Friedrich II. und die DDR


Alexander Bringmann

by Alexander Bringmann | Datum: 05.01.2008
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Inhaltsverzeichnis

1. Hauptteil
__1.1 Preußens Untergang
__1.2 Preußens Rückkehr
__1.3 Preußens Gloria
2. Fazit
3. Quellen- und Literaturverzeichnis


„Nur in der DDR wurde die Bürokratie samt ihrer preußischen Verwaltungstradition vernichtet.“[1]

Die DDR ist eine „preußische Form der Diktatur“[2]

1. Hauptteil

1.1 Preußens Untergang

Unter den Linden, direkt vor der HU, reitet Friedrich II. oder, wie ihn einige nennen, Friedrich der Große. Mehrere Jahrzehnte war sein Reiterstandbild von diesem Ort verbannt worden und gar seine Existenz gefährdet. Friedrich II. wurde gefeiert und geschmäht. Widersprüchlich wurde er betrachtet und widersprüchlich war seine Person. Ich will zeigen, wie es zu seiner zeitweiligen Verbannung in der DDR und seiner gefeierten Rückkehr kam. Welche Gründe gab es, gegen ihn vorzugehen und welche, ihn zurückzuholen? Diesen Fragen will ich hier nachgehen. Das Preußenbild in der DDR spielt dafür eine ebenso wichtige Rolle wie die Person und Persönlichkeit Friedrichs II. Doch gehen wir zum Beginn der DDR.

Der Zweite Weltkrieg ist vorbei und die Fragen „Wie konnte es passieren?“ und „Wer ist Schuld?“ stellten sich. Eine alleinige Schuldzuweisung dem Nationalsozialismus zu geben, griff zu kurz, denn ohne Wurzeln in der Vergangenheit war er nicht zu erklären. Ein großer Teil der Schuld wurde „Zonenübergreifend“ beim preußischen Militarismus gesehen. Der Alliierte Kontrollrat beschloss daher am 25. Februar 1947: „Der Staat Preußen, seine Zentralregierung und alle nachgeordneten Behörden werden hiermit aufgelöst“, weil „Der Staat Preußen … seit jeher Träger des Militarismus und der Reaktion in Deutschland gewesen ist“.

Für die Linke stammte die antipreußische Haltung bereits aus dem 19. Jahrhundert und bot jetzt einen bequemen Erklärungsansatz. Das preußische Junkertum wurde als einer der Wegbereiter für die Nationalsozialisten betrachtet. Für das Ziel einer umfassenden Bodenreform wurde dadurch eine moralische und historische Begründung geliefert. Kurz gesagt: Es passte gut ins Konzept!

In der Bewertung des Preußischen gab es in der Sowjetzone bei KPD und SPD auch vor der Vereinigung zur SED keinerlei Differenzen. Es wurden Schriften veröffentlicht wie „Preußen gegen Deutschland“, „Der Irrweg einer Nation“, „Die Legende vom preußischen Sozialismus“. Dabei wurde gern auf das Reaktionäre in Preußen verwiesen: Von den Angriffskriegen Friedrich II., über die Niederschlagung der 1848er-Revolution, bis zu den Sozialistengesetzen Bismarcks, auch wenn diese bereits in die Zeit nach der Reichseinigung (1871) fallen. Und hatte nicht Lessing einst über Friedrichs Preußen geschrieben, es sei das „sklavischste aller Länder“? Es gab also genug, womit man gegen Preußen argumentieren konnte. Die preußische Traditionslinie sollte mit der DDR ein für alle mal ein Ende finden.

Das Reiterstandbild von Friedrich II. wurde der Hauptstadt verwiesen und lagerte nun unter Matten irgendwo in Sanssouci. Doch damit nicht genug: Er sollte endgültig beseitigt werden. Paul Verner, SED-Chef von Ost-Berlin, verfügte 1960 die Beseitigung des Kunstwerks. Nur einer von Kulturminister Hans Bentzien geleiteten Aktion gelang in letzter Minute die Rettung Friedrichs.

1.2 Preußens Rückkehr

Von Anfang an mischten sich auch andere Betrachtungen von Preußen in die Debatte ein. Die Reihe „Lehrhefte für den Geschichtsunterricht an den Oberschulen“ direkt nach dem Krieg wurde mit der Ausgabe „Die preußischen Reformen“ begonnen. Stückchenweise wurden bestimmte Aspekte der preußischen Geschichte weniger kritisch gesehen. 1952 wurde das neu gegründete Museum für deutsche Geschichte in Berlin eröffnet. Es begann eine erste Überblicksausstellung zu den preußischen Angriffskriegen im 18. Jahrhundert, daneben wurden aber auch die Berliner Aufklärung, die Preußischen Reformen und der Deutsche Zollverein gewürdigt. Beispiele gibt es besonders auch aus der NVA.

Die deutsch-russische Waffenbrüderschaft während der Napoleonischen Kriege wurde gern herangezogen. Der höchste Orden der NVA wurde 1966 nach dem preußischen General Scharnhorst benannt. Außerdem gab es eine Adolf von Lützow Jagdfliegerstaffel. Die preußischen Traditionen waren natürlich gerade bei der Armee durchaus beliebt. Eigene positive Traditionslinien waren angesichts zweier Weltkriege nicht leicht zu finden. Gefunden wurden sie einerseits bei der Roten Ruhrarmee und den Roten Matrosen während der Revolution 1918, andererseits bei den Internationalen Brigaden im spanischen Bürgerkrieg.

Diese Traditionen reichten aber geschichtlich nicht sehr weit zurück und so musste noch anderes her. Auch wurde zum Aufbau der NVA natürlich auf Offiziere der Wehrmacht gesetzt, wenn auch deutlich weniger als in der BRD. Diese fühlten sich mit den preußischen Traditionen durchaus verbunden. So fand Preußen Eingang in die militärische Tradition der NVA. Preußische Tugenden wie der strikte Gehorsam waren sowieso längst Bestandteil der NVA und, solange sie nicht unter der Fahne Preußens auftauchten, gern gesehen.

Auch in der Geschichtswissenschaft der DDR blieb die Ablehnung des Preußischen nicht unwidersprochen. Am Anfang ging es vor allem um Detailfragen. Musste der nationale Widerstand gegen Napoleon nicht positiv gesehen werden? War nicht diese oder jene preußische Reform im Rahmen ihrer Zeit positiv? 1970 erschien dann die erste geschlossene Darstellung der preußischen Geschichte durch zwei junge Geschichtsdozenten der Humboldt Universität mit dem Titel „Preußen. Von den Anfängen bis zur Reichsgründung“. Diese Darstellung war, von ein paar ideologischen Einschränkungen abgesehen, recht ausgewogen und war so erfolgreich, dass es bis 1984 zu 7 Auflagen kam. In fast jeder DDR-Bibliothek war dieses Buch zu finden. Zusammen mit anderen Schriften wurde langsam ein Wandel in der Betrachtung von Preußen deutlich.

Wurde Friedrich II. nicht von Voltaire als „Fürstenphilosoph“ oder als „Salomo des Nordens“ bezeichnet? Aus den Schriften von Marx und Engels wurden bisher gern die preußisch-kritischen Passagen zitiert. Doch auch diese großen Autoritäten im Osten haben von Friedrich dem Großen gesprochen und es lässt sich durchaus Lob für ihn und Preußen bei ihnen finden. Die alten Kritiker alles Preußischen waren nicht verstummt, doch sie verloren deutlich an Boden. Ihre sehr einseitige Betrachtungsweise unterlag allmählich der sehr viel differenzierteren Neubetrachtung.

Friedrich, immer noch in seinem Exil in Sanssouci, konnte Hoffnung schöpfen. In einer Artikelserie für die Zeitung „Horizont“ wurde er 1978 das erste Mal wieder bei seinem alten Titel Friedrich der Große genannt. Ausgerechnet der sowjetische Botschafter war es, der das Tabu brach. Auch in der Sowjetunion wurde man sich der vorrevolutionären Vergangenheit wieder stärker bewusst. Dort ging es um einen anderen „Großen“, um Zar Peter I..

1.3 Preußens Gloria

Der eigentliche Befreiungsschlag erfolgte 1979. In diesem Jahr erschien die Biographie von Ingrid Mittenzwei über Friedrich II. Sie erlangte internationale Aufmerksamkeit und hat auch heute ihren Reiz noch nicht verloren. Sie schaffte es, Friedrich in seiner Widersprüchlichkeit darzustellen. Friedrichs Ablehnung der Leibeigenschaft kommt zur Sprache, genauso wie das Scheitern seines nur zögerlichen Versuchs, diese abzuschaffen.

Seine Schrift „Antimachiavelli“, die – allerdings nur kurzfristige – Abschaffung der Zensur und die begrenzte Abschaffung der Folter belegen sein fortschrittliches Gedankengut. Aber auch seine Schattenseiten werden gezeigt. Friedrich II. verdankt seinen Beinamen „der Große“ seinem erfolgreichen Angriffskrieg gegen Österreich zur Eroberung Schlesiens. Außerdem war er Initiator für die erste Teilung Polens und damit der Besetzung eines großen Teil Polens durch Preußen, Russland und Österreich.

In späteren Auflagen der Biographie diskutiert Mittenzwei auch die Frage, ob Friedrich „der Große“ genannt werden kann. Sie beantwortet diese zwar nicht explizit, bleibt aber im ganzen Buch bei Friedrich II. – auch eine Antwort. In einem Grundsatzartikel von Mittenzwei und anderen DDR-Historikern wird die differenzierte Betrachtung von Preußen angemahnt: „damit über der notwendigen Bekämpfung und entschiedenen Zurückweisung des Reaktionären an Preußen nicht die positiv-progressiven Momente missachtet oder gar negiert werden.“[3] Widerstand gegen die Biographie kam vor allem aus Polen. Beim offiziellen DDR-Verzicht auf den Beinamen „der Große“ kann, neben den bereits besprochenen Gründen, auch noch ein anderer zumindest am Rande eine Rolle gespielt haben: Die Rücksicht auf den befreundeten polnischen Nachbarstaat.

Friedrich II. war der Initiator der ersten polnischen Teilung gewesen. Damit war sein Ruf in Polen verständlicherweise nicht besonders gut, vorsichtig ausgedrückt. Obwohl in der ersten Auflage die Frage der Größe Friedrichs noch nicht aufgeworfen wurde, stieß die Biographie in Polen auf heftige Kritik. Doch der preußische Siegeszug war nicht mehr aufzuhalten. 1980 sprach Erich Honecker in einem Interview von Friedrich dem Großen. Nun war es also offiziell, er hatte seinen alten Titel wieder. Die durchorganisierte DDR konnte ja auch durchaus mit genug preußischen „Tugenden“ aufwarten. Das „Rote Preußen“ nannten die Niederländer gern die DDR – und wie bei den meisten Scherzen steckt auch hier viel Wahrheit drin. In diesem Sinne könnte man davon sprechen, dass die Rehabilitierung schon lange überfällig war.

Es war also an der Zeit, Friedrich II. konnte zu seinem alten Platz vor der Humboldt-Universität zurückkehren. Das Exil in Sanssouci war vorbei. Erich Honecker begründete den Schritt folgendermaßen: „In jedem der deutschen Lande gab es in der Vergangenheit Fortschrittliches und Reaktionäres, und die Standbilder wurden meist von berühmten Bildhauern geschaffen. Das ist ein Stück Kultur des Volkes.“ Ein wahrer Satz. Auch wenn Erich Honecker ihn jetzt Friedrich den Großen nannte, so blieben die Historiker der DDR doch fast alle bei Friedrich II. – kannten sie Friedrich II. doch besser.

Die DDR griff die alte Preußen-Traditionslinie wieder auf und versuchte sie für sich zu nutzen. Natürlich achtete man weiter darauf, nur das für sich selbst als Tradition zu nutzen, was als progressiv an Preußen gesehen werden konnte. Auch in der Bevölkerung gab es eine große Begeisterung für Friedrich II., aber nicht immer so wie von den Machthabern erwünscht. Der Volksmund kommentierte Friedrichs Rückkehr so: „Lieber Friedrich, steig hernieder und regiere Preußen wieder! Lass in diesen schweren Zeiten lieber unsern Erich reiten!“ Sicher nicht die erwünschte Reaktion. Es setzte ein richtiger Preußenboom ein.

Nicht umsonst wird von einer Preußenrenaissance in der DDR gesprochen. Friedrich war nicht der einzige, der zurückkehrte. Auch das Denkmal des Freiherrn von Stein wurde 1981 neben der Schlossbrücke wiederaufgestellt. Es gab eine aufwändig vorbereitete Ausstellung über den „Philosophen von Sanssouci“ zu Friedrichs 200. Todestag. Die Ausstellung wurde ein gewaltiger Publikumserfolg. Nur wenig später wartete das DDR-Fernsehen mit dem aufwändig produzierten Fernsehdrama „Sachsens Glanz und Preußens Gloria“ auf. Die Sendung wurde ein voller Erfolg. Preußen erfreute sich wieder einer großen Beliebtheit.

2. Fazit

Wie sich gezeigt hat, war die Betrachtung Preußens in der DDR von vielen verschiedenen Facetten geprägt. Aus der einseitig kritischen Betrachtung der Anfangsjahre hatte sich eine erstaunlich differenzierte Sichtweise entwickelt. Gerade die Mischung aus jahrzehntelanger Kritik und aufkommender Preußenbegeisterung schuf nun eine sehr interessante Sichtweise auf Preußen – kritisch, aber nicht ohne Sympathie. Heute ist die Betrachtung Friedrichs wieder mehrheitlich positiv, aber man sollte dabei nicht die negativen Punkte vergessen und nicht den Fehler der frühen DDR, unter umgekehrten Vorzeichen, wiederholen. Die Teilung Polens, seine Angriffskriege, seine fortschrittlichen Reformen und die Neubegründung der Akademie der Künste stehen nebeneinander. Bei Reden von Politikern ist Friedrich II. wieder populär geworden. So erinnert u.a. Wolfgang Schäuble in seinen Reden gerne daran, dass Friedrich der Große „der erste Diener seines Staates sein wollte“, wenn er mehr Patriotismus einfordert. Oft wird Friedrich in Reden wegen seiner relativ fortschrittlichen Politik als Beispiel eines klugen Staatsmannes herangezogen. Die Frage, ob Friedrich „der Große“ war, ist also sehr aktuell. Preußen ist wieder modern!

3. Quellen- und Literaturverzeichnis

Quellen:

Fünf niederländische Blickwinkel auf die DDR, In: Haus der Niederlande, http://www.uni-muenster.de/HausDerNiederlande/Zentrum/Projekte/NiederlandeNet/Dossiers/80/nl_ddr_blickwinkel.html, Datum: 26.11.2007.
Grabowski, Bernd; Ingrid Mittenzwei: Friedrich II. von Preußen, In: Berliner LeseZeichen; Ausgabe 06 + 07, Edition Luisenstadt, Berlin 2001, http://www.luise-berlin.de/Lesezei/Blz01_06/text10.htm, Datum: 26.11.2007.
Wernicke, Kurt: Der arge Weg der Erkenntnis. Zum Umgang mit dem Preußen-Bild in der DDR, In: Berliner LeseZeichen, Ausgabe 12, Berlin 2000, http://www.luise-berlin.de/Lesezei/Blz00_12/text05.htm, Datum: 26.11.2007.

Literatur:

Mittenzwei, Ingrid; Friedrich II. und seine Zeit, Miniaturen zur Geschichte, Kultur und Denkmalpflege Berlins, Nr.4; Berlin 1980.
Mittenzwei, Ingrid; Friedrich II. von Preußen; Berlin 1984.
Waterkamp, Rainer; Der Wandel des Preußenbildes in den DDR-Medien; Bonn 1997.

[1] Geschichtslehrbuch für die 10. Klasse der erweiterten Oberschule (Mittelalter. Beginn der Neuzeit, Berlin 1960), zitiert nach: http://www.luise-berlin.de/Lesezei/Blz01_06/text10.htm, Datum: 26.11.2007.
[2] Der niederländische Journalist Koos Koster 1976, zitiert nach: http://www.uni-muenster.de/HausDerNiederlande/Zentrum/Projekte/NiederlandeNet/Dossiers/80/nl_ddr_blickwinkel.html, Datum: 26.11.2007.
[3] Mittenzwei, Ingrid u.a.: Preußen und die deutsche Geschichte, In: Monatsschrift Einheit, Berlin 1979.
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