Die Verfassung der DDR aus dem Jahre 1949

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Inhaltsverzeichnis

1. Vor­wort
2. Haupt­teil
__2.1 Was ebne­te den Weg zur ers­ten DDR-Ver­fas­sung?
__2.2 Ver­hält­nis von Ver­fas­sungs­wirk­lich­keit und -theo­rie
3. Fazit
4. Quel­len- und Lite­ra­tur­ver­zeich­nis


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1. Vor­wort

Wie kam die ers­te Ver­fas­sung der DDR vom 7. Okto­ber 1949 zustan­de? In was für einem Ver­hält­nis stan­den Ver­fas­sungs­theo­rie und -wirk­lich­keit? Und wel­che Rol­le spiel­te die SED dabei? Mit die­sen Fra­gen set­ze ich mich nun fol­gend aus­ein­an­der und wer­de dar­auf eine adäqua­te Ant­wort zu geben ver­su­chen.

2. Haupt­teil

2.1 Was ebne­te den Weg zur ers­ten DDR-Ver­fas­sung?

In der Zeit der unver­kenn­ba­ren Ver­schär­fung des gesell­schaft­li­chen und poli­ti­schen Sys­tem­kon­flikts zwi­schen den USA und der Sowjet­uni­on (UdSSR) im Jah­re 1946, der selbst­ver­ständ­lich nicht ohne Aus­wir­kung auf die von West­mäch­ten und UdSSR kon­trol­lier­ten deut­schen Besat­zungs­zo­nen blieb, ist der Beginn der ost­deut­schen Ver­fas­sungs­de­bat­te anzu­sie­deln. Im sel­ben Jahr leg­te der wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs im sowje­ti­schen Exil leben­de Wal­ter Ulb­richt, der als Mit­glied der KPD im Jah­re 1943 in der UdSSR das Natio­nal­ko­mi­tee Frei­es Deutsch­land (NKFD) mit­be­grün­den­de und 1945 als Chef der nach ihm benann­ten Grup­pe Ulb­richt nach Deutsch­land zurück­kehr­te, wo er den durch die Sowjet­uni­on ver­an­lass­ten Zwangs­zu­sam­men­schluss von SPD und KPD zur Sozia­lis­ti­schen Ein­heits­par­tei (SED) maß­geb­lich orga­ni­sier­te, ers­te Ver­fas­sungs­ent­wür­fe der Sowje­ti­schen Mili­tär­ad­mi­nis­tra­ti­on (SMAD) vor. Eine wesent­li­che Aus­sa­ge Ulb­richts mit Blick auf eine zukünf­ti­ge Ver­fas­sung lau­te­te, dass als höchs­tes Staats­or­gan das Par­la­ment zu gel­ten habe, „in des­sen Hand die Gesetz­ge­bungs­ge­walt sowie die Kon­trol­le über die gesam­te Ver­wal­tung”[1] lie­gen müs­se. Die­se Schluss­fol­ge­rung ist offen­sicht­lich dar­auf zurück­zu­füh­ren, dass „die in den volks­de­mo­kra­ti­schen Staa­ten des sowje­ti­schen Ein­fluß­be­rei­ches erfor­der­li­che Pla­nung und Len­kung der Öko­no­mie nur prak­ti­ka­bel [war], wenn die Legis­la­ti­ve auch für die admi­nis­tra­ti­ve Umset­zung der von ihr ver­ab­schie­de­ten Wirt­schafts­plä­ne kom­pe­tent war. Eine Gewal­ten­tei­lung im Sin­ne eines Sys­tems von ‘checks and balan­ces’, bei dem Par­la­ment und Exe­ku­ti­ve Gegen­ge­wich­te bil­den soll­ten, hät­te einen Kon­flikt zwi­schen Plan­vor­ga­ben und Plan­erfül­lung insti­tu­tio­na­li­siert.”[2] Die auf eine sowje­ti­sche Initia­ti­ve zurück­ge­hen­den Ent­wür­fe Ulb­richts tru­gen einen gesamt­deut­schen Cha­rak­ter und stan­den in direk­ter Kon­kur­renz zu der par­al­lel dazu statt­fin­den­den Ver­fas­sungs­dis­kus­si­on in den West­zo­nen. Damit ver­bun­den war es aus deutsch­land­po­li­ti­scher Per­spek­ti­ve die Absicht der UdSSR, den föde­ra­len staats­theo­re­ti­schen Über­le­gun­gen der USA mit einem Kon­zept zur Schaf­fung eines zen­tra­lis­tisch aus­ge­rich­te­ten deut­schen Ein­heits­staa­tes ent­ge­gen­zu­tre­ten.

An der Aus­ge­stal­tung der ers­ten Ent­wür­fe wirk­ten neben Ulb­richt ins­be­son­de­re die SED-Par­tei­vor­sit­zen­den Otto Gro­te­wohl (ehe­mals SPD) und Wil­helm Pieck (ehe­mals KPD) sowie der SED-Spit­zen­funk­tio­när Max Fech­ner mit. Die eigent­li­che „inhalt­li­che Arbeit leis­te­te aber der SED-Rechts­ex­per­te Karl Polak, der sowohl das deut­sche als auch das sowje­ti­sche Rechts­sys­tem bes­tens kann­te. Damit besaß er idea­le Vor­aus­set­zun­gen, um einen Ver­fas­sungs­ent­wurf im Sin­ne von SMAD und SED aus­zu­ar­bei­ten.”[3] Doch wie war es bezüg­lich der ost­deut­schen Ver­fas­sungs­de­bat­te um die natio­na­le Fra­ge bestellt? Dazu fin­den wir bei Otto Gro­te­wohl, der seit dem Jah­re 1948 auch Vor­sit­zen­der des Ver­fas­sungs­aus­schus­ses war, eine inter­es­san­te Aus­sa­ge: „Wenn­gleich uns auch aus dem Hit­ler­schen Trüm­mer­feld kein Staat ver­blie­ben ist, eine Nati­on sind wir trotz allem noch. Wir haben noch die Gemein­schaft der Spra­che, des Bodens, der Wirt­schaft und des Natio­nal­cha­rak­ters.

Gewiß sind auch die­se Merk­ma­le einer Nati­on nicht unan­ge­tas­tet geblie­ben. Der Boden ist ver­klei­nert, die Wirt­schaft ist durch Zonen­gren­zen zer­schnit­ten und der Natio­nal­cha­rak­ter ist von viel­fa­chen Krank­hei­ten infi­ziert.”[4] Nach dem Ende des Drit­ten Rei­ches ver­blieb also zwar kein Staat mehr, jedoch eine Nati­on. Zudem lässt sich fest­hal­ten, dass die von Gro­te­wohl erwähn­ten Nati­ons­merk­ma­le voll und ganz mit den von Sta­lin defi­nier­ten über­ein­stim­men. Und die Aus­sa­ge, dass der Boden ver­klei­nert wäre, lässt kei­ne ande­re Schluss­fol­ge­rung zu, als dass die SED bereits zu die­sem Zeit­punkt die von der UdSSR 1944 gefor­der­te Oder-Nei­ße-Gren­ze anzu­er­ken­nen bereit war — was die DDR schließ­lich auch 1950 mit dem Gör­lit­zer Abkom­men besie­geln soll­te. Hin­sicht­lich der letzt­end­li­chen DDR-Ver­fas­sungs­ge­bung spiel­te das Ende 1947 als Reak­ti­on auf die Lon­do­ner Außen­mi­nis­ter­kon­fe­renz von der SED ins Leben geru­fe­ne poli­ti­sche Instru­ment der Volks­kon­gress­be­we­gung eine her­aus­ra­gen­de Rol­le. Auf der Kon­fe­renz wur­de deut­lich, dass die West­mäch­te zu einer west­li­chen Teil­lö­sung in der Deutsch­land­fra­ge ten­dier­ten, wor­auf die SED mit der Ein­be­ru­fung des „Volks­kon­gres­ses für Ein­heit und gerech­ten Frie­den” ant­wor­te­te, der zum ers­ten Mal am 6. und 7. Dezem­ber 1947 in der Deut­schen Staats­oper tag­te und mit dem man im Wesent­li­chen zwei­er­lei Ziel­set­zun­gen ver­folg­te: Einer­seits beab­sich­tig­te man, die Posi­ti­on des sowje­ti­schen Außen­mi­nis­ters bei der Kon­fe­renz zu stär­ken, ande­rer­seits woll­te man sich öffent­lich­keits­wirk­sam als par­tei­über­grei­fen­de und trei­ben­de Kraft für die Rea­li­sie­rung eines geein­ten Deutsch­land pro­fi­lie­ren. Jedoch schei­ter­te der Ver­such, in den West­zo­nen Fuß zu fas­sen — nicht zuletzt auf­grund der Tat­sa­che, dass die Besat­zungs­mäch­te in den West­zo­nen den Volks­kon­gress im Lau­fe der Zeit schließ­lich ver­bo­ten.

Als dann auf­grund der ver­fes­tig­ten Fron­ten zwi­schen West­mäch­ten und UdSSR die besag­te Außen­mi­nis­ter­kon­fe­renz schei­ter­te und am 20. März 1948 der sowje­ti­sche Ver­tre­ter aus dem Alli­ier­ten Kon­troll­rat abzog, for­cier­te dies die Ver­fas­sungs­ge­bung in den drei West­zo­nen und in der Ost­zo­ne. Der Volks­kon­gress, in dem die SED — unter Erlan­gung einer Mehr­heit der Sit­ze — eine füh­ren­de Rol­le ein­nahm und die­se auch zu fes­ti­gen ver­stand, indem sie u.a. poli­ti­sche Geg­ner wie die CDU sowohl zu schwä­chen als auch ein­zu­bin­den ver­stand[5], wähl­te den ers­ten deut­schen Volks­rat, der sei­ner­seits in sei­ner ers­ten Sit­zung am 19. März 1948 sechs Fach­aus­schüs­se wähl­te, zu denen auch der Ver­fas­sungs­aus­schuss gehör­te. Letz­te­rer arbei­te­te die ers­te — gesamt­deutsch aus­ge­rich­te­te — Ver­fas­sung der DDR aus und leg­te sie dem Volks­rat vor, der sie dann am 19.3.1949 beschloss. Dabei ist anzu­mer­ken, dass der „Ver­fas­sungs­ent­wurf vom Okto­ber 1948 einen Kom­pro­miss […] zwi­schen den unter­schied­li­chen Vor­stel­lun­gen von SED und Block­par­tei­en”[6] dar­stell­te. Her­aus­zu­he­ben ist des­wei­te­ren „die inhalt­li­che Zurück­hal­tung der sowje­ti­schen Besat­zungs­macht, die letz­lich nur den zeit­li­chen Ablauf­plan fest­leg­te.”[7] Aller­dings muss­te sich die Sowjet­uni­on auch nicht groß­ar­tig dar­um Sor­gen machen, dass die wesent­lich von der SED aus­ge­ar­bei­te­te DDR-Ver­fas­sung zu einer Real­po­li­tik füh­ren wür­de, die nicht im Inter­es­se der UdSSR gewe­sen wäre. Denn die füh­ren­den und ent­schei­den­den Kräf­te inner­halb der SED waren ganz auf der poli­ti­schen Linie der UdSSR, wofür Wal­ter Ulb­richt ein her­vor­ra­gen­des Bei­spiel abgibt.

2.2 Ver­hält­nis von Ver­fas­sungs­wirk­lich­keit und -theo­rie

Zunächst ein­mal ist fest­zu­stel­len, dass sich die DDR-Ver­fas­sung in wich­ti­gen Pas­sa­gen auf­fäl­lig an der Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung ori­en­tier­te, womit sei­tens der SED wohl vor allem bezweckt wur­de, ein mög­lichst brei­tes par­tei­po­li­ti­sches Spek­trum und ins­be­son­de­re auch sozi­al­de­mo­kra­ti­sche sowie bür­ger­li­che Krei­se aus den West­zo­nen anzu­spre­chen. So ist bereits die Prä­am­bel der DDR-Ver­fas­sung von ihrem Inhalt her in wei­ten Tei­len iden­tisch mit der Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung, wenn von der För­de­rung von Frei­heit, Gerech­tig­keit, Frie­den und gesell­schaft­li­chem Fort­schritt die Rede ist. Und im Arti­kel 3 heisst es u.a.: „Alle Staats­ge­walt geht vom Vol­ke aus. […] Die Staats­ge­walt muß dem Wohl des Vol­kes, der Frei­heit, dem Frie­den und dem demo­kra­ti­schen Fort­schritt die­nen. Die im öffent­li­chen Dienst Täti­gen sind Die­ner der Gesamt­heit und nicht einer Par­tei.”[8] Dane­ben wur­den auch die klas­si­schen bür­ger­li­chen Frei­heits­rech­te (Art. 6 — 14) in der Ver­fas­sung ver­an­kert, wie bei­spiels­wei­se die Gleich­heit aller Bür­ger vor dem Gesetz, die per­sön­li­che Frei­heit sowie die Rede-, Pres­se-, Ver­samm­lungs- und Reli­gi­ons­frei­heit.

Auch der sehr aus­führ­lich gestal­te­te Abschnitt über Reli­gi­on und Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten (Art. 41 — 48), der die Glau­bens- und Gewis­sens­frei­heit pro­kla­mier­te, lehn­te sich an die Wei­ma­rer Ver­fas­sung an. Doch gibt es eben­so erheb­li­che Unter­schie­de zwi­schen den bei­den Ver­fas­sun­gen. Her­vor­zu­he­ben wäre u.a. die Abkehr vom Prin­zip der Gewal­ten­tei­lung, wor­auf ich ja bereits schon ein­mal zu spre­chen kam. So stell­te der sich für den Inhalt der Ver­fas­sung maß­geb­lich ver­ant­wort­lich zeich­nen­de Karl Polak als eine aus sei­ner Sicht zen­tra­le Schwä­che der Wei­ma­rer Ver­fas­sung her­aus: „In Wahr­heit war nicht die par­la­men­ta­risch ver­ant­wort­li­che Regie­rung die Spit­ze der Exe­ku­ti­ve, son­dern der Reichs­prä­si­dent, der vom Par­la­ment ganz unab­hän­gig war… So muß­te sich […] die Volks­ver­tre­tung, der Reichs­tag […] unter die Staats­bü­ro­kra­tie beu­gen, an deren Spit­ze der Reichs­prä­si­dent stand: den Beam­ten­ap­pa­rat, die Minis­te­ri­al­ma­schi­ne­rie, die Reichs­wehr.”[9] In die­sel­be Ker­be schlug der SED-Par­tei­vor­sit­zen­de Otto Gro­te­wohl in sei­ner Rede zur Begrün­dung der DDR-Ver­fas­sung vom 22.10.1948, als er u.a. fest­stell­te, dass der größ­te Man­gel der Wei­ma­rer Ver­fas­sung war, dass das Par­la­ment in sei­nen Rech­ten stark beschränkt und zuletzt zur voll­kom­men­den Macht­lo­sig­keit ver­ur­teilt war, weil die aus dem Kai­ser­reich ver­erb­ten alten Insti­tu­tio­nen eben­so wie der alte Staats­ap­pa­rat und die alte Wirt­schafts­or­ga­ni­sa­ti­on über­nom­men wur­den. Aus sei­ner Sicht wur­den bei der Aus­ar­bei­tung der DDR-Ver­fas­sung die aus der Geschich­te der Wei­ma­rer Repu­blik gezo­ge­nen Leh­ren berück­sich­tigt. Und in der Tat nahm das Par­la­ment, respek­ti­ve die Volks­kam­mer, eine vom Papier her bedeut­sa­me ver­fas­sungs­po­li­ti­sche Macht­stel­lung ein. Betrach­tet man jedoch die Ver­fas­sungs­wirk­lich­keit, so prä­sen­tiert sich einem ein ganz ande­res Bild.

Denn in Miss­ach­tung des Arti­kels 51 Absatz 1 der DDR-Ver­fas­sung, wur­den die Abge­ord­ne­ten der Volks­kam­mer nicht mit­tels des Ver­hält­nis­wahl­rechts, son­dern viel­mehr durch das Block- und Ein­heits­lis­ten­wahl­sys­tem bestimmt, nach dem „von 330 Plät­zen 90 auf die SED und 120 auf die von ihr domi­nier­ten Mas­sen­or­ga­ni­sa­tio­nen FDGB, FDJ, DFD, VVN und Kul­tur­bund (ins­ge­samt 63,4%) [ent­fie­len]. CDU und LDPD erhiel­ten je 45 (ins­ge­samt 27,3%), NDP und DBD je 15 (ins­ge­samt 9%) Sit­ze. Da alle SED-Abge­ord­ne­ten nach dem Par­tei­sta­tut den Beschlüs­sen und der Kon­trol­le der Par­tei­gre­mi­en unter­wor­fen waren, konn­te sich letzt­lich die SED, d.h. ihre Füh­rungs­or­ga­ne den ent­schei­den­den Ein­fluß auf Gesetz­ge­bung und Exe­ku­ti­ve sichern, ohne daß ein ver­fas­sungs­po­li­ti­sches Gegen­ge­wicht exis­tiert hät­te.”[10] Die Legi­ti­mie­rung erfuhr die­se Ein­heits­lis­te aus Sicht der SED im Rah­men der am 7. Okto­ber 1949 gegrün­de­ten Natio­na­len Front, in der sich nach offi­zi­el­ler Bekun­dung alle patrio­ti­schen Kräf­te des deut­schen Vol­kes nach dem Vor­bild der DDR für den Auf­bau eines ver­ein­ten, unab­hän­gi­gen und demo­kra­ti­schen Deutsch­lands enga­gie­ren soll­ten. Die SED nutz­te dies, wie die Volks­kon­gress­be­we­gung schon zuvor, als poli­ti­sches Instru­ment zur Eta­blie­rung ihrer Macht. Die recht­li­che und gesell­schafts­po­li­ti­sche Stel­lung der Volks­kam­mer war dem­nach nicht sehr bedeu­tend. Und was Ulb­richt und Polak an der Wei­ma­rer Repu­blik einst kri­ti­sier­ten, dass sich näm­lich das Par­la­ment der Staats­bü­ro­kra­tie unter­ord­nen muss­te, tritt genau jetzt ein, wo die SED nach und nach eine Ein­par­tei­en­herr­schaft eta­blier­te und oppo­si­tio­nel­le Kräf­te aus­schal­te­te. Für Letz­te­res war der SED ins­be­son­de­re Arti­kel 6 der DDR-Ver­fas­sung sehr zweck­dien­lich.

Auf Basis der wenig aus­sa­ge­kräf­ti­gen All­ge­mein­for­mel, dass u.a. „Boy­kott­het­ze gegen demo­kra­ti­sche Ein­rich­tun­gen und Orga­ni­sa­tio­nen […] und […] Hand­lun­gen, die sich gegen die Gleich­be­rech­ti­gung rich­ten, […] Ver­bre­chen im Sin­ne des Straf­ge­setz­bu­ches”[11] sind, wur­den unter ent­spre­chen­der Aus­le­gung in der Fol­ge­zeit poli­ti­sche Geg­ner straf­recht­lich ver­folgt. Gleich­zei­tig war die Durch­set­zung der in der Ver­fas­sung zuge­sag­ten Grund­rech­te durch den Ein­zel­nen nicht mög­lich, was durch die Staats­struk­tur bedingt war, in der sich die Recht­spre­chung man­gels der feh­len­den Gewal­ten­tei­lung der Volks­kam­mer unter­zu­ord­nen hat­te: Nach Arti­kel 130 Absatz 2 und Arti­kel 131 wur­den von ihr die Rich­ter des Obers­ten Gerichts­ho­fes, der ande­ren Ober­ge­rich­te, der obers­te Staats­an­walt und die Lai­en­rich­ter nicht nur gewählt, son­dern konn­ten gemäß Arti­kel 132 eben­so von ihr wie­der abbe­ru­fen wer­den. Zudem gab es kei­nen Staats­ge­richts­hof oder ein Ver­fas­sungs­ge­richt und der Arti­kel 89 ver­bot Rich­tern die Prü­fung der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit von Geset­zen, was nach Arti­kel 66 Absatz 3 und 7 eben­falls allei­ni­ge Auf­ga­be der Volks­kam­mer war. Bezüg­lich der natio­na­len Fra­ge erhob die DDR-Ver­fas­sung einen gesamt­deut­schen Gel­tungs­an­spruch, was u.a. aus dem Arti­kel 1 her­vor­ging, wo es heisst: „(1) Deutsch­land ist eine unteil­ba­re demo­kra­ti­sche Repu­blik; sie baut sich auf den deut­schen Län­dern auf. (2) Die Repu­blik ent­schei­det alle Ange­le­gen­hei­ten, die für den Bestand und die Ent­wick­lung des deut­schen Vol­kes in sei­ner Gesamt­heit wesent­lich sind; alle übri­gen Ange­le­gen­hei­ten wer­den von den Län­dern selb­stän­dig ent­schie­den. […] (4) Es gibt nur eine deut­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit.”[12]

Der sich aus die­sen Pas­sa­gen erge­ben­de gesamt­deut­sche Allein­ver­tre­tungs­an­spruch lässt sich eben­so in der Prä­am­bel des am 24. Mai 1949 in Kraft getre­te­nen Grund­ge­set­zes der BRD fin­den. Bei­de Sei­ten rekla­mier­ten für sich eine Art Kern­staat­funk­ti­on für ein künf­ti­ges Gesamt­deutsch­land. Doch so glaub­haft die in der DDR-Ver­fas­sung ver­an­ker­te Absicht, für Gesamt­deutsch­land zu gel­ten, zum dama­li­gen Zeit­punkt auch gewe­sen sein mag, wur­de sie vor allem durch den her­ein­bre­chen­den Kal­ten Krieg bzw. die inter­na­tio­na­le Ost-West-Block­bil­dung ver­ei­telt. Gleich­wohl muss man sich immer wie­der ver­ge­gen­wär­ti­gen, dass die ers­te DDR-Ver­fas­sung auch und gera­de den Zweck für die sie maß­geb­lich ent­wor­fe­ne SED zu erfül­len hat­te, zunächst ein­mal eine par­tei­über­grei­fen­de Akzep­tanz zu fin­den, um sich als füh­ren­de poli­ti­sche Kraft zumin­dest in der SBZ pro­fi­lie­ren und fes­ti­gen zu kön­nen. Daher stellt die ers­te DDR-Ver­fas­sung einen Kom­pro­miss­cha­rak­ter dar und beinhal­tet noch nicht die vol­len gesell­schafts­po­li­ti­schen Absich­ten der SED, die vor allem von kom­mu­nis­ti­scher Natur waren. Wobei Letz­te­res auch schon in der DDR-Ver­fas­sung von 1949 zur Gel­tung kam, wenn man sich, neben der feh­len­den Gewal­ten­tei­lung, die ver­fas­sungs­ge­mä­ßen Aus­sa­gen über die Rol­le des Eigen­tums näher ansieht. Zwar wur­de laut Arti­kel 22 das Eigen­tum grund­sätz­lich von der Ver­fas­sung gewähr­leis­tet, jedoch regel­te Arti­kel 24 die soge­nann­te Boden­re­form, nach der u.a. alle „pri­va­ten Mono­pol­or­ga­ni­sa­tio­nen, wie Kar­tel­le, Syn­di­ka­te, Kon­zer­ne, Trusts und ähn­li­che auf Gewinn­stei­ge­rung durch Pro­duk­ti­ons-, Preis- und Absatz­re­ge­lung gerich­te­te pri­va­te Orga­ni­sa­tio­nen […] auf­ge­ho­ben und ver­bo­ten”[13] wer­den soll­ten. Somit wur­den Ent­eig­nun­gen legi­ti­miert und die Mas­se der Pro­duk­ti­ons­mit­tel dem Staat unter­stellt.

3. Schluss­be­mer­kung

Obwohl die Ver­fas­sung der DDR aus dem Jah­re 1949 einen Kom­pro­miss­cha­rak­ter zwi­schen der SED und den spä­te­ren Block­par­tei­en, wie CDU und LDPD, trug, die an der Ver­fas­sungs­dis­kus­si­on betei­ligt waren, da es zu den obers­ten Maxi­men der SED gehör­te, die bür­ger­li­chen Par­tei­en mit­ein­zu­be­zie­hen, gelang es der SED, die Ver­fas­sung in zen­tra­len Punk­ten in ihrem Sin­ne zu gestal­ten, z. B. bezüg­lich der feh­len­den Gewal­ten­tei­lung. Die einen gesamt­deut­schen Cha­rak­ter tra­gen­de DDR-Ver­fas­sung nahm zwar vom Papier her für sich in Anspruch, demo­kra­tisch zu sein, viel­mehr stell­te sie jedoch eine demo­kra­ti­sche Fas­sa­de dar, hin­ter der die SED nach und nach ihre büro­kra­tisch-dik­ta­to­ri­sche Macht auf­bau­te. Sum­ma sum­ma­rum lässt sich resü­mie­ren, dass es in der Ver­fas­sungs­rea­li­tät kei­ne freie Wah­len gab, die Grund­rech­te des Ein­zel­nen nicht ein­klag­bar waren und nicht das gemäß der Ver­fas­sung höchs­te Organ im Staa­te, näm­lich die Volks­kam­mer, die poli­ti­sche Macht und Ent­schei­dungs­ge­walt in ihren Hän­den hielt, son­dern allein die SED.

4. Quel­len- und Lite­ra­tur­ver­zeich­nis

Quel­len:

Die Ver­fas­sung vom 7. Okto­ber 1949, in: Hil­de­brandt, Horst: Die deut­schen Ver­fas­sun­gen des 19. und 20. Jahr­hun­derts, 11., ergänz­te Aufl., Pader­born 1979, S. 197–234.Grotewohl, Otto: Im Kampf um unse­re Zukunft, in: Ein­heit, Theo­re­ti­sche Monats­schrift für Sozia­lis­mus 3/1946.

Polak, Karl: Gewal­ten­tei­lung, Men­schen­rech­te, Rechts­staat. Begriffs­for­ma­lis­mus und Demo­kra­tie, zur Kri­tik der Wei­ma­rer Ver­fas­sung, in: Ein­heit, Theo­re­ti­sche Monats­schrift für Sozia­lis­mus 7/1946.

Ulb­richt, Wal­ter: Stra­te­gie und Tak­tik der SED, in: Ein­heit, Theo­re­ti­sche Monats­schrift für Sozia­lis­mus 5/1946.

Lite­ra­tur:

Erd­mann, Klaus: Der geschei­ter­te Natio­nal­staat. Die Inter­de­pen­denz von Nati­ons- und Geschichts­ver­ständ­nis im poli­ti­schen Bedin­gungs­ge­fü­ge der DDR, Frank­furt am Main 1996.

Meu­schel, Sig­rid: Legi­ti­ma­ti­on und Par­tei­herr­schaft in der DDR, Frank­furt am Main 1992.Weber, Her­mann: Die DDR 1945–1990, Mün­chen 2006.

Fuß­no­ten:

[1] Ulb­richt, Wal­ter: Stra­te­gie und Tak­tik der SED, in: Ein­heit, Theo­re­ti­sche Monats­schrift für Sozia­lis­mus 5/1946, S. 263.

[2] Erd­mann, Klaus: Der geschei­ter­te Natio­nal­staat. Die Inter­de­pen­denz von Nati­ons- und Geschichts­ver­ständ­nis im poli­ti­schen Bedin­gungs­ge­fü­ge der DDR, Frank­furt am Main 1996, S. 72.

[3]Hoffmann, Dierk: Rezen­si­on von: Amos, Hei­ke: Die Ent­ste­hung der Ver­fas­sung in der Sowje­ti­schen Besat­zungs­zo­ne / DDR 1946–1949. Dar­stel­lung und Doku­men­ta­ti­on, Müns­ter / Ham­burg / Ber­lin / Lon­don: LIT 2006, in: sehe­punk­te 7 (2007), Nr. 1 1, URL: http://www.sehepunkte.de/2007/01/10503.html(1.5.07).

[4] Gro­te­wohl, Otto: Im Kampf um unse­re Zukunft, in: Ein­heit, Theo­re­ti­sche Monats­schrift für Sozia­lis­mus 3/1946, S. 135.

[5] Anm.: Erin­nert sei hier nur an die Zwangs­ver­ei­ni­gung mit der SPD und die Abset­zung der CDU-Vor­sit­zen­den Jakob Kai­ser und Ernst Lem­mer durch die SMAD wegen ihrer ableh­nen­den Hal­tung zum Volks­kon­gress.

[6] Hoff­mann, Dierk: Rezen­si­on von: Amos, Hei­ke: Die Ent­ste­hung der Ver­fas­sung in der Sowje­ti­schen Besat­zungs­zo­ne / DDR 1946–1949. Dar­stel­lung und Doku­men­ta­ti­on, Müns­ter / Ham­burg / Ber­lin / Lon­don: LIT 2006, in: sehe­punk­te 7 (2007), Nr. 1 1, URL: http://www.sehepunkte.de/2007/01/10503.html(1.5.07).

[7] Ebd. (Datum: 1.5.07).

[8] Die Ver­fas­sung vom 7. Okto­ber 1949, in: Hil­de­brandt, Horst: Die deut­schen Ver­fas­sun­gen des 19. und 20. Jahr­hun­derts, 11., ergänz­te Aufl., Pader­born 1979, S. 197–198.

[9] Polak, Karl: Gewal­ten­tei­lung, Men­schen­rech­te, Rechts­staat. Begriffs­for­ma­lis­mus und Demo­kra­tie, zur Kri­tik der Wei­ma­rer Ver­fas­sung, in: Ein­heit, Theo­re­ti­sche Monats­schrift für Sozia­lis­mus 7/1946, S. 392.

[10] Erd­mann, Klaus: Der geschei­ter­te Natio­nal­staat. Die Inter­de­pen­denz von Nati­ons- und Geschichts­ver­ständ­nis im poli­ti­schen Bedin­gungs­ge­fü­ge der DDR, Frank­furt am Main 1996, S. 72–73.

[11] Die Ver­fas­sung vom 7. Okto­ber 1949, in: Hil­de­brandt, Horst: Die deut­schen Ver­fas­sun­gen des 19. und 20. Jahr­hun­derts, 11., ergänz­te Aufl., Pader­born 1979, S. 198–199.

[12] Die Ver­fas­sung vom 7. Okto­ber 1949, in: Hil­de­brandt, Horst: Die deut­schen Ver­fas­sun­gen des 19. und 20. Jahr­hun­derts, 11., ergänz­te Aufl., Pader­born 1979, S. 197.

[13] Ebd. S. 203.

  1. 01.2007
  2. 01.2007