Only Lovers Left Alive: Poetischer Liebesfilm mit Biss!


Charlie Rutz

by Charlie Rutz | Datum: 17.03.2014
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(Foto by Angus Mcdiarmid | Lizenz: CC BY-NC 2.0 | Cameo-Kino in Edinburgh)

Vor einigen Wochen schaute ich mir im Sputnik-Kino in den Höfen am Südstern (Berlin-Kreuzberg) den Film „Only Lovers Left Alive“ an – in der englischen Originalversion mit deutschen Untertiteln. Ich liebe dieses kleine Arthouse-Kino. Es hat einen ganz besonderen Charme. Genauso wie der romantische Film vom Independent-Regisseur Jim Jarmusch über die jahrhundertealte Liebe zwischen den Vampiren Adam und Eve, wunderbar gespielt von Tom Hiddleston und Tilda Swinton. Dazu nun eine Filmkritik von mir.

 

Originaltitel:Only Lovers Left Alive
Produktionsländer:Großritannien, Deutschland
Erscheinungsjahr:Dezember 2013
Länge:122 Minuten
Regie & Drehbuch:Jim Jarmusch
Produktion:Jeremy Thomas & Reinhard Brundig
Musik:Jozef van Wissem
Kamera:Yorick Le Saux
Schnitt:Affonso Gonçalves
Besetzung:- Tom Hiddleston: Adam
- Tilda Swinton: Eve
- Mia Wasikowska: Ava
- John Hurt: Marlowe
- Anton Yelchin: Ian
- Slimane Dazi: Bilal
- Jeffrey Wright: Dr. Watson

Der mit düsterer Melancholie und atmosphärischer Musik, zugleich aber auch mit bissigem Humor und geistreichen Dialogen erfüllte Film lebt von seiner ausdrucksstarken Bildsprache. Eine gelungene Melange! Bewusst wird mit üblichen Konventionen des Filmgenres gebrochen. Zum einen sorgt die ruhige, langsame Erzählweise für eine sichtbare Entschleunigung. Ein Kontrapunkt zu der Schnelllebigkeit unserer Zeit und der Blockbuster-Mentalität. Zum anderen kann hier nicht von einem Vampirfilm im klassischen Sinne gesprochen werden. Im Mittelpunkt steht nicht das „Blutsaugen“, sondern die Liebesbeziehung zwischen den seelenverwandten Vampiren Eve und Adam, die sich mit einer unwirtlichen Umgebung konfrontiert sehen – der heutigen Gegenwart. Beide sind darin Außenseiter. Als wesentliche Kulisse für den Film dient zunächst die Stadt Detroit. Die im US-Bundesstaat Michigan liegende Metropole hatte im Jahr 2013 ihre Insolvenz erklärt. Womöglich einer der Gründe dafür, den melancholisch gestimmten Rockmusiker Adam dort anzusiedeln – in einer Geisterstadt. Dort lebt er zurückgezogen von der Außenwelt in einer alten Villa mit einer Innenausstattung im Retro-Design inklusive einer ausgiebigen Sammlung alter Gitarren und Vinylplatten.

Ich mag dieses Flair!

Adams große Liebe Eve, die eine Fernbeziehung mit ihm führt, reist aus der marokkanischen Stadt Tanger nach Detroit, um ihn aus seiner Depression zu holen. Hier entwickeln sich die für den weiteren Handlungsverlauf maßgeblichen Ereignisse. Die Gesellschaftskritik im Film spiegelt sich unter anderem in den Äußerungen von Adam über die Menschen wider. Diese bezeichnet er als Zombies. Wortwörtlich heißt es von Adam im Film: „I’m sick of it – these zombies, what they’ve done to the world, their fear of their own imaginations.“  Das Blut der Zombies ist mittlerweile so verseucht, dass die Vampire geradezu vom Aussterben bedroht sind. Für mich eine Parabel auf die häufige Kurzsichtigkeit im Handeln des Menschen wie etwa bezogen auf die globale Umweltzerstörung. Allerdings verfällt der Film nicht in einseitige Kritik am Zeitgeist – auch die beiden Protagonisten sind davon zuweilen nicht ausgenommen. Und: Der Film nimmt sich selbst nicht todernst. Als ich gegen Mitternacht das Kino verlasse und nach Hause radle, kreisen meine Gedanken noch lange um diese poetische Liebesgeschichte.

In einer für mich herausragenden Filmkritik beschreibt Mato von Vogelstein „Only Lovers Left Alive“ treffend als einen vieldeutigen „Film über Existenz und Zeit, über Aussterben und Erhaltung, zum Sich-darin-verlieren und Wiederauferstehen. Er ist eine zynisch-bissige, bildhafte Underground-Parodie, vollgepackt mit selbstironischen Pointen, und zugleich eine authentische Hommage an die Zweisamkeit. Gestalterisch ein anschwellendes Wechselspiel aus Stille, Verdruss und Betörung wie in einem langen Instrumentalmusikstück, das uns rastlose Konzepte der Sinnsuche entlocken kann, aber letztendlich bei aller Wehmut und Schwarzseherei auf die Liebe des Hier und Jetzt besinnen will. […] Im Dunstkreis von Poesie und starrer Coolness, zwischen Undergroundkino, Kunstsatire, exzentrischer Individualismuskritik, Romanze und skurrilem Vampirgenre trifft ‚Only Lovers Left Alive‘ einen ganz eigenen Ton…“

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