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Abtreibung: Wie weit geht Barmherzigkeit?

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Zwei katholische Kliniken in Köln weisen ein Vergewaltigungsopfer ab. Möglicherweise könnte sie ja die „Pille danach“ verlangen, die eine beginnende Schwangerschaft verhindert. Auch wenn es aus wissenschaftlicher Sicht Unsinn ist, für christliche Fundamentalisten wäre es bereits eine Abtreibung. Der Fall schlägt in ganz Deutschland Wellen, doch eine Überraschung ist er eigentlich nicht. Katholische Kliniken sind, auch wenn zu 90 % von Steuergeldern finanziert, eben nicht nur medizinische Einrichtungen, sondern unterliegen religiösen Dogmen.

Abtreibungen sind immer ein schwieriges Thema. Wie weit geht der Schutz ungeborenen Lebens, wie weit die Rechte der Frauen? Kaum eine Frau wird eine solche Entscheidung leichtfertig treffen. Doch die katholische Kirche beansprucht für sich, die Entscheidung für die Frauen zu treffen. In Deutschland kann sie das nur noch begrenzt durchsetzen, die Aufklärung ist zu weit vorangeschritten. Doch der Druck fundamentalistischer Christen hat auch in Deutschland wieder zugenommen. Die Ärzte in den beiden Kliniken sollen Angst vor Entlassungen gehabt haben. Nicht nur für den Fall der Verschreibung der Pille danach, was in katholischen Kliniken grundsätzlich verboten ist, sondern auch dann, wenn man die betreffende Patientin über diese Möglichkeit informiert und diese entsprechend der gesetzlichen Vorschriften an einen anderen Arzt weitervermittelt.

Fälle wie diese gibt es in vielen Ländern. Da findet beispielsweise ein vierzehnjähriges Mädchen in Polen, das vergewaltigt wurde, auf Druck der Kirche keinen Arzt, der eine Abtreibung vornimmt. In Polen ist die Abtreibung in besonderen Fällen erlaubt, zu denen unter anderem Vergewaltigung zählt. Als sie endlich in Warschau einen Arzt gefunden hat, wird sie von Priestern und Abtreibungsgegnern verfolgt. Hauptsache keine Abtreibung! Wie es dem Mädchen geht und welche seelischen Wunden man ihm noch zusätzlich zufügt, ist egal. Oder das katholische Irland. Hier gilt ein recht restriktives Abtreibungsverbot. Eine junge schwangere Frau, Savita Halappanavar, wird mit Rückenschmerzen in eine Klinik eingewiesen. Die Ärzte sagen ihr, dass sie eine Fehlgeburt erleiden wird. Während der Fötus abstirbt, geht es Savita von Tag zu Tag immer schlechter. Die junge katholische Frau schwebt in akuter Lebensgefahr, eine Abtreibung ist damit selbst in Irland zulässig. Sie und ihr Mann bitten darum, den Fötus zu entfernen. Doch die Ärzte weigern sich. Der 18 Wochen alte Fötus müsse erst im Bauch der Mutter sterben, bevor man ihn entfernen könne, denn  „Dies ist ein katholisches Land.“ Die Entscheidung der Ärzte kostet ihr das Leben.

Die junge Frau wurde auf dem Altar eines religiösen Gebotes geopfert. Über das Thema Abtreibung wird in Irland seitdem heftig diskutiert, auch viele Katholiken wollen jetzt die Vorschriften etwas lockern. Besonders heftig wurde die Auseinandersetzung um eine Abtreibung in Brasilien geführt. Der Hintergrund ist schon eine schreckliche Geschichte für sich. Ein neunjähriges Mädchen wurde drei Jahre lang von ihrem Stiefvater missbraucht. Das zierliche Kind (Größe: 1,33 cm; Gewicht: 36 Kilogramm) wird schwanger: mit Zwillingen. Die Schwangerschaft war für sie lebensgefährlich, eine erfolgreiche Geburt, auch nur eines Kindes, erschien den Ärzten als unwahrscheinlich. Das brasilianische Gesetz lässt bei solchen extremen Risikoschwangerschaften eine Abtreibung zu. Die Kirche war anderer Meinung und drohte der Mutter mit einer Klage wegen Mordes (haltlos nach der Gesetzeslage). Priester versuchten, auf alle Beteiligten Druck auszuüben und drohten unter anderem mit Kirchenstrafen. Nach der Abtreibung ließ Erzbischof Jose Cardoso Sobrinho die Mutter, die Ärzte und das gesamte Pflegepersonal exkommunizieren. Zitat: „Wir halten das für Mord. […] Das Gesetz Gottes steht über dem der Menschen. Wenn also ein von Menschen gemachtes Gesetz dem Gesetz Gottes widerspricht, verliert es jeglichen Wert.“ Der Fanatismus zeigt sich hier ohne Rücksicht auf die Konsequenzen. Das religiöse Dogma steht über allem, auch über der Menschlichkeit.

Das Problem sind nicht die religiösen Werte, die Menschen oft Halt geben. Und wer würde eine Regel wie „Du sollst nicht töten“ nicht grundsätzlich verteidigen? Es ist auch gut, dass sich Kirchen für den Schutz ungeborenen Lebens einsetzen. Als Teil einer öffentlichen Debatte leisten sie oft einen wichtigen Beitrag. Doch das Einnehmen dogmatischer Positionen ist immer ein Problem. Jede Position, ob religiös oder nicht, muss in der Lage sein, sich einem rationalen Diskurs zu stellen. Sonst wird sie ganz schnell menschenverachtend und ist weit entfernt von Barmherzigkeit…

Immanuel Kants „Selbstzweckformel“

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
2. Hauptteil

__2.1 Merkmale von Kants „Kategorischem Imperativ“
__2.2 Kants „Selbstzweckformel“ im Überblick“
__2.3 Die Selbstzweckformel in der Anwendung
_……._2.3.1 Das Verbot des Selbstmordes
…….__2.3.2 Das Verbot eines falschen Versprechens
…….__2.3.3 Das Gebot der Kultivierung der eigenen Anlagen
…….__2.3.4 Das Gebot der Hilfe
…….__2.3.5 Fazit
3. Schlussbemerkung
4. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Bei der Beschäftigung mit Ethik und Moral stößt man unwiderruflich auf die philosophischen Überlegungen von Immanuel Kant (1724–1804) und die von ihm proklamierte   „Selbstzweckformel“. Diese ist Teil des „Kategorischen Imperativs“ (KI). Insgesamt formulierte Kant fünf Fassungen des kategorischen Imperativs. Einen maßgeblichen Beitrag zur Unterteilung der Formeln des kategorischen Imperativs leistete Herbert James Paton in seiner Schrift „Der kategorische Imperativ: eine Untersuchung über Kants Moralphilosophie“. Unstrittig ist, dass die Überlegungen Kants rund um den kategorischen Imperativ auf geisteswissenschaftlichem Gebiet, speziell in der Ethik, sehr einflussreich sind. Für den momentan an der Humboldt Universität lehrenden Philosophen und Kant-Experten Volker Gerhardt, bei dem ich während meiner Uni-Zeit ein paar interessante Veranstaltungen besuchte, ist der kategorische Imperativ „das eingeschriebene Prinzip einer jeden Moral, die auf Begriffe gegründet ist.“1

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  1. Gerhardt, Volker: Immanuel Kant. Vernunft und Leben, Stuttgart 2002, S. 222.

Politische Sprache und ihre heimliche Macht

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Im Jahre 2007 veröffentlichten George Lakoff (siehe: http://en.wikipedia.org/wiki/George_Lakoff) – der mit Mark Johnson Mitte der 1980er Jahre an der Universität Berkeley die Bildschematheorie entwickelte und die mit dieser Theorie zu den Gründungsvätern der kognitiven Linguistik gehören – und Elisabeth Wehling ein Buch mit dem Titel „Auf leisen Sohlen ins Gehirn. Politische Sprache und ihre heimliche Macht“. Beide beschreiben darin, dass die metaphorische Übertragung für das Verständnis poltischer Botschaften wichtig ist. So würden wir durch unsere frühen Erfahrungen innerhalb der Familie die jeweiligen politischen Grundsätze verstehen. Unsere frühen Erfahrungen mit dem Vater können demnach unsere poltischen Vorstellungen prägen.

Lakoff und Wehling diskutieren zwei Vatertypen: Es gibt einerseits den strengen und andererseits den fürsorglichen Vater. Diese beiden Idealtypen kommen selten in ihrer Reinform vor. Häufig sind diese Vatertypen gemischt. Auch von Natur aus sind beide Vatertypen in uns angelegt. Unsere Erfahrungen prägen uns so, dass in gewissen Situationen der eine und in anderen der andere in uns präsent ist. Die Internalisierung (= Verinnerlichung) des jeweiligen Vatermodells sorgt dafür, dass unsere sozialen Beziehungen entsprechend der Vatertypen strukturiert werden. Der strenge Vater ist die Autorität in der Familie. Er erzieht seine Kinder zur Selbstdisziplin und bestraft sie, wenn sie seinen Prinzipien nicht Folge leisten. Für ihn ist die Durchsetzung seiner Prinzipien wichtig. Innerhalb der Erziehung gibt es ein starres „Oben“ (Vater) und „Unten“ (Kinder), also eine Hierarchie. Die Kinder sind seinem Willen unterworfen. Außerdem besitzt er „Schwarz-Weiß-Denken“. Dies äußert sich in seinem „Freund-Feind-Denken“. Es gibt einige Menschen, die zu ihm stehen und andere, die nicht zu ihm stehen. Außerdem ist für ihn der Wert der Gerechtigkeit fundamental. Alle Kinder in der Familie werden gleich behandelt. Der fürsorgliche Vater ist dagegen grundsätzlich anders strukturiert als der strenge Vater. Der fürsorgliche Vater unterstützt seine Kinder und sieht sie als gleichberechtigt an. In einer solchen Familie gibt es kein „Oben“ und „Unten“. Damit fallen auch die Komponenten von Befehl und Gehorsam weg. Diese Familie ist auf Kooperation aus. Der fürsorgliche Vater ist bemüht, dass seine Kinder ihre eigenen Ideen entwickeln und er unterstützt sie dabei. Er vertraut seinen Kindern und kann sich in ihre Lage versetzen. Das Verhalten dieser beiden Vatertypen wird auf die poltischen Verhältnisse des Staates projiziert. Diese Projektion findet mittels der metaphorischen Übertragung statt.

Als nächstes werde ich aufzeigen, welche Auswirkungen diese Übertragungen auf das politische Verständnis haben können. Dabei beziehe ich mich insbesondere auf die Außenpolitik der USA. So wie der strenge Vater seine Kinder zur Selbstdisziplin erziehen möchte und er ein „Freund-Feind-Denken“ hat, so möchte der konservative Politiker – dessen idealtypische Beschreibung besonders auf die amerikanischen Verhältnisse passt – im Ausland für Ruhe sorgen. Die Entwicklungsländer sind weniger entwickelt als die Industrienationen und können so als eine Art „Kinder Amerikas“ angesehen werden. Durch entsprechende Bestrafung werden sie zu Selbstdisziplin angehalten. Nur die Entwicklungsländer, die den jeweiligen Prinzipien entsprechen, werden nicht sanktioniert. Wer die Prinzipien nicht beachtet, hat jederzeit mit einem Präventiv- oder Präemptivkrieg zu rechnen. Projiziert man dagegen das Verhalten des fürsorglichen Vaters auf die außenpolitischen Grundsätze der USA, so ergeben sich grundsätzlich andere Werthaltungen, die idealtypisch der progressiven Politik entsprechen. Der progressive Politiker setzt sich für Entwicklungshilfe ein. Für ihn sind die Entwicklungsländer gleichberechtigt. Er wird versuchen, mit den Regierungen der Entwicklungsländer zu kooperieren. In diesem Geiste entstanden auch die Vereinten Nationen. Durch eine gescheite Entwicklungspolitik werden die Entwicklungsländer unterstützt.

Die metaphorischen Übertragungen der jeweiligen Vatertypen in den Kontext der Politik sind nicht nur auf die Außenpolitik beschränkt. Vielmehr wirken diese Übertragungen auch in die Familien-, Innen-, Steuer- und Sozialpolitik hinein. In dem Buch „Auf leisen Sohlen ins Gehirn“ werden Antworten auf verschiedene Fragen gegeben, wie beispielsweise: Weshalb sind konservative Politiker gegen Homosexualität? Warum bevorzugen progressive Politiker den Ausbau des Sozialstaates? Welcher Werthaltung liegt eine einkommenssteuerrechtliche Pauschalsteuer zu Grunde? Welche Deutungen des Christentums resultieren aus dem jeweiligen Vatertyp? Warum ist es absehbar, dass Konservative weniger in den Ausbau von Infrastruktur investieren?

Doch weshalb trägt das Buch von Lakoff und Wehling eigentlich den Titel „Auf leisen Sohlen ins Gehirn“? Die Antwort: In den USA arbeiten einige Denkfabriken schon seit den siebziger Jahren daran, die konservative Politik an die Werthaltungen des strengen Vaters zu knüpfen. Durch eine zunehmende Ausbreitung der konservativen Werthaltung, sei es durch die Formulierung von Werten in den Printmedien, sei es durch die Inszenierung dieser Werte in den Personenkonstellationen US-amerikanischer TV-Sendungen oder durch ihre Vermittlung im Bildungssystem. Durch die Monopolisierung amerikanischer Medien, die in den Händen weniger konservativer Politiker oder ihrer politischen Freunde liegen, werden die Werte weit unters Volk gebracht. Da dieser Prozess schon seit den siebziger Jahren anhält und auch in Zukunft anhalten wird, lässt sich verstehen, warum konservative Werte in den USA Konjunktur haben. Durch die mediale Vermittlung sehnen sich viele US-Amerikaner unbewusst nach einem strengen Vater. Die ständige Präsenz konservativer Werte in den Medien lässt begreifen, warum immer mehr US-Amerikaner zu einer konservativen Politik neigen. Aus diesem Grund gaben Lakoff und Wehling ihrem Buch den Titel „Auf leisen Sohlen ins Gehirn“. Die Autoren geben zu bedenken, dass derartige metaphorische Übertragungen auch im Alltagsleben eine große Rolle spielen. Sie stehen diesem Konservativismus, der sich zunehmend in den USA ausbreitet, sehr skeptisch gegenüber.

Ich finde, dass das Buch sehr verständlich und anschaulich geschrieben wurde. Die Autoren wenden sich weniger an das fachwissenschaftliche Publikum. Sie wollen vielmehr breite Kreise der Gesellschaft ansprechen. Teilweise ist das Buch psychoanalytisch orientiert. So war der dichotome (= zweigliedrige) Gegensatz zwischen der Fürsorge und der Gerechtigkeit, die die jeweiligen Vatertypen repräsentieren, sehr stark. Dadurch gewann das Buch eine gewisse Eindringlichkeit. Die Autoren haben deutlich gemacht, dass beide Werthaltungen von den jeweiligen Menschen vertreten werden. Interessant an diesem Buch fand ich, dass die seit der Antike diskutierte „Mensch-Staat-Metapher“ neu interpretiert wurde. Nach der „Mensch-Staat-Metapher“ wurden bestimmte politische Maßnahmen legitimiert. So wurde beispielsweise in der frühen Neuzeit der Ausschluss von Kriminellen aus dem öffentlichen Leben mit einer Analogie begründet: Genauso wie der Körper leidet der Staat an „Krankheiten“. Die Krankheiten des Staates werden durch Kriminelle, Volksschädlinge und psychisch Kranke verursacht. Um den Staat zu heilen, müssen diese Schädlinge ausgeschaltet werden. Das Buch von Lakoff und Wehling bleibt nicht hinter dieser einfachen Krankheitsmetapher stehen, sondern benutzt die „Mensch-Staat-Metapher“, um bestimmtes politisches Handeln zu erklären. Der Ansatz von Wehling und Lakoff aktualisiert also die Vorstellungen der antiken „Mensch-Staat-Metapher“. Ich kann die Lektüre des Buches jedem politisch Interessierten wärmstens empfehlen. Das Buch „Auf leisen Sohlen ins Gehirn. Politische Sprache und ihre heimliche Macht“ erschien im Jahre 2008 im Karl-Auer Verlag.

Adam Smiths Moralphilosophie und der Utilitarismus

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
2. Hauptteil

__2.1 Klassischer Utilitarismus
__2.2 Die Kompatibilität zwischen dem Utilitarismus
….._….und Smiths Moralphilosophie
__2.3 Humes und Smiths Gerechtigkeitsbegründungen
……._im Widerstreit
__2.4 Die Bewirkung des größten Glücks der größten Zahl
…….-…durch die natürlichen Gefühle
3. Ergebnisse
4. Quellen- und Literaturverzeichnis

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1. Einleitung

Schon die ältere Forschung beschäftigte sich mit Adam Smiths Bedeutung für den  Utilitarismus [Definition: Utilitarismus (engl. utilitarianism, von lat. utilitas, Nutzen) nennt man die ethische Position, die eine Handlung danach bewertet, ob sie im Vergleich mit anderen Handlungsalternativen die größte Anzahl positiver, nicht-moralischer Werte, z. B. Glück, Reichtum, Gesundheit, Schönheit, Einsicht usw., hervorbringt. Der Utilitarismus wird der konsequentialistischen Ethik und dem Eudämonismus zugerechnet und ist eine altruistische Ethik. (Quelle: http://www.phillex.de/utilitar.htm)]. So gab es eine Tradition, die  Adam Smith als Anhänger des Utilitarismus sah, weil er eine besondere Nähe zu den englischen Empiristen Hume und Hutcheson hatte, die als Vordenker des klassischen Utilitarismus gelten. Andere Forscher leiteten Smith Utilitarismus aus einer Vorläuferfunktion ab: Smith soll einige wichtige Positionen der  klassischen Utilitaristen Bentham, Mill und Sidgwick begründet haben. Smiths Ruhm als Utilitarist war durch sein Spätwerk „der Wohlstand der Nationen“ bedingt. Denn dieses Werk begründet, wie eine Nation zu Reichtum gelangt. Es zeigt auf, welche Maßnahmen, wie zum Beispiel die Arbeitsteilung, in Hinsicht auf eine prosperierende Wirtschaft nützlich sind. Eben aus diesem Nützlichkeitsdenken folgerten die Forscher, dass Smith utilitaristisch geprägt sei. Neben dieser Forschung, die Smith als Utilitaristen sieht, entwickelte sich ein weiterer Forschungszweig, der sich besonders mit seiner „Theorie der ethischen Gefühle“ (TMS) beschäftigte. Dieser Forschungszweig kam zu ganz anderen Ergebnissen. Für diese Forscher – zu denen auch Walter Eckstein gehörte – war Adam Smith kein eingefleischter Utilitarist. In der Einleitung seiner 1925 veröffentlichten Übersetzung der TMS bemerkte er, dass sich Smith gegen einen zu weit ausufernden Utilitarismus wandte.[1] Der folgende Beitrag beschäftigt sich ebenfalls nur mit der TMS, um eine These zu erarbeiten, die sich an Ecksteins Position anlehnt und wird zeigen, dass Smith innerhalb seiner TMS keinen normativen Utilitarismus vertreten hat. An einigen Stellen seiner Arbeit werden verschiedene Prinzipien des Utilitarismus benutzt, um seine Argumentation verständlich zu machen. Trotzdem kann daraus nicht gefolgert werden, dass Smith einen normativen Utilitarismus vertrat. Der Utilitarismus ist eben nicht die wesentliche Handlungsnorm innerhalb der TMS.

Um dieses Vorhaben durchzuführen, werde ich in folgender Weise vorgehen: Zuerst soll ein allgemeiner Überblick zum klassischen Utilitarismus gegeben werden. Es sollen erst die Gemeinsamkeiten der verschiedenen Formulierungen dieser Ethik dargestellt werden. Anschließend stelle ich einige ausgewählte Positionen – Bentham, Mill und Sidgwick – kurz dar. Nach diesem einführenden Teil wird diskutiert, inwieweit Smith einen normativen Utilitarismus vertreten hat. Dabei wird zunächst gezeigt, dass Smiths Moralphilosophie mit dem Utilitarismus nicht kompatibel ist und demonstriert, dass Smiths Sympathiekonzeption für den klassischen Utilitarismus von Belang ist. Daraufhin bringe ich Argumente vor, aus denen ersichtlich wird, dass Smith keinen normativen Utilitarismus vertreten hat und komme auf den Einfluss des Zufalls auf die Billigung einer Handlung zu sprechen. Außerdem werde ich auf die Probleme aufmerksam machen, die mit einem idealen Beobachter zusammenhängen. Im nächsten Abschnitt des Beitrags werden die von Hume und Smith gemachten Gerechtigkeitsbegründungen diskutiert, wobei ich auf die jeweilige Herleitung der Gerechtigkeit eingehe. Anhand des Wachposten-Beispiels soll hervorgehoben werden, dass Smith einen explanatorischen Utilitarismus vertrat. Im letzten Teil der Arbeit wird dargestellt, dass Smith entgegen dem Utilitarismus eine Alternativbegründung formuliert hat, die die allgemeine Glückseligkeit aus den Handlungsmotiven (Selbsttäuschung und Streben nach Anerkennung) herleitet. Mit dieser Begründung wird die Auffassung der Utilitaristen, dass die Handlungsfolgen das größte Glück der größten Zahl bewirken können, zurückgewiesen.

2. Hauptteil

2.1 Klassischer Utilitarismus

Der Utilitarismus ist eine Ethiktheorie, die sich mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts im angloamerikanischen Raum ausbreitete. Besonders im englischsprachigen Raum wurden verschiedene Fassungen des Utilitarismus diskutiert. In Kontinentaleuropa setzte sich der Utilitarismus zunehmend nach dem Zweiten Weltkrieg durch. Da es verschiedene Formulierungen des Utilitarismus gibt, folgt zunächst ein allgemeiner Überblick zum klassischen Utilitarismus. Neuere Konzeptionen, wie der Präferenzutilitarismus von Hare sowie der Regel- und Aktutilitarismus bleiben unerwähnt.[2] Konrad Ott führt fünf wesentliche Merkmale des Utilitarismus an: Demnach besitzt dieser eine „konsequentialistische Orientierung, [eine] hedonistische Wertbasis,  [einen] Gleichheitsgrundsatz, [eine] Maximierungsstruktur und [ein] Kalkülisierungsideal“.[3] Durch seine konsequentialistische Grundstruktur hängt die moralische Beurteilung einer Handlung stark von den Handlungsfolgen ab (konsequentialistische Orientierung). Damit steht der Utilitarismus in einem Gegensatz zu den deontologischen Ethiken, die den Wert einer Handlung vornehmlich aus den Handlungsmotiven ableiten. Wenn nun die moralische Beurteilung einer Handlung von ihren Handlungsfolgen abhängt,  muss es ein Verfahren geben, nach welchem die Konsequenzen einer Handlung beurteilt werden. Da der Mensch grundsätzlich das Vermögen hat, Schmerz oder Freude zu empfinden[4], braucht der Utilitarist nur den Schmerz oder das Leid der Betroffenen zu messen (hedonistische Wertbasis). Der Schmerz und das Leid der Betroffenen wird aufsummiert. Bei der Berechnung dieser Summe wird jeder Betroffene nur einmal berücksichtigt (Gleichheitsgrundsatz). Einige Utilitaristen gehen bei dieser Summierung davon aus, dass die unterschiedliche Qualität und Quantität des Leides und der Freude mit berücksichtigt werden soll.

Eine Handlung wird von den Utilitaristen besonders dann gebilligt, wenn sie besonders nützlich ist. Der Nutzen einer Handlung wird dabei als Summe von Glückszuständen verstanden. Diese Glückszustände wiederum sind die durch die Handlung bewirkten Freuden bei den Betroffenen.[5] Bei der Beurteilung des Nutzens einer Handlung können je nach Spielart des Utilitarismus verschiedene Parameter berücksichtigt werden. So gibt es einige Ethiker, die es für zulässig halten, dass die bewirkten Freuden und die bewirkten Leiden gegeneinander aufgerechnet werden. Andere Moraltheoretiker fragen bei der Beurteilung nach dem Maximal- oder Durchschnittsnutzen, den die Betroffenen aus der Handlung erhalten (auch Ausdruck des Kalkülisierungsideals). Eine Handlung ist dann nützlich, wenn sie den meisten Nutzen für die Betroffenen bewirkt. Optimal ist das Verhältnis zwischen Handlung und Nutzen, wenn die Handlung möglichst wenig Leid und viel Freude verursacht (Maximierungsstruktur).

Nach diesem kurzen Überblick zu den Gemeinsamkeiten des Utilitarismus sollen kurz die wichtigsten Positionen des klassischen Utilitarismus dargestellt werden. Jeremy Bentham gilt als Erster, der das utilitaristische Prinzip formuliert hatte. Für ihn hatte der Utilitarismus eine sozialreformatorische Seite. Seines Erachtens sollten zukünftig die Gesetze in Großbritannien so beschaffen sein, dass sie dem größten Glück der dort lebenden Bürger dienlich wären. Neben einer umfassenden Reform der Gesetze sollte auch das Gefängniswesen  nach dem Panopticon-Prinzip erneuert werden. Der Hintergrund dieser Modernisierungen war, dass Bentham nicht das individuelle Wohl befördern, sondern das größte Glück der größten Zahl bewirken wollte.[6]

John Stuart Mill gehörte zu denjenigen Utilitaristen, die sich intensiv mit der Qualität und der Quantität von Lust- und Unlustempfindungen befassten. Er modifizierte den Utilitarismus, sodass auch die Qualität der Empfindungen bei der Beurteilung des Handlungsnutzens mit berücksichtigt wurde. So ging er davon aus, dass von zwei Freuden derjenigen Vorzug zu geben sei, die die Beliebteste der breiten Masse sei. Mill zufolge waren die Freuden der breiten Masse genau die Freuden, die dem Idealen des Bildungsbürgertums entsprachen. Vermutlich deshalb, um sich gegen den Einwand zu schützen, dass er eine hedonistische Ethik, die stark von „animalischen Freuden“ der breiten Masse geprägt sei[7], betreibe, orientierte er sich an den Idealen des Bürgertums.[8] Einige Kritiker Mills folgerten daraus, dass Mill auch als Begründer der „Ethik des Genussmenschen“[9] angesehen werden könne. In einer solchen Ethik würde „ein Haufen glücklicher Schweine besser (da stehen) als ein unglücklicher Sokrates“.[10]

Henry Sidgwick aktualisiert den Utilitarismus dahingehend, dass er nicht mehr von Lusterhöhung und Unlustvermeidung spricht, sondern den Begriff der Präferenzen einführt. Für ihn sind Präferenzen die hypothetischen Interessen der von einer Handlung betroffenen Personen. In Anlehnung an Benthams Prinzip der Beförderung des „größten Glücks der größten Zahl“ geht Sidgwick nach Einschätzung von Herlinde Pauer-Studer davon aus, dass eine bestmögliche Erfüllung der Präferenzen aller Betroffenen erstrebenswert sei.[11] Sidgwick zufolge neigt der Mensch aus Intuition zur utilitaristischen Ethik.[12]

2.2 Die Kompatibilität zwischen dem Utilitarismus
——und Smiths Moralphilosophie

Im Folgenden wird dargestellt, dass Smiths Ethik und der Utilitarismus nicht kompatibel sind. Zunächst wird kurz auf die Quellen der moralischen Billigung bei Smith und bei den Utilitaristen eingegangen. Dann wird gezeigt, dass für einen Utilitaristen das Sympathievermögen wichtig ist, da es zur „Wahrnehmung“ der Gefühle der Betroffenen dient. Hier scheinen sich die beide Ethiken zu ähneln. Auf den zweiten Blick kommt es zu Spannungen zwischen den beiden Ethiken, da Smiths unparteiischer Zuschauer kein idealer Beobachter ist, der alle Handlungsfolgen oder alle denkmöglichen Situationen wahrnehmen kann. Außerdem wird deutlich, dass der Zufall auf die Gefühle einen entscheidenden Einfluss hat, der es den Utilitaristen unmöglich macht, die konkreten Gefühle der Betroffenen zu deuten.

Für Smith hängt die moralische Billigung einer Handlung von den sympathetischen Gefühlen für diese Handlung ab. Für die moralische Billigung einer Handlung gibt es vier mögliche Wege. So können wir erstens mit den Beweggründen des Handelnden sympathisieren, zweitens können wir Mitgefühl mit den Betroffenen der Handlung haben (zum Beispiel: Dankbarkeit oder Teilnahme an Vergeltungsgefühlen des Betroffenen), drittens empfinden wir „den Grad der Übereinstimmung beider Gefühle mit demjenigen, was in dieser Situation gemeinhin als Gefühl angemessen erscheint (Schicklichkeit)“ und viertens bewundern wir in diesem Handeln den Beitrag zur natürlichen harmonischen Ordnung der Gemeinschaft.[13]. Neben diesen vier Möglichkeiten werden keine weiteren Faktoren in der TMS genannt, wie Smith zufolge eine Handlung moralisch beurteilt werden kann. Diese Auffassung über die moralische Billigung von Handlungen steht der Position Benthams gegenüber. Für Bentham lässt sich die moralische Billigung einer Handlung nur durch die Nutzenkalkulation bestimmen.[14]

Auf den ersten Blick scheint es, dass Smiths Ethik überhaupt keinen Bezug zum Utilitarismus hat. Jedoch ist es gerade für die Abschätzung des Nutzens, also für die guten und schlechten Folgen einer Handlung, bedeutsam, wenn Rücksicht auf die Lust- bzw. Unlustgefühle der Betroffenen genommen wird. Somit ist es für den Utilitaristen ebenfalls sinnvoll, Sympathie für die Betroffenen zu empfinden[15], andernfalls wäre eine Wahrnehmung der Unlust- und Lustgefühle der Betroffenen unmöglich. Es scheint, dass der Utilitarismus zum Teil auf der Ethik Smiths aufbaut. Solch eine Ethik aber bräuchte einen Beurteilenden, der ein riesiges Einfühlungsvermögen und Wahrnehmungsvermögen hat, um sich in alle Betroffenen hineinzuversetzen. Außerdem müssten sich alle Handlungsfolgen eindeutig abschätzen lassen.

Der Beurteilende müsste eine Art idealer unparteiischer Beobachter sein. Er sollte Firth zufolge über ein enormes Erfahrungswissen verfügen, um sich in alle denkmöglichen Situationen der Betroffenen hineinzufühlen. Außerdem ist es erforderlich, dass er jeden Betroffenen wahrnehmen könne – auch jene, die nicht unmittelbar betroffen sind -,   um ein korrektes Urteil abzugeben, dass aus der Summe der Lust- bzw. Unlustempfindungen der Betroffenen resultiert. Zusätzlich müsste dieser Beobachter unvoreingenommen und unparteilich sein, damit keine Bevorzugungen stattfinden. Weil es ja für die Utilitaristen maßgebend ist, dass jeder Betroffene gleichviel zählt. Außerdem müsste der ideale Beobachter auch sachlich sein.[16]

D. T. Campbell weist daraufhin, dass Smith keine Theorie des idealen Beobachters in der TMS vertritt.[17] Smiths unparteiischer Zuschauer genügt nicht diesen Ansprüchen, er ist Campbell zufolge eine sehr indifferente Gestalt, so „dass Smith den unparteiischen Betrachter auch mit einem ganz normalen Zuschauer, mit einem bystander und mit jeder unbeteiligten Person identifiziert“.[18] Wenn also der unparteiische Zuschauer in verschiedenen Gewändern auftritt, so ist es nicht ersichtlich, dass Smith von einer einheitlichen Figur des idealen Beobachters ausgeht. Folglich kann es sich bei Smith nicht um einen idealen Beobachter handeln, der die von Firth aufgeführten Eigenschaften hat. Wenn Smiths unparteiischer Zuschauer nicht die geeignete Person ist, um moralische Beurteilung im Sinne des Utilitarismus durchzuführen, so kann davon ausgegangen werden, dass Smith mit seinen Konzeptionen der Sympathie und des unparteiischen Zuschauers keinen Utilitarismus intendiert hat.

Angenommen, der eben genannte Einwand würde nicht zutreffen und es würde einen idealen Beobachter geben, so bliebe die Frage offen, ob dieser Beobachter die durch eine Handlung bewirkten Lust- und Unlustgefühle richtig abschätzen könne. Michael S. Aßländer weist darauf hin, dass auf Gefühle der Betroffenen der Zufall einen immensen Einfluss habe[19]. Smith spricht hierbei von einer „Regelwidrigkeit der Empfindungen“[20]. So hinge zum Beispiel das Maß der Dankbarkeit von den Umständen der Handlung ab. Smith verdeutlicht dies kurz: „Ein Mann, der sich für einen anderen um eine Stelle bewirbt, ohne sie zu erhalten, wird (…) Zuneigung“[21] erhalten. Würde er aber die Stelle erhalten, so wäre ihm die Dankbarkeit des anderen sicher. Wenn also das Maß der Intensität der lustvollen Gefühle des Betroffenen in diesem Fall vom Zufall abhängt, so wird ersichtlich, dass der Zufall auf jede utilitaristische Nutzenkalkulation einen Einfluss hat. Da Smith den Einfluss des Zufalls nicht bei der Beurteilung der Handlungen ausschließen kann und möchte, wird ersichtlich, dass Smith keinen normativen Utilitarismus vertritt.[22]

Dieser von Smith vorgebrachte Einwand, dass der Utilitarismus mit zufälligen „Wirkungsketten“ nicht umgehen könne, wird auch von heutigen Forschern vorgebracht. Sie gehen davon aus, dass viele moralische Beurteilungen, die sich utilitaristischer Methoden bedienen, von einem ungewissen Wissensstand, wie auch Smith am Beispiel des Bewerbers zeigt, der keine hinreichende Kenntnis von der Zukunft hat, beeinflusst sind.[23] Es lässt sich daher annehmen, dass Smith den Utilitarismus ablehnt.

Wie gezeigt wurde, ist die Sympathiekonzeption für den Utilitarismus von Bedeutung. Sie ist grundlegend für die „Messung der Gefühle“ der Betroffenen. Jedoch gibt es bei Smith keinen Zuschauer, der sich in alle Betroffenen hineindenken kann, um deren Gefühle nachzuempfinden. Außerdem geht Smith davon aus, dass die Gefühle, die durch eine Handlung bei den Betroffenen bewirkt werden, stark vom Zufall beeinflusst sind. Damit stellt er sich gegen eine Beurteilung der Handlungskonsequenzen. Die Ethik von Smith und der Utilitarismus sind nicht vereinbar.

2.3 Humes und Smiths Gerechtigkeitsbegründungen
——im Widerstreit

Dieser Abschnitt der Arbeit befasst sich mit den Gerechtigkeitsbegründungen von Hume und Smith. Hume begründet Gerechtigkeit durch ihre Nützlichkeit für das gesellschaftliche Zusammenleben. Smith widerspricht dieser Position und wendet ein, dass Gefühle die Gerechtigkeit sichern und ihr Wesen mehrheitlich bestimmen. Durch Smiths Zurückweisung der Humeschen Gerechtigkeitsbegründung wird ersichtlich, dass Smith keinen normativen Utilitarismus vertritt. Sodann soll dargestellt werden, inwiefern der Begriff der Nützlichkeit für Smith eine Bedeutung als Erklärungshilfe für die im nächsten Satz beschriebenen Phänomene hat. In seinem Beispiel des militärischen Wachpostens wird deutlich, dass Smith Nützlichkeitserwägungen benutzt, um die Diskrepanz zwischen natürlicher und „künstlicher“ Strafe zu erklären.

Hume war Thomas Gil zufolge jemand, der sich nicht „für die schöne exzellente Idee der Gerechtigkeit an sich interessiert[e, sondern der davon ausging, dass ohne sie] vieles in der sozialen Welt nicht gut funktionieren würde. Hume konzentriert[e] seine Aufmerksamkeit auf  die Nützlichkeit der Gerechtigkeit für die Gesellschaft und wurde so für die Utilitaristen [insbesondere für Jeremy Bentham] ein Vorfahr.“[24] Ausgehend von der eben beschriebenen Funktion der Gerechtigkeit für das menschliche Zusammenleben, wird klar, dass für Hume Gerechtigkeit nur eine künstliche Tugend sei[25], die sich aus ihrer Nützlichkeit, die sie  für die Gesellschaft hat, ableiten lässt. So würden Straftäter nur deshalb bestraft werden, weil es für die Gesellschaft nützlich sei, denn die Strafe bewirkt, dass die Täter sich bessern. Außerdem schreckt sie andere potentielle Täter von der Begehung einer Straftat ab. Eine solche Strafzwecktheorie setzt nicht bei den Gefühlen bzw. den Motiven des Täters und des Opfers an, sondern sie setzt bei dem Zweck an, der mit der Strafe verwirklicht werden soll. Diese Strafzwecktheorien haben oftmals einen utilitaristischen Ursprung.[26]

Bei Hume werden Strafe als auch Gerechtigkeit durch Nützlichkeit gebilligt. Die Billigung wird also nicht, wie bei Smith, durch Sympathie gewonnen, sondern durch rationale Reflexion über die Nützlichkeit der Strafe.[27] Bei Hume findet neben der Reflexion höchstens ein sympathetisches Gefühl zwischen dem Zuschauer und Inhaber der Tugend der Gerechtigkeit statt. Dabei sympathisiert der Zuschauer nur mit dem Nutzen dieser Tugend.[28]

Smith hält der Auffassung Humes entgegen, dass Gerechtigkeit eine natürliche Tugend sei, die zu einem großen Teil durch unsere Vergeltungsgefühle gesichert wird[29]. Bei ihm beschränkt sich der Begriff der Gerechtigkeit nur auf die persönliche Sicherheit. Dabei berücksichtigt er Fragen der Verteilungsgerechtigkeit nicht. Dies liegt aber auch daran, dass er Gerechtigkeit nicht aus der Nützlichkeit ableitet. Für Hume jedoch ist Verteilungsgerechtigkeit wichtig, da er eine Knappheit der Güter annimmt. Smith zufolge findet der Schutz der persönlichen Sicherheit durch die natürlichen Gefühle statt. So reagiere jeder Zuschauer mit Vergeltungsgefühlen auf die Opfer unsozialer Affekte bzw.  schädigender Handlungen. Ebenso geht Smith davon aus, dass das „system of rules“ sich aus solchen Vergeltungsgefühlen entwickeln würde.[30] In der TMS hebt er seine Stellung zu den Gefühlen als die Grundlage des staatlichen Strafens hervor: Der Täter muss „gerade wegen dieser [schädigenden] Handlung Reue und Kummer empfinden, damit andere durch die Furcht vor gleicher Strafe davon abgeschreckt werden, sich der gleichen Beleidigung schuldig zu machen. Die naturgemäße Befriedigung dieses Affekts wirkt von selbst dahin, alle die Zwecke zu verwirklichen, auf welche die staatliche Bestrafung abzielt: die Besserung des Verbrechers und das abschreckende Beispiel für die Allgemeinheit.“[31] Aus diesem Zitat wird eine Position Smiths deutlich, die sich gegen die utilitaristischen Strafzwecktheorien richtet. Nicht eine Reflexion über den Strafzweck begründet die Existenz staatlicher Strafen, sondern die natürlichen Gefühle bewirken die Besserung des Täters und Abschreckung potentieller Täter. Also werden Smith zufolge die Gerechtigkeit und die Bestrafung schädlicher Handlungen durch die natürlichen Gefühle bewirkt.

Wenn für Smith die Gerechtigkeit nicht aus der Nützlichkeit abgeleitet wird,  dann bleibt die Fragen offen, welche Bedeutung utilitaristische Erklärungen für Smith haben. Es ist offensichtlich, dass Smith sich ohne utilitaristischen Hintergrund solcher Erklärungsweisen bedient, um bestimmte Maßnahmen des Staates zu begründen.[32] So weisen Campbell und Ross in ihrem Aufsatz daraufhin, dass Smith utilitaristische Erklärungsweisen benutzt, um die staatlichen Eingriffe gegen Schmuggler zu rechtfertigen und um die Zollpolitik durchzusetzen.[33] Daher soll im nächsten Abschnitt gezeigt werden, dass sich Smith eines explanatorischen Utilitarismus in der TMS bediente.

Für diesen Zweck ist das bekannte Beispiel des militärischen Wachpostens dienlich: „so wird zum Beispiel der Wachposten, der während seines Dienstes einschläft, nach den Kriegsgesetzen mit dem Tode bestraft, weil solche Unachtsamkeit das ganze Heer in Gefahr bringen kann.“ (TMS 135). Robert Shaver weist darauf hin, dass der natürliche Gräuel dieses Verbrechens äußerst gering ist (der Wächter schlief nur ein), aber die verhängte Strafe würde über die natürliche Strafe hinausgehen, die unser Vergeltungsgefühl billigen würde. Diese „Diskrepanz“ zwischen den beiden Strafen ließe sich nur mit Hilfe einer Erklärung bezüglich der Nützlichkeit schließen. Es ist äußerst nützlich, dass der Wächter nicht einschläft, damit er vor herannahenden feindlichen Heeren warnen kann. Ohne eine solche Warnung wäre der Fortbestand des Staates gefährdet. Um den Staat dauerhaft zu erhalten, muss dem Täter eine drakonische Strafe angedroht werden, damit er bemüht ist, nicht einzuschlafen. Diese Erklärung bedient sich nur eines explanatorischen Utilitarismus, um das drakonische Vorgehen gegen den eingeschlafenen Wächter zu rechtfertigen. Ohne diese Nützlichkeitserwägung würden unsere Gefühle nicht mit der verhängten Todesstrafe des Täters sympathisieren.[34]

Aus dieser Diskussion wird deutlich, dass Smith den Begriff der Nützlichkeit verwendet, um gewisse Strafabsichten zu erklären. Trotzdem leiten sich für Smith Gerechtigkeit und unsere Motive zur Bestrafung zuerst aus den Gefühlen ab. Die rationalen Reflexionen über den Strafgrund treten erst dann hinzu, wenn die Gefühle nicht mehr ausreichen, um Handlungen zu billigen.[35] Smiths Auffassung, dass erst die Gefühle und die dann eventuell darauf folgenden Nützlichkeitserwägungen eine Handlung billigen, widerspricht der Auffassung Sidgwicks, demzufolge der Utilitarismus intuitiv als Moralauffassung existiert.

Durch seine Zurückweisung von Humes utilitaristisch geprägter Gerechtigkeitsbegründung bezieht Smith eindeutig Stellung. Smith lehnt einen normativen Utilitarismus ab. Entgegen Humes Utilitarismus vertritt Smith die Auffassung, dass moralisches Handeln durch die natürlichen Gefühle gebilligt werde. Trotzdem kann sich Smith nicht zurückhalten, Nützlichkeitserwägungen zu verwenden, um bestimmte Strafpraxen zu beschreiben.

2.4 Die Bewirkung des größten Glücks der größten
——Zahl durch die natürlichen Gefühle

In diesem Abschnitt meines Beitrags wird demonstriert, wie nach Smith das größte Glück der größten Zahl durch den Einfluss der natürlichen Gefühlen verwirklicht wird. Dazu wird kurz beschrieben, wie die Utilitaristen das größte Glück der größten Zahl bewirken wollen. Mit Smith lässt sich einwenden, dass für ihn nicht die Ziele einer Handlung maßgeblich sind, sondern die Vervollkommnung der Mittel. Dies wird an seinem Beispiel des Uhrliebhabers belegt. Ausgehend von dieser Grundannahme wird gezeigt, dass auch die Menschen durch eine Vervollkommnung ihrer natürlichen Vermögen, das Streben nach Anerkennung und die Selbsttäuschung, ihre Glückseligkeit bewirken. Dadurch wird die allgemeine Glückseligkeit unabsichtlich bewirkt. Am Ende des Kapitels wird kurz darauf eingegangen, welche Art von Utilitarismus sich aus den Argumenten dieses Kapitels ableiten ließe.

Die Utilitaristen gehen davon aus, dass die Konsequenzen einer Handlung nach den durch sie bewirkten Lust- und Unlustgefühlen bewertet werden. Jeder, der von der Handlung betroffen wurde, zählt gleich, dabei wird keiner bevorzugt. Für den Utilitaristen, der das größte Glück der Größten Zahl befördern will, muss er stets diejenige Handlung ausfindig machen, die am besten geeignet ist, um diesen Zweck zu verwirklichen. Folglich zählen die Handlungsfolgen  mehr als das Handlungsmotiv.

Smith stellt sich dieser Auffassung entgegen, wenn er behauptet, dass die moralische Billigung einer Handlung eher von Handlungsmotiven abhängt.[36] Smith behauptet im vierten Teil der TMS, dass uns nicht die Handlungsfolgen zum Handeln anleiten, sondern dass es in uns naturgegebene Motive gibt, die uns zum Handeln anleiten. Daher bewertet er die Mittel, die zu einem gewissen Zweck führen, höher als den Zweck selbst.[37] Smith erläutert dies am Beispiel des Uhrenliebhabers, der sich eine neue und genauere Uhr kauft. Er wird seine alte und ungenaue Uhr verkaufen, um sich dann eine bessere und exaktere Uhr zu kaufen. Ihm geht es dabei nicht darum, pünktlicher als andere zu sein, sondern es geht ihm darum, sich an der „Vollkommenheit [seines] Instrumentes“ zu erfreuen[38]. Wenn es dem Uhrenliebhaber nicht um die Pünktlichkeit als Zweck geht, so hätte er sich auch auf die ungenaue Uhr einstellen können und andere Arrangements treffen können, anstatt sich eine neue Uhr zu kaufen. Ihm geht es also nicht um den Nutzen, sondern für ihn ist die Vervollkommnung der Mittel – ohne auf deren Nutzen Rücksicht zu nehmen – erstrebenswert.

Warum nehmen wir auf den Nutzen unserer Handlungen keine Rücksicht? Warum geht es dem Uhrenliebhaber nicht vordergründig darum, dass seine Uhr genauer ist, damit er pünktlicher ist? Dies liegt an einer geschickten Täuschung, die durch die Natur bewirkt wird. Diese Täuschung motiviert uns zum handeln[39]. Sie ist dasjenige, „was den Fleiß der Menschen erweckt und in beständiger Bewegung erhält, Sie ist es, was sie zuerst antreibt, den Boden zu bearbeiten, Häuser zu bauen, Städte und staatliche Gemeinwesen zu gründen (…)“[40]. Durch diese Täuschung opfern sogar einige der ärmsten Menschen ihre Gesundheit und Ruhe, um in höhere Schichten der Gesellschaft zu gelangen. Sie gaukelt ihnen vor, dass Reichtum sie glücklicher macht.[41]

Das natürliche Streben nach Annerkennung begünstigt diese Entwicklung. Das Annerkennungsstreben bewirkt, dass viele Menschen in höhere Schichten der Gesellschaft aufsteigen wollen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Smith mit der von der Natur bewirkten Täuschung das menschliche Anerkennungsstreben meinte. Dieses Anerkennungstreben bewirkt, dass jeder Mensch Gegenstand der Sympathie der Zuschauer sein will. Da die meisten Zuschauer mit den Annehmlichkeiten, die ein Palast seinen Bewohnern bietet, sympathisieren, ist Reichtum erstrebenswert.[42] Genauso wie ein jeder „Aufsteiger“ Anerkennung erheischen will, ist auch jeder Reformer und Staatsmann bemüht, Anerkennung für sein Handeln zu erlangen. Smith zufolge geht es den Akteuren nicht um das Wohlwollen der von ihren Reformen und Maßnahmen betroffenen Personen. Für diese Akteure ist nur das persönliche Ansehen wichtig, und nebenbei bewirken sie eine „Vervollkommnung des Staatsapparates“.[43] Genauso wie der Staatsmann und der Reformer bewirken auch die Aufsteiger durch die von ihnen bewirkten Anstrengungen gesellschaftliche Veränderungen.

Das Streben nach Anerkennung treibt den Menschen, trotz der natürlichen Selbsttäuschung und unabhängig vom Nutzen, zu seinen Handlungen an. Karl Graf Ballestrem geht davon aus, dass die Natur uns Smith zufolge so programmiert hat, d.h. Gott pflanzte dem Menschen das Streben nach Anerkennung und die Sympathie – die Grundlage des Anerkennungsgefühls – a priori ein, dass wir die Mittel als solche anstreben, nämlich die Anerkennung durch die Zuschauer. Der Zweck, den die Natur durch die Programmierung der Menschen bewirkt, muss den Menschen nicht offenbar sein.[44] Für Smith genügt es, ausgehend von seinem deistischen Grundverständnis, dass durch diese Programmierung der Endzweck des menschlichen Handelns, die allgemeine Glückseligkeit, bedingt wird[45]. Wenn nun der Aufsteiger, der Reformer, der Staatsmann und jeder andere durch das jeweilige Streben nach Anerkennung Verbesserungen bewirken, so tragen sie alle zur Beförderung des allgemeinen Wohlergehens bei.

Smith leitet, wie gezeigt wurde, das allgemeine Wohlergehen aus den Motiven der Handlungen ab. So ist für Smith nicht der Nutzen einer Handlung entscheidend, sondern das individuelle Streben nach Anerkennung ist seiner Auffassung nach maßgeblich. Der Nutzen der Handlung kann aus einem weiteren Grund nicht zum Handeln motivieren, da die Menschen die Konsequenzen ihrer Handlung nicht bewusst bewirken, sondern eher durch eine Art Selbsttäuschung zum Handeln bewegt werden. Da der Nutzen nicht zum Handeln antreibt, wird ersichtlich, dass Smith aus diesen Gründen heraus zumindest vordergründig keinen utilitaristischen Ansatz vertritt. Seine Alternativbegründung des größten Glücks der größten Zahl bzw. der allgemeinen Glückseligkeit, die sich aus der natürlichen Selbsttäuschung des Menschen und dem Anerkennungsgefühl des Menschen herleiten lässt, widerspricht der utilitaristischen Auffassung, der zufolge ein Übergewicht an positiven Handlungsfolgen das größte Glück bewirken soll. Ebenso betont Smith nicht die Geeignetheit des Mittels, um den bestmöglichen Zweck zu befördern, sondern eine Vervollkommnung der Mittel. Auch diese Ansicht widerspricht der utilitaristischen Ansicht, da sie das Mittel unabhängig von ihrem Zweck betrachtet. Smith zeigt hier ebenfalls antiutilitaristische Züge.

Ballestrem weist daraufhin, dass Smith zumindest eine Art kontemplativen Utilitarismus vertritt, wenn er schon keinen normativen Utilitarismus billigt. Der kontemplative Utilitarismus geht davon aus, dass die allgemeine Glückseligkeit unwillentlich durch Gott bewirkt wurde. Theoretiker wie Smith erkennen erst im Nachhinein, dass der allgemeine Nutzen bewirkt wurde.[46] Diese Unterform des Utilitarismus entbehrt jedoch dem eingangs dargestellten Kalkülisierungsideal. Außerdem mangelt es ihm daran, dass die Handlungen nicht intendiert sind. Somit handelt es sich hier nicht um einen normativen Utilitarismus.

3. Ergebnisse

Adam Smith vertritt in seiner TMS keinen normativen Utilitarismus. Es wurde ersichtlich, dass die moralische Billigung einer Handlung nicht von den Handlungsfolgen abhängt. Nach Smith kann eine Billigung der Handlung nur durch die Sympathie erfolgen. Dieses Vermögen setzt nicht bei den Handlungsfolgen an, sondern es beurteilt die Handlungsmotive, dass heisst: die Gefühle. Dies wurde besonders bei Smiths Strafbegründungstheorie ersichtlich.

Da die Gefühle, besonders das Anerkennungsstreben, – nicht der Nutzen einer Handlung – zum Handeln motivieren, wird verständlich, dass Smith zufolge nur die Vervollkommnung der Mittel – ohne dass die Zwecke absichtlich bewirkt werden – erstrebenswert sei. Wenn also die Zwecke einer Handlung nicht absichtlich angestrebt werden können, dann wird verständlich, dass Smith keinen Utilitarismus vertreten kann. Denn für die utilitaristische Ethik haben die Handlungsfolgen Einfluss auf die moralische Beurteilung der Handlung.

Ein weiteres Argument, das Smith gegen einen möglichen Utilitarismus anführt, ist folgendes: Smith leitet, entgegen der utilitaristischen Vorstellung, das größte Glück der größten Zahl aus den von Gott gegebenen Gefühlen her. Durch diese Gefühle würde der Mensch nach Anerkennung streben. Während der Mensch nach Anerkennung strebt, bewirkt er durch sein Tun nicht intendierte Verbesserungen seiner persönlichen Umstände. Da alle Menschen mit diesen gottgegebenen Gefühlen ausgestattet sind, bewirken sie im gesellschaftlichen Wechselspiel die allgemeine Glückseligkeit.

Ebenso lässt sich aus der Sympathiekonzeption und dem Konzept des unparteiischen Zuschauers kein normativer Utilitarismus ableiten, da der in der TMS  beschriebene unparteiische Zuschauer kein idealer Beobachter ist, der alle Folgen einer Handlung abschätzen könne. Auch wenn es einen solchen Beobachter gäbe, so hätte er Schwierigkeiten, sich in die Gefühle aller Betroffenen hineinzufühlen.

Aus diesen Gründen wird ersichtlich, dass Smith keinen normativen Utilitarismus vertreten hat. Es wurde gezeigt, dass Smith Nützlichkeitserwägungen benutzt, um gewisse Regelwidrigkeiten der Gefühle zu korrigieren. Dies wurde am Beispiel des militärischen Wachpostens deutlich. Folglich vertrat Smith zumindest einen explanatorischen Utilitarismus. Außerdem wurde gezeigt, dass Smith auch ein Vertreter des kontemplativen Utilitarismus ist. Diese beiden Utilitarismusformen sind jedoch keine Formen, die dem normativen Utilitarismus nahe kommen, der im Kapitel 2 dieses Beitrags beschrieben wurde.

4. Quellen- und Literaturverzeichnis

Quellen:

Eckstein, Walter (Hrsg. und Übers.): Adam Smith. Theorie der ethischen Gefühle (=Philosophische Bibliothek 200), Hamburg 2004.

Literatur:

Andree, Johannes Georg: Sympathie und Unparteilichkeit. Adam Smiths System der natürlichen Moralität, Paderborn 2003.

Aßländer, Michael S.: Adam Smith zur Einführung, Hamburg 2007.

Ballestrem, Karl Graf: Adam Smith, München 2001.

Campbell, T. D. / Ross, I. S.: The Utilitarianism of Adam Smith`s Police Advice, In: Journal of the History of Ideas 42 (1981), S. 73 -92.

Garrett, Aaron: Adam Smith über den Zufall als moralisches Problem, In: Fricke, Christel/ Schütt, Hans-Peter: Adam Smith als Moralphilosoph, Berlin 2005, S. 160 – 177.

Gil, Thomas: Ethik, Stuttgart 1993.

Höffe, Ottfried:  Einführung in die utilitaristische Ethik. Klassische und zeitgenössische Texte, Tübingen 1992.

Martin, Martin A.: Utility and Morality. Adam Smith’s Critique of Hume, In: Hume Studies 16 (1990), S. 107 – 120.

Ott, Konrad:  Moralbegründungen zur Einführung, Hamburg 2001.

Pauer-Studer, Herlinde: Einführung in die Ethik, Wien 2003.

Raphael, D. D.: Adam Smith, Frankfurt a. Main 1991.

Rawls, John: Eine Theorie der Gerechtigkeit, Frankfurt a. Main 1979.

Rosen, F.: The idea of utility in Adam Smith`s The Theory of Moral Sentiments, In: History of European Ideas 26 (2000), S. 79 – 103.

Shaver, Robert: Virtues, Utility, and Rules, In: Haakonsen, Knud: The Cambridge Companion to Adam Smith, Cambridge 2006.

Fußnoten:

[1] Eckstein X, LXVI

[2] Höffe weist daraufhin, dass der Utilitarismus besonders in Deutschland wenig rezeptiert wurde. Vgl. Höffe: 1992, S. 8.

[3] Vgl. Ott: 2001, S. 97.

[4] Vgl. Ott: 2001, S. 98f. Vgl. Höffe: 1992, S. 16. Diese Ansichtwird dadurch begründet, dass der Mensch von Natur aus Leid vermeidet und nach Lust strebt. Diese anthropologischeGrundhaltung entspricht auch den Gefühlen des SmithschenZuschauers, wenn er mit sozialen Affekten eher sympathisiert als mit unsozialen Affekten.

[5] Vgl. Ott: 2001, S. 101.

[6] Vgl. Pauer-Studer: 2003, S. 33.

[7] Solche Affekte könnten hemmungslose sexuelle Lust(Ebenso „würde eine utilitaristisch geprägte Sexualmoral,die Aufforderung beinhalten, das Ausmaß derGeschlechtslust zu maximieren, (…) da Sexualität eine Quelle von >> pleasure <<“ sei. Vgl. Ott: 2001, S. 110.),aber auch riesiges Fressgelage sein. Smith führt jedochan, dass genau mit solchen Affekten kaum Sympathiemöglich sei, da „wir körperliche Begierden anderer nichtnachfühlen können“ (Vgl. Andree: 2003, S. 59.). Auchwürden diese Affekte, wenn sie übermäßig sind,„Widerwillen, den wir gegen diese körperlichen Begierdenempfinden“, auslösen (Vgl. TMS: 2004, S. 34.). Wenn dieZielstellung dieser hedonistisch geprägten Ethik aufwenig Sympathie durch den Zuschauer hoffen darf, so istes auch verständlich, dass Smith mit dieser Ethik desGenussmenschen nicht sympathisieren kann.

[8] Vgl. Pauer-Studer: 2003, S. 35.

[9] Vgl. Höffe: 1992, S. 22.

[10] Vgl. Ott: 2001, S. 103.

[11] Vgl. Pauer-Studer: 2003, S. 36.

[12] Vgl. Höffe: 1992, S. 26 und Pauer-Studer: 2003, S. 36.

[13] Vgl. Aßländer: 2007, S. 99; Raphael: 1991,
——–S. 50 und Andree: 2003, S. 185.

[14] Vgl. Pauer-Studer: 2003, S. 33.

[15] Rawls weist daraufhin, dass „das Sich-in-den-anderen-Hineinversetzen“ ein wichtiger Bestandteil derUtilitaristischen Ethik ist. Vgl. RAWLS: 1979, S. 45.

[16] Vgl. Andree: 2003, S. 146. Ähnlich beschreibt auch Rawlsden vernünftigen und unparteiischen mitfühlendenBeobachter. Vgl. Rawls: 1979, S. 213. Vgl. auchOtt: 2001, S. 103.

[17] Entgegen der Interpretation von Campbell geht Rawlsdavon aus, dass es sich bei Smith gerade um einen„ideal vernünftigen und unparteiischen Zuschauerhandelt, der alle bedeutsamen Umstände kennt“.Vgl. Rawls: 1979, S. 211. Eine Online-Recherchebei Google Books unter dem Eintrag „ideal* Beobacht*“bzw. „ideal* Zuschau*“ führte zu keinem Ergebnis,so dassSmith vermutlich eine solche Person nicht vorsah.

[18] Vgl. Andree: 2003, S. 147.

[19] Vgl. Aßländer: 2007, S. 66.

[20] Vgl. TMS: 2004, S. 146.

[21] Vgl. TMS: 2004, S. 146.

[22] Ebenso sieht Garrett das später zu zeigende Problem des einschlafenden Wachpostens in der Sicht einermöglichen Regelwidrigkeit der Gefühle. Ohne diemögliche Folgenabschätzung des Einschlafens würdenicht die hohe Strafe vom Zuschauer gebilligt werden.Vgl. Garrett, 2005, S. 164f.

[23] Vgl. Ott: 2001, S. 109.

[24] Vgl. Gil: 1993, S. 59.

[25] Vgl. Campbell & Ross: 1981, S. 75.

[26] Ebenso sieht Höffe den Ursprung der Generalpräventionund der Vergeltungstheorie im Utilitarismus begründet.Vgl. Höffe: 1992, S. 34.

[27] Vgl. Martin: 1990, S. 107.

[28] Vgl. Ballestrem: 2001, S. 87.

[29] Vgl. Andree: 2003, S. 83.

[30] Vgl. Rosen: 2000, S. 87.

[31] Vgl. TMS: 2004, S. 99.

[32] Vgl. Shaver: 2006, S. 195.

[33] Vgl. Campbell & Ross: 1981, S. 77ff.

[34] Shaver: 2006, S.195.

[35] Vgl. Martin: 1990, S. 109. Diese Auffassung ähneltHare´s Utilitarismusauffassung (Vgl. Pauer-Studer:2003, S. 37.) Diese Auffassung kann jedoch imRahmen dieser Arbeit nicht näher diskutiert werden. Trotzdem wird durch die Zurückweisung derutilitaristischen Strafbegründung Humes deutlich,dass Smith einen normativen Utilitarismus ablehnt.

[36] Es sei darauf hingewiesen, dass Smith zufolge einemoralische Billigung eher bei den Handlungsmotivenansetzt als bei den Handlungsfolgen. Vgl. auch Kapitel 3,besonders die Punkte 1 und 2 der dort gemachten Aufstellung.

[37] Vgl. Rosen: 2000, S. 89.

[38] Vgl. TMS: 2004, S. 309f.

[39] Vgl. Andree: 2003, S. 157; Aßländer: 2007, S. 77.

[40] Vgl. TMS: 2004, S. 315.

[41] Vgl. Ballestrem: 2001, S. 87.

[42] Vgl. TMS: 2004, S. 46f, S. 312f.

[43] Vgl. Aßländer: 2007, S. 78.

[44] Vgl. Ballestrem: 2001, S. 87.

[45] Vgl. Aßländer: 2007, S. 76.

[46] Vgl. Ballestrem: 2001, S. 87.

Gibt es ein grundsätzlich richtiges moralisches Handeln?

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
2. Hauptteil
__2.1 Der Begriff der Moral
_……._2.1.1 Begriffsgeschichte
…….__2.1.2 Der Moralbegriff aus moderner Sicht
__2.2 Wer oder was kann bestimmen, was ein grundsätzlich
……..__richtiges oder falsches moralisches Handeln ist?
__2.3 Gibt es ein grundsätzlich richtiges moralisches Handeln?
3. Schlussbemerkung
4. Quellen- und Literaturverzeichnis

_ 1. Einleitung

Im Folgenden werde ich die Frage zu beantworten versuchen, ob es ein grundsätzlich richtiges moralisches Handeln gibt. Die Beschäftigung mit dieser Fragestellung erwächst aus einem ureigensten Interesse meinerseits: Denn Tag für Tag sehe ich mich im Umgang mit meiner Umwelt vor Situationen gestellt, in denen ich entscheiden muss, wie ich zu handeln oder einen Sachverhalt zu bewerten habe. Zum Beispiel: Ist es in Ordnung, eine auf der Straße gefundene Brieftasche zu behalten, anstatt sie dem Besitzer zurückzugeben? Meine Antwort: Nein! Doch was ist die Ursache für meine Haltung bzw. woran orientiere ich mich bei meiner Entscheidungsfindung? An Recht und Gesetz? Oder vielleicht an der Instanz der Moral? Was ist Moral überhaupt? Gibt es ein richtiges und falsches moralisches Handeln? Sind es allgemeine gesellschaftliche Normen und Werte, die mir Orientierung bieten? Oder eigene moralische Grundsätze? Gibt es eine universelle Moral? All diese Fragen zeigen bereits die Komplexität der Thematik. Nach den Worten von Anton Leist, derzeit Professor für Philosophie an der Universität von Zürich, hat die „akademische Moralphilosophie in den letzten Jahren […] ausführliche Stellungnahmen und Argumente“[1] zu bestimmten konkreten Problemen, also „solche der Wissenschaft, der Umwelt oder wiederum der Politik, etwa der internationalen Konflikte und Katastrophen“[2], entwickelt. Doch haben in seinen Augen insbesondere die Arbeiten der Angewandten Ethik nicht sonderlich zu befriedigenden Problemlösungen beigetragen. Leist befindet, dass die Fragen der Ethik zwar theoretisch mit den Mitteln der Philosophie zu behandeln sind, deren Analysen aber zugleich praktische sein müssen. Sein Anspruch einer Verbindung von Theorie und Praxis in der Ethik hat mich dazu bewogen, unter anderem das von ihm verfasste Werk Die gute Handlung als Forschungsliteratur für diesen Beitrag heranzuziehen, wobei mein Hauptaugenmerk auf der Alltagsmoral liegen wird. Doch bevor ich hinterfrage, ob es ein grundsätzlich richtiges moralisches Handeln gibt, versuche ich mich zunächst einmal an einer Definition des Begriffes Moral. Denn ohne eine Erklärung dessen, was unter Moral zu verstehen ist, würde meine Argumentation zur Beantwortung der Hauptfragestellung auf äußerst tönernen Füßen stehen. Anschließend setze ich mich mit der Hauptfragestellung auseinander und werde in der Schlussbemerkung die von mir gewonnenen Erkenntnisse aus meinen Überlegungen zusammenfassen und schließlich ein Resümee ziehen.

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Der historische Sokrates

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
2. Hauptteil

__2.1 Die wichtigsten historischen Quellen zu Sokrates
__2.2 Wer war der historische Sokrates?
_……._2.2.1 Die Apologie – Zeugnis der Philosophie des Sokrates
…….__2.2.2 Xenophon als aussagekräftiger Augenzeuge?
…….__2.2.3 Die große weltgeschichtliche Wirkung des Sokrates
3. Schlussbemerkung
4. Quellen- und Literaturverzeichnis

_

1. Einleitung

In diesem Beitrag werde ich zu beantworten versuchen, wer der historische Sokrates war, der als bedeutender, der griechischen Antike entstammender, Philosoph gilt. Zwar gibt es eine Vielzahl von Literatur über ihn, jedoch ist nicht annähernd eine einheitliche und in sich konsistente Darstellung der Person des Sokrates zu finden. Anstatt dessen existieren die unterschiedlichsten Urteile über ihn. Da er selbst nichts Schriftliches hinterließ, kann nur das untersucht werden, was über ihn geschrieben wurde. Damit verbunden lässt sich feststellen, dass Sokrates insbesondere eine Gestalt der Philosophiegeschichte ist, „dessen Idealgestalt […] für die Geistesgeschichte wesentlicher als die Kenntnis historischer Fakten“[1] ist. Dagegen soll im Rahmen dieses Beitrags „die Problematik des historischen Sokrates“[2] untersucht werden, das sogenannte sokratische Problem. Das, was wir heute über Sokrates wissen, geht vor allem auf vier bedeutende Quellen zurück: auf den Philosophen Platon, den Schriftsteller Xenophon, den Komödiendichter Aristophanes sowie den Philosophen und Platon-Schüler Aristoteles. Während Xenophon mit Sokrates in seinen Schriften Memorabilien und Gastmahl „einen allzu gewöhnlichen Verteidiger der konventionellen Moral [präsentiert], [stellt] […] Platon einen Meisterphilosophen […] [dar], dem er alle eigenen philosophischen Entdeckungen in den Mund legt. Aristophanes karikiert Sokrates in seinem Stück »Die Wolken« als naturphilosophisch orientierten Atheisten, als sophistischen Wortverdreher und als spitzfindigen Widerlegungskünstler; bei Aristoteles erscheint Sokrates als jemand, der selbst nichts zu wissen vorgibt und daher stets nur Meinungen prüft.“[3] Diese in den Quellen so unterschiedlich gezeichneten Sokrates-Bilder finden dann auch in der darauf basierenden Forschungsliteratur ihren Niederschlag, wobei in der heutigen Sokrates-Forschung „den Schriften des jungen Platon […] einhellig der größte Quellenwert zugebilligt“[4] wird. Das könnte darin begründet sein, „dass Platon die beiden Seiten des Sokrates, die bei Aristophanes und Xenophon zur grotesken Fratze auf der einen und zum nahezu völlig spannungslosen Prediger auf der anderen Seite auseinander gelegt sind, virtuos zusammenführt.“[5] Im Folgenden werde ich zunächst auf die wichtigsten Quellen und anschließend auf die Forschung zum historischen Sokrates eingehen, um dann herauszuarbeiten versuchen, wer Sokrates wirklich gewesen war. Abschließend folgt mein Resümee.

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Der Moralapostel

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Der Moralapostel

War er Politiker, Theologe, Jurist oder Gewerkschaftsfunktionär?
Liebe Leute, ich weiß es beim besten Willen nicht mehr!
Doch mag mein Gedächtnis auch so löchrig wie ’n Schweizer Käse sein,
eines steht fest: Der Typ predigte Wasser und trank gar lieblichen Wein!

Er erhob seine Stimme für Frieden und Gerechtigkeit in aller Welt,
als er seinem Berufe nachging für nicht gerade wenig Geld
und spielte die Rolle des Robin Hood, den Rächer der Enterbten,
zu Felde ziehend gegen all die Sünden der moralisch Verderbten!

Ging’s darum, andern Leuten kritisch auf die Finger zu schau’n,
war unser Held in seinem Element und voller Selbstvertrau’n,
denn auf seine schärfste Waffe, das Schwert der Rhetorik,
konnt‘ er immer bau’n und nichts entging seinem Adlerblick!

Doch gewisse Ausnahmen sind legitim, dachte er wohl,
als er Steuern hinterzog, andre betrog und versank im Alkohol!
Schließlich sei er auch nur ein Mensch aus Fleisch und Blut,
hört‘ ihn der Richter sagen, der nicht immer nur Gutes tut!

Und wie nun lautet die Moral von der Geschicht‘?

Wer sich zum Moralapostel mit mahnender Stimme erhebt,
nicht aber nach seinen öffentlich beschwor’nen Grundsätzen lebt,
ist ein Heuchler, wie er im Buche der Doppelmoral steht,
der andere betrügt, sich selbst belügt und einen Irrweg geht!

by Charlie Rutz

(Oktober 2004)