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Der Ausschluss aus dem Schriftstellerverband der DDR

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„Wie habt ihr euch damals verhalten, Meister des Wortes,
als es darauf ankam, sich zählen zu lassen?“ (Stefan Heym)

Am 7. Juni 1979 schloss der Schriftstellerverband der DDR neun seiner Mitglieder aus. Unter ihnen auch der berühmte Autor Stefan Heym. Die damalige Debatte innerhalb des Verbandes zeigte das Spannungsfeld, in dem sich die Autoren in der DDR bewegten, zwischen realistischem Anspruch und politischer Beeinflussung.

Der Kampf um Öffentlichkeit

Welche Aufgabe hatte die Literatur in der DDR? Welche Aufgabe die Kunst? Diese Frage darf bei der Betrachtung der veröffentlichten Literatur, beim Umgang mit Kunst und Kultur in der DDR nicht aus dem Auge verloren werden. Unterhaltung, Reflexion der sozialen Verhältnisse, Hilfe, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu verstehen, Vermittlung von Lehren (Brecht), Widerspiegelung der Wirklichkeit mit künstlerischen Mitteln, Bestandteil der, so die Lesart der Ideologen, Klassenauseinandersetzung zwischen Kapitalismus und Sozialismus? Sicher hatte die Kunst in der DDR von alledem ein bisschen zu transportieren. Die 1928 von Friedrich Wolf (1888 – 1953) gehaltene Rede „Kunst ist Waffe“ umreißt die starke Politisierung der Kunst und vor allem der Literatur im Bund proletarischer Schriftsteller, die später auch der Kulturpolitik der DDR als Grundlage diente. Allerdings weisen auch viele Stücke Bertold Brechts eine starke sozialistische Parteilichkeit auf, die im historischen Kontext gesehen werden muss. Musste (oder durfte) dabei aber die kritische Auseinandersetzung mit der Realität auf der Strecke bleiben? Oder hätte nicht gerade in ihr eine Chance für das gesamte System gelegen? Das sind Fragen, die sich bei der Auseinandersetzung mit dem Ausschluss der neun Autoren aus dem Schriftstellerverband der DDR ergeben.

Die Situation

Am 7. Juni 1979 schließt der Schriftstellerverband der DDR neun seiner Mitglieder aus.[1] Unter ihnen der Autor von „Kreuzfahrer von heute“ Stefan Heym, der 1933 aus Deutschland emigrieren musste und als Angehöriger der US-Armee an der Befreiung Deutschlands vom NS-Regime beteiligt war.

Weshalb diese Entscheidung? Ging es um das Öffentlichkeitsmonopol der SED?

Die Schriftsteller sollten das Leben im Sozialismus realistisch darstellen. Bei der Reflexion der Probleme und Schwierigkeiten im gesellschaftlichen Leben der DDR erhielten sie allerdings schnell ein staatsfeindliches Etikett. Ein unauflösbarer Widerspruch! So war auch die alltägliche Praxis sehr widersprüchlich. Einige Veröffentlichungen wurden unterbunden, andere, teils ebenso kritische Bücher, erschienen aber trotzdem. Die Zensur ging oft recht merkwürdig vor. So wurden drei Bücher von Stefan Heym infolge verboten – 1973 durften sie plötzlich erscheinen.

Was war vorausgegangen?

Diese Unberechenbarkeit der verantwortlichen „Kulturpolitiker“ animierte einige Autoren andere Wege zu gehen, um Öffentlichkeit zu erzielen: Sie nutzten die Verlage und die Medien in der BRD. Romane und Gedichtbände, die nicht erscheinen konnten, wurden im Westen veröffentlicht. Die DDR-Führung hatte nur zwei Möglichkeiten: Sie musste ihre restriktiven Beschränkungen etwas zurücknehmen oder die Nutzung der westlichen Medien unterbinden. Sie entschied sich für den Konfrontationskurs. Eine Lockerung der Zensur wäre ohne wirkliche Reformen nicht denkbar gewesen. Und für Reformen war das Gesamtsystem bereits zu sehr erstarrt! So musste eine Verschärfung des Devisengesetzes dafür herhalten, kritisches Denken und vor allem kritisches Schreiben zu unterbinden, es wurde zum Druckmittel gegen widerspenstige Schriftsteller.

Das Strafrecht wurde als Reservegeschütz in Stellung gebracht. Wer ohne Einwilligung des Büros für Urheberrechte im Ausland veröffentlichte, wurde wegen Devisenvergehens mit hohen Geldstrafen belegt. Ebenso wurde das Strafrecht verschärft. Der Paragraph 219 besagte unter anderem: Es ist zu bestrafen „wer als Bürger der Deutschen Demokratischen Republik Nachrichten, die geeignet sind den Interessen der Deutschen Demokratischen Republik zu schaden, im Ausland verbreitet oder verbreiten lässt.“[2] Damit konnte jede kritische Äußerung, die im Ausland veröffentlicht wurde, bestraft werden. Dieser Teil des Strafrechts diente vor allem der Abschreckung. Doch viele Schriftsteller und Künstler zeigten spätestens bei den Auseinandersetzungen über die Biermann-Ausbürgerung, dass sie nicht bereit waren, auf die Öffentlichkeit zu verzichten, die ihnen die westlichen Medien boten.

Seit der Ausbürgerung Wolf Biermanns hatte sich unter vielen Schriftstellern eine Verbitterung gegenüber der Politik der DDR-Führung verfestigt. Stefan Heym veröffentlichte seinen Roman „Collin“ in der BRD ohne die Zustimmung des Büros für Urheberrechte, die er gewiss auch nicht erhalten hätte. Daraufhin wurde er wegen des Verstoßes gegen das Devisengesetz verurteilt und musste 9.000 Mark Strafe  zahlen. Im Zentralorgan des ZK der SED, dem „Neues Deutschland“, wurde Stefan Heym als „ehemaliger USA-Bürger“ denunziert.

Kritik innerhalb des Systems am System

Trotzdem waren viele Schriftsteller nicht mehr bereit, die ständigen Einschränkungen und Behinderungen in ihrer Arbeit widerstandslos hinzunehmen. So unterzeichneten acht Schriftsteller[3] einen Brief an den SED-Generalsekretär Erich Honecker. In diesem Brief heißt es unter anderem: „ … mit wachsender Sorge verfolgen wir die Entwicklung unserer Kulturpolitik. Immer häufiger wird versucht, engagierte, kritische Schriftsteller zu diffamieren, mundtot zu machen oder, wie unseren Kollegen Stefan Heym, strafrechtlich zu verfolgen. Der öffentliche Meinungsstreit findet nicht statt. Durch die Koppelung von Zensur und Strafgesetzen soll das Erscheinen kritischer Werke verhindert werden.“[4] Diese scharfe Kritik an der DDR-Kulturpolitik wurde begleitet von einer Darstellung ihres Selbstverständnisses als Schriftsteller der DDR. „Wir sind der Auffassung, dass der Sozialismus sich vor aller Öffentlichkeit vollzieht; er ist keine geheime Verschlusssache. Über seine Erfolge und Niederlagen, das heißt über unsere Erfahrungen zu schreiben, halten wir für unsere Pflicht und unser Recht.“ Natürlich wurde dieser Brief in der DDR-Presse nicht veröffentlicht. Nach einer Woche unterrichteten die Briefunterzeichner die westdeutsche Presse über den Brief und seinen wesentlichen Inhalt. Diese Verzögerung hatte mehrere Gründe. Die Unterzeichner wollten der DDR-Regierung Verhandlungsbereitschaft signalisieren und den Verdacht vermeiden, sie wollen über die Medien der BRD mit der DDR-Regierung diskutieren. Da sie aber auch die Öffentlichkeit über ihre Unterstützung für Stefan Heym informieren wollten, beschlossen die Autoren, die westdeutsche Presse zwar zu informieren, aber ohne ihr den genauen Wortlaut des Briefes zu übermitteln und mit der bereits erwähnten zeitlichen Verzögerung.

Die Antwort

Die Reaktion erfolgte prompt. Ein polemischer offener Brief von Dieter Noll an Erich Honecker wurde im „Neuen Deutschland“ veröffentlicht. In dem Brief versicherte Noll, dass die Schriftsteller voll hinter der Partei und der Kulturpolitik der Regierung stünden, mit der Ausnahme, dass es „einige wenige kaputte Typen wie die Heym, Seyppel oder Schneider … gibt.“[5] Auch das Referat Hermann Kants, das ebenfalls im „Neuen Deutschland“ erschien, muss als direkte Reaktion auf den, in der DDR nie veröffentlichten Brief, verstanden werden. „Wer die staatliche Lenkung und Planung auch des Verlagswesens Zensur nennt, macht sich nicht Sorge um unsere Kulturpolitik, er will sie nicht.“[6] Deutlich wird in dem Referat auch, dass Kant die Aufgaben der Literatur darin sieht, dem Ansehen der DDR zu dienen. Eine wirkliche Kritik kommt damit nicht in Frage. Hermann Kant hatte 1978 die Nachfolge von Anna Seghers als Präsident des Schriftstellerverbandes übernommen. Er hat Strittmatter, Hermlin und zeitweilig auch Erich Loest gegen Widerstände aus der Parteiführung unterstützt. Nun wurde er zum Vollstrecker der offiziellen Parteilinie gegenüber den kritischen Schriftstellern. Denn die SED-Führung wollte es nicht bei verbaler Polemik bewenden lassen, sondern an den renitenten Schriftstellern ein Exempel statuieren.

Die Ausschlüsse werden vorbereitet

So wurde ein groß angelegtes Ausschlussverfahren aus dem Schriftstellerbund der DDR geplant. Der Schriftstellerverband besaß einige Bedeutung für die materielle Absicherung seiner Mitglieder. Über den Schriftstellerverband erhielt man z.B. Aufträge und eine Steuernummer, die überhaupt erst eine freiberufliche Tätigkeit erlaubte. Die Folgen eines solchen Ausschlusses waren also für die konkrete Person erheblich. Doch wer sollte ausgeschlossen werden? Die acht Unterzeichner des Briefes an Honecker boten sich an, doch zwei waren bereits aus dem Verband ausgetreten. Es wurde versucht, Erich Loest auszuschließen, allerdings in seinem Fall ohne Erfolg. Er hatte im Regionalverband Leipzig einen zu großen Rückhalt. Er trat 1980 aus dem Verband aus und verließ die DDR. Für diese drei wurden vier andere den Auszuschließenden zugeschlagen. Sie alle waren durch Veröffentlichungen im Westen, kritische Briefe oder Sympathiebekundungen für Dissidenten negativ aufgefallen. Stefan Heym stand auf der Liste ganz oben, wurde er doch für die Krise verantwortlich gemacht. Stefan Heym zählte zu den Schriftstellern und Künstlern, wie Bertold Brecht und Anna Seghers, die nach 1945 aus dem Exil freiwillig und bewusst in die DDR gegangen waren. Dem überzeugten Kommunisten Heym wurde antikommunistische Hetze vorgeworfen, dem weltberühmten Schriftsteller wurde vorgehalten, sein kritisches Buch „Collin“ befände sich auf dem Niveau eines Konsalik. Schon lange vorher hat Wolfgang Leonhard einen Satz geschrieben, der gut auf diese Ereignisse passt: „Die Revolution frisst ihre Kinder!“ Den Autor Stefan Heym anzugreifen, bedeutete auch ein erheblicher Imageschaden für die DDR. Offensichtlich war die Politik der DDR-Führung bereits stark defensiv. Sie unterdrückte jeden Hauch von Opposition, weil sie spürte, dass ihr die Gesamtsituation entglitt und jede noch so schwache Opposition ihr Ende bedeuten könnte.

Die Umsetzung

Das Ausschlussverfahren war gut vorbereitet, und am Ausgang konnte es keinen Zweifel geben. Trotzdem sind die Debatten äußerst interessant. In den Reden ging es um wichtige Fragen. Darf man sich als Schriftsteller der DDR in der westdeutschen Presse kritisch zur DDR äußern? Diese Frage stand im Zentrum der Debatte. Viele Schriftsteller bezeichneten dies Mittel als ungeeignet, obwohl sie die Probleme, kritische Literatur und Stellungnahmen zu veröffentlichen, aus eigener Erfahrung kannten. Wie Stefan Heym allerdings richtig dazu anmerkte: „Ich würde lieber auf diese Anwürfe … in unserer Presse antworten. Aber schon seit Jahren steht mir unsere Presse nicht mehr offen. Und so kann ich, wenn ich die Menschen in der DDR erreichen will, nur noch diesen Weg gehen.“[7] Hier möchte ich zur Eingangsfrage zurückkommen: Welche Aufgabe hatte die Literatur in der DDR? Diese Frage stand auch im Mittelpunkt. Hermann Kant meinte dazu: „Unsere Literatur genießt auch deshalb in diesem Land Ansehen, weil sie zum Ansehen des Landes beigetragen hat. … Werktätig ist man hier nicht nur, wenn man in einem Werk tätig ist, sondern auch an einem, einem Literarischen zum Beispiel.“[8] Die Literatur ist nach Auffassung Kants dem Land und der Politik verpflichtet und darf dem nicht entgegenstehen.

Die Stellung Stefan Heyms dazu hat dieser selber klar formuliert: Kritische Literatur mag mit kurzfristigen politischen Überlegungen nicht übereinstimmen, doch Literatur soll „auch in zwanzig oder fünfzig Jahren noch gültiges über unsere Zeit aussagen. …wer die Kunst irgendwelchen taktischen Bedürfnissen unterwerfen will, vernichtet gerade die Kunst, die der Sozialismus braucht.“[9] „Man wird versuchen, das ist auch der Zweck dieses Verfahrens, mich aus dem Land zu graulen. Ich möchte sagen, daß ich diese Republik nicht freiwillig verlassen werde.“[10] Ein klares Bekenntnis zu einer antikapitalistischen Grundauffassung, der Heym auch nach der Wiedervereinigung als Alterspräsident des Deutschen Bundestages treu blieb.

Während der ganzen Debatten bekam nur Stephan Hermlin großen Beifall, seine Rede sollte es also wert sein, genauer betrachtet zu werden. Stephan Hermlin nahm eine vermittelnde Position ein. Er sprach gegen die Veröffentlichungen im Westen und von dem Hang einiger Schriftsteller, sich mehr mit Interviews und offenen Briefen zu beschäftigen als mit dem Schaffen von Literatur. Aber auch gegen die Ausschlüsse wendete er sich sehr deutlich. Er war sich der Probleme bewusst, hoffte aber eine Einigung zwischen Schriftstellern und Staatsführung erreichen zu können. „Wir haben eine lange Tradition im Nichtertragen anderer Meinungen und im Glauben daran, daß die eigene Meinung die Alleinseligmachende ist.“[11]

Er plädiert für die Rückkehr zur Vernunft und die Unterbrechung des gegenseitigen Hochschaukelns dieses Konflikts. Er forderte auch auf, sich der Probleme der Schriftsteller anzunehmen: „Wir Marxisten haben immer nach den Ursachen von Handlungen und Verhaltensweisen gefragt, um fehlerhafte Handlungen und Verhaltensweisen verändern zu können, wo ihnen das möglich sein müsste. Wenn Schriftsteller der DDR sich dort äußern, wo sie sich eigentlich nicht äußern sollten, so liegt es daran, dass sie sich oft nicht äußern können, wo ihnen das möglich sein müsste.“[12] Allerdings ahnte er bereits, dass seine vermittelnde Position in der aufgeheizten Atmosphäre nicht mehr zeitgemäß war. Die Fronten hatten sich zu stark verhärtet. Der Ausschluss wurde mit großer Mehrheit (cirka 80%) beschlossen.

Schlussbetrachtung

Die DDR-Führung hatte demonstriert: Kritische Literatur ist unerwünscht! Bereits damals war das gesellschaftliche System so erstarrt, dass es zu Reformen nicht mehr fähig war. Als es 1989 die Kritik nicht mehr ersticken konnte, zerfiel es. Das Problem ist das nicht nur in der DDR anzutreffende schwarz-weiß malen. Es gibt nur Gut oder Böse, Freund oder Feind. Wer in der Westpresse veröffentlicht oder gar Kritik an der DDR äußert, kollaboriert mit dem Klassenfeind, ist der Feind.

Nach Gründen, dem „Wieso?“, wurde nicht gefragt. Aus Sicht der Staats- und Parteiführung zählte die BRD zur „Achse des Bösen“. Die SED-Führung hatte den Kampf gewonnen – aber es war ein Pyrrhussieg. Hunderte Künstler verließen die DDR. Es waren Menschen, die eigentlich loyal zur DDR standen, die der gesellschaftlichen Idee „Sozialismus“ aufgeschlossen begegnet waren. Sie wurden in die Gegnerschaft gezwungen, wenn sie ihren kritischen Geist bewahren wollten.

Die zahlreichen Protestbriefe zeigen, wie der Ausschluss von vielen Menschen in der DDR reflektiert wurde. Protestbriefe gegen den Ausschluss kamen unter anderem von Christa Wolf und Günther de Bruyn, die natürlich auch gegen den Ausschluss gestimmt hatten. Stefan Heym wusste natürlich von dem Druck, der auf viele der Anwesenden bezüglich der Abstimmung ausgeübt wurde.

Doch er erinnert daran, „dass eines Tages ihre Söhne und Töchter sich bei ihnen erkundigen werden… Wie habt ihr euch damals verhalten, Meister des Wortes, als es darauf ankam, sich zählen zu lassen?“[13]

Quelle

Walther, Joachim u.a. (hg.): Protokoll eines Tribunals – Die
Ausschlüsse aus dem DDR-Schriftstellerverband 1979.

Literatur

Heym, Stefan: Wege und Umwege München. 1980.

Jäger, Manfred Kultur und Politik in der DDR Köln 1994.

Mittenzwei, Werner: Die Intellektuellen – Literatur und Politik
in Ostdeutschland von 1945 bis 2000. Leipzig 2001.


[1] Kurt Bartsch, Adolf Endler, Stefan Heym, Karl-Heinz Jakobs, Klaus Poche, Klaus  Schlesinger, Rolf Schneider, Dieter Schubert und Joachim Seyppel.

[2] Jäger: Kultur und Politik in der DDR S.169.

[3] Kurt Bartsch, Jurek Becker, Adolf Endler, Erich Loest, Klaus Poche, Klaus Schlesinger, Dieter Schubert und Martin Stade.

[4] Walther: Protokoll eines Tribunals S.65.

[5] Walther: Protokoll eines Tribunals S.97.

[6] Walther: Protokoll eines Tribunals S.106.

[7] Heym: Wege und Umwege S.381.

[8] Walther: Protokoll eines Tribunals S.109.

[9] Walther: Protokoll eines Tribunals S.47.

[10] Heym: Wege und Umwege S.381.

[11] Walther: Protokoll eines Tribunals S.57.

[12] Walther: Protokoll eines Tribunals S.56.

[13] Walther: Protokoll eines Tribunals S.47.

 

Faustus-Debatte in der SED-Kulturpolitik der 50er Jahre

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Inhaltsverzeichnis

1. Einführung
2. Hauptteil
__2.1 Historischer Hintergrund – Musik in der DDR
__2.2 Hanns Eislers „Johann Faustus“ und die Faustus-Debatte
3. Fazit – Die kulturpolitische Konfrontation
4. Literaturverzeichnis

1. Einführung

„Hübsch provokant ist ja das Ganze […]“[1], antwortete Thomas Mann im November 1952 dem Komponisten Hanns Eisler auf seinen Textentwurf des Librettos „Johann Faustus“. Diese Bemerkung scheint dabei repräsentativ für die gesamte musikwissenschaftliche und politische Auseinandersetzung mit dem Werk Eislers in der Öffentlichkeit der DDR. Welches Ausmaß diese unkonventionelle Faust-Interpretation auf die Kulturpolitik der DDR wirklich haben sollte und welche Reaktionen durch diesen Text ausgelöst wurden, konnte Thomas Mann dennoch nicht einmal ansatzweise ermessen. Ein halbes Jahr nach der Veröffentlichung des „Johann Faustus“ von Hanns Eisler entbrannte 1953 am Beispiel dieses Entwurfs eine der grundlegendsten Diskussionen über die künstlerische Verwendung und Verwertung des Werks Goethes. Die, unter dem Namen Faustus-Debatte bekannt gewordene, Konfrontation spiegelt die elementare Diskrepanz zwischen einer freien künstlerischen Interpretation des klassischen Erbes auf der einen Seite und der Vorgaben der SED in der Klassikrezeption auf der anderen Seite wider. Der Untersuchungsgegenstand des vorliegenden Essays soll jedoch keine inhaltliche Analyse der Oper Eislers darstellen, sondern eine nähere Betrachtung des dazugehörigen öffentlichen Diskurses. Inwieweit verfolgte die Faustus-Debatte literarische oder politische Intentionen? Welche Bedeutung besaß diese Auseinandersetzung im Rahmen der angestrebten Kulturpolitik der DDR und welche tatsächlichen Absichten verfolgte Eisler mit seinem Libretto? Ziel des Essays ist es, unter Berücksichtigung der vielseitigen Hintergrundinformationen, die Faustus-Debatte aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten und in die Politik der SED der 50er Jahre einzuordnen.

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Der Riss der Generationen in den achtziger Jahren

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Inhaltsverzeichnis

1. Einführung
2. Hauptteil
__2.1 Die großen Alten und die mittlere Generation
__2.2 Die Generation der Sprachveränderer
__2.3 Reaktionen der Etablierten
3. Schlussbemerkung
4. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einführung

Die Kulturpolitik der DDR bewegte sich in den Jahren ihrer Existenz zwischen Eiszeit und Tauwetter. Nach der seit 1965 besonders starr gewordenen kulturpolitischen Atmosphäre wurde zu Beginn der siebziger Jahre eine neue Ära in der Kulturpolitik eingeleitet. Honeckers Statement: „Wenn man von der festen Position des Sozialismus ausgeht, kann es meines Erachtens auf dem Gebiet von Kunst und Literatur keine Tabus geben“[1], wurde als Aufforderung in Richtung kultureller Freizügigkeit interpretiert. Die SED-Führung bestimmte ab 1971 drei kulturpolitische Leitpunkte: Erstens die Anhebung des kulturellen Niveaus der Bevölkerung, zweitens die Förderung des sozialistisch-realistischen Kunstschaffens und drittens ein auf Vertrauen basierendes, kameradschaftliches Miteinander zwischen Partei und Kulturschaffenden. Das vertrauensvolle Verhältnis zwischen Staatsführung und Intelligenz erhielt jedoch spätestens 1976 tiefe Risse, denn die Ausbürgerung Wolf Biermanns wirkte massiv auf den größten Teil der Intellektuellen. Nach Werner Mittenzwei war Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre noch immer eine Stetigkeit bezüglich der DDR-Literatur auszumachen. Trotzdem kam es in dieser Zeit zu einer „Veränderung im literarischen Kräftefeld“[2]. Unter der jüngeren Autorengeneration machte sich Unbehagen gegenüber den renommierten Schriftstellern breit. Sie fühlten sich als „Randständige“ und warfen den kulturpolitischen Institutionen Vernachlässigungen vor. Die Werke dieser Autoren standen jedoch durchaus in Kontinuität zu den Veröffentlichungen anerkannter Schriftsteller, denn in der Einstellung zur DDR unterschied man sich kaum. Abweichend verhielt es sich mit der jüngsten Autorengeneration zu Beginn der achtziger Jahre. Diese neue Generation, welche die Traditionen der Vätergeneration radikal ablehnte, suchte nach einer neuen Ausdrucksform für ihre Unruhe, ihren Unmut und ihre Wünsche. Die sich vor allem in Berlin Prenzlauer-Berg, aber auch in Dresden-Neustadt oder Leipzig-Connewitz formierenden Gruppierungen suchten eine neue Ausdrucksweise, eine „andere Sprache“[3]. Es entstand eine andere Literatur, eine intuitive Literatur, deren Antrieb „radikale Neusetzung“[4] war. Verfechter dieser anderen Sprache waren Lutz Rathenow, Uwe Kolbe, Sascha Anderson, Bert Papenfuss-Gorek oder Rainer Schedlinski, um nur einige zu nennen. Diese Befreiungsversuche blieben nicht nur auf die jüngste Generation der Autorenschaft beschränkt. Auch Kulturschaffende in Theater, Film, Bildender Kunst oder Musik versuchten sich den staatlichen Vorgaben zu entziehen. Dieser Essay konzentriert sich jedoch auf den Riss der Generationen in den achtziger Jahren bezüglich der Autorenschaft und fragt, wiedieser zu erklären ist und sich äußerte?

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Die Fliegen Sartres und ihre Kritik an der Stalinisierung der SBZ

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Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort
2. Hauptteil
__2.1 Die Fabel der Fliegen und der Existentialismus Sartres
__2.2 Die Fliegen und die stalinistische Herrschaftspraxis
__2.3 Sartre als Ansatzpunkt für einen Widerstand gegen die Stalinisierung?
3. Schlussbemerkung
4. Quellen- und Literaturverzeichnis

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1. Vorwort

Deutschlands Kultur war nach dem zweiten Weltkrieg – wie die Infrastruktur und Millionen Wohnungen – zerstört und lag am Boden. In den 12 Jahren von 1933-45 wurden große Teile der Kultur für nationalsozialistische Propaganda missbraucht. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann der Wiederaufbau der Kultur. Dabei orientierte man sich an der Tradition der Klassiker. Weniger bot die Kunst der Weimarer Republik einen Ansatzpunkt für einen kulturellen Neubeginn. Im besonderen Maße wurde aber auch internationale Kultur nach Deutschland importiert. Es schien so, als wolle Deutschland das nachholen, was es in den 12 Jahren der Isolation verpasst hatte.[1] In den großen Städten, wie in Berlin, kam es zu einem bunten Treiben. Neben den Vorstellungen der nicht zerbombten Theater gab es auch eine breite Kleinkunstbewegung und beswingte Kellerräume, in denen amerikanische Musik gespielt wurde. In dieser Zeit wurde die Kulturpolitik eher liberal gehandhabt.

Diese liberale Kulturpolitik und der kulturelle Neuanfang führten auch dazu, dass Sartres Werke im Nachkriegsdeutschland stark rezipiert wurden. Besonders in den westlichen Besatzungszonen wurden Sartres Tragödien inszeniert. So fanden in den Jahren 1946-49 mehr als 20 Aufführungen statt. Es gab zwei sehr umstrittene Sartre-Aufführungen im besetzten Deutschland. So fand die Deutschland-Premiere der 1943 in Paris uraufgeführten Fliegen in einem Düsseldorfer Theater statt. Diese von Gründgens inszenierte Premiere wurde sehr polemisch in der SBZ-nahen Theaterzeitschrift Theater der Zeit diskutiert (1947). Die zweite Inszenierung erfolge am 7. Januar 1948 im Berliner Hebbeltheater, welches in der amerikanischen Besatzungszone lag.

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