Only Lovers Left Alive: Poetischer Liebesfilm mit Biss!

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cameo-kino_in_edinburgh(Foto by Angus Mcdi­ar­mid | Quel­le: Flickr |
Bild­be­schrei­bung: The Cameo | Lizenz: CC BY-NC 2.0)

Vor eini­gen Wochen schau­te ich mir im Sput­nik-Kino in den Höfen am Süd­stern (Ber­lin-Kreuz­berg) den Film „Only Lovers Left Ali­ve“ an — in der eng­li­schen Ori­gi­nal­ver­si­on mit deut­schen Unter­ti­teln. Ich lie­be die­ses klei­ne Art­house-Kino. Es hat einen ganz beson­de­ren Charme. Genau­so wie der roman­ti­sche Film vom Inde­pen­dent-Regis­seur Jim Jar­musch über die jahr­hun­der­te­al­te Lie­be zwi­schen den Vam­pi­ren Adam und Eve, wun­der­bar gespielt von Tom Hidd­les­ton und Til­da Swin­ton. Dazu nun eine Film­kri­tik von mir.


Hier klicken, um den Film-Trailer auf YouTube anzusehen...


Ori­gi­nal­ti­tel:Only Lovers Left Ali­ve
Pro­duk­ti­ons­län­der:Groß­ri­tan­ni­en, Deutsch­land
Erschei­nungs­jahr:Dezem­ber 2013
Län­ge:122 Minu­ten
Regie & Dreh­buch:Jim Jar­musch
Pro­duk­ti­on:Jere­my Tho­mas & Rein­hard Brun­dig
Musik:Jozef van Wis­sem
Kame­ra:Yorick Le Saux
Schnitt:Affon­so Gonçal­ves
Beset­zung:- Tom Hidd­les­ton: Adam
— Til­da Swin­ton: Eve
— Mia Was­i­kow­s­ka: Ava
— John Hurt: Mar­lo­we
— Anton Yel­chin: Ian
— Sli­ma­ne Dazi: Bil­al
— Jef­frey Wright: Dr. Wat­son

Der mit düs­te­rer Melan­cho­lie und atmo­sphä­ri­scher Musik, zugleich aber auch mit bis­si­gem Humor und geist­rei­chen Dia­lo­gen erfüll­te Film lebt von sei­ner aus­drucks­star­ken Bild­spra­che. Eine gelun­ge­ne Melan­ge! Bewusst wird mit übli­chen Kon­ven­tio­nen des Film­gen­res gebro­chen. Zum einen sorgt die ruhi­ge, lang­sa­me Erzähl­wei­se für eine sicht­ba­re Ent­schleu­ni­gung. Ein Kon­tra­punkt zu der Schnell­le­big­keit unse­rer Zeit und der Block­bus­ter-Men­ta­li­tät. Zum ande­ren kann hier nicht von einem Vam­pir­film im klas­si­schen Sin­ne gespro­chen wer­den.

Im Mit­tel­punkt steht nicht das „Blut­saugen“, son­dern die Lie­bes­be­zie­hung zwi­schen den see­len­ver­wand­ten Vam­pi­ren Eve und Adam, die sich mit einer unwirt­li­chen Umge­bung kon­fron­tiert sehen – der heu­ti­gen Gegen­wart. Bei­de sind dar­in Außen­sei­ter. Als wesent­li­che Kulis­se für den Film dient zunächst die Stadt Detroit. Die im US-Bun­des­staat Michi­gan lie­gen­de Metro­po­le hat­te im Jahr 2013 ihre Insol­venz erklärt. Womög­lich einer der Grün­de dafür, den melan­cho­lisch gestimm­ten Rock­mu­si­ker Adam dort anzu­sie­deln – in einer Geis­ter­stadt. Dort lebt er zurück­ge­zo­gen von der Außen­welt in einer alten Vil­la mit einer Innen­aus­stat­tung im Retro-Design inklu­si­ve einer aus­gie­bi­gen Samm­lung alter Gitar­ren und Vinyl­plat­ten. Ich mag die­ses Flair!

Adams gro­ße Lie­be Eve, die eine Fern­be­zie­hung mit ihm führt, reist aus der marok­ka­ni­schen Stadt Tan­ger nach Detroit, um ihn aus sei­ner Depres­si­on zu holen. Hier ent­wi­ckeln sich die für den wei­te­ren Hand­lungs­ver­lauf maß­geb­li­chen Ereig­nis­se. Die Gesell­schafts­kri­tik im Film spie­gelt sich unter ande­rem in den Äuße­run­gen von Adam über die Men­schen wider. Die­se bezeich­net er als Zom­bies. Wort­wört­lich heißt es von Adam im Film: „I’m sick of it — the­se zom­bies, what they’ve done to the world, their fear of their own ima­gi­na­ti­ons.“  Das Blut der Zom­bies ist mitt­ler­wei­le so ver­seucht, dass die Vam­pi­re gera­de­zu vom Aus­ster­ben bedroht sind. Für mich eine Para­bel auf die häu­fi­ge Kurz­sich­tig­keit im Han­deln des Men­schen wie etwa bezo­gen auf die glo­ba­le Umwelt­zer­stö­rung. Aller­dings ver­fällt der Film nicht in ein­sei­ti­ge Kri­tik am Zeit­geist – auch die bei­den Prot­ago­nis­ten sind davon zuwei­len nicht aus­ge­nom­men. Und: Der Film nimmt sich selbst nicht tod­ernst. Als ich gegen Mit­ter­nacht das Kino ver­las­se und nach Hau­se rad­le, krei­sen mei­ne Gedan­ken noch lan­ge um die­se poe­ti­sche Lie­bes­ge­schich­te.

In einer für mich her­aus­ra­gen­den Film­kri­tik beschreibt Mato von Vogel­stein „Only Lovers Left Ali­ve“ tref­fend als einen viel­deu­ti­gen „Film über Exis­tenz und Zeit, über Aus­ster­ben und Erhal­tung, zum Sich-dar­in-ver­lie­ren und Wie­der­auf­er­ste­hen. Er ist eine zynisch-bis­si­ge, bild­haf­te Under­ground-Par­odie, voll­ge­packt mit selbst­iro­ni­schen Poin­ten, und zugleich eine authen­ti­sche Hom­mage an die Zwei­sam­keit. Gestal­te­risch ein anschwel­len­des Wech­sel­spiel aus Stil­le, Ver­druss und Betö­rung wie in einem lan­gen Instru­men­tal­mu­sik­stück, das uns rast­lo­se Kon­zep­te der Sinn­su­che ent­lo­cken kann, aber letzt­end­lich bei aller Weh­mut und Schwarz­se­he­rei auf die Lie­be des Hier und Jetzt besin­nen will. […] Im Dunst­kreis von Poe­sie und star­rer Cool­ness, zwi­schen Under­ground­ki­no, Kunst­sa­ti­re, exzen­tri­scher Indi­vi­dua­lis­mus­kri­tik, Roman­ze und skur­ri­lem Vam­pir­gen­re trifft ‘Only Lovers Left Ali­ve’ einen ganz eige­nen Ton…“