Die Verfassungsdebatte bei Herodot

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Inhaltsverzeichnis

1. Ein­lei­tung
2. Haupt­teil

__2.1 Die Ver­fas­sungs­de­bat­te
_.……_2.1.1 Hero­dot und der grie­chi­sche Hin­ter­grund
.….……_____der Ver­fas­sungs­de­bat­te
_.……_2.1.2 Otta­nes und die Demo­kra­tie
_.……_2.1.3 Mega­by­zos
__2.2 Dar­ei­os und die Rol­le der Mon­ar­chie in der Debat­te
3. Schluss­be­mer­kung


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1. Ein­lei­tung

Sie­ben per­si­sche Adli­ge dis­ku­tie­ren nach einem Staats­streich, wel­che Regie­rungs­form von nun an gel­ten soll. Die­se in vie­ler Hin­sicht bemer­kens­wer­te Geschich­te fin­det sich bei dem grie­chi­schen Geschichts­schrei­ber Hero­dot. Zum ers­ten Mal in der his­to­ri­schen Über­lie­fe­rung wur­den die drei Staats­for­men Mon­ar­chie, Aris­to­kra­tie und Demo­kra­tie ein­an­der gegen­über­ge­stellt. Die­se Debat­te bil­det das The­ma die­ses Bei­trags. Ich wer­de mich dabei ins­be­son­de­re auf zwei Aspek­te kon­zen­trie­ren: Auf die Dar­stel­lung der Mon­ar­chie und  — damit ver­bun­den — dar­auf, wie stark die per­sön­li­che Hal­tung Hero­dots dort zum Aus­druck kommt. Die Demo­kra­tie­de­bat­te ist nicht his­to­risch, aber auch gera­de des­we­gen von gro­ßem Nut­zen für His­to­ri­ker. Hero­dot hat in ihr grie­chi­sche Debat­ten auf­ge­nom­men und damit der Nach­welt erhal­ten. Sie ist die ers­te über­lie­fer­te Ver­fas­sungs­de­bat­te der Welt­ge­schich­te und hat schon vie­le Ele­men­te der spä­te­ren pla­to­ni­schen und aris­to­te­li­schen Staats­theo­rie. In mei­nem Bei­trag stüt­ze ich mich neben den His­to­ri­en von Hero­dot ins­be­son­de­re auf zwei Arbei­ten. Zum einen ist die Arbeit von Jochen Blei­cken Zur Ent­ste­hung der Ver­fas­sungs­ty­po­lo­gie im 5. Jahr­hun­dert v. Chr. zu nen­nen, in  wel­cher der poli­ti­sche und theo­re­ti­sche Hin­ter­grund der Debat­te beleuch­tet wird. Die zen­tra­le Arbeit, mit der ich mich aus­ein­an­der­ge­setzt habe, ist jedoch Klaus Bring­mans Die Ver­fas­sungs­de­bat­te bei Hero­dot 3,80–82 und Dar­ei­os Auf­stieg zur Königs­herr­schaft. In sei­ner Arbeit wird die Rol­le von Dar­ei­os in der Ver­fas­sungs­de­bat­te aus­führ­lich beleuch­tet, aller­dings wird sei­ne Rol­le etwas zu nega­tiv betrach­tet, wor­auf ich in mei­nem Bei­trag noch näher ein­ge­hen wer­de.

2. Haupt­teil

2.1 Die Ver­fas­sungs­de­bat­te

2.1.1 Hero­dot und der grie­chi­sche Hin­ter­grund der Ver­fas­sungs­de­bat­te

Hero­dot wird ger­ne als „Vater der Geschichts­schrei­bung” bezeich­net. Sein Werk basiert auf münd­li­chen Über­lie­fe­run­gen und Erzäh­lun­gen von Augen­zeu­gen. Er berich­tet, was ihm erzählt wur­de. Er äußert an man­chen Dar­stel­lun­gen Zwei­fel, doch ihm blie­ben nur münd­li­che Aus­sa­gen. Mytho­lo­gi­sche Dar­stel­lun­gen kön­nen dadurch ähn­lich glaub­wür­dig wie his­to­ri­sche Tat­sa­chen wir­ken. An Hero­dot kann man gut den Wis­sens­ho­ri­zont eines gebil­de­ten Grie­chen sei­ner Zeit erken­nen. Dort, wo der grie­chi­sche Erfah­rungs­ho­ri­zont endet, geht sein Werk oft flie­ßend vom His­to­ri­schen ins Mytho­lo­gi­sche über. Hero­dot ist dabei nicht unkri­tisch. Er mel­det an Über­lie­fe­run­gen Zwei­fel an oder gibt unter­schied­li­che über­lie­fer­te Ver­sio­nen eines Ereig­nis­ses wie­der. Künst­le­ri­sche und phi­lo­so­phi­sche Über­le­gun­gen ste­hen dabei aber im Vor­der­grund, also noch vor — noch nicht exis­ten­ten — „wis­sen­schaft­li­chen” Kri­te­ri­en.

Die Ver­fas­sungs­de­bat­te ist kei­ne per­si­sche Geschich­te. Für das Per­ser­reich stand die Mon­ar­chie nie in Fra­ge. Der Ursprung der Ver­fas­sungs­de­bat­te wur­de immer viel dis­ku­tiert. Hat Hero­dot für die Debat­te einen per­sisch-grie­chi­schen Mythos als Grund­la­ge genutzt oder die Geschich­te nur ein­ge­baut, um die Unter­schie­de zwi­schen Per­sern und Grie­chen zu beleuch­ten? Ein abschlie­ßen­des Ergeb­nis in der For­schung gibt es nicht und viel­leicht wird die­se Fra­ge nie end­gül­tig geklärt wer­den.

Die Ver­fas­sungs­de­bat­te ist also im Wesent­li­chen eine grie­chi­sche Debat­te. Eine Beson­der­heit ist, dass nicht drei kon­kre­te Herr­schaf­ten ver­gli­chen, son­dern sich drei theo­re­ti­sche Model­le gegen­über ste­hen. Als Grund­la­ge wer­den Hero­dot wohl die Debat­ten der Sophis­ten gedient haben. Die­se basier­ten auf der athe­ni­schen Demo­kra­tie und den Aus­ein­an­der­set­zun­gen dar­um in der grie­chi­schen Welt. Die Macht­stel­lung Athens, die durch die Per­ser­krie­ge begrün­det wur­de, führ­te auch zu einem Export der demo­kra­ti­schen Vor­stel­lun­gen. Die Athe­ner för­der­ten demo­kra­ti­sche Ent­wick­lun­gen in den von ihnen abhän­gi­gen Städ­ten des See­bun­des. Nach dem Sieg über die Per­ser, womit die Ziel­set­zung des See­bun­des ja eigent­lich erfüllt war, streb­ten vie­le Städ­te ihre Los­lö­sung vom See­bund an. Um sei­ne Macht zu fes­ti­gen, ver­such­te Athen sei­ne Ord­nung auch in den Städ­ten des See­bun­des durch­zu­set­zen. In den meis­ten grö­ße­ren grie­chi­schen Städ­ten exis­tier­te bereits eine gewis­se Span­nung zwi­schen den herr­schen­den Adligen/Reichen und dem  Demos. Durch das macht­po­li­ti­sche Wir­ken Athens wur­den die­se Kon­flik­te ange­heizt und ver­schärft. Die nach Unab­hän­gig­keit stre­ben­den Kräf­te in die­sen Städ­ten wand­ten sich oft auch gegen die­ses Vor­drin­gen der demo­kra­ti­schen Idee, mit der die Athe­ner ihre Macht fes­ti­gen woll­ten.

So kam es zum Kon­flikt zwi­schen dem Macht­stre­ben Athens mit der Aus­brei­tung der demo­kra­ti­schen Ord­nung und dem Unab­hän­gig­keits­stre­ben der Städ­te bei Bewah­rung der tra­di­tio­nel­len Ord­nung. Die­se Pha­se des Umbruchs und der poli­ti­schen Span­nun­gen lie­fer­te erst die Grund­la­ge für eine Ent­wick­lung der Ver­fas­sungs­theo­rie, wie sie in der Ver­fas­sungs­de­bat­te bei Hero­dot deut­lich wird. So gibt es dann auch im Pelo­pon­ne­si­schen Krieg zahl­rei­che Ver­fas­sungs­um­brü­che. Die Regie­rungs­form ist dadurch für die Grie­chen nicht mehr nur durch Tra­di­tio­nen vor­ge­ge­ben, son­dern etwas Ver­än­der­ba­res. Die Aus­tausch­bar­keit der Ord­nun­gen trug zur Wei­ter­ent­wick­lung der Ver­fas­sungs­theo­rie bei. Hero­dots Debat­te ist die theo­re­ti­sche Refle­xi­on die­ser Ent­wick­lung. Es ist mehr als unwahr­schein­lich, dass eine sol­che Debat­te bei den Per­sern statt­ge­fun­den haben soll. Der not­wen­di­ge his­to­ri­sche Hin­ter­grund ist nicht zu erken­nen.

War­um beteu­ert Hero­dot aber sogar mehr­mals die Authen­ti­zi­tät der Debat­te? Anschei­nend gab es auch schon zu Hero­dots Zei­ten Zwei­fel am per­si­schen Ursprung der Debat­te. Ob Hero­dot auf eine Urge­schich­te, wie z. B. eine grie­chi­sche Per­ser­ge­schich­te, oder ande­res zurück­greift, lässt sich wohl kaum noch abschlie­ßend beur­tei­len. Der per­si­sche Feld­herr Mar­do­ni­us ließ die ioni­schen Tyran­nen durch Demo­kra­ti­en erset­zen. Für Hero­dot könn­te die­ser Vor­gang wie eine Bestä­ti­gung für eine per­sisch-demo­kra­ti­sche Tra­di­ti­on gewirkt haben. Er führt die­ses Bei­spiel zur Bekräf­ti­gung der Authen­ti­zi­tät der Debat­te an. Die Aus­wechs­lung ist aller­dings auch mühe­los aus macht­po­li­ti­schen Grün­den erklär­bar. Die Tyran­nen hat­ten sich für die Per­ser als unzu­ver­läs­sig und rebel­lisch erwie­sen. Dass die Per­ser nun auf ihre inner­städ­ti­sche Kon­kur­renz set­zen, erscheint voll­kom­men logisch. Für Hero­dot muss es trotz­dem ver­wun­der­lich gewe­sen sein, dass ein per­si­scher Feld­herr eine Allein­herr­schaft durch eine Demo­kra­tie ersetzt.

Die Bedeu­tung der Debat­te liegt nicht in der Fra­ge ihrer his­to­ri­schen Glaub­wür­dig­keit, son­dern dar­in, dass sie die ers­te umfang­rei­che Dar­stel­lung grie­chi­scher Ver­fas­sungs­theo­rie ist. Die Debat­te besteht aus drei Reden. Zuerst spricht Otta­nes für die Demo­kra­tie und gegen die Tyran­nis. Den klei­ne­ren Mit­tel­teil nimmt die Rede von Mega­by­zos ein, der sich für die Aris­to­kra­tie aus­spricht. Dar­ei­os schafft es schließ­lich, mit sei­ner Rede für die Mon­ar­chie die ande­ren zu über­zeu­gen. Obwohl drei Staats­for­men in der Debat­te auf­tau­chen, ist es vor allem eine Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen athe­ni­scher Demo­kra­tie­vor­stel­lung und per­si­scher Mon­ar­chie. Es zeigt sich bei den Reden ein Grund­sche­ma: Jeder Red­ner spricht sich aus­drück­lich für eine Staats­form und gegen eine ande­re aus. Otta­nes spricht gegen die Allein­herr­schaft und für die Demo­kra­tie, Mega­by­zos für die Oligarchie/Aristokratie. Dar­ei­os weicht inso­fern leicht ab, als dass er natür­lich zwar für die Allein­herr­schaft plä­diert, aber nicht nur gegen die Olig­ar­chie, son­dern auch noch gegen Otta­nes argu­men­tiert.

Die Reden sind nicht gleich gewich­tet: Denn die Reden von Otta­nes für die Demo­kra­tie und Dar­ei­os für die Allein­herr­schaft sind deut­lich umfang­rei­cher als die Rede des Mega­by­zos für die Olig­ar­chie. Die Argu­men­te für eine bestimm­te Staats­form zie­len immer auf die Best­form ab, die „Con­tra-Argu­men­te” auf die nega­ti­ve Form. Bei Dar­ei­os tritt der neue Aspekt hin­zu, dass expli­zit zwi­schen mög­li­chen schlech­ten und guten Staats­for­men unter­schie­den wird. Doch sehen wir uns zunächst die Rede des Otta­nes genau­er an.

2.1.2 Otta­nes und die Demo­kra­tie

Hero­dot lässt Otta­nes mit einem his­to­ri­schen Bei­spiel begin­nen. Die Herr­schaft von Kam­by­ses und dem fal­schen Smer­dis bil­den ja gera­de­zu das nega­ti­ve Bild eines Allein­herr­schers. Ihre tyran­ni­sche Herr­schaft, von Hero­dot aus­führ­lich beschrie­ben, kann gut zur Abschre­ckung die­nen. Eines fällt aber auf: Ihre Dar­stel­lung bei Otta­nes spie­gelt das Bild eines grie­chi­schen Tyran­nen wider, nicht die eines per­si­schen Mon­ar­chen.[1] Bring­mann weist zurecht dar­auf hin, dass die Aus­sa­ge des Otta­nes, ein Herr­scher miss­traue den Bes­ten und wol­le die alte Ord­nung umsto­ßen, nur durch die grund­sätz­lich gefähr­de­te Lage eines grie­chi­schen Tyran­nen erklär­bar ist.[2] Es zeigt sich, dass auch die Wand­lung einer Staats­form ins Nega­ti­ve bei Hero­dot bereits ange­legt ist. „Auch wenn man den Edels­ten zu die­ser Stel­lung erhebt, wird er sei­ner frü­he­ren Gesin­nung untreu wer­den.”[3] Hier fin­det sich bereits ein frü­her Vor­läu­fer der spä­te­ren grie­chi­schen Staats­theo­rie vom Ver­fas­sungs­kreis­lauf.

Da eine grie­chi­sche Tyran­nis kei­ne sta­bi­le Erb­fol­ge hat, son­dern nur auf der kon­kre­ten Macht des Tyran­nen basiert, ist sei­ne Lage immer poten­ti­ell gefähr­det. Die beschrie­be­nen Ver­hal­tens­mus­ter sind dadurch oft sehr zutref­fend. Jeder erfolg­rei­che Feld­herr, jeder in der Bür­ger­schaft Ange­se­he­ne, kann eine poten­ti­el­le Bedro­hung dar­stel­len. Eine prä­zi­se Dar­stel­lung der per­si­schen Mon­ar­chie, mit ihrer rela­tiv sta­bi­len Erb­fol­ge, ist es natür­lich nicht. Die Mon­ar­chie ist die alte akzep­tier­te Ord­nung, ein per­si­scher König kann sich ja gera­de auf die­se Tra­di­ti­on beru­fen.

Otta­nes führt eini­ge Argu­men­te für die Demo­kra­tie an. Die Gleich­be­rech­ti­gung wird als Wert für sich genom­men. Ein sehr frei­heit­li­cher Gedan­ke. Die Regie­rung soll für ihre Ent­schei­dun­gen ver­ant­wort­lich sein. Will­kür und Unter­drü­ckung wie bei der Monarchie/Tyrannis sol­len damit unter­bun­den wer­den. Otta­nes erläu­tert auch, wie die Demo­kra­tie aus­se­hen soll. Die Amts­trä­ger sol­len durch das Los aus­ge­wählt wer­den. Alle Ent­schei­dun­gen sol­len von der Volks­ver­samm­lung getrof­fen wer­den. Was hier beschrie­ben wird, ist die Demo­kra­tie nach dem Mus­ter von Athen nach der Ver­fas­sungs­re­form von 487/486.[4] Wenn man sich die Argu­men­te von Otta­nes im Gan­zen ansieht, fällt einem eini­ges auf. Der Wert der Demo­kra­tie liegt vor allem dar­in begrün­det, dass sie Macht­an­häu­fung ver­hin­dert.  Der Vor­teil der Demo­kra­tie ist es also, die Macht bes­ser vor Kor­rup­ti­on zu schüt­zen. Ins­be­son­de­re aber soll sie Schutz vor der Herr­schaft eines Tyran­nen bie­ten. Es ver­steht sich von selbst, dass es sich dabei nicht um ein per­si­sches Pro­blem han­delt, son­dern um ein grie­chi­sches.

Fast ¾ der Aus­füh­run­gen wid­men sich aber nicht der Für­spra­che im Sin­ne der Demo­kra­tie, son­dern der Kri­tik der Ein­zel­herr­schaft. Die Für­spra­che für die Demo­kra­tie fällt also ent­schie­den klei­ner aus. Die Argu­men­te für die Demo­kra­tie zie­len aber eben­falls auf die Abwehr tyran­ni­scher Herr­schaft ab. Die Gleich­be­rech­ti­gung aller ist dabei der ein­zi­ge Punkt, der posi­tiv im Sin­ne der Demo­kra­tie erwähnt wird. Der Frei­heits­ge­dan­ke, der sich dahin­ter ver­birgt, ist damit ein zen­tra­les Argu­ment für die Demo­kra­tie. Ein umfas­sen­des Lob für die Demo­kra­tie ist die Rede des Otta­nes trotz­dem nicht. Zu sehr beschäf­tigt sie sich nur mit der Abwehr der Tyran­nis.

2.1.3 Mega­by­zos

Die Rede von Mega­by­zos bil­det den Mit­tel­teil der Ver­fas­sungs­de­bat­te. Er spricht sich für die Aris­to­kra­tie aus. Die eigent­li­chen Kon­tra­hen­ten in der Debat­te sind aller­dings Mon­ar­chie (für die Per­ser) gegen Demo­kra­tie (für die Grie­chen). Die Aris­to­kra­tie dient nur der Ergän­zung, um die Staats­for­men zu kom­plet­tie­ren und als Samm­lung von Kri­tik an den bei­den ande­ren Staats­for­men. Allein schon des­halb ist der Umfang die­ser Rede klei­ner als die der Kon­kur­ren­ten. Mega­by­zos stimmt der Tyra­nis­kri­tik von Otta­nes zu. Er sieht aber in einer Herr­schaft des Vol­kes die noch grö­ße­re Gefahr als in der eines Tyran­nen. Es gäbe nichts „Unver­stän­di­ge­res und Hoch­mü­ti­ge­res als die blin­de Mas­se”. Das unge­bil­de­te, zügel­lo­se und zur Ver­nunft unfä­hi­ge Volk sei schlim­mer als ein zügel­lo­ser Tyrann, der immer­hin wis­se, was er macht. „Ohne Sinn und Ver­stand, wie ein Strom im Früh­ling, stürzt es sich auf die Staats­len­kung”.[5] Er geht soweit zu sagen: „Nur wer den Per­sern Unheil sinnt, spre­che vom Volk!”

Wäh­rend er die Demo­kra­tie groß kri­ti­siert, gibt er aber nur ein Argu­ment für die Olig­ar­chie an: „Es ist doch klar, dass von den Edels­ten auch die edels­ten Ent­schlüs­se aus­ge­hen.”  Die­ses ein­sa­me und schwa­che Argu­ment wirkt nicht sehr über­zeu­gend. War­um führt Hero­dot die Aris­to­kra­tie als drit­te Regie­rungs­form ein? Die aris­to­kra­ti­sche Ver­fas­sungs­theo­rie war in Athen nicht sehr weit ent­wi­ckelt, dar­aus erklärt sich zum Teil die Schwä­che der Argu­men­ta­ti­on des Mega­by­zos. Der durch die Demo­kra­tie ent­mach­te­te Adel kri­ti­sier­te die Volks­herr­schaft zwar, bot aber kein umfang­rei­ches eige­nes Gegen­mo­dell an. Die demo­kra­ti­sche Theo­rie wuchs durch Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit der nicht­de­mo­kra­ti­schen Umwelt. Die athe­ni­schen Vor­neh­men ver­moch­ten zwar die Schwä­chen der Demo­kra­tie auf­zu­zei­gen, schaff­ten es aber nicht, die­ser ein umfas­sen­des eige­nes Theo­rie­mo­dell ent­ge­gen­zu­set­zen. Auch die Rede des Mega­by­zos basiert also auf grie­chi­schen Ver­fas­sungs­dis­kus­sio­nen.

2.2 Dar­ei­os und die Rol­le der Mon­ar­chie in der Debat­te

Wäh­rend die ers­ten bei­den Reden auf athenisch/griechischen Debat­ten basie­ren, sieht es bei der letz­ten Rede ganz anders aus. Die Mon­ar­chie spiel­te kei­ne Rol­le mehr für die Athe­ner aus Hero­dots Zeit. Das Bild von der Allein­herr­schaft wur­de nicht von der lan­ge zurück­lie­gen­den Mon­ar­chie geprägt, son­dern von den spä­te­ren Tyran­nen. Eine Argu­men­ta­ti­on für die Allein­herr­schaft konn­te sich so nicht her­aus­bil­den. Nun muss­te aber die Ver­fas­sungs­de­bat­te von der Mon­ar­chie gewon­nen wer­den, da sich his­to­risch die Per­ser ja nicht von der Mon­ar­chie abwand­ten.[6]

Vie­len erschei­nen die Argu­men­te von Dar­ei­os als schwach. Was er prä­sen­tiert, ist das Bild des star­ken Staa­tes, in dem Macht und Sicher­heit als wich­ti­ger betrach­tet wird als Frei­heit. Bei Otta­nes hin­ge­gen wird die Frei­heit als Garant für die Sicher­heit betrach­tet. Aus heu­ti­ger Sicht erschei­nen uns die Argu­men­te des Otta­nes viel­leicht als die stär­ke­ren. Doch in der anti­ken Welt ist dies nur eine Min­der­hei­ten­po­si­ti­on, die ihren Ein­fluss fast ein­zig auf der macht­po­li­ti­schen Stär­ke Athens nach den Per­ser­krie­gen baut. Hero­dot zeigt die Unter­schie­de zwi­schen Per­sern und Grie­chen auf, aber er zeigt in sei­nen His­to­ri­en auch, dass bei­de trotz ihrer Unter­schied­lich­keit sehr erfolg­reich sind.

Klaus Bring­mann glaubt an eine sehr nega­ti­ve Dar­stel­lung des Dar­ei­os bei Hero­dot. Dar­ei­os wer­de als „rabu­lis­ti­sche® Dem­ago­ge(..)” dar­ge­stellt, der „die schlech­te­re Sache zur bes­se­ren zu machen ver­steht”[7]. Doch kommt die Mon­ar­chie wirk­lich so schlecht weg wie er glaubt?

Wie bau­te Hero­dot die Argu­men­ta­ti­on des Dar­ei­os auf? Er lässt ihn fra­gen, wel­che der drei Staats­for­men am bes­ten sei, wenn alle drei opti­mal geführt wer­den und kommt zu dem Schluss: „Es gibt nichts bes­se­res, als wenn der Bes­te regiert”. Es ist die kon­se­quen­te Wei­ter­ent­wick­lung des Argu­men­tes von Mega­by­zos. Dar­ei­os führt damit auch die Abs­trak­ti­on in der Debat­te auf eine neue Ebe­ne. Er ver­gleicht kei­ne exis­tie­ren­den Staats­for­men, son­dern die jewei­li­gen Ide­al­bil­der. Gera­de durch Ver­wen­dung des Bil­des der Ide­al­form wird das Argu­ment nach­voll­zieh­bar und bekommt Gewicht. Dar­ei­os stellt damit ein posi­ti­ves Ide­al­bild der Mon­ar­chie dem nega­ti­ven Tyran­nen­bild des Otta­nes ent­ge­gen. Indi­rekt wer­den damit die Argu­men­te des Otta­nes gegen die Tyran­nis als irrele­vant für eine gute Mon­ar­chie dar­ge­stellt. Doch Otta­nes hat­te in sei­ner Rede  auch die Kri­tik am Ide­al­bild bereits for­mu­liert: „Auch wenn man den Edels­ten zu die­ser Stel­lung erhebt, wird er sei­ner frü­he­ren Gesin­nung untreu wer­den”.[8] In die­sem gan­zen Argu­men­ta­ti­ons­strang wird das wich­ti­ge Ele­ment der nachs­o­kra­ti­schen Staats­theo­rie, die Unter­schei­dung in posi­ti­ve und nega­ti­ve Vari­an­ten der Regie­rungs­for­men, sehr deut­lich.

So wie die Demo­kra­tie­de­bat­te anfängt, so endet sie auch: mit einem his­to­ri­schen Bei­spiel. Dar­ei­os ver­weist auf die Herr­schaft des bei den Per­sern belieb­ten Königs Kyros, der ihnen die Frei­heit gebracht hät­te, indem er sie von der Fremd­herr­schaft befrei­te: „Wer hat ihm (dem per­si­schen Volk) die Frei­heit geschenkt? Das Volk, die Aris­to­kra­ten oder ein Mon­arch?”[9] Die­se Anspie­lung auf den per­si­schen König Kyros soll auf die per­si­sche Tra­di­ti­on der Mon­ar­chie ver­wei­sen. Dar­ei­os nimmt Kyros als Bei­spiel für einen guten König, um ein Gegen­bild zu Kam­by­ses und dem fal­schen Smer­dis auf­zu­bau­en. Die his­to­ri­schen Bei­spie­le der Haupt­kon­tra­hen­ten Otta­nes und Dar­ei­os bie­ten in der grie­chisch gepräg­ten Debat­te etwas per­si­sches Kolo­rit. Doch eines sei hier­zu noch ange­merkt: Nach dem Sturz von Smer­dis war es ja gera­de nicht ein ein­zel­ner, der die Per­ser „befreit” hat­te. In der Dar­stel­lung Hero­dots wur­de  die Tat von gleich­ran­gi­gen Adli­gen began­gen. Dar­ei­os‘ Argu­ment muss als rhe­to­ri­scher Ver­such gese­hen wer­den, Kon­ti­nui­tät als wich­ti­ges Argu­ment für die Allein­herr­schaft her­an­zu­zie­hen.

Gegen die bei­den Regie­rungs­for­men baut Dar­ei­os eine geschick­te Argu­men­ta­ti­on auf. Olig­ar­chie und Demo­kra­tie sei­en nur Über­gangs­pha­sen zur sta­bi­len Herr­schaft einer Mon­ar­chie. Die Olig­ar­chen wür­den sich zwar ger­ne ums All­ge­mein­wohl ver­dient machen, doch ihre stän­di­ge Kon­kur­renz wür­de zur Kri­se füh­ren. Pri­vat­feh­den wür­den aus­bre­chen und zu Unru­hen und Mord­ta­ten füh­ren.[10] Die Mon­ar­chie wür­de sich dann als die bes­se­re Ver­fas­sung durch­set­zen. Die­ser Gedan­ke wird in abge­wan­del­ter Form auch gegen die Demo­kra­tie benutzt. Dar­ei­os führt in sei­ner Argu­men­ta­ti­on auf, dass die Demo­kra­tie mit der Zeit  Pro­ble­me auf­wirft. Wenn das Volk herrscht, gewin­ne Schlech­tig­keit und Gemein­heit an Boden. „Sie (die Schlech­ten) ver­schwö­ren sich gleich­sam, um den Staat aus­zu­beu­ten”[11].

Doch im Unter­schied zur Olig­ar­chie führt die­se Ver­schwö­rung  nun nicht zu Feh­den, son­dern zu Ver­brü­de­run­gen. Die Schlech­ten wür­den sich zusam­men­schlie­ßen, um gemein­sam den Staat aus­zu­beu­ten. Erst ein Füh­rer des Vol­kes wür­de dem Trei­ben ein Ende machen und dadurch zum Allein­herr­scher wer­den. Die Mon­ar­chie wür­de sich also auch hier durch­set­zen. Hier führt Dar­ei­os also an, dass die Demo­kra­tie in sich bereits den Kern des Schei­terns trägt. Die Rede des Dar­ei­os ist auch eine War­nung Hero­dots an die Grie­chen vor den Pro­ble­men der Demo­kra­tie.

Wäh­rend also die Olig­ar­chie wegen über­mä­ßi­ger Kon­kur­renz zur Mon­ar­chie wird, droht die Demo­kra­tie wegen der Macht der Schlech­ten und Gemei­nen zu schei­tern. Die­se War­nung vor einem Füh­rer der Demo­kra­tie, der dann zum Allein­herr­scher wird, ver­weist wahr­schein­lich auf die Rol­le von Peri­kles. Der Geschichts­schrei­ber Thuky­di­des mein­te zur Herr­schaft des Peri­kles in Athen: „Dem Namen nach war es eine Demo­kra­tie, in Wahr­heit die Herr­schaft des ers­ten Man­nes.”[12] Hero­dot weist auf die Gefah­ren der Demo­kra­tie hin und warnt die Athe­ner durch den Mund des Dar­ei­os. An einer ande­ren Stel­le sei­ner His­to­ri­en beschreibt er, wie die Mon­ar­chie durch den Wunsch nach Sta­bi­li­tät und Ord­nung ent­stand.[13] Die­sen Gedan­ken lässt er Dar­ei­os in der Ver­fas­sungs­de­bat­te nun for­mu­lie­ren.

Wenn man die Argu­men­ta­ti­on gegen Olig­ar­chie und Demo­kra­tie ver­gleicht, fällt etwas auf: Die Olig­ar­chen wer­den als wil­lens und fähig dar­ge­stellt, den Staat gut zu regie­ren, wenn nur die stän­di­ge Kon­kur­renz nicht zu Pro­ble­men füh­ren wür­de. Die Demo­kra­tie wird in die­ser Dar­stel­lung von Unfä­hi­gen und nicht am All­ge­mein­wohl Inter­es­sier­ten beherrscht. Die Olig­ar­chie kommt in der Dar­stel­lung also bes­ser weg als die Demo­kra­tie. Viel­leicht zeigt sich hier eine Sym­pa­thie Hero­dots für den Adel, was sich nicht unbe­dingt auf sei­ne Vor­stel­lung der bes­se­ren Regie­rungs­form bezie­hen muss.

Ein wei­te­res Argu­ment, dass Dar­ei­os anführt, ist die bes­se­re Geheim­hal­tung gegen­über Fein­den des Vol­kes. Es ist kom­bi­niert mit der Behaup­tung, ein Mon­arch wür­de „unta­de­lig für sein Volk sor­gen”[14]. Zusam­men mit der bereits erwähn­ten Aus­sa­ge, „es gibt nichts bes­se­res, als wenn der Bes­te regiert”[15], ergibt sich ein kla­res Ziel der Argu­men­ta­ti­on. Die Mon­ar­chie soll als die effi­zi­en­te­re und bes­se­re Staats­form prä­sen­tiert wer­den. Die Demo­kra­tie wur­de von Otta­nes für ihre Gerech­tig­keit und als Abwehr der Tyran­nis prä­sen­tiert, aber nicht als beson­ders leis­tungs­fä­hig. Mega­by­zos sieht zwar die bes­se­re Regie­rung beim Adel als beim unver­stän­di­gen Volk. Doch er wird durch die Über­nah­me und Wei­ter­ent­wick­lung sei­nes ein­zi­gen Argu­ments durch Dar­ei­os aus­ge­schal­tet. Die grö­ße­re Effi­zi­enz bleibt in der Debat­te ein Teil der Mon­ar­chie.

Die Mon­ar­chie kommt also nicht so schlecht weg wie von vie­len Autoren behaup­tet. Sehen wir uns die Argu­men­te aus dem Mund des Dar­ei­os noch ein­mal an. Der wür­di­ge Mon­arch hat die bes­ten Kennt­nis­se von der Staats­füh­rung, es gibt die bes­te Geheim­hal­tung gegen­über Fein­den und der inne­re Frie­den ist am größ­ten, da inne­re Macht­kämp­fe ver­mie­den wer­den. Auch ist die Sta­bi­li­tät grö­ßer, da Demo­kra­tie und Olig­ar­chie nur als insta­bi­le Über­gangs­pha­sen auf dem Weg zur Mon­ar­chie gel­ten. Die­se Argu­men­te sind zu gewich­tig, um sie nur als dem­ago­gi­sche Ver­dre­hung zu betrach­ten. Das Per­ser­reich war auch nach den Per­ser­krie­gen noch ein mäch­ti­ges und sta­bi­les Reich. Hero­dot scheint hier eine Erklä­rung dafür lie­fern zu wol­len und stellt die Mon­ar­chie als staats­po­li­tisch durch­aus ver­nünf­tig dar. Dass Dar­ei­os in Hero­dots Werk als macht­hung­rig dar­ge­stellt wird, soll­te nicht dar­über hin­weg­täu­schen, dass die Mon­ar­chie hier nicht nur nega­tiv betrach­tet wird.

Die ers­ten Köni­ge tre­ten bei Hero­dot als Gesetz­ge­ber auf, wel­che die Unge­rech­tig­kei­ten been­den.[16] Sie wer­den zwar als Macht­ver­ses­sen dar­ge­stellt, jedoch auch als klu­ge und geschick­te Herr­scher. Auch Dar­ei­os wird, nach sei­ner trick­rei­chen Macht­über­nah­me, durch­aus als klu­ger und fähi­ger Staats­mann dar­ge­stellt. Dar­ei­os erscheint nicht als blind­wü­ti­ger Tyrann, wie man nach der Rede des Otta­nes hät­te schlie­ßen kön­nen. Dar­ei­os größ­te Schwä­che, die Selbst­über­schät­zung, die Hybris, kommt in der Rede von Otta­nes nicht vor. Otta­nes kon­zen­triert sich nur auf die Angrif­fe des Herr­schers gegen das eige­ne Volk. Dar­ei­os wird in die­ser Hin­sicht im wei­te­ren Werk von Hero­dot aber nicht kri­ti­siert. Sei­ne Feh­ler macht er erst, als er die Sky­then angreift und spä­ter bei sei­nem Angriff auf die nich­tio­ni­schen Grie­chen. Die Rede des Otta­nes ist also kei­ne Beschrei­bung der kom­men­den Herr­schaft des Dar­ei­os.

Die Argu­men­te für und gegen die Demo­kra­tie sind am bes­ten aus­ge­ar­bei­tet. Die Mon­ar­chie hat zwar weni­ger posi­ti­ve Argu­men­te, aber auch weni­ger Kri­tik­punk­te erhal­ten. Die Argu­men­te für die Demo­kra­tie mögen bes­ser aus­ge­ar­bei­tet sein, dabei darf man aber auch eine grö­ße­re Kennt­nis von Hero­dot von die­ser Staats­form, und vor allem um die Debat­ten dar­um, vor­aus­set­zen. Die Staats­theo­rie in Grie­chen­land war, durch die öffent­li­chen Debat­ten inner­halb und zwi­schen den ein­zel­nen Polis, bes­ser aus­ge­ar­bei­tet als die mon­ar­chi­sche Staats­theo­rie. Aus grie­chi­scher Sicht, beson­ders in Athen, wo Hero­dot gro­ße Tei­le sei­nes Werks prä­sen­tiert, scheint es in einer sol­chen Debat­te nur einen Sie­ger geben zu kön­nen: die Demo­kra­tie. Es war aber offen­kun­dig, dass sich bei den Per­sern die Mon­ar­chie als Staats­form durch­ge­setzt hat­t­te. Unter der Mon­ar­chie sind die Per­ser zur Groß­macht auf­ge­stie­gen. Hero­dot muss­te die­se Erfol­ge erklär­bar machen, unab­hän­gig von sei­nen eige­nen Sym­pa­thi­en für die Demo­kra­tie, denn trotz allem scheint Hero­dot die Demo­kra­tie zu bevor­zu­gen. In sei­nem Werk lobt er sie mehr­mals, wie z. B. so: „Die Gleich­heit ist eben in jedem Betracht etwas Wert­vol­les und Schö­nes, denn als die Athe­ner Tyran­nen hat­ten, waren sie kei­nem ein­zi­gen ihrer Nach­barn im Krieg über­le­gen.”[17]

Die Demo­kra­tie mag Hero­dot näher gele­gen haben, dass aber auch die per­si­sche Mon­ar­chie erfolg­reich war, zeigt er trotz­dem deut­lich auf. Er ver­sucht in sei­ner Dar­stel­lung den Per­sern gerecht zu wer­den — was ihm aber nicht immer hun­dert­pro­zen­tig gelingt. Hero­dot wird man also mit einer simp­len Ant­wort nicht gerecht. Er lie­fert ein durch­aus dif­fe­ren­zier­tes Bild der Regie­rungs­for­men ab. Die Kor­rup­ti­on durch Macht, gleich in wel­cher Staats­form, ist sein zen­tra­les The­ma. Die Per­ser bau­ten unter der Mon­ar­chie ihre Groß­macht auf, die Grie­chen besieg­ten die Per­ser auf grie­chi­schem Gebiet, schei­ter­ten aber beim Über­griff außer­halb ihrer eige­nen Gebie­te, wie beim Angriff auf die Per­ser in Ägyp­ten. Bei­de Sei­ten sind trotz ihrer Unter­schied­lich­keit mäch­tig und bei­de sind vom sel­ben Feh­ler bedroht: der Hybris.

3. Schluss­be­trach­tung

Die Demo­kra­tie ist sicher die Staats­form, die in der Debat­te die bes­te Für­spra­che erhält, doch auch die Kri­tik an ihr ist am stärks­ten aus­ge­ar­bei­tet. Auch hier wird wie­der der stark grie­chi­sche Hin­ter­grund der Debat­te deut­lich. Trotz­dem lässt sich eine klar schlech­te­re Stel­lung der Mon­ar­chie für mich nicht erken­nen. Viel­mehr scheint für mich das Bemü­hen von Hero­dot deut­lich zu wer­den, bei­den Staats­for­men ihre Berech­ti­gung zuzu­spre­chen und ein abschlie­ßen­des Urteil zu ver­mei­den. Es fällt auch auf, dass den Argu­men­ten der Geg­ner sel­ten direkt wider­spro­chen wird. Es wer­den neue Argu­men­te her­an­ge­zo­gen, um die eige­ne Posi­ti­on zu unter­mau­ern. Die Pro- und Con­tra-Argu­men­te der Geg­ner blei­ben meist unwi­der­spro­chen und damit auch unwi­der­legt. Auch dadurch kann es kei­nen end­gül­ti­gen Sie­ger in der Debat­te geben. Die Regie­rungs­for­men wer­den mit Stär­ken und Schwä­chen prä­sen­tiert.

Es fällt auf, dass Argu­men­te für Staats­for­men einen deut­lich gerin­ge­ren Anteil haben als die Kri­tik an ihnen. Hier lässt sich eine Skep­sis von Hero­dot gegen­über allen vor­han­de­nen Staats­for­men erah­nen. Der Kern der Debat­te ist nicht die Fra­ge, ob Demo­kra­tie oder Mon­ar­chie über­le­gen sind. Der Kern ist, dass bei­de die Ten­denz haben, der Hybris zu ver­fal­len. Die Argu­men­te gegen alle drei Staats­for­men sind des­halb wesent­lich stär­ker aus­ge­prägt. Sie alle sind vom dro­hen­den Ver­fall der Ord­nung bedroht. Die Demo­kra­tie ist von der Aus­beu­tung durch die „Schlech­ten” bedroht, die Olig­ar­chie durch ihre inter­nen Macht­kämp­fe und die Mon­ar­chie droht zur Tyran­nis zu wer­den. Ich den­ke, dass  hier auch eine gewis­se Grund­ein­stel­lung von Hero­dot deut­lich wird. Jede Staats­form trägt in sich die Gefahr ihres Schei­terns. Nicht umsonst gibt es gegen Ende von Hero­dots Werk die War­nung an die sieg­rei­chen Grie­chen, nicht an der­sel­ben Hybris zu schei­tern, der auch schon die Per­ser erla­gen. Das Schei­tern der grie­chi­schen Expe­di­ti­on gegen die Per­ser in Ägyp­ten und der sich ent­wi­ckeln­de pelo­pon­ne­si­sche Krieg soll­ten Hero­dots War­nung Recht geben.

Fuß­no­ten:

[1] Blei­cken, S. 154.

[2] Bring­mann, S. 270.

[3] Hero­dot III, 80.

[4] Bring­mann, S. 269.

[5] Hero­dot III, 81.

[6] Die Fra­ge ist, ob Hero­dot die Ver­fas­sungs­de­bat­te erfun­den hat oder nur-eine bereits vor­han­de­ne grie­chi­sche Per­ser­ge­schich­te ver­ar­bei­tet.

[7] Bring­mann, S. 267.

[8] Hero­dot III, 80.

[9] Hero­dot III, 82.

[10] Hero­dot III, 82.

[11] Hero­dot III, 82.

[12] Thuky­di­des 2,65.

[13] Hero­dot I, 96.

[14] Hero­dot III, 82.

[15] Hero­dot III, 82.

[16] Hero­dot I, 96–100.

[17] Hero­dot V, 78.