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Das Kapital im 21. Jahrhundert

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(Foto by Sue Gardner  | Bildbeschreibung: French economist Thomas Piketty at the reading for his book Capital in the Twenty-First Century, on 18 April 2014 at the Harvard Book Store in Cambridge, Massachusetts. | Quelle: Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Wie gerecht sind Vermögen und Einkommen in der Welt verteilt? Dieser Frage ist der französische Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty in seinem Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ nachgegangen. Er stellt in seinen umfangreichen Analysen eine wachsende Ungleichheit der Vermögensverteilung fest, die nicht nur unter Gerechtigkeitsfragen ein Problem ist, sondern Demokratie und eine gesunde Wirtschaft gleichermaßen gefährdet. Das Buch sorgte weltweit für viel Aufmerksamkeit und ist seit kurzem als Taschenbuch zu erhalten. Grund genug, sich mit dem wichtigsten wirtschaftswissenschaftlichen Buch der jüngeren Vergangenheit zu befassen.

Deutscher Titel:Das Kapital im 21. Jahrhundert
Originaltitel:Le Capital au XXIe siècle
Autor:Thomas Piketty
Erscheinungsjahr:2013
ISBN-13:978-3406688652

Trotz des komplexen Themas ist das Buch allgemeinverständlich geschrieben, ein großer Teil der Datenmenge wurde in umfangreiche Fußnoten gepackt und kann bei Interesse im Internet nachvollzogen werden. Selbst Gegner von Pikettys Thesen gestehen ein, dass es sich hierbei um die umfangreichste und gründlichste Analyse der Einkommensentwicklung handelt, die es bisher gegeben hat. Thomas Piketty hat mit seinem Werk echte Pionierarbeit geleistet. 15 Jahre akribischer Forschung sind in das Werk geflossen. Bisher gab es zwar immer viele Debatten zu diesem Thema, doch die Datenbasis war schwach ausgeprägt. Mit diesem Buch hat sich das geändert!

Thomas Piketty stellt bei seinen Analysen fest, dass es ein strukturelles Ungleichgewicht zwischen den Einkünften aus Arbeit und dem Einkommen aus Kapital gibt. Das Wirtschaftswachstum lag in den letzten drei Jahrhunderten bei 1 bis 1,5 Prozent im Jahr. Die Einkünfte aus Kapitalvermögen stiegen aber um rund 5 Prozent jedes Jahr. Dabei handelt es sich um ein weltweites Phänomen. Wer hat, dem wird gegeben werden – so lässt es sich zusammenfassen. Diese Ungleichheit setzt sich über Generationen fort, da das Geld meist in der Familie vererbt wird. Die Mittelschicht kann da irgendwann nicht mehr mithalten, von den ärmeren Schichten der Gesellschaft ganz zu schweigen. Durchbrochen wurde die wachsende Ungleichheit durch große Katastrophen wie die Weltwirtschaftskrise und die beiden Weltkriege, stellt Piketty in seiner Untersuchung fest. Durch die großen Zerstörungen wurde auch das Vermögen der Superreichen deutlich dezimiert, die sonst von normalen Krisen meist sogar noch profitieren. Der wirtschaftliche Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg kam bei allen an. Doch seit den 70er und 80er Jahren kippte die ganze Sache, die Schere zwischen Arm und Reich wuchs immer mehr, sowohl in Europa als auch in den USA.

Ungefähr seit 1980 ist in den westlichen Staaten eine erhebliche Senkung von Einkommens- und Erbschaftssteuern zu beobachten. Die allmähliche Vermögenskonzentration wurde dadurch erheblich beschleunigt. Wir haben aktuell wieder eine Ungleichheit, die vergleichbar ist mit der Situation vor dem Ersten Weltkrieg. Erscheint es da noch verwunderlich, wenn auch die aktuelle Weltlage wieder sehr instabil geworden ist? In den USA sind die Einkommen stärker ungleich verteilt als in Europa. Piketty zeigt in seinen Analysen, dass es einmal anders war. Entgegen landläufigen Vorstellungen waren die USA Anfang des 20. Jahrhunderts egalitärer als Europa. Das waren die Zeiten von großem Wirtschaftswachstum und  vergleichsweise guten sozialen Aufstiegsmöglichkeiten. Doch die hohen Einkünfte aus Kapitalerträgen gegenüber den Arbeitseinkommen haben die USA verändert. Man braucht nicht viel zu spekulieren, wenn man die aktuellen Krisen der USA mit den Analysen von Piketty zusammenbringt.

Das jährliche Bruttoeinkommen der US-amerikanischen Arbeitnehmer hat sich seit 1978 um rund 15.000 Dollar verringert (auf ca. 33.000 Dollar). Die Reichen konnten im selben Zeitraum ihr Jahreseinkommen fast verdreifachen auf rund 1,1 Millionen. Die 400 reichsten US-Amerikaner verfügen über genauso viel Vermögen wie 150.000.000 US-Amerikaner am unteren Ende der Pyramide. Vielleicht wurde auch deshalb das Buch in den USA besonders intensiv diskutiert. Die vielbeschworene soziale Mobilität ist in den USA immer weniger gegeben, was auch an den absurd hohen Studiengebühren liegt. Die Hochschulbildung ist für die Unterschicht und selbst die ärmere Mittelschicht kaum noch zu erreichen. Das Durchschnittsgehalt der Eltern von Harvard-Studenten beträgt 450.000 Euro. Reichtum ist für die meisten die Grundlage einer guten Ausbildung. Auch solche Strukturen verfestigen die wachsende Ungleichheit in der Gesellschaft.

Der amerikanische Traum ist für viele längst zum Alptraum geworden. Man muss sich nicht wundern, dass Menschen Demagogen wie Trump oder religiösen Fanatikern wie Ted Cruz folgen. Es ist die Angst der unter Druck geratenen Mittelschicht, die sich darin äußert. Die schwächelnde US-amerikanische Wirtschaft ist eine Folge der wachsenden Spaltung der Gesellschaft. Die jüngsten Enthüllungen der Panama-Papers zeigen, wie die Superreichen auch noch die letzten Schlupflöcher suchen, um sich ihrer solidarischen Verantwortung zu entziehen. Wenn Geld mehr bringt als Arbeit, wird das System über kurz oder lang instabil. Diese Phasen hat es in der Vergangenheit immer wieder gegeben. Wie viel Ungleichheit kann ein Staat aushalten? Besonders für Demokratien ist es eine wichtige Frage. Dabei ist es bei weitem nicht nur eine Frage von Gerechtigkeit.

Zu große Ungleichheit führt zu einem schwächeren Wirtschaftswachstum, da es die wirtschaftliche Entwicklung hemmt. Deswegen warnen selbst Organisationen wie der IWF vor einer Spaltung der Gesellschaft. Der Internationale Währungsfond stellte fest, das größeres und dauerhafteres Wachstum erreicht wird, wenn die Vermögensunterschiede nicht so gravierend sind. Die Finanzkrisen der letzten Jahre sind die unübersehbare Folge der Fehlentwicklungen. Auch in Deutschland sind die Folgen der Entwicklung längst zu beobachten. Das Vermögen ist sehr ungleich verteilt, aber überall heißt es, es geht uns gut. Doch die Unsicherheit hat Deutschland längst erfasst, wie man auch an den Wahlerfolgen der AFD ablesen kann, die selber zwar keine Lösungen anbietet, jedoch die vorhandene Grundstimmung ausnutzt. Wer einen guten Job hat, ist zufrieden, will oftmals nicht wahrhaben, dass bereits einiges ins Kippen gekommen ist.

Minijobs, Leiharbeit etc. haben Deutschland immer mehr verändert. Der Mindestlohn versucht jetzt die gröbsten Auswüchse abzumildern, doch es ist ein herumdoktern an den Symptomen. Dass die Rente sicher ist, glaubt heute nicht mal mehr Norbert Blüm. Private Vorsorge ist aufgrund der Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank nur noch ein Witz. Die vielbeschworene Riesterrente hat sich als schwerwiegender Fehler in der Rentenpolitik erwiesen. Nicht nur Geringverdiener und Leiharbeiter müssen um ihre Altersversorgung zittern. Auch im Gesundheitssystem knirscht es immer mehr. Wir ruinieren das, was Deutschland ausgemacht hat. Doch zurück zu Piketty. Er analysiert nicht nur das Problem der Ungleichheit, er zeigt auch Lösungen auf.

Neben einer Modernisierung des Sozialstaates spricht er sich entschieden für Kapitalsteuern aus. Mit einer progressiven Vermögenssteuer von durchschnittlich 2 Prozent und einem drastisch höheren Spitzensteuersatz bei der Einkommenssteuer könnte das Ungleichgewicht zwischen Vermögen und Arbeitseinkommen ausgeglichen werden. Dadurch werde das strukturelle Problem behoben, ohne den Wettbewerb in der Wirtschaft zu stören. Egal ob man seine Lösungsansätze teilt oder auch nicht: mit  „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ hat Thomas Piketty ein äußerst wichtiges Buch geschrieben. Als wichtiges Grundlagenwerk wird es die Debatten der nächsten Jahre prägen und ist für jeden am Thema interessierten Leser sehr zu empfehlen.

Interessante Artikel zum Thema:

– Die Welt: „Deutschland trägt die Hauptschuld am Brexit“
– Spiegel Online: Rezension zum „Kapital im 21.Jahrhundert“
– Zeit Online: Interview mit Thomas Piketty zur Schuldenkrise in Griechenland

Die Foundation-Trilogie von Asimov

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(Foto by  Telly Gacitua | Bildbeschreibung: ISAAC ASIMOV | Quelle: Flickr | Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0)

Kann man die Zukunft der Menschheit planen? Ihre Entwicklung über einen längeren Zeitraum in eine bestimmte Richtung lenken? In der Foundation-Trilogie von Isaac Asimov geht es um einen solchen Versuch, die Entwicklung der Menschheit über Jahrhunderte hinweg zu steuern. Ein Buch, das in Zeiten der NSA-Überwachung eine neue Aktualität erhält.

Deutscher Titel:Die Foundation-Trilogie
Originaltitel:Foundation Trilogy
Autor:Isaac Asimov
Erscheinungsjahr:2012
ISBN:978-3-641-05736-7

Den Büchern rund um die Foundation fehlen viele übliche Science-Fiction-Bestandteile: es gibt keine Außerirdischen und Raumschlachten spielen nur am Rande eine Rolle. Dafür werden die Triebfedern der gesellschaftlichen Entwicklung untersucht: Religion, Wirtschaft, Politik. Ein Buch hatte auf das Werk von Asimov großen Einfluss: „Verfall und Untergang des Römischen Reiches“ von Edward Gibbon. Die meisterhafte Analyse der gesellschaftlichen Gründe für den Untergang des römischen Imperiums, haben Asimov sichtbar beeinflusst. Rund um die Foundation-Trilogie haben Isaac Asimov, aber auch weiteren Autoren, einen umfangreichen Kosmos geschaffen.

Ich habe mich auf die ursprüngliche Trilogie konzentriert. Der Wissenschaftler Hari Seldon erkennt aufgrund seiner Forschungen, dass das allmächtig scheinende galaktische Imperium dem Untergang geweiht ist. Die Galaxie droht in eine 30.000 Jahre dauernde Barbarei zurückzufallen. Die Wissenschaft, die es Hari Seldon möglich macht, die Zukunft vorherzusehen, ist die Psychohistorik, eine Mischung aus Soziologie, Statistik und Psychologie. Damit kann er die Entwicklungen von Gesellschaften mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit vorhersagen. Doch er will noch mehr! Er setzt Pläne in Bewegung, die Chaoszeit nach dem kommenden Zusammenbruch des Imperiums von 30.000 Jahre auf weniger als 1.000 Jahre zu verringern. Aus diesem Grund gründet er mit anderen Wissenschaftlern am Ende der Galaxie die erste Foundation. Diese soll zur Keimzelle eines neuen Imperiums werden. In der Trilogie geht es um die Entwicklung der Foundation von einer kleinen Welt zu einem mächtigen Reich. Dabei vollzieht die Foundation entwicklungsgeschichtliche Prozesse in vergleichsweise rasantem Fortschritt.

Anhand einzelner Geschichten mit oftmals überraschenden Wendungen werden die Schlüsselmomente der Veränderungen dargestellt. Während die erste Foundation immer mächtiger wird, zieht im Hintergrund die, ebenfalls von Hari Seldon gegründete, 2. Foundation die Fäden, eine Gruppe von Psychohistorikern. Sie soll das Gelingen des Seldon-Plans garantieren. Doch ein Schwachpunkt der Psychohistorik ist es, dass sie nur die Entwicklung von Menschenmassen vorhersagen kann und so bringt ein ungewöhnlich mächtiges Individuum den Plan zeitweilig durcheinander.

Geschrieben wurden die ursprünglichen Foundation-Romane in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts, was kein Zufall ist! Im 2. Weltkrieg begründete der US-Amerikaner Norbert Wiener die neue Wissenschaft der Kybernetik. In der Kybernetik geht es um die Steuerung von Maschinen, aber auch um die Steuerung von biologischen und gesellschaftlichen Prozessen. Die ersten Erkenntnisse gewann Norbert Wiener bei der Beschäftigung mit Flugabwehrgeschützen. Mit einem mathematischen Modell wurde versucht, die Flugbahn von Flugzeugen vorherzubestimmen. Dabei wurde analysiert, wie sich ein unter Beschuss stehender Pilot voraussichtlich verhalten wird.

Besondere Relevanz bekommt die Kybernetik mit der modernen Informationstechnik. So hat besonders die Soziokybernetik große Fortschritte gemacht, die unter anderem die Evolution von Gesellschaften simuliert. Die Soziokybernetik liefert uns wertvolle Erkenntnisse über gesellschaftliche Prozesse, doch liegt darin auch die Gefahr möglicher Manipulationen. Die utopische Idee der Psychohistorik nimmt langsam reale Formen an. Nach Aussage des ehemaligen Technischen Direktors der NSA William Binney vor dem NSA-Untersuchungsausschuss des Bundestages strebt die NSA die kybernetische Steuerung der Gesellschaft an. Bei der Datensammlung der NSA gehe es eben nicht um die Terrorismusabwehr, sondern um die Analyse und Steuerung der ganzen Gesellschaft. Isaac Asimov sah die neue Wissenschaft der Kybernetik relativ positiv, doch stellt sich jetzt für uns die Frage: wollen wir von der unsichtbaren Hand der NSA gelenkt werden?

In den Romanen um die Foundation gerät der große Plan der gesellschaftlichen Steuerung in Gefahr, als sich die Gelenkten der Manipulation durch die Psychohistoriker bewusst werden. Die Datensammlung von staatlichen aber auch privaten Unternehmen wie Google stellen uns vor neue große Herausforderungen, auf die Antworten gefunden werden müssen. Soziokybernetische Analysen können helfen, die Welt besser zu machen, zum Beispiel indem sie Krisen zu vermeiden helfen, doch sie können auch zu einem neuen Herrschaftsinstrument werden. Demokratische Kontrolle setzt voraus, dass man die Steuerungsinstrumente kennt. Die Science-Fiction-Romane um die Foundation sind über 60 Jahre alt, doch sind sie aktuell wie noch nie. Die Welt befindet sich in einem Wandel, der sich in seiner Tragweite noch nicht abschätzen lässt.

Der große Bruder von Neukölln

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Originaltitel:Der große Bruder von Neukölln. Ich war einer von
ihnen - vom Gang-Mitglied zum Streetworker.
Erscheinungsjahr:2008
Autor:Fadi Saad
ISBN:978-3-451-03000-0

Seit dem polarisierenden Buch „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin tobt die Integrationsdebatte mit einer neuen Heftigkeit. Dass es jahrzehntelange Fehlentwicklungen in der Integrationspolitik gab, ist wohl weitgehend unstrittig. Doch seit vielen Jahren hat sich die Politik in diesem Bereich verändert und versucht, die Probleme anzugehen. Doch die Versäumnisse mehrerer Jahrzehnte sind nicht so einfach zu beheben. Über die geeigneten Methoden besteht nicht immer Einigkeit, aber es hat sich bereits viel getan – auch in „Problembezirken“ wie Neukölln. Zur bereits laufenden Integrationsdebatte hat das Buch von Sarrazin nicht viel beigetragen. Integration wurde aber zu einem viel diskutierten Thema, auch über die normalerweise am Integrationsthema interessierten Leute hinaus. Das ist sicherlich nicht verkehrt, auch wenn sich einige fremdenfeindliche Töne in die Debatte eingeschlichen haben.

Eine andere Perspektive auf die Debatte kann das Buch von Fadi Saad mit dem Titel „Der große Bruder von Neukölln“ liefern. Fadi Saad kennt den Alltag von Jugendlichen mit Migrationshintergund aus eigener Erfahrung. Als Kind palästinensischer Eltern wurde er in Berlin geboren. Er erlebte Gewalt und Diskriminierung, schloss sich einer Gang an und wurde selber gewalttätig. Doch ihm gelang, was sonst nur wenige schaffen: der erfolgreiche Ausstieg aus der Abwärtsspirale. Er holte seinen Schulabschluss nach und schloss eine Lehre als Bürokaufmann ab, arbeitet mittlerweile als Quartiersmanager in Nord-Neukölln und beschäftigt sich seitdem auch beruflich mit den Integrationsproblemen (aber auch Erfolgen).

Die Quartiersgebiete sind auch eine Antwort auf die Integrationsprobleme. Sie sind in sozialen Brennpunkten und in Gebieten angesiedelt, die auf der Kippe stehen. Jedoch sind sie im Zuge der Sparmaßnahmen von Union und FDP von massiven Kürzungen betroffen, womit wohl bald viele soziale und integrative Projekte wegfallen werden (so viel zu den Integrationsbemühungen der Bundesregierung).

Doch zurück zum Buch. Das besondere daran ist, dass es einen Blick aus der Sicht der betroffenen Jugendlichen liefert. Fadi Saad beschreibt darin seinen eigenen Lebensweg, seine Erfahrungen als Kind von Migranten, warum er zum Gangmitglied wurde und wie er es schaffte, dort wieder rauszukommen. Man versteht dadurch besser die Hintergründe der ganzen Integrationsdebatte. Gerade in einer Zeit, wo viel zu oft nur über die Betroffenen geredet wird, ist sein Buch ein wichtiger Beitrag.

Quellen:

Die Webseite von Fadi Saad

Ein Interview mit Fadi Saad im Spiegel

– „Die Welt“ über den Lebensweg von Fadi Saad

Planet der Habenichtse

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Originaltitel:The Dispossessed. An Ambiguous Utopia
Erscheinungsjahr:1974
AutorinUrsula K. Le Guin
ISBN:0-060-125632 (= englische Originalausgabe)

Während auf dem Planeten Urras mehrere miteinander konkurrierende Staaten existieren, die in eine kapitalistische Weltordnung eingebettet sind, besteht auf dem ihn umkreisenden Mond namens Anarres eine anarchistische Gesellschaftsform. Denn im Zuge einer anarchistischen Revolte auf Urras gewährte man den Aufständischen vor 170 Jahren, den wenig fruchtbaren Mond Anarres zu besiedeln. Mit großem Einfallsreichtum, gepaart mit viel Liebe zum Detail, entwickelt die Autorin eine tiefgründige Geschichte und einen Gegenentwurf zu einer kapitalistisch ausgeprägten Gesellschaftsordnung, die nicht von ungefähr der unsrigen sehr ähnlich ist – wenn teilweise auch überspitzt dargestellt.

Die Sympathien der Autorin mit den Verhältnissen auf Anarres sind deutlich erkennbar, auch wenn Le Guin dennoch nicht völlig einseitig Partei ergreift, welche Gesellschaftsform nun die bessere ist, sondern beide auf ihre Stärken und Schwächen zu überprüfen versucht. In einer Buchrezension von Johannes Kaufmann wurde aber nicht zu Unrecht darauf verwiesen, dass „Autorin und Protagonist […] nicht selten in idealistische Schwärmerei abzudriften [drohen]“.[1] Wobei ich als ebenso idealistisch eingestellter Mensch durchaus Verständnis dafür habe. Bei dem Roman wird in zweierlei Hinsicht deutlich, dass es sich dabei nicht um eine klassische Utopie handelt: Einerseits wird die anarchistische Gesellschaft auf Anarres nicht als ein starres und perfektes Gebilde präsentiert, sondern als eine in der Entwicklung befindliche Gesellschaftsform, die stetig der Veränderung unterworfen ist – ob nun zum Guten oder Schlechten. Wie ein roter Faden zieht sich der Grundgedanke durch das Buch, dass es keinen gesellschaftlichen oder politischen Ideal- bzw. Endzustand geben kann: denn alles in der Welt ist im Wandel und in Bewegung befindlich. Andererseits erlaubt es uns die Autorin, die kapitalistische Gesellschaft auf Urras durch die vermeintlich unvoreingenommenen Augen eines Fremden zu betrachten: und zwar aus der Perspektive des von Anarres stammenden Physikers Shevek, der zugleich den Hauptcharakter des Romans darstellt.

Diese Vorgehensweise ermöglicht es dem Leser, zu erkennen, wie absurd viele in unserer kapitalistischen Gesellschaft herangereiften Gewohnheiten und Verhaltensweisen doch anmuten können. Mich hat der Roman von Anfang an gefesselt, wobei dies sicherlich auch auf mein Interesse an alternativen Gesellschaftsmodellen zurückzuführen ist.


[1] Johannes Kaufmann: Planet der Habenichtse. Eine ambivalente Utopie, Internet:
http://www.aurora-magazin.at/medien_kultur/sf_kaufmann_frm.htm (25.11.2010).