Beat und Rock im Osten

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Inhaltsverzeichnis

1. Vor­wort
2. Haupt­teil
__2.1 Jazz, Rock´n Roll, Beat­mu­sik
———–und die begin­nen­den 60er Jah­re
__2.2 Wen­de und Neu­be­sin­nung
__2.3 Die 70er Jah­re
__2.4 Die 80er Jah­re
3. Fazit
4. Lite­ra­tur­ver­zeich­nis


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1. Vor­wort

Irgend­wann will jeder­mann raus aus sei­ner Haut -
Irgend­wann denkt er dran, wenn auch nicht laut”[1]

Befragt man heu­te die Leu­te unter 30 und/oder ohne Ost­bio­gra­phie über den Rock in der DDR, fal­len ihnen maxi­mal Ute Freu­den­bergs „Jugend­lie­be”, Nina Hagens „Du hast den Farb­film ver­ges­sen” sowie Citys „Am Fens­ter” ein oder man erin­nert sich wage dar­an, dass „Über sie­ben Brü­cken musst du geh’n” ursprüng­lich aus der Feder von Karat stamm­te. Ein Teil der dama­li­gen Ostrock-„Stars”, wie Tama­ra Danz, Ger­hard Gun­der­mann oder vor kur­zem Her­bert Drei­lich, sind lei­der bereits früh ver­bli­chen. Der gro­ße Rest hält sich heu­te mit „Star­schnit­ten” in der Super-Illu über Was­ser, weiht eines der vie­len tau­send Auto­häu­ser im Ost­teil der Repu­blik ein oder muss, wie jüngst Dirk Michae­lis, Come­back-Duet­te mit abge­half­ter­ten 90er Jah­re Schun­kel-Bar­den bestrei­ten. Eini­ge weni­ge jedoch sind nach wie vor im Geschäft und kön­nen die anhal­ten­de dif­fu­se Ost­al­gie-Revi­val-Wel­le für sich nut­zen. Wo aber lagen die Vor­gän­ger des Rocks im Osten, wel­che Vor­bil­der hat­ten die Bands und mit wel­chen Schwie­rig­kei­ten hat­ten Sie zu kämp­fen? Wie voll­zog sich die Ent­wick­lung gera­de in den 60er Jah­ren über die Beat­mu­sik und den gol­de­nen 70ern bis zur Sta­gna­ti­on in den 80er Jah­ren? Wel­che Rol­le spiel­ten ideo­lo­gi­sche Vor­ga­ben? Wie war das Ver­hält­nis zwi­schen dem Staat und sei­nen Bands und wel­che Leit­li­ni­en hat­te er?

2. Haupt­teil

2.1 Jazz, Rock´n Roll, Beat­mu­sik und die begin­nen­den 60er Jah­re

Die Ent­wick­lung ost­deut­scher Rock­mu­sik hat­te sei­nen Ursprung in der zuneh­men­den Beliebt­heit von Jazz und Rock´n Roll Ende der 50er und zu Beginn der 60er Jah­re. Trotz­dem sich bei­de Musik­rich­tun­gen sowohl in der musi­ka­li­schen Dar­bie­tung als auch in ihrem jewei­li­gen Publi­kum unter­schie­den, waren sie bereits früh als west­lich deka­den­te Musik nega­tiv kon­no­tiert. Popu­lär­mu­sik wur­de bereits früh als psy­cho­lo­gi­sche Waf­fe des Wes­tens aus­ge­macht, Rock´n Roll Grö­ßen wie Bill Haley oder Elvis Pres­ley als dum­me, stumpf­sin­ni­ge und völ­lig unmu­si­ka­li­sche Irre gebrand­markt. Dies lag zum einen an der gro­ßen Beliebt­heit die­ser Musik im Wes­ten und zum ande­ren an Aus­schrei­tun­gen im Anschluss an man­che Kon­zer­te. Die Bre­chung mora­li­scher Nor­men, die Ent­zie­hung aus erzie­he­ri­scher Kon­trol­le und damit die Ent­frem­dung der Jugend­li­chen vom Sys­tem durch den Ein­fluss die­ser Musik wur­den als bedroh­lich ein­ge­stuft.

Auf dem V. Par­tei­tag der SED 1958 wur­den Leit­li­ni­en der SED für die Kul­tur­po­li­tik und den Auf­bau der sozia­lis­ti­schen Natio­nal­kul­tur abge­steckt. Prä­mis­sen waren unter ande­rem: die Arbei­ter­klas­se sol­le auch in der Kul­tur die füh­ren­de Rol­le ein­neh­men, Künst­ler sich in die neu­en Ver­hält­nis­se ein­ord­nen sowie die Auf­for­de­rung, dass sich Bür­ger und Regie­rung auf den Weg zur gebil­de­ten Nati­on bege­ben soll­ten.[2] Natio­na­len Tra­di­tio­nen und einer Hin­wen­dung zur hohen Kunst wur­de eine ver­mehr­te Bedeu­tung bei­gemes­sen. Unter der Mit­ar­beit des Ver­ban­des Deut­scher Kom­po­nis­ten und Musik­wis­sen­schaft­ler kris­tal­li­sier­ten sich meh­re­re Leit­li­ni­en hin­sicht­lich der Tanz- und Unter­hal­tungs­mu­sik her­aus. Sozia­lis­ti­sche Tanz­mu­sik habe sich vom Wes­ten abzu­gren­zen, da die leich­te Muse ein Zei­chen des Klas­sen­geg­ners sei. Im Janu­ar 1958 wur­de die Quo­ten­re­ge­lung, wonach 60% der öffent­lich gespiel­ten Musik aus der DDR oder ver­wand­ten „Volks­de­mo­kra­ti­en” zu stam­men habe, ver­ab­schie­det. Auch wur­de den Künst­lern auf­ge­tra­gen, die Hörer durch ihre Musik im Sin­ne der sozia­lis­ti­schen Per­sön­lich­keit zu erzie­hen. Volks­tüm­lich­keit, poli­ti­sche Aus­sa­ge, musi­ka­li­sche „Ver­ständ­lich­keit” und Abgren­zung zur „Unkul­tur” des Wes­tens waren dabei die Schlag­wor­te[3].

Mit dem Sie­ges­zug der Beat­les 1964 hielt auch eine Ver­än­de­rung in der Musik­land­schaft Ost­deutsch­lands Ein­zug. Vie­le tau­send Ama­teur­bands — im Gegen­satz zum offi­zi­ell gewünsch­ten und gefor­der­ten „Berufs­mu­si­ker” — grün­de­ten sich und cover­ten inter­na­tio­na­le Hits. Die Fas­zi­na­ti­on des Beat grün­de­te sich auf dem Bruch mit den Kon­ven­tio­nen bis­he­ri­ger Tanz­mu­sik. Die elek­tri­schen Gitar­ren tra­ten in den Vor­der­grund der auf Schlag­zeug, Bass und eben Gitar­re redu­zier­ten Bands. Hin­zu kam eine sta­tus­ähn­li­che Jugend-Atti­tü­de — in Abgren­zung zu den Erwach­se­nen — wie sie der Rock´n Roll im Osten nie vor­wei­sen konn­te. Vie­le der spä­te­ren Rock­grö­ßen der DDR began­nen in die­sen frü­hen Beat­ka­pel­len.[4]

Zu Beginn der 60er Jah­re kam es in der DDR zu zag­haf­ten Reform­über­le­gun­gen hin­sicht­lich der wirt­schaft­li­chen und gesell­schaft­li­chen Ziel­set­zun­gen. Die Leit­li­ni­en der Kul­tur­po­li­tik wur­den davon jedoch eher weni­ger berührt. Aller­dings wur­de das Kli­ma in der Jugend­po­li­tik vor­erst, nach diver­sem auf und ab und vor dem Hin­ter­grund des Ein­flus­ses west­li­cher Musik und Lebens­wei­sen, wie­der etwas wär­mer. Die Jugend­kom­mis­si­on beim ZK der SED ver­ab­schie­de­te 1963 ein Kom­mu­ni­qué unter dem Titel „Der Jugend Ver­trau­en und Ver­ant­wor­tung”. Obwohl in die­sem Papier die Nähe zur SED und damit zum gesell­schaft­li­chen Sys­tem und die Ver­ant­wor­tung der Jugend für eben jenes Sys­tem aus­drück­lich pos­tu­liert wur­de, fan­den sich pro­gres­si­ve Ansät­ze in ihm wie­der. Ein­ge­for­dert wur­den neben dem Zuge­ständ­nis der Mün­dig­keit, ohne Gän­ge­lei und Admi­nis­trie­ren, das Zuge­ständ­nis zu groß­zü­gi­ge­ren Frei­hei­ten, für Tole­ranz und Indi­vi­dua­li­tät. Dies wirk­te sich natür­lich auch auf den Musik­sek­tor aus, ohne jedoch das Leit­bild des arbeit­sa­men und lini­en­treu­en Jugend­li­chen auf­zu­ge­ben[5]. Im Zuge des Deutsch­land­tref­fens 1964 ent­deck­ten Plat­ten­ver­le­ger, Jugend­me­di­en (wie DT 64) und Tei­le der FDJ das Phä­no­men Beat für sich und enga­gier­ten sich zum Teil recht stark für die­se Bewe­gung. Im Jahr 1965 konn­te man in der DDR ers­te Com­pi­la­ti­ons ost­deut­scher Beat-Bands und Lizenz­pres­sun­gen der Beat­les käuf­lich erwer­ben. Die FDJ ver­an­stal­te­te Gitar­ren­wett­strei­te für jun­ge Musi­ker und ver­such­te damit auch einen Teil der jugend­li­chen Eupho­rie ein­zu­fan­gen und Ein­fluss über die FDJ-Gitar­ren­be­we­gung zu gewin­nen.

2.2 Wen­de und Neu­be­sin­nung

Gegen Ende des Jah­res 1965 kipp­te dann die zwi­schen­zeit­lich wohl­wol­len­de Bericht­erstat­tung über  die Beat­bands und der Umgang mit ihnen. Waren die Beat­les die „net­ten” Jungs von neben­an, deren Plat­ten man auch ger­ne mal ver­leg­te, war die här­te­re Gang­art des Beat hin­ge­gen ver­pönt. Nach dem Kon­zert der Rol­ling Stones im Sep­tem­ber 1965 in der Wald­büh­ne und einer sich anschlie­ßen­den Stra­ßen­schlacht kipp­te auch die Stim­mung im Osten. Die sog. „Halb­star­ken”, ihr Geba­ren, der unnor­mier­te Umgang mit dem ande­ren Geschlecht, dem Alko­hol, den Manie­ren oder dem Tanz- und Klei­der­stil lie­ßen bei den Macht­ha­bern neu­er­lich die Alarm­glo­cken schril­len. Beat wur­de als Ner­ven­gift des Klas­sen­fein­des abge­stem­pelt, sei­ne Anhän­ger, alle­samt „Row­dys” und „Gamm­ler”, sei­en dumm, faul, aso­zi­al und häss­lich. Erich Hon­ecker, zur dama­li­gen Zeit Sekre­tär für Sicher­heits­fra­gen, ließ die weit­ge­hen­den Zuge­ständ­nis­se von 1963 auf­kün­di­gen. Von nun an soll­te jeder Band, die west­li­ches Musik­gut auf­führ­te, die Auf­tritts­er­laub­nis ent­zo­gen wer­den, ihre finan­zi­el­len Ver­hält­nis­se hin­sicht­lich der Steu­er­ab­ga­ben über­prüft und bei här­te­ren Fäl­len auch die Ein­wei­sung in ein Arbeits­la­ger ver­fügt wer­den. Dies blieb jedoch nicht ohne Kon­se­quen­zen.

In Leip­zig, deren Stadt­obe­re durch ein beson­ders har­tes Durch­grei­fen gegen­über den Bands auf­fie­len, fand am 31. Okto­ber 1965 eine Demons­tra­ti­on meh­re­rer hun­dert Jugend­li­cher gegen das Ver­bot der Ama­teur­bands statt. Die Poli­zei griff, wie gewohnt, hart durch und ver­haf­te­te über 260 von ihnen und ver­häng­te har­te Stra­fen. Nach der 11. Tagung des ZK der SED im Dezem­ber 1965 erlosch jeg­li­che staat­li­che För­de­rung des Beat. Eini­ge der poli­tisch Ver­ant­wort­li­chen hat­ten ihren Platz zu räu­men und die FDJ begann eine Alter­na­tiv­be­we­gung, die „Sin­ge­be­we­gung”, zu instal­lie­ren. Der Ama­teur­sta­tus der Bands wur­de neu gere­gelt und ließ büro­kra­ti­scher Will­kür im Hin­blick auf Ver­bo­te von Bands frei­en Raum, da fort­an nicht nur künst­le­ri­sche Fähig­kei­ten, son­dern auch das Auf­tre­ten und das Aus­se­hen für die Ertei­lung einer Spiel­erlaub­nis mit ein­be­zo­gen wur­den[6]. Song­for­men, die von nun an geför­dert und gespielt wer­den soll­ten, waren Anti­kriegs-, poli­ti­sche Kampf-, Volks- und Lie­bes­lie­der.

Das stän­di­ge Auf und Ab zwi­schen Ableh­nung und Aner­ken­nung gitar­ren­las­ti­ger Musik nahm 1967 eine neu­er­li­che Wen­dung. Vor dem Hin­ter­grund des VII. Par­tei­ta­ges der SED und den damit ver­bun­de­nen sozi­al­po­li­ti­schen Neue­run­gen gewan­nen Kul­tur und Frei­zeit­ver­hal­ten sowie deren Steue­rung an Gewicht. Man woll­te von staat­li­cher Sei­te dem kul­tu­rel­len Ein­fluss des Wes­tens etwas eige­nes, bes­se­res, ent­ge­gen­set­zen. Außer­dem war ersicht­lich gewor­den, dass man mit­nich­ten die Sze­ne der Beat­bands unter Kon­trol­le brin­gen, geschwei­ge denn den Stil ver­bie­ten könn­te. Ver­ein­bart wur­den des­halb eine Aus­wei­tung ein­hei­mi­scher Pro­duk­tio­nen sowie die Wie­der­ein­füh­rung von San­ges- und Talent­wett­be­wer­ben. Im Zuge die­ser Neu­be­sin­nung ent­stan­den Bands, die frü­hen Jazz-Rock, Blues-Rock und Soul-Ein­flüs­se sowie Wood­stock-Fee­ling auf­wie­sen und ver­ban­den.

Die 70er Jah­re

Zu Beginn der 70er Jah­re war die Zahl ein­hei­mi­scher Bands immens ange­wach­sen. Es fan­den nun Open-Air-Auf­trit­te meh­re­rer Bands statt, denen die jewei­li­gen Fans auch bereit­wil­lig hin­ter­her reis­ten. Eine neue Art von Fan­kul­tur war im Ent­ste­hen. Aller­dings war es immer noch der Fall, dass vie­le Bands nur Stü­cke aus­län­di­scher Rock­grö­ßen nach­spiel­ten. Wer als ers­ter cover­te, war oft­mals erfolg­reich. Auch die tech­ni­sche Aus­stat­tung ließ vor­erst zu wün­schen übrig. Vie­le waren auf den Schwarz­markt ange­wie­sen und mach­ten sich dadurch straf­bar. Aller­dings ent­schie­den letzt­lich, wie über­all auf der Welt, hand­werk­li­ches Geschick, Cha­ris­ma und Ide­en über den Erfolg der jewei­li­gen Bands. Die Musik­sti­le dif­fe­ren­zier­ten sich dar­über hin­aus, vor dem Hin­ter­grund der inter­na­tio­na­len Ent­wick­lung, immer mehr aus. Pro­fes­sio­nel­le Musi­ker brach­ten Leben in den bis­he­ri­gen, von Lai­en domi­nier­ten Musik­all­tag.

Der Rund­funk der DDR spiel­te bei der Pro­fi­lie­rung der Musi­ker eine gewich­ti­ge Rol­le, da sei­ne Redak­teu­re über das Land tin­gel­ten, hoff­nungs­vol­le Bands unter ihre Fit­ti­che nah­men und nach und nach auf­bau­ten. Vie­le der Bands, die den Musik­all­tag der DDR bis zum Ende prä­gen soll­ten, ent­stan­den in die­sen frü­hen 70er Jah­ren. Sie hat­ten sich eman­zi­piert, kamen vom puren Covern weg und fan­den eige­ne deutsch­spra­chi­ge Aus­drucks­for­men. Der SED war dies, vor dem Hin­ter­grund der kul­tu­rel­len Abgren­zung zum Wes­ten, sehr recht. Sie hofier­te die­se Bands und ver­sah sie mit finan­zi­el­len und künst­le­ri­schen Pri­vi­le­gi­en. Gera­de die 10. Welt­fest­spie­le in der DDR lös­ten einen regel­rech­ten Rock­boom hin­sicht­lich der Ver­kaufs­zah­len und der Qua­li­tät der Songs aus. Auf der ande­ren Sei­te gab es Bands, die der neu­en Poli­tik der Umar­mung und Ver­ein­nah­mung eher weni­ger abge­win­nen konn­ten. Hin­zu kam, dass es über die Jah­re immer wie­der Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen Kon­zert­be­su­chern und der Poli­zei gege­ben hat­te.

Renft, eine Band, die in mehr­fa­cher Hin­sicht beson­de­re Qua­li­tä­ten auf­wies und ein immenses Fan­po­ten­ti­al in der DDR besaß, geriet wegen ihrer Tex­te und ihrem engen Ver­hält­nis zu Gerulf Pan­nach mit dem Staat anein­an­der. Die Band wur­de 1975 ver­bo­ten und ihre Mit­glie­der in das Gefäng­nis gesteckt oder in die West­emi­gra­ti­on getrie­ben. Alte Feind­bil­der vom gamm­li­gen, unge­sit­te­ten und sich durch sei­nen Musik­ge­schmack vom sozia­lis­ti­schen Sys­tem ent­fer­nen­den frü­he­ren Beat- und heu­ti­gen Rock­fan leb­ten wie­der auf. Die Aus­schrei­tun­gen nach den Kon­zer­ten zur 1000-Jahr-Fei­er in Alten­burg 1976 und zum „Repu­blik­ge­burts­tag” 1977 in Ber­lin lie­ßen die Fron­ten aber­mals ver­här­ten.

2.4 Die 80er Jah­re

Der Rock in der DDR steck­te zu Beginn der 80er Jah­re in der Kri­se. Rock­mu­sik ver­lor stän­dig an Repu­ta­ti­on in der Bevöl­ke­rung. Dies ging ein­her mit der zuneh­men­den Ableh­nung der gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se. Ein kur­zes Zwi­schen­hoch war den Bands allen­falls mit den ers­ten bei­den Kon­zer­ten der “Rock für den Frieden”-Reihe — und vor dem Hin­ter­grund der sich zwi­schen den Blö­cken neu­er­lich ver­schär­fen­den Kon­fron­ta­ti­on — ver­gönnt. Im Zuge die­ser Ver­an­stal­tun­gen tra­ten ver­schie­dens­te inter­na­tio­na­le Bands im Osten auf. Um die­ses Kapi­tel noch wei­ter­zu­füh­ren, lud man des­halb BAP ein, eine Tour­nee in ost­deut­schen Städ­ten zu spie­len. Das Vor­ha­ben geriet zum Desas­ter. In der nähe­ren Fol­ge wur­den auch für die Künst­ler die Zei­ten här­ter. Der Devi­sen­man­gel, die schlech­te Stim­mung und wirt­schaft­li­che Kri­sen führ­ten zu Ver­kaufs­ein­brü­chen und damit zur Kür­zung der finan­zi­el­len Mit­tel bei Künst­lern, Bands und Pro­duk­tio­nen. Vie­le Bands stan­den vor dem Aus. Die Kon­se­quenz war eine Aus­rei­se­wel­le nam­haf­ter DDR-Künst­ler in die Bun­des­re­pu­blik. Sie war neben den mate­ri­el­len Ursa­chen eine nicht mehr zu kom­pen­sie­ren­de Fol­ge von ste­tig wäh­ren­den Ein­fluss­nah­men auf das künst­le­ri­sche Schaf­fen, von Ver­bo­ten, den Lebens­um­stän­den, der unmiss­ver­ständ­li­chen Ableh­nung sei­tens des Staa­tes gegen­über Aus­drucks­for­men, die sich vom nichts­sa­gen­den Schla­ge­r­ei­n­er­lei abgrenz­ten sowie der Kri­mi­na­li­sie­rung gan­zer Fan­grup­pen.[7]

Dane­ben fan­den auch inter­na­tio­na­le Ent­wick­lun­gen, hin zu Punk und Metal, auch im Osten Wider­hall. Aller­dings wur­den die­se Bands und Fans, die sich die­sen Sze­nen zurech­ne­ten, mit der geball­ten Macht des Staa­tes kon­fron­tiert. Waren lan­ge Haa­re, eine von der Norm abwei­chen­de Klei­dung und die Aus­drucks­wei­se bereits bei vor­he­ri­gen Jugend­kul­tu­ren auf mas­si­ve Ableh­nung gesto­ßen, wur­den die­se Rich­tun­gen als die per­ver­tier­tes­te Form impe­ria­lis­tisch sub­ver­si­ver Zer­set­zung dif­fa­miert. Die­se Sze­nen hat­ten im Gegen­satz zur Beat- und Rock­be­we­gung jedoch auch einen klar sys­tem­feind­li­chen Ansatz und wur­den gezielt durch das MfS, des­sen Mit­ar­bei­ter inner­halb der Grup­pen agier­ten, unter­wan­dert. Hin­zu kam die enge Ver­bin­dung die­ser Grup­pen zu Oppo­si­tio­nel­len, der Umwelt­be­we­gung und kirch­li­chen Ein­rich­tun­gen, die ihnen Auf­tritts­mög­lich­kei­ten gewähr­ten, ohne jedoch ihre mili­tan­ten Züge zu tei­len.[8]

Auf­grund der kri­seln­den ost­deut­schen Musik­land­schaft griff man des­halb auf das bei den „Rock für den Frieden”-Veranstaltungen erprob­te Kon­zept zurück und lud inter­na­tio­na­le Rock­grö­ßen in die DDR. Den Auf­takt mach­ten Udo Lin­den­berg und Peter Maffay. Hun­dert­tau­sen­de beju­bel­ten ab 1987 die Auf­trit­te solch nam­haf­ter Grö­ßen wie Bruce Springste­en, Bob Dyl­an, Joe Cocker und ande­rer. Auf­trit­te von Bands aus dem Wes­ten und das gleich­zei­ti­ge “Tou­ren” von ein­hei­mi­schen Bands in der Bun­des­re­pu­blik, wur­de zur Rea­li­tät. Kon­ter­ka­riert wur­de die­se schein­ba­re Öff­nung durch andau­ern­de Aus­bür­ge­run­gen, den Vor­gän­gen um die Umwelt­bi­blio­thek oder das Vor­ge­hen bei der Luxem­burg-Lieb­knecht-Demons­tra­ti­on 1988.

3. Fazit

Die Ent­wick­lung der Rock­mu­sik in der DDR durch­lief vie­le Hochs und Tiefs. Die 60er Jah­re neh­men hier­bei einen beson­de­ren Platz ein, da Leit­li­ni­en und kul­tu­rel­le Vor­ga­ben, die die Zeit bis 1989 prä­gen soll­ten, in die­sen Jah­ren fest­ge­legt wur­den. Das Miss­trau­en von offi­zi­el­ler Sei­te war selbst in guten und erfolg­rei­chen Zei­ten immer vor­han­den. Der Beat-, Rock- oder Punk­fan pass­te eben nicht in das gewünsch­te Bild des flei­ßi­gen und sau­be­ren sozia­lis­ti­schen Staats­bür­gers. Repres­si­ons- und Ein­fluss­me­cha­nis­men (Spiel­erlaub­nis, Zen­sur, Pro­fi­mu­si­ker­aus­bil­dung, Quo­ten­re­ge­lung etc.) grif­fen nicht im gewünsch­ten Maße oder waren nicht von lan­ger Dau­er. Letz­ten Endes muss­te die SED auch den Kopf vor den Ansprü­chen der Bevöl­ke­rung sen­ken. Die Kana­li­sie­rung, der Wunsch nach Ein­bet­tung der künst­le­ri­schen Aus­drucks­for­men in tra­dier­te For­men von Musik und der Hin­weis auf nor­mier­te Wer­te waren stän­di­ge Beglei­ter der musi­ka­li­schen Ent­wick­lung und las­sen sich nicht nur mit dem sub­jek­ti­ven Musik­emp­fin­den der herr­schen­den Grei­sen­eli­te erklä­ren. Ande­rer­seits waren die Aus­ein­an­der­set­zun­gen um Musik und damit der jugend­po­li­ti­schen Aus­rich­tung auch immer Macht­fra­gen zwi­schen den Akteu­ren, die Musik dem­nach Spiel­ball und Pro­fi­lie­rungs­feld. Die Abgren­zung zum Wes­ten und die Schaf­fung einer eige­nen deut­schen Spiel­art von Rock­mu­sik soll­te — wie auf ande­ren Gebie­ten, etwa dem Sport — die Über­le­gen­heit des sozia­lis­ti­schen Modells demons­trie­ren. Pro­ble­ma­tisch wur­de es nur, als sich Bands nicht an die Vor­ga­ben hiel­ten und bana­le Jugend­phä­no­me­ne in offi­zi­el­len Krei­sen eine patho­lo­gi­sche Angst vor dem Ver­lust der Kon­trol­le und damit Kon­se­quen­zen her­vor­rie­fen.

4. Lite­ra­tur­ver­zeich­nis

Lite­ra­tur:

Galen­za, Ronald: Wir wol­len immer artig sein — Punk und sub­kul­tu­rel­le Musik in der DDR, in: Zeit­schrift für das ver­ei­nig­te Deutsch­land 37, 2004, S. 611–622.

Leit­ner, Olaf: Rock­sze­ne DDR — Aspek­te einer Mas­sen­kul­tur im Sozia­lis­mus, 1983.

Rau­hut, Micha­el: Beat in der Grau­zo­ne — DDR-Rock 1964 bis 1972 — Poli­tik und All­tag, 1993.

Rau­hut, Micha­el: Rock­mu­sik in der DDR — poli­ti­sche Koor­di­na­ten und all­täg­li­che Dimen­sio­nen, in: Aus Poli­tik und Zeit­ge­schich­te 49, 1999, S. 32–38.

Rau­hut, Micha­el: Schal­mei und Leder­ja­cke — Rock und Poli­tik in der DDR der acht­zi­ger Jah­re, 2002.

Rau­hut, Micha­el: Wir müs­sen etwas Bes­se­res bie­ten — Rock­mu­sik und Poli­tik in der DDR, in: Zeit­schrift für das ver­ei­nig­te Deutsch­land 30, 1997, S. 572–587.

Wicke, Peter: Rock around Socia­lism — Jugend und ihre Musik in einer geschei­ter­ten Gesell­schaft, in: Baa­cke, D. (Hrsg.): Hand­buch Jugend und Musik, 1998, S. 293–305.

Fuß­no­ten:

[1] Renft, 1975.

[2] Rau­hut, Micha­el: Beat in der Grau­zo­ne — DDR-Rock 1964 bis 1972 — Poli­tik und All­tag, 1993, S. 27 ff.

[3] Rau­hut, Micha­el: Wir müs­sen etwas Bes­se­res bie­ten — Rock­mu­sik und Poli­tik in der DDR, in: Zeit­schrift für das ver­ei­nig­te Deutsch­land 30, 1997, S. 574 ff.

[4] u.a. Klaus Jent­zsch (Renft, the But­lers), Achim Ment­zel (Dia­na Show Quar­tett), Her­bert Drei­lich (Jazz Youngs­ters), Die­ter Birr (The Lunics)

[5] Wicke, Peter: Rock around Socia­lism — Jugend und ihre-Musik in einer geschei­ter­ten Gesell­schaft, in: Baa­cke, D. (Hrsg.):-Hand­buch Jugend und Musik,1998, S. 293–305.

[6] Vgl. hier­zu: Rau­hut, Micha­el: Beat in der Grau­zo­ne — DDR-Rock-1964 bis 1972 — Poli­tik und All­tag, 1993, S. 124ff.

[7] Rau­hut, Micha­el: Schal­mei und Leder­ja­cke — Rock und Poli­tik in der DDR der acht­zi­ger Jah­re, 2002, S. 11 ff.

[8] Galen­za, Ronald: Wir wol­len immer artig sein — Punk und sub­kul­tu­rel­le Musik in der DDR, in: Zeit­schrift für das-ver­ei­nig­te Deutsch­land 37, 2004, S. 611–622.