourgeoisie stünde.Die BRD wurde als von den imperialistischen Westmächten herausgelöster „Separatstaat“ angesehen. Die gesellschaftswissenschaftliche Forschung und Lehre wurde vom Politikbüro der SED damit beauftragt, „das gesellschaftliche System des Sozialismus als Ganzes und in seinen Teilsystemen wissenschaftlich zu durchdringen, die entsprechenden Modelle für die Planung und Leitung auszuarbeiten, alle Werktätigen ständig mit neuen Zusammenhängen der gesellschaftlichen Entwicklung vertraut zu machen und sie zu befähigen, aktiv an der Gestaltung der sozialistischen Gesellschaft teilzunehmen.“[12]

Bei der ideologischen und geschichtsphilosophischen Interpretation der Weltgeschichte im Sinne des Sozialismus spielte die materialistische Geschichtsauffassung von Marx und Engels eine herausragende Rolle. Lothar Berthold, der damalige Direktor des Instituts für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, umriss Anfang 1966 die Grundzüge des nationalen Geschichtsbildes der DDR:

  1. Allein die Arbeiterklasse ist zur Führung der deutschen Nation berufen.
  2. Die Arbeiterklasse kann ihre Aufgaben nur lösen, wenn sie von einer marxistisch-leninistischen Partei geführt wird.
  3. Die Arbeiterklasse ist unter Führung der marxistisch-leninistischen Partei in der  Lage, alle Schichten des Volkes zusammenzufassen und zum Sozialismus zu führen.
  4. Das Studium der Geschichte der Arbeiterklasse stärkt das sozialistische Bewußtsein und fördert den sozialistischen Patriotismus und sozialistischen Internationalismus.
  5. Das Geschichtsbild vermittelt Kenntnisse über die allgemeinen  Gesetze der gesellschaftlichen Entwicklung.
  6. Das Geschichtsbild besitzt für die gesamte deutsche Arbeiterklasse Gültigkeit.
  7. Die Ausarbeitung des Geschichtsbildes ist selbst Bestandteil des Klassenkampfes.[13]

Beim Versuch, das Fundament eines sozialistischen Geschichtsbilds zu entwickeln, wurden „erstmals Nationsverständnis und marxistisch-leninistisches Geschichtsverständnis – wenn auch hölzern und rudimentär – verknüpft. Das marxistisch-leninistische Geschichtsbild wurde von der SED als inhaltlicher Kern eines allgemein zu verbreitenden sozialistischen Geschichtsbewußtseins aufgefaßt.“[14] Im weltpolitischen Maßstab wurde dabei die allgemeine und für jedermann verständliche Losung ausgegeben, dass es einen Klassenkampf zwischen Sozialismus und Kapitalismus (bzw. Imperialismus) gäbe, wobei Ersterer obsiege. Diese Konfrontation beider Systeme entsprach der marxistisch-leninistischen Weltanschauung. Um dieses Geschichtsbild in die Köpfe bzw. ins Bewusstsein der Menschen zu transportieren, bediente man sich unterschiedlichster Elemente.

Eines davon war, bei den alle fünf Jahre stattfindenden Jubiläumsfeiern zum Bestehen der DDR den Stand der Entwicklung des Sozialismus zu bilanzieren und die Bevölkerung zu animieren, auf dem sozialistischen Weg voranzuschreiten. In „Betrieben, Institutionen und Schulen wurden ‚Traditionszimmer‘ oder ‚Traditionsecken‘ eingerichtet, im normalen Alltag gab es unzählige Zeichen, die subkutan, allein durch ihre dauerhafte und selbstverständliche Präsenz, das historische Bewußtsein der Bevölkerung prägten, etwa Straßen- und Städtenamen (Karl-Marx-Stadt), Denkmäler zur Entwicklung der DDR, Briefmarken, Wandzeitungen, Plakate und Spruchbänder.“[15]

2.3 Die historische Mission der Arbeiterklasse

Die Anfang der 60er Jahre mit dem Nationalen Dokument ausgerufene historische Mission der Arbeiterklasse bzw. Arbeiterbewegung war, wie bereits deutlich geworden sein sollte, zuvorderst eine nationale Mission, da sich die DDR gegenüber der BRD als historisch rechtmäßiger deutscher Staat zu legitimieren bzw. abzugrenzen versuchte. Das marxistisch-leninistische Geschichtsbild der DDR bewegte sich in den 60er Jahren also in einem nationalen Rahmen. Doch nicht nur das: Ulbricht stellte 1967 auf einer Tagung fest, dass der Sozialismus eine „relativ selbständige sozialökonomische Formation in der historischen Epoche des Übergangs vom Kapitalismus zum Kommunismus im Weltmaßstab“[16] sei. Damit widersprach er der sowohl von Marx als auch Lenin vorgenommenen Sozialismus-Definition, wonach der Sozialismus nur eine kurze Übergangsphase zum Kommunismus darstelle. Desweiteren stellte sich das Nationsverständnis der DDR als sehr widersprüchlich heraus.

Denn mal sprach man von der gesamten deutschen Nation, dann wieder davon, dass die DDR der deutsche Nationalstaat sei. Dies lässt sich damit erklären, dass die SED, „um den ostdeutschen Wiedervereinigungsanspruch ideologisch zu bekräftigen, am Verständnis einer sozialistischen Nation ‚im Übergangsstadium‘ fest[hielt], ohne daß die DDR-Geschichtswissenschaftler dieser ein Fundament im Geschichtsverständnis des historischen Materialismus hätten geben können. In der Endphase der Ära Ulbricht schälte sich ein Widerspruch zwischen dem abgrenzenden Geschichtsbild und dem auf ganz Deutschland abzielenden Nationsverständnis deutlich heraus. Hierin reflektierte sich das für die DDR konstitutive Spannungsverhältnis zwischen Eigenstaatlichkeit und überstaatlichem Anspruch.“ [17] Dieser Konflikt zwischen Nation und Staatlichkeit löste sich erst mit der im Jahr 1971 vollzogenen grundlegenden Revision der Haltung der SED zur nationalen Frage auf.

3. Schlussbemerkung

Mit dem Nationalen Dokument thematisierte die SED die Deutschlandfrage, und zwar unter zwei Gesichtspunkten: Einerseits versuchte man, die DDR als den einzig rechtmäßigen deutschen Staat gegenüber der BRD abzugrenzen. Dies geschah unter Hinzunahme einer neuen Komponente, nämlich des Vorhabens, die DDR historisch zu legitimieren. Dazu bediente man sich der Konstruktion eines marxistisch-leninistischen Geschichtsbildes, nach dem die DDR in einer historischen Mission den Sozialismus verwirkliche. Das Ganze geschehe unter der Führung der Arbeiterklasse  als revolutionäre bzw. historische Kraft sowie der marxistisch-leninistischen Partei, also der SED.

Hierbei handelte es sich jedoch um eine historische Mission der deutschen Arbeiterklasse, womit sich das Ganze in einem nationalen Rahmen bewegte – schließlich wollte sich die DDR im Wesentlichen gegenüber der laut Ideologie in der unheilvollen Tradition der Bourgeoisie stehenden rückständigen bürgerlichen Nation BRD als die fortschrittliche sozialistische Nation behaupten und eine Kernstaatfunktion im deutsch-deutschen Verhältnis für sich in Anspruch nehmen.

Andererseits sprach man davon, dass man willens sei, eine friedliche Koexistenz mit der BRD anzustreben. Dies sollte im Rahmen einer Konföderation geschehen, in der die beiden deutschen Teilstaaten insbesondere auf politischer und wirtschaftlicher Ebene kooperieren und den Grundstein für eine Wiedervereinigung von BRD und DDR legen würden. Diese Einheitsrhetorik wiederum führte jedoch zu einem Konflikt mit dem Anspruch auf Eigenstaatlichkeit bzw. dem marxistisch-leninistischen Geschichtsbild der DDR.

4. Quellen- und Literaturverzeichnis

Quellen:

Berthold, Lothar: Unser nationales Geschichtsbild, In: Einheit, Theoretische Monatsschrift für Sozialismus 2/1966 (S. 225-331).

Das nationale Dokument über „die geschichtliche Aufgabe der Deutschen Demokratischen Republik und die Zukunft Deutschlands“, hrsg. vom Bundesinstitut zur Erforschung des Marxismus-Leninismus (Institut für Sowjetologie), Köln 1962.

Ulbricht, Walter: Grundriß der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, In: Einheit, Theoretische Monatsschrift für Sozialismus, Sonderheft August 1962 (S. 58-186).

Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik vom 9. April 1968, Gesetzblatt der DDR 1968 I., S. 199-222, In: Münch, Ingo: Dokumente des geteilten Deutschland, Stuttgart 1974.

Literatur:

Erdmann, Klaus: Der gescheiterte Nationalstaat. Die Interdependenz von Nations- und
Geschichtsverständnis im politischen Bedingungsgefüge der DDR, Frankfurt am Main 1996.

Reuter, Frank: Geschichtsbewußtsein in der DDR, Köln 1973.

Weber, Hermann: Die DDR 1945-1990, München 2006.

Wolfrum, Edgar: Geschichte als Waffe. Vom Kaiserreich bis zur Wiedervereinigung, Göttingen 2002.

Fußnoten:

  1. Das nationale Dokument über „Die geschichtliche Aufgabe der Deutschen Demokratischen Republik und die Zukunft Deutschlands“, hrsg. vom Bundesinstitut zur Erforschung des Marxismus-Leninismus (Institut für Sowjetologie), Köln 1962, S. 21.
  2. Ebd. S. 21.
  3. Ebd. S. 28.
  4. Ebd. S. 34.
  5. Reuter, Frank: Geschichtsbewußtsein in der DDR, Köln 1973, S. 53.
  6. Ulbricht, Walter: Grundriß der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, In: Einheit, Theoretische Monatsschrift für Sozialismus, Sonderheft August 1962 (S. 58-186), S. 145f.
  7. Ebd. S. 145f.
  8. Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik vom 9. April 1968, Gesetzblatt der DDR 1968 I., S. 199-222, In: Münch, Ingo: Dokumente des geteilten Deutschland, Stuttgart 1974.
  9. Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik vom 9. April 1968, Gesetzblatt der DDR 1968 I., S. 199-222, In: Münch, Ingo: Dokumente des geteilten Deutschland, Stuttgart 1974.
  10. Nationales Dokument, S. 25.
  11. Ebd. S. 26.
  12. Erdmann, Klaus: Der gescheiterte Nationalstaat. Die Interdependenz von Nations- und Geschichtsverständnis im politischen Bedingungsgefüge der DDR, Frankfurt am Main 1996, S. 139-140.
  13. Berthold, Lothar: Unser nationales Geschichtsbild, In: Einheit, Theoretische Monatsschrift für Sozialismus 2/1966 (S. 225-331), S. 228.
  14. Erdmann S. 142.
  15. Wolfrum, Edgar: Geschichte als Waffe. Vom Kaiserreich bis zur Wiedervereinigung, Göttingen 2002, S. 98-99.
  16. Neues Deutschland, Nr. 252 vom 13.9.1967, In: Weber, Hermann: Die DDR 1945-1990, München 2006, S. 67.
  17. Erdmann S. 152.

Die DDR-Medien und der Prager Frühling 1968

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Das »Neue Deutschland« und der Einmarsch – Die Rolle der DDR-Medien beim „Prager Frühling“ im Jahre 1968. Dieser Artikel erschien zuerst im Neuen Deutschland. Das ND war die Parteizeitung der SED und damals die auflagenstärkste Tageszeitung der DDR. Sie überstand die Wende und ist heute eine unabhängige sozialistische Tageszeitung.

Der mediale Schlagabtausch zwischen Ost und West verlief 1968 anfangs nicht schlecht für die DDR. Ausführlich hatte das »Neue Deutschland«  über die große Protestbewegung in Westdeutschland berichtet. Das Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke und die Einführung der Notstandsgesetze wurden genutzt, die verkrusteten Verhältnisse und die Gefährdung demokratischer Grundrechte in der Bundesrepublik medial unter Feuer zu nehmen. Studenten unter Roten Fahnen – das war eine Schlagzeile wert. Doch als Truppen des Warschauer Vertrages die Tschechoslowakei besetzten, befanden sich die Medien der DDR in einer unangenehmen Lage.

Das Neue Deutschland (ND) druckte am 21. August 1968 auf Seite 1 eine »Mitteilung von TASS«, darunter ein vom ZK der SED, vom Staatsrat und Ministerrat signierter Appell an alle DDR-Bürger, daneben wurde die »gute und stabile Entwicklung der Volkswirtschaft unserer Republik« gefeiert.

Im Verlauf des Jahres 1968 hatten die DDR-Medien öfters gegen den tschechoslowakischen Reformprozess Stellung bezogen. Das änderte sich, als am 2. August 1968 die Parteiführungen der DDR und der CSSR eine gemeinsame Erklärung verabschiedeten. Das Dokument wurde im ND veröffentlicht. In der Folge stellte das »Zentralorgan« der SED seine Angriffe auf die Reformbewegung in der CSSR ein.

Nach der Landung sowjetischer Truppen auf dem Prager Flugplatz begann jedoch eine Medienschlacht um die Deutung der Ereignisse. ND sah sich in einer Zwickmühle. Kritik an der Intervention kam nicht nur vom politischen Gegner, sondern auch von westlichen kommunistischen Bewegungen. Auch die gerade noch vom ND medial unterstützte Studentenbewegung protestierte – wieder unter Roten Fahnen – gegen den Einmarsch.

ND bemühte sich, die Proteste totzuschweigen. Die Leser erfuhren nur indirekt davon: Das Blatt veröffentlichte die Kritik westdeutscher Kommunisten an den Studenten. Auffallend war für aufmerksame Zeitgenossen auch: Während die westlichen Medien in Hülle und Fülle Fotos der in Prag agierenden sowjetischen Truppen sowie von Demonstrationen veröffentlichten, bot ND, wie die gesamte DDR-Presse, kaum Bildmaterial. Als Grund für die Invasion nannte das offizielle Partei- und Regierungsblatt einen »politisch-ideologischen Einbruch« des Gegners in der CSSR.

»Verantwortungslose, prinzipienlose, parteifremde Politiker« hätten sich der Führung der „Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei“ (KPTsch) bemächtigt und würden zusammen mit »konterrevolutionären Organisationen« ein Kesseltreiben gegen »aufrechte Kommunisten« führen. Wie jedoch »parteifremde« Politiker die Führung der KPTsch angeblich übernehmen konnten, blieb für die Leser rätselhaft. Und warum war der Einmarsch erfolgt, wenn es doch am 2. August eine einvernehmliche Übereinkunft gab?

Im ND hieß es, der Eingriff sei notwendig gewesen, weil die »Sprachrohre antikommunistischer Propaganda« sonst ihre Hetze fortgesetzt hätten. Klar blieb nur die Führungsrolle der UdSSR. Im ND stand: »Wie einer zum Sozialismus und zum Frieden steht, ist an seiner Stellung zur Sowjetunion abzulesen«. Ob jemand als imperialistischer Agent oder aufrechter Kommunist zu gelten hatte, wurde in Moskau bestimmt. Und die dortige Sicht konnte sich sehr schnell ändern. Eine Woche nach dem Einmarsch kehrten die zeitweilig inhaftierten Prager Reformer in ihre Ämter zurück. Solch ein Kurswechsel war schwer glaubhaft zu machen.

ND konnte also nur allgemein »konterrevolutionäre Elemente« als Gegner anführen. Rätselhaft blieb auch, wer denn die Genossen waren, »die sich an die Bruderländer um Hilfe gewandt haben«. In der CSSR war die Empörung über die Besetzung so groß, dass auch die orthodoxen Kommunisten sich nicht mehr dazu bekennen wollten. So musste sich ND wieder mit Umschreibungen begnügen, konnte keine Namen nennen: Die mediale Auseinandersetzung um den »Prager Frühling« haben die DDR-Medien verloren.

Der Grundlagenvertrag von 1972

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Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort
2. Hauptteil
__2.1 Die Zwei-Nationen-These
__2.2 Wichtige politische Schritte im Vorfeld zum Grundlagenvertrag
__2.3 Der deutsch-deutsche Grundlagenvertrag von 1972
__2.4 Die Bedeutung des Grundlagenvertrages
3. Fazit
4. Quellen- und Literaturverzeichnis


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1. Vorwort

Nun folgend werde ich mich mit dem am 21.12.1972 zwischen DDR und BRD geschlossenen Grundlagenvertrag beschäftigen, der den Weg für eine Normalisierung bzw. ein friedliches Nebeneinander in den Beziehungen zwischen den beiden deutschen Teilstaaten ebnen sollte.

2. Hauptteil

2.1 Die Zwei-Nationen-These

Hatte man bisher – zumindest offiziell – seitens der DDR in der Deutschlandfrage davon gesprochen, die nationale Einheit anzustreben, so wurde diese These spätestens auf dem VIII. Parteitag der SED vom 15. – 19. Juni 1971 zu Grabe getragen. Erich Honecker hörte man schon Monate zuvor sagen, dass die These von der nationalen Einheit von nun an „nichts anderes als ein modifizierter Ausdruck von Revanchismus  [sei], denn sie zielt letztlich auf die früher mit allen Mitteln nicht erreichte Unterordnung der DDR unter die imperialistische BRD“[1] ab. Dies bedeutete die Hinwendung zu einer Zwei-Nationen-These, wonach sich laut Honecker im „Gegensatz zur BRD, wo die bürgerliche Nation fortbesteht und wo die nationale Frage durch den unversöhnlichen Klassenwiderspruch zwischen der Bourgeoisie und den werktätigen Massen bestimmt wird, […] in der Deutschen Demokratischen Republik […] die sozialistische Nation“[2] entwickelt. Mit einer Kursänderung in der Deutschlandpolitik, die mit der Ablösung Walter Ulbrichts durch Honecker einherging, und damit auch vom nationalen Alleinvertretungsanspruch wurde die „Anerkennungspolitik von der SED in den weiteren Horizont einer Koexistenz- und Integrationspolitik gestellt, welcher der SED auch wieder größere Flexibilität und mehr Verhandlungsfähigkeit“[3] der BRD gegenüber einräumte.

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Beat und Rock im Osten

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Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort
2. Hauptteil
__2.1 Jazz, Rock´n Roll, Beatmusik
———–und die beginnenden 60er Jahre
__2.2 Wende und Neubesinnung
__2.3 Die 70er Jahre
__2.4 Die 80er Jahre
3. Fazit
4. Literaturverzeichnis


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1. Vorwort

„Irgendwann will jedermann raus aus seiner Haut –
Irgendwann denkt er dran, wenn auch nicht laut“[1]

Befragt man heute die Leute unter 30 und/oder ohne Ostbiographie über den Rock in der DDR, fallen ihnen maximal Ute Freudenbergs „Jugendliebe“, Nina Hagens „Du hast den Farbfilm vergessen“ sowie Citys „Am Fenster“ ein oder man erinnert sich wage daran, dass „Über sieben Brücken musst du geh’n“ ursprünglich aus der Feder von Karat stammte. Ein Teil der damaligen Ostrock-„Stars“, wie Tamara Danz, Gerhard Gundermann oder vor kurzem Herbert Dreilich, sind leider bereits früh verblichen. Der große Rest hält sich heute mit „Starschnitten“ in der Super-Illu über Wasser, weiht eines der vielen tausend Autohäuser im Ostteil der Republik ein oder muss, wie jüngst Dirk Michaelis, Comeback-Duette mit abgehalfterten 90er Jahre Schunkel-Barden bestreiten. Einige wenige jedoch sind nach wie vor im Geschäft und können die anhaltende diffuse Ostalgie-Revival-Welle für sich nutzen. Wo aber lagen die Vorgänger des Rocks im Osten, welche Vorbilder hatten die Bands und mit welchen Schwierigkeiten hatten Sie zu kämpfen? Wie vollzog sich die Entwicklung gerade in den 60er Jahren über die Beatmusik und den goldenen 70ern bis zur Stagnation in den 80er Jahren? Welche Rolle spielten ideologische Vorgaben? Wie war das Verhältnis zwischen dem Staat und seinen Bands und welche Leitlinien hatte er?

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Frauenleitbild in der DDR

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Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort
2. Hauptteil
__2.1 Das Frauenbild
__2.2 Das ostdeutsche Frauenleitbild
__2.3 Auswirkungen
__2.4 Staatliche und nichtstaatliche Frauenbewegung
3. Fazit
4. Quellen- und Literaturverzeichnis


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1. Vorwort

„Als ich ihnen dann schließlich begegnete, Anfang 1990, erschreckten mich ihre verhärmten Gesichter, die abgearbeiteten Gestalten, sie sahen so ausgepowert aus und hatten ein Selbstbewusstsein und einen Pragmatismus, die mich faszinierten. Ihr Auftreten war so resolut, manchmal fast unfreundlich, und wenn ich auf Frauenbewegte traf, irritierte mich ihre burschikose und kurz angebundene Art. Überallhin schleppten sie ihre Kinder mit, forderten lautstark die Erhaltung der Kinderbetreuungseinrichtungen – und wir dachten geringschätzig: Was hat das mit Feminismus zu tun?“

[Ulrike Baureithel]

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Friedrich II. und die DDR

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Inhaltsverzeichnis

1. Hauptteil
_
_1.1 Preußens Untergang
__1.2 Preußens Rückkehr
__1.3 Preußens Gloria
2. Fazit
3. Quellen- und Literaturverzeichnis


„Nur in der DDR wurde die Bürokratie samt ihrer preußischen Verwaltungstradition vernichtet.“[1]

Die DDR ist eine „preußische Form der Diktatur“[2]

1. Hauptteil

1.1 Preußens Untergang

Unter den Linden, direkt vor der HU, reitet Friedrich II. oder, wie ihn einige nennen, Friedrich der Große. Mehrere Jahrzehnte war sein Reiterstandbild von diesem Ort verbannt worden und gar seine Existenz gefährdet. Friedrich II. wurde gefeiert und geschmäht. Widersprüchlich wurde er betrachtet und widersprüchlich war seine Person. Ich will zeigen, wie es zu seiner zeitweiligen Verbannung in der DDR und seiner gefeierten Rückkehr kam. Welche Gründe gab es, gegen ihn vorzugehen und welche, ihn zurückzuholen? Diesen Fragen will ich hier nachgehen. Das Preußenbild in der DDR spielt dafür eine ebenso wichtige Rolle wie die Person und Persönlichkeit Friedrichs II. Doch gehen wir zum Beginn der DDR.

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Der 17. Juni 1953 in der DDR-Geschichtspolitik

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Inhaltsverzeichnis

1. Hauptteil
__1.1 Der historische Hintergrund zum 17. Juni 1953
__1.2 Die geschichtspolitische Relevanz
__1.3 Ein „faschistischer“ bzw. „konterrevolutionärer“ Putsch?
2. Fazit
3. Quellen- und Literaturverzeichnis


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1. Hauptteil

1.1 Der historische Hintergrund zum 17. Juni 1953

Die Volkserhebung vom 17. Juni 1953 erfolgte in einer Phase allgemeiner Unzufriedenheit – so führte u.a. die „Forcierung des schwerindustriellen Aufbaus […] in eine ‚chaotische Wirtschafts- und Versorgungslage‘[1] – in der Bevölkerung, die nicht zuletzt durch einen Neuen Kurs, nämlich der Ausrufung eines sozialistischen Aufbaus, hervorgerufen wurde. Der Neue Kurs, der in der formalen und rasanten Übernahme des Gesellschaftsmodells der Sowjetunion bestand, brachte neben den verschärften Verfolgungen politisch Andersdenkender auch verstärkte ökonomische Zwangsmaßnahmen wie die Kollektivierung der Landwirtschaft mit sich, die zu einer Destabilisierung der Wirtschaft und einem damit verbundenen sprunghaften Ansteigen der Fluchtbewegung (z. B. Bauern und Intellektuelle) aus der DDR führten. Trotz dieser schwierigen Lage erhöhte die politische Führung der DDR am 28.5.1953 in den VEB die Arbeitsnormen um mindestens 10%, was den Kessel endgültig zum Überlaufen brachte. Wohl erst auf „Druck der KPdSU hin nahm die SED-Führung am 9.6.1953 viele der auf der 2. Parteikonferenz 1952 beschlossenen Maßnahmen des verschärften Klassenkampfs zurück, nicht aber die Normerhöhung für die Arbeiter […]. Ein Streik der Bauarbeiter vom Morgen des 16. Juni 1953 weitete sich zum politischen Generalstreik am 17. Juni 1953 aus, der nur durch das Eingreifen der sowjetischen Armee unterdrückt werden konnte.“[2] Dieses militärische Vorgehen, das viele Tote (etwa 51) und Verletzte forderte, sicherte den Machterhalt der SED. Nach offiziellen Angaben des DDR-Innenministeriums belief sich die Gesamtzahl der am Aufstand Beteiligten auf „496 765 Personen, manche neuere Forschungen gehen heute von bis zu einer Million aus. […] Die Gesamtzahl der Verhaftungen belief sich später auf 13000; rund 5600 Ermittlungsverfahren wurden eingeleitet, die zwei Todesurteile und zahlreiche langjährige Zuchthausstrafen für Beteiligte der Erhebung nach sich zogen.“[3] Nun folgend hinterfrage ich, wie die DDR-Führung die Ereignisse geschichtspolitisch deutete.

 

1.2 Die geschichtspolitische Relevanz in der DDR

Wie nun reagierten die in der DDR politisch Verantwortlichen auf die Volkserhebung? Welches Bild zeichneten sie von den eben beschriebenen Ereignissen? Die Antwort: Bereits am Abend des 17. Juni wurde seitens der DDR-Regierung die zukünftige geschichtspolitische Interpretation der Volkserhebung vorgegeben. Zunächst sprach man seitens des von Marschall Sokolowski geleiteten Krisenstabs der Sowjetunion von einer „faschistischen Provokation“, da man die Ereignisse als vom Westen provoziert ansah und diese Begründung dazu nutzte, die in der DDR stationierten sowjetischen Truppen in Alarmzustand zu versetzen. Etwas später stellte Walter Ulbricht in einer Regierungserklärung fest, dass die „Unruhen […] das Werk von Provokateuren und faschistischen Agenten ausländischer Mächte und ihren Helfershelfern aus deutschen kapitalistischen Monopolen“[4] seien. Diese Sicht der Dinge fand schließlich auch in einer Erklärung des ZK der SED vom 21. Juni 1953 ihre Manifestierung:

„In Westdeutschland saßen und sitzen die amerikanischen Agenturen, die auf Anweisung von Washington die Pläne für Krieg und Bürgerkrieg ausarbeiten. In Westdeutschland und Westberlin organisierten die Adenauer, Ollenhauer, Kaiser und Reuter die unmittelbare Vorbereitung des Tages X. So wurde im Ministerium von Jakob Kaiser mit aktiver amerikanischer Unterstützung unter dem Tarnnamen ‘Forschungsbeirat‘ ein spezieller Stab für Diversions- und Bürgerkriegsakte geschaffen, dem Millionen Mark aus den Geheimfonds aus- und inländischer Imperialisten zuflossen. In Westberlin wurden von den Kaiser und Reuter systematisch Kriegsverbrecher, Militaristen und kriminelle Elemente in Terrororganisationen vorbereitet und ausgerüstet. Zu den alten faschistischen Morderfahrungen kamen noch zusätzlich die Methoden der amerikanischen Gangster. So wurde der faschistische Auswurf wieder großgezogen. Neben den ausländischen Kriegstreibern tragen Adenauer, Ollenhauer, Kaiser und Reuter die volle Verantwortung für das Blut, das bei der Niederschlagung des faschistischen Abenteuers geflossen ist. […] An Hand der in den Westberliner Agentenzentralen vorbereiteten Listen wurden vorübergehend faschistische und kriminelle Verbrecher aus den Haftanstalten herausgeholt, wie z. B. die wegen bestialischer Verbrechen gegen die Menschlichkeit von der demokratischen Justiz verurteilte SS-Kommandeuse des Konzentrationslagers Ravensbrück, Erna Dorn. So sollte in der Deutschen Demokratischen Republik eine faschistische Macht errichtet und Deutschland der Weg zur Einheit und Frieden verlegt werden.“[5]

Dieses Deutungs- bzw. Argumentationsmuster seitens der politischen Führung in der DDR sollte das DDR-Geschichtsbild zu den Ereignissen am 17. Juni 1953 in der Folgezeit maßgeblich prägen. Da gab es nur ein Problem: Die vermeintlichen Rädelsführer bzw. westlichen Drahtzieher der Volkserhebung konnten nicht dingfest gemacht werden. Das mit der Aufspürung und Festnahme der „Organisatoren der Provokationen“ beauftragte Ministerium für Staatssicherheit (MfS) brachte diese Tatsache in ernste Bedrängnis. So räumte der Chef des MfS, Ernst Wollweber, am 11. November 1953 auf einer Dienstkonferenz ein, „dass es uns bis jetzt noch nicht gelungen ist, nach dem Auftrag des Politbüros die Hintermänner und die Organisatoren des Putsches vom 17. Juni festzustellen.“[6] Wenn auch gerade kurz nach den Ereignissen vom 17. Juni 1953 diese Tatsache des Mangels an Beweisen viele Richter der DDR-Justiz in Verlegenheit brachte und es vereinzelt zu Verweigerungen dieser kam, Haftbefehle zu unterzeichnen, setzte sich in der Folge die SED-Linie durch – nicht zuletzt deshalb, weil das MfS Richter unter Druck setzte, der politischen Linie zu folgen bzw. da man willfährige Richter mit dieser Aufgabe betraute.

Später sprach man seitens der politischen Führung etwas abgewandelt vom „konterrevolutionären“ Putsch. So ist in einem DDR-Geschichtslehrbuch von 1971 für Schüler der 10. Klasse zu lesen, dass es am „17. Juni 1953 […] Agenten verschiedener imperialistischer Geheimdienste [gelang], […] einen kleinen Teil der Werktätigen zu zeitweiligen Arbeitsniederlegungen und Demonstrationen zu verleiten […] Durch das entschlossene Handeln der fortschrittlichsten Teile der Arbeiterklasse und ihrer Verbündeten […] brach der konterrevolutionäre Putsch innerhalb von 24 Stunden zusammen“[7]. Diese absurde und falsche Darstellung der wirklichen Ereignisse rund um den 17. Juni 1953 war bis zum Ende der DDR fester Bestandteil der Geschichtspolitik der politischen Führung, die alles tat, um die Auseinandersetzung mit den besagten Vorgängen – die die SED einst in tiefe Verunsicherung stürzten und sie aus der Angst heraus, dass sich so etwas wiederholen könnte, zu einem Ausbau des Disziplinierungs- und Unterdrückungsapparates veranlasste – aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen.

Doch wie sehr dieses Geschehen auch noch Jahrzehnte später in den Köpfen vieler Menschen herumgeisterte, gerade auch bei den Machthabern der DDR, zeigt sich beispielsweise bei einem Treffen der Generalität des MfS am 31.8.1989, also kurze Zeit vor dem Mauerfall, wo sich Erich Mielke besorgt fragte: „Ist es so, dass Morgen der 17. Juni ausbricht?“[8] Noch viel präsenter und gewichtiger war das „Angsttrauma“ 17. Juni 1953 im Bewusstsein der SED-Funktionäre und des MfS natürlich in der Zeit unmittelbar nach der Volkserhebung verankert: „Alle Jahre wieder wurde durch die Staatssicherheit am 17. Juni ‚erhöhte Alarmbereitschaft‘ proklamiert. Es wurde mit ‚feindlichen Provokationen‘ gerechnet. Die Aktionen so genannter ‚Feindorganisationen‘ wie des ‚Untersuchungsausschusses freiheitlicher Juristen‘ (UfJ) oder der ‚Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit‘ (KgU) wurden beobachtet. Im Inland wurde der leiseste Anschein einer Widerständigkeit peinlich genau registriert und […] unterdrückt.“[9]

1.3 Ein „faschistischer“ bzw. „konterrevolutionärer“ Putsch?

Die bereits beschriebene geschichtspolitische Deutung der Volkserhebung vom 17. Juni 1953 seitens der politischen Führung der DDR als „faschistischer“ bzw. „konterrevolutionärer“ Putsch, die bis zum Fall der Mauer aufrechterhalten wurde, stellt sich als haltlos heraus. Natürlich war eine umfangreiche Aufarbeitung der Nazi-Diktatur in diesen frühen Jahren der beiden deutschen Teilstaaten nicht annähernd geleistet, aber dass sich eine faschistische Untergrundbewegung daran machte, einen Putsch in der DDR zu organisieren, konnte trotz intensivster Bemühungen der SED, eben dies aufzudecken, nicht nachgewiesen werden. Vielmehr wird aus historischen Quellen deutlich, dass man seitens der SED eifrig darum bemüht war, die eigene geschichtspolitische Propaganda bzw. Rhetorik zu stützen, die man schon publik machte, bevor auch nur ansatzweise die Ereignisse rund um den 17. Juni aufgearbeitet wurden. So heisst es in einem Fernschreiben (Nr. 228) Walter Ulbrichts an die Bezirksleitung Cottbus vom 22. Juni 1953:

„Es ist notwendig, alles Tatsachenmaterial zu beschaffen, über faschistische und andere reaktionäre Kräfte, über Diversanten und andere Banditen aus Westdeutschland und Westberlin und aus der DDR, die in Eurem Bezirk aufgetreten sind. Es ist insbesondere auch notwendig, darüber Tatsachen zu bringen, dass Jugendliche in Westberlin militärisch ausgebildet wurden. Dazu nutzt Euer eigenes Material und setzt Euch außerdem mit staatlichen Stellen in Verbindung. Wir brauchen schnell solches Material, um es in die Presse bringen zu können…“[10].

Diese gezielte Anfrage nach einem bestimmten Personenkreis war symptomatisch für das Bemühen der SED-Führung, die eigene antifaschistische Ideologie zu stützen bzw. von den Ursachen der Volkserhebung abzulenken. Die dann später ins Spiel gebrachte Deutung der Ereignisse als „konterrevolutionärer Putsch“ trifft ebenfalls nicht zu. Denn obwohl „die Streiks vor allem die volkseigenen Betriebe und die im Fünfjahrplan zu schaffenden metallurgischen und energetischen Zentren sowie wesentliche Verkehrsprojekte betrafen, wurden das neu entstandene Volkseigentum und die Existenz der DDR nirgendwo öffentlich in Frage gestellt.“[11] Auch die von der SED in die Welt gesetzte Legende bzw. Verschwörungstheorie vom West-Berliner Radiosender RIAS – der live und ausführlich über die Volkserhebung berichtete -, dieser habe einen aus dem Westen gesteuerten konterrevolutionären Putsch aktiv mitorganisiert, ist ebenso haltlos.

Nicht zuletzt deshalb, weil der Sender sich weigerte, einen Aufruf zum Generalstreik zu senden bzw. es den Reportern und Gastrednern untersagte, dies zu tun, was dem RIAS später nicht nur Kritik aus dem Westen, sondern auch seitens enttäuschter Bürger der DDR einbrachte. Deshalb sollte man jedoch nicht die Rolle der westlichen Medien im Allgemeinen und des RIAS im Speziellen als „Katalysator“ der Volkserhebung unterbewerten. Denn richtigerweise stellte der damalige Chef der deutschen Redaktion des RIAS, Egon Bahr, fest: „Zum erstenmal wurden Verantwortung und Macht eines elektronischen Mediums deutlich, das, ohne den zeitraubenden Vorgang des Denkens und ohne von Grenzen aufgehalten zu werden, Menschen verbindet, die am Lautsprecher hängen, und sie innerhalb weniger Stunden zu gleichem Verhalten veranlasst … Der RIAS war ohne zu wissen … zu wollen, zum Katalysator des Aufstandes geworden. Ohne den RIAS hätte es den Aufstand so nicht gegeben.“[12] Und in der Tat hatte der RIAS durch seine live ausgestrahlten und sympathisierenden Kommentare und Berichte zu den Ereignissen des 17. Juni einen nicht geringen Einfluss auf die selbigen, gerade auch bezüglich der Mobilisierung der Streikenden.

Doch dies war weder von langer Hand geplant, noch zentral koordiniert worden. Darüberhinaus konnte auf der westlichen Seite bzw. bei den Westmächten kein Interesse daran bestehen, die direkte Konfrontation mit der Sowjetunion zu suchen und einen militärischen Konflikt zu provozieren bzw. zu riskieren. Dass der Volkserhebung bzw. den Protesten zuvorderst eine große Unzufriedenheit der Bevölkerung über ökonomische und soziale Missstände in der DDR zugrunde lag, entsprach da schon eher der Realität. Aber dies selbstkritisch in aller Öffentlichkeit eingestehen bzw. eine gesellschaftliche Debatte über die real existierenden (Miss-)Verhältnisse zulassen konnte und wollte die SED-Führung nicht. Vielmehr war sie nun mehr als zuvor damit beschäftigt, den eigenen Machterhalt zu sichern. Das spiegelt sich auch in folgenden Auszügen der Erklärung des Zentralkomitees der SED vom 21. Juni 1953 wider: Danach sei es nun erforderlich, „den angeschlagenen Gegner entscheidend zu schlagen, die faschistischen Banden restlos zu liquidieren, die Ordnung aus eigenen Kräften auf feste Grundlagen zu stellen und die Durchführung des neuen Kurses von Partei und Regierung zu sichern.“[13]

Diesem ideologischen Weltbild der SED entspricht es, dass der erwähnte faschistische Feind bereits a priori da ist, bevor er überhaupt empirisch in Erscheinung tritt. Demnach ist der Feind „eine Denkfigur, der Feind ist denkstrukturell schon da, bevor er auftritt; die Systemstelle ist frei und kann mit wechselnden Figuren besetzt werden, kurz: es ist Wahrnehmung und Auslegung empirischer Phänomene aus der Perspektive des vorgängigen Weltbildes“[14], das von marxistisch-leninistischer Natur ist. Somit kann der 17. Juni 1953 als „Trauma der Partei gelten, als Datum, an dem die ideologischen Fiktionen der SED, etwa die Fiktion von der Einheit von Partei und Arbeiterklasse, […] beim Versuch ihrer Realisierung demaskiert werden, kurz: als Datum, an dem die SED eine Lektion über den tatsächlichen Stand der Dinge erhält“[15].

Nicht umsonst befand sich die Partei-Führung kurz nach den Ereignissen in einem wahren Schockzustand und intern kam eine kritische Diskussion auf, wie es sie in späteren Zeiten kaum mehr geben sollte. Die Methoden zur Ausübung der Macht wurden seitdem weitaus flexibler gehandhabt und die radikale Klassenkampf-Politik maßgeblich zurückgefahren, so dass sich die Lebensverhältnisse für alle Bevölkerungsschichten zu verbessern begannen. Die Erkenntnis für die SED bestand also auch darin, dass der zuvor gefahrene radikal-ideologische Kurs nach sowjetischem Vorbild so nicht weitergeführt werden konnte. Die eben beschriebene Entwicklung wurde allerdings auch und gerade durch den vorherigen Tod von Josef Stalin am 5. März 1953 und die Politik der neuen sowjetischen Führung begünstigt. So hieß es in einem Beschluss dieser Über die Maßnahmen zur Gesundung der politischen Lage in der Deutschen Demokratischen Republik: „Infolge der Durchführung einer fehlerhaften politischen Linie ist in der Deutschen Demokratischen Republik eine äußerst unbefriedigende politische und wirtschaftliche Lage entstanden … Als Hauptursache der entstandenen Lage ist anzuerkennen, dass gemäß den Beschlüssen der Zweiten Parteikonferenz der SED, gebilligt vom Politbüro des ZK der KPdSU(B), fälschlicherweise der Kurs auf den beschleunigten Aufbau des Sozialismus in Ostdeutschland genommen worden war ohne Vorhandensein der dafür notwendigen realen sowohl innen- als auch außenpolitischen Voraussetzungen.“[16]

Obwohl es in diesem Beitrag im wesentlichen um die Geschichtspolitik der DDR im Zusammenhang mit dem 17. Juni 1953 ging, soll abschließend noch hinzugefügt werden, dass dieser natürlich auch im Westen all zu oft politisch instrumentalisiert bzw. in verzerrender Art gedeutet wurde. In der BRD dominierten hauptsächlich drei geschichtspolitische Bilder: Einerseits war von einer Revolution im Sinne der Französischen von 1789 mit dem Sturm auf die Bastille die Rede, andererseits von einer antitotalitären Gesinnung der Deutschen, die sich, gemäß des Widerstands am 20. Juli 1944 gegen Hitler, nun gegen die SED-Diktatoren Ulbricht, Pieck und Grotewohl auflehnten. „Das letzte dominierende Deutungsmuster […] lautete: Der 17. Juni hat die durch den Nationalsozialismus beschädigte ‚nationale Würde‘ Deutschlands wiederhergestellt. Der Freiheitsdrang eines Teils des deutschen Volkes und sein Kampf gegen Willkür und Unmenschlichkeit kamen in den Augen vieler Westdeutschen einer geschichtlichen Ehrenrettung der gesamtdeutschen Nation gleich.“[17]

2. Fazit

Das von der SED gezeichnete geschichtspolitische Bild der Ereignisse rund um den 17. Juni 1953 eines aus dem Westen heraus geplanten und gesteuerten faschistischen bzw. konterrevolutionären Putsches entbehrt jedweder Grundlage. Vielmehr lenkte man unter Maßgabe der Ideologie des vorherrschenden marxistisch-leninistischen Weltbildes von den eigentlichen Ursachen, nämlich der sozioökonomischen Krise in der DDR, ab. Als Konsequenz aus dieser traumatischen Erfahrung entschärfte die SED-Führung ihre radikale Klassenkampf-Politik zugunsten eines flexibleren Regierungsstils. Im gleichen Atemzuge baute sie jedoch auch den eigenen Machtapparat aus und organisierte diesen straffer, um zukünftig ihre Existenz bedrohende Vorgänge wie die vom 17. Juni 1953 zu verhindern. Auch seitens der BRD waren die geschichtspolitischen Deutungen dieses Ereignisses oft ideologisch geprägt und für politische Zwecke instrumentalisiert worden.

3. Quellen- und Literaturverzeichnis

Quellen:

BArch, SAPMO, NY 4690/699.

BLHA, Rep. 930, Nr. 721.

Einheit. Zeitschrift für Theorie und Praxis des wissenschaftlichen Sozialismus, 8. Jg., H. 7, Juli 1953.

Flugblatt: „Erklärung des Zentralkomitees der SED: Über die Lage und die unmittelbaren Aufgaben der Partei“ vom 21. Juni 1953, BLH.A Rep. 930, Nr. 721.

Geschichte. Lehrbuch für die Klasse 10. Geschichtsbildprägend auch: Geschichte der SED. Ein Abriß.

Grotewohl, Regierungserklärung, 17.6.1953; BArch, SAPMO, NY 4090, Nr. 437, Bl. 16.

Referat des Genossen Staatssekretär Wollweber auf der zentralen Dienstkonferenz am 11. und 12. November 1953; BStU, ZA, BdL/Dok-6111.

Literatur:

Bahr, Egon: Zu meiner Zeit, München 1996.

Diedrich, Torsten: Waffen gegen das Volk, Der 17. Juni 1953 in der DDR, München 2003.

Erdmann, Klaus: Der gescheiterte Nationalstaat. Die Interdependenz von Nations- und Geschichtsverständnis im politischen Bedingungsgefüge der DDR, Frankfurt am Main 1996.

Kowalczuk, Ilko-Sascha: 17.6.1953: Volksaufstand in der DDR, Ursachen – Abläufe – Folgen, Berlin 2003.

Mitter, Armin; Wolle, Stefan (Hg.): Ich liebe euch doch alle, Befehle und Lageberichte des MfS Januar-November 1989, Berlin 1990.

Scheermann, Hans-Dieter: Dialog in der PDS, Landesverband Brandenburg, Dialog-Heft 10: Der 17. Juni 1953 in Brandenburg – 1. Teil, Brandenburg 2003.

Wolfrum, Edgar: Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland, Der Weg zur bundesrepublikanischen Erinnerung 1948 – 1990, Darmstadt 1999.

Finke, Klaus (Hrsg.): Erinnerung an einen Aufstand. Der 17. Juni 1953 in der DDR, Oldenburg 2003.

Fußnoten:

[1] Erdmann, Klaus: Der gescheiterte Nationalstaat. Die Interdependenz von Nations- und Geschichtsverständnis im politischen Bedingungsgefüge der DDR, Frankfurt am Main 1996, S. 95.

[2] Ebd. S. 96.

[3] Wolfrum, Edgar: Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland, Der Weg zur bundesrepublikanischen Erinnerung 1948 – 1990, Darmstadt 1999, S. 67.

[4] Grotewohl, Regierungserklärung, 17.6.1953; BArch, SAPMO, NY 4090, Nr. 437, Bl. 16, In: Flemming, Thomas: Kein Tag der deutschen Einheit, 17. Juni 1953, Berlin 2003, S. 122.

[5] Flugblatt: „Erklärung des Zentralkomitees der SED: Über die Lage und die unmittelbaren Aufgaben der Partei“ vom 21. Juni 1953, BLH.A Rep. 930, Nr. 721, In: Scheermann, Hans-Dieter: Dialog in der PDS, Landesverband Brandenburg, Dialog-Heft 10: Der 17. Juni 1953 in Brandenburg – 1. Teil, 2003, S. 51.

[6] Referat des Genossen Staatssekretär Wollweber auf der zentralen Dienstkonferenz am 11. und 12. November 1953; BStU, ZA, BdL/Dok-6111, S. 4, In: Kowalczuk, Ilko-Sascha: 17.6.1953: Volksaufstand in der DDR, Ursachen – Abläufe – Folgen, Berlin 2003, S. 252.

[7] Geschichte. Lehrbuch für die Klasse 10. Geschichtsbildprägend auch: Geschichte der SED. Ein Abriß, In: Diedrich, Torsten: Waffen gegen das Volk, Der 17. Juni 1953 in der DDR, München 2003, S. 136.

[8] Mitter, Armin; Wolle, Stefan (Hg.): Ich liebe euch doch alle, Befehle und Lageberichte des MfS Januar-November 1989, Berlin 1990, S. 125.

[9] Wolle, Stefan: Der Juniaufstand in der DDR – Deutung und Rezeption, In: Finke, Klaus (Hrsg.): Erinnerung an einen Aufstand. Der 17. Juni 1953 in der DDR, Oldenburg 2003, S. 100.

[10] BLHA, Rep. 930, Nr. 721, In: Scheermann, Hans-Dieter: Dialog in der PDS, Landesverband Brandenburg, Dialog-Heft 10: Der 17. Juni 1953 in Brandenburg – 1. Teil, 2003, S. 52.

[11] Scheermann, Hans-Dieter: Dialog in der PDS, Landesverband Brandenburg, Dialog-Heft 10: Der 17. Juni 1953 in Brandenburg – 1. Teil, 2003, S. 52.

[12] Bahr, Egon: Zu meiner Zeit, München 1996, S. 80.

[13] Erklärung des Zentralkomitees der SED: Über die Lage und die unmittelbaren Aufgaben der Partei, In: Einheit. Zeitschrift für Theorie und Praxis des wissenschaftlichen Sozialismus, 8. Jg., H. 7, Juli 1953, S. 852.

[14] Finke, Klaus: Die Krise des SED-Sozialismus und der Juni-Aufstand 1953, In: Finke, Klaus (Hrsg.): Erinnerung an einen Aufstand. Der 17. Juni 1953 in der DDR, Oldenburg 2003, S. 38.

[15] Finke, Klaus: Die Krise des SED-Sozialismus und der Juni-Aufstand 1953, In: Finke, Klaus (Hrsg.): Erinnerung an einen Aufstand. Der 17. Juni 1953 in der DDR, Oldenburg 2003, S. 39.

[16] BArch, SAPMO, NY 4690/699 S. 79, In: Scheermann, Hans-Dieter: Dialog in der PDS, Landesverband Brandenburg, Dialog-Heft 10: Der 17. Juni 1953 in Brandenburg – 1. Teil, 2003, S. 11.[17] Wolfrum, Edgar: Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland, Der Weg zur bundesrepublikanischen Erinnerung 1948 – 1990, Darmstadt 1999, S. 79.

Die Verfassung der DDR aus dem Jahre 1949

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Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort
2. Hauptteil
__2.1 Was ebnete den Weg zur ersten DDR-Verfassung?
__2.2 Verhältnis von Verfassungswirklichkeit und -theorie
3. Fazit
4. Quellen- und Literaturverzeichnis


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1. Vorwort

Wie kam die erste Verfassung der DDR vom 7. Oktober 1949 zustande? In was für einem Verhältnis standen Verfassungstheorie und -wirklichkeit? Und welche Rolle spielte die SED dabei? Mit diesen Fragen setze ich mich nun folgend auseinander und werde darauf eine adäquate Antwort zu geben versuchen.

2. Hauptteil

2.1 Was ebnete den Weg zur ersten DDR-Verfassung?

In der Zeit der unverkennbaren Verschärfung des gesellschaftlichen und politischen Systemkonflikts zwischen den USA und der Sowjetunion (UdSSR) im Jahre 1946, der selbstverständlich nicht ohne Auswirkung auf die von Westmächten und UdSSR kontrollierten deutschen Besatzungszonen blieb, ist der Beginn der ostdeutschen Verfassungsdebatte anzusiedeln. Im selben Jahr legte der während des Zweiten Weltkriegs im sowjetischen Exil lebende Walter Ulbricht, der als Mitglied der KPD im Jahre 1943 in der UdSSR das Nationalkomitee Freies Deutschland (NKFD) mitbegründende und 1945 als Chef der nach ihm benannten Gruppe Ulbricht nach Deutschland zurückkehrte, wo er den durch die Sowjetunion veranlassten Zwangszusammenschluss von SPD und KPD zur Sozialistischen Einheitspartei (SED) maßgeblich organisierte, erste Verfassungsentwürfe der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) vor. Eine wesentliche Aussage Ulbrichts mit Blick auf eine zukünftige Verfassung lautete, dass als höchstes Staatsorgan das Parlament zu gelten habe, „in dessen Hand die Gesetzgebungsgewalt sowie die Kontrolle über die gesamte Verwaltung“[1] liegen müsse. Diese Schlussfolgerung ist offensichtlich darauf zurückzuführen, dass „die in den volksdemokratischen Staaten des sowjetischen Einflußbereiches erforderliche Planung und Lenkung der Ökonomie nur praktikabel [war], wenn die Legislative auch für die administrative Umsetzung der von ihr verabschiedeten Wirtschaftspläne kompetent war. Eine Gewaltenteilung im Sinne eines Systems von ‚checks and balances‘, bei dem Parlament und Exekutive Gegengewichte bilden sollten, hätte einen Konflikt zwischen Planvorgaben und Planerfüllung institutionalisiert.“[2] Die auf eine sowjetische Initiative zurückgehenden Entwürfe Ulbrichts trugen einen gesamtdeutschen Charakter und standen in direkter Konkurrenz zu der parallel dazu stattfindenden Verfassungsdiskussion in den Westzonen. Damit verbunden war es aus deutschlandpolitischer Perspektive die Absicht der UdSSR, den föderalen staatstheoretischen Überlegungen der USA mit einem Konzept zur Schaffung eines zentralistisch ausgerichteten deutschen Einheitsstaates entgegenzutreten.

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