Trauminsel der Pressefreiheit

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Beim Schutz von Pres­se- und Mei­nungs­frei­heit ist Island schon lan­ge welt­weit füh­rend. Die „Ice­lan­dic Modern Media Initia­ti­ve“ (IMMI) will den Insel­staat nun auch zu einem Para­dies für inves­ti­ga­ti­ven Jour­na­lis­mus und Whist­leb­lo­wing machen. Im Som­mer des ver­gan­ge­nen Jah­res beschloss das islän­di­sche Par­la­ment ein­stim­mig ein vom IMMI ange­sto­ße­nes Geset­zes­pro­jekt, das die recht­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen für inves­ti­ga­ti­ven (Online-)Journalismus und neue Medi­en ver­bes­sern soll.

Die trei­ben­den Kräf­te hin­ter der Initia­ti­ve sind die islän­di­sche Abge­ord­ne­te Bir­git­ta Jóns­dót­tir und der IMMI-For­schungs­lei­ter Smá­ri McCar­thy. Auch die mitt­ler­wei­le getrenn­te Wege gehen­den Inter­net­ak­ti­vis­ten Juli­an Assan­ge (Wiki­Leaks-Chef) und Dani­el Dom­scheit-Berg (Open­Leaks-Mit­be­grün­der) rühr­ten einst gemein­sam mit Wiki­Leaks die Wer­be­trom­mel für IMMI und waren an der Vor­be­rei­tung der Initia­ti­ve maß­geb­lich betei­ligt. Begüns­tigt wur­de die Initia­ti­ve auch durch die welt­wei­te Finanz­kri­se: Die­se traf Island beson­ders hart. Mit Kaupt­hing, Lands­ban­ki und Glit­nir gerie­ten die drei größ­ten islän­di­schen Ban­ken beträcht­lich ins Wan­ken und wur­den zur Ver­mei­dung eines völ­li­gen Zusam­men­bruchs Ende 2008 ver­staat­licht.

Zurück blieb ein Schul­den­berg, der in etwa dem Zehn­fa­chen der dama­li­gen Wirt­schafts­leis­tung Islands ent­sprach. Dank Wiki­Leaks wur­den inter­ne Berich­te der Kaupt­hing-Bank zu Tage geför­dert, wonach im gro­ßen Stil Kre­di­te ohne aus­rei­chen­de Sicher­hei­ten ver­ge­ben und ille­ga­le Insi­der­ge­schäf­te getä­tigt wur­den. Die erfolg­rei­che einst­wei­li­ge Ver­fü­gung der Kaupt­hing-Bank gegen die Bericht­erstat­tung war Stein des Ansto­ßes, um der­lei Zen­sur künf­tig zu unter­bin­den.

Am 15. April 2011 wur­de nun, fast ein Jahr spä­ter, das ers­te Gesetz der Medi­en­re­form vom islän­di­schen Par­la­ment ver­ab­schie­det — wei­te­re wer­den fol­gen. Unter ande­rem sieht es vor, einen star­ken Quel­len­schutz im Rah­men des inves­ti­ga­ti­ven Jour­na­lis­mus zu gewähr­leis­ten. Die im Gesetz fest­ge­schrie­be­nen Rege­lun­gen zum Quel­len­schutz ori­en­tie­ren sich an Emp­feh­lun­gen des Euro­pa­rats [RECOMMENDATION No. R (2000) 7]. Im neu­en Gesetz ist eben­falls die euro­päi­sche Richt­li­nie über audio­vi­su­el­le Medi­en­diens­te imple­men­tiert. Auf der Reform-Agen­da, die bis 2012 umge­setzt wer­den soll, ste­hen fol­gen­de Inhal­te:

  • Islän­di­scher Preis für freie Mei­nungs­äu­ße­rung
  • Schutz vor soge­nann­tem „libel tou­rism“ (d.h. Gerichts-Tou­ris­mus,
    also die Wahl des erfolg­ver­spre­chends­ten Gerichts­stands für
    Ver­leum­dungs­kla­gen) und ande­rem außer­ge­richt­li­chen Miss­brauch
  • Schutz von Mit­tels­per­so­nen („inter­me­dia­ries“, d.h. für Inter­net­dienst­an­bie­ter)
  • Vir­tu­el­le Akti­en­ge­sell­schaf­ten und Gesell­schaf­ten mit beschränk­ter Haf­tung
  • Whist­leb­lo­wer-Schutz
  • Quel­len­schutz und Schutz der Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen Quel­len-Jour­na­lis­ten
  • Ein­schrän­kung von lega­len Mecha­nis­men, die
    evtl. Ver­öf­fent­li­chun­gen ver­hin­dern könn­ten
  • Pro­ze­du­ra­le Schutz­maß­nah­men nach kali­for­ni­schem Anti-SLAPP-Modell
    (Anti -„stra­te­gic lawsu­it against public par­ti­ci­pa­ti­on“, also gegen einst­wei­li­ge
    Ver­fü­gun­gen, die die Mei­nungs­frei­heit unter­gra­ben könn­ten)
  • Ultra­mo­der­nes Infor­ma­ti­ons­frei­heits­ge­setz (“Free­dom of Infor­ma­ti­on Act”)

(Quel­le: IMMI / Über­set­zung: netzpolitik.org)

Damit könn­te der Insel­staat Island zu einem noch siche­re­ren Hafen für die Pres­se­frei­heit wer­den. Zeit Online emp­fiehlt Islands „Daten­frei­ha­fen“ gar als Modell für Euro­pa. Auf der Rang­lis­te für Pres­se­frei­heit 2010 von Repor­ter ohne Gren­zen wird Island bereits auf Platz 1 gelis­tet – und damit 16 Plät­ze vor Deutsch­land.

Mit der Umset­zung der IMMI-Geset­ze wird der Insel­staat die­se Posi­ti­on nicht nur fes­ti­gen kön­nen, son­dern welt­weit auch einen kla­ren Stand­ort­vor­teil und eine Vor­bild­funk­ti­on bei der Wah­rung von Medi­en- und Pres­se­frei­heit über die islän­di­schen Gren­zen hin­aus besit­zen. Die Jour­na­lis­tin Chris­tia­ne Schulz­ki-Had­dou­ti ver­weist in ihrem Blog auf eine Anhö­rung zu IMMI im Euro­päi­schen Par­la­ment vom 20. April 2011, von der ein Video exis­tiert, das sie über­sicht­lich in meh­re­re kurz kom­men­tier­te Tei­le split­te­te. Dabei kam auch Gui­do Strack vom Whist­leb­lo­wer e.V. zu Wort. Der gemein­nüt­zi­ge Ver­ein infor­miert nicht nur über Whist­leb­lo­wer, son­dern berät und unter­stützt die­se auch. Der Whist­leb­lo­wer e.V. gab im März 2010 auf Anfra­ge des islän­di­schen Par­la­ments eine aus­führ­li­che Stel­lung­nah­me zu IMMI ab. Eine deut­sche Über­set­zung gibt es hier. Mir gegen­über betont Strack die Bedeu­tung von IMMI, ins­be­son­de­re, wenn man die Initia­ti­ve auf ganz Euro­pa aus­deh­nen woll­te.

Bericht von Al Jaze­e­ra über IMMI:


Hier klicken, um das Video auf YouTube anzusehen...


Demo­kra­tie und Rechts­staat brauch­ten ein Sys­tem des Gleich­ge­wichts der Mäch­te. Die klas­si­schen Insti­tu­tio­nen wür­den hier immer mehr ver­sa­gen, da sie von den glei­chen Par­tei­en und öko­no­mi­schen Inter­es­sen­ver­tre­tern beherrscht wür­den. Daher sei­en alter­na­ti­ve, staats­fer­ne­re Kon­troll­me­cha­nis­men wie Whist­leb­lo­wing, Inter­net und unab­hän­gi­ge Medi­en umso wich­ti­ger. „Hier gilt es, die nöti­gen Frei­räu­me vor staat­li­cher und wirt­schafts­mäch­ti­ger Ein­fluss­nah­me, ins­be­son­de­re Zen­sur, zu schüt­zen. Ich den­ke, dass IMMI hier­für eine wich­ti­ge Rol­le spie­len kann, ins­be­son­de­re weil es die­sen Ansatz auch recht umfas­send angeht“, so Strack.

Inter­es­sant ist, dass sich IMMI beim The­ma Whist­leb­lo­wer­schutz am „Federal Fal­se Claims Act“ (31 U.S.C. §§3729–3733) aus den USA ori­en­tiert. Die­ser sichert Whist­leb­lo­wern, die Fäl­le von Betrug sei­tens der Regie­rung auf­de­cken, u.a. eine Arbeits­platz­ga­ran­tie sowie die Betei­li­gung an kon­fis­zier­ten Gel­dern zu. Wer sich die über­wie­gend aggres­si­ven Reak­tio­nen der US-Poli­tik auf die Wiki­Leaks-Ent­hül­lun­gen zu Irak und Afgha­ni­stan sowie die offen­sicht­lich unwür­di­ge Behand­lung des Wiki­Leaks-Infor­man­ten Brad­ley Man­ning in Erin­ne­rung ruft, mag das kaum glau­ben.

Das jetzt beschlos­se­ne islän­di­sche Medi­en-Gesetz ist aber nicht unum­strit­ten. Die islän­di­sche Inter­net­zei­tung Ice­News berich­te­te, dass das neue Gesetz dar­auf abzie­le, Kin­der vor obszö­nen Inhal­ten zu schüt­zen und die Mei­nungs­frei­heit zu gewähr­leis­ten. Zur Wah­rung die­ser Zie­le wur­de jedoch eigens ein neu­es Medi­en-Komi­tee ein­be­ru­fen, um zukünf­tig zwi­schen Medi­en, Öffent­lich­keit und Regie­rung zu ver­mit­teln. Zwar habe der Gesetz­ent­wurf ehren­wer­te Absich­ten, jedoch sei es ein Wider­spruch in sich, dass Island einer­seits ganz oben auf der welt­wei­ten Rang­lis­te der Pres­se­frei­heit ste­he, ande­rer­seits aber nun einen von der Regie­rung kon­trol­lier­ten Aus­schuss zum Schutz und zur Durch­set­zung der Pres­se­frei­heit errich­ten wol­le. Ungarn mit sei­nem kon­tro­vers dis­ku­tier­ten neu­en Medi­en­ge­setz und die Ent­wick­lung der Pres­se­frei­heit in ande­ren EU-Län­dern wie Ita­li­en las­sen grü­ßen. Ein wei­te­res Pro­blem: Auch die tech­ni­schen Vor­aus­set­zun­gen und gesetz­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen müs­sen gege­ben sein, um die IMMI-Zie­le zu ver­wirk­li­chen. So ver­trägt sich bei­spiels­wei­se ein effek­ti­ver Infor­man­ten- und Quel­len­schutz kaum mit der Vor­rats­da­ten­spei­che­rung – und eben jene gibt es auch in Island.

Außer­dem sieht sich die Initia­ti­ve vor die Her­aus­for­de­rung gestellt, die jewei­li­gen Medi­en-Geset­ze an diver­se EU-Richt­li­ni­en anzu­pas­sen, die bei einem Bei­tritt Islands zur EU ein­ge­hal­ten wer­den müs­sen. Den­noch ist der Insel­staat mit sei­nem IMMI-Pro­jekt ein welt­wei­ter Vor­rei­ter bei der nach­hal­ti­gen Stär­kung von Pres­se-, Medi­en- und Mei­nungs­frei­heit, ins­be­son­de­re im digi­ta­len Bereich. All jene, die staat­li­che Zen­sur und Über­wa­chung oder Repres­sio­nen zu fürch­ten haben, wer­den sicher­lich ihr neu­es Domi­zil im Daten­frei­ha­fen Island auf­zu­schla­gen ver­su­chen. So wie mög­li­cher­wei­se Wiki­Leaks. Noch gran­dio­ser wäre es jedoch, wenn die islän­di­sche Frei­heits­wel­le auch auf ande­re Staa­ten über­schwappt – in einer ver­netz­ten Welt wie der heu­ti­gen sicher­lich kei­ne uto­pi­sche Hoff­nung.

Die­ser Bei­trag wur­de von mir auf politik-digital.de am 10.5.2011 unter einer Crea­ti­ve Com­mons — Lizenz erst­ver­öf­fent­licht.

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