Frauenleitbild in der DDR

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Inhaltsverzeichnis

1. Vor­wort
2. Haupt­teil
__2.1 Das Frau­en­bild
__2.2 Das ost­deut­sche Frau­en­leit­bild
__2.3 Aus­wir­kun­gen
__2.4 Staat­li­che und nicht­staat­li­che Frau­en­be­we­gung
3. Fazit
4. Quel­len- und Lite­ra­tur­ver­zeich­nis


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1. Vor­wort

Als ich ihnen dann schließ­lich begeg­ne­te, Anfang 1990, erschreck­ten mich ihre ver­härm­ten Gesich­ter, die abge­ar­bei­te­ten Gestal­ten, sie sahen so aus­ge­powert aus und hat­ten ein Selbst­be­wusst­sein und einen Prag­ma­tis­mus, die mich fas­zi­nier­ten. Ihr Auf­tre­ten war so reso­lut, manch­mal fast unfreund­lich, und wenn ich auf Frau­en­be­weg­te traf, irri­tier­te mich ihre bur­schi­ko­se und kurz ange­bun­de­ne Art. Über­all­hin schlepp­ten sie ihre Kin­der mit, for­der­ten laut­stark die Erhal­tung der Kin­der­be­treu­ungs­ein­rich­tun­gen — und wir dach­ten gering­schät­zig: Was hat das mit Femi­nis­mus zu tun?“

[Ulri­ke Bau­reit­hel]

Als ich etwa acht Jah­re alt war, hör­te mei­ne Mut­ter vor­über­ge­hend auf zu arbei­ten. Bis dahin war sie  Fern­mel­de­me­cha­ni­ke­rin bei der Post gewe­sen, tech­nisch geschult, in einer Män­ner­do­mä­ne arbei­tend  und staat­lich unun­ter­bro­chen über­wacht. Fami­liä­re Ereig­nis­se, die hier nichts zur Sache tun, und die Erzie­hung von vier Kin­dern nahm sie der­art in Beschlag, dass sie, sehr zum Unver­ständ­nis unse­res  kom­plet­ten Umfel­des, zunächst ein­mal eine Wei­le nur Haus­frau und Mut­ter sein woll­te. Ein Skan­dal!  Ich war in mei­ner Klas­se das ein­zi­ge Kind, das nach dem Unter­richt direkt nach Hau­se gehen konn­te  und dort von der Mut­ter emp­fan­gen wur­de. So blie­ben mir zu mei­ner Freu­de Schul­spei­sung und Nach­mit­tags­hort erspart und ich wur­de von mei­nen Mit­schü­lern benei­det. Vie­le ihrer Eltern äußer­ten Unver­ständ­nis dafür, dass ich mich auf die­sem Wege der nach­mit­täg­li­chen Gemein­schaft ent­zie­hen konn­te; es wur­de sogar auf einem Eltern­abend ange­spro­chen.

Eine gute Mut­ter, eine enga­gier­te ost­deut­sche Frau, sei sehr wohl in der Lage, Kin­der­er­zie­hung, fami­liä­re Schwie­rig­kei­ten und den Beruf zu ver­ein­ba­ren. Ich erin­ne­re mich noch sehr gut, wie unse­re poli­tisch stark enga­gier­te Leh­re­rin dies mit süf­fi­san­tem Unter­ton zu einer Kol­le­gin sag­te und mich dabei ansah. Das sei ja wie im kapi­ta­lis­ti­schen Wes­ten, das wür­de all das, was die Frau­en und die Frau­en­be­we­gun­gen der DDR erreicht hat­ten, zunich­te machen, wo kämen wir denn da hin!  Damals ver­stand ich das über­haupt nicht: was war denn so schlimm dar­an, dass mei­ne Mut­ter zuhau­se war? Immer­hin hat­te sie mit uns vie­ren alle Hän­de voll zu tun, vor allem, wenn mein Vater wie­der ein­mal im Aus­land zei­gen muss­te, wie fort­schritt­lich die Land­wirt­schaft der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik doch war. Und was hat­te denn die Frau­en­be­we­gung mit unse­rer Fami­lie zu tun? Kam die vor­bei und wusch die schmut­zi­ge Wäsche oder koch­te für uns hung­ri­ge Kin­der?

2. Haupt­teil

2.1 Das Frau­en­bild

Nach dem Fall der Mau­er 1989 und der Wie­der­ver­ei­ni­gung 1990 gab es immer wie­der Debat­ten über die Unter­schie­de im Frau­en­bild der DDR und der BRD. Das Ver­hält­nis zwi­schen Femi­nis­tin­nen in Ost und West ist auch heu­te, 17 Jah­re spä­ter, noch gespannt.

Unter­schied­li­che Erfah­run­gen und Sozia­li­sa­ti­on von Frau­en in DDR und BRD füh­ren heu­te zu einer Situa­ti­on in Femi­nis­mus, Frau­en­for­schung und -bewe­gung, die zwi­schen Ost und West von mehr Dif­fe­ren­zen als Gemein­sam­kei­ten geprägt ist und nicht ein­fach durch einen ‘schwes­ter­li­chen´ Dis­kurs zu behe­ben ist, auch wenn allem Anschein nach die der­zei­ti­ge gesell­schaft­li­che Situa­ti­on  gemein­schaft­li­ches Han­deln erfor­dert.”

[Ulri­ke Bau­reit­hel]

Die Leit­bil­der, die in BRD und DDR pro­pa­giert wur­den, waren grund­sätz­lich ver­schie­den. Bei­de Leit­bil­der waren poli­tisch-ideo­lo­gisch geprägt und wirk­ten sich unmit­tel­bar auf die Lebens­rea­li­tät der Frau­en und die Frau­en­po­li­tik in bei­den Län­dern aus. In der BRD war das herr­schen­de Leit­bild der Frau das der Haus­frau und Mut­ter. Resul­tat war eine Viel­zahl kul­tu­rel­ler und poli­ti­scher Aus­schluss­struk­tu­ren, wie bei­spiels­wei­se Behin­de­run­gen von Kar­rie­re und Berufs­le­ben und die weit­ge­hen­de Unver­ein­bar­keit von Kind und Kar­rie­re. Eine lan­des­weit decken­de Ver­sor­gung mit Betreu­ungs­ein­rich­tun­gen fehl­te und fehlt bis heu­te. In der DDR herrsch­te hin­ge­gen das Leit­bild der qua­li­fi­zier­ten berufs­tä­ti­gen und gesell­schaft­lich akti­ven Mut­ter. Die Betreu­ung der Kin­der war vom Säug­lings­al­ter an staat­lich und auch finan­zi­ell gewähr­leis­tet, so dass der Ent­spre­chung des Leit­bil­des weit­ge­hend nichts im Wege stand.

Sozi­al­po­li­ti­sche Maß­nah­men in Bezug auf Frau­en und Kin­der folg­ten den jewei­li­gen Leit­bil­dern, und so sind die ent­stan­de­nen Frau­en­be­we­gun­gen in DDR und BRD als kri­ti­sche Ant­wort auf die resul­tie­ren­den gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se zu ver­ste­hen. Nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung kol­li­dier­ten bei­de bestehen­de Leit­bil­der. Zwar wird — ins­be­son­de­re von Poli­ti­ke­rin­nen — ver­stärkt gefor­dert, die Kin­der­be­treu­ung auch staat­lich zu gewähr­leis­ten und kar­rie­re­be­wuss­te Müt­ter mora­lisch und recht­lich zu unter­stüt­zen, doch scheint sich unter­schwel­lig das west­li­che Leit­bild durch­ge­setzt zu haben. Auf poli­ti­schem Wege wer­den die­sem zumin­dest weit weni­ger Stei­ne in den Weg gelegt als dem Leit­bild der arbei­ten­den Mut­ter, wel­ches den tat­säch­lich herr­schen­den gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­sen weit mehr ent­spre­chen wür­de. In Zei­ten von Hartz IV und ins­be­son­de­re im Osten wach­sen­den finan­zi­el­len Nöten wer­den den­noch Mit­tel gekürzt, Betreu­ungs­schlüs­sel erhöht und immer mehr Tages­stät­ten und Kin­der­gär­ten geschlos­sen, sodass vie­le Frau­en gezwun­gen sind, die Betreu­ung der Kin­der selbst zu über­neh­men – es sei denn, sie sind finan­zi­ell so gut gepols­tert, dass sie sich eine pri­va­te Betreu­ung leis­ten kön­nen.

2.2 Das ost­deut­sche Frau­en­leit­bild

Das Frau­en­be­wusst­sein ist eine eigen­stän­di­ge Ebe­ne der Aneig­nung, Kon­trol­le und Gestal­tung von Gesell­schaft”

[Ulri­ke Bau­reit­hel]

Die Wur­zeln des ost­deut­schen Leit­bil­des fin­den sich in der (pro­le­ta­ri­schen) Arbei­ter­be­we­gung. Aus­gangs­punkt war die Vor­stel­lung, dass sich aus dem Kapi­ta­lis­mus gebo­re­ne Wider­sprü­che der Gesell­schaft auf dem Weg zum Kom­mu­nis­mus lösen wer­den und dass die Lösung der Klas­sen­fra­ge auch die auf­tre­ten­den “Neben­wi­der­sprü­che” wie die Eman­zi­pa­ti­on der Frau beinhal­ten wür­de. Gleich­zei­tig wur­de n die recht­li­che Gleich­stel­lung und die För­de­rung der Berufs­in­te­gra­ti­on der Frau­en bereits als fak­ti­sche Gleich­stel­lung betrach­tet.

Von Beginn an hat­te die DDR die Gleich­be­rech­ti­gung der Geschlech­ter in der Ver­fas­sung ver­an­kert:

Mann und Frau sind gleich­be­rech­tigt und haben die glei­che Rechts­stel­lung in allen Berei­chen des gesell­schaft­li­chen, staat­li­chen und per­sön­li­chen Lebens. Die För­de­rung der Frau, beson­ders in der beruf­li­chen Qua­li­fi­zie­rung ist eine gesell­schaft­li­che und staat­li­che Auf­ga­be.”

[Ver­fas­sung der DDR, Arti­kel 20, Absatz 2]

Sozia­lis­ti­sche Gleich­be­rech­ti­gungs­po­li­tik in Form staat­li­cher Maß­nah­men erfass­te aller­dings nicht bei­de Geschlech­ter, son­dern kon­zen­trier­te sich auf die Frau. Dem­zu­fol­ge ziel­te die Frau­en­po­li­tik zunächst im Kern auf die Inte­gra­ti­on der Frau­en in die Erwerbs­ar­beit als Vor­aus­set­zung für die gesell­schaft­li­che Gleich­be­rech­ti­gung. In einer nächs­ten Pha­se dien­ten bis Ende der 60er Jah­re zahl­rei­che sozi­al- und bil­dungs­po­li­ti­sche Maß­nah­men der (nach­ho­len­den) Qua­li­fi­zie­rung von Frau­en: So gab es bei­spiels­wei­se Frau­en­aus­schüs­se in den Betrie­ben, Frau­en­för­der­plä­ne für Qua­li­fi­ka­ti­on und Auf­stieg im Betrieb, Qua­li­fi­zie­rungs­maß­nah­men für Frau­en, vor allem in tech­ni­schen Beru­fen, es gab Frau­en­son­der­klas­sen an Fach­schu­len und die Mög­lich­keit zum Son­der­stu­di­um an Hoch­schu­len für die Frau­en, die bereits Berufs­er­fah­run­gen hat­ten. Eben­so bestand die Mög­lich­keit von Teil­stu­di­en zur Erlan­gung eines Hoch- oder Fach­schul­ab­schlus­ses für Frau­en, denen ein vol­les Abend- oder Fern­stu­di­um zeit­lich nicht mög­lich war.

So hat­ten (1988) 81% der berufs­tä­ti­gen Frau­en eine abge­schlos­se­ne Berufs­aus­bil­dung und davon etwa 20% einen Fach- oder Hoch­schul­ab­schluss. In Lei­tungs­funk­tio­nen waren jedoch ähn­lich wie im Wes­ten nur 2,5% die­ser Frau­en ver­tre­ten, was auch heu­te noch Fra­gen bezüg­lich der tat­säch­li­chen Gleich­stel­lung von Mann und Frau auf­wirft. Seit Ende der 60er Jah­re erfolg­te eine bevöl­ke­rungs­po­li­tisch moti­vier­te Ver­än­de­rung der Frau­en­po­li­tik als Reak­ti­on auf die auf­fal­lend sin­ken­de Gebur­ten­ra­te.

Auf dem VIII. Par­tei­tag der SED 1971 wur­den zahl­rei­che sozi­al­po­li­ti­sche Maß­nah­men beschlos­sen, die auf die Ver­ein­bar­keit von Mut­ter­schaft und Beruf ziel­ten: So beschloss man das bezahl­te Baby­jahr, die Ver­kür­zung der Arbeits­zeit von Müt­tern, einen bezahl­ten Haus­halts­tag, erhöh­ten Grund­ur­laub für Müt­ter, Frei­stel­lung zur Pfle­ge kran­ker Kin­der, einen Ver­sor­gungs­grad mit Kin­der­be­treu­ungs­ein­rich­tun­gen von 90% sowie die gesetz­lich gere­gel­te Gebur­ten­bei­hil­fe (1000,-Mark pro Kind), einen Ehe­kre­dit, der bei der Geburt von 3 Kin­dern inner­halb von 8 Jah­ren nicht zurück­ge­zahlt wer­den muss­te, bevor­zug­te Woh­nungs­ver­ga­be für jun­ge Ehe­paa­re und – damals bahn­bre­chend — die Mög­lich­keit zur kos­ten­frei­en Schwan­ger­schafts­un­ter­bre­chung bis zur 12. Woche.

2.3 Aus­wir­kun­gen

Arbeit und Fami­lie waren der Rah­men der weib­li­chen Iden­ti­tät in der DDR. Gleich­be­rech­ti­gung im Beruf und Tra­di­tio­na­lis­mus in den Geschlech­ter­be­zie­hun­gen war oft an der Tages­ord­nung. Arbeit, Kol­lek­tiv und Sozi­al­po­li­tik präg­ten die Iden­ti­tä­ten der Frau­en — nicht jedoch die der Män­ner. Die Ver­ein­bar­keit von Arbeit und Fami­lie war vor­ran­gig Auf­ga­be der Frau­en und auch die sozi­al­po­li­ti­schen Maß­nah­men gin­gen von einem tra­di­tio­nel­len Män­ner-Frau­en-Ver­hält­nis aus. Nie­mals war es das Ziel, Män­ner in Frau­en­be­ru­fe zu inte­grie­ren oder sie den Fami­li­en­pflich­ten näher zu brin­gen. So scho­ben Frau­en zu Hau­se nach der Arbeit die “2. Schicht”, die ihnen “für Selbst­be­sin­nung und weib­li­chen Selbst­be­zug […] weder Raum noch Zeit” ließ. Nichts­des­to­trotz bewäl­tig­te der Groß­teil der Frau­en die­sen Balan­ce­akt. Es war eben gang und gäbe. Die „patri­ar­cha­le Gleich­be­rech­ti­gung“, wie die­ser Zustand heu­te von Sozi­al­wis­sen­schaft­lern beti­telt wird, bot also die Mög­lich­keit der Her­aus­bil­dung von weib­li­cher Auto­no­mie, war aber für Frau­en gemacht und nicht von Frau­en ent­wi­ckelt und erkämpft. Arbeit sicher­te den Frau­en unab­hän­gig von Män­nern die Exis­tenz. Sie bedeu­te­te Gemein­schaft in Kol­lek­ti­ven, sozia­le Inte­gra­ti­on und sozia­le Aner­ken­nung durch Arbeits­leis­tung. Sie war selbst­ver­ständ­li­cher Bestand­teil der Selbst­de­fi­ni­ti­on und des Selbst­be­wusst­seins der Frau­en.

2.4 Staat­li­che und nicht­staat­li­che Frau­en­be­we­gung

Seit Beginn der 80er Jah­re fan­den sich in der DDR unter dem Dach der evan­ge­li­schen Kir­che infor­mel­le Grup­pen zusam­men, unter ihnen auch Frau­en­grup­pen, die sich mit Fra­gen der Öko­lo­gie, Frie­den oder Anti­mi­li­ta­ris­mus beschäf­tig­ten. Die wenigs­ten von ihnen waren tat­säch­lich reli­gi­ös, sie nutz­ten ledig­lich die Insti­tu­ti­on Kir­che als ein­zi­gen öffent­li­chen, zugleich aber nicht­staat­li­chen Raum, in dem es mög­lich war, nicht sank­tio­nier­te Dis­kus­sio­nen zu füh­ren. Dass vie­le ihrer Dis­kus­sio­nen dabei auf die nicht vor­han­de­ne Gleich­be­rech­ti­gung inner­halb kle­ri­ka­ler Struk­tu­ren ziel­ten, war dabei irrele­vant. Selbst­ver­ständ­lich gab es auch außer­halb des kirch­li­chen Raums kri­ti­sche Dis­kus­sio­nen. Die poli­ti­sche Bri­sanz und die Kon­se­quen­zen waren jedoch ver­schie­den.

Es gab haupt­säch­lich drei Berei­che, in denen Frau­en ihre Pro­ble­me und Inter­es­sen for­mu­lier­ten. Zum einen war dies der Bereich der femi­nis­ti­schen Theo­lo­gie und der dar­aus 1985 ent­stan­de­ne lan­des­weit agie­ren­de Arbeits­kreis “Femi­nis­ti­sche Theo­lo­gie und Frau­en­be­frei­ung”. Hier wur­den vor allem die Geschlech­ter­ver­hält­nis­se inner­halb kirch­li­cher Struk­tu­ren dis­ku­tiert. Der zwei­te Bereich war die Grup­pe „Frau­en für den Frie­den“, die 1982 aus Pro­test gegen das neue Wehr­dienst­ge­setz der DDR, das u.a. beinhal­te­te, im Ver­tei­di­gungs­fall auch Frau­en in die all­ge­mei­ne Wehr­pflicht mit ein­zu­be­zie­hen, ent­stand. Es gab Dis­kus­sio­nen und zum Teil auch erheb­li­chen Wider­stand bei­spiels­wei­se gegen Mili­tär­spiel­zeug, über die Sozia­li­sa­ti­on in der Fami­lie, die Geschlech­ter­rol­len in Schul­bü­chern, über Gewalt gegen Frau­en,  über die Frie­dens­po­li­tik und Frie­dens­er­zie­hung oder auch über die Hoch­rüs­tungs­po­li­tik des Lan­des. Neu war dar­an, dass hier aktiv in öffent­li­chem Raum gehan­delt wur­de, was durch­aus poli­ti­sche Repres­sa­li­en und Ver­haf­tun­gen zur Fol­ge hat­te. Eine drit­te Inter­es­sen­ver­tre­tung von Frau­en bil­de­te die Grup­pe „Les­ben in der homo­se­xu­el­len Selbst­hil­fe“. Seit 1982 began­nen sich Les­ben und Schwu­le unter dem Dach der evan­ge­li­schen Kir­che zu orga­ni­sie­ren. Ziel war es, die Aner­ken­nung von les­bi­schen und schwu­len Lebens­for­men zu errei­chen und vor allem öffent­li­che Begeg­nungs­or­te zu schaf­fen.

Zu Beginn war unser Kreis noch gemischt, also Les­ben und Schwu­le gemein­sam. Doch nach dem drit­ten Abend zu einem Les­ben­the­ma, bei dem die Schwu­len in der Dis­kus­si­on über uns Les­ben voll das Wort an sich ris­sen, bestan­den wir auf Tren­nung.”

[Ulri­ke Bau­reit­hel]

Neben die­sen drei nicht­staat­li­chen Infor­ma­ti­ons­grup­pen gab es noch den staat­li­chen Demo­kra­ti­schen Frau­en­bund Deutsch­lands (DFD). Die­ser exis­tier­te seit 1947. Der DFD ver­stand sich als Erbe der Frau­en­be­we­gung, die noch vor Grün­dung der DDR als bür­ger­lich-demo­kra­ti­scher Stör­fak­tor aus­ge­schal­tet wer­den soll­te. Die zunächst anti­fa­schis­ti­sche, demo­kra­ti­sche, par­tei­po­li­tisch und reli­gi­ös unab­hän­gi­ge Orga­ni­sa­ti­on ent­wi­ckel­te sich schnell zu einer Mas­sen­or­ga­ni­sa­ti­on im Gefol­ge der SED. In Ver­an­stal­tungs­rei­hen und Vor­trä­gen beschäf­tig­te sich der DFD ver­stärkt mit Gesund­heits- und Schwan­ger­schafts­be­ra­tung. Ab Mit­te der 1960er Jah­re küm­mer­te er sich ver­stärkt um Frau­en, die nicht orga­ni­siert, nicht berufs­tä­tig oder nur halb­tags beschäf­tigt waren, um sie fürs Berufs­le­ben zu gewin­nen.

3. Fazit

Die zeit­li­che Par­al­le­li­tät von Beruf und Fami­lie und die dadurch gewähr­leis­te­te rela­ti­ve öko­no­mi­sche Unab­hän­gig­keit vom Part­ner ent­wi­ckel­ten sich zu Bestand­tei­len der Iden­ti­tät der DDR-Frau­en; sie stell­ten gleich­zei­tig Dop­pel­be­las­tung und Dop­pel­chan­ce dar. Die Geschlech­tertra­di­ti­on der Frau als Erzie­he­rin der Kin­der, der Frau als HAUS­frau, war jedoch weit­ge­hend mit dem in der BRD vor­han­de­nen Geschlech­ter­bild iden­tisch. Eine ost­deut­sche Sozi­al­wis­sen­schaft­le­rin benennt den Kon­flikt, der heu­te noch zwi­schen Frau­en aus Ost und West besteht, fol­gen­der­ma­ßen: West-Eman­zen gegen Ost-Mut­tis, Befrei­ungs­kämp­fe­rin­nen einer­seits, Fuß­fes­sel der femi­nis­ti­schen Bewe­gung ande­rer­seits. Den Femi­nis­tin­nen aus dem Wes­ten wird Kolo­ni­al­her­ren­ge­ba­ren vor­ge­wor­fen. Den Ost­frau­en wie­der­um Ver­klä­rung der real­so­zia­lis­ti­schen Frau­en­eman­zi­pa­ti­on. Ein Zusam­men­kom­men scheint auch 17 Jah­re nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung äußerst schwie­rig.

Wie immer das Geschlech­ter­ver­hält­nis in der ehe­ma­li­gen DDR beschaf­fen war, wie funk­tio­na­lis­tisch aus­ge­rich­tet und männ­lich nor­miert das poli­ti­sche Gleich­heits­pos­tu­lat auch gewe­sen sein mag: Die Erfah­rung, dass Frau auf dem Arbeits­markt nichts mehr wert ist und als älte­re Frau nicht mehr gebraucht wird; die Erfah­rung, dass Kin­der­er­zie­hung nicht mehr in der gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Ver­ant­wor­tung steht; die Erfah­rung als Sexu­al­ob­jekt an Lit­faß­säu­len und Kino­lein­wän­den aus­ge­stellt zu wer­den; kurz: die Erfah­rung die­ser Dif­fe­renz machen die ost­deut­schen Frau­en erst in den ver­gan­ge­nen Jah­ren. Mög­li­cher­wei­se liegt hier — über Ent­täu­schun­gen und Ver­let­zun­gen hin­aus — ein struk­tu­rel­les Moment für die Aver­si­on zwi­schen Ost und West…”

[Ulri­ke Bau­reit­hel]

4. Quel­len- und Lite­ra­tur­ver­zeich­nis

Lite­ra­tur:

Döl­ling, Ire­ne: Auf­bruch nach der Wen­de. Frau­en­for­schung in der
DDR und in den neu­en Bun­des­län­dern, In: H. M. Nickel (Hrsg.), Frau­en in Deutsch­land 1945–1992, Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung, S. 397–407, Bonn 1993.

Ham­pe­le, Anne: Arbei­te mit, pla­ne mit, regie­re mit. Zur poli­ti­schen Par­ti­zi­pa­ti­on von Frau­en in der DDR, In: H. M. Nickel (Hrsg.), Frau­en in Deutsch­land 1945–1992, Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung, S. 301–311, Bonn 1993.

Hor­nig, Daph­ne; Stei­ner, Chris­ti­ne: Auf der Suche nach der Bewe­gung. Zur Frau­en­be­we­gung in der DDR vor und nach der Wen­de, In: Mit­tei­lun­gen aus der kul­tur­wis­sen­schaft­li­chen For­schung. Heft 36 (Band Dif­fe­ren­te Sexua­li­tä­ten), 1995.

Sze­pan­sky, Ger­da 1995: Die stil­le Eman­zi­pa­ti­on. Frau­en in der DDR, Frank­furt am Main 1995.