Die DDR-Medien und der Prager Frühling 1968


Alexander Bringmann

by Alexander Bringmann | Datum: 11.09.2008
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Das »Neue Deutschland« und der Einmarsch

 

Die Rolle der DDR-Medien beim „Prager Frühling“ im Jahre 1968

Dieser Artikel erschien zuerst im Neuen Deutschland. Das ND war die Parteizeitung der SED und damals die auflagenstärkste Tageszeitung der DDR. Sie überstand die Wende und ist heute eine unabhängige sozialistische Tageszeitung.

Der mediale Schlagabtausch zwischen Ost und West verlief 1968 anfangs nicht schlecht für die DDR. Ausführlich hatte das »Neue Deutschland«  über die große Protestbewegung in Westdeutschland berichtet. Das Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke und die Einführung der Notstandsgesetze wurden genutzt, die verkrusteten Verhältnisse und die Gefährdung demokratischer Grundrechte in der Bundesrepublik medial unter Feuer zu nehmen. Studenten unter Roten Fahnen – das war eine Schlagzeile wert. Doch als Truppen des Warschauer Vertrages die Tschechoslowakei besetzten, befanden sich die Medien der DDR in einer unangenehmen Lage.

Das Neue Deutschland (ND) druckte am 21. August 1968 auf Seite 1 eine »Mitteilung von TASS«, darunter ein vom ZK der SED, vom Staatsrat und Ministerrat signierter Appell an alle DDR-Bürger, daneben wurde die »gute und stabile Entwicklung der Volkswirtschaft unserer Republik« gefeiert.

Im Verlauf des Jahres 1968 hatten die DDR-Medien öfters gegen den tschechoslowakischen Reformprozess Stellung bezogen. Das änderte sich, als am 2. August 1968 die Parteiführungen der DDR und der CSSR eine gemeinsame Erklärung verabschiedeten. Das Dokument wurde im ND veröffentlicht. In der Folge stellte das »Zentralorgan« der SED seine Angriffe auf die Reformbewegung in der CSSR ein.

Nach der Landung sowjetischer Truppen auf dem Prager Flugplatz begann jedoch eine Medienschlacht um die Deutung der Ereignisse. ND sah sich in einer Zwickmühle. Kritik an der Intervention kam nicht nur vom politischen Gegner, sondern auch von westlichen kommunistischen Bewegungen. Auch die gerade noch vom ND medial unterstützte Studentenbewegung protestierte – wieder unter Roten Fahnen – gegen den Einmarsch.

ND bemühte sich, die Proteste totzuschweigen. Die Leser erfuhren nur indirekt davon: Das Blatt veröffentlichte die Kritik westdeutscher Kommunisten an den Studenten. Auffallend war für aufmerksame Zeitgenossen auch: Während die westlichen Medien in Hülle und Fülle Fotos der in Prag agierenden sowjetischen Truppen sowie von Demonstrationen veröffentlichten, bot ND, wie die gesamte DDR-Presse, kaum Bildmaterial. Als Grund für die Invasion nannte das offizielle Partei- und Regierungsblatt einen »politisch-ideologischen Einbruch« des Gegners in der CSSR.

»Verantwortungslose, prinzipienlose, parteifremde Politiker« hätten sich der Führung der „Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei“ (KPTsch) bemächtigt und würden zusammen mit »konterrevolutionären Organisationen« ein Kesseltreiben gegen »aufrechte Kommunisten« führen. Wie jedoch »parteifremde« Politiker die Führung der KPTsch angeblich übernehmen konnten, blieb für die Leser rätselhaft. Und warum war der Einmarsch erfolgt, wenn es doch am 2. August eine einvernehmliche Übereinkunft gab?

Im ND hieß es, der Eingriff sei notwendig gewesen, weil die »Sprachrohre antikommunistischer Propaganda« sonst ihre Hetze fortgesetzt hätten. Klar blieb nur die Führungsrolle der UdSSR. Im ND stand: »Wie einer zum Sozialismus und zum Frieden steht, ist an seiner Stellung zur Sowjetunion abzulesen«. Ob jemand als imperialistischer Agent oder aufrechter Kommunist zu gelten hatte, wurde in Moskau bestimmt. Und die dortige Sicht konnte sich sehr schnell ändern. Eine Woche nach dem Einmarsch kehrten die zeitweilig inhaftierten Prager Reformer in ihre Ämter zurück. Solch ein Kurswechsel war schwer glaubhaft zu machen.

ND konnte also nur allgemein »konterrevolutionäre Elemente« als Gegner anführen. Rätselhaft blieb auch, wer denn die Genossen waren, »die sich an die Bruderländer um Hilfe gewandt haben«. In der CSSR war die Empörung über die Besetzung so groß, dass auch die orthodoxen Kommunisten sich nicht mehr dazu bekennen wollten. So musste sich ND wieder mit Umschreibungen begnügen, konnte keine Namen nennen: Die mediale Auseinandersetzung um den »Prager Frühling« haben die DDR-Medien verloren.

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