WikiLeaks und die Medien

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Ver­gan­ge­nen Sonn­tag begann Wiki­Leaks mit der Ver­öf­fent­li­chung der „The Guan­ta­na­mo Files“. Der Spie­gel berich­te­te in sei­ner Online-Aus­ga­be aus­führ­lich dar­über. Ein Beweis für die Vita­li­tät der Whist­leb­lo­wing-Platt­form? Oder einer sei­ner letz­ten Coups? Ich sam­mel­te eini­ge Stim­men dazu.

Die ansehn­li­che Lis­te der Wiki­Leaks-Ver­öf­fent­li­chun­gen ist um einen erhel­len­den Ein­trag rei­cher. Als geheim dekla­rier­te Doku­men­te der Joint Task Force Guan­ta­na­mo doku­men­tie­ren vor allem die Will­kür der ver­ant­wort­li­chen US-Poli­ti­ker und -Mili­tärs im Umgang mit Fak­ten und Gefan­ge­nen. Es reich­te für vie­le Gefäng­nis­in­sas­sen schon aus, dass sie zur fal­schen Zeit am fal­schen Ort waren, um über Jah­re inhaf­tiert zu wer­den. Auch Kin­der sowie alte und psy­chisch kran­ke Men­schen befan­den sich dar­un­ter. In vie­len Fäl­len erfolg­te ledig­lich eine lücken­haf­te, ja bis­wei­len desas­trö­se Beweis­füh­rung. So wur­de z. B. ein 14-jäh­ri­ger afgha­ni­scher Jun­ge ein­ge­sperrt, nur weil er mut­maß­lich Wis­sen über loka­le Taliban­füh­rer besaß. Für Gui­do Strack, Vor­sit­zen­der beim Whist­leb­lo­wer-Netz­werk e.V., erin­nert die aktu­el­le Wiki­Leaks-Ver­öf­fent­li­chung dar­an, wel­cher Schand­fleck das in der Welt­öf­fent­lich­keit fast ver­ges­se­ne Guan­ta­na­mo für die USA und auch deren jet­zi­gen Prä­si­den­ten ist. „Dem gera­de frisch ins Ren­nen gegan­ge­nen Wahl­kämp­fer Oba­ma, der sich ja schon in Sachen Brad­ley Man­ning (Der US-Sol­dat wur­de 2010 ver­haf­tet, weil er inter­ne Berich­te und Video­ma­te­ri­al an Wiki­Leaks wei­ter­ge­ge­ben haben soll.) durch ein musi­ka­li­sches Ständ­chen an sei­ne nicht ein­ge­hal­te­nen Ver­spre­chun­gen in Sachen Whist­leb­lo­wer-Schutz erin­nern las­sen muss­te, kann dies nicht recht sein.“

Bericht von Al Jaze­e­ra über die Guan­ta­na­mo-Papie­re:


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Wiki­Leaks leis­te­te also ein­mal mehr einen wei­te­ren wich­ti­gen Bei­trag für Trans­pa­renz und Auf­klä­rung nach einem gra­vie­ren­den Fehl­ver­hal­ten von Poli­tik und Mili­tär. Doch das Medi­en­echo fiel im Ver­gleich zu frü­he­ren Ver­öf­fent­li­chun­gen weit­aus gerin­ger aus. Für den Medi­en­päd­ago­gen Tho­mas Pfeif­fer, Betrei­ber des Blogs Webevan­ge­lis­ten, ist das nicht ver­wun­der­lich. Die Geschich­te von Guan­ta­na­mo müs­se nach den Wiki­Leaks-Ent­hül­lun­gen nicht neu geschrie­ben wer­den: „Dass die Inter­nie­rung im Kari­bik­la­ger auf­grund von Mut­ma­ßun­gen und vagen Anga­ben statt­fand (100-Dol­lar-Schei­ne oder eine Casio-Uhr rei­chen für einen Ter­ro­ris­mus­ver­dacht), war schon vor­her bekannt. Inso­fern ist das eher eine Geschich­te in der Art wie ‚Hund beißt Mann‘ — kei­ne gro­ße Mel­dung wert.“ Seit eini­gen Mona­ten schon kämpft die Whist­leb­lo­wing-Platt­form mit Pro­ble­men. Und das in vie­ler­lei Hin­sicht. Da wäre z. B. das Gerichts­ver­fah­ren gegen Wiki­Leaks-Chef Juli­an Assan­ge, der wegen des Vor­wurfs der Ver­ge­wal­ti­gung und sexu­el­len Nöti­gung von Groß­bri­tan­ni­en an Schwe­den aus­ge­lie­fert wer­den soll. Laut Mar­kus Heid­mei­er, der für das Leaks-Blog bei Zeit Online schreibt, scheint die per­so­nel­le Fixie­rung auf den star­ken Motor Juli­an Assan­ge für die Eta­blie­rung von Wiki­Leaks zwar wich­tig gewe­sen zu sein, doch „jetzt könn­te sich die­se in eine sehr unprak­ti­sche Abhän­gig­keit ver­keh­ren.“ Heid­mei­er sieht außer­dem ernst­haf­te Infra­struk­tur-und Finanz­pro­ble­me beim Whist­leb­lo­wer. Ein Beleg für die­se Ver­mu­tung ist, dass die „Drop­box“ von Wiki­Leaks seit meh­re­ren Mona­ten nicht mehr genutzt wer­den kann, mit­tels der anonym Doku­men­te hoch­ge­la­den wer­den konn­ten. Der Open­Leaks-Mit­be­grün­der Dani­el Dom­scheit-Berg bestä­tig­te unter­des­sen, dass er und ande­re ehe­ma­li­ge Wiki­Leaks-Unter­stüt­zer Hard- und Soft­ware­kom­po­nen­ten wie die Funk­ti­on zum anony­men Doku­men­ten-Upload bei ihrem Weg­gang ent­fernt und mit­ge­nom­men hät­ten. Nach­schub an fri­schem Mate­ri­al gab es also schon län­ge­re Zeit nicht mehr.

Dar­über hin­aus scheint die bis­he­ri­ge Stra­te­gie von Wiki­Leaks, exklu­si­ve bzw. auto­ri­sier­te Medi­en­part­ner mit der Auf­be­rei­tung von Mate­ri­al für die Bericht­erstat­tung zu betrau­en, unter­lau­fen zu wer­den. So gelang es der bei Wiki­Leaks (wohl vor allem wegen nega­ti­ver Bericht­erstat­tung über Juli­an Assan­ge) in Ungna­de gefal­le­nen Zei­tung New York Times, in den Besitz der Doku­men­te zu gelan­gen und die­se dem bri­ti­schen Guar­di­an sowie dem US-Radio­netz­werk NPR zuzu­spie­len. Die New York Times und der Guar­di­an publi­zier­ten die Aus­wer­tung der Papie­re dar­auf­hin in ihren Mon­tags­aus­ga­ben, noch bevor Wiki­Leaks sei­nen Medi­en­part­nern die Frei­ga­be zur Ver­öf­fent­li­chung erteilt hat­te. Das führ­te u.a. dazu, dass der Spie­gel das The­ma aus zeit­li­chen Grün­den nicht mehr recht­zei­tig in sei­ner aktu­el­len Print-Aus­ga­be plat­zie­ren konn­te. Aber war­um auch soll­te eine ein­zel­ne Platt­form wie Wiki­Leaks dar­über bestim­men kön­nen, wann, wie und wo gele­ak­te Infor­ma­tio­nen der Öffent­lich­keit prä­sen­tiert wer­den? Gui­do Strack erwähnt mir gegen­über, es gebe Anzei­chen dafür, dass Wiki­Leaks schon lan­ge im Besitz der Guan­ta­na­mo-Files gewe­sen sei und kei­ne son­der­li­che Dyna­mik hin­sicht­lich der Ver­öf­fent­li­chung neu­er Leaks demons­triert habe. Da stellt sich die Fra­ge, ob es ein Zei­chen von Neu­tra­li­tät und Trans­pa­renz ist, dass das Mate­ri­al zunächst zurück­ge­hal­ten und dann nur an exklu­si­ve Part­ner wei­ter­ge­ge­ben wer­den soll­te? Wohl kaum. Für Wiki­Leaks scheint die­ses Ver­hal­ten jedoch eine Über­le­bens­stra­te­gie zu sein, um eine mög­lichst gro­ße öffent­li­che Auf­merk­sam­keit und damit auch ein Höchst­maß an Spen­den zur finan­zi­el­len Absi­che­rung zu gene­rie­ren.

Aus Sicht von Tho­mas Pfeif­fer hat Wiki­Leaks das grund­sätz­li­che Pro­blem, dass es „nur“ ein Stich­wort­ge­ber ist. Die eigent­li­che Arbeit über­neh­men Medi­en wie Spie­gel, Guar­di­an und New York Times: Sie sich­ten das Mate­ri­al, wer­ten es aus und berei­ten es medi­en­ge­recht auf. „Wiki­Leaks ist dadurch in der öffent­li­chen Wahr­neh­mung ledig­lich der Zulie­fe­rer, der Hand­lan­ger, der die Roh­stof­fe lie­fert“, so Peif­fer.

Wie wich­tig die media­le Auf­merk­sam­keit für Wiki­Leaks bei der Gene­rie­rung von Spen­den ist, belegt der in die­ser Woche ver­öf­fent­lich­te vor­läu­fi­ge Trans­pa­renz­be­richt 2010 der Wau-Hol­land Stif­tung. Dar­in wird das Spen­den­auf­kom­men für Wiki­Leaks doku­men­tiert. Immer dann, wenn es zu beson­ders spek­ta­ku­lä­ren Ver­öf­fent­li­chun­gen kam, stieg die Spen­den­be­reit­schaft wie erwar­tet erheb­lich an. Dabei han­delt es sich jedoch wohl nicht um einen lang­wäh­ren­den Auto­ma­tis­mus. Für Tho­mas Pfeif­fer liegt es in der Sys­te­ma­tik der Wiki­Leaks-Ent­hül­lun­gen, dass sie sich sel­ber abnütz­ten. Um media­le Auf­merk­sam­keit zu bekom­men, müs­se Wiki­Leaks sich jedes Mal über­bie­ten. „Jede neue Ent­hül­lung muss noch sen­sa­tio­nel­ler und scho­ckie­ren­der sein als die davor. Das wird auf Dau­er nicht durch­zu­hal­ten sein.“ Der­zeit scheint das Wiki­Leaks-Kon­zept jedoch noch auf­zu­ge­hen – auch dann, wenn Juli­an Assan­ge ope­ra­tiv nicht viel bei­tra­gen kann. Laut Dr. Chris­toph Bie­ber, Poli­tik­wis­sen­schaft­ler und stell­ver­tre­ten­der Vor­sit­zen­der von pol-di.net e.V, „spricht das zumin­dest für die Anwe­sen­heit von arbeits­fä­hi­gen Struk­tu­ren sowie funk­tio­nie­ren­den Ver­bin­dun­gen zu pro­fes­sio­nel­len Medi­en­part­nern, die die Guan­ta­na­mo-Dos­siers aus­wer­ten durf­ten.“ Und Gui­do Strack fügt hin­zu, dass die Kon­kur­renz, also ande­re Lea­king-Platt­for­men, bis­her eher noch in den Kin­der­schu­hen bzw. in ver­zö­ger­ten Ent­wick­lungs­pha­sen steck­ten, was zei­ge, dass das Metier durch­aus sei­ne Tücken habe. Er sieht den Ver­dienst von Wiki­Leaks vor allem dar­in, die The­men Trans­pa­renz, öffent­li­che Kon­trol­le und Whist­leb­lo­wing stär­ker auf die welt­wei­te Agen­da gesetzt zu haben. „Damit hat Wiki­Leaks sicher­lich auch einen Anstoß für die Umwäl­zun­gen im ara­bi­schen Raum gege­ben“, so Strack.

Trans­pa­ren­te und demo­kra­ti­sche Struk­tu­ren bei dem Whist­leb­lo­wer selbst las­sen aber auch wei­ter­hin zu wün­schen übrig: Zwar sei eine gewis­se Intrans­pa­renz hin­sicht­lich der Quel­len zwangs­läu­fig. Aller­dings gebe es Bedarf an mehr Trans­pa­renz hin­sicht­lich der Orga­ni­sa­ti­ons- und Finan­zie­rungs­for­men, erläu­tert Mar­kus Heid­mei­er mir gegen­über. Auf mei­ne Fra­ge, ob die Platt­form mög­li­cher­wei­se ein­sei­tig poli­tisch moti­viert wäre, bemerkt Heid­mei­er, dass jetzt eine star­ke Diver­si­fi­zie­rung durch Wiki­Leaks z. B. in den Berei­chen Finanz­welt, Ener­gie­un­ter­neh­men und Rüs­tungs­kon­zer­ne wich­tig wäre. Dazu bedarf es jedoch ent­spre­chen­der Ein­ga­ben durch Infor­man­ten, die zur­zeit nicht mög­lich sind.

Es bleibt abzu­war­ten, wie sich Wiki­Leaks zukünf­tig im auf­kei­men­den Wett­be­werb mit ande­ren Whist­leb­lo­wer-Platt­for­men wie Open­Leaks schla­gen wird. Eine Pro­gno­se ist der­zeit schwie­rig. Fest­zu­hal­ten bleibt bei aller Kri­tik jedoch der gro­ße Ver­dienst von Wiki­Leaks, in gro­ßem Stil dar­auf auf­merk­sam gemacht zu haben, dass die Trans­pa­renz staat­li­chen Han­delns eine Grund­vor­aus­set­zung für eine moder­ne Demo­kra­tie ist. Seit­dem gibt es ver­mehrt Dis­kus­sio­nen über das Whist­leb­lo­wing und es wer­den Maß­nah­men zum Schutz von Infor­man­ten erör­tert. An Wiki­Leaks gebe es genau­so wenig zu kri­ti­sie­ren wie am Spie­gel oder am Guar­di­an, so Tho­mas Pfeif­fer. Sie publi­zie­ren Doku­men­te von öffent­li­chem Inter­es­se. Wiki­Leaks sei nur der Hiob. „Ihn aus­zu­schal­ten ändert nichts an den schlim­men Nach­rich­ten, die er ja nur über­bringt. Die Eng­län­der sagen dazu: ‘Don’t kill the mes­sen­ger.’“

Die­ser Bei­trag wur­de von mir auf politik-digital.de am 28.4.2011 unter einer Crea­ti­ve Com­mons — Lizenz erst­ver­öf­fent­licht.