Die Philosophie von Ausgleich und Veränderung

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Vorwort

Die fol­gen­den Aus­ar­bei­tun­gen sind Teil eines grö­ße­ren Ent­wur­fes. Sie wer­den nach und nach über­ar­bei­tet und erwei­tert. Ich freue mich jeder­zeit über Anre­gun­gen und Kri­tik. Die Mecha­nis­men von Aus­gleich und Ver­än­de­rung sind in fast allen rele­van­ten Pro­zes­sen vor­han­den (sie­he z.B. Evo­lu­ti­on). Mein Inter­es­se bezieht sich vor allem auf den gesell­schaft­li­chen und poli­ti­schen Bereich und wie sich die grund­le­gen­den Natur­pro­zes­se dort aus­wir­ken. Um den Begriff des Aus­gleichs von ähn­li­chen Begrif­fen abzu­gren­zen, möch­te ich von einem drui­di­schen Gleich­ge­wicht* spre­chen, oder anders aus­ge­drückt: einem dyna­mi­schen Gleich­ge­wicht. Die­ses Modell unter­schei­det sich in wesent­li­chen Punk­ten von einem sta­tisch sta­bi­len Sys­tem, das nur ein zeit­lich eng begrenz­tes Gleich­ge­wicht dar­stellt. Nichts war gefähr­li­cher im Lau­fe der Geschich­te, als der Anspruch, die abso­lu­te Wahr­heit gefun­den zu haben. Vie­le unter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen zu einem The­ma sind aber meist wich­ti­ge Aspek­te eines wei­ter­füh­ren­den Erkennt­nis­spro­zes­ses. Ein wich­ti­ges Ziel soll­te es daher sein, ver­schie­de­ne Denk­an­sät­ze auf­zu­neh­men und einen fried­li­chen Aus­gleich zu schaf­fen. Natür­lich wer­den auch die bes­ten Kom­pro­mis­se kei­nen dau­er­haf­ten Ide­al­zu­stand errei­chen, denn alles in der Natur ver­än­dert sich stän­dig!

* Da Drui­den in Lite­ra­tur, Film und ande­ren Medi­en oft
als Ver­tre­ter eines natür­li­chen Gleich­ge­wichts gel­ten.

Der Weg des Gleichgewichts — Äquilibritas

Zwei Kräfte

Grund­sätz­lich sind in der Natur zwei grund­le­gen­de Kräf­te immer wie­der zu beob­ach­ten: Das Stre­ben nach Sta­bi­li­tät, Gleich­ge­wicht und Har­mo­nie auf der einen Sei­te, die per­ma­nen­te Ver­än­de­rung auf der ande­ren. Die­se zwei Kräf­te ste­hen in einem natür­li­chen Wider­spruch zuein­an­der. Nach dem drui­di­schen Ver­ständ­nis (in mei­ner Defi­ni­ti­on) muss man hier ein­wir­ken. Der Mensch neigt dazu, sich sta­bi­le Struk­tu­ren auf­zu­bau­en, die mög­lichst lan­ge hal­ten sol­len. Wenn die­se Struk­tu­ren aber zu sta­bil sind, um auf Ver­än­de­run­gen zu reagie­ren, kommt es regel­mä­ßig zu Kata­stro­phen (wie z.B. Krie­ge und Revo­lu­tio­nen). Doch dazu spä­ter mehr. Erst Mal gilt es, sich die bei­den Grund­kräf­te etwas genau­er anzu­se­hen.

Das Gleichgewicht

Das Gleich­ge­wicht ist eine natür­li­che Ord­nung. Die ver­schie­de­nen Inter­es­sen haben die Mög­lich­keit sich zu posi­tio­nie­ren und sind in einem (zeit­lich begrenz­ten) Sta­bi­li­täts­zu­stand. Es ist auch ein Zustand der Har­mo­nie. Dabei han­delt es sich aber um eine ide­al­ty­pi­sche Kon­struk­ti­on. Ein per­fek­tes Gleich­ge­wicht wird es wohl kaum je geben. Den­noch ist es von einer wich­ti­gen Bedeu­tung, denn die Natur ver­sucht stän­dig einen sol­chen Zustand her­zu­stel­len. Dabei ver­än­dert sich das idea­le Gleich­ge­wicht stän­dig und damit auch das ange­streb­te Ziel. Doch dazu spä­ter mehr beim zwei­ten gro­ßen Aspekt – der stän­di­gen Ver­än­de­rung. Wenn ich sage, dass die Natur einen ima­gi­nä­ren Ide­al­zu­stand anstrebt, dann ist es natür­lich kein bewuss­ter Hand­lungs­akt wie bei den reli­giö­sen Vor­stel­lun­gen eines len­ken­den Got­tes.

Beim Anstre­ben eines natür­li­chen Gleich­ge­wich­tes han­delt es sich um ein­fa­che Natur­pro­zes­se. Gibt es zu vie­le Raub­tie­re, wird es schwie­ri­ger zu jagen, die Jäger bekom­men weni­ger Jun­ge (weni­ger Raub­tie­re). Der Mensch ist die­sen Pro­zes­sen genau­so unter­wor­fen wie alles ande­re auch. Er kann die Regeln zwar nicht bre­chen (ohne unter­zu­ge­hen), aber teil­wei­se ver­än­dern. So strebt auch der Mensch nach Gleich­ge­wicht und Har­mo­nie. Den­noch ist er aber oft genug dazu bereit, auch fal­sche Ent­schei­dun­gen zu tref­fen. Oft kommt ein Dik­ta­tor an die Macht, weil er schein­bar Ord­nung und Sicher­heit ver­spricht. Meist ist es eine Reak­ti­on auf unru­hi­ge Zei­ten und nach grö­ße­ren Macht­kämp­fen. Doch die­ser Weg führt fast immer in die Kri­se. Das Sys­tem erstarrt, ver­wei­gert Ver­än­de­rung und muss mit einem immer mas­si­ve­ren Repres­si­ons­ap­pa­rat arbei­ten, um an der Macht zu blei­ben.

Eine Ver­än­de­rung ist kaum noch mög­lich, wodurch der Druck immer grö­ßer wird. Es kommt zum Zusam­men­bruch. Dar­um ist es wich­tig, sich mit den Struk­tu­ren aus­ein­an­der­zu­set­zen. Das Stre­ben nach Aus­gleich und Sta­bi­li­tät lässt sich nicht ver­hin­dern. Aber der Pro­zess, um die­ses Ziel zu errei­chen, ist von ent­schei­den­der Bedeu­tung für das Ergeb­nis. Eine freie Demo­kra­tie ist eine Mög­lich­keit, die­se natür­li­che Ord­nung zu errei­chen. Doch auch in einer Demo­kra­tie wird ein bewuss­ter Aus­gleich von drui­disch den­ken­den Men­schen immer nötig sein. Eine Orga­ni­sa­ti­on, die prin­zi­pi­ell einen sol­chen Aus­gleich ver­folgt, ist z.B. das Kar­tell­amt. Eine zu gro­ße Macht­kon­zen­tra­ti­on ein­zel­ner Kon­zer­ne soll ver­hin­dert wer­den, um das wirt­schaft­li­che Gleich­ge­wicht nicht zu gefähr­den. Wie hier deut­lich wird, ist ein Drui­de* nicht grund­sätz­lich gegen staat­li­che Ein­grif­fe. Ein zu mäch­ti­ger Staat ist jedoch eine eben­so gro­ße, wenn nicht sogar grö­ße­re Bedro­hung als ein wirt­schaft­li­cher Mono­po­list.

* also jemand, der im Sin­ne des dyna­mi­schen Gleich­ge­wichts denkt und han­delt

Veränderung

Der ima­gi­nä­re Ide­al­zu­stand, der von der Natur ange­strebt wird, kann nicht erreicht wer­den, da sich die Vor­aus­set­zun­gen stän­dig ver­än­dern. Hera­klit hat es als Pan­ta rhei bezeich­net (= alles fließt) — die Erkennt­nis, dass sich alles ver­än­dert. “Wer in den sel­ben Fluss steigt, dem fließt ande­res und ande­res Was­ser zu.” Alles ist stän­dig in Bewe­gung und ver­än­dert sich, nichts kann blei­ben wie es ist. Gleich­zei­tig strebt alles nach einem har­mo­ni­schen Gleich­ge­wicht. Die Ver­än­de­rung in jedem Augen­blick ändert somit auch das Ziel stän­dig (wenn auch meist nur in klei­nen Schrit­ten). Bestän­dig­keit ist nur eine Illu­si­on. Alles ist stän­dig im Fluss, ist in Ver­än­de­rung. Die­se Erkennt­nis spielt auch im Bud­dhis­mus eine wich­ti­ge Rol­le. Sie­he dazu auch den phi­lo­so­phi­schen Bei­trag “Unver­än­der­li­ches Ich = blo­ße Illu­si­on?” von Char­lie, der dar­in zwar der Fra­ge nach­geht, ob es ein sub­stan­zi­el­les bzw. fes­tes Ich gibt, jedoch auch die früh­bud­dhis­ti­sche Erkennt­nis einer ste­ten Ver­än­de­rung der uns umge­ben­den Welt anspricht: “In einer Welt, die so ver­gäng­lich wie der in ihr exis­tie­ren­de mensch­li­che Kör­per ist, wer­den wir jedoch nie­mals eine end­gül­ti­ge Erfül­lung oder Befrie­di­gung im Zusam­men­hang mit den Din­gen fin­den, an die wir uns klam­mern, da deren Ver­gäng­lich­keit vor­pro­gram­miert ist und dazu führt, dass wir sie frü­her oder spä­ter wie­der ver­lie­ren oder zumin­dest ihre ste­te Ver­än­de­rung erfah­ren müs­sen.”

Wer nun aber den­noch behaup­tet, dass es etwas Unver­än­der­li­ches in der Welt gebe, unter­liegt einem Trug­schluss. Man kann nur die Art der Ver­än­de­rung, den Pro­zess des Über­gangs beein­flus­sen, aber kei­nen end­gül­ti­gen Aus­weg aus der Ver­än­de­rung fin­den. Doch in einer Welt, die sich mit dem (fle­xi­blen) Aus­gleich arran­giert hat, kann man gut leben. Der Wan­del ver­liert dar­in einen Teil sei­nes zer­stö­re­ri­schen Cha­rak­ters, ohne dabei den Fort­schritt zu ver­hin­dern. Eine Macht ist zu stark, wenn sie in der Lage ist, den not­wen­di­gen Aus­gleich stark zu behin­dern. Ver­än­de­run­gen wer­den spä­tes­tens dann not­wen­dig, wenn sich die Grund­vor­aus­set­zun­gen für das aktu­el­le Gleich­ge­wicht ändern. Des­we­gen schei­tern auch alle Uto­pi­en frü­her oder spä­ter, da sie von einem fes­ten Ide­al­zu­stand aus­ge­hen. Wie stark eine Macht sein kann, ohne auto­ma­tisch zu einer Bedro­hung für den Aus­gleich zu wer­den, hängt stark vom jewei­li­gen Sys­tem ab. Eine Kanz­le­rin Mer­kel ist kein Pro­blem. Eine CDU-Regie­rung mit einer 2/3-Mehr­heit wäre eine Gefahr (dies gilt selbst­ver­ständ­lich auch für jede ande­re Par­tei), da die Gefahr besteht, dass sich die Herr­schaft so stark ver­fes­tigt, dass die Kräf­te der Ver­än­de­rung nicht mehr aus­rei­chend arbei­ten kön­nen.

Das dynamische Gleichgewicht

Prä­mis­sen

Simp­le aus der Natur abge­lei­te­te Grund­la­gen der Theo­rie.

1) Alles in der Natur strebt zum Gleich­ge­wicht (hier im Sin­ne von Sta­bi­li­tät: Suche nach mög­lichst rei­bungs­lo­sen Struk­tu­ren bzw. Har­mo­nie)

2) Alles ver­än­dert sich. (Cha­os, aber auch Fort­schritt; Hera­klit: Pan­ta rhei — alles fließt; Bud­dhis­mus: Din­ge kön­nen bes­ten­falls den Anschein von Bestän­dig­keit erwe­cken, aber in Wirk­lich­keit ver­än­dert sich alles.)

Wir haben die zwei unter­schied­li­chen Natur­kräf­te gese­hen — Suche nach Sta­bi­li­tät und stän­di­ge Ver­än­de­rung. Die­se zwei unter­schied­li­chen Kräf­te gilt es mit­ein­an­der zu ver­söh­nen. Das drui­di­sche Ziel ist ein dyna­mi­sches Gleich­ge­wicht (!!), das sich einer Ände­rung ohne gro­ße Schwankungen/Chaos anpas­sen kann. Ein nur sta­ti­sches Gleich­ge­wicht ist schein­bar sta­bil, bricht aber ab einem bestimm­ten Druck in sich zusam­men (ähn­lich dem Zer­drü­cken eines Erd­nuss­flips oder dem Ende einer Dik­ta­tur). Eine Akti­on kann nur bis zu einem bestimm­ten Punkt aus­ge­führt wer­den, bevor das Pen­del wie­der zurück­schlägt. Je stär­ker man ein Pen­del in eine Rich­tung drückt, umso stär­ker ist die spä­te­re Aus­gleichs­re­ak­ti­on, die dazu führt, dass es jetzt oft zum ande­ren Extrem über­geht. Nach einer gro­ßen Stö­rung des Gleich­ge­wichts kommt es oft zu einem Pen­deln zwi­schen den Extre­men, mit teils zer­stö­re­ri­schen Fol­gen. Genau die­se star­ken Aus­schlä­ge ver­sucht der Drui­de zu ver­hin­dern, um eine mög­lichst har­mo­ni­sche Ent­wick­lung zu sichern (klei­ne­re Aus­schlä­ge gehö­ren aber zur nor­ma­len Wei­ter­ent­wick­lung und sind wich­tig, um das Pro­blem der Sta­tik zu lösen).

Der Mensch muss sich wei­ter­ent­wi­ckeln und darf nicht ste­hen­blei­ben. Dabei muss er jedoch auf das (sich ändern­de) Gleich­ge­wicht ach­ten, damit sich der Wan­del har­mo­nisch und ohne grö­ße­re Kata­stro­phen voll­zieht. Ein Drui­de muss des­halb auch fle­xi­bel sein (kein sta­ti­scher Sta­bi­li­täts­zu­stand). Kei­ne Macht, auch wenn sie noch so stark und unüber­wind­lich scheint, kann sich dau­er­haft dem natür­li­chen Stre­ben nach Aus­gleich ent­ge­gen­stel­len. Es han­delt sich dabei um einen Natur­pro­zess, der ver­lang­samt und beein­flusst wer­den kann, jedoch nicht zu stop­pen ist. Doch wenn sich das Gleich­ge­wicht irgend­wann von sel­ber wie­der­her­stellt, war­um soll­te man in die­sen Pro­zess ein­grei­fen? Je grö­ßer die Ver­let­zung des Gleich­ge­wichts, umso hef­ti­ger stellt es sich wie­der her. Kri­sen, Krie­ge und öko­lo­gi­sche Kata­stro­phen kön­nen die Fol­ge sein. Ziel muss es aber sein, die Kri­sen, die mit der Ver­let­zung der natür­li­chen Ord­nung ein­her­ge­hen, zu ver­mei­den bzw. abzu­schwä­chen.

Ein typi­sches Bei­spiel sind Revo­lu­tio­nen. Die alte Ord­nung (meist starr, unfle­xi­bel, unge­recht) wird besei­tigt. Je fes­ter die alten Struk­tu­ren sind, umso blu­ti­ger fällt meist die Revo­lu­ti­on aus. Im (sel­te­nen, aber anzu­stre­ben­den) Ide­al­fall ent­steht eine Gesell­schaft, in der sich die unter­schied­li­chen Inter­es­sen­grup­pen fried­lich aus­glei­chen kön­nen. Doch oft setzt sich eine Grup­pe an die Spit­ze und errich­tet eine neue Dik­ta­tur. Im Moment ihrer Ent­ste­hung herrscht dabei oft ein struk­tu­rel­les Gleich­ge­wicht (zumin­dest stär­ker als bei der alten Ord­nung; z.B. kuba­ni­sche Revo­lu­ti­on, in deren Ver­lauf die Benach­tei­li­gung der Bevöl­ke­rung zunächst stark ver­rin­gert wur­de, bis die star­re Ideo­lo­gie eine Anpas­sung des Gleich­ge­wichts ver­hin­der­te). Doch die neue Herr­schaft ist zu starr, um auf Ver­än­de­run­gen aus­rei­chend zu reagie­ren. Der Druck der Ver­än­de­rung nimmt immer wei­ter zu, was meist zu einer noch stär­ke­ren Ver­här­tung der Struk­tu­ren führt.

Der Zusam­men­bruch ist dann meist voll­stän­dig. Ein fle­xi­ble­res Sys­tem ermög­licht immer den Aus­gleich in klei­ne­ren Dosen. Der Mensch neigt dazu, sich aus einem Sicher­heits­be­dürf­nis her­aus unter­zu­ord­nen. Im Namen der Ord­nung ist er oft dazu bereit, der Macht­kon­zen­tra­ti­on einer ein­zel­nen Orga­ni­sa­ti­on zuzu­stim­men. Doch in Wahr­heit wird dadurch die Ord­nung nur gefähr­det. Die Gesell­schaft wird durch das Stre­ben inter­es­sen­ge­lei­te­ter Orga­ni­sa­tio­nen wei­ter­ent­wi­ckelt. Sie sind es, die durch das Stre­ben nach Ver­bes­se­run­gen und durch die Kon­kur­renz unter­ein­an­der den Fort­schritt schaf­fen. Außer­dem muss eine Gesell­schaft fle­xi­bel auf Ver­än­de­run­gen und neue Her­aus­for­de­run­gen reagie­ren. Drui­den sor­gen für eine gleich­mä­ßi­ge Ent­wick­lung und ver­su­chen ein durch den (stän­di­gen) Wan­del beding­tes Ungleich­ge­wicht zu ver­hin­dern. Der ent­schei­den­de Punkt ist, dass es nicht dar­um geht, wer eine gro­ße Macht­stel­lung erreicht. Auch stellt sich bes­ten­falls am Ran­de die Fra­ge, wel­che Posi­tio­nen er ver­tritt. Er wird immer zu einer Bedro­hung für Frei­heit und Ord­nung wer­den, außer er gäbe sei­ne Macht­fül­le frei­wil­lig wie­der ab. Doch dies ist wohl nur in sehr sel­te­nen Ein­zel­fäl­len wirk­lich der Fall.

Grundlegende Feststellungen

1) Je stär­ker das Gleich­ge­wicht gestört ist, umso schlim­mer die Fol­gen.

Man kann es gut bei Dik­ta­tu­ren beob­ach­ten. Eine Dik­ta­tur hat das Pro­blem, dass sie inne­re Kon­flik­te nur unzu­rei­chend bewäl­ti­gen kann. In der Dik­ta­tur gibt es zwei Mög­lich­kei­ten: man lässt eine wie auch immer gear­te­te Oppo­si­ti­on zu (z.B. ein paar regie­rungs­kri­ti­sche Medi­en). Das kann dazu füh­ren, dass die Dik­ta­tur irgend­wann weit­ge­hend fried­lich zu Ende geht. Das Gleich­ge­wicht stellt sich wie­der her. Man­che Dik­ta­tu­ren, gera­de wenn sie schon län­ger Bestand haben, unter­drü­cken radi­kal jede Oppo­si­ti­on. Das Gleich­ge­wicht kann sich dann im Regel­fall nicht mehr fried­lich her­stel­len. Die Pro­ble­me wer­den unter­drückt, das Sys­tem wird immer star­rer und der Druck immer grö­ßer, bis es zu einer, meist sehr blu­ti­gen, Revo­lu­ti­on kommt. Die Revo­lu­ti­on führt jedoch nicht immer zum Gleich­ge­wicht, gera­de nach einer lan­gen Dik­ta­tur wird oft nur das eine Extrem von dem ande­ren abge­löst. Hier kann es wich­tig sein, die Kräf­te der alten Dik­ta­tur zu bewah­ren, um ein Gegen­ge­wicht zu den Sie­gern der Revo­lu­ti­on zu bil­den. Dies ist umso schwie­ri­ger je län­ger die alte Dik­ta­tur Bestand hat­te.

2) Nie­mand darf zu stark wer­den!

Jede Orga­ni­sa­ti­on, Par­tei, Fir­ma oder Grup­pie­rung, die zu viel Macht anhäuft, ist gefähr­lich. Dabei ist es fast völ­lig egal, wel­che Ideo­lo­gie oder Über­zeu­gung sie ver­tritt. Das Pro­blem in Ungarn bei­spiels­wei­se ist nicht nur, dass die Fidesz­par­tei die Sozia­lis­ten abge­löst hat. Das Pro­blem ist, dass ihnen die Wäh­ler eine 2/3-Mehr­heit gege­ben haben und außer­par­la­men­ta­ri­sche Gegen­kräf­te zu schwach sind, um das Macht­über­ge­wicht zu kom­pen­sie­ren. Eine fik­ti­ve Drui­den­par­tei mit 2/3 der Sit­ze in einem Par­la­ment wäre eben­falls abzu­leh­nen!

Damit ist auch die Unter­ord­nung unter eine Par­tei­dis­zi­plin prin­zi­pi­ell nicht mög­lich. Natür­lich kann man Par­tei­en unter­stüt­zen, deren Wer­te und Posi­tio­nen einem gefal­len, solan­ge die­se fürs Gleich­ge­wicht nicht zur Gefahr wer­den. Doch Ziel soll­te im Regel­fall eine Dezen­tra­li­sie­rung der Macht sein. Je grö­ßer eine ein­zel­ne Macht wird, umso gefähr­li­cher ist sie für das Gleich­ge­wicht. Es stellt sich dabei nicht die Fra­ge, ob die­se Macht nun in Form einer Per­son, Par­tei oder ande­ren Orga­ni­sa­ti­on auf­tritt.

Auf der Wirt­schafts­ebe­ne ist das bereits zuvor ange­spro­che­ne Kar­tell­amt eine Orga­ni­sa­ti­on im drui­di­schen Geist. Sie soll das Markt­über­ge­wicht ein­zel­ner Fir­men ver­hin­dern, sobald es den frei­en Han­del behin­dert. Das Gleich­ge­wicht der Kräf­te muss vor zu star­ken Markt­teil­neh­mern geschützt wer­den.

Lan­ge Regie­rungs­zei­ten ein­zel­ner Per­so­nen, aber auch Par­tei­en selbst sind in einer Demo­kra­tie eine Gefahr. Die Gesell­schaft stellt sich zu stark auf die Füh­ren­den ein. Es kommt zu einer Ver­fes­ti­gung der Struk­tu­ren, das freie Spiel der Kräf­te wird gestört — mit nega­ti­ven Fol­gen. Ver­än­de­run­gen kön­nen nicht mehr recht­zei­tig aus­ge­gli­chen wer­den, um die Har­mo­nie zu wah­ren.

2a) Was lokal gelöst wer­den kann, soll lokal gelöst wer­den!

Loka­le Lösun­gen sind schnel­ler, weni­ger büro­kra­tisch und las­sen dem Spiel des Gleich­ge­wichts mehr Raum. Unter­schied­li­che Lösungs­an­sät­ze kön­nen in Wett­be­werb tre­ten. Ein natür­li­ches Gleich­ge­wicht stellt sich bes­ser ein.

2b) Je grö­ßer eine Orga­ni­sa­ti­on oder Struk­tur wird, umso trans­pa­ren­ter, ein­fa­cher und demo­kra­ti­scher muss der Auf­bau sein (moder­ne­re Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­men ermög­li­chen grö­ße­re demo­kra­ti­sche Struk­tu­ren).

Als Bei­spiel: Im Klei­nen (ein paar tau­send Ein­woh­ner) kann auch eine Mon­ar­chie eine prak­ti­sche Herr­schafts­form sein. Der Herr­scher ist abhän­gig von sei­nen Unter­ta­nen und muss rich­ti­ge Ent­schei­dun­gen tref­fen, da er sonst schnell sei­ne Macht ver­liert. Er regiert ten­den­zi­ell im Sin­ne des Vol­kes. Bei einem grö­ße­ren Staats­ge­bil­de kann selbst eine theo­re­ti­sche Demo­kra­tie dazu benutzt wer­den, um eine Herr­schaft gegen das Volk durch­zu­set­zen, wenn die Ent­schei­dungs­struk­tu­ren zu undurch­sich­tig und kom­plex wer­den, um vom Volk erfasst zu wer­den.

3) Es gibt kei­nen Ide­al­zu­stand!

Eine idea­le bzw. uto­pi­sche Gesell­schaft kann es aus drui­di­scher Sicht nicht geben. Viel­mehr lebt alles von dem Spiel min­des­tens zwei­er Kräf­te und stän­di­gen Wand­lun­gen. Ein Uto­pia wäre erstarrt und daher nicht mehr in der Lage, einen Aus­gleich her­bei­zu­füh­ren. Lang­fris­tig ist damit jede Uto­pie zum Schei­tern ver­ur­teilt. Aller­dings kann das Stre­ben nach einem Ide­al­zu­stand durch­aus zu Fort­schritt und Ver­bes­se­rung füh­ren (Dia­lek­tik — The­se, Anti­the­se, Syn­the­se).

4) Han­deln im Sin­ne des Gleich­ge­wichts?

Wich­tig ist es, die Erkennt­nis zu erlan­gen, dass es kei­ne abso­lu­ten Wahr­hei­ten gibt. Unter­schied­li­che Welt­an­schau­un­gen kön­nen wah­re Aspek­te eines grö­ße­ren Gan­zen umfas­sen. Zwei gegen­sätz­li­che Posi­tio­nen zu einem The­ma kön­nen Tei­le einer Wahr­heit sein. Wenn man drui­disch an ein Pro­blem her­an­geht, soll­te man nicht vor­schnell einer Sei­te einen Vor­zug geben, son­dern ver­su­chen, einen Aus­gleich zwi­schen bei­den zu schaf­fen. Das heißt nicht, dass sich ein drui­disch den­ken­der Mensch nicht auch für eine extre­me Posi­ti­on ein­set­zen kann. Er tut dies jedoch aus einem Grund: das Gleich­ge­wicht zu stär­ken. Dies erreicht er oft, indem er einen Gegen­pol zu einer ande­ren stär­ke­ren Posi­ti­on unter­stützt bzw. Struk­tu­ren stärkt, die einen leich­te­ren Aus­gleich ermög­li­chen. Grund­sätz­lich wird die Füh­rung einer ein­zel­nen Frak­ti­on oder Par­tei abge­lehnt. Kon­se­quent gedacht bedeu­tet es auch, dass es oft güns­tig ist, eine wie auch immer gear­te­ten Oppo­si­ti­on zu unter­stüt­zen. (Wobei natür­lich auch deren Zie­le wich­tig sind.) Nicht unbe­dingt, weil man etwas gegen die Poli­tik der gera­de Herr­schen­den hat, son­dern aus der Erkennt­nis des not­wen­di­gen Gleich­ge­wichts der Kräf­te her­aus.

Faktoren der Trägheit

Pro­ble­me ent­ste­hen durch die Träg­heit. Die meis­ten Men­schen wol­len, dass alles so bleibt wie es ist. Dabei sind es natür­lich beson­ders die Men­schen, die Macht und Ein­fluss haben. Der Herr­scher möch­te sei­ne Macht erhal­ten, die Kir­che den Glau­ben sichern. Hier­aus resul­tiert die Ten­denz des Drui­den, auf der Sei­te der Schwä­che­ren zu ste­hen. Dabei ste­hen Reli­gio­nen und Ideo­lo­gi­en oft einem dyna­mi­schen Gleich­ge­wicht ent­ge­gen. Im Bewusst­sein, eine abso­lu­te Wahr­heit zu ver­tre­ten, tre­ten sie oft Ver­än­de­run­gen ent­ge­gen. Das kann im Sin­ne von Sta­bi­li­tät nütz­lich sein, ist im Sin­ne der Dyna­mik und Ver­än­de­rung jedoch pro­ble­ma­tisch.

Reli­gi­on ist die Suche nach dem Unver­än­der­ba­ren. Sie hat ihre Wur­zeln in der Angst vor der stän­di­gen Ver­än­de­rung (wie Tod und Ver­fall). In allen gro­ßen Reli­gio­nen wird irgend­wann ein end­gül­ti­ger Zustand erreicht (bei­spiels­wei­se Him­mel, Höl­le etc.). Da sich aber alles ver­än­dert, wirkt Reli­gi­on als Kraft der Träg­heit. Reli­gi­on kann im Sin­ne eines Gegen­ge­wichts manch­mal hilf­reich sein, wird durch den dog­ma­ti­schen Ansatz aber oft zur Gefahr für einen fried­li­chen Aus­gleich.

Ideo­lo­gi­en sind Teil des Aus­gleichs und ste­hen ihm gleich­zei­tig im Weg. Sie ent­ste­hen meist in Zei­ten eines gro­ßen Ungleich­ge­wich­tes. So ent­stand bei­spiels­wei­se der Kom­mu­nis­mus aus der Unter­drü­ckung der Arbei­ter­klas­se her­aus, die aber gleich­zei­tig an Bedeu­tung immer wei­ter zunahm. Doch die star­re Ideo­lo­gie des „real exis­tie­ren­den Sozia­lis­mus“ konn­te nicht genug auf Ver­än­de­run­gen reagie­ren und ging an der eige­nen Unfle­xi­bi­li­tät zugrun­de. Der Anspruch, die abso­lu­te Wahr­heit gefun­den zu haben, war bereits der Kern des Unter­gangs.